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Asiatische Tigerstaaten
1. Einleitung

Asiatische Tigerstaaten, ursprünglich zusammenfassende Bezeichnung für die vier asiatischen Länder Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan.

Der Begriff „vier kleine Tiger” bildete sich in Abgrenzung zum Begriff „großer Tiger” heraus, einer traditionellen chinesischen Bezeichnung für China. Seit den achtziger Jahren werden auch Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Thailand als Tigerstaaten bezeichnet. Seit Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts werden den asiatischen Tigerstaaten manchmal auch China und Vietnam zugerechnet.

2. Aufstieg zu Industrienationen

Die vier Tigerstaaten der ersten Generation wiesen von Mitte der sechziger Jahre bis Mitte der neunziger Jahre weltweit das höchste Wirtschaftswachstum mit Wachstumsraten von jährlich mehr als 5 Prozent auf. Die nachholende Industrialisierung dieser Länder basierte in hohem Maße auf der fast ausschließlichen Exportorientierung der Produktion nach japanischem Vorbild. Japan fungierte auch als Finanzier und Technologielieferant für diese Volkswirtschaften. Als Hauptabsatzmarkt dienten hier wie dort die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die autoritären Regime, die in den meisten dieser ehemaligen Schwellenländer regierten, sorgten für eine umfassende staatliche Rahmenplanung, vor allem für eine Modernisierung der Landwirtschaft als ökonomische und soziale Voraussetzung der Industrialisierung, denn durch diese Modernisierung wurden Arbeitskräfte aus dem landwirtschaftlichen Sektor freigesetzt. Die Löhne wurden durch staatliche Repressionsmaßnahmen gegenüber freien Gewerkschaften und anderen Bürgerrechtsbewegungen lange Zeit sehr niedrig gehalten; es herrschten schlechte Arbeitsbedingungen und die soziale Absicherung der Arbeitnehmer war äußerst mangelhaft. Die oft lebensgefährlichen Bedingungen in der Produktion gingen mit ökologischen Zerstörungen einher, deren Ausmaß katastrophale Züge annahm. Bereits Mitte der neunziger Jahre bezeichnete die Weltbank die Umwelt Asiens als „größte Entwicklungsaufgabe der Welt”.

Im Zuge der Modernisierung der Wirtschaft entstanden in diesen Ländern jedoch neue Mittelschichten, die versuchten, politisch Einfluss zu nehmen. So kam es zu einer allmählichen Demokratisierung, wenngleich auch Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Menschenrechtslage (siehe Grundrechte) in den meisten asiatischen Schwellenländern zu großer Sorge Anlass gab.

Erst mit der von den Arbeitnehmern in teilweise blutigen Kämpfen durchgesetzten Zulassung freier Gewerkschaften und den von diesen erkämpften Lohnerhöhungen kam es seit Mitte der achtziger Jahre auch zu einer nennenswerten Binnennachfrage. Unter staatlicher Lenkung fand allmählich die Transformation von arbeitsintensiver Fertigung zu kapitalintensiver Produktion statt.

Seit Ende der achtziger Jahre zählen auch Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Thailand zu den asiatischen Tigerstaaten – die so genannte zweite Generation. Teilweise von den Tigerstaaten der ersten Generation finanziert, machten sie eine diesen vergleichbare Entwicklung durch. Ihr wirtschaftliches Wachstum verdankten sie aber vor allem dem Umstand, dass der japanische Yen aufgrund der so genannten Plaza-Übereinkunft 1985 gegenüber dem US-Dollar drastisch abgewertet worden war. Infolgedessen begann die japanische Wirtschaft ihre Produktion vermehrt in die asiatischen Billiglohnländer zu verlegen, um nicht zuletzt gegenüber den Tigerstaaten der ersten Generation auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Zwischen 1986 und 1990 investierte die japanische Wirtschaft mehr als 13 Milliarden US-Dollar in die neuen Tigerstaaten. So kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, der in viel höherem Maße von ausländischem Kapital finanziert wurde, als dies bei den vier kleinen „Tigern” der Fall gewesen war.

3. Die Asienkrise

Seit den frühen neunziger Jahren versuchten sowohl die Tigerstaaten der ersten Generation, die zu kapitalintensiver Produktion übergegangen waren, als auch die Tigerstaaten der zweiten Generation, die von jeher stark von ausländischem Kapital abhängig waren, sich die kapitalkräftigen amerikanischen und europäischen Investmentfonds als neue Finanzquellen zu erschließen. Die asiatischen Finanzmärkte wurden liberalisiert, d. h. Devisenbeschränkungen wurden abgebaut, Portofolio-Investitionen ermöglicht (dazu zählt etwa der Erwerb ausländischer Wertpapiere), ausländische Banken und Versicherungen wurden zugelassen und anderes mehr. Durch höhere Zinsraten als in den anderen Weltfinanzzentren sollte Spekulationskapital angezogen werden. Die Wechselkurse mit dem US-Dollar wurden fixiert, um die Währungsrisiken für die ausländischen Investoren zu minimieren. So flossen jährlich bis zu vier Milliarden US-Dollar (meist aus den USA) Nettokapital in die Tigerstaaten. Dieses Kapital wurde allerdings nicht in den produktiven Sektoren der Landwirtschaft und Industrie angelegt, sondern in den spekulativen Finanz- und Grundstückssektor der Börse und in Immobilien investiert, was auf kurze Sicht die höchste Gewinnausschüttung versprach. Dadurch wurde der Bausektor angeheizt, immer mehr Unternehmer aus den Tigerstaaten beteiligten sich an den Spekulationsgeschäften und vernachlässigten notwendige infrastrukturelle Investitionen in ihren Betrieben. Ende 1996 hatte sich allgemein die Einsicht durchgesetzt, dass ein Überangebot an Wohnungen und Geschäftsräumen fertig gestellt worden war. Allein in Bangkok standen 1996 Wohnungen und Geschäftsräume im geschätzten Wert von 17 Milliarden US-Dollar leer. Viele asiatische Handelsbanken, die leichtfertig Kredite für Wohnungs- und Bürobauten vergeben hatten, gerieten nun in die Krise. Ausländische Investoren, mit Ausnahme japanischer, für die längerfristige Überlegungen ausschlaggebend waren, begannen sich seit Anfang 1997 mehr und mehr aus den Tigerstaaten zurückzuziehen. So fielen die Aktienkurse in diesem Jahr beispielsweise in Südkorea um 75 Prozent.

1998 galt ein Engagement in den Tigerstaaten in Finanzkreisen aufgrund der instabilen politischen Lage und der Vielzahl an sozialen Problemen in den meisten dieser Länder als wenig sichere Anlageoption. Hinzu kam eine im Vergleich zu anderen Industriestaaten schlecht ausgebaute Infrastruktur, denn das schnelle Wachstum und die geringen Steuereinnahmen hatten keine staatlich gelenkten kapitalintensiven Maßnahmen zugelassen. Wirtschaftsexperten vermuteten zudem, dass die meisten der Tigerstaaten sich Ende des 20. Jahrhunderts nicht länger den US-amerikanischen Forderungen nach einer Liberalisierung des Welthandels widersetzen könnten, die strikte Exportorientierung dieser Volkswirtschaften, die ihren Aufschwung erst möglich machte, nicht mehr aufrecht zu erhalten sein würde.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) als wichtigster Kreditgeber in der Krise, der 1997 Indonesien rund 17 Milliarden und Thailand rund 14 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt hatte und für Südkorea ein Hilfsprogramm in Höhe von rund 45 Milliarden US-Dollar angekündigt hatte, machte rigide Strukturanpassungsmaßnahmen zur Auflage für die Gewährung dieser Kredite. Diese Maßnahmen führten Ende des Jahrhunderts zu einer spürbaren Verarmung der Bevölkerung. Vor allem in den Tigerstaaten der zweiten Generation lebte die große Mehrheit der Bürger in Armut.

Die asiatische Finanzkrise hat Ende des Jahrhunderts die Hoffnung der Bevölkerungen der Tigerstaaten auf einen raschen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung zunichtegemacht. Die Entwicklung dieser Staaten im 21. Jahrhundert wird stark davon abhängen, inwieweit es trotz der vom IWF verordneten Sparmaßnahmen gelingt, weite Teile der Bevölkerung am Wirtschaftswachstum, das auf unabsehbare Zeit nicht mehr das Niveau der achtziger und frühen neunziger Jahre erreichen wird, zu beteiligen. Dies wiederum scheint nur möglich, wenn den Bürgern dieser Länder mehr politische Partizipationsmöglichkeiten als bisher eingeräumt werden.

Der Beginn des neuen Jahrtausends stand für die Tigerstaaten zunächst unter keinen günstigen Vorbedingungen. Als die zyklische Erholung nach der Asienkrise ab Anfang 1999 erstaunlich robust ausfiel, sah es zunächst so aus, als könnten die Tigerstaaten die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise schnell überwinden. Aber der Wachstumseinbruch in den USA machte die Abhängigkeit der aufstrebenden Staaten von der US-Konjunktur wieder einmal mehr als deutlich. Immer noch wirtschaftlich geschwächt, müssen die Tigerstaaten zunehmend mit der Konkurrenz durch China rechnen. Während die kleinen und modernen Staaten wie Singapur, Taiwan, Hongkong – das seit 1997 zur Volksrepublik China gehört, aber innerhalb Chinas eine Sonderrolle einnimmt – und Südkorea für die Zukunft gut gerüstet erscheinen, könnte den anderen Staaten schon bald wieder der wirtschaftliche Abstieg drohen. Das gilt insbesondere für Malaysia, Indonesien und Thailand, Länder, die zusätzlich zur politischen und sozialen Instabilität mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. Taiwan nimmt unter den Tigerstaaten insoweit eine Sonderrolle ein, da das Land von der Asienkrise weitgehend verschont geblieben ist, dann aber ebenfalls von der US-Wachstumskrise stark getroffen wurde. Ein Unsicherheitsfaktor sind hier die immer wiederkehrenden Spannungen mit der Volksrepublik China, die die Attraktivität dieses Standortes für ausländische Investoren mindern dürften. Südkorea verfügt über eine ausgesprochen solide industrielle Basis. Insbesondere die Großindustrie steht vor längst fälligen Restrukturierungen. Der mangelnde Reformwille hemmt derzeit einen notwendigen Strukturwandel, was der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Landes nicht förderlich ist. Hongkong hat seine Rolle als führender Finanz- und Handelsplatz in Asien auch nach der Wiedervereinigung mit China festigen können. Hauptkonkurrent ist Singapur. Dieser Staat dürfte das erfolgreichste Beispiel für den Weg der Tigerstaaten darstellen. Der Staatshaushalt wirft seit Jahren Überschüsse ab, die politische Stabilität ist hoch, ebenso das Bildungsniveau der Bevölkerung und der Singapur-Dollar genießt großes Vertrauen bei ausländischen Investoren. Aufgrund der starken Stellung in der Elektronikindustrie bekam auch Singapur den Gegenwind einer schwächeren Investitionsdynamik in den Industrieländern zu spüren. Die Auswirkungen dürften aber schon bald überwunden sein. Mit seinen liberalen Wirtschaftsbedingungen und seiner starken Stellung als Finanzplatz hat Singapur unter den Tigerstaaten langfristig die günstigsten Wachstumsaussichten.