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| 3. | Wilhelm II. |
1888 starb Wilhelm I.; sein Nachfolger Friedrich III., in den große Hoffnungen auf eine Liberalisierung gesetzt worden waren, regierte nur 99 Tage; ihm folgte Wilhelm II. als deutscher Kaiser nach („Dreikaiserjahr”). 1890 wurde Bismarck nach schweren Auseinandersetzungen um die Sozialgesetzgebung zum Rücktritt gezwungen. Der Sturz markierte in der Außenpolitik des Kaiserreiches einen Einschnitt, da Bismarcks Politik des Gleichgewichts der europäischen Mächte ins Wanken geriet. Der „Neue Kurs” Wilhelms II. und seines Kanzlers Leo von Caprivi sollte die komplizierte Außenpolitik Bismarcks ablösen und zu einem Bündnis mit Großbritannien führen. 1890 lehnte Wilhelm die Erneuerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland ab, woraufhin Frankreich und Russland 1894 eine Militärkonvention schlossen, die einen Zweifrontenkrieg gegen das Reich möglich machte. Gleichzeitig wurde die geplante Annäherung an Großbritannien zugunsten kolonialer Interessen aufgegeben.
Die deutsch-britischen Beziehungen verschlechterten sich u. a. aufgrund der Unterstützung, die das Deutsche Reich den Buren in Südafrika zukommen ließ. Die Lage spitzte sich zu, als Admiral Alfred von Tirpitz, von 1897 bis 1916 Staatssekretär des Reichsmarineamtes, mit dem Aufbau einer deutschen Hochseeflotte begann. Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts setzte ein erbittertes und kostspieliges Wettrüsten mit Großbritannien ein; Großbritannien sah in der deutschen Flotte eine potentielle Gefahr für seine Sicherheit und für seine Vormachtstellung zur See. Die Ausgaben für die deutsche Flottenrüstung brachten die Staatsfinanzen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und drückten den Lebensstandard der Arbeiter, denn der größte Teil des Geldes wurde über indirekte Steuern beschafft. 1904 verbündete sich Großbritannien mit Frankreich in der Entente, 1907 auch mit Russland. Dem stand der Dreibund Österreich, Deutsches Reich und Italien gegenüber, der allerdings an Konsistenz eingebüßt hatte.
Durch die Reichstagswahlen von 1912 wurden die Sozialdemokraten stärkste Fraktion im Reichstag; Forderungen nach Reformen und Demokratisierung nahmen zu. Die Schwäche der Regierung in Form des „persönlichen Regiments” Wilhelms II. wurde offensichtlich. Deutschlands ungeschickte Diplomatie, u. a. in den Marokkokrisen von 1905 und 1911, führte zu einer isolierten Position in Europa. Österreich-Ungarn blieb einziger verlässlicher Verbündeter des Reiches; die Angst vor einer „Einkreisung Deutschlands” wuchs. Theobald von Bethmann Hollweg, seit 1909 Reichskanzler, versuchte vergeblich die Triple-Entente (Großbritannien, Frankreich, Russland) auseinanderzubringen, selbst noch während der Julikrise 1914.