Deutscher Film
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Deutscher Film
2. Stummfilm

Die erste Filmvorführung der Welt fand am 1. November 1895 im Berliner Wintergarten statt und umfasste acht Szenen mit einer Gesamtdauer von 15 Minuten. Der Streifen wurde produziert von den Gebrüdern Skladanowsky, die einen Projektionsapparat (Bioskop) entwickelt hatten, der dem der Gebrüder Lumière jedoch technisch unterlegen war. Die erste Filmvorführung der Lumières folgte erst knapp zwei Monate später. Aufgrund seiner technischen Überlegenheit setzte sich der Lumière’sche Kinetograph schon bald durch. Mit der Erfindung des Malteserkreuzgetriebes verbesserte der Deutsche Oskar Meßter die gebräuchlichen Apparate entscheidend und wurde damit der erste deutsche Filmpionier. Meßter gründete eine eigene Produktionsfirma und hatte bis 1897 bereits mehr als 80 Filme veröffentlicht. Während zunächst nur Szenen aus dem Alltag entstanden, wurden gegen Ende des Jahrhunderts zunehmend auch kurze Streifen mit einer Spielhandlung gedreht. Meßter nahm Henny Porten, den ersten deutschen Filmstar, unter Vertrag, und er war auch der Erste, der eine Wochenschau etablierte. 1917 wurde Meßters Firma Teil der Ufa.

Bereits in der Frühzeit des Stummfilms vor dem 1. Weltkrieg konnte der Film in Deutschland ein beachtliches Produktionsvolumen vorweisen, international war er jedoch kaum von Bedeutung. Indessen entstanden künstlerisch bemerkenswerte Filme, bevorzugt poetisch-phantastischer Stilrichtung. Häufig wurde dabei auf Vorlagen der romantischen oder zeitgenössischen literarischen Phantastik zurückgegriffen. Zu den ersten deutschen Spielfilmen gehören Urban Gads Der fremde Vogel (1911) mit Asta Nielsen in der weiblichen Hauptrolle und Max Macks Der Andere (1913). Paul Wegener, der wie viele Filmregisseure der Anfangszeit ursprünglich vom Theater kam und einer der populärsten Bühnenschauspieler seiner Zeit war, schuf mit Der Student von Prag (1913) und Der Golem (1914, nach dem Roman von Gustav Meyrink) zwei Meisterwerke dieses Typs.

Auch Ernst Lubitsch und Friedrich Wilhelm Murnau machten sich bei ihrer Regiearbeit die Erfahrungen zunutze, die sie als Mitarbeiter an Max Reinhardts Deutschem Theater gewonnen hatten. Lubitsch nahm darüber hinaus Anregungen des amerikanischen Films auf und erwies sich in der Folge als ungemein vielseitig. Neben ästhetischen Experimenten wie Die Puppe (1919) und historischen Ausstattungsfilmen (Madame Dubarry, 1920; Das Weib des Pharao, 1921) waren es vor allem die leichthändig inszenierten Komödien, die seinen Ruf begründeten. Lubitsch integrierte Elemente der Operette und entwickelte mit Die Austernprinzessin (1919) und Die Bergkatze (1921) einen neuen, publikumswirksamen Filmtyp. Neben Henny Porten und der Dänin Asta Nielsen avancierte Pola Negri, meist in der Rolle des Vamp, zu den hervorragenden Darstellerinnen des deutschen Films. Zwischen 1913 und 1919 verzehnfachte sich die Zahl der deutschen Produktionen. Von großem Einfluss auf die Formensprache des Films in den zwanziger Jahren war die Kunstrichtung des Expressionismus, die auch die damalige Aufführungspraxis der Berliner Bühnen prägte. Das extremste und zugleich bekannteste Beispiel ist Das Kabinet des Dr. Caligari (1919) von Robert Wiene. Das Thema der psychischen Anomalien wird hier neben exzessiver Mimik und eigenwilliger Kameraführung besonders durch die Zerrperspektiven der Kulissen eindrucksvoll präsentiert. Mit Conrad Veidt, Werner Krauss und Lil Dagover wirkten dort zugleich drei der prominentesten Darsteller des deutschen Stummfilms mit. Caligari war zwar nicht im engeren Sinn stilbildend, doch wiesen zahlreiche Filme der Zeit Parallelen zu seiner Bildersprache auf, allen voran die Werke Murnaus und Langs.

Lang brachte mit seiner Adaption des Nibelungen-Stoffes (Siegfried, 1922; Kriemhilds Rache, 1924) das erste bedeutende deutsche Leinwandepos heraus und brillierte auf dem Feld des atmosphärisch dichten Gangsterfilms (Dr. Mabuse, der Spieler, 2 Teile 1921/22). Bahnbrechend hinsichtlich der Tricktechnik und der filmischen Präsentation modernen Maschinenwesens wurde die Zukunftsvision Metropolis (1926), die seinerzeit technisch und finanziell aufwendigste deutsche Filmproduktion. Murnaus Meisterwerk war der Vampirfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922, nach Motiven des Romans Dracula von Bram Stoker). Murnau kleidete das unheimliche Geschehen der literarischen Vorlage in beklemmend expressive Bilder und setzte damit Maßstäbe für den phantastischen Film der ganzen Epoche. Vorbildlich in Erzählweise und schauspielerischer Darstellung wirkten auch seine Filme mit Emil Jannings in den Hauptrollen: Der letzte Mann (1924), Tartüff (1926) und Faust (1926).

Ab Mitte der zwanziger Jahre entstand eine ganze Reihe von Filmen, die sich mit aktuellen sozialen Problemen auseinandersetzten. Regisseure wie G. W. Pabst verbanden im Genre des „Gossenfilms” melodramatisches Geschehen und soziales Engagement. Einige Filme dieser Provenienz wurden zu Klassikern des Stummfilms, wie Die freudlose Gasse (1925, mit Greta Garbo), der im Prostituiertenmilieu spielte. Mit Louise Brooks in der Hauptrolle drehte Pabst 1929 Die Büchse der Pandora (nach dem Stück von Frank Wedekind) und Tagebuch einer Verlorenen. Weitere Filme dieser so genannten Neuen Sachlichkeit sind Gerhard Lamprechts Die Verrufenen (1925) und Die Unehelichen (1926), Leo Mittlers Jenseits der Straße (1929), Berthold Viertels Die Abenteuer eines Zehnmarkscheines (1926), Walther Ruttmanns Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt (1927) und Menschen am Sonntag (1929) von Robert Siodmak und Edgar Ulmer.

Obwohl Deutschland eine ganze Reihe profilierter Regisseure aufwies, zeichnete sich Ende der zwanziger Jahre, wie auch im französischen Film und britischen Film, ein Trend zur „Amerikanisierung” ab: Zunehmend gelangten amerikanische Produktionen in die Kinos und wirkten sich prägend auf die Machart einheimischer Filme aus. Die bedeutendste Institution des deutschen Films war die Universum Film AG (Ufa), ein 1917 gegründeter Zusammenschluss verschiedener Filmunternehmen. Ihre Studios in Potsdam-Babelsberg waren die seinerzeit größten und technisch bestausgestatteten der Welt. Enorme Kosten für Filme wie Murnaus Der letzte Mann und Faust oder Langs Metropolis zwangen die Ufa allerdings zum Zusammenschluss mit den deutschen Abteilungen von Paramount und MGM. Später übernahm der konservative Medienmagnat Alfred Hugenberg die Ufa, womit der Weg zur Verstaatlichung der Gesellschaft und der Gleichschaltung des Filmschaffens unter der nationalsozialistischen Herrschaft bereits in Ansätzen vorgezeichnet war.