Millennium: Kunst
Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken.
Millennium: Kunst
1. Einleitung

Am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt sich die Kunst in Europa in einer widersprüchlichen Lage und Verfassung. Kunst ist fast allgegenwärtig im täglichen Leben. Stadt und Wohnung als Lebensraum, die Gegenstände des Alltags, die Bilderflut, die dank der hoch entwickelten Medien zu jedem ins Haus dringt, all dies steht in einem Zusammenhang mit der Kunst und ihrer Geschichte, der oft enger ist, als es zunächst vermutet wird. Ein Stuhl oder ein Essbesteck sind Produkte einer bewussten Formgebung, die sich auf eine lange Tradition berufen kann, und wenn ein Hobbyphotograph ein Stück Landschaft, das ihm gefällt, aufnimmt, so richtet er sich bei der Auswahl des Ausschnittes unbewusst nach den Regeln, die in der Tradition der Landschaftsmalerei entwickelt worden sind. Dass die alltägliche Umgebung dennoch zumeist nicht mit Kunst in Verbindung gebracht wird, liegt daran, dass der Begriff der Kunst, der heute noch weithin als gültig angesehen und verwendet wird, ein recht enger Begriff ist, der die „wahre Kunst”, zu der nur „Meisterwerke” gezählt werden können, gegen alles abgrenzt, was nicht als herausragende, schöne und originäre Schöpfung eines Genies bezeichnet werden kann. Dieser Kunstbegriff, der im späten 18. Jahrhundert geprägt und in Deutschland vor allem von Goethe und Schiller durchgesetzt wurde, ist durch die Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert radikal in Frage gestellt worden und kann als überholt gelten. Kunst ist alles, so kann man heute überspitzt sagen, was dafür ausgegeben und gehalten wird.

Der Widerspruch zwischen dem tradierten und vertrauten Kunstbegriff und dem offenen Begriff, der den aktuellen Kunstschöpfungen zugrunde liegt, ist einer der Gründe für die Orientierungsschwierigkeiten, die sich nicht selten beim heutigen Publikum zeigen. Die Zeit, in der die Museen mit Tempeln verglichen und auch so gestaltet wurden, ist endgültig vorbei. Kunst ist Geschäft und Unterhaltung geworden, der Kauf von Kunst dient der Imagepflege, und der Kunstmarkt ist ein blühender Wirtschaftszweig, allerdings nur eine Sache für wenige. Genau besehen, war dies in den zurückliegenden Jahrhunderten nicht sehr viel anders, aber die Zugänglichkeit, die Möglichkeit, Kunstwerke zu sehen, ist größer denn je, und sie wird extensiver als je zuvor in Anspruch genommen, wie der blühende Kunsttourismus und der gewaltige Ansturm auf Ausstellungen und Museen beweisen. Kunstförderung und Denkmalpflege werden allgemein und selbstverständlich als eine öffentliche Aufgabe anerkannt. Bei Entscheidungen über große öffentliche Aufträge, insbesondere wenn es um Denkmäler geht, zeigt sich allerdings immer wieder, dass die Orientierung und damit auch die Einigung in der Bewertung schwierig geworden sind. Die Ursache dafür liegt vermutlich darin, dass bei derartigen Entscheidungen mehr Menschen mitsprechen wollen als früher.

Es wäre falsch, angesichts dieser Symptome von einer Krise zu sprechen. Die Kunstgeschichte war immer voller Widersprüche und Spannungen. Allerdings kann man sich darüber leicht hinwegtäuschen, wenn man sein Wissen aus älteren Darstellungen der Geschichte der Kunst bezieht. Die Kunstgeschichte, wie sie sich im 19. Jahrhundert als Wissenschaft etabliert hat, zeichnete das harmonisierte Bild einer Abfolge von Stilepochen: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock usw. Für das 19. und 20. Jahrhundert wurde eine Beschleunigung der Abfolge der Stile postuliert: Auf den Impressionismus folgen Expressionismus, Kubismus und viele weitere Strömungen, die allerdings oft nebeneinanderher liefen. Vom Ende des Jahrhunderts der Moderne her gesehen, ist das Modell der Stilgeschichte fragwürdig geworden. Was sie beschrieb, ist genauer zu fassen als eine Ausdifferenzierung der Möglichkeiten der Kunst, als ein Prozess komplexer Wechselbeziehungen, bei dem auch ganz Gegensätzliches nebeneinanderstehen kann. Die Begriffe der Epochenstile sind Abstraktionen, mit denen bestimmte Stilideale postuliert werden, die dann auf die jeweilige Epoche zurückprojiziert werden, und sie harmonisieren, indem sie alles als „untypisch” zur Seite schieben, was nicht in das Konzept des Epochenstils passt. Kunst als den einheitlichen, kohärenten und umfassenden Ausdruck einer Epoche, wie es die Stilgeschichte suggeriert, hat es nie gegeben. Die Kunstwerke in ihrer Verschiedenartigkeit und Fülle sind vielgestaltiger Ausdruck für die zu ihrer Zeit möglichen Sichtweisen der Welt, sind Antworten auf Fragen, die sich jeweils stellten, Gestaltungen des physischen und geistigen Lebensraumes, die eher gruppenspezifisch als allgemein gültig sind.

Die Stilgeschichte, die auch heute noch vertrauteste Form der zusammenfassenden Darstellung der Kunstgeschichte, ging von der Annahme aus, dass es den überzeitlich gültigen Begriff „wahre Kunst” gebe. Sie hat ihren eigenen Kunstanspruch einfach auf die Kunst vergangener Zeiten übertragen. Es ist aber nicht möglich, Kunstwerke wie ein mittelalterliches Reliquiar, ein impressionistisches Gemälde, eine dadaistische Collage und eine Happening-Aktion mit einem Begriff zu fassen. Zu fragen ist vielmehr, welcher Begriff von Kunst hinter dem jeweiligen Werk steht. Die Frage nach Intentionen und Funktionen des Kunstwerkes ist wichtiger als die vorschnelle Einordnung in eine Stilschublade. Das heißt jedoch nicht, dass sich damit die Kunstgeschichte in eine unübersehbare Fülle von Einzelwerken auflöst. Jedes Werk steht in einem historischen Zusammenhang, setzt sich positiv oder negativ mit einer Kunstaufgabe, einer Gattung, einem Medium auseinander. Kunstwerk, Künstler und Betrachter stehen, ob sie es wollen oder nicht, in einer Tradition. Sie zu erkennen ist ein wesentlicher Schritt zum Verständnis eines Kunstwerkes. Sie offenzulegen bleibt eine wesentliche Aufgabe der Disziplin der Kunstgeschichte.