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| 2. | Aufstieg zu Industrienationen |
Die vier Tigerstaaten der ersten Generation wiesen von Mitte der sechziger Jahre bis Mitte der neunziger Jahre weltweit das höchste Wirtschaftswachstum mit Wachstumsraten von jährlich mehr als 5 Prozent auf. Die nachholende Industrialisierung dieser Länder basierte in hohem Maße auf der fast ausschließlichen Exportorientierung der Produktion nach japanischem Vorbild. Japan fungierte auch als Finanzier und Technologielieferant für diese Volkswirtschaften. Als Hauptabsatzmarkt dienten hier wie dort die Vereinigten Staaten von Amerika.
Die autoritären Regime, die in den meisten dieser ehemaligen Schwellenländer regierten, sorgten für eine umfassende staatliche Rahmenplanung, vor allem für eine Modernisierung der Landwirtschaft als ökonomische und soziale Voraussetzung der Industrialisierung, denn durch diese Modernisierung wurden Arbeitskräfte aus dem landwirtschaftlichen Sektor freigesetzt. Die Löhne wurden durch staatliche Repressionsmaßnahmen gegenüber freien Gewerkschaften und anderen Bürgerrechtsbewegungen lange Zeit sehr niedrig gehalten; es herrschten schlechte Arbeitsbedingungen und die soziale Absicherung der Arbeitnehmer war äußerst mangelhaft. Die oft lebensgefährlichen Bedingungen in der Produktion gingen mit ökologischen Zerstörungen einher, deren Ausmaß katastrophale Züge annahm. Bereits Mitte der neunziger Jahre bezeichnete die Weltbank die Umwelt Asiens als „größte Entwicklungsaufgabe der Welt”.
Im Zuge der Modernisierung der Wirtschaft entstanden in diesen Ländern jedoch neue Mittelschichten, die versuchten, politisch Einfluss zu nehmen. So kam es zu einer allmählichen Demokratisierung, wenngleich auch Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Menschenrechtslage (siehe Grundrechte) in den meisten asiatischen Schwellenländern zu großer Sorge Anlass gab.
Erst mit der von den Arbeitnehmern in teilweise blutigen Kämpfen durchgesetzten Zulassung freier Gewerkschaften und den von diesen erkämpften Lohnerhöhungen kam es seit Mitte der achtziger Jahre auch zu einer nennenswerten Binnennachfrage. Unter staatlicher Lenkung fand allmählich die Transformation von arbeitsintensiver Fertigung zu kapitalintensiver Produktion statt.
Seit Ende der achtziger Jahre zählen auch Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Thailand zu den asiatischen Tigerstaaten – die so genannte zweite Generation. Teilweise von den Tigerstaaten der ersten Generation finanziert, machten sie eine diesen vergleichbare Entwicklung durch. Ihr wirtschaftliches Wachstum verdankten sie aber vor allem dem Umstand, dass der japanische Yen aufgrund der so genannten Plaza-Übereinkunft 1985 gegenüber dem US-Dollar drastisch abgewertet worden war. Infolgedessen begann die japanische Wirtschaft ihre Produktion vermehrt in die asiatischen Billiglohnländer zu verlegen, um nicht zuletzt gegenüber den Tigerstaaten der ersten Generation auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Zwischen 1986 und 1990 investierte die japanische Wirtschaft mehr als 13 Milliarden US-Dollar in die neuen Tigerstaaten. So kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, der in viel höherem Maße von ausländischem Kapital finanziert wurde, als dies bei den vier kleinen „Tigern” der Fall gewesen war.