| Suchansicht | Semiotik | Artikelansicht |
Semiotik (griechisch sema: Zeichen), die Wissenschaft von den Zeichen. Gegenstand der Semiotik sind Strukturen und Abläufe von Zeichen- und Verstehensprozessen (Semiosen). Dabei wird der Begriff des Zeichens auch auf außersprachliche Bereiche der Kommunikation ausgedehnt.
Eine der Grundlagen der Semiotik ist die von Ferdinand de Saussure im Rahmen seiner Linguistik entworfene Idee einer Semeologie bzw. Semiologie, worunter er eine Wissenschaft verstand, „welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht”. Ausgangspunkt hierbei war de Saussures zweigliedriges, ausschließlich an der menschlichen Sprache ausgerichtetes Zeichenmodell, das einem bezeichnenden Laut- oder Schriftbild (Signifikant) einen „Vorstellungsinhalt”, das Bezeichnete (Signifikat), zuordnete. Die Verbindung beider ist willkürlich (arbiträr), aber durch gesellschaftliche Konventionen für jeden Sprachträger verbindlich. Individuelle Interpretationen von Signifikanten werden somit ausgeschlossen. De Saussures Auffassung prägte vor allem den französischen Strukturalismus. So untersuchte Roland Barthes anhand des linguistischen Modells die „Sprache” der Mode und den „Diskurs” der Großstadt, Claude Lévi-Strauss beleuchtete die Struktur von Mythen, und Jacques Lacan nutzte de Saussures Gedanken für seine psychoanalytischen Studien.
Wichtiger für die Entwicklung einer eigenständigen Semiotik war die weniger eng gefasste triadische Zeichendefinition von Charles Sanders Peirce. Peirce definierte ein Zeichen als „etwas, das für jemanden in gewisser Hinsicht für etwas steht”. Das Zeichen (oder Repräsentamen) provoziert etwas außer ihm stehendes – den Interpretanten – dazu, es in einer bestimmten Weise aus-, und auf das, wofür es steht (das Objekt) hinzudeuten. Dabei ist der Interpretant nicht mit dem Interpreten identisch, sondern muss vom Interpreten, in dessen Bewußtsein es entsteht, seinerseits wieder gedeutet werden: Eine quasi unendliche Semiose entsteht. Umberto Eco, der Peirces Ansatz unter Zuhilfenahme de Saussures zur Kulturtheorie einer „allgemeinen Semiotik” auszubauen suchte, versteht den Interpretanten als weiteres Zeichen, welches sich auf das Ausgangszeichen bezieht: Jedes Konnotat zieht ein Denotat nach sich, das wiederum als Konnotat eines weiteren Denotats fungiert (siehe Denotation). Bei Eco ist die Semiose offen: Es genügt, dass etwas als signifikanter Bedeutungsträger erkannt wird: Dem Interpreten bleibt es – unabhängig von der ursprünglichen Intention – überlassen, ihn in diesem oder jenem Sinn zu deuten. Strukturalismus und Hermeneutik berühren sich. Auch Roland Barthes spricht in seinen späten Schriften vom „Spiel der Signifikanten” und löst sich damit vom sozialen Ansatz de Saussures.
Abgrenzungen innerhalb der Semiotik sind umstritten. So will Thomas Albert Sebeok, der des öfteren mit Eco zusammenarbeitete, die Semiotik nach Forschungsgegenständen untergliedert wissen: Demnach untersucht die Anthropo-Semiotik von Menschen hervorgebrachte, die Zoo-Semiotik hingegen von Tieren hervorgebrachte Zeichen. Die Endo-Semiotik ist für kybernetische Systeme zuständig. In diesem weitesten Sinn wurde ihr Forschungsgegenstand in der Zeitschrift für Semiotik 1979 definiert: „Die Semiotik untersucht als Wissenschaft von den Zeichenprozessen alle Arten von Kommunikation und Informationsaustausch zwischen Menschen, zwischen nichtmenschlichen Organismen und innerhalb von Organismen. Sie umfasst also zumindest teilweise die Gegenstandsbereiche der meisten Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Biologie und Medizin. Umberto Eco hingegen will den Bereich der Semiotik, wie schon die Prager Schule, allein auf die menschliche Kommunikation (Semiotik der Architektur, Semiotik des Films, Semiotik der Literatur etc.) beschränken und so einen Großteil der Kybernetik und Informationstheorie ausgeschlossen wissen.
Vorläufer der modernen Semiotik waren von der Antike bis ins 20. Jahrhundert u. a. Heraklit, Aristoteles, Platon, Augustinus, Thomas von Aquin, Francis Bacon, Thomas Hobbes, John Locke, Gottfried Wilhelm Leibniz, Christian Wolff, Alexander Baumgarten, Moses Mendelssohn, Etienne Bonnot de Condillac, Wilhelm von Humboldt, Johann Gottlieb Fichte, Johann Gottfried von Herder, Immanuel Kant und Edmund Husserl, die sich alle auf je unterschiedliche Art und unter verschiedenster Perspektivierung mit einer Theorie der Zeichen auseinandersetzten. Zu den „Klassikern” der modernen Semiotik im weiteren Sinn gehören außerdem der dänische Sprachwissenschaftler Louis Trolle Hjelmslev, Roman Jakobson, Karl Bühler und Jakob von Uexküll. Weitere bedeutende Vertreter sind Charles William Morris, der die Semantik als Teilbereich der Semiotik begriff, Max Bense, Walter Alfred Koch und Klaus Oehler. Vertreter bestimmter Unterströmungen, die sich auf Erkenntnisse des Funktionalismus, des Marxismus oder der Phänomenologie stützen, sind etwa Eric Buyssens und Jeanne Martinet (funktionalistische Semiotik), Günter Bentele und Ivan Bystrina (marxistische Semiotik) sowie Elmar Holenstein (phänomenologische Semiotik). Eine postmoderne, mit der Dekonstruktion des französischen Philosophen Jacques Derrida verwandte – „translinguistische” – Richtung vertritt Julia Kristeva, die sich vornehmlich mit literarischen Modellen der Intertextualität auseinandersetzt.