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| 1. | Einleitung |
Phonologie, Gebiet der Sprachwissenschaft, das sich mit dem Lautsystem einer Einzelsprache befasst.
| 2. | Aufgabe der Phonologie: Phonemanalyse |
Während sich die Phonetik mit sämtlichen möglichen Sprachlauten beschäftigt, ist es die primäre Aufgabe der Phonologie, das Lautsystem oder auch Phonemsystem einer bestimmten Sprache zu entschlüsseln, d. h., es wird überprüft, über welche Laute (Vokale, Konsonanten, Diphthonge etc.) diese eine Sprache verfügt und ob die einzelnen Laute bedeutungsunterscheidend sind, also ob es sich um Phoneme handelt.
Phonologische Analysen beruhen auf dem Prinzip, dass bestimmte Laute eine Bedeutungsveränderung hervorrufen (Phoneme) und andere nicht. Grundlegendes Verfahren zur Bestimmung des Phonemsystems einer Sprache ist die so genannte Minimalpaaranalyse. Führt das Austauschen eines einzigen Lautes innerhalb eines Wortes zu einer Bedeutungsveränderung, so handelt es sich bei den beiden ausgetauschten Lauten um Phoneme. So empfindet ein deutscher Sprecher beispielsweise bei dem Wort Hand vier Laute, die sich jeweils durch ein phonetisches Symbol darstellen lassen [′hant]. Ersetzen wir [a] durch [u], entsteht ein neues Wort: Hund [′hunt]. Also sind [a] und [u] im Deutschen bedeutungsunterscheidende oder auch distinktive Laute. Distinktive Laute werden als Phoneme bezeichnet.
Weitere Minimalpaare im Bereich der Konsonanten sind: Bein vs. Wein (/b/ und /w/ sind Phoneme), Schein vs. rein (/sch/ und /r/ sind Phoneme), Gut vs. Hut (/g/ und /h/ sind Phoneme). Minimalpaare im Bereich der Vokale sind: Motte vs. Matte (/o/ und /a/ sind Phoneme), leiten vs. lauten (/ei/ vs. /au/ sind Phoneme), Ruhm vs. Rahm (/u/ und /a/ sind Phoneme).
Durch kontinuierliche Prüfung von Minimalpaaren kann man dann das gesamte Phonemsystem einer Sprache erarbeiten. Nach C. F. Hocketts A Course of Modern Linguistics (1958) differiert die Anzahl der Phoneme bei den uns bekannten Sprachen zwischen 13 und 75. Die Bestimmung der Phoneme beruht auf artikulatorischen und akustischen Kriterien. Man bestimmt einerseits den Artikulationsort (Zusammenwirken der beweglichen und unbeweglichen Artikulationsorgane: z. B. Unterlippe und Gaumen), andererseits die Artikulationsart (Art und Weise, wie der Luftstrom am Passieren gehindert oder modifiziert wird). Die Phoneme werden dann auf einer so genannten Merkmalmatrix festgehalten.
| 3. | Allophone |
Bei der Ermittlung des Phoneminventars einer Sprache findet man meist auch Laute, die keine Bedeutungsveränderung bewirken. Man spricht hier auch vom Aufdecken der Phonemvarianten einer Sprache. Diese werden auch als Allophone bezeichnet. Im Deutschen findet z. B. keine Bedeutungsveränderung statt, wenn das Zungen-R /r/ oder Zäpfchen-R /R/ verwendet wird. In einigen anderen Sprachen sind /r/ und /R/ Phoneme, im Deutschen jedoch handelt es sich um Allophone oder fakultative Varianten. Man unterscheidet zwischen freien oder auch fakultativen Varianten (wie bei [r] und [R]) und kombinatorischen Varianten. Insgesamt sind die meisten Allophone kombinatorische Varianten, d. h., sie sind komplementär verteilt.
Im Deutschen wird z. B. der ch-Laut /x/ je nach lautlicher Umgebung anders realisiert: So hat das ch in Bach [′bax] andere lautliche Eigenschaften als das ch in Teich [′taiç]. In Bach wird ch velar realisiert, in Teich verursacht der Diphthong [ai] eine palatale Aussprache. Würden in diesem Fall die beiden ch anders realisiert, so wäre das zwar für den Hörer auffällig, es käme jedoch nicht zu einer Bedeutungsveränderung.
Das Erstellen des Lautinventars von neu beschriebenen Sprachen, die in der Regel noch nicht über eine Form der Verschriftung verfügen, wird dadurch erschwert, dass Laute je nach ihrer lautlichen Umgebung anders realisiert werden. So klingt z. B. sch in Wunsch – phonetisch gesehen – ganz anders an als in Kirsche. Beim schnellen Sprechen werden Laute ausgelassen (Elision), Laute eingefügt (Liaison), und Laute werden einander angeglichen (Assimilation).
| 4. | Phonotaktik |
Ferner wird innerhalb der Phonologie auch analysiert und festgehalten, welche Laute in welcher Umgebung vorkommen können und welche nicht. Man sucht also nach möglichen Phonemverbindungen. Diese Disziplin innerhalb der Phonologie bezeichnet man als Phonotaktik. Während es in manchen Sprachen möglich ist, mehrere Konsonanten hintereinanderzusetzen (Konsonantencluster), erlauben andere Sprachen nur offene Silben, also die Verbindung von Konsonant und Vokal. Manche Phonemverbindungen sind nur in bestimmten Positionen innerhalb des Wortes möglich, so kann die Phonemverbindung /pft/ im Deutschen lediglich im Wortauslaut vorkommen (schimpft, schlüpft), niemals im Anlaut.
| 5. | Die drei phonologischen Schulen |
Bei der Betrachtung der zahlreichen phonologischen Schulen lassen sich diese grob in drei größere Strömungen gruppieren. Als erste ist die Prager Schule mit ihren wichtigsten Vertretern, den russischen Linguisten Roman Jakobson und Nikolaj Trubetzkoy, zu nennen. Bezeichnet wird diese Richtung als „Funktionale Phonologie”. Im Zentrum steht hier die phonologische distinktive Opposition. Die zweite größere Schule geht vor allem auf die amerikanischen Strukturalisten Zellig S. Harris (1909-1992), Leonard Bloomfield und Charles F. Hockett zurück. Sie beschäftigt sich insbesondere mit dem Auftreten von Lauten in bestimmten Umgebungen, also der distributionellen Analyse. Die dritte Richtung ist die „Generative Phonologie”. Hier wird das Lautsystem in seinem Verhältnis zu lexikalischen, syntaktischen und semantischen Informationen erfasst, und es werden allgemeine phonologische Regeln erarbeitet.