| Millennium: 12. Jahrhundert | Artikelansicht | ||||
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| 2. | Europa |
Im 12. Jahrhundert setzten zahlreiche bedeutende Entwicklungen ein, die die damalige Bevölkerung bewusst miterlebte. Dies galt vor allem für die Kreuzzüge, wobei der erste von 1096 bis 1099 stattfand, der zweite von 1147 bis 1149 und der dritte von 1189 bis 1192. Die Vorbereitung und Durchführung dieser Kreuzzüge weckten in vielen Teilen Westeuropas Aufsehen und hatten darüber hinaus tief greifende Auswirkungen auf das Byzantinische Reich.
Die zweite nennenswerte Veränderung, welche die Bevölkerung der Stadtzentren betraf, war die Entstehung von Städtegemeinschaften, wobei eine Tendenz zu gemeinsamen Interessenvertretungen und Einflussnahme auf Regierungsangelegenheiten deutlich wurde. Diese Städtebildung offenbarte sich seit dem 10. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich, in Frankreich und in England.
Die dritte Neuerung war die Verwendung der Volkssprache im gesellschaftlichen und kulturellen Umgang. Hinzu kam, dass durch die Verbesserung und Ausdehnung der Verkehrsmöglichkeiten die vielen, bislang unerreichbaren und abgeschlossenen Landstriche fortan zugänglich waren. Diese Entwicklung brachte zugleich eine gegenseitige Beeinflussung mit sich, ausgelöst durch Ereignisse wie z. B. die Kreuzzüge im Nahen Osten oder das Aufblühen des Handels der italienischen Städte im östlichen Teil des Mittelmeerraumes, vor allem in Konstantinopel. In beinahe allen Teilen Europas nahm die Bevölkerung zu. Immer mehr Menschen zogen in die wachsenden Städte, und die Tendenz zur Kolonialisierung in Osteuropa und zur neuen Kultivierung in ganz Europa wurde stärker. Die steigende Bevölkerungsdichte begünstigte die Teilnahme an Kreuzzügen ebenso wie die Schifffahrt.
| 1. | Heiliges Römisches Reich |
Das Heilige Römische Reich wurde von einem Kaiser-König regiert – dem „ersten unter seinesgleichen” unter den deutschen Fürsten. Es gab weder eine zentrale Bürokratie noch königliche Steuern. Die Regierung oblag den Fürsten, Bischöfen und Rittern in einem Feudalsystem. Könige wurden erst Kaiser, nachdem sie – manchmal Jahre nach ihrer Thronbesteigung – in Rom vom Papst gekrönt wurden. In den ersten Jahren des 12. Jahrhunderts setzte der deutsche König Heinrich IV. den Kampf gegen die Fürstenopposition und den Papst fort, in dem ihm die Bürger von Köln, Aachen und Lüttich und der Bischof Otbert von Lüttich treu zur Seite standen. Sein Sohn und Thronfolger, Heinrich V., der sich gegen seinen Vater gewendet hatte, belagerte Köln vergeblich und wurde bei Visé besiegt. Der Tod Heinrichs IV. im Jahr 1106 setzte diesem Streit ein Ende. Damit wurde zwar der Kampf um den deutschen Thron, nicht aber der Investiturstreit beigelegt. Heinrich V. regierte schon bald in derselben Weise wie sein Vater. Als Verbündeter des Papstes und der deutschen Fürstenopposition begann er seine Regentschaft, aber, einmal an der Macht, beanspruchte auch er das Recht des Königs auf Ernennung der Bischöfe und Reichsäbte. Der Streit um dieses für die Regierungsorganisation des Heiligen Römischen Reiches so bedeutende Recht wurde fortgesetzt. Unterstützt vom deutschen Episkopat, hielt Heinrich an seinen Ansprüchen auf das Ernennungsrecht fest. Auf einer Versammlung in Chalons-sur-Marne ließ er erklären, dass das notwendige Einverständnis des Königs für die Wahl eingeholt werden müsse und dass der Gewählte nach der Weihe den König um die Amtseinsetzung mit Ring und Zepter bitten müsse. Der Papst antwortete, wie Suger, Abt von Saint-Denis, in seiner Biographie Ludwigs IV. (Vita Ludovici) mitteilte:
„Wenn es der Kirche nicht ermöglicht wird, einen Bischof zu wählen, ohne den König zu Rate zu ziehen, fühlt sie sich, einem Sklaven gleich, dem König unterstellt, und Christus ist umsonst am Kreuz gestorben. Die Amtseinsetzung eines Bischofs mit Ring und Stab, Dingen also, die zu den Altären gehören, ist eine Machtergreifung von Gottes Recht.” Darauf antworteten die Gesandten von Heinrich V.: „Dieser Konflikt wird nicht hier, sondern in Rom ausgetragen.” Diese Drohung wurde auch in die Tat umgesetzt. Sobald unter Heinrich V. im Heiligen Römischen Reich der Friede einigermaßen wiederhergestellt war, zog dieser 1110 nach Italien, wo durch Papst Paschalis II. in der Zwischenzeit das Verbot zur Amtseinsetzung erneuert worden war. Es folgte eine dramatische Entwicklung mit Auswirkungen weit über Rom und Italien hinaus. Anfänglich vereinbarten der Papst und der König miteinander, alle kirchlichen Güter, die sich in den Händen des Heiligen Römischen Reiches befanden, dem König zu überlassen. Dafür nahm der König von der Amtseinsetzung und von jeglicher Bemühung, Bischöfe und Äbte zu ernennen, Abstand. Er rief aber einen Sturm der Entrüstung hervor, und in Rom kam es zu einem Aufstand. Daraufhin nahm Heinrich V. den Papst und die Kardinäle gefangen und zwang den Papst, die Amtseinsetzung anzuerkennen und ihn zum Kaiser zu krönen. Danach zog er wieder zurück nach Norden. Unter dem Einfluss der gregorianischen Denkweise setzte sich jedoch der Widerstand in der Kirche fort. Der Kaiser wurde exkommuniziert, und überall kam es zu Unruhen bzw. regte sich Widerstand. Die Situation, die im Jahr 1122 zum Wormser Konkordat (1122) führte, wurde von Otto von Freising, folgendermaßen beschrieben:
„Da das Reich in vielerlei Hinsicht innerlich zerrissen und gespalten war und der Kaiser sah, dass das Reich zerfiel, und er befürchtete, dass ihm dasselbe Schicksal wie seinem Vater zuteilwürde, berief er in Worms eine Versammlung der Reichsfürsten ein und nahm in Anwesenheit des päpstlichen Gesandten Lambertus, dem späteren Papst Honorius II., Abstand von der Amtseinsetzung. Infolgedessen wurde der Kirchenbann gegen ihn wieder aufgehoben. Diese Aufhebung wurde in einem Privileg für die Kirche festgehalten. Gleichzeitig wurde dem Kaiser das Recht zugesprochen, dem zufolge die gewählten Bischöfe erst geweiht werden sollten, nachdem sie aus den Händen des Königs die Regalien durch Überreichung des Zepters erhalten hatten.”
Mit diesem Wormser Konkordat endete 1122 der Streit um die Amtseinsetzung. Im Jahr 1125 starb Heinrich V. in Utrecht. Zu seinem Nachfolger wurde der Herzog von Sachsen, Lothar von Supplinburg (1125-1137), gegen die Ansprüche Friedrichs von Schwaben, des Neffen Heinrichs V., gewählt. Der Herzog von Sachsen hatte bereits frühzeitig mit den Widerständen des Herzogs Friedrich von Schwaben zu kämpfen. Lothar, der die Krone mit Unterstützung der kirchlichen Partei erhalten hatte und darüber hinaus eine starke kirchliche Reformbewegung berücksichtigen musste, führte eine Politik, welche die Belange der Kirche möglichst stark einbezog. Im Jahr 1131 unterstützte er selbst den Kampf des Papstes in Rom gegen dessen Feinde. Lothar wurde in Rom zum Kaiser gekrönt. Danach stellte er den Frieden im Reich wieder her und versuchte, mit Unterstützung der Kirche einen allgemeinen Landfrieden zustande zu bringen. Bei der Rückkehr von einem zweiten Feldzug nach Italien starb Lothar im Jahr 1137. Die Wahl eines Nachfolgers erfolgte unter dem Einfluss der Geistlichkeit, aber auch mit der Unterstützung verschiedener Fürsten, welche die Ansprüche des mächtigen bayrischen Herzogs Heinrich des Stolzen abwiesen. Sie wählten Konrad von Schwaben, einen Neffen Heinrichs V., zum Nachfolger. Mit Konrad III. (1138-1152) gelangten die Staufer auf den deutschen Thron. Dieser Thronwechsel hatte zunächst einen heftigen und langwierigen Streit zwischen Konrad III. und Herzog Heinrich zur Folge, dem der König beide Herzogtümer, Bayern und Sachsen, abgenommen hatte. Die Zeitgenossen sahen darin ein Beispiel für die Veränderlichkeit im menschlichen Leben als Folge von Gottes Allmächtigkeit. Die ersten zehn Jahre unter Konrads Regierung waren von Unruhe, Bürgerkriegen und Schwächung der Staatsgewalt gezeichnet. Die damit in Zusammenhang stehenden Ereignisse wurden im Jahr 1147 durch den 2. Kreuzzug unterbrochen. Anlass dazu gaben die Einnahme von Edessa und die Bedrohung von Antiochia durch die Muslime. Vor allem Bernhard von Clairvaux war es, der – nachdem Papst Eugen III. die Christenheit und insbesondere die französische Ritterschaft dazu aufgefordert hatte – in Westeuropa für die Kreuzzüge predigte. Neben ihm bemühten sich auch noch andere, möglichst viele Menschen zur Teilnahme an einer neuen Fahrt in das Heilige Land (siehe Palästina) zu bewegen. Dies erregte allerorten die Gemüter, wie aus den Zeugnissen der Zeitgenossen hervorgeht. Otto von Freising schrieb: „In Anbetracht dessen, dass nicht nur aus dem deutschen Reich, sondern auch aus den Nachbarstaaten, nämlich Frankreich, England und Ungarn, unzählige Völker und Nationen durch das Gerücht von dieser Entdeckungsfahrt zur Annahme des christlichen Glaubens gebracht wurden, war plötzlich das gesamte Abendland so friedlich, dass nicht nur das Kriegführen, sondern sogar das öffentliche Tragen von Waffen als Unrecht galt.” (Otto von Freising: Gesta Frederici imperatoris)
Der Kreuzzug, an sich dem auch Ludwig VII. von Frankreich beteiligte, misslang völlig. Erschüttert und von großen Verlusten gezeichnet, kehrte das Kreuzfahrerheer zurück. Dieser Misserfolg war eine der Ursachen für die Opposition, die Mitte des Jahrhunderts gegen die Einmischung der Kirche in weltliche Politik offenkundig wurde. Diese Opposition führte sogar zu der Forderung nach apostolischer Armut der Geistlichkeit. Darüber hinaus gab sie Anlass zu einer Volksbewegung, die in Rom von Arnold von Brescia angeführt und von der niedrigeren Geistlichkeit unterstützt wurde. Auch an anderen Orten fand diese Bewegung Gehör. Konrad hielt sich abseits, und die in Aussicht gestellte Krönung zum Kaiser erfolgte nicht. Der König wurde nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land auch zu sehr von der Situation im Heiligen Römischen Reich beansprucht, wo Heinrich der Löwe, Sohn Heinrichs des Stolzen, ihm das Leben schwer machte und außerdem durch das Eingreifen von päpstlicher Seite in die Bischofswahlen Unruhen aufkamen. Inmitten dieser Schwierigkeiten verstarb der König.
| 2. | Friedrich Barbarossa – Das Verhältnis zu Italien. |
Der Nachfolger Konrads III. wurde Friedrich I. Barbarossa, sein Neffe. Dieser ging seine erste Aufgabe, nämlich die Wiederherstellung von Ordnung und Ansehen der königlichen Befehlsgewalt, kraftvoll an. Zunächst begann der König, die enge Verbindung zwischen Reich und Bistum wiederherzustellen. Er betrachtete die Bischöfe in erster Linie als Beamte des Reiches, welche durch lehnsrechtliche Bande an das Reich gebunden waren. In zunehmendem Maß traten sie als weltliche Verwalter und als Gesandte und Vermittler in Reichsangelegenheiten in den Vordergrund. Oft beteiligten sie sich sogar an militärischen Feldzügen, hauptsächlich nach Italien. Des Weiteren hatten sie ihre kirchlichen Ämter inne. Diese Bindung war von herausragender Bedeutung. Aufgrund der Ausübung der Kirchenämter, ergänzt durch eine behutsame Politik gegenüber den weltlichen Fürsten, blieb es in der ersten Hälfte von Barbarossas langer Regentschaft (1152-1190) im Heiligen Römischen Reich ziemlich ruhig, was dem Fürsten u. a. die Möglichkeit bot, sich intensiv mit den Vorgängen in Italien zu beschäftigen. Ein kurzer und mit einem Heer von nur 1 800 Kreuzrittern ausgestatteter Kreuzzug brachte Friedrich Barbarossa 1155 zwar die Kaiserkrone, aber er versäumte es dadurch, den Papst im Kampf gegen seine südlichen Nachbarn, die Normannen, zu unterstützen. Die Normannen herrschten über Süditalien seit 1071. Der Papst war über diesen Umstand äußerst unzufrieden. Die Spannung zwischen Papst und Kaiser wurde deutlich, als in Besançon im Jahr 1157 ein Reichstag abgehalten wurde, um die Macht des Reiches in Burgund zu betonen. Zu diesem Reichstag erschien Kardinal Roland (der spätere Papst Alexander III.), ein herausragender Rechtsgelehrter und Kommentator des kurz zuvor erstellten Decretum Gratiani (ca. 1140). In dem von Roland überreichten päpstlichen Schreiben war von Pfründen die Rede, welche dem Kaiser von den Päpsten verliehen worden waren. Als dieses Schreiben von Reinald von Dassel, dem Erzbischof von Köln und wichtigsten Berater des Kaisers, ohne Protest von Roland mit Worten wie „Lehen” und „Wohltaten” übersetzt wurde, wodurch der Eindruck entstand, der Kaiser sei Lehnsmann des Papstes, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Der Kaiser rettete die päpstlichen Vertreter mit großer Anstrengung aus den Händen der wütenden Fürsten. Das deutsche Bistum reagierte auf den Vorwurf des Papstes folgendermaßen: „Gott hat in der Hauptstadt der Erde durch die Kaiserschaft die Stellung der Kirche verbessert. In dieser Hauptstadt richtet nun die Kirche, und das nicht laut Gottes Willen, die Kaiserschaft zugrunde.” (Rahewin, der die Gesta Otto von Freisings fortsetzte.)
Friedrich I. Barbarossa hatte sich intensiv mit der Situation in Italien auseinandergesetzt: Sechsmal zog er in den Jahren 1154/55, 1158 bis 1162, 1163/64, 1166 bis 1168, 1174 bis 1178 sowie 1184 bis 1186 nach Italien, um die Beziehung zum Papst, welche eine der Grundlagen des Heiligen Römischen Reiches darstellte, zu regeln. Dies geschah zur Festigung der Sicherheit seiner in Norditalien lebenden Familie und mit dem Ziel, durch Verhandlungen oder unter Gewaltanwendung die Reichsbelange mit den Ansprüchen des Byzantinischen Reiches in Einklang zu bringen. Der Kaiser war mit wechselhaftem Erfolg bestrebt, seine Ziele mal mit kleinen, mal mit großen Heeren, einmal bei kurzen Feldzügen, dann wieder bei mehrjährigen Aufenthalten in Italien, beispielsweise in den Jahren 1158 bis 1162, zu erreichen.
Diese Jahre zeichneten sich durch einen immer stärkeren Gegensatz zwischen Papst und Kaiser aus, der sogar zur Wahl eines Gegenpapstes führte, als nach dem Tod von Hadrian IV. 1159 der leidenschaftlich antikaiserliche Kardinal Roland als Alexander III. den Thron bestieg (1159-1181). Aber auch der heftige Widerstand von Mailand und anderen lombardischen Städten gegen den Kaiser war schuld daran. Otto von Freising verwies die italienischen Städte darauf, dass sie sich rühmen sollten, unter römischem Recht zu leben, wohingegen diese aber das Recht schändeten, denn sie widersetzten sich dem höchsten Gesetzgeber, dem Kaiser. In vielen italienischen Städten wüteten darüber hinaus Kämpfe zwischen den Anhängern von Kaiser und Papst. Barbarossa gelang es bei diesen Kämpfen im Jahr 1162 mit großer Anstrengung, in Mailand die Hochburg des Widerstands einzunehmen und diesen dadurch einzudämmen. Die Reichspolitik aber, die u. a. zur Ernennung eines Gegenpapstes (Viktor IV.) geführt hatte, rief dann bereits den Unwillen der übrigen westeuropäischen Staaten hervor, die Alexander III. nach wie vor als Papst anerkannten. Besonders bezeichnend für die Stimmung dort war ein Ausspruch des damaligen Erzbischofs von Chartres, Johannes von Salisbury: „Wer hat die Deutschen zu Richtern der Nationen gemacht? Wer hat diesen grobschlächtigen und wilden Leuten das Recht zugesprochen, willkürlich das Haupt der Christenheit zu bestimmen?” Der Kaiser unternahm einen neuen (vierten) Feldzug (1166-1168), um der Entzweiung des Papsttums ein Ende zu bereiten und die kaiserliche Macht in Italien zu festigen. Dieser Feldzug blieb jedoch erfolglos, mit der Konsequenz, dass Friedrichs Heer durch eine ansteckende Krankheit dezimiert wurde. Trotzdem hielt Barbarossa seine Stellung im Heiligen Römischen Reich aufrecht und verstärkte sie zudem noch. Dabei stützte er sich vor allem auf das ihm treu gebliebene Bistum, was ihn in die Lage versetzte, unter schwierigen Bedingungen einen fünften Kriegszug nach Italien (1174-1178) zu unternehmen. Dieser Kriegszug führte zum Abschluss des Friedens von Venedig (1177). Eine Besonderheit war jedoch, dass Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, der durch seinen wichtigen Beitrag zur Einnahme und Kolonialisierung von slawischen Gebieten im Osten großes Ansehen genoss, sich im Jahr 1176 weigerte, militärische Unterstützung zu gewähren. Dieser Umstand brachte Barbarossa in Schwierigkeiten und führte dazu, dass Heinrich dem Löwen 1180, laut Urteil der Reichsfürsten, die Lehen des Reiches abgenommen wurden. Dieses Urteil brachte die Macht des Kaisers auf einen Höhepunkt, was der im Jahr 1184 in Mainz abgehaltene Reichstag zeigte. „So viel Ehre wurde dem Kaiser bewiesen, dass man sich bis zum Ende aller Tage darüber wundern kann. Noch 100 Jahre und länger wird man davon sprechen und schreiben”, ließ der limburgische Dichter Heinrich von Veldeke in seinem Eneide verlauten. Zwei Ereignisse betonten die Machtposition Barbarossas: der Friede mit den lombardischen Städten und die Heirat von Heinrich VI., dem Sohn des Kaisers und dessen Nachfolger, mit Constanza, der Tochter König Rogers II. aus dem süditalienischen Normannenreich. Aus dieser Heirat ergab sich die Verbindung mit dem Heiligen Römischen Reich. 1188 gab Barbarossa eines Tages in Mainz seinen Beschluss bekannt, an einem 3. Kreuzzug teilzunehmen. Im Mai 1189 zog der Kaiser mit seinem Heer in den Osten, aber das Heilige Land erreichte er nicht: Am 10. Juni 1190 ertrank er beim Baden in einem kleinen Fluss namens Saleph in Südost-Kleinasien. Sein Tod rief überall großes Bedauern hervor. Die Nachricht von Barbarossas tragischem Ende erreichte Heinrich VI., seinen Sohn und Nachfolger, der für seinen Vater die Regierung übernahm, erst circa vier Monate später. Kurz zuvor war auch Wilhelm II. von Sizilien kinderlos gestorben, wodurch Heinrich VI. als Ehemann Constanzas trotz des Widerstands des Papstes Ansprüche auf den sizilianischen Thron erheben konnte. Die Umsetzung dieser Ansprüche rief nicht nur einen Konflikt mit dem Papst hervor, sondern führte auch zu Spannungen in den übrigen europäischen Reichen. Heinrich VI. wurde 1191 bei einem missglückten Feldzug nach Rom und Süditalien gekrönt. Da er dem englischen König Richard Löwenherz, welcher mit Heinrich dem Löwen Kontakte unterhalten hatte, eine Anerkennung als Lehnsherr abzwang, wusste er die Lage im Heiligen Römischen Reich zu meistern. Er zog daraufhin (1194) nach Italien und erhielt die Herrschaft in Sizilien. Damit konnte sich Heinrich VI. als mächtigster Herrscher Europas betrachten. Das nächste Ziel des Kaisers war es, seinem 1194 geborenen Sohn Friedrich nicht nur die Erbfolge in Sizilien, sondern auch im Heiligen Römischen Reich zu übertragen. Der Plan misslang allerdings aufgrund der gegenteiligen Einstellung der deutschen Fürsten. Das Einzige, was Heinrich VI. erreichte, war die Wahl seines jüngsten Sohnes zum deutschen König (1196). 1197 starb der Kaiser. Verglichen mit seinem Vater wurde sein Tod kaum bedauert. In weiten Kreisen der Bevölkerung sah man jedoch ein, was ein Mönch des Klosters Sankt Blasien zum Ausdruck brachte, nämlich dass „das deutsche Reich mit dem Tod Heinrichs VI. aus sehr großer Höhe herabgefallen ist”.
| 3. | Frankreich |
In Frankreich trat mit der Thronbesteigung von Ludwig VI. (1108-1137) eine Person in den Vordergrund, die erfolgreich darum bemüht war, die königliche Politik zu verstärken und ihr die Mittel zu verschaffen, sich gegen die großen französischen Lehnsfürsten zu wehren. Dies galt vor allem gegenüber dem Herzog der Normandie, der zugleich auch König von England war. Kennzeichnend und sogar alles beherrschend war der scharfe Gegensatz zwischen den Kapetingern und anglo-normannischen Königen, der in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zu 20 Kriegen führte (1109-1113 und 1116-1120). Während dieser Kriege gelang es Ludwig VI. nicht, die anglo-normannische Herrschaft in Frankreich zurückzudrängen.
Erschwert wurde diese Situation für ihn dadurch, dass mehrere Feudalherren in der königlichen Domäne (Île-de-France und Umgebung) mit dem englischen König zusammenarbeiteten. Ludwig VI. erkannte schließlich die Notwendigkeit, der Selbständigkeit seiner Lehnsherren ein Ende zu setzen. Darin lag die Bedeutung seiner Regierung: In seiner Domäne stellte er die königliche Politik wieder her. Zu diesem Zweck führte der König u. a. einen jahrelangen Kampf gegen Thomas de Marle, einen seiner Lehensherren. Suger von Saint-Denis beschrieb diesen Streit in seiner Vita Ludovici und sagte über Thomas de Marle, der die Umgebung von Laon und Reims unsicher machte, dass er „ein Mann der allerschlechtesten Sorte war, ein Schurke, ein Feind Gottes und der Menschen, der seine Gegner ermordete und alles ruinierte”. Vor allem die fruchtbaren Landstriche südlich des Seine-Ufers boten dem selbständigen und unabhängigen König viele Möglichkeiten. „Das Paradies” – so schrieb Suger um 1144 – „war in dieser Zeit eine feudale Hölle, übersät mit uneinnehmbaren Verteidigungstürmen – die Höhlen unbezähmbarer Barone.” Der König konnte in diesen Gegenden, laut Berichten seiner Zeitgenossen, nicht ohne Heeresbegleitung von Paris nach Orléans reisen.
Und als ob das noch nicht genug war, fiel der deutsche König Heinrich V. 1124 im Norden Frankreichs ein und bedrohte Reims. Da nun dem gesamten Königreich Gefahr drohte, trat ein aufkommendes Nationalgefühl zutage: Freund und Feind des Königs zogen gemeinsam gegen die Eindringlinge. „Man sah”, so ließ Abt Suger verlauten, „eine solch große Menge an Rittern und Fußknechten, dass man meinen könnte, ein Heuschreckenschwarm bedecke die Erdoberfläche, nicht nur entlang der Flüsse, sondern auch auf den Hügeln und in der Ebene.” Heinrich V. zog sich zurück: „Er gab der Schande einer Niederlage gegenüber den Repressalien des französischen Heeres im Heiligen Römischen Reich den Vorzug”, hieß es von Suger. Ludwig VI. gewann damit an Ansehen, das er durch seine Allianz mit dem Papst, durch die Unterstützung bei der Verbreitung der Klosterreform von Cluny und Cîteaux (siehe Zisterzienser) sowie von anderen Orden noch weiter stärken konnte. Seine Politik, die auf die Festigung und Stärkung der königlichen Politik in dem der Krone direkt unterstehenden Gebiet ausgerichtet war, erwies sich als erfolgreich. Dagegen blieb die selbständige und unabhängige Position der großen Lehnsherren, der Grafen von Flandern, Anjou, Toulouse, der Champagne und der Herzöge der Normandie, von Aquitanien und der Bretagne, unberührt: Die Einmischung des Königs in diese Gebiete blieb äußerst schwierig und beschränkt, wie ein misslungener Versuch des Königs 1127 in Flandern deutlich machte.
Als Ludwig VI. 1137 starb und der Thron von seinem jüngsten Sohn, Ludwig VII., eingenommen wurde, sah die Zukunft für die Kapetinger trotzdem recht günstig aus. Umso mehr, da Ludwig VII. durch seine Heirat mit Eleonore von Aquitanien ein großes, beinahe ganz Südwestfrankreich umfassendes Gebiet erwarb. Aber diese Heirat zeigte bereits nach kurzer Zeit deutlich ihre Schattenseiten: Eleonore, deren moralisches Verhalten nicht über jeden Zweifel erhaben war, bekam einen sehr großen, aber nachteiligen Einfluss auf ihren Ehemann. Sie agierte, nicht ganz erfolglos, gegen den Abt Suger von Saint-Denis, den Ratgeber des Königs, und hetzte den König gegen Papst und Kirche auf. Dies führte zu ernsthaften Konflikten, in denen Bernhard von Clairvaux als Schlichter auftrat. Als Ludwig VII. 1147 zu einem Kreuzzug aufbrach, übertrug er Suger die Regierungsgeschäfte Frankreichs. Nach diesem 2. Kreuzzug, bei dem Ludwig kein Erfolg beschieden war, erklärte Eleonore, nicht länger einen Mönch zum Gemahl haben zu wollen, und 1152 kam es zur Trennung.
Die politischen Folgen dieser Trennung waren enorm. Eleonore heiratete nun Heinrich, den Grafen von Anjou, der durch diese Heirat ungefähr halb Frankreich zu seinem Besitz zählen konnte. 1154 wurde er als Heinrich II. zugleich König von England und damit der gefürchtetste Feind Ludwigs. Diese Situation beherrschte Frankreich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Ungefähr die Hälfte des Königreichs der Kapetinger befand sich in Händen des Königs von England, der für diese Gebiete der Lehnsmann des französischen Königs war. Weitere Ereignisse verschärften die schon vorher bestehende Feindschaft. Außerdem hatte dies zur Folge, dass die Geschichte Frankreichs sehr stark mit der des anglo-normannischen Königreichs verbunden war. Ludwig VII. hatte der Machtentwicklung der anglo-normannischen Könige wenig entgegenzusetzen. Es mangelte ihm sowohl an Bündnispartnern als auch an Geldmitteln, wodurch sein Widerstand kaum mehr als einige Aktionen und die Anwendung von Rechtsmitteln beinhaltete, die auf lehnsrechtlichen Verpflichtungen des englischen Königs beruhten.
| 4. | Philipp II. Augustus und Richard Löwenherz |
1180 starb Ludwig VII. Die Nachfolge trat sein 15-jähriger Sohn Philipp II. Augustus an, der – ebenso wie sein Vater – in die Lage geriet, sich gegenüber König Heinrich II. von England behaupten zu müssen. Aber Philipp wusste die Schwächen seines Gegners zu nutzen. Im englischen Königshaus war zwischen Heinrich II. und dessen Söhnen sowie den Söhnen untereinander ein heftiger Streit entbrannt, der von Eleonore, der Gemahlin Heinrichs, noch geschürt wurde. Eleonore hatte sich mit ihrem Ehemann überworfen, da dieser Philipps Schwester Adelaide, die dazu bestimmt war, Heinrichs Sohn Richard Löwenherz zu heiraten, selbst als Mätresse genommen hatte. Philipp hetzte Richard gegen seinen Vater auf und verschwor sich mit Heinrichs jüngstem Sohn, Johann Ohneland. Das Verhältnis zwischen Philipp und Richard blieb trotz ihrer gemeinsamen Sache gegen Heinrich II. durch den alten Konflikt zwischen Kapetingern und anglo-normannischen Königen überschattet. Auch die scheinbare Eintracht, mit der sie, nachdem Richard Löwenherz 1187 als Nachfolger für Heinrich II. zum König von England ernannt worden war, 1190 in den 3. Kreuzzug zogen, brachte keine Veränderung. Noch bevor sie das Heilige Land erreichten, war die Einigkeit gebrochen. Philipp kehrte schnell nach Hause zurück, während Richard in Palästina Lorbeeren erntete. Bei seiner Rückreise jedoch geriet er bei Heinrich VI. in Gefangenschaft, aus der er erst 1194 wieder freikam.
Die Rückkehr von Richard Löwenherz entfachte einen fünf Jahre andauernden, heftigen Streit in der Normandie und an den Grenzen von Poitou, der mit Verwüstungen und Plünderungen durch beide Parteien einherging. An diesen Kämpfen beteiligte sich an der Seite von Richard Löwenherz auch Graf Balduin IX. von Flandern, der spätere Balduin I. von Konstantinopel. Eine Reihe von Missernten und Hungersnöten verschlimmerte das Elend der Bevölkerung noch. Philipp konnte sich nur schwer durchsetzen. 1199 kam durch die Schlichtung von Papst Innozenz III. ein Waffenstillstand zustande. Kurze Zeit später starb Richard Löwenherz, und der französische König wurde von einem gefährlichen Feind befreit.
| 5. | England |
In England übernahm der Bruder des 1100 verstorbenen Königs Wilhelm II., Heinrich I. (1100-1135), den Thron. Dieser stand der Kirche wohlgesonnen gegenüber, was u. a. aus der Abberufung von Anselm, dem Erzbischof von Canterbury, hervorging, der nach einem heftigen Streit mit Wilhelm II. trotz dessen Verbots nach Rom ging und nicht mehr zurückkehrte. Er übernahm das erzbischöfliche Amt wieder, aber trotzdem kam es zwischen König und Erzbischof erneut zu Konflikten. Diese Unstimmigkeiten betrafen hauptsächlich den Investiturstreit. Der Streit endete 1107 mit einer Regelung, bei der Folgendes festgelegt wurde: keine Investitur der Bischöfe mit Ring und Stab durch den König, jedoch eine Weihe. Die Weihe sollte erst erfolgen, wenn gegenüber dem König ein Lehnseid für die erhaltenen Lehen abgelegt worden war. Diese Regelung stimmte mit der Theorie von Ivo, dem Bischof von Chartres, überein, die in dieser Form im gleichen Jahr in Frankreich angenommen wurde.
Gleichzeitig stellte Heinrich I. die Einheit mit der Normandie wieder her, wodurch die Feindschaft mit dem Königreich der Kapetinger wiederum aufflackerte. Heinrich I. konnte den Krieg gegen Ludwig VI. von Frankreich unter für ihn günstigen Umständen beginnen, da er mit der Kirche Frieden geschlossen hatte und von einer nennenswerten Opposition gegen seine politische Führung keine Rede war. Ludwig VI. dagegen musste sich fortwährend gegen rebellierende Feudalherren zur Wehr setzen. 1109 brach der Krieg aus, der 1113 durch einen Waffenstillstand unterbrochen, 1118 jedoch fortgesetzt und 1120 schließlich durch die Schlichtung von Papst Kalixt II. auf der Basis des Status quo beendet wurde.
Der Krieg in Frankreich hinderte Heinrich I. jedoch nicht daran, den inneren Angelegenheiten in England Aufmerksamkeit zu schenken. Durch die Organisation der Curia regis konnte er eine Regelung der Finanzpolitik sowie die Kontrolle über die Rechtsprechung und das Berufungsgericht erreichen. Um den Ertrag der Steuern zu erhöhen, förderte er die Entwicklung in den Städten, die das 12. Jahrhundert hindurch zwar noch bescheiden blieb, jedoch bereits zu verstärkten ökonomischen Aktivitäten beitrug. Am Ende seiner Regierungszeit (1135) hatte die königliche Macht in England an Ansehen und Macht gewonnen. Nachfolger Heinrichs I. wurde sein Neffe Stephan von Blois (1135-1154), nachdem dieser die Ansprüche von dessen Tochter Mathilde abgewiesen hatte. Anfänglich blieb es – von einigen gelegentlichen Aufständen einmal abgesehen – ziemlich ruhig im Land. 1139 begannen aber die Schwierigkeiten aufgrund der Haltung des Königs gegenüber dem übermächtigen Roger von Salisbury. Dieser wurde in seinem Widerstand von einem Teil des Bistums unterstützt. Außerdem wandten sich auch all diejenigen vom König ab, die im Land ein großes Ansehen genossen.
Unter diesen Umständen machte Mathilde erneut ihre Ansprüche geltend. 1139 kam sie nach England und löste einen Bürgerkrieg aus, in dem König Stephan selbst zeitweise in Gefangenschaft geriet und Mathilde in einem Teil Englands als Domina Angliae anerkannt wurde. Erst 1147 endete der Kampf, in dem auch die Städte eine Rolle spielten. Stephan blieb weiterhin König, aber seine Macht und seine Politik waren ernsthaft geschwächt. Die Normandie fiel Gottfried von Anjou zu, dem Ehemann Mathildes. Damit war die Rekonstruktion des anglo-normannischen Reiches unter Heinrich I. wieder rückgängig gemacht worden. Die Feudalherren in England kümmerten sich kaum um die königlichen Rechte. Sie bauten und verstärkten die Festungen, nahmen die Befugnisse der Krone gewaltsam in Besitz und unterdrückten die Bevölkerung in der Provinz. Auch die Kirche verstärkte ihre autonome Position. Eine allgemeine Schwächung der königlichen Politik war das traurige Ergebnis der Regierung von Stephan. Zeitgenossen, wie u. a. der Geschichtsschreiber Wilhelm von Malmesbury in seiner Historia novella, erstatten schriftlichen Bericht über die Geschehnisse und das Elend.
| 6. | Heinrich II. |
Eine Kehrtwende kündigte sich an, als Heinrich von Anjou, der Sohn Gottfrieds von Anjou, 1151 nach dem Tod seines Vaters Anjou und die Normandie in Besitz nahm und kurz danach Eleonore, die von Ludwig VII. getrennte Gemahlin, heiratete. Durch diese Heirat erwarb er auch Aquitanien. Er machte die Ansprüche seiner Mutter auf die englische Krone geltend, verdrängte Stephan und bestieg 1154 als Heinrich II. den Thron (1154-1189). Damit wurde ein Reich gegründet, das außer dem wichtigsten Teil der Britischen Inseln auch den größten Teil Frankreichs umfasste und sich von den Pyrenäen bis nach Schottland erstreckte. Bevor er aber seine Machtposition geltend machen konnte, musste Heinrich II. der Anarchie, die unter seinem Vorgänger in England geherrscht hatte, ein Ende setzen: die gewaltsam angeeigneten Ländereien an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeben, Festungen, die ohne die königliche Zustimmung gebaut worden waren, abreißen, das Land schützen und umher ziehende Kriegsknechte vertreiben, das Vertrauen in die Währung wiederherstellen, eine gute Rechtsprechung schaffen, die rechtmäßige Erhebung von Steuern einführen und den Handel und die Agrarproduktion wieder beleben, kurzum, eine Situation wiederherstellen, wie sie unter Heinrich I. geherrscht hatte. Der König reiste unermüdlich umher, nicht immer zum Vergnügen seines Gefolges, wie diesbezüglich aus einer Mitteilung von Pierre de Blois hervorgeht. „Als der König beschlossen hatte, auf Reisen zu gehen, insbesondere, als er dieses Vorhaben durch Herolde hatte ankündigen lassen, stand fest, dass er bei Anbruch des Tages verreisen würde, und damit wurden die Pläne eines jeden zerstört. Man konnte dann sehen, wie das Gefolge aufgescheucht umherrannte, sich um die Packpferde drängte und Karren herbeibrachte. Jeder im Staat war aufgeregt ...” (Pierre de Blois: Epistola, Kap. XVI)
Derselbe Verfasser, der den König gut kannte, sagte über die Person Heinrichs: „Vom frühen Morgen bis spät in den Abend hinein war er mit Staatsangelegenheiten beschäftigt. Er saß nie, außer auf einem Pferd oder wenn er seine Mahlzeiten einnahm. Es kam vor, dass er an einem einzigen Tag Strecken zurücklegte, die vier- oder fünfmal so lang wie normale Reisen waren. Es war schwierig, genau zu wissen, wo er sich gerade aufhielt oder was er an einem bestimmten Tag vorhatte, denn er änderte oft seine Pläne. Er stellte hohe Anforderungen an sein Gefolge, das manchmal Meilen entfernt in einem unbekannten Wald umherirrte und in armseligen Hütten übernachten musste. Aber auf diese Art und Weise konnte er seine Feinde überraschen und verwirren, während andere Könige in ihren Palästen saßen. Er nahm alles genau unter die Lupe, vor allem die richtige Wirkung der Rechtsprechung.” (Pierre de Blois: Epistola, Kap. XVI)
Aufgrund dieser Aktivitäten erreichte Heinrich II. sein höchstes Ziel: die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, was aber zu einem heftigen Streit mit der Kirche führte. Die Geistlichkeit wollte sich der Politik des Königs entziehen und ihre Selbständigkeit und ihre Privilegien behalten. Solange der König sich auf Versuche beschränkte, die Auswüchse im klösterlichen Leben zu bekämpfen, entstanden daraus noch keine Konflikte. Ein Beispiel für einen solchen Eingriff wird von dem Geschichtsschreiber Giraldus Cambrensis vermerkt: „Eines schönen Tages, als der König von der Jagd zurückkehrte, fielen der Stellvertreter eines Abts und die Nonnen von St.-Swithin vor ihm auf die Knie und flehten ihn unter Tränen an, sie vor ihrem Bischof zu beschützen. Dieser hatte den Vorschlag gemacht, drei der 13 Schüsseln von ihrer Mahlzeit zu streichen. Der König sagte: „Sieh doch einer an, diese Nonnen! Ich dachte, dass sie so darum trauerten, dass ihr Kloster abgebrannt war, aber das war es gar nicht. Es möge dem Bischof schlecht ergehen, wenn er eure Mahlzeiten nicht bis auf drei Schüsseln verringert, womit ich an meiner Tafel schon zufrieden bin.” (Giraldus Cambrensis: Speculum ecclesiae)
Aber die Konflikte arteten in offene Kämpfe aus, als Heinrich II. die Rechtsprechung der Kirche in weltlichen Angelegenheiten berührte, da er eine gute und gerechte, von der Staatsgewalt durchgeführte Rechtsprechung anstrebte, wobei die Kirche dem König unterstellt sein sollte. 1164 erlangte ein des Mordes beschuldigter Geistlicher vor dem kirchlichen Gericht des Erzbischofs von Canterbury einen Freispruch, indem er einen Eid leistete. Er weigerte sich, vor dem königlichen Gericht zu erscheinen, und Erzbischof Thomas Becket erklärte, dass der König, wenn er sich dadurch beleidigt fühlen würde, „nur vor meinem Gericht zu erscheinen oder einen Bevollmächtigten zu senden brauchte, und ihm werde durch mich Recht gesprochen”. Der Erzbischof weigerte sich außerdem, Steuern zu bezahlen. Der König entschloss sich endlich, Maßnahmen zu ergreifen: Die 1164 festgelegten Konstitutionen von Clarendon setzten der mit Vorrechten versehenen Position der Geistlichkeit ein Ende. Des Weiteren verboten sie die Anrufung des Papstes und unterstellten auch die Geistlichkeit der weltlichen Rechtsprechung. Ausdrücklich wurde festgelegt: „Wenn Geistliche, welches Verbrechens sie auch immer beschuldigt werden, vor den königlichen Richter geladen werden, haben sie vor seinem Gericht zu erscheinen, um dort die Fragen zu beantworten, die der königliche Richter meint, ihnen stellen zu müssen.”
| 7. | Thomas Becket |
Vor allem Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, wehrte sich bis zum Äußersten gegen die Einschränkung der kirchlichen Privilegien. Er weigerte sich, die Konstitutionen von Clarendon zu befolgen, wurde vom königlichen Gericht verurteilt und floh nach Frankreich zu Ludwig VII. Heinrich II. schrieb dem französischen König einen empörten Brief: „Von meinen Baronen wurde er öffentlich als Verräter und als jemand, der einen Meineid geleistet hat, verurteilt. Durch die Flucht hat er sich der Bestrafung entzogen ... Ich bitte Sie deshalb mit Nachdruck, diesen Mann, der sich der Verbrechen und Rechtsverletzungen schuldig gemacht hat, nicht in Ihrem Reich zu dulden.” Und an Papst Alexander schrieb der König: „Es ist ungeheuerlich, dass die römische Kurie Leute verteidigt, die mich verraten haben.” 1170 kehrte Thomas Becket nach England zurück, um weiter zu agieren. Nun war das Maß voll. Noch im gleichen Jahr wurde er in seiner Kathedrale ermordet. Der Mord löste einen großen Skandal aus und zwang den König dazu, einen Teil der Konstitutionen von Clarendon zurückzunehmen. Thomas wurde daraufhin als Heiliger verehrt. Sein Grab in Canterbury wurde das Ziel von Pilgern. Das Ansehen Heinrichs II. litt darunter, und außerdem herrschte bei einigen Feudalherren Unzufriedenheit. Gefährlich wurde dies aber erst, als in der königlichen Familie Uneinigkeit entstand, die von Eleonore, der Gemahlin des Königs, angestiftet wurde. 1173 brach sowohl in England als auch in Aquitanien ein Aufstand aus, der mit großer Mühe und mit Unterstützung des niederen Adels und der Städte eingedämmt werden konnte. 1189 starb Heinrich II. Sein Nachfolger wurde Richard Löwenherz, dessen Anwesenheit in England eigentlich nicht zu bemerken war, denn er hielt sich meist ununterbrochen an anderen Orten auf: nämlich in Frankreich, im Heiligen Land, als Kreuzfahrer oder in Gefangenschaft des deutschen Königs Heinrich VI. Nur durch den soliden Regierungsapparat Heinrichs II. wurde der anglo-normannische Staat aufrechterhalten. 1194 verließ Richard England erneut und kehrte niemals mehr zurück. Er starb 1199. Sein Nachfolger wurde sein jüngster Bruder, Johann Ohneland.
| 8. | Die Iberische Halbinsel |
Das 12. Jahrhundert hatte für Kastilien und León unter ungünstigen Bedingungen begonnen: Streitigkeiten über die Nachfolge von Alfons I. von Kastilien, der 1109 starb, brachten Unruhe in das Land. Galicien ging verloren und wurde praktisch unabhängig. Vor allem die herrschsüchtige Mutter von Alfons VII., Urraca, ihr zweiter Gemahl, Alfons I. von Aragonien, sowie der Landadel verursachten diese Unruhen. Nur langsam gelang es Alfons VII., seine Stellung zu festigen. 1134 schloss er Frieden mit Aragón, aber das Verhältnis zwischen den beiden Staaten ließ noch lange zu wünschen übrig. Die Verbindung von Alfons VII. mit Navarra brachte allerdings Vorteile. Die Hauptaufgabe des Königs bestand im Kampf gegen die Mauren, bei dem er sogar bis nach Südspanien vordrang und Almería einnahm (1147), unter anderem, um die Seeräuberei zu bekämpfen. Aber Alfons VII. gelang es nicht, seine Eroberungen zu behaupten. Die christliche Einheit auf der Iberischen Halbinsel war nur eine Wunschvorstellung.
Nach dem Tod von Alfons VII. wurde sein Reich in das Königreich León (Ferdinand II., 1157-1188) und das Königreich Kastilien (Sancho III.) unterteilt. Es ergaben sich Probleme mit der Nachfolge, denn der älteste Sohn von Alfons VII., Sancho III., regierte nur ein Jahr. Ihm folgte der damals dreijährige Alfons VIII. (1158-1214), der nach anfänglichen Schwierigkeiten in seiner langen Regierungszeit die Basis für ein vereintes Spanien schuf. Dies erreichte er sowohl durch die Fortsetzung des Kampfes gegen die Mauren als auch durch eine vernünftige Ehepolitik, die Allianzen mit den anderen Königreichen ermöglichte. Dadurch entstand zwar noch keine Einheit, aber das gemeinsame Ideal, die Reconquista, lebte wieder auf. In Aragonien regierte zu Anfang des Jahrhunderts Alfons I. (1104-1134). Er war mit Urraca, der Tochter Alfons’ VI. von Kastilien, verheiratet und übernahm 1109 die Nachfolge seines Schwiegervaters, als Alfons VII. noch minderjährig war. Dadurch waren beide Königreiche zeitweise in einer Personalunion miteinander verbunden. Diese Union wurde jedoch 1126 aufgehoben, als Alfons VII. in Kastilien selbst die Regierung übernahm.
Alfons I. kämpfte wie besessen gegen die Mauren (nicht umsonst wurde er El Batallador, der Kampflustige, genannt) und nahm das Ebrodelta und die Stadt Zaragoza ein. Seine Versuche, die maurische Enklave Lérida zu befreien, blieben erfolglos. 1134 wurde er bei Fraga (südlich von Lérida) geschlagen, und kurze Zeit später starb er, ohne einen Erben hinterlassen zu haben. Daraufhin brachen in Aragonien heftige interne Streitigkeiten über die Nachfolge aus. Diese Dispute führten schließlich zu einer Verbindung von Aragonien mit der Grafschaft Barcelona, deren Graf, Ramón Berenguer IV. (1137-1162), Aragonien und Barcelona unter seiner Führung vereinigte. Er setzte die Reconquista der südlichen Gebiete mit Hilfe einer genuesischen Flotte fort und nahm Tortora (1148) sowie Lérida ein. Sein Sohn, Alfons II. (1162-1196), eroberte Teruel (1171) und festigte damit das Hoheitsgebiet von Aragonien. Auch im nördlichen Teil der Pyrenäen stabilisierte er seine politische Führung und nutzte Aragonien als Kontrollpunkt für die Pyrenäen. 1196 starb er in Perpignan.
In diesem Jahrhundert fand die Staatsgründung Portugals statt. Portugal entstand infolge der Absplitterung eines zum Königreich Kastilien gehörenden Gebiets, welches zwischen den Flüssen Douro und Tejo an der Westküste der Halbinsel lag. Das Gebiet wurde Heinrich, einem Schwiegersohn von Alfons VI. von Kastilien, als „Grafschaft” überlassen. Porto wurde Hauptstadt dieser Grafschaft und stand für den Namen Portucalense Pate. Heinrich gründete auch das Erzbistum Braga. Nach verschiedenen internen Problemen, die nach dem Tod Heinrichs (1114) aufkamen, gelang es schließlich seinem Sohn, Alfons I., sich die politische Führung zu sichern. Er gilt als der eigentliche Gründer Portugals (1128-1185) und nannte sich ab 1139 Rex portingalensium. Er verlegte den Regierungssitz nach Coimbra und vergrößerte Portugal in südlicher Richtung durch die Eroberung des von Mauren besiedelten Gebiets am Unterlauf des Tejo. Dabei erhielt er u. a. Unterstützung von den Kreuzfahrern. 1147 eroberte er Lissabon. Sein Sohn Sancho setzte ab 1185 die Festigung Portugals fort.
| 9. | Skandinavien |
In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts waren die skandinavischen Länder von internen Streitigkeiten und Kriegen untereinander gezeichnet. Diese Kriege behinderten die Gründung mächtiger Staaten. In Norwegen und Schweden hielt diese Situation mit Unterbrechungen sogar bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts hinein an. In Dänemark kam Waldemar I. der Große 1157 an die Regierung. Er weitete den Einfluss Dänemarks entlang der Ostseeküste, u. a. auf den Inseln Wolin und Rügen, aus und kämpfte erfolgreich gegen die Wenden. In Schweden gelang es Sverker I., zeitweise Ordnung in das Land zu bringen. Unter seiner Regierung wurde die Christianisierung vollzogen, und Klöster wurden gegründet. Trotz der inneren Unruhe blühte der Handel mit den Nordseeländern und mit Osteuropa.
| 10. | Ost- und Mitteleuropa |
Die Zeit der Unruhen im russischen Kiewer Reich, die nach dem Tod von Jaroslaw dem Weisen (1054) anbrach, dauerte bis in das 12. Jahrhundert an. Uneinigkeit und Verwirrung waren groß. Im Lauf dieses Jahrhunderts fanden Dutzende Kämpfe und Kriege im Inland statt, und Hunderte von Fürsten, die auf die eine oder andere Art die Regierung ausübten oder Anspruch darauf erhoben, wechselten sich gegenseitig ab. Dies kam einer Anarchie gleich. Während der Regierungszeit Wladimir Monomachus’ (1113-1125), der auch den Unterdrückten und Sklaven einen Schutz bot, herrschte, wenn auch nur kurz, Ruhe. Aber nach seinem Tod kehrte die Anarchie zurück, und die Hegemonie Kiews in Russland wurde auf ein Minimum reduziert. 1169 wurde die Stadt zum ersten Mal geplündert und teilweise verwüstet. Dadurch verlor sie als Hauptstadt des von Rurik und seinen Nachkommen gegründeten Großfürstentums an Bedeutung.
In Polen wurden nach dem Tod Wladyslaw Hermans im Jahr 1102, dem Nachfolger Boleslaws II., die Kämpfe zwischen den Söhnen Wladyslaws, die beide die Herrschaft über ganz Polen anstrebten, fortgesetzt. Der jüngste Sohn, Boleslaw III. (1102-1138), siegte 1113. Er ließ seinem Bruder die Augen ausstechen und schaltete ihn somit aus. Boleslaw III. eroberte große Gebiete Pommerns, in denen daraufhin das Christentum eingeführt und das Bistum Wolin gegründet wurde. Boleslaw und seine Söhne betrachteten den Staat als Familienbesitz. Das erklärt auch die Anarchie und die Streitigkeiten unter den fünf Söhnen Boleslaws III., die nach seinem Tod im Jahr 1138 das verbleibende Jahrhundert über andauerten. Im Streit um die Herrschaft und um das Ältestenrecht, bei dem abwechselnd der eine, dann wieder der andere der fünf Brüder dominierte, sowie um den Besitz der Hauptstadt Krakau verbündeten sie sich mal mit dem deutschen König, mal mit einem der russischen Herrscher. Friedrich Barbarossa war es schließlich, dem es gelang, eine gewisse Ordnung in die polnischen Angelegenheiten zu bringen. Dies bedeutete, dass eine Aufteilung des polnischen Gebiets unter den noch lebenden Brüdern vollzogen wurde. Auf diese Weise entwickelten sich in Polen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts drei „Fürstenlinien”: die silesische, die großpolnische und die kleinpolnische Linie.
In Ungarn hatten die Nachfolger des heiligen Stephanus, Ladislaus der Heilige (1077-1095) und Kálmán (1095-1114), das ungarische Gebiet weiter ausgedehnt. Ladislaus besetzte Transsylvanien und Kálmán Kroatien. Unter beiden Fürsten wurde die Kirche organisiert, ein Verwaltungssystem eingerichtet und somit die Ordnung gewährleistet. Der Chronist Otto von Freising wunderte sich über diesen vorteilhaften Verlauf der Dinge. Er sprach von der „göttlichen Gnade, die solchen Unmenschen ein solch gutes Land gegeben hatte, in dem ein König regierte, dessen Wille als Recht anerkannt wurde”. Im 12. Jahrhundert brachen durch die misslungene Annexion östlicher Gebiete und ungünstig verlaufende Kriege gegen Byzanz erneut unruhige Zeiten an. Gegen Ende des Jahrhunderts verlor der König außerdem aufgrund der Unbeständigkeit der Großgrundbesitzer einen Großteil seiner Macht.
| 11. | Byzanz |
Das Byzantinische Reich erholte sich in diesem Jahrhundert einigermaßen von den Überfällen der Türken im Osten und der Normannen im Westen (Süditalien), aber seine alte Stärke sollte es nie mehr erreichen. Die Situation, die vor 1025 von organisatorischer und militärischer Ordnung zeugte, konnte nicht wiederhergestellt werden. Der Kaiser war von den Aristokraten und Söldnern aus den südrussischen Steppengebieten abhängig geworden. Dabei verfügte er über geringere finanzielle Mittel: Seine steuerliche Grundlage war von territorialen Verlusten (Ost-Kleinasien war nun das türkische Sultanat Ikonion; in Süditalien regierten die Normannen) und durch die Feudalisierung des Reiches dezimiert worden. Die Kirchenspaltung von 1054 zwischen den griechischen und den lateinischen Christen blieb weiterhin bestehen und isolierte das Byzantinische Reich von Westen her. Der 1. Kreuzzug hatte Kaiser Alexios I. (1081-1118) und dem Reich jedoch nicht nur Probleme, sondern auch Vorteile gebracht: die Rückeroberung weiter Gebiete Kleinasiens von den Türken mit Unterstützung der Kreuzfahrer. Diese Eroberung erfolgte gemäß einer Vereinbarung zwischen dem byzantinischen Kaiser und den Anführern der Kreuzritter, zu denen auch Bohemund, der Sohn Robert Guiscards, gehörte. Nach der Eroberung von Antiochia, einer Stadt, die gemäß der genannten Vereinbarung Alexios übertragen werden musste, entstanden ebenso Probleme, da Bohemund die Übergabe verweigerte und die Stadt selbst behielt, um sie zur Hauptstadt des von ihm zu gründenden Fürstentums Antiochien zu machen.
Die Folge war ein Krieg zwischen Bohemund und dem Byzantinischen Reich. Erstgenannter zog nach Europa, um dort Hilfe zu holen, und ließ Alexios I. folgende Nachricht zukommen: „Um Verwirrung in Ihrem Reich zu stiften, werde ich die Lombarden [die Bewohner von Italien] und des Weiteren alle Völker lateinischen Ursprungs sowie die Deutschen und Franzosen, meine Landsleute, die besonders tapfer sind, vereinen. Mit diesen Männern werde ich die Städte und Länder, die Ihnen gehören, entvölkern, bis ich mein Banner in Konstantinopel gehisst habe.” So gab Anna Komnena in ihrer Alexias die Nachricht Bohemunds wieder. Aber der Krieg verlief für Bohemund wenig erfolgreich. Er musste die byzantinische Souveränität über sein Fürstentum Antiochien anerkennen. Doch Antiochien blieb für den Kaiser nach wie vor ein Unruheherd. Alexios I. erzielte in der Zwischenzeit durchaus einige Erfolge gegen die Türken. Dadurch konnte er einen Teil Kleinasiens wieder seinem Besitz einverleiben. Als er 1118 starb, wurde sein Sohn Johannes Nachfolger, allerdings nicht ohne vorherige Kämpfe um die Thronfolge.
Die Regierung von Johannes II. Komnenos (1118-1143) bedeutete für das Reich eine Zeit beträchtlichen Wohlstands. Der Kaiser stellt die byzantinische Macht in Kleinasien wieder her, indem er die dortigen Reichsgrenzen mehr nach Osten verlagerte. Der Frieden im Innern des Landes bot auch Gelegenheit, sich mit den Nachbarstaaten in Europa, vor allem mit Ungarn, auseinanderzusetzen, wo der byzantinische Einfluss beträchtlich zunahm. Des Weiteren festigte Johannes seine Oberherrschaft im Fürstentum Antiochien. Ein Nachteil war jedoch die Schwächung der Kreuzfahrerstaaten, die dadurch den Sarazenen, die u. a. Edessa eroberten, nicht genügend Widerstand leisten konnten.
1143 starb Kaiser Johannes an den Folgen eines Unglücks. Er hatte nicht seinen ältesten Sohn Isaak, sondern den jüngsten Sohn Manuel I. Komnenos zu seinem Nachfolger bestimmt, und dieser bestieg ohne weitere Probleme den Thron. Von 1143 bis 1180 regierte er das Reich mit fester Hand, wobei er seine Aufmerksamkeit auf die Regierung und die militärischen Angelegenheiten richtete. Die Geschichtsschreiber, besonders Nicetas Choniates, legten viel Wert auf die Regierungszeit dieses Kaisers und gaben ausführliche Informationen zu seiner Person. Manuel gründete das Michaelskloster und baute die abgebrannte Irenenkirche in Konstantinopel wieder auf. Nicetas wusste nicht nur die Tugenden und Verdienste des Kaisers aufzulisten, er nannte auch seine Untugenden: „Manuel gewährte seiner Gemahlin alle Ehre, die ihr zustand. Sie verfügte über einen funkelnden Thron sowie über prächtigen Schmuck und alles, auf das eine Kaiserin einen Anspruch hatte, aber die Ehre des Ehebettes verletzte er oftmals. Denn Manuel war jung, und leidenschaftlich hielt er an einem ungebundenen und losen Leben fest, voller Trinkgelage und Feste. Er rannte jedem jugendlichen Vergnügen hinterher und ging jedes sich ihm bietende Liebesverhältnis ein.”
Der Anfang seiner Regierung fiel ungefähr mit dem 2. Kreuzzug zusammen. Ein riesiges Heer an Kreuzrittern versammelte sich im Westen „gleich einer Wolke von Feinden und zog Angst einflößend und Unheil verkündend an die Grenzen des Byzantinischen Reiches”, so ließ Nicetas Choniates verlauten. Die byzantinischen Geschichtsschreiber übertrieben die Stärke dieses Heeres, aber aus einer Mitteilung von Nicetas ging hervor, dass es sich durchaus um ein sehr großes Heer handelte. Es musste nämlich über den Bosporus geführt werden, und dafür wurden alle Ruder-, Fracht-, Fischer- und Mietschiffe beschlagnahmt. Der Kaiser erteilte Beamten den Befehl zur Zählung der Passagiere. Aber es waren so viele, dass die Beamten das Zählen aufgeben mussten. Kaiser Manuel, der zu Recht befürchtete, dass die Kreuzfahrer das Byzantinische Reich nicht unbehelligt lassen würden, setzte inzwischen – trotz seiner Heirat mit der Stiefschwester Konrads – alles daran, den Kreuzfahrern Schaden zuzufügen. Während der 2. Kreuzzug erfolglos verlief, führte Manuel einen siegreichen Krieg gegen die sizilianischen Normannen, die eine Bedrohung für Griechenland darstellten. Er wurde dabei von Venedig unterstützt, das eine immer stärker werdende Position im östlichen Teil des Mittelmeers einnahm und auch wichtige Handelsprivilegien im Byzantinischen Reich erhielt.
In den Jahren nach 1150 mischte sich die byzantinische Diplomatie überall ein, und Manuel führte eine berechnende Heiratspolitik, welche die Komnenen mit einigen Fürsten verschwägerte. Die diplomatischen Aktivitäten und Intrigen konzentrierten sich vor allem auf Italien (gegen Friedrich I. Barbarossa) und Syrien/Palästina. In den letzten zehn Jahren seiner Regierung blieb Manuel allerdings nicht von Problemen verschont. Zuerst bekam er Schwierigkeiten mit Venedig, das immer mehr Handelsrechte im Byzantinischen Reich erwarb und immer unverschämter auftrat. 1175 wurde mit den Veneziern ein Friedensvertrag geschlossen, der die Wiederherstellung ihrer Privilegien beinhaltete. Kaiser Manuel entschloss sich zu diesem Schritt, da er seine ungeteilte Aufmerksamkeit den Vorgängen in Kleinasien widmen wollte, wo vor allem der Sultan von Ikonion das byzantinische Gebiet bedrohte und die kaiserlichen Heere in die Defensive zwang. 1176 unternahm Manuel einen Versuch, Ikonion zu überfallen. In einer heftigen Schlacht wurde er jedoch geschlagen und verlor ein großes Gebiet in Kleinasien. Auch in Palästina und Syrien ließ sein Einfluss nach.
Um 1170 gelangte in Ägypten Saladin an die Macht, und dieser eroberte auf Kosten Manuels und der Kreuzfahrerstaaten große Teile Syriens und Palästinas. 1187 fiel ihm Jerusalem in die Hände, was drei Jahre später zum Auslöser für den 3. Kreuzzug wurde. Das Byzantinische Reich befand sich darüber hinaus auch in finanzieller Hinsicht in einer Notlage. Manuels Politik hatte die Möglichkeiten des Reiches bei weitem überschritten, und auch seine Vorliebe für Luxus hatte seine Schatzkammer weitestgehend geleert. Das Elend unter den Bauern, denen man den Großteil der Lasten aufbürdete, wurde immer unerträglicher.
1180, nach dem Tod Manuels, folgte eine Zeit der Thronkämpfe und kurzzeitiger, chaotischer Regierungen, unter denen Byzanz schnell an Macht verlor. Feinde sahen ihre Stunde kommen. Die sizilianischen Normannen fielen in die Küstenregion von Dalmatien und Thessaloniki ein, die Bulgaren und Serben erklärten ihre Unabhängigkeit, und in Konstantinopel kam es zu einem Aufstand. Und Nicetas konnte dann auch wahrheitsgemäß schreiben: „Es verging kein Jahr, in dem sich nicht die eine oder andere Katastrophe für den Staat ereignete. Es schien, als ob Gott beschlossen hätte, dass unsere Zeit nicht friedlich enden sollte.” Und er fügte hinzu: „Als ob die auf Kämpfe erpichten Barbaren um uns herum noch nicht genug wären, kündigte sich aus dem fernen Westen noch ein weiteres Unheil an: Federico, der König der Alemannen.” Im Winter 1189/90 zog Friedrich Barbarossa mit seinem Heer auf dem Weg nach Jerusalem in Makedonien ein und blieb dort bis April 1190, wobei er seine Überfahrt nach Kleinasien aushandelte. Dann überquerte er den Hellespont, drang in das Sultanat Ikonion vor und zog weiter nach Syrien, wo er ein tragisches Ende fand. Sogar unter den byzantinischen Geschichtsschreibern stand Barbarossa im Ansehen eines Vorkämpfers für Gottes Sache.
| 12. | Landwirtschaft, Handel und Handwerk |
Im 11. Jahrhundert kündigte sich eine Ausdehnung des Agrarsektors im Wirtschaftsleben an, welche sich im 12. Jahrhundert infolge der Tätigkeiten, die zu einer Vergrößerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und der Produktion führten, fortsetzte. Dazu lieferten die Klöster in urbaren Landstrichen in den verschiedenen Teilen Europas und im Auftrag der neu gegründeten Klosterorden einen großen Beitrag. Das ganze Land und damit auch die Agrargesellschaft erfuhren im 12. Jahrhundert große Veränderungen, was sowohl mit dem Bevölkerungswachstum als auch mit der Ausdehnung der Städte und des Handels zu tun hatte. Es lief darauf hinaus, dass die landwirtschaftliche Produktion für den Markt an Bedeutung zunahm. Die Wiederbelebung des Handels im 12. Jahrhundert, deren Vorzeichen sich bereits im vorigen Jahrhundert ankündigten, war hauptsächlich auf den aufkommenden Handel in den Mittelmeergebieten zurückzuführen. Nicht nur Konstantinopel sowie die italienischen Küstenstädte Venedig, Genua, Pisa und die durch die Kreuzzüge angeregten Verbindungen zum Nahen Osten spielten eine Rolle, sondern auch die Handelszentren in den Ostseeländern. Daneben traten die großen Messen, wie die in der Champagne und in verschiedenen rheinländischen Städten, im Handelsverkehr in den Vordergrund. In den Städten wiesen Handel und Gewerbe zumeist einen nur lokalen, höchstens aber regionalen Charakter auf. Außerdem entstand in einigen Städten, u. a. in Mittelitalien, Südfrankreich, Flandern und an der mittleren Maas, ein Exportgewerbe. Hauptsächlich wurde mit Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten gehandelt. Auch setzte sich im 12. Jahrhundert die Entstehung von Städten und städtischen Gemeinschaften fort. Diese Städte nahmen rechtlich eine gesicherte Stellung ein und waren berechtigt, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Dabei wurden im Lauf des Jahrhunderts Unterschiede in den Formen der Rechtsposition deutlich. Ebenso offenbarten sich Unterschiede im Verhältnis zum König, Bischof oder zu dem Fürsten, der das Stadtrecht erteilt hatte. Viele Städte sind an Orten entstanden, an denen eine Festung, ein Markt und eine religiöse Kultstätte beieinanderlagen.
| 13. | Kunst und Kultur |
Im 12. Jahrhundert entstanden zahlreiche Bauwerke nach romanischen Baustil, u. a. gekennzeichnet durch Rundbögen (siehe Bogen und Gewölbe) sowie durch Betonungen mit horizontalen Elementen. Dieser Baustil vereinte klassische und orientalische Elemente und wurde vor allem bei sakralen Bauwerken angewandt. Er verbreitete sich in verschiedenen Variationen zuerst in Frankreich und später im Heiligen Römischen Reich, in England und in anderen europäischen Ländern. Im Heiligen Römischen Reich hielt die romanische Baukunst u. a. in Köln Einzug. Dort entstanden mehrere Kirchen ganz oder größtenteils in diesem Baustil. Kennzeichnend für die romanische Baukunst im Heiligen Römischen Reich war die Integration karolingischer und spätkarolingischer Elemente. Parallel zur romanischen Baukunst entwickelte sich die bildende Kunst. Auch im 12. Jahrhundert traf man die geistliche Kultur, jedenfalls in Westeuropa, beinahe ausschließlich in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen an. Die Schule von Chartres war eine der berühmtesten Schulen dieser Art. Auf der Iberischen Halbinsel spielte das maurische Córdoba unter der Herrschaft der Almohaden in kultureller Hinsicht eine wichtige Rolle. In den italienischen Städten trat das Laienelement in den Vordergrund, wobei in Konstantinopel neben den Klöstern die dortige Universität ein Kulturzentrum darstellte.
Die Geschichtsschreibung mit Werken von Wilhelm von Malmesbury und Wilhelm von Tyrus, die eine ausführliche Geschichte der bis 1184 andauernden Kreuzzüge schrieben, nahm an Bedeutung zu. Eine Biographie über König Ludwig VII. von Frankreich entstammte der Feder Sapers von Saint-Denis, der in den von ihm beschriebenen Ereignissen selbst eine Rolle spielte. Wichtig für das Wissen über die Geschichte der Jahre um die Jahrhundertmitte war die Historia Ponitificatis von Johannes von Salesbury, der die letzten Jahre seines Lebens Bischof von Chartres war (1176-1180). Über Dänemark schrieb der Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus. Aus Italien kam u. a. eine anonyme Chronik über den 1. Kreuzzug. Albertus von Aachen, Domherr des dortigen Marienstifts, behandelte dieselbe Materie. Sein Werk gab vor allem die Stimmung der Bevölkerung gut wieder. Der wichtigste Geschichtsschreiber dieses Jahrhunderts war jedoch zweifellos der viel zitierte Otto von Freising, der in seiner Chronik eine Weltgeschichte bis in das Jahr 1146 schrieb. Er versah die De Civitate Dei von Augustinus mit geschichtlichem Hintergrund und war der Meinung, dass sich der „Staat Gottes” am besten in der Welt der Mönche widerspiegle. Ein zweites Werk von Otto von Freising, die Gesta Frederici imperatoris, behandelte die Regierung Friedrichs I. Barbarossa bis 1156 und wurde von Rahewin bis 1160 fortgesetzt. Auch in der italienischen Geschichtsschreibung hatte die Geschichte Barbarossas großes Interesse hervorgerufen. Zur Geschichtsschreibung des Heiligen Römischen Reichs trug auch die Kölner Königschronik bei, die 1175 von einem anonymen Kölner Domherrn geschrieben wurde.
In der Dichtung war das 12. Jahrhundert die Blütezeit von Poesie und Prosa. In Frankreich entstanden die Chansons de Geste, eine Literaturform, die auch in England, im Heiligen Römischen Reich und in den Niederlanden Verbreitung fand. Daran schlossen sich die Ritterromane von Chrétien de Troyes, die provenzalische Poesie, das Tierepos und der Minnesang im Heiligen Römischen Reich an. Dichter wie Walther von der Vogelweide, Heinrich von Veldeke und Hartmann von Aue traten in den Vordergrund.
Auch die Theologie und Philosophie nahmen im 12. Jahrhundert eine herausragende Stellung ein. Anselm von Laon (gestorben 1117), sein Lehrling Wilhelm von Champeaux (gestorben 1122) und vor allem Pierre Abélard (gestorben 1142) spielten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts auf diesen Gebieten eine herausragende Rolle. Trotz Widerstands und Bekämpfung von Seiten der Kirche, die er angriff, übten die Ansichten Abélards auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen großen Einfluss auf seine Zeitgenossen aus. In Frankreich wurden Philosophie und Theologie u. a. in Chartres, Reims, Paris und Orléans gelehrt. Schüler aus verschiedenen Teilen Westeuropas besuchten diese Schulen, wie beispielsweise Philipp von Heinsberg, der spätere Erzbischof von Köln (1168-1191). Diese Schulen und die aus diesen Schulen hervorgehenden Schriften prägten die philosophischen und theologischen Studien in Westeuropa. Vor allem aus dem maurischen Spanien wurden sie ihrerseits stark von den arabischen Philosophen beeinflusst, wobei Averroes der bedeutendste Gelehrte war (siehe Islam).
Ebenfalls wichtig war die Geschichtsschreibung im Byzantinischen Reich, wo in diesem Jahrhundert zahlreiche Chroniken erschienen. Genannt werden müssen vor allem die bereits zitierte Anna Komnena und Nicetas Choniates. Erstere, die älteste Tochter von Kaiser Alexios Komnenos, schrieb, als sie politisch keine Rolle mehr spielte, in der Abgeschiedenheit des Marienklosters von Konstantinopel die Alexias, eine Biographie ihres Vaters, der 1118 starb. Beispielgebend für ihren Schreibstil waren, wie sie selbst sagte, Plutarch und Polybios. Nicetas Choniates, der bei Hof jahrzehntelang Ämter von Rang und Namen bekleidet hatte, setzte die Erzählung Anna Komnenas fort. Seine Auffassung über Geschichtsschreibung legte er im Vorwort zu seinem Hauptwerk dar: „Die Geschichtsschreibung dient der Gemeinschaft, denn sie bietet all denjenigen, die Interesse bezeugen, einen Schatz an Vorbildern für das Leben ... Untaten begegnet sie mit Hohn, gute Taten werden von ihr verherrlicht, und damit erreicht sie, dass die guten Menschen ermutigt und die schlechten abgeschreckt werden, es sei denn, sie sind von Grund auf verdorben. Denn der Mensch, der in der Geschichtsschreibung genannt wird, wird damit unsterblich, auch, wenn er bereits gestorben ist.” (Nicetas Choniates: Chronica, Vorwort)