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Otto Weininger (1880-1903), österreichischer Philosoph. Mit seinem Hauptwerk, der sexualanthropologischen Studie Geschlecht und Charakter (1903), übte er großen Einfluss auf die österreichische Geistesgeschichte aus.
Weininger wurde am 3. April 1880 als Sohn wohlhabender jüdischer Eltern in Wien geboren. Er betrieb schon als Jugendlicher philologische Studien, lernte mehrere Fremdsprachen und galt vielen Zeitgenossen bald als Universalgenie. Ab 1898 studierte er in Wien Philosophie, hörte aber auch Vorlesungen in naturwissenschaftlichen Fächern. 1902 reichte er seine philosophisch-psychologische Geschlechterstudie Geschlecht und Charakter als Dissertation ein; parallel zu seiner Promotion konvertierte er zum Protestantismus.
Im Herbst 1902 unternahm Weininger eine längere Nordeuropareise, von der er mit tiefen Depressionen zurückkehrte. In dieser schwermütigen Geistesverfassung überarbeitete er seine Dissertation und fügte einige Kapitel hinzu. Im Mai 1903 erschien die abschließende Fassung als Buch, das sofort großes Aufsehen erregte. Nur wenige Monate später, am 4. Oktober 1903, erschoss sich Weininger 23-jährig im Sterbehaus Ludwig van Beethovens, seines künstlerischen Vorbilds.
In Geschlecht und Charakter, einem zentralen theoretischen Werk der Wiener Moderne, stellt Weininger die Grundthese von der Bisexualität des Menschen auf (die er wahrscheinlich von Sigmund Freud übernommen hatte, der ihn auch des Plagiats bezichtigte). Nach Weininger trägt jeder Mensch das männliche und das weibliche Prinzip in sich; niemand ist nur Mann oder nur Frau, lediglich der Grad der Dominanz eines Geschlechts schwankt. Das weibliche Prinzip wird dabei als kulturell minderwertig angesehen; in einem Analogieschluss stellt Weininger auch die Theorie auf, dass das Christentum dem Judentum auf dieselbe Weise überlegen sei wie das männliche dem weiblichen Prinzip.
Diese frauenfeindlichen und antisemitischen Thesen provozierten heftige Auseinandersetzungen und sicherten dem Werk so einen jahrzehntelang anhaltenden Erfolg. Weiningers Geschlechtertheorie beeinflusste zahlreiche österreichische Schriftsteller (u. a. Karl Kraus, Heimito von Doderer, Hermann Broch, Robert Musil und Elias Canetti) und regte auch die Philosophie Ludwig Wittgensteins an. In den zwanziger Jahren diente das Werk der faschistischen Ideologie zur Selbstlegitimierung; auch Adolf Hitler nahm in Mein Kampf (1925/1927) auf Geschlecht und Charakter Bezug.