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| 2. | Vorlauf zu 1000 |
Auch das Jahr 1000, mit dem wir anfangen müssten, hat seinen Vorlauf, z. B. das Jahrtausend davor, denn in ihm entfaltete sich eine Dynamik, die sich auch nach 1000 fortsetzte, bis heute. Unser ausgehendes Jahrtausend ist Ergebnis älterer universaler Prozesse und Strukturen, mit unendlich vielen Varianten nach Zeit und Raum. Am spektakulärsten ist rein quantitativ die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung, qualitativ das exponentielle Wachstum der Wirtschaft, Produktivität, Informationen, technischen Möglichkeiten, konstruktiven wie destruktiven, u. a. durch immer „bessere” Waffen.
Ohnehin fällt der Beginn unserer modernen Zeitrechnung vor 2 000 Jahren mit dem Höhepunkt der Eurasischen Antike im Römischen Reich zusammen, der „Pax Romana” unter Kaiser Augustus, der „ein Gebot ausgehen” ließ, „dass alle Welt geschätzet werde”: Aber die Volkszählung als Grundlage der Besteuerung galt nur für das kurz zuvor von Rom annektierte „Jüdische Land”. Gleichzeitig stand auch das China der Han-Dynastie auf dem Höhepunkt seiner antiken Größe. Und zur Vorgeschichte des 1. Jahrtausends nach gehört auch das Jahrtausend vor Christi Geburt. So wären wir bei 3 000 Jahren Geschichte angelangt, nach Goethe unverzichtbar zum Verständnis der Gegenwart:
Weiß sich Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.”
| 1. | Innere Einheit der älteren Weltgeschichte: das Eurasische System |
So reicht es, sich an die überragenden Schwerpunkte des gesicherten historischen Wissens zu halten, die ältere Geschichte des Tri-Kontinents Eurasien (Europa, Asien, Nordafrika). Hier liefern der Ferne Osten (China) und Ferne Westen (Europa bis Persien) 99 Prozent allen Wissens über die ältere Geschichte als bekannte Vergangenheit des Menschen.
Erst ein wirklich globalhistorischer Horizont gibt den Blick frei auf ein weiteres Stück innerer Einheit der älteren Weltgeschichte, gestiftet vom Eurasischen System, frei von eurozentrischen Verengungen und Verzerrungen – die großen vier Weltzivilisationen mit ihren Großreichen, verknüpft durch den Interkontinentalen Fernhandel zwischen dem Westen und China, beide mit faszinierenden Parallelen und Verbindungen. Dagegen bleiben alle anderen Regionen für einen groben Überblick buchstäblich peripher, vor allem die beiden bis 1492 völlig isolierten Kontinente Alt-Amerika und Australien/Neuseeland, selbst das noch lange weitgehend isolierte Schwarzafrika.
Geographisch wie strukturell lässt sich die ältere Weltgeschichte in Spannung zwischen Fernem Osten und Westen sehen. Dazwischen bewegten sich Indien und Persien in den Rhythmen ihrer je eigenen Entwicklungen, Indien unter dem Druck immer wiederkehrender Einfälle vor allem von Nordnomaden (Türken, Mongolen), Persien auch von Südnomaden (Arabern).
| 1.1. | Die großen Weltzivilisationen: Alter Westen, Persien, Indien, China |
Vor etwa 5 000 Jahren begann im Alten Westen (Mesopotamien, Ägypten) mit dem qualitativen Sprung zur Zivilisation artikulierte Geschichte, basierend auf der Schriftlichkeit altorientalischer Hochkulturen. Danach schälten sich vier große Zivilisations- und Machtzentren heraus – der Alte Westen, zunächst von Rom bis Persien; Persien, das sich später als eigenes Zentrum aussonderte; Indien und China. Sie bestreiten, jede auf ihre Weise, zusammen den größten Teil der bekannteren älteren Weltgeschichte, bis 1492/98. Zugleich sind die vier Zentren vier große Möglichkeiten der Zuordnung von Zivilisation und imperialer Macht, bei allen gemeinsamen Strukturmerkmalen mit tief greifenden Unterschieden, gesteuert von unterschiedlichen religiösen Grundlagen, d. h. der Art, wie sie das Diesseits und Jenseits einander zuordnen: China ist seit alters her überwältigend dem Diesseits zugewandt, extrem pragmatisch und praktisch; Indien dagegen ist überwältigend dem Jenseits zugewandt, mit dem Glauben an die Seelenwanderung, gipfelnd im erlösenden Nirwana. Religiös wie in den irdischen Konsequenzen sind China und Indien weithin wie Materie und Antimaterie. Der Alte Westen war eher gemischt – überwiegend irdisch, mit einer starken metaphysischen Komponente, die sich im modernen Neuen Westen freilich durch den Prozess der Säkularisierung stark abschwächte, bis hin zum offenen Atheismus.
China brachte selbst keine Hochreligion hervor, sondern importierte Hochreligionen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Umfang aus seinem Westen – dem Nahen (Indien) den Buddhismus, dem Mittleren Westen (Arabien) den Islam, dem Fernen Westen (Europa) das Christentum. Die staatlichen Konsequenzen unterschiedlicher „Welt-Anschauungen” sind gravierend: Von den vier großen eurasischen Zivilisationen und imperialen Machtzentren weist China die größte Kontinuität auf: Im am stärksten expandierenden, zentralisierenden und assimilierenden Reich der Weltgeschichte überwog die staatliche Zusammenfassung, während Perioden der Zersplitterung und inneren Konflikte immer seltener und kürzer wurden. Umgekehrt überwogen für Indien lange Perioden staatlicher Zersplitterung, während imperiale Zusammenfassung des (fast) ganzen Subkontinents seltene Ausnahme blieb – am längsten hielt noch die britische Kolonialherrschaft (1856-1947), die „Pax Britannica”. Der Westen brachte, wie China, Machtstrukturen mit klaren Identitäten und langfristigen Kontinuitäten hervor, aber auch, in der Abfolge von Großreichen seit dem Alten Orient, so viele Staaten – große und kleine Reiche, Stadt- und Nationalstaaten – mit komplizierten Beziehungen unter- und gegeneinander hervor, dass schon wieder der Eindruck chaotischer Fülle entsteht, aber anders als in Indien.
Mit der allmählichen Verlagerung des Alten Westens vom Alten Orient zum lateinischen Westen gewann Persien Freiraum als jüngstes und kleinstes Macht- und Kulturzentrum, das deshalb in seiner welthistorischen Bedeutung leicht übersehen wird: Es schwankte zwischen dreimaliger imperialer Zusammenfassung und plötzlicher Überwältigung durch Eroberungswellen: Das Altpersische Reich der Achämeniden (550-330 v. Chr.) wurde vom Alexanderzug überschwemmt. Nach einem 500-jährigen Wandlungsprozess erstand Persien mit dem Sassaniden-Reich 224 n. Chr. wieder neu auf, überschwemmt vom Siegeszug des Islam (641-652). Danach benötigte Persien 850 Jahre, bis es mit dem Safawiden-Reich 1500 wieder auftauchte. Jedes Mal restaurierte sich Persien/Iran auf einem kleineren Territorium und einer anderen religiösen Grundlage. Zugleich dehnte sich seine kulturelle Prägung weit über seinen schrumpfenden imperialen Herrschaftsbereich aus, zuletzt vom Osmanischen Reich im Westen zu Teilen Zentralasiens und bis zum Mogulreich in Indien (1526-1856). Stets blieb Persien zutiefst geprägt vom Dualismus, dem ständigen Kampf zwischen Gut und Böse, den später die monotheistischen Religionen übernahmen, Judentum, Christentum und Islam.
Auf dem Höhepunkt der Eurasischen Antike um Christi Geburt bildeten vier Großreiche eine Zone der Zivilisation und des (relativen) imperialen Friedens: Rom, Parther/Perserreich, das Kuschan-Reich im nördlichen Indien und in Afghanistan sowie Han-China. Die „Pax Imperialica” wirkte auch gegen die immer wieder von Norden aus Zentralasien andrängenden Nomaden. Unter ihrem Druck zerbrach der imperiale Frieden, vorbereitet durch Feudalisierung und interne Konflikte. Die Osthunnen zerstörten direkt das Han-Reich und eroberten halb China bis zum Jangtsekiang, während die Westhunnen seit 375 ostgermanische Stämme, die panikartig vor ihnen flohen, ins Römische Reich drängten, als Auftakt zur „Völkerwanderung”. Nach Zwischenrestauration des Imperiums in Ost (Sui- und Tang-Dynastie in China, 589/618) und West (Machtübernahme der Karolinger im Frankenreich als Hausmeier 687 und Könige 751) brach mit dem Tod Karls des Großen (814) und dem Niedergang der Tang-Dynastie (ab ca. 830) neue Instabilität aus.
Für die ältere Weltgeschichte am bedeutsamsten sind daher (jeweils von China und vom Westen her gesehen) der Ferne Westen und Ferne Osten (vom Westen her gesehen). Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches repräsentierten China und der lateinische Westen zwei extrem unterschiedliche Varianten überwiegend dem irdischen Dasein zugewandter Staatlichkeit – China das extrem zentralisierende, das Individuum dem von oben herrschenden Kollektiv total unterordnende Megakollektiv; der lateinische Westen nie wieder imperial oder auch nur hegemonial zusammengefasst, beruhend auf dem autonomen Individuum, das seine Interessen kollektiv von unten in selbst bestimmten Strukturen selbst organisiert.
| 1.2. | Der Interkontinentale Fernhandel |
Die vier großen Zivilisations- und imperialen Machtzentren waren locker und indirekt durch Fernhandel zwischen dem Fernen Osten und Westen verbunden. Für die großräumige und langfristige Verbindung zwischen China und dem Westen durch den Interkontinentalen Fernhandel gab es grundsätzlich zwei große Routen, die sich gegenseitig ergänzten und streckenweise auch in Teilabschnitten kombinieren ließen, beide Routen zugleich mit mehreren regionalen Varianten: Die vermutlich ältere war die Seeroute im Süden, zunächst zwischen Indus und Euphrat/Tigris, später nach Ost und West ausgeweitet vom Chinesischen Meer über den Indischen Ozean und den Persischen Golf bzw. das Rote Meer bis zum Mittelmeer.
Der überwiegend maritimen Südroute entsprach eine überwiegend kontinentale Nordroute, deren Herzstück Zentralasien war, während das Schlussstück das Schwarze Meer mit der Halbinsel Krim bildete. Beide liefen, bis zum Höhepunkt des Interkontinentalen Fernhandels, in Konstantinopel zusammen, von wo aus der Fernhandel vor allem über Italien auf das lateinische Europa ausstrahlte – bis zum Beginn der lang anhaltenden Agonie des Byzantinischen Reiches seit der Schlacht bei Mantzikert 1071. Wegen der überragenden Bedeutung eines Handelsgutes heißen beide Routen „Seidenstraße”. Selbstverständlich waren auch Regionen zwischen den beiden großen Ecksäulen des Eurasischen Systems wichtig, als Vermittlungsstationen wie für den regionalen Fernhandel, ferner als eigenständige Produktionszentren, die ihre Güter in den Fernhandel einspeisten, vor allem Südostasien (Gewürze), Indien (Baumwollstoffe, Indigo) und Persien (Teppiche).
| 1.3. | Sklavenhandel und Sklaverei |
Leicht übersehen wird die Nord-Süd-Dimension des Interkontinentalen Fernhandels. Hier spielten Nomaden im Norden (Türken, Mongolen) und Süden (Araber, Berber, Tuareg) die überragende Rolle, vor allem durch Kontrolle des Fernhandels und Bereitstellung eines für die Macht- und Zivilisationszentren des Alten Westens wesentlichen Handelsgutes: Menschen als Sklaven, die, ob männlich oder weiblich, als meist billige Arbeitskräfte unentbehrlich wurden, auch zur biologischen Reproduktion (Frauen) und als Militärsklaven (Männer). Indien und China benötigten keinen Sklavenhandel, weil sie aus unterschiedlichen strukturellen Gründen ihren Bedarf an billigen Arbeitskräften selbst decken konnten: Indien hatte seine niedersten Kasten und die Kastenlosen, China genügend Kriegsgefangene sowie ein großes Menschenreservoir im Inneren, vor allem zur Rekrutierung von Sklaven und Eunuchen für den kaiserlichen Hof.
Sklaverei und Sklavenhandel waren mehr (muslimische Reiche) oder weniger (lateinischer Westen) so sehr integrale Bestandteile der ökonomischen und sozialen Strukturen, dass es zwecklos ist, darüber nachträglich zu moralisieren: Militärisch überlegene Nord- wie Südnomaden fingen Sklaven in Razzien ein oder erhielten sie als Zwangstribute von politisch zersplitterten, daher militärisch schwachen Bauerngesellschaften. Handelsstädte an den äußersten Peripherien der Zivilisation vermittelten sie in die Macht- und Zivilisationszentren, vom Südrand des Mittelmeeres bis Persien. Die ältesten solcher Handelsstädte seit der Antike waren griechische am Nordrand des Schwarzen Meeres und auf der Krim, später Städte an der Ostküste Afrikas aus persisch-arabisch-negrider Wurzel. Zuletzt kamen ab 1000 n. Chr. Städte am Südrand der Sahara hinzu, die die südliche Grenze des Islam und des Sklavenhandels bildeten.
Nordnomaden lieferten weiße, Südnomaden schwarze Sklaven, die in muslimischen Reichen als Militärsklaven („Mamelucken”) aufeinandertrafen, in Krisen- und Konfliktzeiten auch gegeneinander kämpften. Ihr unterschiedlicher militärischer Rang spiegelt ein Stück universalen Proto-Rassismus wider: Die weißen Sklaven stellten meist die prestigereichere Kavallerie, die schwarzen das mindergeachtete Fußvolk, auf das weiße Mamelucken gern herabschauten.
| 1.4. | Ältere Goldwährungen |
Das komplexe Zusammenspiel von politischer Stabilität oder Instabilität, ökonomischer Prosperität oder Verarmung im Auf und Ab des Interkontinentalen Fernhandels steuerte auf weite Strecken unsichtbar die Beziehungen zwischen Altem Osten (China, Indien) und bis 1492/98 noch Altem Westen: Symbol und zentrales Instrument aller drei Aspekte war seit der Antike die Goldwährung (Münzen). Sie zeigte den Schwerpunkt der am weitest entwickelten Region an, zumeist in imperialen Großreichen – vor allem der Kroiseios in Lydien (560-547 v. Chr.), zunächst von den Persern weitergeprägt (bis 520 v. Chr.), der Dareikos im Perserreich (ca. 510 v. Chr.), der Aureus unter Caesar im Römischen Reich (45 v. Chr.).
Die stabilste aller Goldwährungen war der oströmisch/byzantinische Goldsolidus (auch „Byzantiner” genannt), eingeführt von Konstantin dem Großen 324: Ursprünglich nur Reichswährung des gerade zum letzten Mal wiedervereinigten Römischen Reiches, gewann er das Vertrauen als große Leitwährung für den Interkontinentalen Fernhandel durch verschiedene Maßnahmen der Reichzentrale, die den Goldgehalt des Solidus stabil, „solide” hielten, von Portugal im Fernen Westen bis China im Fernen Osten, und das fast 750 Jahre lang: Erst bald nach der traumatischen Niederlage von Mantzikert gegen die seldschukischen Türken 1071 verfiel der Goldsolidus durch Beimengung minderwertiger Metalle – die ältere Form der Inflation. An seine Stelle traten allmählich Goldmünzen aus dem lateinischen Westen, zunächst in Florenz der Florentiner (1252), in Venedig der Dukat (1284), ohne je die überragende Stellung des Goldsolidus als internationale Leitwährung zu gewinnen. Aber die Goldmünzen aus italienischen Stadtstaaten, später auch aus Frankreich, der größten Nationalmonarchie Europas bis 1789, zeigten bereits die kommende Verlagerung der Weltwirtschaft zum lateinischen Westen an.
Paradoxerweise lassen Goldwährungen des Westens ein strukturelles und langfristiges Ungleichgewicht im Interkontinentalen Fernhandel erkennen: Die hochwertigen Handelsgüter kamen aus dem Osten, vor allem Indien und China. Der Ferne Westen, selbst das Römische Reich, war dagegen in seiner Wirtschaft noch so wenig komplex und differenziert, dass er für Importe, meist teure Luxuswaren, keine annähernd gleichwertigen Güter anzubieten hatte. Bezeichnende Ausnahme waren Qualitätswaffen aus dem Raum zwischen Köln und Lüttich, wo es, noch aus der vorrömischen, keltischen Zeit, eine lange Tradition der Verarbeitung von Kupfer und Eisen gab. Sonst aber zahlte der Ferne Westen nur mit Edelmetallen – Gold und Silber, gemünzt oder ungemünzt (englisch bullion): Rund 2 000 Jahre lang hielt die unausgeglichene Handelsbilanz für den Westen an, ein ständiger Abfluss von Gold und Silber in den Osten, so dass die Beschaffung von Edelmetallen zur Finanzierung der Importe aus dem Osten stets ein drängendes Problem blieb. In der Antike kam Gold noch aus der europäischen Peripherie (Irland im Westen, Dakien im Südosten), seit dem Mittelalter überwiegend aus Afrika, erst aus Nubien, für das alte Ägypten das Goldland (nub: Gold) schlechthin, später aus Westafrika.
Auf den Wegen des Interkontinentalen Fernhandels zu Lande wie zu Wasser wanderten Kulturgüter und -techniken aus dem Alten Osten in den Westen, die zusammen erst die spätere technische Überlegenheit des Neuen Westens ermöglichten. Umgekehrt wanderten aus dem Westen nach Osten vor allem Gold und Silber zur Finanzierung des Interkontinentalen Fernhandels, aber auch religiöse Ideen, oft in Personalunion von Kaufleuten und Missionaren.
| 2. | Eurasische Weltenwende um 1000 |
Erst nach diesem welthistorischen Rundblick bis um 1000 wird es sinnvoll und möglich, sich an einen Rückblick nach 1000 zu wagen, weil nun Anknüpfungen an die Geschichte davor leichter fallen. Aus der Perspektive Eurasischer Weltgeschichte gewinnt das Jahr 1000 als Symboldatum eine überragende Bedeutung, denn es markiert im Rückblick tatsächlich eine tief greifende Wende.
Die Stilllegung der letzten Invasoren Westeuropas, im Westen der Normannen 911 durch Eingliederung ins Westfränkische Reich als Lehensleute, im Osten der Ungarn 955 durch die seit 911 annähernd vereinten Deutschen in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg, ermöglichte dem von Rom zivilisatorisch und kulturell geprägten lateinischen Westen die breite Wiederanknüpfung an Zivilisation und imperiale Herrschaft. Um 1000 war auch die Christianisierung Europas fast abgeschlossen, bis auf die weitgehend isolierten baltischen Völker.
Noch vor 1000 erreichten der Ferne Osten und der Ferne Westen fast gleichzeitig neue imperiale Stabilität: In China stellte die Sung-Dynastie 960 die Reichseinheit wieder her, zwei Jahre später folgte die Restaurierung des Römischen Reiches Karls des Großen mit der Kaiserkrönung Ottos I. in Rom 962. Erste Eroberungen der Türken nach Süden und die Expansion des Islam jenseits der Sahara, beide um 1000, führten erstmals einen fortan wichtigen Faktor neu ein (Türken in den Zivilisationszentren) bzw. setzten die Expansion des Eurasischen Systems fort, nach Süden durch den Islam, denn die neuen islamischen Städte am Südrand der Sahara ab 1007 dienten vor allem dem Eurasischen Fernhandel, Sklavenhandel mit einbegriffen.
| 2.1. | China (960-1979) |
China, das älteste noch heute bestehende imperiale Macht- und Zivilisationszentrum, regenerierte sich kontinuierlich, über alle Brüche hinweg, immer wieder von neuem. Nach Perioden imperialer Einheit und Expansion erlag es zwischendurch Invasionen turkmongolischer Nordnomaden, die ihrerseits immer wieder das chinesische Kaiserreich und seine Hochkultur erneuerten und weiter ausdehnten, zuletzt Mongolen (1280-1368) und Mandschus (1644-1911). Mit der allmählichen Umwandlung der Steuern von Sachlieferungen auf Geldzahlungen entfesselte die Sung-Dynastie eine ökonomische und demographische Dynamik, die China für rund 500 Jahre zur stärksten Wirtschafts- und Wissenschaftsmacht Eurasiens aufsteigen ließ. Es wurde Motor des Interkontinentalen Fernhandels, der älteren Form des Welthandels. In seiner pragmatischen Hinwendung zur Diesseitigkeit entfaltete China eine welthistorisch weit reichende Erfindungskraft. Zahlreiche technische Neuerungen, die uns selbstverständlich geworden sind, kamen ursprünglich aus China – Bronzeguss, Papier, Steigbügel, Porzellan, Kompass, Schießpulver und erste Feuerwaffen; Seide, Tee (aber aus Indien), Buchdruck, Armbrust, Kummet und vieles andere mehr.
Aber noch vor der vollständigen Eroberung durch die Mongolen (1280) war die Innovationskraft Chinas erlahmt, selbst nach der nationalen Restauration unter der Ming-Dynastie (1368-1644). China erstickte gleichsam an seiner enormen Größe, Zentralisierung und rigorosen Kontrolle aller Lebensäußerungen von oben. Sie ließ dem Individuum kaum Spielraum, erdrückte jede Privatinitiative, so dass viele Erfindungen keine Umsetzung in der Gesellschaft fanden. Mit seiner freiwilligen Selbstisolierung Chinas ab 1438, der sich auch Japan und Korea anschlossen, klinkte sich der Ferne Osten selbst aus der Dynamik in der Welt aus, die fortan vom äußersten Fernen Westen ausging, dem atlantischen Rand Westeuropas und Eurasiens. Somit eröffnete China selbst seine langfristige Stagnation, wenn auch auf noch immer hohem kulturellem Niveau, und ein Zurückfallen, nach einigen Schwankungen im 20. Jahrhundert seit der Chinesischen Revolution 1911/12, im Grunde bis zur Neuöffnung 1979 unter Deng Xiaoping. So erweist sich China geradezu als die Antimaterie zum lateinischen Westen.
| 2.2. | Islam, ab 632: Araber und Türken; Schwarzafrika |
Nachhaltig wirkte, über die Epochenwende um 1000 hinweg, der militante Aufbruch der muslimischen Araber. Er ging zunächst von der Arabischen Halbinsel aus, die der Prophet Mohammed (622-632) geeint hatte. Die imperiale Expansion traf von Süden zuerst Byzanz und Persien und mündete in die Errichtung des Kalifats (634-1258). Es trat an die Stelle Persiens und der östlichen wie südlichen Provinzen von Ostrom/Byzanz. Die neue Hochkultur des Islam vereinte – religiös, als monotheistische Religion, wie kulturell und staatlich – Elemente des Juden- und Christentums mit einheimischen vorislamischen, ferner griechische und persische mit arabischen, die so zu einer neuen Synthese verschmolzen.
Die anhaltende Schwäche des Kalifats nach dem Tod von Harun ar-Raschid (809) und einem blutigen Bürgerkrieg (809-813) gab allmählich dem eroberten persischen Element neuen Auftrieb, zunächst noch im Rahmen des Kalifats, und ließ später auch aus dem Norden den Türken freie Bahn zur Ausfüllung des sich auftuenden gewaltigen Machtvakuums. Schon zuvor waren Türken als Kriegersklaven (Mamelucken) ins Kalifat eingesickert und hatten, nach Bekehrung zum Islam, Schlüsselstellungen im niedergehenden Kalifat inne. 998 eröffneten sie auf eigene Rechnung die Eroberung Nordwestindiens, des heutigen Pakistan, bald nach 1000 eroberten die seldschukischen Türken, inzwischen ihrerseits islamisch, Persien (1040) und den Irak mit Bagdad (1055).
Nach 1000 zerschlugen die seldschukischen und osmanischen Türken in zwei Schüben Byzanz. Die Agonie des Byzantinischen Reiches begann mit der traumatischen Niederlage von Mantzikert in Armenien gegen die Seldschuken (1071) und zog sich bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) hin. Diese lange Agonie wiederholte sich später strukturell mit dem Nachfolgereich von Byzanz, dem Osmanischen Reich, nach seiner entscheidenden (zweiten) Niederlage vor Wien 1683 und im 3. Russisch-Türkischen Krieg (1768-1774), bis zu seinem endgültigen Untergang nach dem 1. Weltkrieg 1923.
Auch auf Teile Schwarzafrikas griff die Expansion des Islam über: Seine wandernde Grenze schob er durch die Sahara nach Süden und vom ostafrikanischen Küstensaum nach Westen vor, in einer Kombination von Mission, meist durch Kaufleute, militärisch-politischer Eroberung und Ausweitung des Sklavenhandels in Regionen der „Ungläubigen” (kafir), deren Versklavung nach dem Koran Muslimen erlaubt war. Mit der Islamisierung Kanems 1007 begann am Südrand der Sahara die Errichtung einer ganzen Kette muslimischer Fernhandelsstädte und Staaten, deren ökonomische Grundlage vor allem auf dem Gold- und Sklavenhandel mit dem Mittelmeerraum beruhte. Staaten in Schwarzafrika erhielten so als eurasische Randkulturen zunehmend ihre kulturell-religiöse Prägung vom Islam, mit abnehmender Intensität: je weiter entfernt von den Zentren des arabischen Islam, desto schwächer.
Jenseits der muslimischen Reichweite setzte sich die große Bantu-Expansion fort, die im 1. Jahrhundert n. Chr. vom heutigen Nordkamerun aus als großes Kontinuum schwarzafrikanischer Geschichte weite Teile Schwarzafrikas erfasste, zunächst nach Osten, dann entlang den Küsten des Atlantiks und des Indischen Ozeans nach Süden, bis sie ab 1772 auf die Expansion der Buren aus der Kapkolonie stieß.
| 2.3. | Europa um 1000 |
Seit 955 herrschte im lateinischen Europa fortan für fast 1 000 Jahre ein relativer Frieden, weil in dieser Zeitspanne alle Kriege innereuropäische Konflikte waren: Invasoren von außen kamen über den südöstlichen Rand Europas nicht hinaus – Mongolen 1241, Türken vor Wien 1529 und 1683. Schon dieser relative Frieden ermöglichte eine demographische und ökonomische Expansion, die bald zur territorialen Expansion überging: Die systematische Verdrängung der Araber/Sarazenen aus Süditalien und den großen Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien (1020-1090) setzte sich nahtlos in der Iberischen Reconquista ab 1064 und in den Kreuzzügen (1095-1291) fort, die sich indes ebenso gegen Byzanz wie den Islam als vordergründigen Gegner richtete. Wiederaufleben der Landwirtschaft, ausgehend von der Île-de-France um Paris, der endgültigen Hauptstadt des mittelalterlichen Frankreich ab 987, Wiederaufnahme des interkontinentalen Fernhandels nach Indien und China, bei der Juden oft eine Pionierrolle zufiel, Wiederbelebung der Geldwirtschaft und der Städte, alles gekrönt durch imperiale Stabilität in Ost (Sung 960) und West (962), stießen auch im lateinischen Westen eine enorme Dynamik an. Sie setzte sich in einem bisher über 1 000-jährigen Boom um, allen zeitlichen oder regionalen Schwankungen zum Trotz, hervorgerufen durch Hungerkrisen (ab 1300), die Große Pest in Europa (1347-1351), lang anhaltende Kriege und Wirtschaftskrisen.
| 2.4. | Der Neue lateinische Westen: Individuen und Pluralismus – die sich von unten selbst organisierende Gesellschaft |
Noch im lang anhaltenden Chaos bildeten sich auf den Trümmern des Weströmischen Reiches, im lateinischen, d. h. kulturell und kirchlich von Rom geprägten Westeuropa die Grundlagen eines welthistorisch neuen Typs von Gesellschaft heraus, die sich von unten selbst organisierte. Besonders im poströmischen Gallien bzw. Frankenreich hatten sich zwischen 476 und 955 alle überkommenen Strukturen weitgehend aufgelöst, die römischen Amtskirche ausgenommen. Übrig geblieben waren im Wesentlichen autonome Individuen. Von ihnen gingen Impulse zum zivilisatorischen und staatlichen Wiederaufbau aus, also von unten. Alte und neue Obrigkeiten repräsentierten daher die neue Gesellschaft eher und koordinierten die von unten kommende neue Dynamik, als sie von oben zu kommandieren.
Die Konstituierung der sich von unten selbst organisierenden Gesellschaft war schon vor 1000 angelaufen und weit gediehen, noch im „finsteren”, d. h. nachrichten- und quellenarmen Mittelalter und fand nach 1000 im Wesentlichen nur noch ihre institutionelle und staatlich-politische Ausprägung. Aus der kollektiven Organisation individueller Interessen bildeten sich neue Strukturen, zuerst in Italien (Benevent 1015) die Ratsverfassung städtischer Kommunen aus antiker Wurzel, später Stände in Territorialstaaten, zuerst in Nordspanien (Léon 1188) aus der permanenten Kriegführung der Iberischen Reconquista gegen die muslimischen Araber/Mauren (1064-1492).
So zeichnete sich das neue lateinische Europa, zunächst nur westlich des Rheins, im Weltmaßstab durch zwei große Besonderheiten aus:
| 2.5. | Vielfältigkeiten des lateinischen Europa |
Dem lateinischen Westen gelang seit dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 nie wieder eine imperiale Zusammenfassung oder auch nur hegemoniale Einigung des Kontinents unter einer Führungsmacht: Stets schloss sich das übrige Europa gegen jede Macht zusammen, die die Hegemonie (Vorherrschaft) oder gar imperiale Herrschaft erzwingen wollte. Zudem verteilten sich in einer pluralistischen Struktur Schwerpunkte der geistigen, ökonomischen und politisch-militärischen Macht auf verschiedene Staatsgebilde: Kulturell und wirtschaftlich führend blieben Italien und Frankreich dank ihrer stärkeren Kontinuität und größeren räumlichen Nähe zur römischen Zivilisation. Italien war Europas erstes langfristiges postimperiales Machtvakuum, politisch-staatlich fragmentiert (476-1859/61), Frankreich dagegen die stärkste Nationalmonarchie (lateinisch regnum) seit dem fast gleichzeitigen Abstieg des deutschen Reiches (ab 1198) und dem Aufstieg Frankreichs zur ersten Großmacht Europas (ab 1214).
Seit dem Sieg über die Ungarn 955 lag der militärisch-staatliche Führungsanspruch zunächst bei den Deutschen. Aber in ihrer damaligen Randlage waren sie gegenüber dem kontinentalen Alt-Europa diesseits des Limes kulturell und ökonomisch eher rückständig. Dennoch übte Deutschland als Vermittlungs- und Durchgangsland für zivilisatorische Errungenschaften nach Norden, Osten und Südosten wichtige gemeineuropäische Funktionen aus: Von drei deutschen Missionserzbistümern aus (Salzburg 798, Hamburg-Bremen 831/46, Magdeburg 968) vollendete Rom die Christianisierung des katholischen Europa, jeweils für den Südosten, Norden und Osten. Dazu vermittelte Deutschland auch geistig-geistliche und ökonomische Impulse aus Italien und Frankreich – Ratsverfassung und Stadtwirtschaft, intensive Landwirtschaft, Universitäten. Ein genuin deutscher Beitrag war die Entwicklung des europäischen Bergbaus: Vom großen Silberberg Rammelsberg bei Goslar im Harz (968) schwärmten deutsche Bergleute aus und trugen den Bergbau in einen weiten Bogen von Schweden über Polen und Ungarn bis Bosnien – selbst der Name des seit 1995 traurig bekannt gewordenen Srebrenica gehört in diesen historischen Zusammenhang (srebro: Silber): Srebrenica begann als Stadt des Silberbergbaus.
| 3. | Hoch- und spätmittelalterliches Europa, 1000-1492/98 |
Während seiner Inkubationszeit ab 955/62/87 oder, wenn man eine rundere Symbolzahl bevorzugt, ab 1000, bereitete sich das lateinische Westeuropa auf seine Expansion in Übersee ab 1492/98 vor, in Kombination einheimischer Faktoren, mit Rückgriffen auf die Antike und Anregungen von außen, vor allem aus China. In komplizierten Konflikten nach innen und außen formierte sich unter Strömen von Blut das, was wir heute als westliche Zivilgesellschaft mit Rechts- und Verfassungsstaat allzu leicht als Selbstverständlichkeit nehmen: Mit all ihren Vor- und Nachteilen ist sie eine absolute Ausnahme in der Welt. Seine strukturelle Komplexität macht Europa zu einem weltbewegenden Kapitel für sich, im Mittelalter wie in der Neuzeit.
| 3.1. | Interne Strukturgrenzen |
Europa war und ist keineswegs homogen, sondern nach innen durch große Strukturgrenzen unterteilt, die sich von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit allmählich herausbildeten. Sie markieren Linien oder Zonen unterschiedlicher Entwicklungen, Strukturen und Mentalitäten der langen Dauer (longue durée), die über Jahrhunderte hinweg die Geschichte Europas steuerten, gleichsam wie aus dem historischen Untergrund. Sie entstanden dort, wo der „Prozess der Zivilisation” (Norbert Elias) für längere Zeit anhielt oder sich ausdifferenzierte. Differenzierungen brachten Konflikte und gegenseitig bereichernde Beeinflussungen, auch Mischzonen des Übergangs. Insgesamt lassen sich fünf große symbolische oder idealtypische Strukturgrenzen unterscheiden, in ungefährer chronologischer Reihenfolge:
Der türkische Islam unterwarf vor allem den orthodoxen Südosten, nur marginal auch lateinische Enklaven besonders in Albanien und der westlichen Herzegowina, vorübergehend auch den größten Teil Ungarns (1526-1686/87). Daher überlagerte die neue Strukturgrenze teilweise auch die ältere Strukturgrenze von 395/1054: Die Drina, 395 Grenze zwischen West- und Ostrom, wurde nun auch Grenze zwischen orthodoxen Serben (bis 1878 unter osmanischer Herrschaft) im Osten und dem überwiegend muslimischen Bosnien im Westen. Die Strukturgrenzen von 395/1054 und 1529 brachen nach dem Zusammenbruch im Jugoslawienkrieg wieder brutal auf, erst zwischen Kroaten und Serben, beide gegen Muslime; zuletzt Serben gegen Albaner im Kosovo.
| 3.2. | Eine westliche Besonderheit: der Nationalstaat |
Eine Konsequenz aus der sich von unten selbst organisierenden Gesellschaft waren die spätmittelalterlichen Nationalmonarchien westlich des römischen Limes. Als postimperiale Nachfolgestaaten entwickelten sie nach 1000 proto-nationale Identitäten, auf der sozialen Grundlage im Prinzip (mehr oder weniger) autonomer Städte, tendenziell frei werdender Bauern und des niederen Landadels gegen die Hocharistokratie. Verfassungsrechtlich als ständische Monarchien, in denen proto-parlamentarische Stände den Staat ebenso machten wie die Krone als Vertreterin der gesamtstaatlichen Interessen, entfalteten sich erste Ansätze zum modernen Rechts- und Verfassungsstaat, auf dem Kontinent mit Weiterentwicklungen des römischen Rechts, bis hin zum Code Napoléon (1804) und seinen nationalen Fortschreibungen, u. a. in Deutschland das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) (1900). Frankreich, England, Spanien und Portugal wurden die westeuropäischen Modelle, ergänzt um die skandinavischen Monarchien, später um die Schweizer Eidgenossenschaft (ab 1291) und die Generalstaaten (= Generalstände) der Neuen, der nördlichen Niederlande der sieben Provinzen unter Führung Hollands (1581). Italien und Deutschland dagegen waren langfristige postimperiale Machtvakuen seit 476 (Untergang Westroms) bzw. 1198 (Thronstreit zwischen Welfen und Staufen in Deutschland) und fanden erst im 19. Jahrhundert zur nationalstaatlichen Einigung durch Risorgimento (1859/61/70) und Reichsgründung (1871).
Zur Entwicklung des lateinischen Europa leisteten mehrere werdende Nationen ihre Beiträge: Aus Italien kamen die Kirche (Rom), Reste der antiken Zivilisation und Erneuerung der städtischen Wirtschaft, nach 1000 kommunale Autonomie (Räte), aus Frankreich als größtem Königreich und stärkster Nationalmonarchie vor allem intensive Landwirtschaft und der zentralistische Fiskal- und Flächenstaat, aus Deutschland Bergbau, Buchdruck und Reformation. Im Spanien der Reconquista entstanden in Léon, dem Vorläuferstaat Kastiliens, die ersten Stände (1188) von England nach der Magna Charta 1215 schubweise weiterentwickelt zum Parlament, das seit dem späten 17. Jahrhundert die Souveränität im Staate errang. Portugal eröffnete die Expansion Europas in Übersee mit der Eroberung Ceutas 1415. Holland steuerte im 16. Jahrhundert die damals modernste und intensivste Form der Landwirtschaft und vorindustriellen Produktion bei, dazu Toleranz (für Juden) und Grundlagen des Völkerrechts (Hugo Grotius); England die erste moderne Revolution, den Rechts- und Verfassungsstaat, die industrielle Revolution; Frankreich die souveräne demokratische Nation, politisch durch die Französische Revolution 1789 mit ihren Folgerevolutionen (u. a. 1830, 1848), rechtlich durch den Code Napoléon (1804). Polen lieferte im Zeitalter der Gegenreformation die (relativ) mildeste Variante der katholischen Gegenreformation in praktizierter Toleranz. Im seit 1198 in autonome, seit dem Westfälischen Frieden 1648 souveräne Teilstaaten zerfallenden Alten Reich der Deutschen vollzog sich die Hinwendung zum modernen Fiskalstaat (Steuer- und Beamtenstaat) auf der Ebene fürstlicher Territorialstaaten, als Vorform des modernen bundesstaatlichen Föderalismus.
| 3.3. | Große Krisen und Konflikte im spätmittelalterlichen Europa: Pest, Hundertjähriger Krieg, Abendländisches Schisma |
Auf den traditionellen Handelswegen breitete sich auch die Große Pest von Ost nach West aus, wieder zu Wasser und zu Lande. Sie war das größte Einzelereignis der älteren Eurasischen Geschichte, das den Tri-Kontinent miteinander auf makabre Weise verband. Die Große Pest begann in der Wüste Gobi, erreichte China 1338, wo sie beitrug, die Fremdherrschaft der immer noch verhassten Mongolenkaiser zu untergraben, so dass die nationale Revolution der Ming-Dynastie 1368 die nächste Periode imperialer Größe Chinas einleitete.
Von China aus fegte die Große Pest wie ein gewaltiger Wirbelsturm quer durch Eurasien und erreichte 1347 über die Krim und die Levante Italien, 1348/49 das übrige Europa. So schwer die Verluste in Europa an Menschen auch waren – rund ein Drittel der Bevölkerung –, in den übrigen betroffenen Großregionen wirkte sie noch verheerender: China, Indien, die arabischen Länder, die Mongolen, gerade auch im äußersten Westen die Tataren litten unter den Bevölkerungsverlusten so stark, dass sie auch ökonomisch und politisch auf Dauer geschwächt wurden, stagnierten und zurückfielen. Dagegen steckte das lateinische Europa die schweren Bevölkerungsverluste der Großen Pest langfristig leichter weg, so dass sich schon nach einem Jahrhundert die Dynamik des Bevölkerungswachstums seit 1000 wieder fortsetzte.
Die Große Pest fiel in die Anfangsphase des größten intereuropäischen Konflikts im Spätmittelalter, des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich (1337/39-1453), den die beiden mächtigsten und stilprägenden Nationalmonarchien des lateinischen Europa gegeneinander austrugen. Frankreich hielt sich am Ende als größte und stärkste Nationalmonarchie Europas. Dagegen war das Heilige Römische Reich (erst seit 1486 auch: „Deutscher Nation”) schon seit dem Thronstreit zwischen Welfen und Staufern 1198 vom ersten Machtzentrum des mittelalterlichen Europa zum zweiten großen Machtvakuum (nach Italien seit 476) abgesunken, gefolgt von Polen ab 1648. Hinter der Fassade der formal weiterexistierenden Kaisermacht stiegen die Reichsstände, vor allem Fürsten und freie Reichsstädte, zu autonomen, seit dem Westfälischen Frieden 1648 auch souveränen Territorien auf. Im Reich wuchsen, wie so oft in der Geschichte, Markgrafschaften an der militarisierten Ostgrenze zu neuen Machtzentren heran. Später übernahmen sie, auf unterschiedliche Weise, das ältere, staatlich zersplitterte, zum Machtvakuum abgesunkene ehemalige Machtzentrum – erst Österreich als Kaisermacht im Alten Reich 1438-1806 und Präsidialmacht des Deutschen Bundes 1815-1866, später Brandenburg-Preußen durch Herausdrängung Österreichs aus Deutschland 1866 und die Reichsgründung von 1871, alles auf der Basis der rascheren und intensiveren Industrialisierung. Dazwischen blieb das (in diesem Zusammenhang meist vergessene) Sachsen machthistorisch auf der Strecke.
England und Frankreich fanden schon im Hundertjährigen Krieg zu ihrer konträren „nationalen” Identität, wie Spanien und Portugal durch die Iberische Reconquista zur Vertreibung des Islam (1064-1492). Die Reconquista war abgeschlossen nach außen durch die Eroberung Granadas (1492) und sollte nach innen vollendet werden durch die sich sofort anschließende Vertreibung der Juden aus Spanien. Sie eröffnete aber nur, durch sozioökonomische Selbstverstümmelung, den wirtschaftlichen Abstieg Spaniens, weiter beschleunigt durch Vertreibung der Morisken aus Andalusien (1609).
Die Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 vollendete die nachhaltige Verschlechterung der Lage für die europäischen Juden seit den Kreuzzügen, seit Pogromen am Rhein (1095/96, 1147) und in England (1189). Vertreibungen aus England (1290), Frankreich (1394) und Spanien (1492), abgerundet durch die (formalen) Zwangstaufen aller Juden in Portugal (1497), beschränkten die Zulassung der europäischen Juden auf Teile des Reichs, auf Italien und Polen. Die nächste Katastrophe traf die Juden mit dem Chmielnicki-Aufstand der Dnjepr-Kosaken gegen Polen (1648-1655) und dem sich anschließenden Russisch-Polnischen Krieg (1648-1667): Orthodoxe Bauern und Kosaken schlachteten rund 100 000 polnische Juden ab, die als verhasste Zwischenschicht die Interessen des katholischen polnischen Adels vertraten.
Ungefähr gleichzeitig zum Hundertjährigen Krieg lähmten das Avignonische Exil der Kirche in Avignon (1309-1377) und das sich anschließende Große Abendländische Schisma (1378-1417) die römische Christenheit. Beide gaben Raum zu unterschiedlichen Tendenzen: Episode blieb der Versuch der Konzilien (1409-1448), die absolute Macht des Papstes durch Versammlungen der Bischöfe und Äbte als gleichsam geistliche Stände zu beschränken. Mit ihrer Einteilung in nationes, nach dem Vorbild der Universitäten in vier, seit Konstanz 1415 fünf landsmannschaftliche Untergliederungen (italienische, deutsche, englische, französische, spanische), lieferten die Konzilien einen lockeren begrifflichen Rahmen zur späteren Herausbildung westeuropäischer Nationen und Nationalstaaten als Besonderheit des lateinischen Europa.
Anders von unten wirkten religiöse Protestbewegungen aus der Tradition fundamentalistischen Ketzertums meist aus städtischen Unterschichten („Stadtarmut”) und Webern, erstmals seit den Kreuzzügen. Die nächste große Welle brach in der Megakrise der Großen Pest mit den Flagellanten durch (1349), vor denen, nach schweren Pogromen, Juden aus Deutschland („Aschkenasim”) nach Polen flohen. In England verband sich die Bewegung der Lollarden mit dem Wat-Tyler-Aufstand 1381, als Reaktion auf schwere Niederlagen im Hundertjährigen Krieg. In Böhmen eskalierten Proteste nach Verbrennung des Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz 1415 zu den Hussitenkriegen (1419-1434). 1433 mündete der Kompromiss zwischen gemäßigten Hussiten (Calixtanern) und Katholiken nach dem gemeinsamen militärischen Sieg über die radikalen Hussiten (Taboriten) 1434 in eine erste Nationalkirche, die in Frankreich mit der Gallikanischen Nationalkirche 1438 baldige, mit der Anglikanischen Staatskirche als englische Variante der Reformation 1534/59 späte Nachahmung fand. Frühere Taboriten hielten sich als Böhmische bzw. Mährische Brüder (1467) abseits in quietistischen Nischen und schlossen sich 1528 der Reformation an.
So verschlangen sich in der spätmittelalterlichen Krise vielfältige Strömungen – Pest, Bauernaufstände, radikaler religiöser Protest aus ketzerischer Wurzel, Judenpogrome 1349, proto-nationale Tendenzen (in Böhmen Tschechen gegen die Übermacht der Deutschen), Konzilien zur Überwindung des Abendländischen Schismas, Anläufe zu ersten Reformen der Kirche und „Vorreformatoren” (Wyclif, Hus).