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Johann Heinrich Jung-Stilling

Johann Heinrich Jung-Stilling, eigentlich Johann Heinrich Jung, (1740-1817), Arzt und Schriftsteller. Vor allem die ersten drei Bände seiner Autobiographien zählen zu den bedeutenden Werken der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang innerhalb der deutschen Literatur.

Jung-Stilling wurde am 12. September 1740 als Sohn aus alter bäuerlicher Familie in Grund bei Hilchenbach (Westfalen) geboren und streng pietistisch erzogen; er erlernte das Schneiderhandwerk und bildete sich autodidaktisch. Abwechselnd als Grundschullehrer, Landwirt und Schneider tätig, erwarb er sich durch den Handel mit einer Augenarznei die nötigen Mittel für das Medizinstudium in Straßburg von 1769 bis 1772, wo er Johann Gottfried von Herder, Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Wolfgang von Goethe kennenlernte. Letzterer ließ später mit Heinrich Stillings Jugend. Eine wahrhafte Geschichte (1777) ohne Wissen des Autors den ersten Band seiner Lebensgeschichte drucken. 1772 war Jung-Stilling als praktischer Arzt in Elberfeld tätig und erwarb sich bald einen Ruf als Augenchirurg. 1778 wurde er nach Kaiserslautern als Professor für Ökonomie und Kameralwissenschaften berufen, setzte dieses Amt ab 1784 in Heidelberg fort, übernahm 1787 eine Professur in Marburg, und wirkte ab 1803 als Professor der Staatswissenschaft in Heidelberg; zu seinen zahlreichen akademischen Schriften gehört u. a. Versuch einer Grundlehre sämmtlicher Kameralwissenschaften (1779). Dank einer Ehrenpension, die ihm der Kurfürst von Baden aussetzte, konnte sich Jung-Stilling ab 1803 ausschließlich der Schriftstellerei widmen und übersiedelte 1806 nach Karlsruhe.

Jung-Stillings Autobiographien, zu denen auch die Bände Henrich Stillings Jünglings-Jahre (1778), Henrich Stillings Wanderschaft (1778) und Henrich Stillings häusliches Leben (1789) gehören, liefern religions- und sozialgeschichtliche Einblicke in das dörfliche und bürgerliche Leben des 18. Jahrhunderts und gelten wegen ihrer genauen Selbstbeobachtung als Frühwerke psychologischer Individualerforschung, zugleich als Wegbereiter des deutschen Bildungsromans. Jung-Stillings spätere Werke, mystisch-pietistische Entwicklungsromane und lehrhaft-okkultistische Schriften, markieren extreme Tendenzen der Spätaufklärung. Hierzu gehören Die Geschichte Florentins von Fahlendorn (1781-1783), Theobald oder die Schwärmer (1784), Das Heimweh (4 Bde., 1794-1796) und Scenen aus dem Geisterreiche (1795). Jung-Stilling starb am 2. April 1817 in Karlsruhe.