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Traditionelle Chinesische Medizin
1. Einleitung

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), im chinesischen Kulturraum im Lauf von Jahrtausenden entstandene und weiterentwickelte Therapieformen, die seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zunehmend auch außerhalb Chinas praktiziert werden.

2. Geschichte

Im ersten vorchristlichen Jahrtausend entstand in China im Zusammenwirken der Prinzipien der klassischen naturalistischen Schule (siehe chinesische Philosophie; Yin und Yang) und der zunehmenden klinischen Erfahrungen ein differenziertes medizinisches System, das in einer ganzheitlichen Sicht Krankheit, innere und äußere Kräfte, Organe und Substanzen, Körperoberfläche und Außenwelt zueinander in Beziehung setzt. Zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und dem 18. Jahrhundert n. Chr. erschienen zahlreiche Bücher, die Theorien, Erkenntnisse und Erfahrungen der chinesischen Medizin festhielten und noch heute in China zur Pflichtlektüre von Studierenden der Traditionellen Chinesischen Medizin gehören. Dazu zählen das Sammelwerk Huangdi Neijing (475 bis 225 v. Chr.; Des gelben Kaisers Klassiker des Inneren) sowie Shang Han Lung (um 200; Abhandlung über schädigende Kälte und andere Krankheiten), das ein diagnostisches und therapeutisches System zur Behandlung akuter Infektionskrankheiten bot und in dem sein Autor Zhang Zhongjing ein Sechs-Schichten-Modell des menschlichen Körpers entwickelte. Im 7. Jahrhundert praktizierte Sun Simiao; sein Werk Quianjin You Fang (Wichtige Rezepte, die 1 000 Goldstücke wert sind) hat wie Shang Han Lung noch heute eine große Bedeutung. Praktisch eine Enzyklopädie war 900 Jahre später Li Shi Zhens Ben Cao Gang Mu: Zu den schon bekannten rund 1 500 Arzneimitteln fügte er noch weit über 300 hinzu, verbunden mit etwa 10 000 Rezepten.

Den Begriff Traditionelle Chinesische Medizin gibt es erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert waren die medizinischen Traditionen Chinas aufgrund der Erfolge der naturwissenschaftlich fundierten Medizin bei der Krankheitsbekämpfung immer mehr verdrängt worden und gewannen erst unter Mao Tse-tung neues Ansehen. Die Lehre von Yin und Yang wurde als archaische Form des dialektischen Materialismus gedeutet und zur Leitkategorie der neu entwickelten, heute für die TCM grundlegenden „acht Leitkriterien”, zu denen die Gegensatzpaare innen–außen, Hitze–Kälte, Fülle–Leere gehören.

Als TCM im engeren Sinn gilt das gegenwärtig in seinem Ursprungsland und in westlichen Ländern praktizierte chinesische Medizinsystem. Sechs klimatische (Wind, Kälte, Hitze, Feuer, Feuchtigkeit und Trockenheit) und sieben emotionale (Zorn, Freude, Sorge, übermäßiges Denken, Trauer, Angst und Schock) Faktoren, Diätfehler und physische Über- bzw. Unterbelastung werden in der TCM zu den pathogenen Faktoren gezählt, zu denen auch Schleim- und Flüssigkeitsansammlungen und Blutstagnation gehören. Von der TCM zu unterscheiden sind die tibetische Medizin, die im 7. Jahrhundert entstand, als Texte der TCM und des Ayurveda ins Tibetische übersetzt wurden, sowie die traditionelle japanische Medizin (Kampo), die später auch chirurgische Methoden anwendete.

3. Diagnostik und Therapie

Die Diagnostik der TCM verlässt sich zunächst auf die Sinneswahrnehmungen des Therapeuten. Die aktuelle Diagnose basiert auf einer detaillierten Anamnese (einer Aufnahme der Krankengeschichte) unter besonderer Berücksichtigung zeitlicher Abläufe und auf der Aufnahme der sinnlichen Eindrücke von Puls und Zunge, neben der Beobachtung von Habitus und Verhalten. Es folgt die Syndrom-Differentialdiagnostik (das Erfassen des genauen Krankheitsbildes) unter Beachtung verschiedener Disharmoniemuster. Zu den Behandlungsgrundsätzen gehören die Unterscheidung von Manifestation (biao) und Wurzel (ben) einer Krankheit. Man unterscheidet zwei unterschiedliche Therapieformen: Zheng zhi arbeitet antagonistisch zum Krankheitsprozess, also beispielsweise mit Kälte zur Behandlung von Hitze und mit Hitze zur Behandlung von Kälte, wohingegen fan zhi Rezepte verwendet, die der Krankheitsnatur ähneln. Dies ist vergleichbar mit den gegensätzlichen Konzepten von Allopathie und Homöopathie in der westlichen Medizin.

Zur Traditionellen Chinesischen Medizin zählen als „äußere” Anwendungen die Akupunktur und die Moxibustion, bei der glimmendes Moxakraut (Beifuß) bestimmte Akupunkturpunkte erwärmt (zusammengefasst als „Aku-Moxa-Therapie” bezeichnet) sowie als „innere” Therapie eine Arzneimitteltherapie, insbesondere eine Kräuterheilkunde. In zweiter Linie werden auch aus Tieren und Mineralien gewonnene Stoffe verwendet. Als dritter Bereich treten Massage und Chiropraxis hinzu. Im weiteren Sinn gehören auch eine umfassende Ernährungslehre und unterschiedliche Arten der Bewegungs- und Atemtherapie wie Qigong zum System der Traditionellen Chinesischen Medizin.

4. Wirksamkeit

Die Wirksamkeit der TCM ist – mit Ausnahme schmerz- bzw. gelenktherapeutischer Ansätze durch Akupunktur – naturwissenschaftlich nicht nachgewiesen. Im Rahmen einer groß angelegten Akupunkturstudie, die in Deutschland von den Krankenkassen in Auftrag gegeben wurde, linderten in der Haut platzierte Nadeln Rückenschmerzen und Schmerzen sowie Funktionseinschränkungen bei Kniearthrose. Im Gegensatz zur Meridianenlehre der TCM, der zufolge die Nadeln auf bestimmte „Energiebahnen” zu setzen sind, trat der therapeutische Effekt jedoch auch ein, wenn die Nadeln nur oberflächlich (minimal-invasiv) an anderen Körperstellen platziert wurden (Annals of Internal Medicine, 2006). Einer Metastudie zufolge, in die 136 (vor allem in Chinesisch abgefasste) Publikationen über die Effekte chinesischer Kräutermedizin einbezogen wurden, ist der Nutzen in der TCM eingesetzter Kräuterextrakte wissenschaftlich nicht belegt; als problematisch erwies sich insbesondere die mangelhafte wissenschaftliche Qualität der weitaus meisten dieser Studien (International Journal of Epidemiology, 2007). Zudem gilt die Qualitätssicherung der chinesischen Arzneimittel als nicht ausreichend; dies betrifft allerdings nicht die in Deutschland in Apotheken angebotenen Präparate, die dem Arzneimittelrecht unterliegen.

5. Konsequenzen für den Tier- und Artenschutz

Während in Deutschland offiziell nur TCM-Präparate verordnet werden, die entweder von Pflanzen oder von Muscheln stammen, verwendet die TCM in Asien zudem Substanzen von einer Vielzahl anderer Tierarten, insbesondere auch von bedrohten Säugetieren sowie von Tieren, die unter extrem tierquälerischen Bedingungen gehalten werden. Die Wirksamkeit solcher tierischer Substanzen ist ebenso fragwürdig wie die der Kräuterextrakte. Nach wie vor werden u. a. das Horn des Indischen Panzernashorns und der Saigas, das Drüsensekret der Moschustiere oder Körperteile von Tigern in Substanzenlisten zur chinesischen Arzneimittelkunde aufgeführt. Insbesondere Großbären sind in zweifacher Hinsicht durch die TCM bedroht: Einerseits werden gefährdete Arten wie Malaienbär und Kragenbär im Freiland verfolgt, um Körperteile von ihnen zu gewinnen. Andererseits werden u. a. in China und Vietnam Tausende von Kragenbären in enge Käfige gepfercht, um aus diesen Tieren die in der TCM begehrte Bärengalle z. B. mittels in den Bauchraum implantierter Metallkatheter abzuleiten.