| 2.
|
 |
Die „Vorgeschichte” der modernen Kunst |
Wenn man, wie es ganz geläufig ist und auch hier geschehen soll, mit „europäischer Kunst” die Kunst des christlichen Abendlandes meint, so muss die Betrachtung in der Spätantike einsetzen, mit der Emanzipation des Christentums unter Konstantin, die im Jahr 313 mit dem Edikt von Mailand ihren Anfang nahm. Es gibt auch gute Gründe, die europäische Kunstgeschichte erst mit der Begründung des Reichs der Karolinger beginnen zu lassen. In beiden Fällen werden aber, wie bei allen Thesen von einem historischen Anfang, Schnitte gelegt, die Zusammenhänge trennen. Auch die vom Christentum geprägte abendländische Kunst steht in Traditionszusammenhängen. Sie bezieht wesentliche Anregungen aus der Blüte der Kunst im 1. Jahrtausend v. Chr. im Mittelmeerraum, die sich parallel und mit nur vereinzelten Berührungspunkten zu den Hochkulturen Ostasiens im Vorderen Orient entfaltete. Der Weg führte von den Reichen des Zweistromlandes über Ägypten nach Griechenland. Dabei wurde sehr früh schon ein Kanon der Felder künstlerischer Tätigkeit und der Medien festgelegt, der bis in die neueste Zeit hinein Bestand haben sollte. Keramik und Schmuck werden in ihrer Form gestaltet und mit Ornamenten verziert. Die Architektur wird zu einem tektonischen System entwickelt, bei dem die einzelnen Glieder eine prägnante Form erhalten. Zur Dekoration der Architektur werden Farbe, Relief und Skulptur verwendet, die auch als eigenständige Medien ihre Weiterentwicklung erfahren. Aus der Ritzzeichnung auf Keramik entwickelte sich die Malerei, die schließlich als Wandbild auch monumentale Gebäude schmückt. In der Skulptur wird die Darstellung der menschlichen Figur zur höchsten Aufgabe und in den verschiedenen Materialien wie Ton, Marmor und Bronze zu einer bis dahin unbekannten Vollendung gebracht. Die Kunstwerke, lange in erster Linie für den kultischen Gebrauch geschaffen, werden wegen ihrer Vollendung und Eigenart, als Werke der Kunst, immer höher geschätzt. Das belegen nicht zuletzt die Raubzüge der Römer, die sich die Meisterwerke der griechischen Kunst aneigneten, um sie bei sich aufzustellen und vielfach zu kopieren. Wegweisende Leistungen der Griechen und Römer für die weitere Entwicklung der europäischen Kunst war die Entwicklung der Säulenordnungen als Grundlage des Architektursystems und in der bildenden Kunst die Zielvorgabe einer idealisierenden Naturwiedergabe.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.