Nordirland-Konflikt
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Nordirland-Konflikt
3. Entwicklung nach der Unabhängigkeit des Freistaates und der späteren Republik

Seit 1955 kam es zu Terrorübergriffen der verbotenen Irisch-Republikanischen Armee (IRA) mit dem Ziel, eine Vereinigung der Republik mit Nordirland zu erzwingen. Die Anschläge wurden auch in den sechziger Jahren fortgesetzt. Die Regierung der Republik Irland verurteilte den Terrorismus, doch auch extremistische protestantische Kräfte, die sich gegen die Integration der benachteiligten katholischen Minderheit wandten, verschärften die Konfliktsituation.

Zur blutigen Eskalation des Konflikts kam es, als angekündigte Reformen ausblieben. Nach dem Regierungsantritt Terence O’Neills 1963 war in die nordirische Politik zunächst Bewegung gekommen. O’Neills Annäherung an die Republik Irland auf wirtschaftlichem Gebiet und zaghafte Reformversuche im Inneren erzeugten auf katholischer Seite eine Erwartungshaltung, die jedoch enttäuscht wurde.

1964/65 kam es zu Demonstrationen, die ein gerechtes Wahlsystem und mehr soziale Gerechtigkeit einforderten. Beim Bürgerrechtsmarsch vom 5. Oktober 1968 in Londonderry kam es nach Übergriffen der Polizei zu Unruhen mit Straßenschlachten zwischen Protestanten und Katholiken mit schwerwiegenden Folgen. Beide Seiten radikalisierten sich, und insbesondere die Ulster Protestant Volunteers unter Pfarrer Ian Paisley trugen entschieden zur Eskalation bei, indem sie häufig in das katholische Viertel in Londonderry, die Bogside, eindrangen und Bewohner überfielen. Bei allen wichtigen Veranstaltungen, Feiertagen und Umzügen beider Seiten kam es in der Folgezeit zu blutigen Zusammenstößen.

Die IRA war zu diesem Zeitpunkt noch relativ zurückhaltend. Erst als sich die Übergriffe auf katholische Wohngebiete häuften – angeblich suchte man nach versteckten Waffen – und der Terror gegen die Bevölkerung heftiger wurde, trat auch sie erneut mit Sabotageakten und Bombenanschlägen in Erscheinung. Im Sommer 1969 verschärften sich die Auseinandersetzungen, und die britische Armee intervenierte vorerst mit etwa 5 000 Soldaten, die anfänglich auch von der katholischen Bevölkerung als Ordnungsmacht begrüßt wurden.

Durch die Gewaltbereitschaft der IRA, die infolge interner Streitigkeiten über ihr Selbstverständnis (Schutztruppe für die katholischen Viertel oder Terrororganisation) gespalten war, bekam der Konflikt im Sommer 1971 eine neue Qualität. Das Schwergewicht verlagerte sich nun auf die Auseinandersetzung zwischen der Armee und den verschiedenen Untergrundorganisationen: Die IRA führte einen Guerillakrieg gegen die britische Armee, die mit willkürlichen Übergriffen auf die katholische Bevölkerung reagierte. Bei Schießereien wurden auch Zivilisten getötet. Darüber hinaus kam es zu groß angelegten Internierungsaktionen und mehreren Verhaftungswellen (Internments), die den Hass unter den Katholiken schürten. Bei Ausschreitungen in Belfast starben über 20 Menschen.

Nach dem so genannten Bloody Sunday vom 30. Januar 1972 in Londonderry, als ein Anti-Internment-Protestzug von der britischen Armee mit Gewalt beendet wurde – 13 Menschen fanden dabei den Tod –, verschärfte sich der Konflikt derart, dass London selbst die Initiative ergriff und die Regierung in Belfast am 30. März 1972 absetzte. Einem Nordirlandminister wurde die Regierungsgewalt übertragen und mehr Soldaten wurden nach Ulster geschickt. Den „Blutsonntag von Derry” beantwortete die IRA mit einem Rachefeldzug gegen britische Soldaten; der Terror nahm zu.

Seit Sommer 1976 wurden von den überkonfessionellen Peace People immer wieder Massendemonstrationen organisiert, die sich gegen den Terror und die Unfähigkeit der Politiker richteten, die Situation zu entschärfen. Ihre beiden Sprecherinnen, Betty Williams und Mairéad Corrigan-Maguire, erhielten 1977 für ihr Engagement den Friedensnobelpreis.

Doch die Lage blieb weiterhin explosiv: 1979 ermordete die IRA Lord Mountbatten; am selben Tag lockte sie eine Abteilung britischer Soldaten in einen Hinterhalt und tötete 18 Soldaten. In englischen Internierungslagern einsitzende IRA-Kämpfer wurden zu Märtyrern stilisiert, so z. B. Bobby Sands, der 1981 während seiner Inhaftierung von der katholischen Bevölkerung ins Unterhaus gewählt wurde, aber an den Folgen seines Hungerstreiks für die Anerkennung als politischer Gefangener im Juni 1981 verstarb. Weitere Hungerstreiktote in den Gefängnissen radikalisierten die Katholiken noch mehr: Am 20. Juli 1982 forderten zwei IRA-Bombenanschläge in London acht Todesopfer und 50 Verletzte. Administrative Maßnahmen und politische wie soziale Reformen (z. B. des Wahlrechts) konnten die Situation nicht beruhigen. Wahlen für das nordirische Parlament im Oktober 1982 brachten eine Mehrheit (46 Sitze) für die Protestanten und Unionisten, 14 Mandate für die Social Democratic Labour Party und fünf für die Sinn Féin, die politische Organisation der IRA. Damit majorisierten weiterhin die Protestanten die Katholiken.

Doch der Terror nahm zu: Im nordirischen Bellykelly verübte die Irische Nationale Befreiungsarmee (INLA) im Dezember 1982 einen Terroranschlag, bei dem 16 Menschen, unter ihnen ein britischer Soldat, getötet wurden.

Im November 1983 wählte die Sinn Féin Gerry Adams, der sich als geschickter Unterhändler bereits einen Namen gemacht hatte und für die Sinn Féin als Abgeordneter im britischen Unterhaus saß, zu ihrem neuen Vorsitzenden. Er sollte in den nächsten Jahren zu einem der wichtigsten Hoffnungsträger für einen Friedensprozess werden.

Ein vorläufiger Höhepunkt war am 13. Oktober 1984 der Bombenanschlag auf das Grand Hotel in Brighton, in dem die britische Premierministerin Margaret Thatcher während des Parteitages der konservativen Partei wohnte. Vier Menschen starben, die Premierministerin blieb unverletzt. Die Terrorserie riss auch 1985 nicht ab.

Die Gesellschaft Nordirlands blieb gespalten. Im weiteren Verlauf des Konflikts schaltete sich die Regierung in Dublin infolge des Drucks aus der Bevölkerung in den Konflikt ein und kritisierte zunehmend das britische Vorgehen. Dublin stationierte irische Truppen an der Grenze zu Nordirland und richtete Flüchtlingslager ein.

Im Abkommen von Hillsborough zwischen Großbritannien und der Republik Irland vom November 1985 erklärte sich Irland bereit, die Zugehörigkeit Nordirlands zu Großbritannien so lange anzuerkennen, wie es die Mehrheit der Nordiren wünsche. Dublin erhielt im Gegenzug Mitwirkungsrechte bei der Vertretung der Interessen der Katholiken in Ulster. Doch weder die protestantische Seite noch die IRA akzeptierten dieses Abkommen: Die IRA forderte den Abzug der britischen Truppen, und die Protestanten befürchteten einen Ausverkauf ihrer Rechte.

Im November 1987 kam es wieder zu einem spektakulären Bombenattentat der IRA in Nordirland, als bei einer Gedenkfeier für die Opfer der beiden Weltkriege und des Bürgerkrieges elf Menschen starben. In den nächsten Jahren setzte die IRA ihre Terroranschläge fort.

Im November 1989 gestand die britische Regierung ein, dass der Kampf militärisch nicht zu gewinnen sei und schlug deshalb Verhandlungen mit der IRA vor.

Der Versuch, zwischen Protestanten und moderaten katholischen Gruppierungen zu vermitteln, scheiterte im Sommer 1991 an der Unvereinbarkeit der Positionen. Die Gespräche hatten mit Beteiligung von Vertretern aus London und Dublin, aber unter Ausschluss von IRA und Sinn Féin stattgefunden.

1992/93 verübten die IRA-Terroristen wiederum verschiedene Anschläge in Nordirland und auch in London, z. B. auf das U-Bahn-Netz. In Nordirland kam es nach einem Attentat in Warrington am 20. März 1993, bei dem zwei Kinder starben, zu größeren Demonstrationen gegen den Terror. Im April verwüstete ein weiterer Anschlag einige Häuser in der Londoner City. Inzwischen wieder aufgenommene Verhandlungen wurden abgebrochen.

Gerry Adams und John Hume, der Vorsitzende der gemäßigten nationalistisch-katholischen Social Democratic and Labour Party (SDLP), einigten sich im September 1993 auf eine gemeinsame Friedensstrategie. Am 18. November nahmen in 16 Städten Nordirlands über 50 000 Menschen an Friedenskundgebungen teil und forderten ein Ende der Gewalt in Ulster.

Inzwischen hatte es seit Monaten über inoffizielle Mittelsmänner geheime Kontakte zwischen der britischen Regierung und der IRA gegeben. Der britische Premierminister John Major, seit 1990 im Amt, und der irische Ministerpräsident Albert Reynolds vereinbarten am 15. Dezember 1993 in London ein gemeinsames Vorgehen im Friedensprozess für Nordirland. Diese so genannte Nordirland-Erklärung akzeptierte die Beteiligung der IRA an Friedensgesprächen und stellte eine Volksabstimmung über die Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland in Aussicht. Die protestantischen Parteien lehnten die Vereinbarungen ab. Die Sinn Féin kritisierte das in der Erklärung vorgesehene Vetorecht für die protestantischen Parteien bei der Änderung der nordirischen Verfassung und forderte darüber hinaus eine Garantieerklärung für den Abzug der in Nordirland stationierten britischen Soldaten. Doch gab es in Nordirland weiterhin zahlreiche politische Morde und Bombenattentate, für die die protestantischen Untergrundorganisationen bzw. auf katholischer Seite die IRA verantwortlich waren.