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Millennium: 11. Jahrhundert
1. Einleitung

Zum Thema Millennium sind folgende weitere Texte verfügbar: Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 16. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert.

2. Die Welt im Überblick

Das Europa des 11. Jahrhunderts war in Hinblick auf Politik, Gesellschaft und Religion von tief greifenden Veränderungen gekennzeichnet. Während die arabische Welt zunehmend an Bedeutung verlor, in Nordeuropa die Staatenbildung noch nicht abgeschlossen war und das Byzantinische Reich im Niedergang begriffen war, erlebte Westeuropa und hier besonders Italien einen Aufschwung. Die Normannen konnten u. a. in England, Süditalien und Sizilien ihre Vormachtstellung ausbauen. Die französische Abtei Cluny wurde zum Zentrum einer religiösen Reformbewegung, die die Spannungen zwischen geistlicher Macht (Sacerdotium) und weltlicher Macht (Imperium) verschärfte. Davon besonders betroffen war das Königtum im Heiligen Römischen Reich, wo als Folge der zunehmenden Autonomie der Reichsfürsten zentrifugale Kräfte die Oberhand gewannen. Im Gegensatz dazu begannen sich in Frankreich und England, wo die päpstliche Machtpolitik nur geringen Einfluss hatte, erste Anfänge von Nationalstaaten zu entwickeln, begünstigt auch durch die dynastische Erbfolge in diesen Ländern. In Skandinavien, Russland und Süditalien kündigte sich die Entstehung neuer Staaten an, eine Entwicklung, die mit der weiteren Verbreitung des Christentums in diesen Gebieten einherging. Mit dem Eintreffen der Almoraviden auf der Iberischen Halbinsel kam die hier begonnene Reconquista, die Rückeroberung der an die Mauren verlorenen Territorien durch die christlichen Herrscher, wieder ins Stocken.

Die alte Agrargesellschaft Westeuropas war geprägt von Selbstversorger-Wirtschaften, Grundeigentümern, Zinsverbot und einer überwiegend auf Rituale ausgerichteten Religion in einer Kirche, deren Diener als Einzige das Privileg der Bildung genossen. Dieser für die damalige Gesellschaft so typische Charakter wurde nun jedoch merklich durch ein neues Bewusstsein verdrängt. Offensichtlich hatte die Jahrtausendwende doch mehr als nur symbolische Bedeutung: Die Menschen begannen, ihr „Endzeit-Gefühl” und damit zugleich ihre duldende Haltung abzulegen. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Slawen, Wikingern, Magyaren und Sarazenen. Das Interesse an Intellektuellem und Künstlerischem wurde geweckt. Neue, architektonisch vollkommen neu gestaltete Städte entstanden, die sich grundlegend von den antiken Städten in Europa, Asien und Nordafrika unterschieden. Die neuen europäischen Städte, vor allem die italienischen, hoben sich durch eigene Rechtssysteme vom Umland ab und bildeten eine spezifische religiöse und wirtschaftliche Mentalität heraus. Der Glaube wurde zunehmend verinnerlicht und von seinen Ritualen befreit; die Wirtschaft orientierte sich am Fortschritt und an der Zukunft und wurde auf die Erwirtschaftung von Gewinnen ausgerichtet. Mit dem Tod von Basileios II. (1025) endete das Expansionsbestreben des Byzantinischen Reiches; die folgende Periode war vom Verfall gekennzeichnet. Erst gegen Ende des 11. Jahrhunderts erlebte das Reich unter Alexios I., dem ersten Kaiser aus der Komnenen-Dynastie, einen erneuten Aufschwung. 1054 kam es zwischen östlicher und westlicher Christenheit zur endgültigen Trennung: zur Spaltung in Ost- und Westkirche (Schisma). Auch die Welt des Islam erlebte den Niedergang und die Neugeburt mächtiger Reiche: Nach dem Sturz der Kalifendynastie der Omaijaden von Córdoba übernahmen die türkischen Seldschuken die Macht im Abbasidenkalifat von Bagdad. In Europa begann gegen Ende des 11. Jahrhunderts der 1. Kreuzzug ins Heilige Land, der mit der Eroberung Jerusalems endete. Jerusalem hatte zum Herrschaftsbereich der Fatimiden gehört, deren im vorangegangenen Jahrhundert noch so blühendes Reich in Ägypten zu zerfallen begann. Weiter im Westen Nordafrikas gelang es den Almoraviden, die 1086 sogar in Spanien eindrangen, ihre Herrschaftsansprüche geltend zu machen. Im Norden Indiens eroberte Mahmud von Ghazni im 11. Jahrhundert weite Teile des Landes und setzte damit der bereits seit fünf Jahrhunderten andauernden Isolation ein Ende. Im Süden des Subkontinents konnte das Cola-Reich sein Territorium behaupten. In China herrschte zu dieser Zeit die Song-Dynastie, die mit ihren gesellschaftlichen Reformbemühungen zwar scheiterte, in kultureller Hinsicht aber eine Blütezeit erreichte. In Südostasien erlebte das Königreich von Srivijaya seine Hochkultur, und in Birma wurde die Pagan-Dynastie gegründet. Das Reich der Khmer litt unter unzähligen Aufständen gegen die Zentralmacht. In Vietnam übernahm die Li-Dynastie die Macht. In Japan verlor die beherrschende Familie der Fujiwara ihre Vormachtstellung an den Kaiser. Hofdamen entwickelten die japanische Schrift und schufen damit die Grundlage für eine bedeutende Literaturepoche. In Südamerika weitete sich der Einfluss der Tiahuanaco-Kultur auf das gesamte Andengebiet aus. Im Gebiet des heutigen Mexiko behauptete sich das Tula-Reich.

3. Europa
1. Das Heilige Römische Reich

Nach dem Tod Ottos III. 1002 übernahm Heinrich II. die Herrschaft im Heiligen Römischen Reich. Heinrich wurde in Merseburg gekrönt, wie Thietmar von Merseburg in seiner Chronik ausführlich beschreibt. Der König sprach vor den versammelten Fürsten und dem Volk: „Es ist mein Wunsch, Euch zu ehren und zu lieben und Euch im Interesse des Reiches und zu meinem eigenen Heil zu beschützen. Und auf dass Ihr dessen versichert sein könnt, so will ich Eurem Verlangen entsprechend erklären, dass ich nicht gegen Euren Wunsch und Willen, sondern mit Eurer Zustimmung und durch Euch berufen die königliche Würde übernehme. Eure Gesetze werde ich nicht missachten, sondern mein Leben lang wahren, und ich werde angemessenen Wünschen Eurerseits, soweit es in meinem Vermögen liegt, Gehör schenken.” (Thietmar von Merseburg: Chronicon, Lib. V)

Die meisten der aus dieser Zeit stammenden Chroniken, wie etwa die von Thietmar, von Hermann von Reichenau, Adam von Bremen, Lampert von Hersfeld und verschiedenen anderen, entstanden in Klöstern. Da die Klöster zumeist an wichtigen Verkehrswegen lagen, auf denen Kaufleute und andere Reisende entlangzogen, und da sich der König mit seinem Hof auf seinen Reisen immer wieder in diesen Klöstern aufhielt, waren die Verfasser der Chroniken oftmals bis ins Detail über die Geschehnisse im und außerhalb des Reiches informiert.

Unter der Herrschaft Heinrichs II. änderte sich die Reichspolitik entscheidend. Während Otto III. nach einer Erneuerung des Römischen Reiches (Imperium Romanum) gestrebt hatte, richtete Heinrich II. seine politischen Bestrebungen auf eine Wiederherstellung des (Ost-)Fränkischen Reiches (Regnum Francorum). Dies beinhaltete zwar auch das Bemühen um ein dauerhaftes Bündnis mit Rom, vor allem aber ging es Heinrich um die Sicherung der Machtstellung des Königs innerhalb des Reiches. Nachdem Heinrich den Widerstand einiger deutscher Fürsten gebrochen hatte, zog er 1004 nach Italien und wurde dort in Pavia, der Hauptstadt des Königreiches Italien, zum „König der Langobarden” gekrönt. Noch am Krönungstag musste er einen Aufstand der Bürger Pavias unterdrücken, „denn inmitten der Festfreude”, so schreibt Thietmar von Merseburg, „begann plötzlich die Zwietracht, die Feindin des Friedens, zu wüten, und aufgrund des übermäßig genossenen Weins führte ein nur geringer Anlass zu einem heftigen Streit”. Heinrichs Truppen legten in der Stadt Feuer, und die Bürger von Pavia unterwarfen sich. Nach seiner Rückkehr nach Sachsen sah Heinrich II. die Ostgrenze seines Reiches von Herzog Boleslaw von Polen bedroht. Es kam zu einem langwierigen Krieg, an dessen Ende die Ostgrenze zwar wieder gesichert war, aber damit auch die deutschen Expansionsbestrebungen ein vorläufiges Ende fanden. Auch gegenüber dem aufblühenden dänischen Königreich konnte Heinrich II. die Vormachtstellung seines Reiches nur noch mit Mühe behaupten. Die Notwendigkeit, die Reichsgrenzen im Norden und Osten zu schützen und den Frieden im Reich sicherzustellen, hielt den König lange Zeit davon ab, die Alpen erneut Richtung Süden zu überqueren. Erst 1014 zog er nach Rom, um die Kaiserkrone in Empfang zu nehmen, kehrte aber schon bald wieder nach Norden zurück. Den Schutz Italiens überließ er den dortigen weltlichen Mächten (den Fürsten und den im Aufschwung begriffenen Städten) und dem Papst, der sich der arabischen Sarazenen erwehren musste, die die italienische Küste mit Raubzügen heimsuchten. Thietmar von Merseburg berichtet von einer seltsamen Korrespondenz zwischen dem Papst und dem Sarazenenkönig: Nachdem dieser besiegt worden war, schickte er „dem Papst einen Sack Kastanien und ließ durch seinen Botschafter ankündigen, dass er mit ebenso vielen Kriegern zurückkommen werde, wie Kastanien im Sack waren. Der Papst ließ ihm daraufhin einen Sack Haferkörner mit den Worten bringen: Wenn er der Meinung sei, dem päpstlichen Territorium noch nicht ausreichend Schaden zugefügt zu haben, dann müsse er zurückkommen, aber dann könne er damit rechnen, dass ihn ebenso viele Söldner erwarteten, wie Körner im Sack waren.” (Thietmar von Merseburg: Chronicon, Lib. VII)

Im seinem Reich nördlich der Alpen sorgte Heinrich selbst für Ruhe und Frieden. Er kümmerte sich um kirchliche Angelegenheiten, vor allem um die Organisation der Kirche, ernannte Bischöfe und Äbte und setzte damit die Politik seiner Vorgänger fort. Bistümer und Abteien waren die wesentliche Stütze des Reichskirchensystems und damit der Königsherrschaft; der König stattete die von ihm ernannten Bischöfe und Äbte mit umfangreichem Territorialbesitz und Hoheitsrechten aus und machte sie so zu seinen Vasallen. Zeitweise stellte die Reichskirche drei Viertel des Reichsheeres. Diese Reichskirchenpolitik stieß unter Heinrich II. kaum auf Widerstand, denn die vom König ernannten kirchlichen Würdenträger nahmen sowohl ihre geistlichen Ämter ernst wie auch die ihnen anvertrauten Reichsinteressen, und der König war den von Cluny ausgehenden Reformideen (siehe kluniazensische Reform) wohlgesonnen und unterstützte sie nach Kräften.

Nach Heinrichs Tod 1024 wurde Konrad II. zum König gewählt. 1026 wurde er zum König der Langobarden und 1027 zum Kaiser gekrönt. In der Folgezeit weitete er die Grenzen seines Reiches erfolgreich nach Osten aus, und im Norden erreichte er eine Bestätigung der Grenze mit Dänemark. Die Chronik von Adam von Bremen weiß diesbezüglich zu berichten: „Mit Knut, dem König der Dänen und Angelsachsen, schloss der Kaiser unter Vermittlung des Erzbischofs von Hamburg Frieden. Der Kaiser bat sogar um die Tochter Knuts als Gemahlin für seinen Sohn und Nachfolger, Heinrich III., und schenkte Knut die Stadt Schleswig samt Umgebung am gegenüberliegenden Ufer der Eider als Zeichen seiner Freundschaft.” (Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Lib. II). Die erwähnte Heirat fand 1036 statt.

Von besonderer Bedeutung war der Erwerb des Königreichs Burgund durch Konrad 1033. Von Burgund aus verbreiteten sich die neuen Ideen der Klosterreform und des Gottesfriedens wie auch das Rittertum Richtung Osten. In Norditalien kam es unter Konrad zu scharfen Gegensätzen zwischen dem städtischen Bürgertum, das zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung gewann, und dem Adel. Zugleich rivalisierte der niedere Adel mit dem hohen Adel um Macht und Privilegien. Konrad II. sicherte sich die Unterstützung des niederen Adels gegen das erstarkende Bürgertum und den hohen Adel, indem er in der Constitutio de feudis 1037 dem niederen Adel die Erblichkeit der Lehnsgüter zugestand.

Zwei Jahre später starb Konrad II. in Utrecht. Sein Sohn Heinrich III., der bereits 1028 zum König gekrönt worden war, übernahm die Nachfolge im Reich. Der neue König ging zunächst gegen Böhmen, Ungarn und Polen vor und brachte diese Länder unter die Oberhoheit des Heiligen Römischen Reiches. Nachdem er auch in Burgund seine Macht gefestigt hatte, zog Heinrich nach Italien und ließ sich Ende 1046 zum Kaiser krönen. Während seines Italienzuges griff er nachhaltig in kirchliche Angelegenheiten ein, setzte unwürdige Bischöfe ab und enthob kurz vor seiner Kaiserkrönung drei rivalisierende Päpste ihres Amtes und setzte einen deutschen Reformer als neuen Papst ein. Hermann von Reichenau und andere zeitgenössische Geschichtsschreiber berichten immer wieder, dass der König kaum Ruhe fand – ständig auf Reisen, um Unruhen und Aufstände zu unterdrücken und kirchliche und weltliche Angelegenheiten zu regeln. So musste er sich z. B. um die Befriedung der Randstaaten wie etwa Ungarns kümmern, um gleich anschließend nach Italien zu reisen, wo man seine Teilnahme an Synoden und Papstwahlen erwartete. In den letzten Jahren seiner Regierung zeichnete sich bereits die Krise ab, die unter der Herrschaft seines Sohnes und Nachfolgers, Heinrichs IV., schließlich mit aller Macht ausbrach.

Diese Krise resultierte im Wesentlichen aus den vor allem von der kluniazensischen Reformbewegung propagierten Bestrebungen der Kirche, sich von der weltlichen Macht zu emanzipieren. Solange sich die Reformbewegung auf die religiöse Erneuerung und die Reform des klösterlichen Lebens konzentrierte, gab es kaum Differenzen zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Dies änderte sich allerdings, als der Einfluss des Königs auf die Ernennung Geistlicher, einschließlich der Papstwahl, von der Reformbewegung nicht mehr als unumstritten hingenommen wurde. Damit waren die Grundlagen für den Investiturstreit geschaffen, der während der Regierungszeit Heinrichs IV. seinen Höhepunkt erreichte.

Nach dem Tod Heinrichs III. im Jahr 1056 fiel der Thron an seinen damals erst sechsjährigen Sohn Heinrich IV., für den seine Mutter, Agnes von Poitou, die Regentschaft übernahm. In Rom wurde die Reformpartei aktiv. Ihr Ziel war es, den Einfluss des römisch-deutschen Königs auf kirchliche Angelegenheiten wie etwa die Ämtervergabe deutlich einzudämmen. In Süditalien entstand dem König mit dem erstarkenden Normannen-Staat ein gefährlicher Gegner, in Norditalien erhob sich eine Volksbewegung gegen die Herrschaft des römisch-deutschen Königs, und im deutschen Teil des Reiches taten die Fürsten alles, um die Königsmacht weiter zu schwächen. In Sachsen kam es zum Aufstand, über den Lampert von Hersfeld schreibt: „Die sächsischen Fürsten sprachen in zahlreichen Versammlungen über die Ungerechtigkeiten, die ihnen durch den Kaiser angetan wurden. Sie waren der Meinung, sich dafür Genugtuung verschaffen zu können, indem sie seinen Sohn entthronten, solange dessen Jugend ihnen dazu noch eine günstige Gelegenheit bot. Ein solcher Versuch wurde besonders begrüßt, da der Sohn hinsichtlich Charakter und Lebensweise in die Fußstapfen seines Vaters treten würde.” (Lampert von Hersfeld: Annales, ad annum 1057)

Zusätzlich zu all diesen Schwierigkeiten sah sich die Regentin Agnes von Poitou noch mit diffamierenden Gerüchten über ihr Privatleben konfrontiert. Lampert von Hersfeld schreibt hierzu: „Solange ihr Sohn noch minderjährig war, regierte die Kaiserin, und sie tat dies vor allem mit Ratschlägen des Bischofs Heinrich von Augsburg. Darum konnte sie sich des Verdachts einer unerlaubten Liebesbeziehung nicht erwehren, denn allgemein ging das Gerücht um, dass ein so vertrauliches Verhältnis zwangsläufig mit unsittlichem Verkehr einhergehen müsse. Daran nahmen die Fürsten Anstoß, da sie spürten, dass aufgrund dieser Beziehung ihr Einfluss auf Reichsangelegenheiten auf ein Minimum reduziert wurde.” (Lampert von Hersfeld: Annales, ad annum 1062)

Die Folgen blieben nicht aus: Erzbischof Anno II. von Köln ergriff den jungen König Heinrich IV. und brachte ihn nach Köln. Lampert schreibt: „Der Erzbischof von Köln fuhr mit einem Schiff auf dem Rhein nach Kaiserswerth, wo sich der König damals aufhielt. Als dieser eines schönen Tages besonders heiter war, rief der Erzbischof ihn herbei, ein Schiff zu besichtigen, das er besonders schön eingerichtet hatte. Der arglose junge König, der keine List vermutete, ließ sich leicht dazu bewegen. Kaum an Bord angekommen, umringten ihn die Komplizen des Erzbischofs, während die Ruderer mit aller Kraft das Schiff in die Mitte des Flusses brachten. In der Vermutung, man wolle ihm Gewalt antun und ihn ermorden, stürzte sich der König in die Fluten und wäre vermutlich ertrunken, wenn Graf Egbert ihm nicht nachgesprungen wäre und ihn gerettet hätte (…).”

Großen Nutzen konnte Anno II. aus seinem Verrat allerdings nicht ziehen. Schon bald musste er die Macht mit Erzbischof Adalbert von Bremen teilen, bis Heinrich IV. 1065 selbst die Regierungsgeschäfte übernahm.

1.1. Der Investiturstreit

Heinrich IV. gelang es zwar, einen gefährlichen Aufstand in Sachsen niederzuschlagen; zwischenzeitlich aber begannen reformfreudige Kräfte in Rom unter der Führung des Mönches Hildebrand die Laieninvestitur, d. h. auch das Recht des Königs auf die Ernennung von Äbten, Bischöfen und Päpsten, in Frage zu stellen und damit die Machtbasis des römisch-deutschen Königs entscheidend zu untergraben. Die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Papstum verschärfte sich deutlich, als Hildebrand 1073 als Gregor VII. zum Papst gewählt wurde und wenig später die Laieninvestitur ausdrücklich verbot. Gregor VII. ließ während seines zwölfjährigen Pontifikats den König deutlich spüren, dass die Zeiten Konrads II. und Heinrichs III. endgültig vorbei waren. Nach den Berichten der Chronisten, u. a. Thietmars von Merseburg und Brunos (eines Geistlichen aus Magdeburg, der eine Chronik über die sächsischen Kriege in der Zeit Heinrichs IV. verfasste), kam es innerhalb kürzester Zeit zu dramatischen Ereignissen, die überall für Aufruhr sorgten. Im Januar 1076 setzte die Reichssynode zu Worms den Papst ab. Man begründete dies damit, dass ein Lehnsmann, der Schandtaten und Verbrechen begangen hätte, nicht Papst sein und die päpstliche Macht ausüben durfte. Eine auffällige Rolle spielte bei diesen Ereignissen der Bischof von Utrecht, über den Thietmar von Merseburg schreibt: „Wilhelm von Utrecht war mit den weltlichen Wissenschaften vortrefflich vertraut, aber so hochmütig und dünkelhaft, dass er sich selbst kaum ertrug.” Gregor VII. konnte die Boten, die die Beschlüsse der Wormser Synode und die Briefe des Königs nach Rom brachten, nur mit Mühe vor dem Volkszorn in Sicherheit bringen. Bezeichnend für die damalige Situation war, dass der Papst kurz zuvor von Anhängern des Königs misshandelt worden war: Man hatte ihn an den Haaren vom Hochaltar weggezerrt, gefoltert und in den Kerker geworfen. Eine rasende Menschenmenge befreite ihn schließlich wieder. Diese und zahlreiche ähnliche Ereignisse zeigen, dass sich die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Papsttum keineswegs nur in der weltlichen und geistlichen Führungsschicht abspielte.

Als Antwort auf die Beschlüsse der deutschen Bischöfe verhängte Gregor VII. über Heinrich IV. den Bann und trieb damit die Spannungen im Reich auf den Höhepunkt. Die deutschen Fürsten bereiteten schon die Absetzung des Königs vor, doch bevor es dazu kam, zog Heinrich IV. – um sich vom Bann zu lösen und so seine Absetzung zu verhindern – im Januar 1077 nach Italien, um beim Papst, der sich in der Burg Canossa aufhielt, die Lossprechung vom Bann zu erwirken. „Der König kam nach Canossa”, so Lampert von Hersfeld, „und da die Burg von drei Mauern umgeben war, ließ man ihn in den zweiten Ring eintreten. Sein Gefolge blieb draußen. Da stand er, seines königlichen Gewandes entledigt, ohne jegliches Zeichen seiner Würde, ohne auch nur den geringsten Prunk, barfüßig und nüchtern von morgens bis abends, das Urteil des Papstes erwartend. So war es auch am zweiten und dritten Tag. Am vierten Tag wurde er zum Papst vorgelassen.” (Lampert von Hersfeld: Annales, ad annum 1077)

Heinrich IV. erreichte die Lösung vom Bann und war nun in der Lage, seine Position wieder zu festigen. 1084 krönte ihn der Gegenpapst Klemens zum Kaiser. Nach seiner Rückkehr aus Italien gelang es dem Kaiser mit Unterstützung der ihm treuen Bischöfe und des Bürgertums in den Städten im Westen des Reiches, Frieden und Ordnung wieder zu stärken. Er förderte den von Lothringen aus propagierten Gedanken des Gottesfriedens und verkündete diesen für das gesamte Reich. Papst Urban II. (1088-1099) brachte durch seine skrupellosen diplomatischen Machenschaften den Kaiser erneut in Bedrängnis. Sogar sein Sohn Konrad wurde gegen ihn aufgehetzt. Der Kaiser war schließlich so isoliert, dass er keinerlei Einfluss auf die Kreuzzugbewegung nehmen konnte, die Urban II. 1095 ins Leben gerufen hatte. Bereits vor Beginn des 1. Kreuzzugs ermordeten Kreuzfahrer im Rheinland tausende Juden, da ihrer Meinung nach der Kampf gegen die „Ungläubigen” schon im eigenen Land beginnen musste. Noch einmal bemühte sich Heinrich IV. um Ausgleich, indem er den allgemeinen Frieden propagierte. Aber die Fürstenopposition leistete zunehmend Widerstand und fand in Heinrich V., der sich von seinem Vater losgesagt hatte, einen Verbündeten. Der Tod Heinrichs IV. 1106 beendete den Konflikt zwischen Vater und Sohn, zwischen Kaiser und Fürstenopposition.

2. Frankreich

Im 11. Jahrhundert war Frankreich noch weit von einem einheitlichen Staatswesen entfernt. Mächtige Vasallen beherrschten weite Teile des Landes. Sie wählten zwar den König, herrschten aber über ihre Territorien als souveräne Machthaber. Den ersten Kapetingern (dem seit 987 herrschenden Königshaus) gelang es, noch zu Lebzeiten jeweils ihren ältesten Sohn durch die Vasallen zum Nachfolger bestimmen zu lassen und damit de facto das Erbrecht im Königtum durchzusetzen. Aber die königliche Macht reichte kaum über die königliche Domäne, das Gebiet der Kapetinger in der Île de France, hinaus. Dennoch konnten die kapetingischen Könige des 11. Jahrhunderts – Robert II. (996-1031), Heinrich I. (1031-1060) und Philipp I. (1060-1108) – das Königtum ihrer Dynastie festigen und damit Frankreich einen Thronstreit ersparen. Es gab in Frankreich auch ohne Thronstreitigkeiten schon genug Not: In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde das Land von Hungersnöten und Seuchen heimgesucht, die auch vor den Türen des Adels nicht Halt machten. Ein Zeitgenosse, Rudolphus Glaber, schreibt in seiner Chronik: „Die Reichen und die Bürgerlichen litten genauso wie die Armen, und die Gewalttätigkeiten der Vornehmen wichen gegenüber dem gemeinsamen Elend. Die Reichen magerten ab und litten Not. Die Armen nagten an Baumwurzeln. Viele – es ist abscheulich, das sagen zu müssen – gingen sogar so weit, dass sie Menschenfleisch aßen. Entlang der Straßen überfielen die Starken die Schwachen, zerfleischten und brieten sie und aßen ihr Fleisch. Manche lockten Kinder mit einem Ei oder einer Frucht und zogen sie beiseite, um sie zu verschlingen. Die Raubgier führte schließlich dazu, dass das Tier sicherer war als der Mensch. … Im Wald von Mâcon hatte ein Unglücklicher in der Nähe der Kirche Saint Jean eine Hütte errichtet, in der er nachts diejenigen, die dort Schutz suchten, ermordete. Ein Mann, der einige Knochen entdeckte, konnte fliehen. 48 Schädel von Männern, Frauen und Kindern fand man dort. Die Hungersnot war so groß, dass man das Mehl mit Kreide mischte.” (Rudolphus Glaber: Francorum historiae)

2.1. Königtum und Lehnsfürsten

Aber auch abgesehen von den Hungersnöten herrschte Elend, und die Auseinandersetzungen zwischen Königtum und Lehnsfürsten taten ein Übriges zur Verschärfung der Situation. Unterstützung fand das Königtum bei der Geistlichkeit, die 987 auch die Wahl Hugo Capets gefördert und den König als Herrscher von Gottes Gnaden anerkannt hatte. Die großen Lehnsmänner dagegen sahen im König nichts anderes als das Oberhaupt der feudalen Gesellschaft, das von ihnen nicht mehr fordern konnte als die Erfüllung ihrer lehnsrechtlichen Verpflichtungen. Obwohl Robert II. kaum eine Möglichkeit ungenutzt ließ, die königliche Machtbasis zu erweitern, und sogar das Herzogtum Burgund erwarb, war die Lage des Königtums gegen Ende seiner Regierungszeit alles andere als günstig. Verantwortlich dafür waren die in ihren Territorien faktisch souveränen Lehnsmänner.

Robert II. erhielt den Beinamen „der Fromme”. Seine Zeitgenossen schätzten ihn (so beschreibt es vor allem sein Biograph Rudolphus Glaber) als frommen und gebildeten Mann, der auch als Musiker Talent bewies. „Der König” – so Rudolphus Glaber – „kam in die Kirche von Saint Denis in seinem königlichen Gewand mit der Krone auf dem Haupt, um bei Messen und dem Vespergottesdienst den Chor zu leiten und mit den Mönchen zu singen. Robert ließ stets Milde walten, selbst gegenüber Sündern: Als er eines Tages in seinem Schloss zu Etampes an der Tafel saß, befahl er, den Armen die Tür zu öffnen. Einer von ihnen setzte sich zu Füßen des Königs, der ihm unter dem Tisch zu essen gab. Aber der Arme nahm die Gelegenheit wahr, schnitt mit einem Messer eine goldene Verzierung vom Kleid des Königs ab und machte sich von dannen. Als man sich vom Tisch erhob, entdeckte die Königin den Raub und sagte empört zum König: ,Welcher Feind Gottes hat Euer Kleid entehrt?‘ Er antwortete, dass niemand sein Kleid entehrt habe und dass derjenige, der den Zierrat genommen hatte, diesen ohne Zweifel dringender bräuchte als er selbst, und dass Gott dem Dieb helfen möge, diesen sinnvoll zu verwenden.” (Rudolphus Glaber: Francorum historiae)

Die Herrschaft der Kapetinger im 11. Jahrhundert war geprägt von Kriegen und Unruhen. Der Versuch der Kapetinger, Lothringen zurückzugewinnen, scheiterte. Die Konflikte mit den großen Lehnsmännern, besonders mit dem Herzog der Normandie und den Grafen von Blois und Flandern, nahmen kein Ende. Die Bemühungen der Kapetinger, ihren unmittelbaren Herrschaftsbereich auszuweiten und sich der Einkreisung durch die mächtigen Vasallen zu entziehen, waren kaum von Erfolg gekrönt. Sogar das Herzogtum Burgund, das Robert II. gewonnen hatte, ging wieder verloren. Einer der gefährlichsten Gegner des Königtums war der Herzog der Normandie, Wilhelm der Eroberer. Noch bevor er 1066 selbst König von England wurde, brachte er Philipp I. mehrere Niederlagen bei. Zudem wurde Philipp in seinem Kampf mit den mächtigen Vasallen und um die Ausweitung der Krondomäne durch nahezu anarchische Zustände in seinem unmittelbaren Herrschaftsbereich erheblich eingeschränkt. So sah er sich gezwungen, der Eroberung Englands durch Herzog Wilhelm von der Normandie tatenlos zuzusehen und die für die französische Krone äußerst gefährliche Verbindung zwischen der Normandie und England hinzunehmen. Zusätzlich kam es zu einem Konflikt mit dem Papst: 1095 wurde Philipp I. wegen seiner Heirat mit Bertrada von Montfort mit dem Bann belegt. Das Konzil von Clermont, auf dem Papst Urban II. zum Kreuzzug aufrief, fand daher ohne ihn statt – kennzeichnend für die schwache Position Philipps I.

2.2. Die Geistlichkeit

Auch die Kirche war zerrüttet. Überall klagte man über Geistliche, die durch ihr Benehmen das Ansehen der Kirche schädigten und die Belange der Kirche sträflich vernachlässigten. Briefen von Geistlichen aus den Jahren 1076 und 1079 zufolge gab es in der Bretagne vier verheiratete Bischöfe, und sogar deren Kinder wurden wieder Priester und Bischöfe. Der Bischof von Dole plünderte seine Kirche und gab die geraubten Güter seiner Tochter als Mitgift. „In der gesamten Normandie”, so der Biograph des Abtes von Bec, „war es so, dass Priester öffentlich Frauen hatten und dass sie Kinder zeugten, denen sie kraft des Erbrechts Kirchen hinterließen oder ihren Töchtern, wenn diese heirateten, Kirchen als Brautschatz gaben.” Außerdem gab es vielfältige Klagen über Bischöfe, die besser mit dem Schwert als mit dem Gebetbuch umgehen konnten und sich auf dem Schlachtfeld mehr zu Hause fühlten als in der Kirche.

So formulierten die Geschichtsschreiber in den Chroniken auch vorwurfsvoll: „Sie sorgten sich mehr um ihre Hunde und Falken als um die ihnen anvertrauten Seelen und neigten mehr zur Jagd als zum Gottesdienst.” Derartige Beschwerden über Bischöfe und andere Geistliche waren nichts Neues. Bereits im vorangegangenen Jahrhundert hatte Abt Odo von Cluny (924-942) geklagt: „Die Diener der Kirche sättigen sich mit Fleisch, sie sind trunken vor Hochmut, ausgedörrt vor Gier, erregt vor Wollust, geplagt von Sünden …” Das Übel war weit verbreitet, und die Reaktionen von Papst Gregor VII. und vor allem von Petrus Damiani waren entsprechend scharf. Die Verfallstendenzen manifestierten sich in der gesamten Kirche, also auch in den Klöstern, wie zahlreiche Quellen belegen. Die kirchliche Reformbewegung, die zu Beginn in erster Linie die Reform der Klöster und des klösterlichen Lebens zum Ziel hatte, sich später aber auf die Bekämpfung der Missstände in der gesamten Kirchenhierarchie ausweitete, nahm im Frankreich des 10. Jahrhunderts ihren Anfang. 910 wurde das Kloster Cluny gegründet, das sich rasch zu einem bedeutenden Reformzentrum entwickelte. Im 11. Jahrhundert zog die Reformbewegung immer weitere Kreise; sie kämpfte nun insbesondere gegen die Einflussnahme der weltlichen Macht auf die Besetzung kirchlicher Ämter und gegen die Simonie, den Ankauf bzw. Verkauf geistlicher Ämter. Diesbezüglich überliefert Bischof Ivo von Chartres ein treffendes Beispiel: Der Abt von Bourgueil bot König Philipp I. eine große Summe für den ihm zugesagten Bischofssitz von Orléans an, aber das Amt war bereits an einen Konkurrenten vergeben, der ebenfalls eine große Summe bezahlt hatte. Der König sagte daraufhin zum Abt: „Habt ein wenig Geduld, bis ich genügend Profit mit Eurem Konkurrenten erzielt habe. Dann könnt Ihr ihn wegen Simonie absetzen lassen, und ich werde Euch das Amt geben.” Die Kritik an derartigen Zuständen nahm um die Wende zum 12. Jahrhundert vehement zu. Auch das Streben nach Erneuerung des klösterlichen Lebens intensivierte sich und griff, ausgehend von Frankreich, auf die Nachbarländer über. Die Abtei Gorze bei Metz in Lothringen wurde zu einem weiteren Zentrum der Klosterreform, ebenso um 1075 das Kloster Hirsau in Süddeutschland und das Bistum Lüttich. 1098 wurde das Reformkloster Cîteaux gegründet, in dem das Armutsprinzip und die Askese als Basis des Klosterlebens im Vordergrund standen und das zum Mutterkloster des Zisterzienserordens wurde.

2.3. Die Ritter

Frankreich war das Geburtsland des „Gottesfriedens”. Durch den Gottesfrieden, der Kämpfe nur an bestimmten (wenigen) Tagen zuließ, sollte vor allem das überhandnehmende, ganze Landstriche in Elend stürzende Fehdeunwesen eingedämmt werden. Über Lüttich und Köln fand der Gottesfriede auch seinen Weg ins Heilige Römische Reich. Eine führende Rolle spielte Frankreich bei der Realisierung der Kreuzzugidee. Als Papst Urban II. 1095 auf dem Konzil von Clermont die Christenheit aufrief, das Heilige Land von der islamischen Herrschaft zu befreien, traf dieser Appell vor allem bei den französischen Fürsten und Rittern auf große Resonanz. Das war nicht weiter verwunderlich, gab es doch gerade in Frankreich eine Vielzahl von Rittern, denen eine standesgemäße Betätigung fehlte. Die Überfälle der Normannen und Sarazenen gehörten der Vergangenheit an, und die großen Fürsten hatten ihre festen Truppen und keinen Bedarf an weiteren Rittern. Und da sich unterdessen auch die Primogenitur durchgesetzt hatte, gab es für die jüngeren Söhne ritterlichen Standes kaum mehr Zukunftsperspektiven. Bereits vor dem 1. Kreuzzug hatten sie sich in Spanien ein Ventil für ihre Kampfeslust gesucht: Überdurchschnittlich viele französische Ritter beteiligten sich an der Reconquista der an die Mauren verlorenen Territorien auf der Iberischen Halbinsel. Bemerkenswert war auch die Aktivität, die von der Normandie ausging. Nicht nur Wilhelm der Eroberer zog 1066 aus und eroberte England; auch andere normannische Ritter verließen die Normandie, um andernorts neue Reiche zu gründen. Robert Guiscard und sein Bruder Roger I., aus verarmtem normannischem Adel, eroberten Süditalien und Sizilien von Byzanz und den Sarazenen. Die Normannenreiche in England und Süditalien entwickelten sich rasch zu den modernsten Staatswesen in Europa und waren streng zentralistisch organisiert. Dies lag u. a. daran, dass die Normannen auf entsprechenden, von ihren Vorgängern – den Arabern in Palermo und König Knut in England – geschaffenen Grundlagen aufbauen konnten.

3. Die Britischen Inseln

Gegen Ende des 10. Jahrhunderts setzte König Sven von Dänemark zur Eroberung Englands an. Anfänglich beschränkten sich die Dänen auf Raubzüge, Plünderungen und Tributforderungen, das so genannte „Dänengeld”. Nach gescheiterten Versuchen des angelsächsischen Königs Ethelred II., die Dänen zurückzuschlagen, gelang es Sven, ganz England zu unterwerfen, London zu erobern und seine Macht zu festigen (1014). Wenig später starb Sven; in England übernahm sein Sohn Knut II. der Große (1014-1035) die Nachfolge.

In Dänemark leisteten die Angelsachsen Knut erbitterten Widerstand, den er jedoch erfolgreich niederschlug. 1017 konnte er sich Rex totius Britanniae („König von ganz Britannien”) nennen. 1018 wurde er außerdem König von Dänemark und 1030 König von Norwegen. In England bemühte sich Knut um die Gleichstellung von Dänen und Angelsachsen. So nahm er z. B. auch Angelsachsen in seine Streitmacht auf und übertrug ihnen auch Verwaltungsaufgaben. Daneben engagierte sich Knut für kirchliche Belange: Er förderte den Bau von Kirchen, veranlasste Schenkungen an Klöster und arbeitete bei der Missionierung in Dänemark eng mit der Geistlichkeit zusammen. In Norwegen gab es bereits in der Zeit König Olafs II. (1015-1030), also schon bevor Knut das Land eroberte, angelsächsische Missionare, die sich darum bemühten, das hier besonders tief verwurzelte Heidentum zu überwinden. Nach Knuts Tod 1035 wurde England unter seinen zwei Söhnen aufgeteilt. Nach deren Tod 1042 erneuerte Eduard der Bekenner als Nachfolger auf dem englischen Thron das angelsächsische Königtum. Die eigentliche Macht lag jedoch in den Händen der calder men, mächtiger Adliger, unter denen Godwin der Bedeutendste war.

Die Kultur der Angelsachsen – das galt sowohl für Geistliche als auch für Laien – wurde von den zeitgenössischen Geschichtsschreibern als nicht sehr hoch entwickelt beurteilt. Das Studium der Wissenschaften und der Theologie wurde vernachlässigt, die Geistlichen gaben sich mit einer nur mangelhaften Ausbildung zufrieden, und es erweckte Verwunderung, wenn jemand Kenntnisse der Grammatik aufweisen konnte. Die Angelsachsen lebten von der Hand in den Mund, in kleinen, armseligen Behausungen, ganz anders als die Franzosen und Normannen. Die Angelsachsen galten als plump und ungebildet.

1066 starb Eduard der Bekenner. Daraufhin ließ sich Harold Godwinson, Sohn des bereits erwähnten Godwin, der schon seit dem Tod seines Vaters mächtigster Mann im Königreich war, zum König ausrufen und vom Erzbischof von Canterbury krönen. Aber auch Herzog Wilhelm von der Normandie erhob Ansprüche auf den englischen Thron. Diese Ansprüche beruhten allerdings weniger auf dynastischen Verbindungen, sondern primär auf einem zuvor mit Harold geschlossenen Bündnis, in dem dieser zugesagt hatte, Herzog Wilhelm nach dem Tod Eduards des Bekenners als König von England anzuerkennen. Der normannische Herzog überquerte nun, ungehindert von der angelsächsischen Flotte, den Kanal und traf am 14. Oktober 1066 bei Hastings auf die scheinbar zahlenmäßig überlegenen Angelsachsen. Zeitgenössische Chroniken beschreiben ausführlich die Überfahrt und die Schlacht von Hastings, aus der nach anfänglichen Vorteilen für die Angelsachsen am Ende die Normannen als die Sieger hervorgingen. Harold fiel auf dem Schlachtfeld. Wilhelm zog nach Londen und ließ sich dort am 25. Dezember 1066 zum König krönen. Er schwor, „die heilige Kirche und die Geistlichkeit zu verteidigen, das ganze Volk mit Gerechtigkeit und Weisheit zu regieren, gerechte Gesetze zu erlassen und diese auch zu befolgen”.

Nachdem er auch den letzten angelsächsischen Widerstand gegen sein Königtum überwunden hatte, unternahm Wilhelm eine grundlegende Neuordnung der Gesellschafts- und Verwaltungsstrukturen und stellte Ruhe und Sicherheit wieder her. Man behauptete (sicher mit einer gewissen Übertreibung), „dass ein wehrloser Mann sich bewegen konnte, wohin es ihm beliebte, singend auf seinem Pferd, ohne beim Anblick bewaffneter Ritter beben zu müssen …, dass eine junge Magd, geschmückt mit Gold, unversehrt das ganze Königreich durchqueren konnte”. Zur Konsolidierung seiner königlichen Macht führte Wilhelm das Lehnsrecht ein, brachte ohne Unterschied Normannen und Angelsachsen gleichermaßen in ein lehnsrechtliches Abhängigkeitsverhältnis zur Krone und zwang somit den Adel unter seine Oberhoheit. Die Ausbildung von großen Lehnsherrschaften, die eine Bedrohung der königlichen Macht hätten darstellen können, wusste er zu verhindern. Um sich einen Überblick über Umfang und Ertrag der Krongüter wie der Lehnsgüter zu verschaffen, ordnete Wilhelm die Erstellung des so genannten Domesday Book an. Die zeitgenössischen angelsächsischen Chronisten äußerten sich durchaus nicht nur positiv über den König, aber sie erkannten an, dass er trotz seines oft tyrannischen Auftretens und trotz all seiner Mängel viel Verdienstvolles hinterlassen hat. Von großer Bedeutung für die englische Kultur- und Kirchengeschichte war während der Herrschaft Wilhelms des Eroberers der Abt Lanfranc, der spätere Erzbischof von Canterbury. Er förderte nicht nur die Verbreitung der französischen Kultur in England, sondern vermittelte auch die Ideen von Cluny und Cîteaux. Nach dem Tod Wilhelms des Eroberers 1087 übernahm sein ältester Sohn Robert die Nachfolge in der Normandie, während sein jüngerer Sohn als Wilhelm II. den englischen Thron bestieg.

Die Herrschaft Wilhelms II., war wenig erfolgreich. Schon bald erhob sich der unzufriedene Adel in einem Aufstand, den Wilhelm nur mit Hilfe des Erzbischofs Lanfranc bezwingen konnte. Wilhelm starb 1100; die Nachfolge übernahm sein jüngerer Bruder Heinrich I.

4. Skandinavien

Die Herrschaft König Svens (986-1014) von Dänemark war von starken Expansionsbestrebungen gekennzeichnet, die sich besonders gegen Norwegen und – wie gesehen – die Britischen Inseln richteten. In den Küstengebieten Norwegens und zum Teil auch im Hinterland konnte Sven die dänische Herrschaft festigen; das übrige Norwegen stand großenteils unter schwedischer Oberhoheit. Auch in England konnte Sven, nachdem er den angelsächsischen König Ethelred vertrieben hatte, seine Macht behaupten. Mit dem Tod Svens 1014 geriet die dänische Herrschaft in England in Gefahr; erst 1017 konnte sich Knut II., der Große, einer der Söhne Svens, als Rex totius Britanniae durchsetzen. 1018 übernahm Knut II. zudem die dänische Krone. An der Südküste der Ostsee konnte Knut den dänischen Einfluss verstärkt zur Geltung bringen und gründete u. a. Siedlungen an der Oder und an der Weichsel. Norwegen dagegen löste sich aus der dänischen Herrschaft. Dort bestieg Olaf II. (1015-1028/30) den Thron. Er suchte sein Land rasch und tief greifend zu christianisieren, unterdrückte dabei den heidnischen Glauben gewaltsam und provozierte so den erbitterten Widerstand weiter Teile der Bevölkerung. Diese Situation nutzte Knut der Große, um erneut in Norwegen einzufallen und dort die Herrschaft zu übernehmen. Knut hatte nun drei Königreiche unter seiner Herrschaft vereint und war der mächtigste Herrscher in Nordeuropa. Doch unmittelbar nach seinem Tod 1035 zerfiel sein Reich wieder in die drei Einzelreiche.

Die wichtigsten Errungenschaften aus der Herrschaftszeit Knuts des Großen waren die endgültige Verbreitung des Christentums in seinen skandinavischen Ländern sowie der Anschluss dieser Länder an das europäische Handelswegenetz. Etwa Mitte des 11. Jahrhunderts galt die Christianisierung der nordischen Länder als abgeschlossen. Sie stützte sich auf eine kirchliche Organisation, die den gesamten Norden einschließlich Islands, Grönlands und der Orkney-Inseln überzog. Geistliches und organisatorisches Zentrum der nordischen Kirchenorganisation war im 11. Jahrhundert Hamburg. 1060 wurde das Bistum Lund gegründet; 1104 wurde es zum Erzbistum erhoben und übernahm nun von Hamburg weitgehend die Funktion eines geistlichen Zentrums für Skandinavien.

Die übergeordnete Funktion des Erzbistums Hamburg-Bremen für die Kirchenorganisation der skandinavischen Länder lässt es nicht weiter verwunderlich erscheinen, dass der Chronist Adam von Bremen in seiner um 1075 entstandenen Kirchengeschichte Hamburgs auch diese Länder berücksichtigte und entsprechende Daten sammelte. So beschreibt er z. B. auch die Insel Samland und ihre Bewohner, die Preußen: „Die dritte Insel heißt Samland. Sie grenzt an Russland und Polen und wird unseres Erachtens von den Samländern bewohnt, sehr menschenfreundlichen Leuten, die Schiffbrüchigen und solchen, die von Seeräubern bedroht werden, helfen. Gold und Silber achten sie gering. Sie haben einen Überfluss an fremdartigem Pelzwerk, dessen Geruch die Welt mit dem tödlichen Gift des Hochmuts infiziert hat. Sie haben von dem Pelzwerk in solchem Überfluss, dass sie mit Geringschätzung herabschauen auf uns, die nach dem Besitz eines Marderpelzes auf ehrliche oder unehrliche Weise streben, als ob es die höchste Glückseligkeit bedeute. Darum bieten sie für Kleider aus Tuch die so kostbaren Marderpelze an. Viel Gutes könnte man über dieses Volk erzählen, wenn sie nur den Glauben an Christus hätten, dessen Priester sie so grimmig verfolgen.” (Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Lib. IV, Descriptio insularum Aquilonis, c. 18)

Bei seinen Beschreibungen der nordischen Länder griff Adam von Bremen zum Teil auf Berichte spätantiker Geographen wie Salinus, Marcianus Capella und Macrobius zurück, zum Teil verarbeitete er mündliche Berichte seiner Zeitgenossen. Schweden beschreibt er als außerordentlich reich, was Getreide, Vieh und Ähnliches anbelangt, und fährt fort: „Die Schweden entbehren nichts, außer des Hochmuts, den wir so sehr vergöttern. Denn alle Gegenstände eitlen Stolzes, wie Grundbesitz, Silber, edle Pferde, Biber- und Marderfelle, die uns des Verstandes berauben, bedeuten ihnen nichts. Nur im Umgang mit Frauen kennen sie kein Maß.” (Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Lib. IV, Descriptio insularum Aquilonis, c. 21)

5. Die slawische Welt

Der Übertritt des polnischen Herzogs Mieszko I. zum Christentum 966 markierte den Beginn der Christianisierung in Polen. Im Gegensatz zur russischen Kirche, die sich dem Patriarchat von Konstantinopel verpflichtete, band sich die polnische Kirche an Rom. Unter Mieszkos Sohn und Nachfolger Boleslaw I. wurde 1000 das Erzbistum Gnesen gegründet. Auch die Konsolidierung der Herrschaft in Polen war das Werk Boleslaws, dem der Papst schließlich auch die Königswürde verlieh. Boleslaw war es gelungen, seinen Herrschaftsbereich deutlich auszuweiten, im Südwesten bis zu den Karpaten und im Nordwesten durch die Eroberung Pommerns bis an die Ostseeküste. In östlicher Richtung expandierte Polen zu Lasten des Kiewer Reiches. Infolge innerer Konflikte ging ein Großteil dieser neu gewonnenen Gebiete unter den Nachfolgern Boleslaws jedoch wieder verloren. Erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts konnte Boleslaw II. (1058-1079) die polnische Herrschaft wieder einigermaßen stabilisieren.

Im Mittleren Ural siedelten zu Beginn des 9. Jahrhunderts die Magyaren. Sie wurden von den Petschenegen verdrängt, die ebenfalls aus dem zentralasiatischen Raum stammten und im Lauf des 9. Jahrhunderts weite Gebiete zwischen den Flüssen Don und Dnjestr in Besitz nahmen. Sie gründeten dort ein Reich, das zeitweilig sogar dem Byzantinischen Reich gefährlich wurde. Zugleich drangen verschiedene slawische Stämme nach Westen vor, siedelten sich auf der Balkanhalbinsel an und breiteten sich nördlich des Schwarzen Meeres aus. Kiew, Nowgorod und Smolensk entwickelten sich zu bedeutenden Zentren im slawischen Raum. Um Smolensk gründeten die aus Mittelschweden kommenden Waräger Mitte des 9. Jahrhunderts zahlreiche Handelsniederlassungen und Siedlungen. Laut der gegen Ende des 11. Jahrhunderts entstandenen Nestorchronik luden die slawischen Bewohner Kiews und Nowgorods die Waräger, aus deren Eigenbezeichnung durch Entstellung wohl die Begriffe „Rus” und schließlich „Russen” entstanden, um 860 ein und baten sie um Hilfe bei der Verwaltung ihres Landes: „Unser Land ist groß und fruchtbar, aber es herrscht keine Ordnung. Kommt deshalb zu uns, um uns zu regieren.” Dieser Einladung soll der Warägerfürst Rurik Folge geleistet haben und nach Nowgorod gezogen sein. Sein Sohn Oleg eroberte um 880 Kiew und unterwarf auch die meisten der benachbarten slawischen Stämme. Ruriks Nachkommen waren die ersten Großfürsten Kiews, und Kiew selbst entwickelte sich zu einem Zentrum der von den Slawen verhältnismäßig schnell angenommenen russischen Kultur. Der Wohlstand des Kiewer Reiches wurde durch einen vorteilhaften Handelsvertrag mit dem Byzantinischen Reich noch gefördert. Die Beziehungen zwischen Warägern/Russen und Byzanz waren jedoch nicht nur friedlicher Natur. Bereits 860 unternahmen die Waräger erste, erfolglose Eroberungszüge, die sie in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in den Jahren 907 und 941, fortsetzten. Andererseits dienten Waräger, wie auch Chasaren, im 10. Jahrhundert noch im byzantinischen Heer.

In dieser Zeit begann die allmähliche Christianisierung des Kiewer Reiches. Den Anfang machte hierbei das Fürstenhaus: 957 konvertierte die Witwe von Ruriks Sohn Igor. Ihr Sohn Swjatoslaw blieb allerdings weiterhin dem heidnischen Glauben zugetan. Den offenen Konflikt mit dem Byzantinischen Reich konnte die Annäherung in Glaubensfragen jedoch nicht verhindern. Der Konflikt entbrannte an den Ansprüchen auf das von den Bulgaren besiedelte Gebiet auf der Balkanhalbinsel: Swjatoslaw, vom byzantinischen Kaiser Nikephoros II. gegen die Bulgaren zu Hilfe gerufen, unterstellte das eroberte bulgarische Territorium seiner eigenen Herrschaft und löste damit einen Krieg mit dem Byzantinischen Reich aus. 971 besiegte Nikephoros’ Nachfolger, Johannes I. Tzimiskes, Swjatoslaw. Letzterer fiel auf seinem Rückzug den Petschenegen in die Hände und wurde ermordet.

Um 990 ließ sich Swjatoslaws Nachfolger Wladimir I. (972-1015) – wie vor ihm bereits ein großer Teil seiner Untertanen – taufen. Damit brach für das Kiewer Reich eine neue Epoche an, denn die Christianisierung des Fürstentums vertiefte nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zum Byzantinischen Reich, sondern bildete auch die Grundlage für den Aufbau ähnlicher Beziehungen zu Westeuropa. Adam von Bremen hebt in seiner Kirchengeschichte Hamburgs die Bedeutung der Ostsee als Verbindung zwischen dem Westen und Russland hervor: „Die Route verläuft so, dass man von Hamburg an der Elbe aus in sieben Tagen über Land die Stadt Jumne (auf der Insel Wollin) erreicht. Um auf dem Seeweg nach Jumne zu gelangen, muss man in Schleswig an Bord gehen. Von Jumne benötigt man 14 Tage nach Nowgorod in Russland. Die Hauptstadt Russlands ist Kiew, das sowohl Konstantinopel als auch den schönsten unter den Städten Griechenlands Konkurrenz machen kann.” Fast nebenbei erwähnt Adam hier auch den Anspruch des Kiewer Reiches, innerhalb der orthodoxen Christenheit Byzanz als ebenbürtig zu gelten.

Wladimirs Sohn und Nachfolger Jaroslaw der Weise (1019-1054) dehnte seinen Herrschaftsbereich nicht nur aus, sondern konsolidierte ihn auch und förderte damit wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand; zudem vertiefte er die kulturellen und kirchlichen Bindungen an das Byzantinische Reich. Die alten warägischen Beziehungen zu Schweden traten demgegenüber in den Hintergrund. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts begann der Niedergang des Kiewer Reiches: Die Kumanen, ein asiatisches Wüstenvolk, verdrängten die Petschenegen aus ihrem Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, ließen sich dort nieder und unterbrachen so die Verbindung zwischen dem Kiewer und dem Byzantinischen Reich. Beschleunigt wurde der Niedergang noch durch die Teilung des Kiewer Reiches nach dem Tod Jaroslaws und durch damit einhergehende innere Konflikte und Unruhen.

6. Byzantinisches Reich

Im Byzantinischen Reich setzte Basileios II. (976-1025) die Politik seines Vorgängers Johannes I. Tzimiskes fort – nachdem er zu Beginn seiner Herrschaft zahlreiche Schwierigkeiten hatte überwinden müssen. Das Byzantinische Reich selbst wurde immer wieder von Aufständen erschüttert, zudem kam es immer wieder zu Konflikten mit den Bulgaren, die unter ihrem Zaren Samuel in das Byzantinische Reich eindrangen und zeitweilig sogar Saloniki bedrohten. Nach 1001 ging Basileios II. zu systematischen Gegenangriffen über, und 1014 setzte er den langwierigen Kriegen mit der völligen Unterwerfung der Bulgaren ein Ende. Seine blutigen Kriege gegen die Bulgaren brachten Basileios den Beinamen „Bulgarentöter” ein.

Nachdem er seine Macht im Inneren und nach außen weitgehend konsolidiert hatte, leitete Basileios II. umfangreiche Reformen ein, durch die er sowohl die politische wie auch die auf Großgrundbesitz beruhende wirtschaftliche Macht des Adels deutlich zu beschränken suchte; betroffen war auch der Großgrundbesitz der Kirche, der auf einen annehmbaren Umfang reduziert werden sollte. Denn aufgrund seiner unermesslichen Landgüter und seines auf dem Landbesitz basierenden Reichtums konnte der Adel über nahezu alle hohen militärischen und zivilen Staatsämter bestimmen und lag daher beinahe ständig in offenem oder latentem Konflikt mit dem Kaiser; zudem bildete der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich einen permanenten, den Bestand des Staates bedrohenden Unruheherd. Schon Basileios I. (867-886) hatte versucht, den Adel der kaiserlichen Hoheit zu unterwerfen und seinen Einfluss im Interesse des Reiches zu beschränken. Der Kampf zwischen Kaisertum und Adel dauerte das ganze 10. Jahrhundert hindurch an; alle Reformversuche seitens der Kaiser scheiterten. Erst Basileios II. gelang es, wirksame Maßnahmen durchzusetzen. So erhielt er sich wenigstens einen kleinen Teil der freien Bauern, die gleichzeitig als Soldaten dienten und allein dem Kaiser gegenüber zu Abgaben verpflichtet waren. Diese Abgaben bildeten lange Zeit den überwiegenden Teil der kaiserlichen Einnahmen. Gleichzeitig waren es eben diese Bauern-Soldaten, die den Großteil der kaiserlichen Armee stellten, und diese Armee war es, die dem Kaiser seine Unabhängigkeit gegenüber dem Adel garantierte.

Basileios II. starb 1025. Er hinterließ ein Großreich, zu dem nun auch Armenien und Syrien gehörten und das aufgrund seiner Machtposition auch auf Mittel- und Westeuropa wirkte. Die auf diese Blütezeit folgenden Jahrzehnte waren vom Verfall gekennzeichnet. Die Ursachen hierfür lagen in der Unfähigkeit der Herrscher, in Palastrevolutionen und Intrigen der Kaiserwitwe Zoe, über deren Wirken der byzantinische Geschichtsschreiber Psellos, der alles aus unmittelbarer Nähe erlebte, berichtete. Die freien Bauern wurden ein Opfer des Großgrundbesitzes, und drastische Sparmaßnahmen schwächten die Armee derart, dass sie den ab 1060 vordringenden Turkvölkern nicht mehr ausreichenden Widerstand entgegensetzen konnte. 1071 wurden die byzantinischen Truppen bei Manzikert von den Seldschuken vernichtend geschlagen. Die ehemals so effektive byzantinische Heeresordnung konnte nach dieser Niederlage nicht wiederhergestellt werden, die byzantinische Armee verkam zu einem bunten Gemisch von Söldnern aus aller Herren Länder. Erst Alexios I. (1081-1118) gelang es, den scheinbar unaufhaltsamen Niedergang zu bremsen. Unter seiner Herrschaft, die die Epoche der Komnenen einleitete, wurde der Militäradel zum Rückgrat der Kaiserherrschaft und schwang sich schließlich auch zur einflussreichsten Kraft im Reich auf.

1054 war ein bereits zwei Jahrhunderte andauernder Konflikt eskaliert: Die dogmatischen, liturgischen und politischen Gegensätze zwischen griechischem und lateinischem Christentum führten zum Schisma, der endgültigen Spaltung der kirchlichen Einheit in Ost- und Westkirche (siehe orthodoxe Kirche; katholische Kirche). Die Christen auf dem Balkan und in Osteuropa folgten Konstantinopel, während sich die lateinische Christenheit Rom anschloss. Seit dieser Zeit galt das Byzantinische Reich den römisch-katholischen Westeuropäern als ein Reich der Ketzer und Schismatiker und wurde fast genauso verabscheut wie heidnische und islamische Reiche.

Im Osten hatte sich Alexios der Seldschuken zu erwehren, die das Kalifat von Bagdad erobert und dort die Macht an sich gerissen hatten. Im Westen bedrohten Normannen unter der Führung von Robert Guiscard die byzantinischen Gebiete auf Sizilien, in Süditalien, Griechenland und Makedonien. Von der Balkanhalbinsel konnten sie wieder vertrieben werden, aber Sizilien und Süditalien mussten an die Normannen verloren gegeben werden. Aus dem Norden fielen die Petschenegen in das Byzantinische Reich ein; sie konnten jedoch zurückgedrängt werden. Doch kaum war die eine Gefahr gebannt, nahte schon das nächste Unheil. 1095 rief Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont die Christenheit auf, das Heilige Land von den Seldschuken zu befreien (siehe Kreuzzüge). Zahlreiche Kreuzfahrer folgten dem Aufruf, zogen durch Europa und standen schließlich zum Schrecken der Einwohner vor den Toren Konstantinopels. Einigen der Kreuzfahrer gelang es, in die Stadt einzudringen; sie plünderten die Häuser und misshandelten die Bewohner. „Die lateinische Rasse” – stellt Anna Komnene fest, die in ihrer Alexias das Leben ihres Vaters Alexios I. beschreibt – „ist die habsüchtigste der Welt. Wenn sie beschlossen hat, ein Land zu erobern, kann nichts und niemand sie davon abhalten.” Alexios I. wusste sich schließlich nicht anders zu helfen, als die lästigen und gefährlichen Besucher so schnell wie möglich Richtung Heiliges Land (siehe Palästina) weiterziehen zu lassen – nicht ohne zuvor noch geschickte Verträge mit den Kreuzrittern zu schließen, denen zufolge die von den Kreuzrittern eroberten Gebiete zum Teil unter byzantinische Hoheit zurückfallen sollten. Was die Verwaltung des Reiches anbelangte, so konzentrierte sich Alexios I. zunächst auf die Errichtung eines effizienten Steuersystems, das offensichtlich vor allem die Reichen schwer traf – wie die Klagen des Erzbischofs von Ohrid zeigen, dem man die Hinterziehung von Steuergeldern vorwarf: „Wenn man dem Steuerempfänger Glauben schenken würde, wären meine Wege mit Käse gepflastert, aus meinen Bergen strömte die Milch in Massen, ich besäße unermessliche Reichtümer an Geld und lebte wie ein Satrap. Der Luxus eines Midas wäre im Vergleich zu dem meinen armselig, die Paläste von Susa und Ekbatana wären Hütten im Vergleich zu meiner Wohnung.” Mit Hilfe seines neuen Steuersystems gelang es Alexios, die Staatsfinanzen zu sanieren und damit Armee und Flotte neu zu organisieren.

7. Handel, Landwirtschaft und Handwerk

Im 11. Jahrhundert erlebte Europa allen politischen Unruhen zum Trotz ein stabiles Wirtschaftswachstum, das allerdings in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt war. Die Fortschritte in der Landwirtschaft waren zwar vorerst nur von bescheidenem Umfang; Bischöfe, Äbte und weltliche Landesherren forcierten aber auf der anderen Seite auch die Urbarmachung und Besiedelung bisher nicht erschlossener Regionen, so dass die landwirtschaftliche Produktion deutlich gesteigert wurde, was angesichts des Bevölkerungswachstums auch dringend notwendig war. Daneben gewannen Garten- und Weinbau an Bedeutung, und aufgrund des wachsenden Bedarfs an Pferden für den Kriegsdienst oder den Transport entstanden große Pferdezuchten. Noch deutlicher war der Fortschritt im Handel zu erkennen. Der regionale, regionsübergreifende und sogar internationale Handel entlang der Flüsse und großen Verkehrswege und auf dem Seewege blühte auf. Kennzeichnend für diese Periode war das Entstehen bedeutender Handelszentren in ganz Europa. Bereits zu Beginn des 11. Jahrhunderts nahm Venedig dank seiner Beziehungen zum Byzantinischen Reich, das der Stadt umfangreiche Privilegien einräumte, eine Vormachtstellung ein und dehnte nun seine Handelsbeziehungen sukzessive auch nach Westen und Norden aus. Andere italienische Städte wie Genua und Pisa folgten dem Beispiel, konzentrierten sich aber vor allem auf das westliche Mittelmeer. Im Norden wuchsen Nowgorod und Kiew, die beide an einer wichtigen Handelsroute nach Konstantinopel und in den Mittleren Osten lagen, zu bedeutenden Handelszentren heran. Von Flandern aus, das mit Brügge über einen wichtigen Knotenpunkt verfügte, reichten die Handelsbeziehungen nach England, vor allem nach London und in das Landesinnere. Am Mittellauf der Maas erlebten Dinant, Huy, Lüttich und Maastricht einen Aufschwung. Von hier aus richtete sich der Handel hauptsächlich auf das Rheinland, wo Köln der bedeutendste Umschlagplatz wurde. Der allgemeine Aufschwung erfasste auch das herstellende Gewerbe, das die Waren für den Handelsverkehr lieferte. In Flandern, Südfrankreich und Italien entwickelte sich die Textilindustrie, an der Maas überwiegend das Metall verarbeitende Handwerk. Handel und Gewerbe bildeten die Grundlage für das Aufblühen des städtischen Lebens.

8. Kunst und Kultur

Im 11. Jahrhundert erfuhr vor allem die Baukunst eine neuerliche Belebung, die besonders dem Kirchenbau zugutekam. Kennzeichnend für diese Zeit war der allmähliche Rückgriff auf Elemente der spätkarolingischen Architektur (siehe karolingische Renaissance); Rundbogenkonstruktionen (siehe Bogen und Gewölbe) z. B. fanden immer häufiger Verwendung. Die Ursprünge des neuen Baustils (siehe Romanische Kunst und Architektur) lagen in der Lombardei; exportiert wurde er von hier aus zunächst nach Katalonien, Frankreich, Burgund, Lothringen und in das Gebiet zwischen Maas und Rhein, später auch in andere Teile Europas. Ein Beispiel dieses Baustils ist der Kaiserdom in Speyer. In einigen Regionen des Heiligen Römischen Reiches zeichnete sich eine engere Bindung an den spätkarolingischen Stil ab, neben dem aber auch byzantinische Einflüsse zum Tragen kamen. Die Neuerungen in der Architektur wirkten sich auch auf die bildende Kunst aus, da nun der Bedarf an Steinmetzarbeiten – z. B. Kapitelle, Reliefs – und Kunstwerken für die Innenausstattung der Kirchen rapide anstieg.

Das geistige Leben konzentrierte sich in den Klöstern und Domschulen. Einer der Mittelpunkte des intellektuellen Interesses war während des gesamten 11. Jahrhunderts die Geschichtsschreibung. So beendete Dudo von Saint Quentin um 1017 seine Geschichte der Normannen, und ab etwa 1012 verfasste Thietmar von Merseburg seine Chronik. In seiner Schrift De diversitate morum („Über die Unterschiede der Sitten”), entstanden in den Jahren 1021 bis 1024, beschrieb Alpertus von Metz die Ereignisse seiner Zeit in den Niederlanden. Etwa zur gleichen Zeit verfasste Bischof Adalbold II. von Utrecht, ein Gelehrter der Lütticher Schule, eine Biographie Kaiser Heinrichs II.; zudem schrieb er einen Kommentar zu Boethius und beschäftigte sich außerdem mit Mathematik und Astronomie.

Zwei überaus bedeutende Geschichtswerke bilden den Abschluss der Geschichtsschreibung im Westeuropa des 11. Jahrhunderts: die anonymen Annales Altahensis und die Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum des Adam von Bremen. Beide Werke wurden um 1075 vollendet. Das erste entstand im bayerischen Kloster Altaich und ist eine relativ zuverlässige und objektive Chronik, die sich auf die Regierungszeit Heinrichs IV. und den Investiturstreit konzentriert. Das Werk Adams von Bremen, das von umfangreichen Kenntnissen der klassischen Literatur zeugt, umfasst nicht nur die Geschichte des Erzbistums Hamburg-Bremen, sondern vielmehr die des ganzen Reiches und beschäftigt sich vor allem auch mit Nordeuropa; es enthält unzählige interessante Details und zuverlässige Beschreibungen des Baltikums und Skandinaviens.

Im 11. Jahrhundert fand in zunehmendem Maße auch die Volkssprache Eingang in die Literatur, besonders in Frankreich, wo u. a. das Rolandslied entstand, und in England, wo zahlreiche Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Angelsächsische angefertigt wurden, da selbst ein Großteil der Geistlichen nur ungenügend der lateinischen Sprache mächtig war. Im Heiligen Römischen Reich war jedoch weiterhin nahezu ausschließlich das Lateinische die Literatursprache. Von Bischof Heribert von Eichstätt z. B. sind verschiedene Hymnen und Mariengebete überliefert. Lobgesänge und geistliche Gedichte schrieb auch der in der klassischen Literatur sehr belesene Ekkehart IV. von Sankt Gallen, von dem auch der Casus Sancti Galli stammt, eine Historie des berühmten Klosters. Ein Mönch aus dem Kloster Tegernsee schrieb um 1050 einen Ritterroman in lateinischen Versen, nach der Hauptperson der Handlung Ruodlieb genannt. Fulbert von Chartres, einer der prominentesten Vertreter der berühmten Domschule zu Chartres, schuf zahlreiche literarische Werke, beschäftigte sich aber auch eingehend mit der Medizin und der Mathematik. In der Musikwissenschaft schuf Guido von Arezzo mit seinem Werk die Grundlagen für die Entwicklung des Kirchengesanges. Einer der hervorragendsten Universalgelehrten war Abt Hermann von Reichenau. Er schrieb u. a. eine bis 1054 reichende Weltchronik, wagte sich daneben aber auch in verschiedene andere Wissenschaften vor: die Mathematik, die Astronomie, die Chronologie, die Geometrie sowie die Musikwissenschaft, und verfasste zudem liturgische Texte. Einer der berühmtesten Gelehrten war Anselm, seit 1093 Erzbischof von Canterbury, der die philosophischen und theologischen Lehren von Boethius und Augustinus aufgriff und erweiterte.

Auch im Byzantinischen Reich setzten die Geschichtsschreiber und Chronisten ihre Arbeiten fort. Der bedeutendste unter ihnen war Michael Psellos, der sich auch um die Philosophie und die Naturwissenschaften verdient machte. Er hielt in seinen Schriften die Geschichte des Byzantinischen Reiches von 976 bis 1077 fest, erweckte die Philosophie von Platon wieder zu neuem Leben und verfasste Studien zur Medizin und zur Astronomie. Johannes Skylitzes, ein Zeitgenosse von Psellos, schrieb eine Chronik der Jahre 811 bis 1079, in deren Vorwort er seine historiographischen Auffassungen und Methoden erläuterte. Im Gegensatz zu den westeuropäischen Historiographen, die fast ausschließlich dem geistlichen Stand angehörten, waren die byzantinischen Geschichtsschreiber in der Regel Laien; im Byzantinischen Reich waren bereits seit dem 6. Jahrhundert Bildung und Gelehrtentum im Laienstand wesentlich weiter verbreitet, als dies im Westen der Fall war. Ein spezifisch byzantinisches, sehr einflussreiches Genre war das des Militärhandbuchs (Belagerungstechniken, Taktik und Strategie). Dies wurde auch später noch gepflegt, verlor allerdings zunehmend an Kreativität, da vieles nur noch von den Vorgängern abgeschrieben wurde. Als eines der besten galt das Strategikon von Kekaumenos. Dieses Werk enthält auch einen Fürstenspiegel, in dem der Autor den Kaiser an seine Pflichten erinnert und ihm rät: „Gott hat Euch auf den Kaiserthron gesetzt und Euch durch seine Gnade zum Gott auf Erden gemacht, auf dass Ihr tun und lassen sollt, was Ihr für gut erachtet. Darum müssen Eure Handlungen von Weisheit und Wahrheit zeugen und muss Gerechtigkeit in Eurem Herzen wohnen. Seid folglich darauf bedacht, dass Ihr alle gleich behandelt, ob sie Euch nun näher oder weniger nah stehen. Behandelt nicht die einen ohne Grund schlecht, während Ihr die anderen gegen alles Recht mit Wohltaten überschüttet, sondern handelt ausschließlich mit Gerechtigkeit.” (Kekaumenos: Strategikon, c. 235)

Die Rechtswissenschaften erfuhren durch die 1045 von Kaiser Konstantin IX. Monomachos gegründete Rechtsschule von Konstantinopel einen lebhaften Aufschwung. Das byzantinische Recht wirkte nachhaltig auch auf die slawischen und sogar die arabischen Länder. Umgekehrt nahm auch das Byzantinische Reich Einflüsse aus benachbarten Kulturkreisen auf; so wurden z. B. der arabische Roman Barlaam und Josaphat sowie der Fürstenspiegel Kalilah wa Dimnah, der wohl ursprünglich aus Indien kam, ins Griechische übersetzt.

4. Die Welt des Islam

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts umfasste das Omaijadenkalifat von Córdoba den weitaus größten Teil der Iberischen Halbinsel. Lediglich der Norden unterstand noch der Hoheit christlicher Herrscher, der Könige von León, Kastilien, Navarra und Aragonien. Schon bald nach dem Tod des mächtigen Omaijadenherrschers Mohammed ibn Abi Amir al-Mansur 1002 zeichnete sich im Kalifat jedoch der Niedergang ab, und 1031 zerbrach die Herrschaft der Omaijaden an inneren Konflikten. Das Kalifat wurde in mehrere kleine Fürstentümer aufgeteilt, zwischen denen es immer wieder zu Auseinandersetzungen kam. Ähnlich geschwächt und untereinander zerstritten waren die christlichen Nachbarstaaten im Norden der Iberischen Halbinsel, so dass sie die aufgrund des Zerfalls des Kalifats günstige Gelegenheit, die Mauren zurückzudrängen bzw. aus Spanien zu vertreiben, ungenutzt verstreichen ließen. Erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts nahm Ferdinand I. von Kastilien und León den Kampf gegen die Mauren auf. Sein Sohn Alfons I., der 1072 die Nachfolge in Kastilien antrat, führte mit französischer Hilfe den Kampf fort und eroberte 1085 schließlich die bedeutende maurische Festung Toledo. In dieser Phase der Reconquista schwang sich Rodrigo Díaz de Vivar zu einem der bedeutendsten Heerführer im christlichen Spanien auf; mit unverhohlenem Respekt nannte ihn ganz Spanien mit seinem Beinamen El Cid, einer Entstellung des arabischen al-sajjid, „der Herr”. Alfons I. tolerierte zunächst Religion und Kultur seiner neuen maurischen Untertanen. Die Mönche aus Cluny, die Alfons selbst nach Spanien geholt hatte, um hier die Kirche zu reformieren, lehnten diese tolerante Haltung jedoch ebenso ab wie der Papst. Und so nahm der Krieg gegen die Mauren rasch den Charakter eines Kreuzzuges gegen die Ungläubigen an.

Von Alfons I. mit übermäßigen Steuern belastet, durch die Überfälle El Cids zusätzlich in die Enge getrieben, riefen die Mauren in Spanien schließlich die Berber-Dynastie der Almoraviden zu Hilfe. Die hatten damals bereits fast das gesamte Nordafrika unterworfen; lediglich die Fatimiden in Ägypten konnten ihnen noch Widerstand leisten. 1086 setzten die Almoraviden nach Spanien über und brachten am 23. Oktober 1086 den christlichen Heeren bei Badajoz eine vernichtende Niederlage bei. In der Folgezeit eroberten die Almoraviden den größten Teil Spaniens, drangen sogar bis nach Katalonien vor und fügten Alfons noch weitere Niederlagen zu. Allein El Cid konnte zumindest kleinere Teilerfolge gegen die Almoraviden erringen. 1094 eroberte er Valencia, das er bis zu seinem Tod 1099 behaupten konnte.

In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts drangen Turkvölker aus Zentralasien bis in den Osten des zerrütteten Abbasiden-Reiches vor. Sie ließen sich im östlichen Persien nieder, nahmen den islamischen Glauben an und löschten unter ihrem Anführer Seldschuk die herrschenden Fürstenhäuser aus. 1037 besiegte Seldschuks Enkel Togrilbeg die mächtigen Ghasnawiden, und innerhalb weniger Jahre hatte er den größten Teil Persiens besetzt. 1055 stand Togrilbeg vor den Toren Bagdads. In seiner Not rief der abbasidische Kalif die Seldschuken zu Hilfe und bewahrte so seine Hauptstadt vor der Verwüstung. Das Kalifat aber geriet damit unter seldschukische Vorherrschaft: Togrilbeg forderte vom Kalifen Titel und Befugnisse eines Sultans. Togrilbeg einte den islamischen Osten zu einem starken Reich, das unter ihm und seinen Nachfolgern – seinem Neffen Alp Arslan (1063-1072) und dessen Sohn Melikschah (1072-1092) – eine Periode wirtschaftlicher Blüte und militärischer Macht erlebte. 1071 siegte Alp Arslan in der Schlacht von Mantzikert über Byzanz, und auch Aleppo wurde dem Reich einverleibt. Von hier aus bildeten die Seldschuken fortan für das konkurrierende Reich der Fatimiden in Ägypten, das bereits zu dieser Zeit vom Untergang gezeichnet war, eine ständige Bedrohung.

Anders als seine beiden Vorgänger, die noch in Persien residiert hatten, ließ sich Melikschah in Bagdad nieder. Er baute das Straßennetz seines Reiches aus, stellte die Handelsrouten unter besonderen Schutz, ließ Moscheen errichten und Wasserwege anlegen und baute die Infrastruktur seiner Hauptstadt aus. Doch den enormen Aufschwung hatte das Reich in erster Linie dem persischen Wesir Nizam al-Mulk zu verdanken, der bereits Alp Arslan gedient hatte. 20 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1092, war eigentlich Nizam der mächtigste Mann im Reich. Er förderte Wissenschaften und Kunst, führte einen neuen, genaueren Kalender ein und veröffentlichte ein schon bald weithin bekanntes „Buch der Staatskunde” (Sijasetname). Zu den zahlreichen Gelehrten, die Nizam förderte, gehörte auch der Dichter und Astronom Omar-e Chajjam. Nizams herausragendste Leistung auf kulturellem Gebiet war die Gründung mehrerer gut organisierter Hochschulen – die ersten dieser Art in der islamischen Welt. Dem Wesir zu Ehren wurden sie Nizamiyas genannt. Die bedeutendste Nizamiya war die in Bagdad; hier lehrte u. a. der berühmte Philosoph Al Ghazali. 1092 wurde Nizam von einem Mitglied der ismailitischen Sekte der Assassinen, die er stets heftig bekämpft hatte, ermordet.

1092 starb auch Melikschah. Unter seinen Nachfolgern setzte der allmähliche Niedergang des Seldschukenreiches ein; das Reich wurde von unzähligen Bürgerkriegen zerrüttet und verfiel ins Chaos. Als 1099 die Kreuzfahrer zur Eroberung des damals fatimidischen Jerusalem ansetzten und die Bewohner der Stadt die Seldschuken um Hilfe baten, sagten die Sultane zwar Unterstützung zu – waren aber schon nicht mehr in der Lage, tatsächlich auch Hilfe zu leisten.

5. Afrika

Zu den bedeutendsten Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent gehörte die Ausdehnung des Almoraviden-Reiches, das in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts aus einer orthodox-muslimischen Bewegung unter den Sanhadscha-Berbern entstand. Diese Wüstennomaden – im Arabischen aufgrund der Mundbedeckung, die die Männer in der Regel trugen, die „Verschleierten” genannt – bildeten anfangs eine lose Konföderation und waren zu Beginn des Jahrhunderts nur oberflächlich islamisiert. Sie dienten in der Sahara Kaufleuten als Führer und transportierten deren Waren über die verschiedenen Karawanenstraßen in die Handelszentren im Westen des Sudan. 1035 unternahm Jahia ibn Ibrahim, ein Stammesoberhaupt der Sanhadscha, eine Pilgerfahrt nach Mekka. Auf seiner Rückreise lernte er in Kairouan, dem damaligen kulturellen Zentrum des Islam in Nordwestafrika, den Gelehrten Abu Imran al-Fasi kennen. Jahia bat ihn um einen Lehrmeister, der seine nomadisierenden Stammesgenossen im Islam unterrichten könne. Abu Imran verwies ihn an Wadschadsch ibn Zalu, einen Sanhadscha vom Stamme der Lamtu, der eine Schule in Sus al-Aksa (Süd-Marokko) leitete. Diese Region war unter dem Namen Dar al-Morabitin („das Gebiet der Frontkämpfer”) bekannt. Al-Morabitin wurde über das Spanische zu „Almoraviden”. Wadschadsch gab Jahia seinen Schüler Abdullah ibn Jasin mit, einen Sanhadscha vom Stamme der Dschazola. Dieser Ibn Jasin, ein leidenschaftlicher muslimischer Gelehrter, gründete Schulen nach dem Vorbild seines Lehrmeisters Wadschadsch und versuchte, die verschiedenen Sanhadscha-Stämme für die orthodoxe Lehre zu gewinnen. Schließlich begriff er seine Entsendung als : religiöse Unterweisung kombiniert mit militärischer Gewalt. Nachdem er die Mehrheit der Sanhadscha-Stämme gewaltsam seiner streng theokratischen Ordnung unterworfen hatte, kam er 1059 während eines Feldzugs gegen die Bergwata-Berber ums Leben. Der Kampf wurde unter Abu Bakr ibn Omar und dessen Neffen, Jusuf ibn Taschfin, fortgeführt. 1062 wurde Marrakesch als Hauptstützpunkt gegründet. Von dort aus unternahm Jusuf ibn Taschfin Eroberungszüge Richtung Norden. 1075 fiel Fès, 1082 eroberte er Tlemcen und Oran, 1083 Ceuta, und 1086 fielen Ibn Taschfins Truppen in Südspanien ein. Abu Bakr, dem das Wüstenleben mehr zusagte, blieb im Süden und brachte bis 1054 Awdaghost, das wirtschaftliche Zentrum der südlichen Sahara, unter seine Gewalt. 1076 unterwarf Abu Bakr das Sudanreich Ghana seiner Herrschaft. So verfügten die Almoraviden bereits um 1094 über ein islamisches Reich, das sich von Andalusien im Norden bis nach Ghana im Süden erstreckte. Das Gold aus Ghana wurde in Sevilla, Córdoba, Málaga und Almería zu Münzen verarbeitet. Diese von den Almoraviden geprägten Münzen gehörten zu den hochwertigsten Zahlungsmitteln. Zur selben Zeit wurde in Kanem der Islam als offizielle Religion eingeführt. Dort übernahm 1075 Mai Humai, der Gründer der Saifawa-Dynastie, die die Zaghawa ablöste, die Macht. Den Islam verkündete hier Mohammed Mani; für seine Dienste erhielt er – der Legende zufolge – von Mai Humai 100 Sklaven, 100 Kamele, 100 Gold- und ebenso viele Silberstücke.

Im Osten erlebte Nubien eine Blütezeit. Bereits im 6. Jahrhundert war hier das Christentum verbreitet, und sowohl die monophysitische Kirche als auch die melchitische Richtung fanden hier ihre Anhänger. Die Herrscher von Nubien waren eine Art Priester-Könige. Die Nachfolge war matrilinear geregelt, d. h., einem König folgte der Sohn seiner Schwester oder der Sohn der Tochter seiner Schwester auf den Thron. Diese Thronfolgeordnung war in weiten Teilen Afrikas die Regel. 1002 gründete der nubische König Raffael die Stadt Dongola, die arabischen Quellen zufolge mit ihren roten Backsteinbauten an Schönheit mit Bagdad zu vergleichen war. Das religiöse Leben in Nubien erhielt in diesem Jahrhundert durch die zahlreichen koptischen Mönche zusätzliche Impulse, die hier Zuflucht suchten, da sie in Ägypten von den Fatimiden, besonders während der Herrschaft Al Hakims des Grausamen (996-1021) verfolgt wurden.

6. Indien

Nordindien waren fast fünf Jahrhunderte lang Angriffe von außen erspart geblieben; die Kämpfe um die politische und die militärische Vormacht waren fast ausschließlich interne Angelegenheiten. Auch im 11. Jahrhundert erhoben sich überall kleine Vasallen gegen die Dynastien der Pala, Pratihara und Rashtrakuta. Sie führten vielfach den Titel eines Maharadschas, aber ihre Macht blieb regional beschränkt. Die Chauhan herrschten nun über das östliche Rajasthan, die Solanki über das weiter westlich gelegene Kathiawar, die Pawaren hatten das Zentrum ihrer Macht in Indore in Malwa, die Chandella in Khajuraho und die Tomara in Hariyana in der Umgebung der Stadt Dhillika, die sie 736 gegründet hatten. Die Überheblichkeit einzelner Fürstenhäuser und ihre lokalen Machtkämpfe hatten im 11. Jahrhundert jedoch fatale Folgen. Von Süden her zog Rajendra Cola unaufhaltsam entlang der Ostküste nach Orissa und drang bis an den Ganges vor. Von Nordwesten fiel wiederholt der afghanische Sultan Mahmud von Ghazni nach Indien ein. Vorerst jedoch mündeten die Überfälle Mahmuds von Ghazni noch nicht in eine völlige politische Unterwerfung der nordindischen Tiefebene. Denn die Kontrolle über das afghanische Bergland war noch lukrativer, da hier die Handelsroute zwischen China und dem Mittelmeerraum (siehe Seidenstraßen) verlief; zudem wurden die Einnahmen aus den Handelsrouten in dieser recht unfruchtbaren Region durch jährliche Überfälle in die reichen Täler am Indus und Ganges im Osten ansehnlich aufgestockt. Die Truppen Mahmuds überraschten durch die Schnelligkeit und Beweglichkeit, mit der sie ihre Überfälle ausführten, ebenso sehr wie durch die Eile, mit der sie sich, nachdem sie reiche Beute gemacht hatten, wieder in die Sicherheit des kargen Berglands zurückzogen. Präzise Planung ermöglichte es Mahmud, mit seinen Reitertruppen praktisch jedes Jahr in einem anderen Gebiet aufzutauchen, und zwar genau dann, wenn die Ernte eingebracht wurde. Mit dem Fall von Jayapala, dem hinduistischen Sjahijja-König aus dem Kabul-Tal, verlor Indien 1000 auch seine letzte Schutzzone gegen die Überfälle der Ghasnawiden. Zwischen 1010 und 1026 richtete Mahmud seine Unternehmungen hauptsächlich auf die Tempelstädte Mathura, Thanesar, Kanauj und Somnath.

Die Tempelanlagen mit ihren unermesslichen Reichtümern an Gold und Juwelen übten von jeher eine große Anziehungskraft auf Räuber aus; und wenn, wie im Falle der Ghasnawiden, die Angreifer einer anderen Glaubensrichtung, nämlich dem Islam, angehörten, fielen auch noch eventuelle religiöse Hemmschwellen. Besonders der Überfall auf die heilige Stadt Somnath an der Küste von Kathiawar hinterließ großen Eindruck. Zum Tempel von Somnath, der vom Reichtum der hier herrschenden Solanki-Dynastie zeugte, pilgerten bei Mondfinsternissen mehr als 100 000 Gläubige. Nicht nur Hindus, auch Buddhisten und islamische Kaufleute aus den arabischen Ländern berichteten voll Bewunderung von dem Gottesbild, das im Zentrum des Tempels unter dem Baldachin in der Luft schwebte, ohne jegliche Stütze. Der Reichtum des Tempels war grenzenlos. Die Einnahmen stammten nicht nur aus direkten Schenkungen, sondern auch aus den 10 000 Dörfern, die zum Tempel gehörten. Durch derartige Schenkungen erhielten die Tempelverwaltungen ein nahezu ausschließliches Recht auf die Steuererhebungen. Die Liste der besteuerbaren Ereignisse und Sachverhalte wuchs unaufhaltsam an: Hochzeiten, Kinderlosigkeit, offizielle Empfänge und alle religiösen Feierlichkeiten wurden bestimmten Abgaben unterzogen.

Die steigenden Steuerbelastungen spiegelten die zunehmende finanzielle und administrative Unterdrückung der Dorfbevölkerung wider. Auch Hand- und Spanndienste zugunsten der Tempel oder feudalen Grundherren waren üblich, z. B. beim Bau von Brücken, Wegen und Tempeln sowie bei der Bestellung des Landes. Die Brahmanen, die die Tempel verwalteten, gehörten neben den Königen zur reichsten Kaste. Sie beherrschten das wirtschaftliche und soziale Leben ihres Umfeldes und hatten ihre Verantwortlichkeit auf so viele verschiedene Bereiche ausgedehnt, dass die Einnahmen stetig und reichlich flossen. Sie finanzierten sogar Handelsunternehmen und traten gegenüber den Dorfräten als Bankiers auf. Im Tempel von Somnath, dessen Reichtum und Macht den ebenfalls berühmten Tempel in Tanjore (heute Thanjavur) noch bei weitem übertrafen, waren 1 000 Brahmanen für den Gottesdienst zuständig. 500 Devadasis („Sklavinnen Gottes”) sangen, tanzten und waren auch für intimere Formen der Entspannung zuständig.

Im Dezember 1025 griff Mahmud Somnath an. Der Widerstand war mutig und hoffnungslos gleichermaßen. 50 000 Menschen kamen bei den Kämpfen ums Leben. Mahmud ließ alle Schätze abtransportieren; sogar das berühmte Gottesbild nahm er mit, nachdem das große Rätsel gelöst worden war: Das eiserne Bild wurde durch einen geschickt angebrachten Magneten in der Schwebe gehalten. Als die Eroberer einen Stein aus dem Baldachin entfernten, fiel es zu Boden. Im Übrigen waren es nicht nur die muslimischen Eindringlinge aus Afghanistan, die es auf die Tempelschätze abgesehen hatten, sondern auch die Hindu-Fürsten. Der Hindu-König Harsja, der ab 1089 in Kaschmir herrschte, war ständig auf der Suche nach neuen Geldquellen, um sein Heer, das er für den Kampf gegen feindliche Thronprätendenten benötigte, finanzieren zu können.

Mahmud starb 1030. Seine Nachfolger setzten seine Politik fort, allerdings weniger drastisch. 1030 verfasste Mahmuds Hofastrologe Al-Biruni eine Geschichte Indiens, die eine fesselnde und genaue Beschreibung der sozialen, wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Verhältnisse in Nordindien enthielt. Mahmuds Nachfolgern gab er damit praktisch einen Leitfaden für ihre Operationen in dieser Region an die Hand. Al-Biruni bewunderte und missbilligte die Hindu-Kultur gleichermaßen. So schrieb er u. a.: „Ich kann ihr mathematisches und astronomisches Wissen nur mit einem Gemisch aus Perlen und sauren Datteln oder teuren Kristallen und gewöhnlichen Kieselsteinen vergleichen. Es ist ein völlig verwirrtes Volk.” Nach Mahmuds Tod geriet in Nordindien die Gefahr aus dem Nordwesten rasch in Vergessenheit. Man widmete sich wieder den internen Machtkämpfen.

Im Süden des Subkontinents war die Isolation bei weitem nicht so ausgeprägt wie im Norden. Im Cola-Reich war der Verlust der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Dörfer und somit der Rückgang des Handels noch nicht so weit fortgeschritten wie im übrigen Indien. Die Brahmanen verfügten zwar über umfangreichen Grundbesitz, aber über deutlich weniger Macht als ihre Kollegen in Nordindien. Die Handels- und Handwerksgilden der Städte prägten nach wie vor das gesellschaftliche Leben. Mit viel Mühe gelang es den Cola, ihre Macht zu behaupten und ihre früheren feudalen Lehnsherren, die Calukya und die Rashtrakuta, zu bezwingen. Unter der Herrschaft Rajarajas I. (985-1014) und seines Sohns und Nachfolgers Rajendra (1015-1044) wurden im gesamten Reich Kampagnen gegen die lokalen Feudalherren durchgeführt, vorwiegend gegen die Pandya und die Cera an der Malabarküste, die zusammen mit den Arabern den Handel mit Südostasien beherrschten. Auch der arabische Handel mit Ceylon kam nach einem vernichtenden Übergriff teilweise zum Erliegen. Dabei wurde die alte Hauptstadt der Insel, Anuradhapura, dem Erdboden gleichgemacht. Die Eroberung des Dekkan verlief anfänglich sehr erfolgreich; Rajendra drang mit seinen Truppen sogar bis nach Orissa vor und erreichte das Gangestal. Doch diese Gebietserweiterung hatte nur kurze Zeit Bestand. Selbst die annektierten Provinzen der Calukya in Zentralindien (Vengi und Hyderabad) musste Rajendra wieder hergeben; zuvor verwüstete er jedoch ihre Hauptstadt Kaljani. In wirtschaftlicher Hinsicht gehörten zu den wichtigsten Erfolgen der Cola zweifellos ihre ehrgeizigen Bestrebungen in Südostasien. Der Kampf richtete sich hier insbesondere gegen das Königreich von Srivijaya, das die Meerenge zwischen Sumatra und dem südostasiatischen Festland kontrollierte und dadurch eine potentielle Gefahr für den Handel zwischen Südindien und China darstellte. Den Cola gelang es, verschiedene strategisch wichtige Stellungen zu erobern und damit den indischen Schiffen eine sichere Passage zu garantieren.

7. China

Im Jahr 1000 regierte Kaiser Tsjen Tsung aus der Song-Dynastie das chinesische Reich. Zu dieser Zeit war die Song-Dynastie, die 960 das Reich einte, in ständige Auseinandersetzungen mit verschiedenen Nachbarvölkern und -reichen verwickelt. So begannen die Kitan, die im Nordosten das Liao-Reich gegründet hatten, erneut einen gewaltigen Kriegszug gegen die Song. Der Überlieferung zufolge erzielten sie dabei so übermächtige Siege über die Song, dass der Erste Minister Kaiser Tsjen Tsung riet, sich persönlich auf das Schlachtfeld zu begeben und dem Kampf Einhalt zu gebieten. Der Kaiser folgte diesem Rat, und es gelang ihm tatsächlich, die Schlacht zu beenden und ein Abkommen auszuhandeln, gemäß dem sich die Song und die Kitan einander als „älteren bzw. jüngeren Bruder” achten sollten. Weiterhin verpflichteten sich die Song zu einer jährlichen Tributzahlung in Form eines riesigen Geldbetrags und 200 000 Rollen Seide.

Unter Tsjen Tsungs Nachfolger kam es im Nordwesten zu Invasionen der Tangut. Diese hatten ihrem Reich die chinesische Provinz Kansu und einen Teil des inneren Mongolenreiches, der eigentlich auch unter der Oberhoheit der Song stand, einverleibt. 1028 ließ sich der Führer der Tangut zum Kaiser der Xixia-Dynastie ausrufen. Erneut kam es zu langwierigen Auseinandersetzungen, die damit endeten, dass die Song auch mit den Tangut ein Abkommen schlossen und sich zu Tributzahlungen verpflichteten. Als die Kitan dies erfuhren, stellten sie neue Forderungen an die Song – mit dem Ergebnis, dass der Tribut der Song an die Kitan fast verdoppelt wurde.

Trotz der zahlreichen Invasionen, in deren Folge die Song-Dynastie immer höhere Tributzahlungen leisten musste, um den Frieden wiederherzustellen und zu bewahren, war die innenpolitische Lage in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts ziemlich stabil. Dann begannen sich auch im Inneren Probleme abzuzeichnen, die u. a. auf die militärische Schwäche und die wirtschaftliche Krise zurückzuführen waren, in die das chinesische Reich durch die jährlichen Tribute an das Liao-Reich und die Xixia gestürzt war.

Am kaiserlichen Hof gab es verschiedene Beamtenparteien, konservative und liberale, die hinsichtlich der Art und Weise, wie das Reich zu regieren sei, stark voneinander abweichende Auffassungen vertraten und in ständige Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft verwickelt waren. 1064 bestieg Kaiser Jing Tsung den Thron; er regierte jedoch nur vier Jahre. Ihm folgte 1068 Kaiser Sjen Tsung, der Wang Anshi, der an der Spitze der liberalen Partei stand, zu seinem Ersten Minister ernannte. Mit dem Ziel, einen wirtschaftlichen Wiederaufschwung herbeizuführen, berief er eine Haushaltskommission, die neue Einnahmequellen erschließen sollte. Er strebte eine Anhebung des allgemeinen Wohlstandes an, sowohl um die politische und militärische Lage zu stabilisieren als auch um die Macht der Großgrundbesitzer und der reichen Kaufleute einzudämmen. Für das Volk (das zu 80 Prozent aus Bauern bestand) ließ Wang neues Land erschließen und riesige Bewässerungsanlagen bauen. Nach Missernten konnten die Bauern gegen niedrige Zinsen Geldanleihen beim Staat aufnehmen, die sie erst nach der folgenden Ernte wieder zurückzahlen mussten.

Wangs Reformmaßnahmen wurden jedoch nach einer kurzen Zeit wieder aufgegeben. Gescheitert waren sie hauptsächlich am Widerstand der reichen Familien sowie der konservativen Parteien, die nach dem Grundsatz: „keine Neuheiten, keine Unruhe im Volk” handelten. Außerdem stand der noch sehr junge Kaiser Sjen Tsung unter dem Einfluss seiner dominierenden Mutter, die die Reformen Wang Anshis entschieden ablehnte. Schritt für Schritt konnte die Kaiserin-Mutter ihre Macht ausweiten und damit auch die der konservativen Parteien, bis schließlich die alten Verhältnisse wiederhergestellt waren. Dass Wang Anshis Pläne scheiterten, lag zum Teil an der überall herrschenden Korruption, die auch durch vielfältigste Gegenmaßnahmen – wie z. B. die Anordnung, dass Beamte nicht länger als drei Jahre ein und denselben Posten bekleiden und in ihrer Heimatregion überhaupt keine Funktion übernehmen durften – nicht ausgerottet werden konnte. Der folgende Kaiser der Song-Dynastie, Tsje Tsung, übernahm 1086 die Herrschaft und regierte das Reich bis zur Jahrhundertwende. Er versuchte, den Einfluss der konservativen Parteien erneut zu beschränken und eine Reihe von Wangs Reformmaßnahmen wieder aufzugreifen.

Auch im religiösen Bereich gab es Veränderungen. Im 11. Jahrhundert bildete sich eine neue Form des Konfuzianismus heraus – der Neokonfuzianismus. Dieser war auf das Metaphysische gerichtet und enthielt eine Vielfalt taoistischer und buddhistischer Elemente. Ein bedeutender Vertreter des Neokonfuzianismus war Fan Tsungjen. In kultureller Hinsicht erlebte die Song-Dynastie eine Periode höchster Blüte. Zahlreiche Akademien, die so genannten sju juans, wurden gegründet, an denen Literatur und Philosophie gelehrt wurden. Wie die umfangreichen Sammlungen von Werken zeigen, wurde diese Entwicklung auch vom Kaiserhaus unterstützt. Schon seit Jahrhunderten war es in China üblich, dass die Ereignisse im Lande bei Hofe festgehalten wurden. Wenn eine neue Dynastie an die Macht kam, stellte diese alle Aufzeichnungen der vorigen Dynastie in einem offiziellen Werk, den Dynastischen Historien, zusammen. Se Ma-kwang, ein berühmter Geschichtsschreiber, verfasste ein Sammelwerk über die Zeit ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. bis einschließlich des 10. Jahrhunderts n. Chr., die Zizhi tongjian, in die er alle vorangegangenen dynastischen Historien aufnahm. Die Verbreitung von Schriften wurde durch die Erfindung der beweglichen Schrifttypen entscheidend gefördert. In der Literatur wurden neben den alten Shi-Gedichten, bei denen die Zeilen alle gleich lang sein mussten, die Ci-Gedichte entwickelt, die unterschiedliche Zeilenlängen erlaubten. Die Ci wurden auf der Grundlage von Musikstücken geschrieben. In dieser Gedichtform fand in zunehmendem Maße auch die gesprochene Sprache Verwendung. Die berühmtesten Ci-Dichter waren Liu Juun und Su Dongpo. Auch die Malerei und die Kalligraphie erreichten in der Song-Dynastie eine bis dahin unbekannte Blüte. Berühmte Kalligraphen waren Mi Fei und der genannte Su Dongpo.

8. Südostasien

Im 10. Jahrhundert erlebte das hinduistisch orientierte Reich im östlichen Java eine Periode großer wirtschaftlicher Blüte. Aus Furcht, dass die Shailendra aus dem Srivijaya-Reich in Sumatra die Zentralregionen Javas angreifen könnten, verlegte König Sindok 929 sein Königreich in die Ebenen am Ufer des Brantas in Ostjava. Besonders die Entwicklung des Handels innerhalb des Archipels zeugte vom wirtschaftlichen Wachstum. Das Reich knüpfte Handelsbeziehungen sowohl mit den Molukken als auch mit Sumatra und der Malaccahalbinsel. Außerhalb des Archipels konzentrierte sich der Handel vorwiegend auf Champa und das Reich der Khmer. Das Reich unternahm gewaltige Anstrengungen, um im Delta des Brantas und entlang der Küste Sümpfe trockenzulegen und das Land urbar zu machen. Die wirtschaftlichen Erfolge dieser Zeit gingen mit dem Aufblühen der Kultur einher. Die einheimischen Riten und Bräuche wurden in die Shiva-Kulte integriert, und die Elemente der indischen Zivilisation verloren gegenüber den indonesischen zunehmend an Bedeutung. Der bedeutendste König in Ostjava war Dharmavamsa (985-1006). Er ließ die javanesischen Gesetze schriftlich niederlegen und regte die Übersetzung von Sanskrittexten ins Javanesische an. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts unternahm er mehrere Überfälle auf das Reich der Srivijaya, dessen Fortbestand durch diese permanente Bedrohung für lange Zeit fraglich war. 1006 kam Dharmavamsa bei einem Gegenangriff Sumatras ums Leben, und sein Reich verlor zeitweilig an Macht.

Der Schwiegersohn Dharmavamsas, Airlangga, wurde 1019 zum König gekrönt. Obwohl er zu Beginn nur in einem kleinen Teil des Reiches seine Macht tatsächlich zur Geltung bringen konnte, fand er mehrfach Gelegenheit, seine Herrschaftsansprüche im gesamten Reich geltend zu machen. Ein Grund hierfür waren u. a. die Überfälle der Cola, die 1025 die Srivijaya ernsthaft bedrohten, so dass Airlanggas Expansion auf keinerlei Widerstand stieß. Unter dem javanesischen Königtum entwickelte sich ein zentralisierter Verwaltungsapparat; der König, der Maharadscha, kontrollierte die zahllosen kleineren Fürsten. Schließlich erkannte auch das Reich von Srivijaya Airlangga 1030 als König an. Durch ein Abkommen wurde die Inselgruppe unter den zwei Reichen aufgeteilt: Die Handelsrechte im westlichen Teil des Archipels wurden den Srivijaya zugesprochen, und den östlichen Teil beherrschte Java. Es folgte eine Zeit des Aufschwungs für Java. Der javanesische Handel beschränkte sich nicht nur auf das Archipel, sondern weitete sich auf Champa, die Khmer, die Tamilen und Singalesen (Ceylon) aus. Das Königreich erlebte eine kulturelle Blütezeit; einen der Höhepunkte im literarischen Schaffen stellte das A rjunavivaha des Hofdichters Mpu Kanwa dar, Buddhismus und Hinduismus existierten friedlich nebeneinander. 1049, vier Jahre vor seinem Tod, zog sich Airlangga in ein Kloster zurück. Zuvor teilte er sein Königreich zwischen seinen beiden Söhnen, die beide von Konkubinen geboren worden waren; der Brantas bildete die Grenzlinie zwischen den Reichen. Der östliche Teil hieß von nun an Königreich Djanggala, im westlichen Teil wurde das Königreich Pandjalu gegründet (später auch oft Kediri genannt).

In Birma entstand im 11. Jahrhundert unter Anoratha (1044-1077) das Pagan-Reich. Anoratha war es gelungen, die verschiedenen Stämme zu einer Einheit zusammenzuschließen; in der Folgezeit konzentrierte er sich auf die Expansion seines Reiches. Sein größter Erfolg war die Unterwerfung des Königreichs Thaton an der Mündung des Irawadi. Die Mon, die in Thaton lebten, waren die bedeutendsten Lehrmeister der Birmesen: Sie unterrichteten sie in buddhistischer Literatur und Kunst und übten so einen nachhaltigen Einfluss auf deren Religion aus. 1084 übernahm Kyanzittha, der Anoratha einst als Sohn untergeschoben worden war, die Herrschaft, nachdem sein Vorgänger, König Sawlu, einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war. Kyanzittha bemühte sich, Mon und Birmesen zu einem Volk zu einen. Er war überaus an buddhistischer Literatur und Kunst interessiert. Unter seiner Regierung wurden neben der prächtigen Ananda-Pagode zahlreiche weitere Tempel gebaut oder restauriert. Auf diplomatischem Gebiet knüpfte er neue Beziehungen zu Ceylon und China und ermöglichte so eine Wiederbelebung des Handels mit diesen Ländern.

In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts regierte König Suryavarman I. (1002-1050) das Reich der Khmer. Er fiel in Thailand ein und besetzte das Gebiet um den Chao Phraya. Aus dieser Zeit stammen die ersten vollkommen aus Sandstein errichteten Khmer-Tempel. Unter der Regierung von Udayadityavarman II., dem Sohn von Suryavarman I., kam es nahezu ständig zu Aufständen, die vorwiegend aus der feindlichen Haltung des Königs gegenüber dem Buddhismus resultierten. Er ließ ausschließlich shivaistische (hinduistische) Tempel bauen. 1066 übernahm der jüngere Bruder des Königs, Harshavarman III., den Thron. Er bemühte sich darum, den Schaden, der durch das Verhalten seines Bruders und durch die anhaltenden Kriege verursacht worden war, wieder zu beheben. Ein aufständischer Vasall stürzte ihn jedoch 1080. Obwohl die Familie des abgesetzten Königs bis zum Ende des Jahrhunderts gegen den Usurpator und für die Wiederherstellung ihrer Position kämpfte, wusste Jayavarman VI. seine neu gegründete Dynastie zu behaupten.

In Vietnam leitete Le Dai Hanh (980-1005) gegen Ende des 10. Jahrhunderts eine Reform der Landesverwaltung ein und versuchte, die sich bekämpfenden Machthaber auszuschalten. Nach seinem Tod brach der Kampf um die Thronfolge zwischen verschiedenen Familien jedoch erneut aus. Aus diesen Auseinandersetzungen ging nach vier Jahren schließlich die Li-Dynastie als stärkste hervor. Die Li verlegten die Hauptstadt aus den Gebirgsregionen im Westen in das Delta des Roten Flusses, das sich als Wirtschafts- und Verwaltungszentrum anbot. Zudem bauten sie die Infrastruktur ihres Reiches aus: Von der Hauptstadt als Zentrum aus wurde ein in alle Richtungen gehendes Straßennetz angelegt, das die Kommunikation und den Handel vereinfachen und die Zentralverwaltung effektiver gestalten sollte. In den einzelnen Distrikten und Dörfern wurden staatliche Beamte eingesetzt, deren Aufgabe die Registrierung der Bevölkerung, die Steuereintreibung und die Erstellung von Katastern war. Durch diese Umstrukturierungen sowie durch die Einführung der Dienstpflicht für Männer zwischen 18 und 60 Jahren für mehrere Monate pro Jahr konnte die Li-Dynastie gegenüber den lokalen Machthabern die Oberhand gewinnen, die nun ihr militärisches und wirtschaftliches Monopol innerhalb ihrer Gebietes verloren. Mitte des 11. Jahrhunderts begann man, einen Gesetzeskodex zu schaffen, und um 1070 wurden Examen eingeführt für all diejenigen, die eine Beamtenlaufbahn anstrebten. Mit diesen Prüfungen und der Gründung von Schulen löste sich der Staat aus der Abhängigkeit von den buddhistischen Gelehrten, die bis zu dieser Zeit praktisch das Monopol auf Schrift, Bildung und Lehre besaßen. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet erlebte das Land einen starken Aufschwung. Trotz eindeutiger indischer und chinesischer Einflüsse trat der eigene Charakter der vietnamesischen Kunst mehr und mehr in den Vordergrund. Nach dem Sieg über Champa und der Annexion von drei Distrikten ließ sich Li Thanh Tong 1069 zum Kaiser von Dai Viet ausrufen. Nach einer Tributzahlung an den chinesischen Hof erkannte ihn auch China als Kaiser an. Anfang der siebziger Jahre kam es jedoch zum Krieg zwischen Dai Viet und China. Mehrere Jahre später, nach Abschluss eines Friedensvertrages, richtete sich Dai Viet erneut gegen Champa, das sich in dem vorangegangenen Krieg auf die Seite Chinas gestellte hatte. Champa unterlag, und Li Thanh Tong begann den nam tien, „den Zug nach Süden”.

Gleichzeitig wurde im Reich der Champa die Hauptstadt von Indrapura in das weiter südlich gelegenere Vijaya in der Gegend von Binh Dinh verlegt, um damit die Hauptstadt den permanent drohenden Übergriffen aus dem Norden zu entziehen. Die Auseinandersetzungen an der Nordgrenze beschäftigten das Champa-Reich das gesamte 11. Jahrhundert hindurch. 1021, 1026 und 1044 drangen Truppen aus dem Norden in das Land ein. Während der letzten Invasion wurde der Cham-Fürst Jayavarman II. getötet und die Hauptstadt Vijaya besetzt. 1068 fiel Vijaya erneut fremden Eroberern in die Hände. 1074 kam mit Harivarman IV. eine neue Dynastie an die Macht, die schon bald sowohl die Truppen aus Dai Viet als auch die des Khmer-Reiches besiegte.

9. Japan

In Japan stand zu Beginn des 11. Jahrhunderts der Beamte Michinaga an der Spitze des kaiserlichen Hofes. Auch als 1017 sein Sohn Jorimitsji seine Nachfolge antrat, behielt Michinaga bis zu seinem Tod im Jahr 1027 weiterhin großen Einfluss auf die japanische Politik. Jorimitsji blieb bis 1067 Regent und konnte die Machtposition der Fujiwara vorerst noch weitgehend behaupten. In der Folgezeit nahm die Macht der Fujiwara allmählich ab, da zunehmend rivalisierende Familien versuchten, die Macht an sich zu reißen.

Außerdem gelang es dem Kaiser gegen Mitte des Jahrhunderts, seine Position wieder zu stärken. Die Truppen der buddhistischen Klöster – ursprünglich zum Schutz der Klöster installiert – stellten in dieser Zeit eine weitere Bedrohung für die Fujiwara dar. In regelmäßigen Abständen lösten sie in der Hauptstadt Kyoto Unruhen aus. 1068 bestieg Kaiser Go-Sanjo, dessen Mutter entgegen der Tradition keine Fujiwara war, den Thron und versuchte, die kaiserliche Macht wieder zu konsolidieren. 1069 gründete er das Kirokujo, ein Registraturbüro, und ordnete an, alle Landgüter, die nach 1045 gegründet wurden, und solche, die zwar vorher entstanden waren, aber für die keine gültigen Genehmigungen vorgelegt werden konnten, zu beschlagnahmen. Obwohl Jorimitsji bereits abgedankt hatte, konnte er diese Reformen doch noch verhindern, indem er einfach die Grundbesitzer dazu aufrief, sich diesen Befehlen zu verweigern. 1072 übernahm Sjirakawa, der Sohn von Go-Sanjo, die Herrschaft und suchte die Reformen seines Vaters zu Ende zu führen. 1086 trat er zwar zurück, regierte aber aus dem Hintergrund weiter.

Im Lauf des 11. Jahrhunderts nahm die Schlagkraft der buddhistischen Truppen erstaunlich schnell zu. Bereits im vorangegangenen Jahrhundert war die Anzahl buddhistischer Sekten merklich gestiegen, und durch ihren umfangreichen Landbesitz, in einigen Fällen auch durch die große Anzahl an „Unterabteilungen” der Mutterklöster, konnten sie im gesamten Land auf eine breite Machtbasis zurückgreifen. Die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Sekten verstärkte sich in der zweiten Hälfte des 10. und zu Beginn des 11. Jahrhunderts. Häufig kam es zu Gefechten zwischen kleineren Splitterarmeen einzelner buddhistischer Klöster, und gegen Ende des 11. Jahrhunderts stellten diese Truppen sogar eine Bedrohung für das Staatsgefüge dar. Andererseits erlebte Japan zu Beginn des 11. Jahrhunderts im literarischen Bereich eine Blütezeit. Die Hofdamen, im Umgang mit dem Chinesischen weniger geschult als die Männer am Hofe, widmeten sich der Entwicklung der japanischen Schrift und begannen, literarische Werke zu verfassen. In dieser Hinsicht überflügelten sie die Männer bei Hofe, die die Schrift nur unzulänglich beherrschten. Bei den Werken der Hofdamen handelte es sich vorwiegend um Tagebücher, teilweise durch Gedichte angereichert. Gegen Ende des Jahrhunderts kamen literarische Strömungen auf, die zunehmend romantische Elemente aufwiesen. Die Vormachtstellung der Fujiwara wurde zum wichtigsten Thema in der Literatur.

10. Amerika

Von den drei Anden-Zivilisationen, die nebeneinander existiert hatten – dem Reich der Nazca, der Moche und der Tiahuanaco –, waren die ersten beiden im 11. Jahrhundert vollkommen in der Tiahuanaco-Kultur aufgegangen, die nun das gesamte Andengebiet beherrschte. Die Stadt, die dieser Kultur ihren Namen gab, liegt 20 Kilometer südlich des Titicacasees auf einer Höhe von knapp 4000 Metern. Zur damaligen Zeit war sie in erster Linie ein religiöses Zentrum, allerdings mit einer so starken Ausstrahlung, dass sie das zentrale Andengebiet ohne Waffengewalt oder andere Kolonisationsmaßnahmen vollkommen beherrschen konnte. Charakteristische Merkmale dieser Kultur sind u. a. die Mensch-Tier-Motive, die immer wiederkehren: der Kondor, der Puma, Schlangenköpfe und stilisierte Menschenfiguren. Daneben fand man farbige Töpferarbeiten, unter denen die Vasen zwei verschiedene bemerkenswerte Formen aufwiesen. Kennzeichnend war auch die Behandlung von Textilien und die Art und Weise, wie der Stein verarbeitet und genutzt wurde. Wiederholungen und Symmetrie spielen eine große Rolle. In der Architektur finden sich monumentale Ausmaße, die Stärke demonstrieren und zugleich von einer raffinierten Einfachheit sind. Das bemerkenswerteste Bauwerk ist das Sonnentor: mythisches Denken in Stein ausgedrückt. Religiöse, politische und rituelle Handlungen bildeten ein mythisches Ganzes.

Das weiter nördlich, im Gebiet von Mexiko gelegene Tula-Reich, das im 10. Jahrhundert eine so bedeutende Rolle spielte, konnte sich nach dem Tod seines Herrschers Ce Acatl Quetzalcoatl zwar weiterhin behaupten, aber der Charakter der Tolteken veränderte sich. Die Spitze des Pyramidentempels von Tula ist mit riesigen, aus Basalt gehauenen Monolithen verziert – Kriegerfiguren, die auf der Brust den stilisierten Falter, das Symbol der Tolteken, tragen. Diese Wächter kündeten davon, dass von nun an die Tolteken nicht mehr nur friedliche Baumeister sein wollten, mit einem Gott, der lediglich kleine Opfergaben wie z. B. Falter, Vögel und Schnecken verlangte, sondern auch Furcht erregende Krieger mit Furcht erregenden Göttern. Eine Gruppe dieser Tolteken erreichte zu Beginn des 11. Jahrhunderts den Golf von Mexiko und die Halbinsel Yucatán. Hier stießen sie auf eine späte Maya-Kultur, die sich auf der Halbinsel, isoliert von der klassischen Hochkultur der Maya, hatte entwickeln und behaupten können, als das Maya-Reich bereits vom Untergang gezeichnet war.

Diese Maya auf Yucatán erreichte nun ein neuer Impuls aus dem Nordwesten, von wo die Tolteken die schöpferische Kraft und die Traditionen des mexikanischen Hochlandes mitbrachten. Sie eroberten Chichén und benannten die Stadt in Chichén Itzá um. Die Vorherrschaft basierte auf einem Dreierbund der Städte Chichén Itzá, Mayapán und Uxmal; eine militärische Kaste übernahm die Macht. Dies bedeutete zwar Wohlstand und Dynamik, aber zugleich eine ähnliche Verhärtung der Sitten, die auch das Reich von Tula heimgesucht hatte und sich u. a. in der Darbringung von Menschenopfern äußerte. Es entstanden mächtige Bauwerke und die Vorstellung des Gottes Quetzalcoatl („Federschlange”), von den Maya Kukulcan genannt. Itzamna blieb auch weiterhin der bedeutendste Gott der Maya, gefolgt vom Regengott Chac, für den Menschenopfer gebracht und Kostbarkeiten in den heiligen Brunnen geworfen werden mussten, denn die Erdkruste war dünn und trocken, und Regen bedeutete den Quell des Lebens. Im Gegensatz zur religiös-politischen Einheit, zu der die Anden-Zivilisation tendierte, verfügten die Priester in dieser späten Maya-Tolteken-Kultur nur noch über geringe politische Machtbefugnisse.

Etwas weiter westlich, ebenfalls in Mexiko, lebten die Mixteken, die in Cholula die größte Pyramide der Welt bauten: 55 Meter hoch, mit einer Grundfläche von circa zehn Hektar. Die Hauptstadt der Mixteken war Mitla. Auch die Mixteken, die im 11. Jahrhundert zunehmend an Einfluss gewannen, verehrten Quetzalcoatl und betrachteten Tula als heilige Stadt. Sie stellten Kodizes aus Tierhäuten her, die sie wie eine Harmonika zusammenfalteten, und mit ihrer Bilderschrift schufen sie wahre Kunstwerke. Die Farben zeigen stets dieselbe Nuance, und jede Farbfläche ist mit dunklen Linien exakt umrandet. Die Mixteken verwendeten in ihrer Bilderschrift feststehende Symbole, mit denen sie auch Personen benennen konnten. So standen z. B. acht Kreise, um einen Hirschkopf angeordnet, und eine Tigerklaue für den König „Acht Hirsche Tigerklaue”. Acht Hirsche war ein großer Krieger. Ihm gelang es u. a. durch geschickte Diplomatie innerhalb kürzester Zeit, die Mixteken in einem Staatswesen zusammenzuschließen, und durch insgesamt vier Heiraten konnte er sein Herrschaftsgebiet ausweiten. 1045 besuchte er Tula und ließ sich dort seine Nase durchbohren, um eine heiliges Nasenjuwel tragen zu können, das von seiner Königswürde zeugen sollte. Bei einem militärischen Gewaltakt gegen eine seiner Frauen erlitt er eine Niederlage und wurde als Besiegter den Göttern geopfert.

Im Osten, entlang des Mississippi und in den südlichen Waldregionen, hatte sich unterdessen eine ruhige Wohn- und Lebenskultur voll entfaltet. Hier entstanden landwirtschaftliche Gemeinschaften, die sich zwar teilweise stark voneinander unterschieden, aber eine einheitliche politische Struktur, eine allgemein geltende Religion sowie die Untergliederung in Ränge und Stände ohne Unterdrückung kannten. Der Totenkult war mit der Darbringung von Menschenopfern verbunden. Ausbrüche eines Vulkans südlich des Grand Canyon zwangen zwischen 1040 und 1076 die Bevölkerung, dieses Gebiet zu verlassen. Ein weiterer Grund, der bereits ansässige Stämme veranlasste, ihre Siedlungen aufzugeben und wieder ihr Nomadenleben aufzunehmen, war eine Dürreperiode, die 40 Jahre lang anhielt. Im Südwesten wurden die Höhlenwohnungen durch überirdische Wohnbauten ersetzt. Die landwirtschaftlichen Gemeinschaften entwickelten sich weiter. Hier entstanden die Kivas, große Räume für Männerversammlungen und für rituelle Zeremonien. Auf dem 600 Meter hohen Tafelplateau Mesa Verde bauten die Puebloindianer ihre Felswohnungen. Die größte der dortigen Wohnanlagen hatte 200 Räume, also Schlaf- und Vorratskammern, und 23 Kivas.

In den Hochebenen im Norden folgten die Navajo den Spuren der zuvor nach Süden abgewanderten Apachen. Beide Völker gehören der Stammes- und Sprachgruppe der Athapasken an und stammten aus dem subarktischen Raum. Im Nordpolargebiet, im Norden Alaskas, begann die Verbreitung der Thule-Kultur. Die Thule galten in der Auffindung und Verarbeitung von Grundstoffen als besonders geschickt und verfügten über beeindruckende technische Fähigkeiten. Iglus, Hundeschlitten, Schneeschaufeln, steinerne Lampen und Harpunen mit Widerhaken waren die notwendigen Gebrauchsgegenstände, die es den Eskimo ermöglichten, in diesem Gebiet zu überleben. Auch gute Kleidung und entsprechendes Schuhwerk gehörten dazu. Beides wurde mit besonderer Sorgfalt angefertigt und reich verziert. In den langen Wintermonaten vertrieben sie sich die Zeit mit Spielen und Gesängen, erzählten sich Geschichten und fertigten Schmuck und Kinderspielzeug an. Diese kunstvollen Arbeiten erreichten ein hohes Niveau.

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