Suchansicht Millennium: Weltgeschichte im Überblick

Wenn Sie nach einem bestimmten Wort, Namen bzw. Thema in diesem Artikel suchen möchten, wählen Sie in Ihrem Browser die entsprechende Option für Suche innerhalb der Seite. Im Internet Explorer finden Sie diese Option im Menü Bearbeiten.

Bei der Suche wird genau das Wort bzw. die Phrase berücksichtigt, das (die) Sie eingegeben haben. Sollte die Suche keine Ergebnisse zeitigen, versuchen Sie, nach einem Schlüsselwort in Ihrem Thema zu suchen bzw. die Schreibung des betreffenden Wortes oder Namens zu überprüfen.

Millennium: Weltgeschichte im Überblick
1. Einleitung

Unabhängig von der akademischen Frage, ob das 21. Jahrhundert und das 3. Jahrtausend 2000 oder 2001 beginnen, erhob sich zum Jahreswechsel 1999/2000 das elementare Bedürfnis nach Rückblick auf das vergangene Jahrtausend. Das hat nichts mit eschatologischer Zahlenmystik seit der Johannesoffenbarung mit ihrem Tausendjährigen Reich zu tun, rechtstotalitär vom Hitler-Messianismus, linkstotalitär vom Kommunismus säkularisiert. Vielmehr geht es ganz pragmatisch nur um den Ablauf der letzten 1 000 Jahre, so universalhistorisch wie möglich. Es bleibt immer noch genug Faszination des runden Datums. Irgendwelche Sinnstiftung durch den Historiker ist weder beabsichtigt noch möglich. Aber historischer Rückblick und Rechenschaft über ein Jahrtausend Weltgeschichte sind schon sinnvoll und möglich.

2. Vorlauf zu 1000

Auch das Jahr 1000, mit dem wir anfangen müssten, hat seinen Vorlauf, z. B. das Jahrtausend davor, denn in ihm entfaltete sich eine Dynamik, die sich auch nach 1000 fortsetzte, bis heute. Unser ausgehendes Jahrtausend ist Ergebnis älterer universaler Prozesse und Strukturen, mit unendlich vielen Varianten nach Zeit und Raum. Am spektakulärsten ist rein quantitativ die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung, qualitativ das exponentielle Wachstum der Wirtschaft, Produktivität, Informationen, technischen Möglichkeiten, konstruktiven wie destruktiven, u. a. durch immer „bessere” Waffen.

Ohnehin fällt der Beginn unserer modernen Zeitrechnung vor 2 000 Jahren mit dem Höhepunkt der Eurasischen Antike im Römischen Reich zusammen, der „Pax Romana” unter Kaiser Augustus, der „ein Gebot ausgehen” ließ, „dass alle Welt geschätzet werde”: Aber die Volkszählung als Grundlage der Besteuerung galt nur für das kurz zuvor von Rom annektierte „Jüdische Land”. Gleichzeitig stand auch das China der Han-Dynastie auf dem Höhepunkt seiner antiken Größe. Und zur Vorgeschichte des 1. Jahrtausends nach gehört auch das Jahrtausend vor Christi Geburt. So wären wir bei 3 000 Jahren Geschichte angelangt, nach Goethe unverzichtbar zum Verständnis der Gegenwart:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
Weiß sich Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.”

1. Innere Einheit der älteren Weltgeschichte: das Eurasische System

So reicht es, sich an die überragenden Schwerpunkte des gesicherten historischen Wissens zu halten, die ältere Geschichte des Tri-Kontinents Eurasien (Europa, Asien, Nordafrika). Hier liefern der Ferne Osten (China) und Ferne Westen (Europa bis Persien) 99 Prozent allen Wissens über die ältere Geschichte als bekannte Vergangenheit des Menschen.

Erst ein wirklich globalhistorischer Horizont gibt den Blick frei auf ein weiteres Stück innerer Einheit der älteren Weltgeschichte, gestiftet vom Eurasischen System, frei von eurozentrischen Verengungen und Verzerrungen – die großen vier Weltzivilisationen mit ihren Großreichen, verknüpft durch den Interkontinentalen Fernhandel zwischen dem Westen und China, beide mit faszinierenden Parallelen und Verbindungen. Dagegen bleiben alle anderen Regionen für einen groben Überblick buchstäblich peripher, vor allem die beiden bis 1492 völlig isolierten Kontinente Alt-Amerika und Australien/Neuseeland, selbst das noch lange weitgehend isolierte Schwarzafrika.

Geographisch wie strukturell lässt sich die ältere Weltgeschichte in Spannung zwischen Fernem Osten und Westen sehen. Dazwischen bewegten sich Indien und Persien in den Rhythmen ihrer je eigenen Entwicklungen, Indien unter dem Druck immer wiederkehrender Einfälle vor allem von Nordnomaden (Türken, Mongolen), Persien auch von Südnomaden (Arabern).

1.1. Die großen Weltzivilisationen: Alter Westen, Persien, Indien, China

Vor etwa 5 000 Jahren begann im Alten Westen (Mesopotamien, Ägypten) mit dem qualitativen Sprung zur Zivilisation artikulierte Geschichte, basierend auf der Schriftlichkeit altorientalischer Hochkulturen. Danach schälten sich vier große Zivilisations- und Machtzentren heraus – der Alte Westen, zunächst von Rom bis Persien; Persien, das sich später als eigenes Zentrum aussonderte; Indien und China. Sie bestreiten, jede auf ihre Weise, zusammen den größten Teil der bekannteren älteren Weltgeschichte, bis 1492/98. Zugleich sind die vier Zentren vier große Möglichkeiten der Zuordnung von Zivilisation und imperialer Macht, bei allen gemeinsamen Strukturmerkmalen mit tief greifenden Unterschieden, gesteuert von unterschiedlichen religiösen Grundlagen, d. h. der Art, wie sie das Diesseits und Jenseits einander zuordnen: China ist seit alters her überwältigend dem Diesseits zugewandt, extrem pragmatisch und praktisch; Indien dagegen ist überwältigend dem Jenseits zugewandt, mit dem Glauben an die Seelenwanderung, gipfelnd im erlösenden Nirwana. Religiös wie in den irdischen Konsequenzen sind China und Indien weithin wie Materie und Antimaterie. Der Alte Westen war eher gemischt – überwiegend irdisch, mit einer starken metaphysischen Komponente, die sich im modernen Neuen Westen freilich durch den Prozess der Säkularisierung stark abschwächte, bis hin zum offenen Atheismus.

China brachte selbst keine Hochreligion hervor, sondern importierte Hochreligionen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Umfang aus seinem Westen – dem Nahen (Indien) den Buddhismus, dem Mittleren Westen (Arabien) den Islam, dem Fernen Westen (Europa) das Christentum. Die staatlichen Konsequenzen unterschiedlicher „Welt-Anschauungen” sind gravierend: Von den vier großen eurasischen Zivilisationen und imperialen Machtzentren weist China die größte Kontinuität auf: Im am stärksten expandierenden, zentralisierenden und assimilierenden Reich der Weltgeschichte überwog die staatliche Zusammenfassung, während Perioden der Zersplitterung und inneren Konflikte immer seltener und kürzer wurden. Umgekehrt überwogen für Indien lange Perioden staatlicher Zersplitterung, während imperiale Zusammenfassung des (fast) ganzen Subkontinents seltene Ausnahme blieb – am längsten hielt noch die britische Kolonialherrschaft (1856-1947), die „Pax Britannica”. Der Westen brachte, wie China, Machtstrukturen mit klaren Identitäten und langfristigen Kontinuitäten hervor, aber auch, in der Abfolge von Großreichen seit dem Alten Orient, so viele Staaten – große und kleine Reiche, Stadt- und Nationalstaaten – mit komplizierten Beziehungen unter- und gegeneinander hervor, dass schon wieder der Eindruck chaotischer Fülle entsteht, aber anders als in Indien.

Mit der allmählichen Verlagerung des Alten Westens vom Alten Orient zum lateinischen Westen gewann Persien Freiraum als jüngstes und kleinstes Macht- und Kulturzentrum, das deshalb in seiner welthistorischen Bedeutung leicht übersehen wird: Es schwankte zwischen dreimaliger imperialer Zusammenfassung und plötzlicher Überwältigung durch Eroberungswellen: Das Altpersische Reich der Achämeniden (550-330 v. Chr.) wurde vom Alexanderzug überschwemmt. Nach einem 500-jährigen Wandlungsprozess erstand Persien mit dem Sassaniden-Reich 224 n. Chr. wieder neu auf, überschwemmt vom Siegeszug des Islam (641-652). Danach benötigte Persien 850 Jahre, bis es mit dem Safawiden-Reich 1500 wieder auftauchte. Jedes Mal restaurierte sich Persien/Iran auf einem kleineren Territorium und einer anderen religiösen Grundlage. Zugleich dehnte sich seine kulturelle Prägung weit über seinen schrumpfenden imperialen Herrschaftsbereich aus, zuletzt vom Osmanischen Reich im Westen zu Teilen Zentralasiens und bis zum Mogulreich in Indien (1526-1856). Stets blieb Persien zutiefst geprägt vom Dualismus, dem ständigen Kampf zwischen Gut und Böse, den später die monotheistischen Religionen übernahmen, Judentum, Christentum und Islam.

Auf dem Höhepunkt der Eurasischen Antike um Christi Geburt bildeten vier Großreiche eine Zone der Zivilisation und des (relativen) imperialen Friedens: Rom, Parther/Perserreich, das Kuschan-Reich im nördlichen Indien und in Afghanistan sowie Han-China. Die „Pax Imperialica” wirkte auch gegen die immer wieder von Norden aus Zentralasien andrängenden Nomaden. Unter ihrem Druck zerbrach der imperiale Frieden, vorbereitet durch Feudalisierung und interne Konflikte. Die Osthunnen zerstörten direkt das Han-Reich und eroberten halb China bis zum Jangtsekiang, während die Westhunnen seit 375 ostgermanische Stämme, die panikartig vor ihnen flohen, ins Römische Reich drängten, als Auftakt zur „Völkerwanderung”. Nach Zwischenrestauration des Imperiums in Ost (Sui- und Tang-Dynastie in China, 589/618) und West (Machtübernahme der Karolinger im Frankenreich als Hausmeier 687 und Könige 751) brach mit dem Tod Karls des Großen (814) und dem Niedergang der Tang-Dynastie (ab ca. 830) neue Instabilität aus.

Für die ältere Weltgeschichte am bedeutsamsten sind daher (jeweils von China und vom Westen her gesehen) der Ferne Westen und Ferne Osten (vom Westen her gesehen). Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches repräsentierten China und der lateinische Westen zwei extrem unterschiedliche Varianten überwiegend dem irdischen Dasein zugewandter Staatlichkeit – China das extrem zentralisierende, das Individuum dem von oben herrschenden Kollektiv total unterordnende Megakollektiv; der lateinische Westen nie wieder imperial oder auch nur hegemonial zusammengefasst, beruhend auf dem autonomen Individuum, das seine Interessen kollektiv von unten in selbst bestimmten Strukturen selbst organisiert.

1.2. Der Interkontinentale Fernhandel

Die vier großen Zivilisations- und imperialen Machtzentren waren locker und indirekt durch Fernhandel zwischen dem Fernen Osten und Westen verbunden. Für die großräumige und langfristige Verbindung zwischen China und dem Westen durch den Interkontinentalen Fernhandel gab es grundsätzlich zwei große Routen, die sich gegenseitig ergänzten und streckenweise auch in Teilabschnitten kombinieren ließen, beide Routen zugleich mit mehreren regionalen Varianten: Die vermutlich ältere war die Seeroute im Süden, zunächst zwischen Indus und Euphrat/Tigris, später nach Ost und West ausgeweitet vom Chinesischen Meer über den Indischen Ozean und den Persischen Golf bzw. das Rote Meer bis zum Mittelmeer.

Der überwiegend maritimen Südroute entsprach eine überwiegend kontinentale Nordroute, deren Herzstück Zentralasien war, während das Schlussstück das Schwarze Meer mit der Halbinsel Krim bildete. Beide liefen, bis zum Höhepunkt des Interkontinentalen Fernhandels, in Konstantinopel zusammen, von wo aus der Fernhandel vor allem über Italien auf das lateinische Europa ausstrahlte – bis zum Beginn der lang anhaltenden Agonie des Byzantinischen Reiches seit der Schlacht bei Mantzikert 1071. Wegen der überragenden Bedeutung eines Handelsgutes heißen beide Routen „Seidenstraße”. Selbstverständlich waren auch Regionen zwischen den beiden großen Ecksäulen des Eurasischen Systems wichtig, als Vermittlungsstationen wie für den regionalen Fernhandel, ferner als eigenständige Produktionszentren, die ihre Güter in den Fernhandel einspeisten, vor allem Südostasien (Gewürze), Indien (Baumwollstoffe, Indigo) und Persien (Teppiche).

1.3. Sklavenhandel und Sklaverei

Leicht übersehen wird die Nord-Süd-Dimension des Interkontinentalen Fernhandels. Hier spielten Nomaden im Norden (Türken, Mongolen) und Süden (Araber, Berber, Tuareg) die überragende Rolle, vor allem durch Kontrolle des Fernhandels und Bereitstellung eines für die Macht- und Zivilisationszentren des Alten Westens wesentlichen Handelsgutes: Menschen als Sklaven, die, ob männlich oder weiblich, als meist billige Arbeitskräfte unentbehrlich wurden, auch zur biologischen Reproduktion (Frauen) und als Militärsklaven (Männer). Indien und China benötigten keinen Sklavenhandel, weil sie aus unterschiedlichen strukturellen Gründen ihren Bedarf an billigen Arbeitskräften selbst decken konnten: Indien hatte seine niedersten Kasten und die Kastenlosen, China genügend Kriegsgefangene sowie ein großes Menschenreservoir im Inneren, vor allem zur Rekrutierung von Sklaven und Eunuchen für den kaiserlichen Hof.

Sklaverei und Sklavenhandel waren mehr (muslimische Reiche) oder weniger (lateinischer Westen) so sehr integrale Bestandteile der ökonomischen und sozialen Strukturen, dass es zwecklos ist, darüber nachträglich zu moralisieren: Militärisch überlegene Nord- wie Südnomaden fingen Sklaven in Razzien ein oder erhielten sie als Zwangstribute von politisch zersplitterten, daher militärisch schwachen Bauerngesellschaften. Handelsstädte an den äußersten Peripherien der Zivilisation vermittelten sie in die Macht- und Zivilisationszentren, vom Südrand des Mittelmeeres bis Persien. Die ältesten solcher Handelsstädte seit der Antike waren griechische am Nordrand des Schwarzen Meeres und auf der Krim, später Städte an der Ostküste Afrikas aus persisch-arabisch-negrider Wurzel. Zuletzt kamen ab 1000 n. Chr. Städte am Südrand der Sahara hinzu, die die südliche Grenze des Islam und des Sklavenhandels bildeten.

Nordnomaden lieferten weiße, Südnomaden schwarze Sklaven, die in muslimischen Reichen als Militärsklaven („Mamelucken”) aufeinandertrafen, in Krisen- und Konfliktzeiten auch gegeneinander kämpften. Ihr unterschiedlicher militärischer Rang spiegelt ein Stück universalen Proto-Rassismus wider: Die weißen Sklaven stellten meist die prestigereichere Kavallerie, die schwarzen das mindergeachtete Fußvolk, auf das weiße Mamelucken gern herabschauten.

1.4. Ältere Goldwährungen

Das komplexe Zusammenspiel von politischer Stabilität oder Instabilität, ökonomischer Prosperität oder Verarmung im Auf und Ab des Interkontinentalen Fernhandels steuerte auf weite Strecken unsichtbar die Beziehungen zwischen Altem Osten (China, Indien) und bis 1492/98 noch Altem Westen: Symbol und zentrales Instrument aller drei Aspekte war seit der Antike die Goldwährung (Münzen). Sie zeigte den Schwerpunkt der am weitest entwickelten Region an, zumeist in imperialen Großreichen – vor allem der Kroiseios in Lydien (560-547 v. Chr.), zunächst von den Persern weitergeprägt (bis 520 v. Chr.), der Dareikos im Perserreich (ca. 510 v. Chr.), der Aureus unter Caesar im Römischen Reich (45 v. Chr.).

Die stabilste aller Goldwährungen war der oströmisch/byzantinische Goldsolidus (auch „Byzantiner” genannt), eingeführt von Konstantin dem Großen 324: Ursprünglich nur Reichswährung des gerade zum letzten Mal wiedervereinigten Römischen Reiches, gewann er das Vertrauen als große Leitwährung für den Interkontinentalen Fernhandel durch verschiedene Maßnahmen der Reichzentrale, die den Goldgehalt des Solidus stabil, „solide” hielten, von Portugal im Fernen Westen bis China im Fernen Osten, und das fast 750 Jahre lang: Erst bald nach der traumatischen Niederlage von Mantzikert gegen die seldschukischen Türken 1071 verfiel der Goldsolidus durch Beimengung minderwertiger Metalle – die ältere Form der Inflation. An seine Stelle traten allmählich Goldmünzen aus dem lateinischen Westen, zunächst in Florenz der Florentiner (1252), in Venedig der Dukat (1284), ohne je die überragende Stellung des Goldsolidus als internationale Leitwährung zu gewinnen. Aber die Goldmünzen aus italienischen Stadtstaaten, später auch aus Frankreich, der größten Nationalmonarchie Europas bis 1789, zeigten bereits die kommende Verlagerung der Weltwirtschaft zum lateinischen Westen an.

Paradoxerweise lassen Goldwährungen des Westens ein strukturelles und langfristiges Ungleichgewicht im Interkontinentalen Fernhandel erkennen: Die hochwertigen Handelsgüter kamen aus dem Osten, vor allem Indien und China. Der Ferne Westen, selbst das Römische Reich, war dagegen in seiner Wirtschaft noch so wenig komplex und differenziert, dass er für Importe, meist teure Luxuswaren, keine annähernd gleichwertigen Güter anzubieten hatte. Bezeichnende Ausnahme waren Qualitätswaffen aus dem Raum zwischen Köln und Lüttich, wo es, noch aus der vorrömischen, keltischen Zeit, eine lange Tradition der Verarbeitung von Kupfer und Eisen gab. Sonst aber zahlte der Ferne Westen nur mit Edelmetallen – Gold und Silber, gemünzt oder ungemünzt (englisch bullion): Rund 2 000 Jahre lang hielt die unausgeglichene Handelsbilanz für den Westen an, ein ständiger Abfluss von Gold und Silber in den Osten, so dass die Beschaffung von Edelmetallen zur Finanzierung der Importe aus dem Osten stets ein drängendes Problem blieb. In der Antike kam Gold noch aus der europäischen Peripherie (Irland im Westen, Dakien im Südosten), seit dem Mittelalter überwiegend aus Afrika, erst aus Nubien, für das alte Ägypten das Goldland (nub: Gold) schlechthin, später aus Westafrika.

Auf den Wegen des Interkontinentalen Fernhandels zu Lande wie zu Wasser wanderten Kulturgüter und -techniken aus dem Alten Osten in den Westen, die zusammen erst die spätere technische Überlegenheit des Neuen Westens ermöglichten. Umgekehrt wanderten aus dem Westen nach Osten vor allem Gold und Silber zur Finanzierung des Interkontinentalen Fernhandels, aber auch religiöse Ideen, oft in Personalunion von Kaufleuten und Missionaren.

2. Eurasische Weltenwende um 1000

Erst nach diesem welthistorischen Rundblick bis um 1000 wird es sinnvoll und möglich, sich an einen Rückblick nach 1000 zu wagen, weil nun Anknüpfungen an die Geschichte davor leichter fallen. Aus der Perspektive Eurasischer Weltgeschichte gewinnt das Jahr 1000 als Symboldatum eine überragende Bedeutung, denn es markiert im Rückblick tatsächlich eine tief greifende Wende.

Die Stilllegung der letzten Invasoren Westeuropas, im Westen der Normannen 911 durch Eingliederung ins Westfränkische Reich als Lehensleute, im Osten der Ungarn 955 durch die seit 911 annähernd vereinten Deutschen in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg, ermöglichte dem von Rom zivilisatorisch und kulturell geprägten lateinischen Westen die breite Wiederanknüpfung an Zivilisation und imperiale Herrschaft. Um 1000 war auch die Christianisierung Europas fast abgeschlossen, bis auf die weitgehend isolierten baltischen Völker.

Noch vor 1000 erreichten der Ferne Osten und der Ferne Westen fast gleichzeitig neue imperiale Stabilität: In China stellte die Sung-Dynastie 960 die Reichseinheit wieder her, zwei Jahre später folgte die Restaurierung des Römischen Reiches Karls des Großen mit der Kaiserkrönung Ottos I. in Rom 962. Erste Eroberungen der Türken nach Süden und die Expansion des Islam jenseits der Sahara, beide um 1000, führten erstmals einen fortan wichtigen Faktor neu ein (Türken in den Zivilisationszentren) bzw. setzten die Expansion des Eurasischen Systems fort, nach Süden durch den Islam, denn die neuen islamischen Städte am Südrand der Sahara ab 1007 dienten vor allem dem Eurasischen Fernhandel, Sklavenhandel mit einbegriffen.

2.1. China (960-1979)

China, das älteste noch heute bestehende imperiale Macht- und Zivilisationszentrum, regenerierte sich kontinuierlich, über alle Brüche hinweg, immer wieder von neuem. Nach Perioden imperialer Einheit und Expansion erlag es zwischendurch Invasionen turkmongolischer Nordnomaden, die ihrerseits immer wieder das chinesische Kaiserreich und seine Hochkultur erneuerten und weiter ausdehnten, zuletzt Mongolen (1280-1368) und Mandschus (1644-1911). Mit der allmählichen Umwandlung der Steuern von Sachlieferungen auf Geldzahlungen entfesselte die Sung-Dynastie eine ökonomische und demographische Dynamik, die China für rund 500 Jahre zur stärksten Wirtschafts- und Wissenschaftsmacht Eurasiens aufsteigen ließ. Es wurde Motor des Interkontinentalen Fernhandels, der älteren Form des Welthandels. In seiner pragmatischen Hinwendung zur Diesseitigkeit entfaltete China eine welthistorisch weit reichende Erfindungskraft. Zahlreiche technische Neuerungen, die uns selbstverständlich geworden sind, kamen ursprünglich aus China – Bronzeguss, Papier, Steigbügel, Porzellan, Kompass, Schießpulver und erste Feuerwaffen; Seide, Tee (aber aus Indien), Buchdruck, Armbrust, Kummet und vieles andere mehr.

Aber noch vor der vollständigen Eroberung durch die Mongolen (1280) war die Innovationskraft Chinas erlahmt, selbst nach der nationalen Restauration unter der Ming-Dynastie (1368-1644). China erstickte gleichsam an seiner enormen Größe, Zentralisierung und rigorosen Kontrolle aller Lebensäußerungen von oben. Sie ließ dem Individuum kaum Spielraum, erdrückte jede Privatinitiative, so dass viele Erfindungen keine Umsetzung in der Gesellschaft fanden. Mit seiner freiwilligen Selbstisolierung Chinas ab 1438, der sich auch Japan und Korea anschlossen, klinkte sich der Ferne Osten selbst aus der Dynamik in der Welt aus, die fortan vom äußersten Fernen Westen ausging, dem atlantischen Rand Westeuropas und Eurasiens. Somit eröffnete China selbst seine langfristige Stagnation, wenn auch auf noch immer hohem kulturellem Niveau, und ein Zurückfallen, nach einigen Schwankungen im 20. Jahrhundert seit der Chinesischen Revolution 1911/12, im Grunde bis zur Neuöffnung 1979 unter Deng Xiaoping. So erweist sich China geradezu als die Antimaterie zum lateinischen Westen.

2.2. Islam, ab 632: Araber und Türken; Schwarzafrika

Nachhaltig wirkte, über die Epochenwende um 1000 hinweg, der militante Aufbruch der muslimischen Araber. Er ging zunächst von der Arabischen Halbinsel aus, die der Prophet Mohammed (622-632) geeint hatte. Die imperiale Expansion traf von Süden zuerst Byzanz und Persien und mündete in die Errichtung des Kalifats (634-1258). Es trat an die Stelle Persiens und der östlichen wie südlichen Provinzen von Ostrom/Byzanz. Die neue Hochkultur des Islam vereinte – religiös, als monotheistische Religion, wie kulturell und staatlich – Elemente des Juden- und Christentums mit einheimischen vorislamischen, ferner griechische und persische mit arabischen, die so zu einer neuen Synthese verschmolzen.

Die anhaltende Schwäche des Kalifats nach dem Tod von Harun ar-Raschid (809) und einem blutigen Bürgerkrieg (809-813) gab allmählich dem eroberten persischen Element neuen Auftrieb, zunächst noch im Rahmen des Kalifats, und ließ später auch aus dem Norden den Türken freie Bahn zur Ausfüllung des sich auftuenden gewaltigen Machtvakuums. Schon zuvor waren Türken als Kriegersklaven (Mamelucken) ins Kalifat eingesickert und hatten, nach Bekehrung zum Islam, Schlüsselstellungen im niedergehenden Kalifat inne. 998 eröffneten sie auf eigene Rechnung die Eroberung Nordwestindiens, des heutigen Pakistan, bald nach 1000 eroberten die seldschukischen Türken, inzwischen ihrerseits islamisch, Persien (1040) und den Irak mit Bagdad (1055).

Nach 1000 zerschlugen die seldschukischen und osmanischen Türken in zwei Schüben Byzanz. Die Agonie des Byzantinischen Reiches begann mit der traumatischen Niederlage von Mantzikert in Armenien gegen die Seldschuken (1071) und zog sich bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) hin. Diese lange Agonie wiederholte sich später strukturell mit dem Nachfolgereich von Byzanz, dem Osmanischen Reich, nach seiner entscheidenden (zweiten) Niederlage vor Wien 1683 und im 3. Russisch-Türkischen Krieg (1768-1774), bis zu seinem endgültigen Untergang nach dem 1. Weltkrieg 1923.

Auch auf Teile Schwarzafrikas griff die Expansion des Islam über: Seine wandernde Grenze schob er durch die Sahara nach Süden und vom ostafrikanischen Küstensaum nach Westen vor, in einer Kombination von Mission, meist durch Kaufleute, militärisch-politischer Eroberung und Ausweitung des Sklavenhandels in Regionen der „Ungläubigen” (kafir), deren Versklavung nach dem Koran Muslimen erlaubt war. Mit der Islamisierung Kanems 1007 begann am Südrand der Sahara die Errichtung einer ganzen Kette muslimischer Fernhandelsstädte und Staaten, deren ökonomische Grundlage vor allem auf dem Gold- und Sklavenhandel mit dem Mittelmeerraum beruhte. Staaten in Schwarzafrika erhielten so als eurasische Randkulturen zunehmend ihre kulturell-religiöse Prägung vom Islam, mit abnehmender Intensität: je weiter entfernt von den Zentren des arabischen Islam, desto schwächer.

Jenseits der muslimischen Reichweite setzte sich die große Bantu-Expansion fort, die im 1. Jahrhundert n. Chr. vom heutigen Nordkamerun aus als großes Kontinuum schwarzafrikanischer Geschichte weite Teile Schwarzafrikas erfasste, zunächst nach Osten, dann entlang den Küsten des Atlantiks und des Indischen Ozeans nach Süden, bis sie ab 1772 auf die Expansion der Buren aus der Kapkolonie stieß.

2.3. Europa um 1000

Seit 955 herrschte im lateinischen Europa fortan für fast 1 000 Jahre ein relativer Frieden, weil in dieser Zeitspanne alle Kriege innereuropäische Konflikte waren: Invasoren von außen kamen über den südöstlichen Rand Europas nicht hinaus – Mongolen 1241, Türken vor Wien 1529 und 1683. Schon dieser relative Frieden ermöglichte eine demographische und ökonomische Expansion, die bald zur territorialen Expansion überging: Die systematische Verdrängung der Araber/Sarazenen aus Süditalien und den großen Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien (1020-1090) setzte sich nahtlos in der Iberischen Reconquista ab 1064 und in den Kreuzzügen (1095-1291) fort, die sich indes ebenso gegen Byzanz wie den Islam als vordergründigen Gegner richtete. Wiederaufleben der Landwirtschaft, ausgehend von der Île-de-France um Paris, der endgültigen Hauptstadt des mittelalterlichen Frankreich ab 987, Wiederaufnahme des interkontinentalen Fernhandels nach Indien und China, bei der Juden oft eine Pionierrolle zufiel, Wiederbelebung der Geldwirtschaft und der Städte, alles gekrönt durch imperiale Stabilität in Ost (Sung 960) und West (962), stießen auch im lateinischen Westen eine enorme Dynamik an. Sie setzte sich in einem bisher über 1 000-jährigen Boom um, allen zeitlichen oder regionalen Schwankungen zum Trotz, hervorgerufen durch Hungerkrisen (ab 1300), die Große Pest in Europa (1347-1351), lang anhaltende Kriege und Wirtschaftskrisen.

2.4. Der Neue lateinische Westen: Individuen und Pluralismus – die sich von unten selbst organisierende Gesellschaft

Noch im lang anhaltenden Chaos bildeten sich auf den Trümmern des Weströmischen Reiches, im lateinischen, d. h. kulturell und kirchlich von Rom geprägten Westeuropa die Grundlagen eines welthistorisch neuen Typs von Gesellschaft heraus, die sich von unten selbst organisierte. Besonders im poströmischen Gallien bzw. Frankenreich hatten sich zwischen 476 und 955 alle überkommenen Strukturen weitgehend aufgelöst, die römischen Amtskirche ausgenommen. Übrig geblieben waren im Wesentlichen autonome Individuen. Von ihnen gingen Impulse zum zivilisatorischen und staatlichen Wiederaufbau aus, also von unten. Alte und neue Obrigkeiten repräsentierten daher die neue Gesellschaft eher und koordinierten die von unten kommende neue Dynamik, als sie von oben zu kommandieren.

Die Konstituierung der sich von unten selbst organisierenden Gesellschaft war schon vor 1000 angelaufen und weit gediehen, noch im „finsteren”, d. h. nachrichten- und quellenarmen Mittelalter und fand nach 1000 im Wesentlichen nur noch ihre institutionelle und staatlich-politische Ausprägung. Aus der kollektiven Organisation individueller Interessen bildeten sich neue Strukturen, zuerst in Italien (Benevent 1015) die Ratsverfassung städtischer Kommunen aus antiker Wurzel, später Stände in Territorialstaaten, zuerst in Nordspanien (Léon 1188) aus der permanenten Kriegführung der Iberischen Reconquista gegen die muslimischen Araber/Mauren (1064-1492).

So zeichnete sich das neue lateinische Europa, zunächst nur westlich des Rheins, im Weltmaßstab durch zwei große Besonderheiten aus:

2.5. Vielfältigkeiten des lateinischen Europa

Dem lateinischen Westen gelang seit dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 nie wieder eine imperiale Zusammenfassung oder auch nur hegemoniale Einigung des Kontinents unter einer Führungsmacht: Stets schloss sich das übrige Europa gegen jede Macht zusammen, die die Hegemonie (Vorherrschaft) oder gar imperiale Herrschaft erzwingen wollte. Zudem verteilten sich in einer pluralistischen Struktur Schwerpunkte der geistigen, ökonomischen und politisch-militärischen Macht auf verschiedene Staatsgebilde: Kulturell und wirtschaftlich führend blieben Italien und Frankreich dank ihrer stärkeren Kontinuität und größeren räumlichen Nähe zur römischen Zivilisation. Italien war Europas erstes langfristiges postimperiales Machtvakuum, politisch-staatlich fragmentiert (476-1859/61), Frankreich dagegen die stärkste Nationalmonarchie (lateinisch regnum) seit dem fast gleichzeitigen Abstieg des deutschen Reiches (ab 1198) und dem Aufstieg Frankreichs zur ersten Großmacht Europas (ab 1214).

Seit dem Sieg über die Ungarn 955 lag der militärisch-staatliche Führungsanspruch zunächst bei den Deutschen. Aber in ihrer damaligen Randlage waren sie gegenüber dem kontinentalen Alt-Europa diesseits des Limes kulturell und ökonomisch eher rückständig. Dennoch übte Deutschland als Vermittlungs- und Durchgangsland für zivilisatorische Errungenschaften nach Norden, Osten und Südosten wichtige gemeineuropäische Funktionen aus: Von drei deutschen Missionserzbistümern aus (Salzburg 798, Hamburg-Bremen 831/46, Magdeburg 968) vollendete Rom die Christianisierung des katholischen Europa, jeweils für den Südosten, Norden und Osten. Dazu vermittelte Deutschland auch geistig-geistliche und ökonomische Impulse aus Italien und Frankreich – Ratsverfassung und Stadtwirtschaft, intensive Landwirtschaft, Universitäten. Ein genuin deutscher Beitrag war die Entwicklung des europäischen Bergbaus: Vom großen Silberberg Rammelsberg bei Goslar im Harz (968) schwärmten deutsche Bergleute aus und trugen den Bergbau in einen weiten Bogen von Schweden über Polen und Ungarn bis Bosnien – selbst der Name des seit 1995 traurig bekannt gewordenen Srebrenica gehört in diesen historischen Zusammenhang (srebro: Silber): Srebrenica begann als Stadt des Silberbergbaus.

3. Hoch- und spätmittelalterliches Europa, 1000-1492/98

Während seiner Inkubationszeit ab 955/62/87 oder, wenn man eine rundere Symbolzahl bevorzugt, ab 1000, bereitete sich das lateinische Westeuropa auf seine Expansion in Übersee ab 1492/98 vor, in Kombination einheimischer Faktoren, mit Rückgriffen auf die Antike und Anregungen von außen, vor allem aus China. In komplizierten Konflikten nach innen und außen formierte sich unter Strömen von Blut das, was wir heute als westliche Zivilgesellschaft mit Rechts- und Verfassungsstaat allzu leicht als Selbstverständlichkeit nehmen: Mit all ihren Vor- und Nachteilen ist sie eine absolute Ausnahme in der Welt. Seine strukturelle Komplexität macht Europa zu einem weltbewegenden Kapitel für sich, im Mittelalter wie in der Neuzeit.

3.1. Interne Strukturgrenzen

Europa war und ist keineswegs homogen, sondern nach innen durch große Strukturgrenzen unterteilt, die sich von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit allmählich herausbildeten. Sie markieren Linien oder Zonen unterschiedlicher Entwicklungen, Strukturen und Mentalitäten der langen Dauer (longue durée), die über Jahrhunderte hinweg die Geschichte Europas steuerten, gleichsam wie aus dem historischen Untergrund. Sie entstanden dort, wo der „Prozess der Zivilisation” (Norbert Elias) für längere Zeit anhielt oder sich ausdifferenzierte. Differenzierungen brachten Konflikte und gegenseitig bereichernde Beeinflussungen, auch Mischzonen des Übergangs. Insgesamt lassen sich fünf große symbolische oder idealtypische Strukturgrenzen unterscheiden, in ungefährer chronologischer Reihenfolge:

Der türkische Islam unterwarf vor allem den orthodoxen Südosten, nur marginal auch lateinische Enklaven besonders in Albanien und der westlichen Herzegowina, vorübergehend auch den größten Teil Ungarns (1526-1686/87). Daher überlagerte die neue Strukturgrenze teilweise auch die ältere Strukturgrenze von 395/1054: Die Drina, 395 Grenze zwischen West- und Ostrom, wurde nun auch Grenze zwischen orthodoxen Serben (bis 1878 unter osmanischer Herrschaft) im Osten und dem überwiegend muslimischen Bosnien im Westen. Die Strukturgrenzen von 395/1054 und 1529 brachen nach dem Zusammenbruch im Jugoslawienkrieg wieder brutal auf, erst zwischen Kroaten und Serben, beide gegen Muslime; zuletzt Serben gegen Albaner im Kosovo.

3.2. Eine westliche Besonderheit: der Nationalstaat

Eine Konsequenz aus der sich von unten selbst organisierenden Gesellschaft waren die spätmittelalterlichen Nationalmonarchien westlich des römischen Limes. Als postimperiale Nachfolgestaaten entwickelten sie nach 1000 proto-nationale Identitäten, auf der sozialen Grundlage im Prinzip (mehr oder weniger) autonomer Städte, tendenziell frei werdender Bauern und des niederen Landadels gegen die Hocharistokratie. Verfassungsrechtlich als ständische Monarchien, in denen proto-parlamentarische Stände den Staat ebenso machten wie die Krone als Vertreterin der gesamtstaatlichen Interessen, entfalteten sich erste Ansätze zum modernen Rechts- und Verfassungsstaat, auf dem Kontinent mit Weiterentwicklungen des römischen Rechts, bis hin zum Code Napoléon (1804) und seinen nationalen Fortschreibungen, u. a. in Deutschland das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) (1900). Frankreich, England, Spanien und Portugal wurden die westeuropäischen Modelle, ergänzt um die skandinavischen Monarchien, später um die Schweizer Eidgenossenschaft (ab 1291) und die Generalstaaten (= Generalstände) der Neuen, der nördlichen Niederlande der sieben Provinzen unter Führung Hollands (1581). Italien und Deutschland dagegen waren langfristige postimperiale Machtvakuen seit 476 (Untergang Westroms) bzw. 1198 (Thronstreit zwischen Welfen und Staufen in Deutschland) und fanden erst im 19. Jahrhundert zur nationalstaatlichen Einigung durch Risorgimento (1859/61/70) und Reichsgründung (1871).

Zur Entwicklung des lateinischen Europa leisteten mehrere werdende Nationen ihre Beiträge: Aus Italien kamen die Kirche (Rom), Reste der antiken Zivilisation und Erneuerung der städtischen Wirtschaft, nach 1000 kommunale Autonomie (Räte), aus Frankreich als größtem Königreich und stärkster Nationalmonarchie vor allem intensive Landwirtschaft und der zentralistische Fiskal- und Flächenstaat, aus Deutschland Bergbau, Buchdruck und Reformation. Im Spanien der Reconquista entstanden in Léon, dem Vorläuferstaat Kastiliens, die ersten Stände (1188) von England nach der Magna Charta 1215 schubweise weiterentwickelt zum Parlament, das seit dem späten 17. Jahrhundert die Souveränität im Staate errang. Portugal eröffnete die Expansion Europas in Übersee mit der Eroberung Ceutas 1415. Holland steuerte im 16. Jahrhundert die damals modernste und intensivste Form der Landwirtschaft und vorindustriellen Produktion bei, dazu Toleranz (für Juden) und Grundlagen des Völkerrechts (Hugo Grotius); England die erste moderne Revolution, den Rechts- und Verfassungsstaat, die industrielle Revolution; Frankreich die souveräne demokratische Nation, politisch durch die Französische Revolution 1789 mit ihren Folgerevolutionen (u. a. 1830, 1848), rechtlich durch den Code Napoléon (1804). Polen lieferte im Zeitalter der Gegenreformation die (relativ) mildeste Variante der katholischen Gegenreformation in praktizierter Toleranz. Im seit 1198 in autonome, seit dem Westfälischen Frieden 1648 souveräne Teilstaaten zerfallenden Alten Reich der Deutschen vollzog sich die Hinwendung zum modernen Fiskalstaat (Steuer- und Beamtenstaat) auf der Ebene fürstlicher Territorialstaaten, als Vorform des modernen bundesstaatlichen Föderalismus.

3.3. Große Krisen und Konflikte im spätmittelalterlichen Europa: Pest, Hundertjähriger Krieg, Abendländisches Schisma

Auf den traditionellen Handelswegen breitete sich auch die Große Pest von Ost nach West aus, wieder zu Wasser und zu Lande. Sie war das größte Einzelereignis der älteren Eurasischen Geschichte, das den Tri-Kontinent miteinander auf makabre Weise verband. Die Große Pest begann in der Wüste Gobi, erreichte China 1338, wo sie beitrug, die Fremdherrschaft der immer noch verhassten Mongolenkaiser zu untergraben, so dass die nationale Revolution der Ming-Dynastie 1368 die nächste Periode imperialer Größe Chinas einleitete.

Von China aus fegte die Große Pest wie ein gewaltiger Wirbelsturm quer durch Eurasien und erreichte 1347 über die Krim und die Levante Italien, 1348/49 das übrige Europa. So schwer die Verluste in Europa an Menschen auch waren – rund ein Drittel der Bevölkerung –, in den übrigen betroffenen Großregionen wirkte sie noch verheerender: China, Indien, die arabischen Länder, die Mongolen, gerade auch im äußersten Westen die Tataren litten unter den Bevölkerungsverlusten so stark, dass sie auch ökonomisch und politisch auf Dauer geschwächt wurden, stagnierten und zurückfielen. Dagegen steckte das lateinische Europa die schweren Bevölkerungsverluste der Großen Pest langfristig leichter weg, so dass sich schon nach einem Jahrhundert die Dynamik des Bevölkerungswachstums seit 1000 wieder fortsetzte.

Die Große Pest fiel in die Anfangsphase des größten intereuropäischen Konflikts im Spätmittelalter, des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich (1337/39-1453), den die beiden mächtigsten und stilprägenden Nationalmonarchien des lateinischen Europa gegeneinander austrugen. Frankreich hielt sich am Ende als größte und stärkste Nationalmonarchie Europas. Dagegen war das Heilige Römische Reich (erst seit 1486 auch: „Deutscher Nation”) schon seit dem Thronstreit zwischen Welfen und Staufern 1198 vom ersten Machtzentrum des mittelalterlichen Europa zum zweiten großen Machtvakuum (nach Italien seit 476) abgesunken, gefolgt von Polen ab 1648. Hinter der Fassade der formal weiterexistierenden Kaisermacht stiegen die Reichsstände, vor allem Fürsten und freie Reichsstädte, zu autonomen, seit dem Westfälischen Frieden 1648 auch souveränen Territorien auf. Im Reich wuchsen, wie so oft in der Geschichte, Markgrafschaften an der militarisierten Ostgrenze zu neuen Machtzentren heran. Später übernahmen sie, auf unterschiedliche Weise, das ältere, staatlich zersplitterte, zum Machtvakuum abgesunkene ehemalige Machtzentrum – erst Österreich als Kaisermacht im Alten Reich 1438-1806 und Präsidialmacht des Deutschen Bundes 1815-1866, später Brandenburg-Preußen durch Herausdrängung Österreichs aus Deutschland 1866 und die Reichsgründung von 1871, alles auf der Basis der rascheren und intensiveren Industrialisierung. Dazwischen blieb das (in diesem Zusammenhang meist vergessene) Sachsen machthistorisch auf der Strecke.

England und Frankreich fanden schon im Hundertjährigen Krieg zu ihrer konträren „nationalen” Identität, wie Spanien und Portugal durch die Iberische Reconquista zur Vertreibung des Islam (1064-1492). Die Reconquista war abgeschlossen nach außen durch die Eroberung Granadas (1492) und sollte nach innen vollendet werden durch die sich sofort anschließende Vertreibung der Juden aus Spanien. Sie eröffnete aber nur, durch sozioökonomische Selbstverstümmelung, den wirtschaftlichen Abstieg Spaniens, weiter beschleunigt durch Vertreibung der Morisken aus Andalusien (1609).

Die Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 vollendete die nachhaltige Verschlechterung der Lage für die europäischen Juden seit den Kreuzzügen, seit Pogromen am Rhein (1095/96, 1147) und in England (1189). Vertreibungen aus England (1290), Frankreich (1394) und Spanien (1492), abgerundet durch die (formalen) Zwangstaufen aller Juden in Portugal (1497), beschränkten die Zulassung der europäischen Juden auf Teile des Reichs, auf Italien und Polen. Die nächste Katastrophe traf die Juden mit dem Chmielnicki-Aufstand der Dnjepr-Kosaken gegen Polen (1648-1655) und dem sich anschließenden Russisch-Polnischen Krieg (1648-1667): Orthodoxe Bauern und Kosaken schlachteten rund 100 000 polnische Juden ab, die als verhasste Zwischenschicht die Interessen des katholischen polnischen Adels vertraten.

Ungefähr gleichzeitig zum Hundertjährigen Krieg lähmten das Avignonische Exil der Kirche in Avignon (1309-1377) und das sich anschließende Große Abendländische Schisma (1378-1417) die römische Christenheit. Beide gaben Raum zu unterschiedlichen Tendenzen: Episode blieb der Versuch der Konzilien (1409-1448), die absolute Macht des Papstes durch Versammlungen der Bischöfe und Äbte als gleichsam geistliche Stände zu beschränken. Mit ihrer Einteilung in nationes, nach dem Vorbild der Universitäten in vier, seit Konstanz 1415 fünf landsmannschaftliche Untergliederungen (italienische, deutsche, englische, französische, spanische), lieferten die Konzilien einen lockeren begrifflichen Rahmen zur späteren Herausbildung westeuropäischer Nationen und Nationalstaaten als Besonderheit des lateinischen Europa.

Anders von unten wirkten religiöse Protestbewegungen aus der Tradition fundamentalistischen Ketzertums meist aus städtischen Unterschichten („Stadtarmut”) und Webern, erstmals seit den Kreuzzügen. Die nächste große Welle brach in der Megakrise der Großen Pest mit den Flagellanten durch (1349), vor denen, nach schweren Pogromen, Juden aus Deutschland („Aschkenasim”) nach Polen flohen. In England verband sich die Bewegung der Lollarden mit dem Wat-Tyler-Aufstand 1381, als Reaktion auf schwere Niederlagen im Hundertjährigen Krieg. In Böhmen eskalierten Proteste nach Verbrennung des Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz 1415 zu den Hussitenkriegen (1419-1434). 1433 mündete der Kompromiss zwischen gemäßigten Hussiten (Calixtanern) und Katholiken nach dem gemeinsamen militärischen Sieg über die radikalen Hussiten (Taboriten) 1434 in eine erste Nationalkirche, die in Frankreich mit der Gallikanischen Nationalkirche 1438 baldige, mit der Anglikanischen Staatskirche als englische Variante der Reformation 1534/59 späte Nachahmung fand. Frühere Taboriten hielten sich als Böhmische bzw. Mährische Brüder (1467) abseits in quietistischen Nischen und schlossen sich 1528 der Reformation an.

So verschlangen sich in der spätmittelalterlichen Krise vielfältige Strömungen – Pest, Bauernaufstände, radikaler religiöser Protest aus ketzerischer Wurzel, Judenpogrome 1349, proto-nationale Tendenzen (in Böhmen Tschechen gegen die Übermacht der Deutschen), Konzilien zur Überwindung des Abendländischen Schismas, Anläufe zu ersten Reformen der Kirche und „Vorreformatoren” (Wyclif, Hus).

3. Vom Internationalen Fernhandel zur Expansion Europas in Übersee

Noch vor der Reformation ab 1517 eröffnete die Expansion Europas mit der Entdeckung Amerikas 1492 und des Seewegs nach Indien 1498 die Globale Neuzeit. Nach der Großen Pest 1338-1351 als gesamteurasischer Erfahrung mit traumatischen, aber unterschiedlich ausfallenden Nachwirkungen ist die Expansion Europas der nächste welthistorische Vorgang, mit buchstäblich globalen Konsequenzen. Zu ihrem besseren Verständnis und zu ihrer historischen Einordnung werden drei große Faktoren unentbehrlich, die in sich unendlich kompliziert sind: Anleihen Europas aus dem Alten Osten, ältere Anläufe zur Zusammenfassung des Eurasischen Systems durch imperiale Eroberung, Europas Aufbruch in Übersee als nunmehr dem Neuen Westen.

1. Westliche Anleihen aus dem Alten Osten

Allem generellen Wachstum zum Trotz blieb der Neue Westen, das mittelalterliche lateinische Europa, auch nach 1000 noch auf Jahrhunderte zwar aufsteigende, aber, im Vergleich zu den noch immer reicheren Kultur- und Machtzentren des Orients, unterentwickelte Randregion des Eurasischen Kontinents. Vor allem aus China wanderten über die Jahrhunderte auf den Wegen des Interkontinentalen Fernhandels Kulturgüter und Zivilisationstechniken von Ost nach West, mündeten im lateinischen Fernen Westen wie in einem gewaltigen Nürnberger Trichter. Dort verbanden sie sich mit einheimischen Faktoren und Kenntnissen aus der seit der Renaissance systematisch wiederentdeckten griechisch-römischen Antike zur kommenden technischen Überlegenheit des Neuen Westens.

In diesem Prozess war Europa in seinem Mittelalter stets der nehmende Teil, vor allem China der gebende – z. B. Steigbügel für Panzerreiter; verbesserte Anschirrung von Pferden durch das Kummet für den (im nördlichen Deutschland erfundenen) Eisenpflug zum Wenden der schweren, versumpften Böden. Zu den oben genannten Erfindungen kamen andere Kulturgüter hinzu – Schirm, „spanische” Wand; Spinat, Rhabarber, Apfelsine (Apfel aus China: Sina), teilweise über Persien (Pfirsich: malum persicum: Apfel aus Persien). Indien steuerte die uralte Technik der Baumwollverarbeitung bei, Indigo zum Färben, Gewürze, die teilweise aus Südostasien kamen, die „arabischen”, in Wirklichkeit indischen Zahlen, dazu noch mit der Null, ohne die keine höhere Mathematik und moderne Naturwissenschaften bis hin zum Computer denkbar wären: Das Jahr-2000-Problem älterer Computer, auch für russische Atomwaffen, die am 1. Januar 2000 abzustürzen drohten, unterstreicht dramatisch und weltweit die Schlüsselfunktion der Null für unsere sich globalisierende Zivilisation, wenn „00” offenbar für das Ende stand – Krieg, Abschuss von Raketen, Absturz, was auch immer.

In dem Innovationsprozess von Ost nach West, der über die Jahrhunderte eine kumulative Wirkung entfaltete, war der muslimische Mittlere Osten oft die entscheidende Vermittlungsstation, über Persien oder Arabien, wie „Pfirsich” und die „arabischen” Zahlen samt Null (arabisch sifre) eindringlich demonstrieren. Selbst der Rückgriff des lateinischen Westeuropas auf den griechischen Teil seiner Klassik durch Renaissance und Humanismus kam zumindest teilweise durch den Islam zustande: Die Kalifen in Damaskus sammelten eifrig griechische Autoren und ließen sie ins Arabische übersetzen. Aus dem muslimischen Spanien brachten spanische Juden die Werke Aristoteles’ und griechische Wissenschaft im 12. Jahrhundert nach Paris zur Sorbonne und legten so die Grundlage zur Wiederentdeckung der griechischen Klassik im lateinischen Europa. Aber der hochmittelalterliche lateinische Westen vollzog die entscheidende Wende, indem er in einem jahrhundertelangen Prozess die zahlreichen Innovationen aus dem Alten Osten miteinander kombinierte, sie einheimischen Bedürfnissen und Bedingungen anpasste. Schließlich fügte er eigene Erfindungen hinzu, die ihrerseits Grundlage der technisch-industriellen Revolution durch die Möglichkeit wissenschaftlicher Präzision wurden – u. a. die mechanische Uhr, die Brille, schon in der Frühen Neuzeit weiterentwickelt, einerseits zum Teleskop, andererseits zum Mikroskop.

2. Außereuropäische Versuche zur imperialen Zusammenfassung des Eurasischen Systems (1206-1433)

Europas Expansion in Übersee erklärt sich aus der Dynamik des Interkontinentalen Fernhandels, den sie als älteres Weltsystem erst kontrollieren wollte, dann aber zerstörte und allmählich durch die kollektive Weltherrschaft Europas ersetzte. Das Eurasische System des Interkontinentalen Fernhandels war geographisch so ausgedehnt und strukturell komplex, dass es allen Anläufen getrotzt hatte, es durch imperiale Eroberung zu vereinnahmen.

Zuerst versuchte es Alexander der Große vom Westen her, in seinem noch beschränkteren territorialen Großreich von Griechenland zum Indus. 1 500 Jahre später trat Dschingis Khan (1206-1229) bewusst in Alexanders Fußstapfen mit seinem Anlauf, das Eurasische System vom Osten bzw. Norden her zu unterwerfen. Ihm und seinen unmittelbaren Nachfolgern gelang es beinahe, den kontinentalen Norden Eurasiens im bis dahin größten Weltreich der Weltgeschichte zusammenzuzwingen, den lateinischen Westen ausgenommen. Dagegen scheiterte der Übergriff seines Enkels Kubilai Khan (1260-1294) auf Japan (1274, 1281) und die maritime Südroute gegen Java (1293) und leitete nach seinem Tod den baldigen Zerfall des Mongolenreiches (1294-1335) ein. Danach versuchte von Samarkand aus Timur-i Läng (1360-1405) die Restaurierung des Mongolenreiches als neuer Dschingis Khan, starb jedoch auf dem Zug nach China, das, auf dem Höhepunkt der Ming-Dynastie, ihm vermutlich ohnehin widerstanden hätte.

Die Konsequenzen der Timur-Intervention waren gravierend: Hatte das riesige Mongolenreich mit der politischen Stabilität der „Pax Mongolica” dem Interkontinentalen Fernhandel auf der Nordroute für rund ein Jahrhundert enormen Auftrieb gegeben, so wirkten die blutigen Feldzüge Timurs in alle Richtungen, im Westen bis vor Smyrna, nach Süden bis Indien, nur noch destruktiv, zumal im Gefolge der verheerenden Großen Pest: Der Fernhandel auf der kontinentalen Nordroute brach zusammen, so dass er weitgehend auf die maritime Südroute auswich.

1405, im selben Jahr, als der Tod Timurs den zweiten Versuch endgültig beendete, das System des Eurasischen Fernhandels von Norden militärisch zu unterwerfen, begann die Ming-Dynastie auf ihrem Höhepunkt die schon 20 Jahre zuvor geplanten Seeexpeditionen des Eunuchenadmirals Zheng He (1405-1433). Von Chinas maritimem Hauptstützpunkt Kanton aus dehnte Zheng He mit gewaltigen Flotten vorübergehend die Suzeränität des Kaisers von China bis zur Ostküste Afrikas und zum Roten Meer aus. Als sich aber der Druck der 1368 aus China vertriebenen Mongolen auf die exponierte Reichshauptstadt Peking, nahe der Nordgrenze, wieder verstärkte, wurden die kostspieligen Flottenexpeditionen im Kampf zwischen rivalisierenden Cliquen am kaiserlichen Hof (unternehmungsfreudigere Eunuchen gegen konfuzianisch geprägte Mandarine) wieder eingestellt (1438). 1638 begann sogar, auch zur Abwehr gegen japanische Piraten, die bewusste Isolierung Chinas nach außen, durch Abbruch jeglichen Außenhandels (außer im streng kontrollierten Kanton) und Zerstörung eines circa 50 Kilometer breiten Küstenstreifens, um japanischen Piraten keine Ansatzpunkte mehr zu bieten. Die chinesischen Flottenexpeditionen 1405-1433 blieben isolierte Unternehmen der kaiserlichen Staatsspitze, ohne das breite gesellschaftliche Fundament wie bald darauf im lateinischen Europa an seinem atlantischen Rand. Ohne Aussicht auf langfristigen Erfolg blieben die Expeditionen welthistorisch nur Episode.

Der Abbruch der chinesischen Flottenexpeditionen 1433 unter dem Druck der wieder von Norden andrängenden Mongolen und der völlige Rückzug Chinas vom maritimen wie kontinentalen Fernhandel ab 1438 hinterließen ein gewaltiges Machtvakuum westlich des Fernen Ostens, das natürlich erst nachträglich für den Historiker sichtbar wurde. Immerhin machte es die Bahn frei für die Expansion Europas in Übersee vom Fernen Westen. Die portugiesischen Seefahrer umschifften auf ihrer systematischen Erkundung der Westküste Afrikas erstmals 1434 das gefürchtete Kap Bojador – ein Jahr nach dem freiwilligen Ausscheiden Chinas aus dem Wettrennen um die Seeherrschaft auf dem Indischen Ozean. Der explosive Aufbruch 1492/98 ging vom atlantischen Rand Europas aus, während das orthodoxe Russland, nach Wiedererlangung seiner Souveränität von den geschwächten Tataren 1480, ein knappes Jahrhundert später mit der Eroberung des Khanats Sibir die kontinentale Unterwerfung des nördlichen Eurasien begann (1582). Gleichzeitig unternahm England schon seinen ersten, damals noch fehlgeschlagenen, Kolonialversuch in Nordamerika (Virginia, 1584).

3. Äußere Voraussetzungen und Formen europäischer Weltherrschaft

Eine wichtige äußere Voraussetzung zur Expansion Europas in Übersee war die Lage der dortigen Gesellschaften nach 1492/98: Außer China der Ming-Dynastie, nach 1644 der Mandschus und Japan im Windschatten Chinas, war die Welt in Übersee ein riesiges Machtvakuum, unterteilt in unzählige regionale und lokale Machtvakuen, in die die expandierenden Seemächte des lateinischen Westeuropa und das orthodoxe Russland einschnitten wie Messer in Butter. Fast überall stießen die Europäer auf fragmentierte Gesellschaften – entweder Gebiete noch ohne übergreifende zentrale Machtstrukturen extrem segmentierter Stammes- oder gar Clangesellschaften, wie vor allem in Amerika, Schwarzafrika, Ozeanien und Australien/Neuseeland, oder auf größere bis kleinere Reiche oder Staaten, die sich gerade in bürgerkriegsartigen Konflikten lähmten oder auflösten. In Alt-Amerika zerfielen die Reiche der Azteken in Mexiko und der Inka im Hochland der Anden sofort bei Ankunft der Konquistadoren, auch aus inneren Strukturschwächen, wie Mumien, sobald sie Licht und Luft ausgesetzt sind.

Ausschlaggebend wurde die technologisch-naturwissenschaftliche Überlegenheit Europas, ihrerseits komplexes Produkt auch östlicher Kenntnisse – das seetüchtige Segelschiff, nautische Instrumente, vor allem der Kompass, Papier, Buchdruck, „arabische” Zahlen aus Indien, die Null, Kanonen (Bronzeguss) und Schießpulver: In alle technische Neuerungen des Neuen Westens waren einst Kenntnisse aus dem Alten Osten eingegangen und wandten sich jetzt, als „europäische” Technik, gegen den Alten Osten.

4. Globale Neuzeit: Vorherrschaft des Neuen Westens (seit 1492/98)

Europas Expansion in Übersee ab 1492/98 ist ein so weltbewegender Vorgang, dass es möglich, ja nötig wird, sie als Beginn einer weltweit neuen Epoche zu sehen, der Globalen Neuzeit. Innerhalb weniger Jahrhunderte überwältigte Europa mit seiner explosiven Dynamik die übrige Welt. Zunächst ersetzte es den traditionell pluralistischen Interkontinentalen Fernhandel mit seinen zahlreichen Sektoren durch seinen neuen Welthandel und Weltmarkt, jedoch mit wandernden Schwerpunkten – Lissabon bzw. Sevilla (1492/98-1585), Amsterdam (1585-1688), London (1688/1713-1945), New York (seit 1945). Entsprechend wechselten auch Formen und Instrumente europäischer Weltherrschaft: Frühe Handelsreiche und lockere Interessensphären indirekter Herrschaft einerseits (Portugal, Holland), flächendeckende Siedlungskolonien direkter Herrschaft andererseits (Spanien). England und Frankreich, die ihre traditionelle Rivalität seit dem Mittelalter auch in Übersee fortsetzten, kombinierten, jede auf ihre „nationale” Weise, mehr (England) oder minder (Frankreich) erfolgreich, beide Kolonialtypen.

Die großen Siedlungskolonien wurden seit der Unabhängigkeit der USA (1776/83) Grundlage für überwiegend europäisch geprägte Nationalstaaten in Übersee, vor allem im Neu-Europa auf dem Doppelkontinent Amerika – die lateinamerikanischen Staaten in den Unabhängigkeitskriegen gegen Spanien (1810-1826), dazu Brasilien (1823); Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika folgten (1926/31) nach dem 1. Weltkrieg, zumal sie schon vorher weitgehende Autonomie errungen hatten, schon wegen der riesigen Entfernungen vom Mutterland.

1. Europas Aufbruch in Übersee (1434-1492/98)

Nach dem gescheiterten Vorspiel der Kreuzzüge machte den Neuanfang das kleine, bisher periphere Portugal, von der äußersten Südwestecke Europas aus. Seine Epoche machende Eroberung Ceutas im nördlichen Marokko 1415 war Fortsetzung der Iberischen Reconquista, die ihrerseits iberische Variante der Kreuzzüge war: Informationen von Kriegsgefangenen über den Goldhandel der muslimischen Berber aus Westafrika durch die Sahara gaben Anstoß zur Suche nach den Goldquellen durch systematische Erforschung des Seewegs nach Süden entlang der westafrikanischen Küste ab 1419 – als streng gehütetes Staatsgeheimnis. Ein Jahr nach dem Ende der chinesischen Flottenexpeditionen, im Jahr 1434, stießen portugiesische Seeleute auf ihren systematischen Erkundungen des Seeweges nach „Indien” über die psychologische Hemmschwelle des Kap Bojador vor. „Indien” war damals für Europa alles östlich von der Ostküste Afrikas bis nach Japan, mit dem wirklichen Indien ungefähr in der geographischen Mitte der europäischen Vorstellung von „Indien”.

Ab 1441 eröffneten die Portugiesen auch die allmähliche Umleitung des bis dahin traditionellen Sklavenhandels aus Afrika über das Mittelmeer und den Indischen Ozean, zunächst nach Portugal und Spanien, bald zu den neu entdeckten Inselgruppen im Atlantik (Azoren, Kanarische, Kapverdische Inseln, Madeira), ab 1505 auch über den Atlantik selbst. Der Fall Konstantinopels 1453 verbreiterte das allgemeine Interesse am Seeweg nach „Indien”, um somit die Kontrolle des Interkontinentalen Fernhandels durch muslimische Mächte zu umgehen, der Mamelucken an der Landenge von Suez, der Osmanen im von ihnen 1453 eroberten Konstantinopel. In Rivalität zum erst später in den Atlantik aufbrechenden Kastilien-Aragonien sicherte sich Portugal die meisten der Afrika vorgelagerten Inselgruppen. Sein weltberühmtes Ei fand Kolumbus, als er, von portugiesischen in spanische Dienste überwechselnd, erstmals die Kugelgestalt der Erde bewusst benutzte, um in den begehrten Osten zu gelangen, indem er nach Westen segelte. So stieß er das Tor zur bewussten Globalisierung auf, die wir erst jüngst auf den modischen Begriff brachten, seitdem sie uns fester denn je zuvor in den Griff nahm.

2. Europas Expansion in Übersee (1492/98-1783)

Mit seiner Expansion in Übersee, ergänzt um Russlands kontinentale Expansion über den Norden Eurasiens vom Ural bis zum Pazifik, erfasste Europa tendenziell die gesamte Welt und machte sie sich untertan, direkt durch Kolonien, indirekt durch Zonen staatlich geschützter Handelsinteressen. Europa dominierte das neue Welthandelssystem des Weltmarkts, weiter gefördert durch Ausbreitung seiner neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen. Erst jetzt traten auch die isolierten Kontinente und Regionen ins Licht der Weltgeschichte, mit ihrer Besitzergreifung und „Erschließung” durch europäische See- und Kolonialmächte.

2.1. Welthistorische Wirkungen der Expansion in Übersee

Im Unterschied zur angestrebten imperialen Zusammenfassung des Alten Eurasien durch einen militärischen Eroberer in der älteren Geschichte seit Alexander war die europäische Unterwerfung der Welt kein zentralgesteuertes Unternehmen. Vielmehr verlief sie, entsprechend der pluralistischen Struktur Europas seit dem Untergang des Weströmischen Reiches 476, als Kollektivunternehmen rivalisierender Nationalstaaten, deren Konflikte in Übersee auch auf die heimatliche Basis zurückstrahlten und umgekehrt. Anfangs belebte nationale Konkurrenz das Geschäft globaler Aufteilung, solange es noch eine wandernde Grenze expandierender Handels- und Kolonialreiche gab.

Durch seine Expansion in Übersee prägte Europa, zum Guten wie zum Schlechten, der Welt so sehr seinen Stempel auf, dass es seit 1492/98 berechtigt ist, den Schwerpunkt für jeden welthistorischen Überblick fortan auf das moderne Europa zu legen: Europäische Geschichte wurde jetzt tatsächlich „Weltgeschichte Europas” (Hans Freyer). Noch nie zuvor hatten Entwicklungen in einer Großregion, z. B. China, Indien oder im Fernen Westen, so rasche und massive Wirkungen auf den Rest der Welt, direkt und indirekt, früher oder später.

Alle Länder und Völker mussten sich fortan mit den aus Europa kommenden Einflüssen und Neuerungen auseinandersetzen, die autochthone traditionelle Identitäten bedrohten, vernichteten, auf jeden Fall veränderten. In einer komplexen Kombination partieller Übernahmen und versuchter Zurückweisung stellte sich oft ein Kompromiss ein – gezielte Übernahme technischer Innovationen aus dem Westen, vor allem auf dem Gebiet der Kriegführung und der dazu nötigen Infrastrukturen, um die westliche Übermacht insgesamt zu brechen: Europa mit den eigenen Waffen schlagen wurde Devise der meisten Reformer in traditionellen Großreichen wie moderner Nationalrevolutionäre, einschließlich Kommunisten. Am Anfang stand daher in einheimischen Großreichen die Modernisierung des Militärs, der Steuern, Bildung und Verwaltung – von Peter dem Großen in Russland über Mao in China und Nasser in Ägypten.

2.2. Transatlantischer Sklavenhandel und Sklaverei in der Neuen Welt

Der Anspruch auf Europas geteilte Weltherrschaft drückte sich am frühesten im Vertrag von Tordesillas 1494 zwischen Portugal und Kastilien-Spanien aus. Er teilte die Welt in Übersee zwischen beiden Mächten entlang einer gedachten Linie durch den Atlantik und Pazifik. Die übrigen Seemächte weigerten sich, die Teilungslinie von Tordesillas anzuerkennen, so dass sich ihre Expansion in Übersee zunächst gegen die beiden Kolonialmonopolisten Spanien und Portugal richtete. Die Konsequenzen waren weitreichend für die gesamte Weltgeschichte: Die Anbindung Schwarzafrikas an den Weltmarkt – in Fortsetzung älterer Handelsstrukturen vor allem durch Export von Gold und Sklaven – lag fortan in der Hand Portugals, das Sklaven aus Afrika in steigender Zahl in die zunächst nur spanische Neue Welt transportierte, wo sie die schwere körperliche Arbeit zur Entwicklung Amerikas leisten mussten. Der steigende Bedarf an Sklaven hatte verheerende Rückwirkungen auf weite Teile Schwarzafrikas, West- wie Ostafrika, deren chronische Instabilität sich durch ein Chaos von Sklavenjagdkriegen zwischen alten und neuen Machtzentren und zersplitterten Bauerngesellschaften immer weiter verschärfte.

Während der traditionelle Sklavenhandel von der Ostküste Afrikas über den Indischen Ozean weiterging, lenkten europäische Küstenforts und Handelsniederlassungen (Faktoreien) an der Küste Westafrikas ab 1505 den Sklavenhandel durch die Sahara nach Norden zum Mittelmeer allmählich über den Atlantik. In seiner von England dominierten Phase (1713-1807) erreichte der Transatlantische Sklavenhandel geradezu industrielle Dimensionen, vor allem seit Einführung des Freihandels durch England (1696) mit einer Art Volkskapitalismus, da sich viele Eigner auf Aktienbasis zusammentaten, um ein Sklavenschiff auszurüsten. Kolonialkriege in Übersee, oft synchron mit europäischen Hegemonialkriegen, galten auch der Kontrolle des Transatlantischen Sklavenhandels.

Der Höhepunkt des Sklavenhandels bahnte aber auch dem Umkippen in seine Abschaffung durch England ab 1807 den Weg: Am Anfang standen moralische Motive der humanitären Abolitionistenbewegung zur Abschaffung (englisch abolition) von Sklavenhandel (1807) und Sklaverei (1833/34), zunächst im Britischen Kolonialreich. Bis zu seiner Abschaffung galten Transatlantischer Sklavenhandel und moderne Sklaverei, wie auch der traditionelle Sklavenhandel im Alten Eurasischen System, als legitimer Bestandteil des Fernhandels und der Gesellschaft. So gründete sich der mächtigste junge Nationalstaat in Neu-Europa, die USA, auf dem doppelten Boden der Demokratie, der Sklaverei und des Rassismus, der in seiner schweren Doppelkrise von Vietnamkrieg und Heißen Sommern vor allem zwischen 1964 und 1968 aufbrach und die größte Demokratie der Welt in eine schwere Existenzkrise stürzte.

3. „Projekt Moderne”: das Europäische System zwischen Expansion in Übersee und 1. Weltkrieg (1492/98-1914)

Für das Selbstgefühl der Europäer blieben jedoch alle diese Ereignisse in Übersee – Kolonialreiche, Transatlantischer Sklavenhandel und Sklaverei in der Neuen Welt – weit weg hinter der Peripherie. Europas innere Entwicklungen seit dem Aufbruch des Kolumbus 1492 nach Westen, um in den begehrten, zivilisatorisch immer noch höherstehenden Osten zu gelangen, waren gerade dramatisch und kompliziert genug, weshalb sie verständlicherweise den größten Platz im europäischen Geschichtsbewusstsein einnehmen. Alle Großfaktoren, die sich hier nur knapp anreißen lassen, gehören in Wirklichkeit zusammen, wirkten gegen- und aufeinander, mündeten ins „Projekt Moderne”, institutionalisiert im Europäischen System – Reformation und Gegenreformation; Aufstieg der Nationalstaaten; Vordringen der osmanischen Türken von Südosten; Absolutismus und Aufklärung; Ausbildung des Verfassungs- und Rechtsstaates durch Revolutionen und Reformen; europäische Hegemonialkriege und Herausbildung des Europäischen Systems der Pentarchie; Orientalische Frage und neue Nationalismen; industrielle Revolution und politische Revolutionen; Säkularisierung und fundamentalistische Reaktionen; Konservativismus, Liberalismus und Sozialismus; Freihandel und Schutzzölle; Kolonialherrschaft und Imperialismus; Nationalismen und ethnische Säuberungen; Erster und Zweiter Weltkrieg; Totalitarismen und Demokratien; Rassismus und Antisemitismus; Massaker und Völkermorde, bis hin zum Holocaust.

3.1. Reformation und Gegenreformation

Nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Indien markierten Reformation und Gegenreformation ab 1517 den nächsten tiefen Einschnitt. In ihren zwei Hauptflügeln – Luther und Calvin – spaltete die Reformation das lateinische Europa in zwei große Zonen, die jedoch machtpolitisch nicht einheitlich waren:

England hielt sich aus dem Dreißigjährigen Krieg heraus, weil es mit inneren Spannungen beschäftigt war, die zur Englischen Revolution (1640-1660) eskalierten. Sie eröffnete die Reihe der großen europäischen Revolutionen, verknüpft mit dem Ringen um die Souveränität absoluter Monarchen und der Volkssouveränität, als weitere Steigerung der sich von unten selbst organisierenden lateinischen Gesellschaften. In England setzte sich erstmals der Rechtsstaat („Rule of Law”) durch, während die stilprägende Restoration von 1660 als Kompromiss zwischen gescheiterter absoluter Monarchie und Republik („Commonwealth”) die konstitutionelle Monarchie schuf, ein labiles Gleichgewicht zwischen Krone und Parlament im modernen Verfassungsstaat.

Unter Oliver Cromwell (1649-1658) begann Englands Expansion in Übersee ernsthaft mit der Eroberung der (zweitrangigen) karibischen Insel Jamaika gegen Spanien (1655). Auf der Grundlage der Sklaverei stieg England zur führenden See- und Kolonialmacht auf, in Rivalität zu Holland und Frankreich. Zeitlich parallel intensivierte sich die Wirtschaft, gestärkt durch Impulse aus Übersee und den Fernhandel mit „Ostindien” (dem Alten Osten) und „Westindien” (der Neuen Welt Neu-Europas jenseits des Atlantiks).

3.2. Ursprüngliche Akkumulation (1492/98 bis ca. 1760)

Die Frühe Neuzeit Europas lässt sich auch als Zeitalter der „Ursprünglichen Akkumulation” begreifen, als lange Inkubationszeit der ihr folgenden industriellen Revolution, ihrerseits mit einer langen Vorgeschichte im Mittelalter. Seit Kolumbus und Vasco da Gama verödete das Mittelmeer, bis dahin ökonomische Hauptachse des mittelalterlichen Europa, durch rasche Verlagerung der Haupthandelsströme nach Norden (Nordsee-Ostsee) und über den Atlantik nach Westindien – die Spanier nannten Amerika „Las Indias” – sowie nach Osten zum richtigen Indien. Das alte Wirtschaftszentrum Nummer 1, Oberitalien-Toskana, stieg seit dem Einfall Frankreichs in Italien (1494), dem sich bis 1559 Kriege in und um Italien anschlossen, vollends ab. Mit der Zerstörung seiner Wirtschaftsblüte endete auch die Kulturblüte Italiens der Renaissance. Der Wirtschaftsschwerpunkt des lateinischen Westens verlagerte sich nach Norden zum bisherigen Schwerpunkt Nummer 2, den Niederlanden, zunächst Antwerpen, symbolisiert durch Eröffnung seiner Börse (1531). Seit Antwerpens Rückeroberung durch die Spanier im Unabhängigkeitskrieg der Niederlande 1585 stieg Amsterdam zum Zentrum der europäischen Weltwirtschaft auf.

Hollands goldenes Zeitalter (1585-1688) beendeten Niederlagen in drei Seekriegen gegen England (1652-1654, 1665-1667, 1672-1674), das so die Durchsetzung der Navigation Acts (1651) als Grundlage seiner kommenden Seeherrschaft erzwang. Frankreichs Hegemonialkriege unter Ludwig XIV. (1667-1713/14) hatten als vornehmstes Ziel zunächst die Generalstaaten der Niederlande mit ihrem Reichtum und ihrer aufreizenden Toleranz, vor allem für Juden. Beide Mächte zerrieben das quantitativ kleine Holland zwischen sich: England brach Holland machtpolitisch das maritim-kommerzielle Rückgrat, Frankreich bedrohte es in seiner Existenz schlechthin, so dass das calvinistische „Holland in Not” 1688 Rettung beim protestantischen England suchte. Anfangs war Holland Verbündeter in der Großen Koalition gegen Ludwig XIV., verstärkt durch die Personalunion unter Wilhelm III., der nach der Glorious Revolution 1688/89 auch König von England wurde (bis 1701). Danach war Holland Klientelstaat Englands.

Seit dem Symboldatum 1688/89 wanderte mit den vielen holländischen Experten im Gefolge Wilhelms III. der ökonomische Schwerpunkt Europas noch weiter nach Norden. Die Holländer, oft sephardische Juden, brachten damals modernste Innovationen mit und machten England zum nächsten Zentrum der Modernisierung – Landwirtschaft, Schiffsbau, Banken. Die Einführung des Freihandels (1696) liberalisierte zunächst „The Trade”, den Atlantischen Dreieckshandels, der auf dem Transatlantischen Sklavenhandel beruhte. Der Methuen-Vertrag (1703) eröffnete Englands kommender Industrie erstmals einen nationalen Markt (Portugal) mitsamt kolonialem Hinterland des weiter wachsenden brasilianischen Marktes – Gold, Diamanten aus Brasilien (Minas Gerais) und Portwein aus Portugal im Austausch mit der anlaufenden Industrieproduktion Englands. Der Friede von Utrecht (1713) zur Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges gab England die führende Position im Transatlantischen Sklavenhandel, stärkte die eigenen Zuckerrohrinseln auf der Basis der Sklaverei in der Karibik und durchbrach mit dem Privileg des „Annual Ship” in Bello Porto den bisher rigoros abgeschirmten Kolonialmarkt Spaniens in der Neuen Welt.

3.3. Die industrielle Revolution (ab ca. 1760)

Die industrielle Revolution begann um 1760 in England, genauer Mittel- und Nordengland sowie Südschottland, und veränderte rasant erst Europa, danach Nordamerika und die Welt insgesamt. Nach der langen Vorbereitungsphase der „Ursprünglichen Akkumulation” vollendete Englands Sieg über Frankreich im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713/14) die Seeherrschaft Englands und damit seine Führungsposition als expandierende Kolonialmacht. Gewinne aus dem Übersee- und Kolonialhandel einschließlich Sklavenhandel regten auch die vorindustrielle Produktion im Mutterland an. Nicht zufällig brach ca. 1760, mitten im nächsten erdumspannenden Großkrieg, dem Siebenjährigen Krieg (1756-63), mit der Rüstungs- und Kriegskonjunktur in England die industrielle Revolution durch. Die ersten Leitsektoren der „Großen Industrie” (Marx) waren zunächst die Textilindustrie (Wolle in Yorkshire, Baumwolle in Lancashire), Kohle und Eisen für den Maschinenbau, seit den Anfängen der Eisenbahn in England (1825) der Eisenbahnbau, bald auch der Schiffsbau – Dampfschiffe mit Stahlrümpfen.

Von England aus breitete sich die industrielle Revolution auf dem Kontinent weiter aus, zunächst ungefähr den großen Kohlefeldern (Wallonien; Lothringen; Ruhr, Saar, Oberschlesien; Westpolen, Don/Donezbecken, Ural) folgend und an älteren Regionen vorindustrieller Gewerbeproduktion (Rheinland, Sachsen, Württemberg; Böhmen; Oberitalien) und Großstädten anknüpfend. In Übersee übersprang die Industrialisierung die Ozeane und schuf in den jungen USA, seit der Meiji-Reform 1867 auch in Japan, neue Zentren industrieller Großmächte. Um 1900 kamen chemische, optische und Elektroindustrie als neue Leitsektoren hinzu, in denen das 1871 staatlich geeinte Deutschland sofort die Spitzenstellung einnahm. So wurde England letzte Etappe der „Ursprünglichen Akkumulation” (Marx), der Vorlaufphase zur industriellen Revolution, und Ausgangszentrum der industriellen Revolution selbst.

Die machtpolitischen Konsequenzen waren tief einschneidend: England, Mutterland der Revolution, des Rechts- und Verfassungsstaates, erste industrielle „Werkstatt der Welt”, stieg – für eineinhalb Jahrhunderte – endgültig zur stärksten See-, Handels-, Finanz- und Kolonialmacht auf, zugleich zur ersten richtigen Weltmacht der Weltgeschichte. Später drängten weitere Aspiranten auf den Status als Weltmächte nach, jeweils auf der Basis (ganz unterschiedlich verlaufender) Industrialisierung und machthistorisch mit ganz unterschiedlichem Erfolg – Russland, Deutschland, USA, Japan, jüngstens auch China.

3.4. Das Werden der Europäischen Pentarchie (ab 1683)

Aus Abwehr des ersten französischen Anlaufs zur Hegemonie unter Ludwig XIV. formierte sich das Europäische System der Pentarchie, die Vorherrschaft der fünf europäischen Großmächte. Zur ersten und lange einzigen Großmacht, Frankreich seit dem Sieg über das hochmittelalterliche England bei Bouvines 1214, traten in rascher Folge drei neue Großmächte – Österreich seit der Befreiung Wiens von den Türken (1683) und Zurückdrängung des mit Frankreich seit 1526 verbündeten Osmanischen Reiches; England mit dem Frieden von Utrecht am Ende des Spanischen Erbfolgekrieges (1713); Russland mit dem Frieden von Nystad am Ende des 2. Nordischen Krieges (1721). Zuletzt folgte als kleinste und schwächste Großmacht Preußen, am Ende des Hubertusburger Friedens (1763) und mit der 1. Teilung Polens (1772).

Hauptziel der Pentarchie war die Wahrung des Gleichgewichts zwischen den Großmächten, um die Hegemonie einer einzelnen Großmacht über Europa zu verhindern. Im Niedergang des Osmanischen Reiches drohte Russland mit seinem Drang nach Konstantinopel zur überragenden Hegemonialmacht aufzusteigen und Europa vom Osten her zu dominieren. Jedoch warf zunächst die Französische Revolution 1789 jedes Gleichgewicht über den Haufen: Die Revolutionskriege und Napoleonischen Kriege (1792-1815) ermöglichten im Ersten Empire unter Kaiser Napoleon I. die kurzlebige imperiale Herrschaft der „Grande Nation” über fast den gesamten Kontinent, außer Schweden, Russland und dem Osmanischen Reich. Die Pentarchie restaurierte sich wieder auf dem Wiener Kongress 1815, aber mit der endgültigen Niederlage Napoleons I. verlor Frankreich auch seine privilegierte Stellung als stärkste Großmacht Europas. Metternich wollte einer kommenden Revolution vorbeugen, indem er den großen Krieg unter allen Großmächten tunlichst vermied, weil der Verlierer zur Revolution greifen würde, um die Einbußen am Machtstatus möglichst rasch durch revolutionäre Modernisierung wieder wettzumachen, wie Frankreich nach den Niederlagen seit dem Verlust des Spanischen Erbfolgekrieges.

3.5. Politische und soziale Konsequenzen: Verfassung und soziale Frage

Seit der Französischen Revolution und ihren Auswirkungen auf Europa und Übersee (Lateinamerika, arabische Welt) verquickten sich soziale Revolution im Gefolge der industriellen Revolution mit Nationalismen und Großmachtpolitik im Rahmen der Pentarchie und des globalen Imperialismus stärker denn je zuvor: Reaktionäre wollten das vorrevolutionäre Ancien Régime wiederherstellen, Konservative den neuen Status quo bewahren, Liberale ihn möglichst evolutionär zur konstitutionellen Monarchie weitertreiben, nach französischem (Charte constitutionelle von 1814) oder englischem Vorbild (Act of Settlement, 1701) zur parlamentarischen Monarchie, im Extrem auch revolutionär nach spanischem Vorbild (Verfassung von Cadiz, 1812). Alle drei Positionen im sich entfaltenden politischen Spektrum sahen sich durch das mit der Industrialisierung neu entstehende Industrieproletariat herausgefordert, deren Wortführer oft aus den Oberschichten (Adel, Bürgertum) oder unteren Mittelschichten (Handwerkern) stammten. Mit dem Sozialismus ab 1830 schufen sie sich eine revolutionäre Ideologie, um das gesamte System umzustürzen.

In Wirklichkeit war schon die Restauration von 1814/15, nach dem englischen Präzedenzfall der Restoration von 1660, ein Kompromiss zwischen Revolution und Ancien Régime. Für Reaktionäre rechts und revolutionäre Demokraten links war der Kompromiss schon Sünde schlechthin, ging für Konservative zu weit, für Liberale nicht weit genug. Kompromisslose revolutionäre Demokraten wollten die Restauration durch die radikale Revolution ersetzen. Aus den Spannungen zwischen den verschiedenen Parteien oder Strömungen erklärt sich auch das Fortschreiten der modernen Revolution nach 1815.

Namentlich der Differenz zwischen Reaktion und Restauration entsprangen die nächsten Revolutionen: Wo sich die Restauration als Reaktion und integrale Rückkehr zur absoluten Monarchie von vor 1789 durchsetzte, brachen prompt schon 1820 nationale Nachfolgerevolutionen durch, unterdrückt im Auftrag der Heiligen Allianz von Österreich (Neapel, 1821) und Frankreich (Spanien, 1823). Der nationale Unabhängigkeitskrieg Griechenlands gegen das Osmanische Reich (1821-1829) verknüpfte endgültig die Revolution mit dem modernen Nationalismus, beide Produkte des modernen Europa, aber auch mit der Orientalischen Frage (1774-1923), der Frage nach der Zukunft der nichttürkischen Minderheiten im Osmanischen Reich.

3.6. Nationale Fragen Europas: Nationalismen als neoimperiale Restaurationen

In der Entfaltung moderner Staatlichkeit, zuletzt als Nationalstaat vom Boden des Weströmischen Reiches aus (England, Frankreich, Spanien, Portugal), hatten sich in Europa bis 1789 Zonen unterschiedlicher Staatlichkeit herausgebildet. Im Prinzip unangefochtene Nationalmonarchien Westeuropas, ergänzt um Skandinavien, die Schweiz und die Niederlande, bildeten den relativ stabilen Kern europäischer Nationalstaaten, seit 1660 (England) und 1789 (Frankreich) als Rechts- und Verfassungsstaaten. Östlich bzw. südlich (von Skandinavien) lag das Europa der Nationalen Fragen. Sie brachen nach 1789 früher oder später auf, als Anspruch meist staatenloser Völker auf einen eigenen souveränen Nationalstaat gegen dynastische Reiche.

Der Bereich der Nationalen Fragen lässt sich nochmals in mehrere Unterzonen gliedern, von West nach Ost: Italien und Deutschland waren poströmische Machtvakuen seit 476 bzw. 1198. Dahinter lagen Völker, die seit dem Mittelalter ihren souveränen Staat verloren hatten – Kroaten an Ungarn 1102, Bulgaren 1371/96, Serben nach den zwei Schlachten auf dem Amselfeld/Kosovo 1389/1448, Ungarn nach der traumatischen Niederlage von 1526 gegen die osmanischen Türken bei Mohács durch Aufteilung zwischen Osmanen und Habsburgern; Litauen 1569 an Polen durch Annexion (Lubliner Union); Böhmen nach der Niederlage am Weißen Berg 1620 mit der Annexion durch Habsburg 1623; Polen durch die drei Teilungen unter seine großen Nachbarn Russland, Preußen und Österreich 1772-1795. Sie wurden so zur Gruppe der Völker ohne eigenen Staat gestoßen, die deshalb angeblich auch keine Geschichte hätten.

Eine Sonderstellung hatten Wlachen/Proto-Rumänen: In den Donaufürstentümern Moldau (mit Bessarabien) und Walachei behaupteten sie ihre Autonomie unter wechselnder Oberherrschaft (Suzeränität), vor allem der Osmanen (1415/1513 bzw. 1504). Erst später wurden sie staatlich vereint als Rumänien (1861/66), anfangs noch unter Suzeränität des Sultans (bis 1878). Dagegen lebten Proto-Rumänen im südöstlichen Ungarn (Transsylvanien/Siebenbürgen) als unständische Unterschicht rechtloser Bauern und Hirten, unter sozial wie politisch dominierenden Ungarn (plus Szeklern) und Deutschen (Siebenbürger Sachsen). In vergleichbarer Lage waren im äußersten Westen die Iren seit Kassierung ihrer Autonomie durch die erzwungene Realunion mit England 1800/01 im Gefolge der Französischen Revolution, ferner Korsen und Basken.

Noch weiter östlich hatten Völker nie einen eigenen Staat, vor allem Letten, Esten, Finnen, Slowaken, Slowenen. Das Aufbegehren aller Völker ohne eigenen Staat wandte sich überwiegend gegen östliche dynastische Großreiche, jüngstens auch gegen zentralisierte westliche Nationalstaaten (Frankreich, Spanien, England). Dazu kamen Regionen, die, eingebunden in übernationale dynastische Großreiche, keine eigene nationale Identität entwickelten – Weißrussland, Ukraine, Bosnien-Herzegowina, Albanien.

Jede Bildung eines neuen Nationalstaates provozierte neue Konflikte. Obendrein beriefen sich die meisten Nationalismen im Kampf um den eigenen autonomen oder souveränen Staat auf ein früheres Machtgebilde imperialen Zuschnitts. Herrschaftsanspruch und „historische” Begründung für die angestrebten Grenzen laufen auf Restauration eines älteren Reiches hinaus, wie auch immer definiert oder benannt, jetzt aber auf einer neoimperialen Basis ethno-nationalen Zuschnitts. Das früheste Beispiel bot die 1789 revolutionär modernisierte „Grande nation” (so Napoleon I.) der Franzosen: Die „neuen Franken” fühlten sich als die modernen und aufgeklärten Erneuerer des Karolingerreiches, nachdem die Deutschen 1806 nach fast 1 000 Jahren als Reichsnation abgedankt hatten. Umgekehrt stießen Französische Revolution und Napoleons Erstes Empire mit dem Untergang des Alten Reiches 1806 die Deutschen in einen Nationalismus, der seinerseits auf die imperiale Herrlichkeit des mittelalterlichen „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation” zurückgriff.

Entsprechend fanden auch Italiener, Ungarn, Polen, Serben, Bulgaren, Kroaten, Tschechen usw. die Quellen ihrer historischen Ansprüche auf eigene Staatlichkeit wie ihre Grenzen in ihren jeweiligen älteren Reichen. Noch in der Agonie des Osmanischen Reiches verbanden nach dem Schock der Niederlagen von 1877/78 sich modernisierende Türken die Erhaltung ihres Reiches mit dem Nationalismus à la française. Sie provozierten aber nur Repression und Massaker gegen Armenier ab 1895/96, die zuerst auf dem Berliner Kongress 1878 Autonomie innerhalb des Osmanischen Reiches forderten, später die Unabhängigkeit. Die Armenier-Tragödie setzt sich seit Jahrzehnten gegenüber den Kurden fort, obwohl sie, ebenso wie die Türken, sunnitische Muslime sind, und zerstört gleichzeitig von innen den türkischen Nationalstaat durch einen internen Krieg à la Kosovo, Tschetschenien oder Osttimor.

Derselbe dialektische Mechanismus von Reichsnationalismus, repressiver Assimilation von Minderheiten und Widerstand in Ungarn, wenn auch im Vergleich zum Osmanischen Reich und den Armenier-Massakern sehr viel milder und auf niedrigerem Niveau der Gewaltanwendung, mündete in die Konstellation von Sarajevo des Jahres 1914 ein, der der Erste Weltkrieg entsprang. Alle postimperialen Nachfolgestaaten – poströmische, posthabsburgische, postzarische, postkoloniale, postkommunistische, postjugoslawische – deklinieren nach ihrer Geburt aus einem großen (heißen bzw. kalten) Krieg dieselbe Problematik durch, allerdings mit verwirrend unterschiedlichen nationalen und/oder religiösen Nuancen, z. B. der moderne Staat Israel als religiös sanktionierte Restauration des altjüdischen Reiches von David und Salomon vor 3 000 Jahren, der automatisch der Konflikt mit den meist muslimischen Arabern entsprang. Postimperiale Nachfolger sind eben anfangs immer instabil, nach innen wie außen, schon weil sie erst ihre Identität finden, sich definieren, d. h. auch ihre staatlichen Grenzen finden müssen, in der Regel im Konflikt mit benachbarten postimperialen Nachfolgestaaten.

3.7. Rassismus und Antisemitismus

Die giftigsten Früchte des „Projekts Moderne” sind der moderne Rassismus und Antisemitismus. Beide wurzeln in ebenso traditionellen wie universalen proto-rassistischen Verhaltensweisen – Fremdenhass, Adelsstolz und Glauben an „Blutreinheit”, Hochmut (angeblich oder wirklich) zivilisatorisch Höherstehender auf unter ihnen Stehende, Suche nach Sündenböcken oder Weiterreichen von schweren Schlägen an Schwächere in der eigenen Gesellschaft in schweren Krisenzeiten oder gar nach Niederlagen; Unterteilung der Gesellschaft in Kasten, „höhere” und „niedere”, oft mit „Unberührbaren”; Verachtung von Sklaven; der Glaube an eine besondere Heilsmission oder göttliche Auserwähltheit des einen oder anderen Volkes, woraus automatisch eine Deklassierung des Restes der Welt resultiert. Dafür gibt es so viele Beispiele in der Weltgeschichte, dass der pauschale Hinweis hier reichen muss, dass sich aber auch ebenso pauschales Moralisieren gegen das eine oder andere Volk erübrigen sollte.

Aus den Bedingungen der faktischen kollektiven Weltherrschaft von Europäern und „Weißen” seit der Expansion Europas in Übersee entstanden Rassismus und Antisemitismus, jeweils Reflexe eines Überwertigkeitskomplexes von „Weißen” nach außen gegen andere „niedere” „Rassen” in Übersee, nach innen gegen europäische Juden in Europa selbst. Rassismus formierte sich als System mit theoretischen Ableitungen und Begründungen zuerst seit dem späten 18. Jahrhundert zur Rechtfertigung der Sklaverei in der Neuen Welt, zunächst im englischen Jamaika (Edward Long: History of Jamaica. 3 Bde., 1774), bald auch in den jungen USA, als Reaktion gegen die beginnende Sklavenemanzipation im Norden, ein Jahrhundert später allgemein unter Weißen zur ideologischen Rechtfertigung ihres Imperialismus und Kolonialismus.

Antisemitismus ist eine moderne, rassistisch argumentierende Weiterentwicklung des älteren christlichen Antijudaismus, der überwiegend religiös argumentierte. Er regte sich zuerst in schweren wirtschaftlichen und/oder nationalen Krisen seit dem Einsetzen der industriellen Revolution, auch als Reaktion gegen die Judenemanzipation seit der Französischen Revolution 1790/91. Wegen seiner rassistischen Pointe lässt sich Antisemitismus auch als antijüdische Variante des allgemeinen Rassismus einordnen. Alle neuen Nationalismen, die nach 1789 östlich von Frankreich aufbrachen, nahmen – den griechischen und italienischen ausgenommen – in ihre Definition, d. h. Abgrenzung nach innen, den Antisemitismus auf, ähnlich wie die spätmittelalterlichen Nationalmonarchien durch Ausweisung der Juden einen institutionalisierten Antijudaismus vorexerziert hatten.

Im größten Volk mit einer Nationalen Frage, dem deutschen, blieb der Antisemitismus zunächst auf bemerkenswert niedrigem Niveau, gab sogar den Juden, vollendet mit der (fast vollständigen) Judenemanzipation im Norddeutschen Bund (1869), den größten Freiraum zur Betätigung ihrer im Ghetto zuvor weitgehend unterdrückten Kreativität. Sie bereicherten, wirtschaftlich wie kulturell, die deutsche Gesellschaft mehr als bis dahin irgendeine vergleichbare Nationalgesellschaft in der Welt.

Antisemitismus in Deutschland (und Österreich) artikulierte sich erstmals in der Weltwirtschaftskrise von 1873 im „Gründerkrach”. Er erhielt in der aufwühlenden Großkrise des 1. Weltkrieges eine erste Massenbasis und eskalierte in den Folgekrisen (Novemberrevolution 1918, Weimarer Republik, Hyperinflation 1922/23, Weltwirtschaftskrise 1929) 1933 zum staatlich institutionalisierten Antisemitismus in Hitlers Drittem Reich, von da, im Windschatten des 2. Weltkrieges, zum Völkermord an den Juden, symbolisiert in Auschwitz. Zwar weit unter dem Niveau des NS-massenmörderischen Rassenantisemitismus an Gewalttätigkeit, institutionalisierte sich Rassismus am härtesten in der staatlich sanktionierten Rassendiskriminierung in den USA und im Apartheidsystem in Südafrika.

4. Das schreckliche 20. Jahrhundert (1900-1999)

Vor dem Hintergrund der Geschichte bis 1914 lässt sich der Gang des 20. Jahrhunderts abschließend nur noch stichwortartig skizzieren, da er an anderer Stelle ähnlich ausführlich zu behandeln ist wie unser 2. Jahrtausend.

4.1. Die beiden Weltkriege und ihre Folgen

Mit seiner Institutionalisierung in formalisierten Kolonialreichen, die den modernen Fiskal- und Rechtsstaat erstmalig in weite Gebiete der Welt brachte, erstarrte das globalisierte Europäische System auch in Übersee um 1900 in antagonistische Blöcke: Bis dahin (für Europa) produktive Konkurrenz wurde machtpolitisch selbstzerstörerisch. Durch Begrenzung in der Kugelgestalt unserer Erde war weitere grenzenlose Expansion unmöglich. Daher wandten sich europäische Konfliktlinien zu Hause wie in Übersee gegeneinander. Hinter der trügerischen Fassade der „Pax Imperialistica” um 1900 verschärften sich aus dem Europäischen Weltsystem selbst Spannungen, die über Sarajevo im 1.  Weltkrieg 1914-1918 explodierten, den ersten wirklichen Globalkonflikt der Weltgeschichte. An seinem Ende zerbrachen traditionelle dynastische Imperien in nationale Nachfolgestaaten unterschiedlicher Größe und Stärke.

Als europäische Bürgerkriege endeten sie in der Selbstzerstörung Europas, mit allen Folgen, die unser schreckliches 20. Jahrhundert im Atem hält – Totalitarismen links (Kommunismus) und rechts (Faschismus, Nationalsozialismus), Völkermorde und atemberaubende Industrialisierung, beschleunigtes Wachstum der Weltbevölkerung wie der Umweltprobleme.

Nach universalem Muster suchten große und kleine Verlierer die Restauration ihres untergegangenen Reiches, in welcher Form und mit welcher modernen Ideologie auch immer. Nachfolgestaaten untergegangener Großreiche setzten im Kleinen die Problematik ihrer jeweiligen Mutterreiche fort – ethnisch/religiöse Heterogenität, kompliziert durch zentralisierende subimperiale Nationalismen der jeweiligen Titularnation (Serben, Rumänen, Polen, Tschechen, Türken usw.) und repressive Assimilation zur mehr oder minder (am mildesten: Tschechen) zwangsweisen Homogenisierung der ethnisch und/oder religiös heterogenen Gesamtbevölkerung.

Die beiden größten Verlierer, Russen und Deutsche, flüchteten sich in die ideologisch konträren Großtotalitarismen unseres Jahrhunderts – Kommunismus 1917 linksextrem in Russland, nach dem Interregnum der Weimarer Republik 1933 rechtsextrem in Deutschland. Ihrer wechselseitigen Todfeindschaft und ihrem Willen zur Groß-/Weltmacht entsprang der Zweite Weltkrieg 1939-1945, in dessen Windschatten der deutsche millionenfache Völkermord an den Juden, symbolisiert durch Auschwitz, das traumatischste Einzelereignis war.

Dem Untergang des NS-Reiches 1945 folgten weltweit Dekolonisation und Kalter Krieg. Grundlage blieb die sich nun auf die ganze Welt ausbreitende Industrialisierung, die sich in den Industriestaaten rasant intensivierte. Die „Auflösung der Kolonialreiche” (Franz Ansprenger) setzte zahlreiche postkoloniale Nachfolgestaaten mit üblichen Nachfolgekonflikten in der so genannten „Dritten Welt” frei. Der Ost-West-Konflikt zwischen der „Ersten Welt” unter Führung der USA und den kommunistischen Staaten der „Zweiten Welt”, faktisch um die Weltherrschaft des jeweiligen Systems, führte die Welt immer wieder an den Rand eines dritten Weltkrieges.

Russland geriet seit der Bauernbefreiung (1861) und liberalen Reformen in die tödliche Dialektik von industrieller und politisch-sozialer Revolution, von zarischer Autokratie und linkstotalitärem Sowjetkommunismus, gebeutelt von zwei Weltkriegen, Sowjetherrschaft, selbst entfesseltem Kalten Krieg und postkommunistischer Misere. Ähnlich scheiterte Deutschland seit seiner Reichseinigung 1871 zweimal mit seinem „Griff nach der Weltmacht” (Fritz Fischer) in zwei Weltkriegen, avancierte aber nach 1948 zu einer führenden Industriemacht des 20. Jahrhunderts. Den USA gelangen, nach ihrem Bürgerkrieg (1861-1865) und Übergang zum offenen Imperialismus 1898, beides – Aufstieg zur Industrie- und Weltmacht Nummer 1 in zwei Weltkriegen.

Japan, von den USA 1854 zur Öffnung für den (europäisch-amerikanischen) Weltmarkt gezwungen, stürzte sich nach den Meiji-Reformen in die systematische Industrialisierung, 1894 mit seinem ersten Krieg gegen China in den Imperialismus, scheiterte aber im 2. Weltkrieg an den USA, besiegelt durch den Abwurf der beiden traumatischen Atombomben von Hiroshima und Nagasaki 1945. Etwa ab 1960 katapultierte sich Japan, sogar noch das zunächst geteilte Deutschland überholend, zur industriellen Weltmacht Nummer 2 empor, in den modernsten Leitsektoren auch die USA überholend, ähnlich wie Deutschland um 1900 in den damals modernsten Leitsektoren die bisherige industrielle Führungsmacht England überholt hatte.

Das Ende des Kalten Krieges durch den Kollaps des Imperium Sovieticum 1989/91 setzte, alles wie gehabt, eine Fülle postkommunistischer Nachfolgestaaten frei, mit den üblichen Konflikten – Bürgerkriegen, unerklärten Kriegen zwischen benachbarten und miteinander verzahnten bis verbissenen Nachbarvölkern. Hinzu kam ökonomisch der Absturz der ehemals „Zweiten” auf das Niveau der „Dritten” bis „Vierten” Welt. Dort versinkt Afrika seit seiner Dekolonisation allmählich in ein Labyrinth ethnischer, sozialer und bürgerkriegsähnlicher Konflikte, verschärft durch eine katastrophal rasche Ausbreitung von AIDS.

Selbst im relativ stabilen Europa erheben sich Regionalismen, bis hin zu sezessionistischen Nationalbewegungen (Korsika, Basken, Kosovo-Albaner), unter Berufung auf eigene ältere Staaten oder föderative Zusammenschlüsse (Lega Nord in Italien). Sie sind u. a. als Reaktion gegen bisher rigorose nationalstaatliche Zentralisierung zu verstehen, neuerdings auch gegen übergreifende übernationale Tendenzen – Zusammenschluss Europas mit bürokratisch-nivellierenden Neigungen, ferner gegen die weltumspannende „Globalisierung”, ausgehend von den USA. Solche Konflikte produzierenden Verwerfungen – überregionale bis globale Zusammenschlüsse einerseits, subnationalstaatliche Regionalismen, Fragmentierungen andererseits – werden sich im 21. Jahrhundert fortsetzen, in Europa wie in der gesamten Welt, auch unter dem steigenden Druck wachsender Bevölkerung, knapper werdender Ressourcen (Boden, Wasser, Luft, Energie) und sich verschärfender Umweltprobleme.