| Millennium: 13. Jahrhundert | Artikelansicht | ||||
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| 2. | Europa: gesellschaftliche Veränderungen |
Im 13. Jahrhundert verlagerte sich die Macht ganz allmählich von einzelnen Feudalherren auf größere politische Einheiten. Für diese Entwicklung sind viele Gründe zu nennen. Seit dem 11. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Geldes immer mehr zu, vor allem durch den Aufstieg der Städte und das Wachstum von Handel und Gewerbe (Export von europäischer Wolle und Wollartikeln, Import von Gewürzen, Seide und anderen Luxusgütern aus dem Osten). So wurde in Westeuropa 1252 zum ersten Mal nach dem Zerfall des Römischen Reiches wieder eine Goldmünze geprägt: der Florin (benannt nach Florenz, der Stadt, in der er geprägt wurde). Die Einkünfte der Adligen stiegen nicht so schnell wie die des aufkommenden städtischen Bürgertums. Ihre Ausgaben hingegen waren wesentlich höher. Sie wollten am modernen, luxuriösen Leben teilhaben, mussten aber die traditionellen militärischen Dienste für ihre jeweiligen Fürsten finanzieren oder für hohe Geldbeträge anderen Adligen übertragen. Die Macht der Feudalherren wurde zunehmend geschwächt. Der Herrscher (Könige, in Italien und im zerfallenden deutschen Kaiserreich auch Herzöge, Grafen, Bischöfe oder Stadtstaaten) konzentrierte sich auf den raschen Aufbau einer Bürokratie, die zentrale Regierungsaufgaben des Adels übernahm, in erster Linie die Gerichtsbarkeit. Die Fürsten erkannten die Bedeutung der städtischen Bürger als Steuerzahler und als Stützen des wirtschaftlichen Aufschwungs. Daher berücksichtigten die Fürsten die Interessen der Bürger in größerem Maße und statteten sie mit wirtschaftlichen und politischen Privilegien aus. Durch dieses System stützten sich die neue Zentralmacht und das städtische Bürgertum gegenseitig. Alle diese Veränderungen vollzogen sich langsam und in den einzelnen Gebieten Europas auf unterschiedliche Weise. In England führte der König bereits im 12. Jahrhundert eine zentralistische Politik ein, während ihn seine Vasallen, die Feudalherren, im 13. Jahrhundert verstärkt unter Druck setzten. In anderen Ländern, hauptsächlich im Deutschen Reich, sahen viele Städte endlich die Möglichkeit, sich von ihren Feudalherren zu befreien und sich direkt einem Kaiser zu unterstellen. So erreichten die so genannten „Reichsstädte” eine weitgehende Autonomie.
| 1. | Das Papsttum |
Um die Jahrhundertwende erreichte die päpstliche Macht unter Innozenz III. (1198-1216) ihren Höhepunkt. Innozenz wehrte sich in kirchlichen Fragen strikt gegen jegliche Einmischung durch weltliche Machthaber. Er sah die Trennung von Kirche und Staat als Bedingung dafür an, dass auch die Kirche den Staat in politischen Fragen nicht dominiere. Nach seiner Auffassung war die Christenheit auch in politischer Hinsicht ein unteilbares Ganzes, da Unterschiede in weltlichen Belangen die übernatürliche mystische Einheit aller gläubigen Christen nicht zerstören könnten. Deshalb folgerte Innozenz, dass der Papst die Aufgabe habe, die gesamte weltliche und religiöse Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Innozenz selbst ging so weit, dass alle Fürsten ihre Gebiete vom Papst nur noch als „Lehen” erhielten (wie die Vasallen ihre Ländereien von den Fürsten) und dass der Papst den Fürsten das Lehen nehmen konnte, wenn diese sich nicht dem Willen des Papstes entsprechend benahmen. Seinen Idealismus in geistlicher Hinsicht kombinierte Papst Innozenz mit einer recht weltlich orientierten Machtpolitik. Sein wichtigstes Machtinstrument war der Kirchenbann (Exkommunikation): Ein Exkommunizierter wurde aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen und konnte keine kirchlichen Sakramente mehr empfangen – für gläubige Christen eine furchtbare Strafe.
Eine andere Maßnahme des Papstes war das Interdikt, mit dem nicht Personen, sondern Städte, Klöster oder ganze Gebiete exkommuniziert werden konnten. Innozenz zögerte nicht, ganze Königreiche mit dem Interdikt zu belegen – mit dieser Vorgehensweise versuchte er, die Bevölkerung gegen den jeweiligen Fürsten aufzubringen, da nur wegen des Verhaltens des Fürsten die Sakramente vorenthalten wurden. Mehrere von Innozenz’ Nachfolgern schreckten vor solchen Maßnahmen ebenfalls nicht zurück. So ist es keineswegs erstaunlich, dass im Laufe des Jahrhunderts vor allem als Folge des rein weltlichen Streits zwischen Kaiser und Papst in Italien das Ansehen des Papstes immer mehr abnahm und schließlich viele im Papst selbst den Antichristen sahen.
| 2. | England und Frankreich (1) |
Innozenz III. verhängte 1208 das Interdikt über England, nachdem der ebenfalls herrschsüchtige König Johann Ohneland (Johann I.) sich weigerte, der Ernennung von Stephen Langton zum Erzbischof von Canterbury zuzustimmen. Außerdem gab der Papst das Königreich England – das Johann I. nur als Lehen hielt! – dem französischen König Philipp II. Augustus, der auf diese Weise einen Freibrief erhielt, gegen den alten Erzfeind vorzugehen. Im 13. Jahrhundert bestand das Ziel aller französischen Könige darin, die Engländer aus ihren Herzogtümern auf dem Festland zu vertreiben und diese Gebiete dem französischen Königreich einzuverleiben. Noch gegen Ende des 12. Jahrhunderts übte der französische König die direkte Macht lediglich im Gebiet zwischen Paris und Orléans aus, doch diesen Zustand wusste er schnell zu ändern. 1214 fügte Philipp II. Augustus dem englischen König Johann und dessen Verbündeten (darunter auch der Graf von Flandern, ein aufständischer Vasall der französischen Krone) in der Schlacht von Bouvines eine vernichtende Niederlage zu. Mit diesem Sieg war die Dominanz Frankreichs in Westeuropa für lange Zeit festgeschrieben. Ganz Paris feierte den Erfolg. Insbesondere die Studenten jubelten tagelang in ausgiebigen Trinkgelagen ihrem siegreichen König zu.
Die Zunkunft des englischen Königs sah trübe aus. Von den Untertanen war der niederträchtige und unzuverlässige König nie wirklich geliebt worden, und so besiegelte die Niederlage bei Bouvines sein Schicksal. Die hohen Steuern, die er für seine Kriege erhoben hatte, die erbarmungslosen und grausamen Methoden, mit denen er die Steuern eintrieb, sowie der Misserfolg aller seiner Unternehmungen weckten in der Bevölkerung eine große Unzufriedenheit. Zu diesem Zeitpunkt waren die Engländer, in erster Linie der Adel, fest entschlossen, dem Machtmissbrauch durch ihren König endgültig ein Ende zu setzen (siehe Baron’s War). Johann I. hatte sich zwar inzwischen mit dem Papst (der die Vergabe von England an Philipp II. Augustus bereits zurückgezogen hatte) versöhnt und Stephen Langton als Erzbischof akzeptiert, doch Johanns Position war extrem geschwächt. Unter Zwang unterzeichnete er am 15. Juni 1215 ein Dokument, das die Rechte und Pflichten des Königs und seiner Vasallen festlegte: die Magna Charta, d. h. „die große Urkunde der Freiheiten”. Unter dem Einfluss von Stephen Langton und William Marshal, dem Grafen von Pembroke, erhielt die Magna Charta weitgehendere Formulierungen. Nicht allein den Beschwerden des Hochadels wurde Rechnung getragen, sondern auch Bestimmungen über die Rechte des niedrigeren Adels („gentry”), der Kirche und des städtischen Bürgertums wurden in die Magna Charta aufgenommen. Die Privilegien des Hochadels wurden so allgemein formuliert, dass sie auch anderen Bevölkerungsgruppen zugutekamen. Die bekanntesten Passagen sind die Artikel 39 und 40: „Kein freier Mann soll verhaftet oder gefangen gehalten werden oder seiner Rechte oder seines Besitzes beraubt werden oder für vogelfrei erklärt oder verbannt werden können, sein Rang soll ihm nicht genommen werden können, noch können wir (der König) gewaltsam gegen ihn vorgehen oder andere schicken, um dies zu tun, außer aufgrund eines gesetzlichen Urteils seiner Standesgenossen oder aufgrund des Gesetzes seines Landes. Niemandem soll Recht oder Rechtspflege verkauft oder verweigert werden, der Rechtsgang soll ohne Verzögerungen stattfinden.”
25 Barone bildeten schließlich einen Rat, der über die Umsetzung der Magna Charta wachen sollte. Nach dem Tod König Johanns I. wurde für seinen minderjährigen Sohn Heinrich III. ein Regentschaftsrat eingesetzt. Heinrich III. bestätigte die Magna Charta und erkannte damit ihren grundsätzlichen Charakter für alle Zeiten an.
| 3. | Friedrich II. und das Heilige Römische Reich |
Friedrich II. war der Sohn Kaiser Heinrichs VI. und Konstanzes, der Tochter Rogers II. und rechtmäßige Erbin des normannischen Königreiches Sizilien. Um den Kaisertitel zu erhalten, musste Friedrich dem Papst versprechen, seine Ansprüche auf den sizilianischen Thron aufzugeben. Der Papst fürchtete damals eine Umzingelung seines Kirchenstaates, wenn Friedrich in allen übrigen Teilen Italiens herrschte, das damals zum Heiligen Römischen Reich gehörte.
Schon bald wurde deutlich, dass der Kaiser nicht daran dachte, sein Versprechen zu halten. Sein wichtigstes Ziel bestand in der Gründung eines italienischen Reiches, in dem Sizilien, wo er geboren wurde und aufwuchs, eine zentrale Rolle spielen sollte. Friedrich brach den Widerstand der Feudalherren und richtete eine ungewöhnlich wirkungsvolle Verwaltung ein, die nur seinem Willen als absolutem Herrscher unterstand. Rechtsprechung, Steuern, Wirtschaft, Ein- und Ausfuhr von Waren – die Regierung kontrollierte alle Lebensbereiche. Schließlich wollte Friedrich auch Norditalien seiner direkten Herrschaft unterstellen, während ihn Deutschland und Burgund wenig interessierten. Die freiheitsliebenden Stadtstaaten in Norditalien brauchten jedoch keinen Herrscher und fanden Unterstützung beim Papst, der Friedrich ebenfalls feindlich gesinnt war. Das Machtstreben wie auch die Person des Kaisers waren dem Papst ein Dorn im Auge. Friedrich war in einer Umgebung aufgewachsen, in der der arabische Einfluss auf die Kultur seit alters her stark war. Daher schien es dem Papst, dass der als Christ auftretende Friedrich dem christlichen Glauben eigentlich eher skeptisch gegenüberstehe. Friedrich machte als grausame und genusssüchtige, doch gleichzeitig künstlerisch und wissenschaftlich begabte Persönlichkeit auf seine Zeitgenossen einen verwirrenden Eindruck. Die arabischen Tänzerinnen ließen seinen Hof in den Augen vieler eher als den eines Sultans als eines christlichen Königs erscheinen. Eine Exkommunizierung folgte der anderen, während in ganz Italien ein erbitterter Streit zwischen Friedrichs Anhängern und seinen Gegnern, den Ghibellinen und den Guelfen tobte. Mitten in diesen Wirren starb Friedrich II. 1250. Das Ansehen des Papsttums hatte großen Schaden erlitten, und die Wirksamkeit von religiösen Strafmaßnahmen ging als Folge des rein politischen Machtkampfes verloren.
Doch der Papst fand Unterstützung bei dem ehrgeizigen Bruder des französischen Königs, Karl von Anjou, der 1268 die Söhne und Enkel von Friedrich, die letzten Staufer, besiegte. Karl von Anjou ersetzte in Sizilien die Ghibellinen durch französische Adlige, womit die Guelfen in ganz Italien die Macht an sich rissen. Schon seit längerem war der Gegensatz zwischen Ghibellinen und Guelfen nicht mehr gleichzusetzen mit dem Streit zwischen Kaiser und Papst. Nur die Bezeichnungen der beiden Parteien wurden in Städten und kleinen Staaten, von Adligen und Gruppierungen fortgeführt, die einander aus allen möglichen Gründen bis aufs Blut bekämpften. Karl von Anjou konnte seine Macht jedoch nur in Süditalien (im „Königreich Neapel”) halten, denn am Nachmittag des Ostermontags 1282 erhob sich die Bevölkerung Siziliens geschlossen gegen die tyrannische Herrschaft der Franzosen. Während die Kirchenglocken zum Gottesdienst riefen, wurden alle Franzosen – es waren mehrere tausend! – getötet. Siehe auch Sizilianische Vesper
In Deutschland herrschte von 1254 bis 1273 ein Interregnum. Die Anarchie nahm zu, Raubritter machten die Straßen noch unsicherer, als sie bereits waren, Städte schlossen sich zu wehrhaften Bündnissen zusammen. Schließlich wählten die deutschen Fürsten Rudolf I. von Habsburg zum neuen König. Ihm gelang es, die Raubzüge des niederen Adels zu unterbinden, doch angesichts der chaotischen Lage im Reich musste er die Hoffnung auf die Errichtung einer starken zentralen Macht begraben. Stattdessen konzentrierten sich seine Bemühungen auf die Bewahrung und Vermehrung seines persönlichen Besitzes („Hausmacht”). Rudolf führte gegen den König von Böhmen Krieg und eroberte Österreich. Dort lag von nun an das Machtzentrum der Habsburger.
Zur gleichen Zeit wehrten sich die Schweizer gegen die Herrschaft der Habsburger, indem sich die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden durch den angeblich 1291 geleisteten Rütli-Schwur zum Waldstätter Bund zusammenschlossen und den so genannten „Bundesbrief”, in dem sie ihre Freiheiten und Rechte gegen die Willkür der Habsburger festhielten, unterzeichneten. Die Habsburger reagierten schonungslos auf diese Herausforderung.
| 4. | England und Frankreich (2) |
Zu Anfang der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dominierte Frankreich in Westeuropa. Dem schwachen englischen König Heinrich III. und dem im Inneren zerstrittenen Heiligen Römischen Reich und Italien stand in Frankreich die beeindruckende Herrschaft Ludwigs IX. (des Heiligen) gegenüber (1226-1270). Er strebte danach, als gerechter Herrscher zu regieren und den Frieden zu sichern. Nur unbestechliche Beamte konnten in seine Dienste treten, wie beispielsweise Etienne Boileau, Profos von Paris: „Dadurch waren die Ländereien des Königs befreit von vielen Lasten, und wegen der guten Gesetze des Profos verließen die Menschen die Gebiete anderer Herren, um auf dem königlichen Land zu leben.” (Grandes Chroniques de France, VII, 186)
Ludwig bemühte sich um ein gutes Verhältnis zu anderen Fürsten. Den Aufrufen des Papstes zu einem Kreuzzug gegen Friedrich II. folgte Ludwig nicht. Der einzige Krieg, den er für gerechtfertigt hielt, war der Kampf gegen den Islam, und so starb Ludwig 1270 als Kreuzfahrer in Tunis.
Später sehnte man sich nach den Zeiten Ludwigs des Heiligen zurück. Vor allem Philipp IV. (ab 1285) nutzte alle sich ihm bietenden Möglichkeiten zu seinen Gunsten: Sowohl die althergebrachten feudalen Rechte als auch die neuen Erkenntnisse, die er aus dem Studium des römischen Rechts zog, legte er für seine Interessen aus. Am französischen Königshof gaben nun zweifelhafte Juristen, die so genannten „Legisten”, den Ton an und bauten den zentralistischen Staatsapparat aus. Im römischen Recht fanden sie das Beispiel einer absoluten Monarchie, in der die höchste Staatsgewalt nur von der Person des Regenten ausging. Die Großvasallen (die „anderen Herren” aus der oben zitierten Chronik) beobachteten diese Entwicklung mit Schrecken. Während des gesamten 13. Jahrhunderts weiteten die Könige gewaltsam, durch Vererbung und geschickte Heiratspolitik oder durch das Aussterben adliger Geschlechter ihren Besitz immer mehr aus. Sie versuchten damit auch, die Macht über ihre Vasallen zu festigen. Philipp der Schöne perfektionierte diese Vorgehensweise. Rücksichtslos presste er aus allen Schichten der Bevölkerung mit ständig neuen Steuern immer mehr Geld. Dadurch wuchs der Widerstand gegen den König, doch Bevölkerung und Adlige waren zu zerstritten, um der Krone wirklich gefährlich zu werden.
Die Entwicklung einer Zentralmacht nahm in Frankreich und England lange Zeit einen völlig unterschiedlichen Verlauf. Die Ursache hierfür liegt in der Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066. Der normannische König und seine Vasallen waren gezwungen, die unterworfene Bevölkerung mit einer straffen Organisation und engem Zusammenhalt untereinander zu beherrschen. Dies hatte zur Folge, dass der englische König Steuern im gesamten Land erhob, während die Einnahmen des französischen Königs in erster Linie aus seinen persönlichen Ländereien stammten. Daher waren die französischen Könige stets bestrebt, ihre Ländereien zu vergrößern. Auch in der Entstehung der Curia Regis (Rat des Königs) finden sich interessante Unterschiede. In England begannen die Großvasallen und Geistlichen, die im Königsrat saßen, sich immer mehr als Herrscher über das gesamte Land anzusehen. Sie genehmigten z. B. Steuern, die im gesamten Land gezahlt werden mussten. Außerdem wurden in zunehmendem Maße nicht nur hohe Adlige und Prälaten ins „Parlament” gerufen, sondern auch Angehörige des niederen Adels und des städtischen Bürgertums, und zwar so, dass immer zwei Ritter (knights) und zwei Bürger (burgesses) jeweils eine Grafschaft (county) bzw. eine Stadt (borough) vertraten. Das wichtigste Ziel der Beteiligung dieser Bürger bestand darin, ihre Zustimmung zur Erhebung bestimmter Steuern zu gewinnen, damit der König und seine Beamten diese Steuern problemlos eintreiben konnten. Der König konnte sich darauf verlassen, dass die Vertreter der einzelnen „counties” oder „boroughs” die Beschlüsse der Krone durchsetzten. Ritter und Bürger waren daher nicht nur ein Instrument der Monarchie, denn sie konnten Forderungen des Königs abweisen, wenn dieser den Bogen überspannte.
In Frankreich stellte sich die Situation ganz anders dar. Für die französische Monarchie, die die englischen Traditionen nicht kannte, machte es wenig Sinn, eine vergleichbare regelmäßige Versammlung einzuberufen, da Mittel oder Traditionen fehlten, um die Beschlüsse in den repräsentierten Bevölkerungsgruppen durchzusetzen. Gelegentlich in Kriegszeiten oder in anderen Krisen, wenn die Einkünfte aus den königlichen Ländereien nicht mehr ausreichten, wurde in Frankreich eine allgemeine Ständeversammlung (siehe Generalstände) einberufen, die jedoch lediglich das allgemeine Steuersystem absegnete. Im Anschluss an die Versammlung musste der König durch seine Beamten mit den Bevölkerungsgruppen über die Höhe des Betrages und die Zahlung hart „verhandeln”. Die Versammlung der Stände in Frankreich erschöpfte sich also in farbenprächtigen Zeremonien und war daher nicht geeignet, die Interessen des Volkes zu vertreten und die einzelnen Bürger vor dem König und der Staatsgewalt zu schützen. In der französischen Curia Regis saßen bald weniger Vasallen und immer mehr Staatsbeamte. Aus der Curia Regis entstand in der Mitte des 13. Jahrhunderts das Pariser Parlament, der erste ständige Gerichtshof Frankreichs. Er kontrollierte die Rechtsprechung der Feudalherren und verhandelte viele Fälle. Das englische Parlament hingegen verwandelte sich langsam in eine Ständeversammlung, behielt jedoch gleichzeitig seine Aufgabe als Rat des Königs. So konnte das englische Parlament Funktionen im Bereich der Rechtsprechung und gesetzgebende Aufgaben wahrnehmen.
Auch in anderen europäischen Ländern, z. B. im Kirchenstaat unter Innozenz III., in den deutschen Fürstentümern, in den Niederlanden, in Aragonien und Kastilien setzten die Herrscher repräsentative Ständeversammlungen aus Geistlichkeit, Adel und städtischem Bürgertum ein. Meist nutzte der Herrscher diese Versammlungen nur zur Behebung seiner Geldnöte, so dass sie eine Belastung für die Untertanen darstellten. Sie konnten jedoch auch selbst Macht ausüben. Am deutlichsten wurde dies unter Heinrich III. (1227-1272), der die Interessen des englischen Adels und des Bürgertums vollkommen ignorierte. Die teure und erfolglose Außenpolitik Heinrichs und seine fortgesetzten Verstöße gegen die Magna Charta riefen Widerstand hervor und führten letztendlich zu einem Bürgerkrieg. Heinrichs Sohn Eduard I. gelang es schließlich, die Aufständischen zu unterwerfen. Seit 1265 wurde England eigentlich von Eduard I. regiert, der eine wesentlich stärkere Persönlichkeit als sein Vater war. Außerdem schaffte er es, den Hochadel und die Geistlichkeit ruhig zu halten sowie die Beziehungen zu dem niederen Adel und dem Bürgertum zu festigen. Unter Eduard verabschiedete das Parlament zahllose Gesetze. Es entstand im Gegensatz zu Frankreich und anderen Ländern jedoch kein Rechtssystem, das sich mit dem römischen vergleichen ließe. Es wurde das Common Law begründet, das deutlich die Grundzüge einer feudalen Gesellschaft zeigte und den neuen Entwicklungen Rechnung trug. Auch Eduard konnte Konflikte mit seinen Untertanen nicht vermeiden. Die Bevölkerung zahlte bereitwillig hohe Steuern, um die Unterwerfung von Wales und Schottland zu finanzieren, doch sie weigerte sich, den Krieg gegen Frankreich noch länger zu finanzieren. Deshalb wurde 1297 die Confirmatio Chartarum (Bestätigung und Modifizierung der Charta) verabschiedet, nach der nur dann Steuern erhoben werden durften, wenn das Parlament vorher zugestimmt hatte. Eduard blieb nichts anderes übrig, als sich widerwillig zu fügen.
| 5. | Das christliche Spanien |
Das 13. Jahrhundert war das Jahrhundert der Reconquista, der Rückeroberung der von den Mauren besetzten Gebiete auf der Iberischen Halbinsel. Einen wichtigen Sieg errangen Alfons VIII. (von Kastilien) und seine Verbündeten 1212 in der Schlacht von Navas de Tolosa. 1236 wurde Córdoba erobert, 1248 Sevilla. Moscheen und Minarette verschwanden aus den Städten, und in immer größeren Gebieten erklangen triumphierend die Kirchenglocken der Christen.
Auch in kultureller Hinsicht blühte Spanien auf. König Alfons X., der Weise (1252-1284), galt als bedeutendster Förderer der Künste und Wissenschaften seiner Zeit und tat sich selbst als Dichter und Gelehrter hervor.
Die Tochter Alfons VIII., Blanka, heiratete Ludwig VIII. von Frankreich. Seit 1226 war sie die Regentin für ihren minderjährigen Sohn, den späteren Ludwig IX., den Heiligen.
Jakob I. von Aragonien eroberte die Balearen und Valencia von den Arabern. In Sizilien übernahm Peter III. von Aragonien, der mit einer Enkelin von Friedrich II. verheiratet war, nach der Sizilianischen Vesper die Herrschaft.
| 6. | Byzanz, Venedig, die Kreuzzüge |
Das 13. Jahrhundert war für das Byzantinische Reich verhängnisvoll. 1204 eroberte ein Heer von Kreuzrittern Konstantinopel. Diese erstaunliche Wende des 4. Kreuzzuges ist dem venezianischen Dogen Enrico Dandolo zuzuschreiben. Die Venezianer spielten bereits im Handel des östlichen Mittelmeerraums eine wichtige Rolle, doch mit der Eroberung von Konstantinopel wollten sie mit einem Schlag das ganze Gebiet beherrschen. Dem Dogen gelang es, die Kreuzritter für militärische Aktionen zu verpflichten, indem er sie kostenlos ins Heilige Land brachte. Hier gründeten sie das „Lateinische Kaiserreich” und krönten Graf Balduin IX. von Flandern als Balduin I. zum König von Konstantinopel. Damit wurde Venedig zu einer ersten Kolonialmacht und erwarb nicht nur weit reichende Handelsrechte, sondern erhielt auch die direkte Herrschaft über Städte, Gebiete und Inselgruppen in der Adria, im Marmara- und im Schwarzen Meer, vor der Küste des Peloponnes sowie über die Sporaden und die Kykladen in der Ägäis, Euböa und Kreta. Der Doge trug nun den Titel „Herrscher über ein Viertel und noch eine Hälfte (eines Viertels) des Römischen Reiches”, und ein venezianischer Geistlicher las in der Hagia Sophia, der Haupt- und Krönungskirche des Byzantinischen Reiches in Konstantinopel die Messe.
Papst Innozenz III. zeigte sich über die Berichte von Plünderungen und Blutvergießen geschockt, doch er bezeichnete die Eroberung von Byzanz als ein von Gott bewirktes Wunder, wobei Gott sich der Kreuzfahrer bedient habe. Innozenz schrieb an den neuen König Balduin: „Das Reich der Griechen wurde durch ein gerechtes Urteil Gottes von Hochmütigen an Demütige, von Ungehorsamen an Fromme, von Ketzern an Katholiken übergeben.”
Die geflohenen griechischen Adelsfamilien gründeten im westlichen Teil von Kleinasien das „Kaiserreich Nicäa”. Sie betrachteten sich als Verbannte und hofften auf eine Rückkehr nach Konstantinopel. Sie verbündeten sich mit dem schärfsten Konkurrenten und Feind Venedigs, Genua. Die Unterstützung Genuas ermöglichte es ihnen, Konstantinopel 1261 zurückzuerobern. Unter Michael VIII. Palaiologos (1259-1282) erweckte das Byzantinische Reich wieder den Anschein von Stärke, aber der Schein trog. In Kleinasien erhoben sich die osmanischen Türken, und auf dem Balkan entstanden zahllose kleine Staaten: Serbische, bulgarische, griechische und westeuropäische Fürstentümer führten permanent Krieg gegeneinander. Die griechischen Fürstentümer, die nach 1204 in Griechenland entstanden, erkannten die Herrschaft von Byzanz nicht an. So blieb gegen Ende des 13. Jahrhunderts von dem einst so mächtigen Reich nur wenig mehr übrig als Thrakien und ein Teil des Peloponnes.
| 7. | Ost-, Mittel- und Nordeuropa |
In der Mitte des 13. Jahrhunderts versetzten die einfallenden Mongolen Osteuropa in Angst und Schrecken (siehe Mongolensturm). Außer Nowgorod wurden alle wichtigen russischen Städte in Schutt und Asche gelegt. 1240 eroberte die Goldenen Horde unter Batu Khan das Kiewer Reich. Ein deutsch-polnisches Ritterheer erlitt bei Liegnitz (1241) eine vernichtende Niederlage, genauso erging es einem ungarischen Heer. Auf die Nachricht vom Tod des Groß-Khans Ögädäi zogen sich die Mongolen jedoch zurück. Polen und Ungarn waren damit befreit, doch die Russen blieben noch länger unterjocht. Die untereinander zerstrittenen russischen Fürsten mussten der Goldenen Horde Tributzahlungen leisten. Die Russen waren nun vom Westen abgeschnitten, nachdem sie gerade erst begonnen hatten, engere Kontakte zum Westen zu knüpfen. Die Mongolen beuteten die Russen aus, doch sie verhinderten nicht die freie Religionsausübung, so dass die orthodoxe Kirche weiterhin starken Einfluss auf das Leben der Russen hatte. Die orthodoxe Kirche wehrte sich gegen jegliche Erneuerung und beharrte auf ihren Traditionen sowohl in Liturgie und Ikonenmalerei als auch in juristischen und politischen Fragen. Dies war das byzantinische Erbe, denn die Russen waren von Byzanz aus christianisiert worden.
Das katholische Polen befand sich in einer verwirrenden Situation. Das Land bestand aus mehreren Teilfürstentümern, der König regierte über das so genannte Klein-Polen mit der Hauptstadt Krakau. Es kam der Gedanke auf, das in seinem katholischen Glauben geeinte Volk auch politisch zu einem einheitlichen Staat zusammenzufassen, doch der Streit der einzelnen Fürsten, der durch die Organisation der Kirche gefördert wurde, verhinderte die Bildung eines geeinten Polen.
In Ungarn wurde die Stephanskrone, die Krone von Stephan I., dem Heiligen (997-1038), zum Symbol für die Unabhängigkeit des Reichs. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts trugen die Nachfahren von Stephan I. aus der Dynastie der Arpaden diese Krone. Mit der Goldene Bulle von 1222 (in gewisser Hinsicht vergleichbar mit der englischen Magna Charta) schränkte der König die Macht des Hochadels und der Geistlichkeit ein.
Weiter westlich erreichten die böhmischen Fürsten mit der Eroberung der Herzogtümer Österreich, Steiermark und Kärnten den Höhepunkt ihrer Macht im Deutschen Reich. Doch schon 1278 verloren sie alle diese Ländereien an die immer mächtiger werdenden Habsburger. Dem böhmischen König blieb nur noch Böhmen mit der Hauptstadt Prag sowie Mähren.
Im mittleren Osteuropa kolonisierten Deutsche wie schon im 11. und 12. Jahrhundert weite Landstriche. Intensive Landwirtschaft und Bevölkerungswachstum hatten die Siedlungsbewegung Richtung Osten möglich gemacht. Deutsche Bauern und Bürger wurden von deutschen Feudalherren, slawischen Fürsten, von niederen Adligen und der Geistlichkeit aufgerufen, in den weitgehend menschenleeren Gebieten in Pommern, Polen, Schlesien, Böhmen, Mähren und Mecklenburg zu siedeln und das Land urbar zu machen. Auf diese Weise überschritten die deutschen Siedler die Grenzen des Deutschen Reichs. Wo immer sie auf günstige Bedingungen trafen, z. B. die Möglichkeit, viel Land zu erwerben, ließen sie sich nieder, sei es in bestehenden slawischen Dörfern oder neu gegründeten deutschen Siedlungen. Die Deutschen lebten dort weiterhin nach deutschem Recht, das im Lauf der Zeit oftmals auch auf die nichtdeutschen Einwohner angewandt wurde. Die neu gegründeten deutschen Städte entwickelten sich zu wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Zentren, so dass die deutsche Kultur die der Einheimischen durchdringen konnte. Doch in einigen Gebieten, z. B. in Böhmen, kam es zu wachsenden Spannungen zwischen den Deutschen und den Slawen. In den nördlichen Gebieten, in Preußen und Litauen, war die Bevölkerung größtenteils noch heidnisch. Hier machten vor allem die Ritter des Deutschen Ordens die Christianisierung zu ihrer Aufgabe, nachdem das Heilige Land (siehe Palästina) von den Muslime erobert worden war und den Kreuzrittern eine Rückeroberung nicht mehr gelang. Der Deutsche Orden breitete sich entlang der Ostseeküste immer weiter aus. Als Folge langjähriger Kriege verlor Dänemark seine führende Position an die siegreichen norddeutschen Fürsten und die Stadt Lübeck. Die Deutschen übernahmen außerdem von den Skandinaviern die Vorrangstellung im Ostseehandel. Die deutschen Hansekoggen (siehe Schiff) brachten aus Preußen und Russland Getreide, Holz, Teer, Pelzwaren, Honig und gesalzenen Fisch nach Westeuropa. Lübeck, Hamburg und andere Städte schlossen sich zusammen, um ihre gemeinsamen Interessen zu verteidigen. Auch in anderen Gebieten Skandinaviens, in Norwegen und Schweden, erhielt die deutsche Hanse wichtige Handelsprivilegien. In allen Ländern war die Stellung der skandinavischen Fürsten gegenüber dem Adel ziemlich schwach. Erst der norwegische König Håkon IV. festigte die Ordnung in Norwegen für längere Zeit. In dieser Zeit, um 1260, erkannten Island und Grönland die Herrschaft Norwegens an.
| 8. | Kirche und Glaube |
Auf dem 4. Laterankonzil von 1215 führte Innozenz III. strenge Regeln für die kirchliche Lehre und Ordnung ein. Verschiedene alte Gewohnheiten und Auffassungen wurden offiziell bestätigt, und mit einer strafferen Leitung und Organisation der Kirche sollte die Masse der Gläubigen fester an die Kirche gebunden werden. Auf dem Konzil wurde festgelegt, dass ein Gläubiger nur durch die sieben Sakramente, die von einem Priester erteilt werden mussten, Gnade erlangen konnte. Das wichtigste Sakrament war die Eucharistiefeier. Die alte Auffassung, dass bei diesem Ritual durch die Worte und Handlungen des Priesters das Brot (die Hostie) und der Wein in den Leib Christi verwandelt werden, wurde mit dem 4. Laterankonzil zum Dogma (Definition der Transsubstantiation) erhoben. Mindestens einmal im Jahr, an Ostern, muss der Gläubige mit reinem Gewissen – d. h. nach der Beichte – zur Kommunion gehen. Nach dem Laterankonzil wurden Handbücher herausgegeben, um den Priestern die korrekte Abnahme der Beichte und den Gläubigen die Regeln der Beichte beizubringen. Der Priester sollte nach der Beichte ausführlich und streng mit dem Sünder sprechen und ihm die Fehler seines Handelns erklären. Die vom Priester auferlegten Bußen musste der Gläubige gewissenhaft ausführen. Dieses Ideal ließ sich nicht verwirklichen, und so nahm der Ablasshandel – also die Zahlung von Geld an Geistliche zur Vergebung der Sünden – beunruhigende Ausmaße an. Die Messe und die Rituale wurden wichtiger als die Predigt.
Allgemein schien die Kirche im 13. Jahrhundert immer mehr an Äußerlichkeiten festzuhalten, während viele Menschen gerade in dieser Zeit Halt im Glauben suchten. Es gab damals zwei Wanderprediger, einen Spanier und einen Italiener, die zahllose Anhänger in der Bevölkerung für sich gewannen: Dominikus und Franz von Assisi. Sie wurden schon bald nach ihrem Tod heiliggesprochen, da sie eine neue Art von Orden gegründet hatten, die Bettelorden. Sie wehrten sich damit gegen das veraltete Mönchtum, das auf Grundbesitz und der Verbundenheit der Mönche mit jeweils einer bestimmten Abtei basierte, wo sie sich in aller Abgeschiedenheit vor allem dem eigenen Seelenheil widmeten. Die Anhänger von Dominikus und Franz von Assisi folgten jedoch einem anderen Ideal: Sie lebten genauso wie Jesus und seine Jünger von den Almosen anderer, besaßen selber nichts und zogen durch die Welt, um überall das Evangelium zu predigen. Die Entwicklung der Bettelmönche wäre ohne das Bevölkerungswachstum und die Entstehung der Städte, wo sie ihre Botschaft verkündeten, undenkbar. Schnell verbreiteten sich die neuen Orden über ganz Europa. Doch es war unvermeidlich, dass sie trotz ihrer anfänglichen Inspiration die Gründung von Häusern und Einrichtungen aufnahmen. Sie blieben jedoch mobile „Elitetruppen” unter dem Schutz des Papstes und ihm direkt unterstellt. Die Päpste sahen in der neuen Erscheinung sofort einen positiven Impuls für die Kirche und erkannten die Chance, mit Hilfe der Bettelmönche die Menschen, die ihren Glauben außerhalb der Kirche suchten oder vom „rechten Weg” abgekommen waren, wieder in den Schoß der Kirche zurückzuholen. Die Bettelmönche waren nämlich treue und ergebene Anhänger der Kirche und des Papstes.
Das 13. Jahrhundert war eine Zeit religiöser Begeisterung und des Überschwangs. Es wurden zahllose neue Kirchen gebaut und viele neue kirchliche Feiertage eingeführt, an denen das Volk sich einerseits für Prozessionen und andere Rituale begeisterte und sich andererseits auf den Jahrmärkten über Kuriositäten amüsierte. Die Marienverehrung erreichte einen Höhepunkt. Die Anzahl der Heiligen nahm stark zu, und der althergebrachte Glaube in die magische Kraft von Reliquien blieb ungebrochen. Daher vervielfachten findige Geschäftemacher die Anzahl dieser heiligen Relikte. Viele Menschen glaubten, Visionen und Wunder erlebt zu haben. Doch oftmals waren es gar keine Wunder. Die Menschen, die keine wissenschaftlichen Erklärungen für ihre Beobachtungen hatten und keine Medizin kannten, sahen z. B. die plötzliche Genesung von Kranken als ein Wunder an. Die Frage, was den Menschen nach seinem Tod erwartet, ließ selbst unverbesserliche Sünder bange werden, doch viele erlebten diese Angst erst auf dem Sterbebett. Die Furcht einflößenden Bilder, die sich die Menschen vom Fegefeuer und der Hölle machten, führten bei nicht wenigen zu einer Wandlung von Lebenslust zu Reue und Askese, zur Entsagung aller weltlichen Gelüste. Da wunderte es nicht, dass in dieser Zeit allerlei merkwürdige und überzogene Ideen entstanden, die nicht mit der traditionellen Lehre der Kirche übereinstimmten. Früher, vor allem im 11. Jahrhundert, hatten immer wieder einzelne Personen oder Gruppen gegen die ungebildeten und korrupten Geistlichen und gegen die Doppelmoral protestiert, doch mit ihnen wurde kurzer Prozess gemacht. Sowohl wütende Gläubige als auch die Kirchenfürsten selbst gingen gegen solche „Nestbeschmutzer” vor. Doch oftmals verfolgten diese Opfer die gleichen Ideale wie einige Päpste, die mit Reformen die Kirche umgestalten wollten, und so handelte es sich nicht immer unbedingt um Ketzerei. Seit dem 12. Jahrhundert organisierten sich immer mehr Sekten, und Ketzerei wurde eine weit verbreitete Erscheinung. Die Dominikanermönche nahmen den Kampf gegen die Ketzerei auf und befassten sich mit der Entwicklung einer wissenschaftlichen Theologie. Die Franziskaner hingegen widmeten sich aufgrund ihrer anderen Mentalität dem Predigen und der Seelsorge unter den kirchentreuen Gläubigen. Dominikus hatte als Missionar in Südfrankreich begonnen, die Albigenser und Waldenser zu bekehren. Zu den Albigensern oder Katharern (den „Reinen”) zählt man viele Sekten, die keine Einheit bildeten und oftmals Anhänger unterschiedlicher Ideen waren. Doch an einigen gemeinsamen Auffassungen ist deutlich zu erkennen, dass die Lehre der Sekten größtenteils östlichen Ursprungs war. Die Sektenanhänger betrachteten das Leben auf der Erde als einen großen Kampf zwischen dem Geist, dem Leichten, Hellen, und der Materie, dem Schweren, Finsteren. Der menschliche Geist musste also bestrebt sein, sich von der Materie zu lösen, um zu seinem göttlichen Ursprung zurückzukehren. Viele Anhänger dieser Sekten begannen daher ein übertrieben asketisches Leben zu führen und geißelten ihre Körper. Wenn sie dann einmal zu der auserwählten Gruppe der Vollkommenen gehörten, wählten sie freiwillig den Hungertod, um nicht erneut zu sündigen. Die Katharer wehrten sich außerdem gegen viele Traditionen, die nach ihrer Lehre, die sich auf den kosmischen Streit zwischen Licht und Finsternis konzentrierte, überflüssiger und sündiger Unsinn waren: Taufe, Hochzeit und andere Sakramente, Altäre, Kreuze, Heiligenverehrung usw. Hier wird deutlich, dass diese Entwicklung eine große Gefahr für die Kirche darstellte. Auch die Waldenser erschienen der katholischen Kirche als Gefahr, auch wenn ihre Auffassungen nicht aus östlichen Quellen stammten. Sie stützten sich nur auf die Bibel und lebten genau nach den dort beschriebenen Beispielen und Regeln. Ihre Ideale waren Bescheidenheit, Armut und tätige Buße. Ebenso wie die Katharer lasen sie die Bibel nur in ihrer eigenen Muttersprache. Sie verachteten die kirchliche Hierarchie und vieles andere, z. B. Eide, Krieg, Blutvergießen in jeglicher Form, Gedächtnisämter und Ablasshandel. Die Waldenser verbreiteten sich gegen Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts schnell über das Languedoc, Lothringen, Flandern, Nordspanien, Norditalien und Süddeutschland. Die Kirche reagierte mit unterschiedlichen Methoden auf die vielen verschiedenen Strömungen. Einerseits versuchte sie gewaltsam, die Abtrünnigen zurückzugewinnen. Vor allem die kirchentreuen und begeisternden Bettelmönche holten viele Gläubige wieder in den Schoß der Kirche zurück. Doch die Albigenser bargen eine größere Gefahr. Ihre ketzerischen Auffassungen verbreiteten sich in ganz Südfrankreich in allen Bevölkerungsschichten, unter Adligen und Bürgern genauso wie unter den Bauern. Daher beschloss Papst Innozenz III., dieser Ungehorsamkeit in weiten Teilen der Bevölkerung ein gewaltsames Ende zu setzen. Durch eine päpstliche Erklärung nahm er Raimund VII., dem Grafen von Toulouse und einem der einflussreichsten Albigenser, seinen gesamten Besitz und gab das Land zur Eroberung frei. Nun strömten aus ganz Frankreich zügellose Banden in das herrenlose Gebiet und wollten mit der Befreiung des Landes von den Ketzern eine fromme Tat tun, um damit von allen Sünden freigesprochen zu werden. Beinahe ein halbes Jahrhundert lang spielten sich hier grauenhafte Szenen ab (siehe Albigenserkriege). Schließlich kam der französische König der Kirche zu Hilfe und schlichtete den Streit um das Land zum Vorteil für Kirche und König. Die Grafschaft Toulouse wurde stark verkleinert wieder neu gegründet, viele andere Geschlechter von Feudalherren waren vernichtet, und ihre Ländereien übernahm der französische König.
Um 1232 wurde die Inquisition dem Papst direkt unterstellt. Schon früher hatten Konzile beschlossen, dass Ketzer, wenn sie nicht von ihrer Auffassung abwichen, weltlichen Gerichten zur Bestrafung überstellt werden konnten. Die Kirche konnte Ketzerei nur mit ihren eigenen Mitteln bestrafen, doch gelegentlich entlud sich der Hass des Volkes gegen Ketzer in spontanen Verbrennungen. Die Kirche, die anfänglich gegen solche Ausbrüche vorgegangen war, legte 1232 fest, dass diese Vorgehensweise gesetzlich sei. Bis 1232 waren die Bischöfe für die Untersuchung der Rechtgläubigkeit ihrer Gemeinde zuständig, danach übernahmen die vom Papst eingesetzten Inquisitoren diese Aufgabe, um die Position des Papstes zu stärken und die Rechtsprechung zu vereinheitlichen. Peter II. von Aragonien ordnete 1197 als erster Fürst die Verbrennung von Ketzern an. Friedrich II. schrieb 1225 das Ausreißen der Zunge als nützliche Strafe vor. Da die Ketzer Auffassungen vertraten, die nicht nur der Kirche, sondern auch dem Staat widersprachen, fanden die weltlichen Herrscher ebenfalls Gründe, um die Ketzer zu verfolgen. Der Einfluss des römischen Rechts wurde auch im Strafrecht immer deutlicher. Der Staat gab sich nicht mehr damit zufrieden, Straffälle erst im Fall einer Anklage zu untersuchen, sondern begann, Gesetzesverstöße selbst aufzuspüren. Außerdem kannte das römische Recht die Folter. Die Abschaffung des germanischen Gottesurteils war hierbei nur ein schwacher Trost. Wenn ein päpstlicher Inquisitor die Überprüfung eines Ketzers aufnahm, hatte dieser etwa einen Monat lang Zeit, seine Schuld zu bekennen. Dann konnte er nur zu einer leichten Strafe verurteilt werden (Geißelung, Fasten, Gebete usw.). Erst danach begann der Inquisitor mit seiner eigentlichen Arbeit. Bei den Prozessen, die stets hinter verschlossenen Türen stattfanden, reichten zwei als vertrauenswürdig angesehene Zeugen zur Beweisaufnahme. Wer seine Schuld bekannte, jedoch keine Reue zeigte, erhielt eine schwere Strafe (z. B. Einkerkerung), und dies traf die meisten. Am schlimmsten verfuhren die Inquisitoren mit denjenigen, die ihre Unschuld beteuerten, jedoch nicht beweisen konnten, sowie mit überzeugten Ketzern. Sie wurden stets auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Doch auch die leichteren Strafen der Kirche konnten den Bestraften das Leben zur Hölle machen. Der Großteil der Bevölkerung verachtete Andersdenkende, und wenn die Strafe Spuren hinterließ, waren gesellschaftliche Konsequenzen nicht zu vermeiden. So mussten sich einige Sünder safrangelbe Kreuze auf die Kleidung nähen oder sich ihr ganzes restliches Leben lang in der Öffentlichkeit selbst geißeln. Für Kaufleute und Handwerker bedeuteten solche Strafen das Ende der Berufsausübung, und Vätern, die eine solche Strafe erhalten hatten, gelang es nicht mehr, ihre Töchter zu verheiraten. Die Pilgerfahrt war im allgemeinen Strafrecht eine andere, häufig verhängte Strafe. Doch Pilgerreisen waren so weit verbreitet, dass von dieser Strafe keine gesellschaftlichen Nachteile zu erwarten waren. Das Reisen selbst war in diesen unsicheren Zeiten jedoch gefährlich, und der Reisende musste viele Entbehrungen auf sich nehmen. Wenn der Inquisitor einem Sünder eine „große” Pilgerfahrt auferlegte, die nach Rom, Santiago de Compostela, Canterbury oder Köln führen konnte, waren die Sünder außerdem mehrere Jahre lang unterwegs. Und während der Pilger sich selbst noch von Kloster zu Kloster retten konnte, um zu überleben, war seine zurückgebliebene Familie oftmals Armut und Hunger ausgeliefert. Trotz der strengen Verfolgung blieben jedoch nicht nur die alten Sekten bestehen – in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entstanden noch etliche neue.
| 9. | Die Universitäten |
In engem Zusammenhang mit dem Wachstum der Städte steht die Entwicklung einer intellektuellen Oberschicht, die sich deutlich von den anderen Bevölkerungsschichten abgrenzte. Im 12. Jahrhundert hatten bereits große Städte und Bildungszentren wie Paris, Bologna und Oxford mit ihren an Klöster oder Kathedralen gebundenen Schulen immer mehr fähige Lehrer und lernbereite Schüler von nah und fern angezogen. Die Lehrer erhielten ihre „licentia docendi” (Lehrerlaubnis) vom jeweiligen Bischof. Sowohl die Dozenten als auch die Studenten gehörten der Geistlichkeit an, doch viele von ihnen hatten nur die niedrigste Weihe erhalten und konnten daher leicht wieder ins „normale” Leben zurückkehren und beispielsweise heiraten.
Um 1200 entstanden die „universitates magistrorum et scholarium”, Vereinigungen Lehrender und Schüler, die ebenso wie die Handwerksgilden zur Verteidigung der Interessen dieser Personengruppe gegründet wurden. Die Universitäten wollten sich von der Mitbestimmung der Bischöfe befreien und wurden in diesem Bestreben von den Päpsten unterstützt. So erhielten nach und nach die Lehrenden selbst das Recht, die „licentia docendi” zu vergeben. Doch gleichzeitig kamen die Universitäten mit den weltlichen Herrschern in Konflikt: Die Bürger beschwerten sich häufig über das Verhalten der Studenten, den Lärm, den sie veranstalteten, die Trinkgelage und auch über Diebstähle, zu denen sich einige Studenten hinreißen ließen. Außerdem erstreckte sich der Streit auf die Preise für Unterbringung und Lebensmittel, die die Bürger so hoch wie möglich treiben wollten. 1200 eskalierten die Streitigkeiten in Paris. Während bewaffneter Auseinandersetzungen brachte das Volk, angeführt vom Profos, fünf Studenten ums Leben. König Philipp II. Augustus unterstellte nun die Universitäten seinem Schutz, ließ die Schuldigen bestrafen und gab Garantien für die Zukunft. Wenn Lehrende oder Studenten bei einem Gesetzesverstoß erwischt wurden, durfte außerdem kein weltliches Gericht über sie entscheiden, sondern sie mussten der kirchlichen Gerichtsbarkeit überstellt werden. So erhielten die Universitäten eine in vielerlei Hinsicht bevorzugte Position, was neue Reibungspunkte mit sich brachte. An anderen Orten fanden vergleichbare Entwicklungen statt. Als sich 1229 Soldaten des Königs mit Pariser Studenten eine blutige Schlacht lieferten, griff die Universität zu ihrer wirkungsvollsten Waffe: Streik und Umzug, weg aus der Hauptstadt. Nach zwei Jahren erkannte Ludwig IX. die königlichen Privilegien von 1200 erneut an und weitete sie sogar noch aus. Daraufhin kehrten die meisten Universitätsangehörigen wieder zurück. Auf die gleiche Weise entstanden auch in anderen Gebieten Europas neue Universitäten: in Orléans, Angers, Cambridge (von Oxford aus), Padua und Siena (von Bologna aus).
Die Wirksamkeit von Streik und Umzug einer Universität wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Für die Bürger bildeten die Intellektuellen einen wichtigen Kundenkreis, für den König und andere weltliche und geistliche Autoritäten war die Universität eine wichtige Ausbildungsstätte für fähige Beamte und Ratsmitglieder. Außerdem hob eine Universität natürlich das Ansehen der Stadt. Reiche, fromme Leute stifteten oftmals so genannte „Kollegien”, in denen ärmere Studenten wohnen konnten. Die Bettelmönche, die sich gegen den Widerstand der Geistlichen an den Universitäten ihren Platz an geistlichen Fakultäten eroberten, zogen mit ihren Instituten, die allen Studenten offenstanden, auch viele Studenten aus ärmeren Familien an. Um Studenten zu helfen, die nicht in einen Orden eintreten wollten, gründete Robert de Sorbon, der Freund und Beichtvater von Ludwig IX., 1257 in Paris ein neues, großes Kollegium, das im König einen reichen Spender fand.
Das Studium war folgendermaßen aufgebaut: Die drei höheren Fakultäten waren Theologie (die Fakultät in Paris war die berühmteste), und bürgerliches und kirchliches Recht (Bologna) und Medizin (Montpellier). Bevor ein Student jedoch an einer dieser drei Fakultäten zugelassen wurde, musste er die Fakultät der Künste (artes) erfolgreich absolviert haben. Hier erwarb er die erforderlichen Grundkenntnisse und schloss die als notwendig erachtete allgemeine Entwicklung ab. Dieses „Grundstudium” dauerte ungefähr sechs Jahre (die Studenten waren zwischen 14 und 20 Jahre alt), für das Rechts- oder Medizinstudium mussten noch fünf oder sechs Jahre länger studiert werden, für das Theologiestudium noch acht Jahre. Allein für das Studium der Bibel ging man von vier Studienjahren aus. Als Lehrbücher mussten die Studenten während der „artes” in erster Linie Aristoteles, Cicero, Euklid und Ptolemäus lesen. Die Medizinstudenten befassten sich mit den Werken von Hippokrates, Galen und etlicher arabischer Gelehrter (Avicenna, Averroes, Al-Razi). Beim Studium des Kirchenrechts lasen die Studenten Sammlungen der päpstlichen Dekrete, die in den vergangenen Jahrhunderten entstanden waren, für das Studium des bürgerlichen Rechts Sammlungen über das römische Recht und Sammlungen der feudalen Rechtsordnung vor Ort. Die Theologiestudenten lasen neben der Bibel die Sentenzen, ein dogmatisches Lehrbuch des Theologen Peter Lombard aus dem 12. Jahrhundert.
| 10. | Scholastik und das Konzil von Lyon |
Große Teile der Schriften griechischer Autoren wurden in den vorangegangenen Jahrhunderten auch im Westen bekannt, indem fleißige Mönche sie aus dem Arabischen, in das die ursprünglich griechischen Texte übersetzt worden waren, ins Lateinische übersetzten. Im 13. Jahrhundert folgten die Theologen in erster Linie der aristotelischen Logik, um die christliche Lehre besser zu durchdenken und ihr eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Schon bevor die Schriften von Aristoteles im Westen bekannt wurden, gab es immer wieder Bestrebungen, den Glauben rational zu begründen, und so konnte Aristoteles die unbestrittene Autorität auf diesem Gebiet werden. Nun begannen die Theologen, den Glauben zu hinterfragen, anstatt nur die willkürlichen Zitatensammlungen der Kirchenväter (vor allem Augustinus) zu lesen und auswendig zu lernen. Die Theologen gingen von bestimmten Fragen aus und sammelten mögliche Argumente dafür oder dagegen, um so zu einer Beantwortung der Frage zu kommen. Die Argumente erscheinen aus heutiger Sicht oft als sinnlose Wortspiele und waren häufig von den alten Kirchenvätern entlehnt. Wie orthodox in theologischer Hinsicht die auf diese Weise gezogenen Schlüsse auch sein mochten, die Methode war neu, und die Intellektuellen genossen einen geistigen Freiraum, der die Selbstverständlichkeit des christlichen Glaubens unberührt ließ. So begannen die Theologen, die Existenz Gottes zu hinterfragen. Sie zweifelten nicht an seiner Existenz, doch sie suchten nach Beweisen. In Paris erreichte diese theologische Richtung, die Scholastik, im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Scholastiker fassten ihre Erkenntnis in den summa theologiae zusammen, in denen sie die christliche Lehre mit der Vernunft erklären. Berühmt sind beispielsweise die Summae von Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Bonaventura.
Die Christen im Osten standen dem neuen westlichen Denken äußerst kritisch gegenüber. Wie groß die Kluft zwischen den beiden Welten geworden war, wird an der Tatsache deutlich, dass der weitaus größte Teil der lateinischen Übersetzungen von Aristoteles u. a. nicht direkt aus dem Griechischen übersetzt wurde. Durch die Gründung des oben bereits erwähnten „Lateinischen Kaiserreichs” auf griechischem Boden wurde die Stimmung gegenüber dem Westen noch feindseliger, als sie schon war. Es gab nur wenige Personen in der westlichen Welt, die Griechisch konnten, und in Griechenland sprachen nur wenige Menschen Latein. Auf dem Konzil von Lyon (1274) wurde deutlich, wie sehr die Griechen die westliche Denkweise verachteten und prinzipiell missbilligten. Auch in Griechenland wurde Aristoteles gelesen, darüber hinaus auch Platon und viele andere klassische und spätere Schriftsteller. Doch die Griechen wandten deren Erkenntnisse und Methoden nicht auf die christliche Theologie an. Sie betrachteten das Studium der klassischen und heidnischen Autoren auf der einen und die christliche Theologie auf der anderen Seite als getrennte Arbeitsbereiche. Nach der Auffassung der Griechen konnte und durfte die christliche Lehre nicht mit den Methoden der Logik untersucht werden, denn dies war ein Sakrileg und konnte mit der Zeit den christlichen Glauben gefährden. Die westlichen Geistlichen betrachteten den Standpunkt der Griechen ihrerseits nur mit Verachtung und sahen die Griechen als Dummköpfe an. Dies wird deutlich aus den Worten von Humbertus de Romanis, Ordensgeneral der Dominikaner: „Bei ihnen sind Wissenschaft und Studium zu einem großen Teil verloren gegangen, und dadurch verstehen sie nicht, was mit ihren Argumenten gesagt werden soll. So halten sie fest an Beschlüssen von früheren Konzilen und an Überlieferungen. Genauso verhalten sich die ungebildeten Ketzer, für die die Vernunft keine Bedeutung hat.” (Humbertus de Romanis: Opus tripartitum, ii, c. 11)
Dieses Urteil zeigt deutlich, wie groß die Unkenntnis der jeweils anderen Seite war. Zur gleichen Zeit war der Grieche Nicephoros Blemmydes nicht nur als Theologe tätig, sondern schrieb auch ein Handbuch über Logik und Physik und viele andere Schriften. Maximos Planudes verfasste neben einer griechischen Grammatik und anderen philosophischen und literarischen Werken auch Übersetzungen u. a. von Ovid und Boethius. Außer diesen beiden waren noch viele andere Griechen wissenschaftlich tätig. Die Wiedervereinigung der beiden Kirchen, die nach langer Trennung auf dem Konzil von Lyon verwirklicht werden sollte, war daher auch nur von kurzer Dauer und kam nur aus politischen Überlegungen des griechischen Kaisers zustande. Dieser wollte jeglichen Grund, aus dem ein anderes Volk sein Reich angreifen könnte, von vornherein ausschließen. Außerdem suchte er ausgerechnet die Hilfe des Westens gegen die immer weiter vordringenden Muslime. Doch die Bestrebungen des griechischen Kaisers blieben erfolglos. Die Zukunft des Byzantinischen Reichs und damit der griechischen Kultur sah gegen Ende des Jahrhunderts düster aus.
| 11. | Die Baukunst |
Religiöser Eifer, aber auch Prunksucht führten in der Epoche der Gotik zu einem wahren Bauboom, vor allem im Bereich des Kirchenbaus: Die Stadt York, in der vielleicht 7 500 Menschen lebten, hatte 41 Kirchen. Die Bürger waren stolz auf die Bauwerke, die sie nur zur Ehre Gottes errichteten. Sie bauten riesige Kathedralen, die sich in Schwindel erregende Höhen zum Himmel erhoben und in denen alle Einwohner der Stadt an Gottesdiensten teilnehmen konnten. Die Bauarbeiten zogen sich oftmals über ein ganzes Jahrhundert hin. Um 1130 nahm diese Bautätigkeit ihren Anfang und erreichte in der Mitte des 13. Jahrhunderts in Frankreich ihren Höhepunkt. Der Bischof selbst spielte meist nur eine untergeordnete Rolle bei der Organisation, die in den Händen der Kapitelversammlung des gesamten Bistums lag. Die Kanoniker sammelten Geld und führten die Enteignung von Personen durch, deren Häuser dem Kirchenbau im Weg standen oder deren Grundstücke benötigt wurden. Außerdem richteten die Kanoniker die Baustellen ein, die zahllose Architekten und Arbeiter anlockten. Die verschiedensten Arbeitskräfte wurden gebraucht: von ungelernten Hilfskräften, Fuhrleuten und Lastpferden über Arbeiter, die in Steinbrüchen für die riesigen Mengen an Baumaterial sorgten, bis hin zu Maurern und Steinmetzen, Schmieden, Zimmerleuten und unzähligen anderen. Zwischen mehr oder weniger talentierten Steinmetzen oder Zimmerleuten wurde kein Unterschied gemacht. Sie waren alle Handwerker, ob nun künstlerisch begabt oder nicht. Bildhauer (siehe Bildhauerkunst: Gotik) und Glasmaler (siehe Glasmalerei: Gotische Glasmalerei) fertigten allen Gläubigen verständliche Abbildungen an, mit denen die Kirchen von außen und innen verziert wurden: Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament oder aus nur in der jeweiligen Gegend bekannten Heiligenlegenden. Einige Künstler gravierten ihren Namen in ihre Werke. Sie erhielten mehr Geld als die normalen Maurer oder Gerüstbauer, blieben jedoch ziemlich unbekannt. Nur die Architekten der gesamten Kathedrale und die Baumeister, die meistens die Dekorationen entwarfen und die Bauaufsicht innehatten, erwarben sich unvergänglichen Ruhm. Sie berechneten das komplizierte System der Strebepfeiler, Lichtbögen, Spitzbögen und Kreuzgewölbe (siehe Bogen und Gewölbe), stimmten das Gewicht der riesigen Steinmassen aufeinander ab und entwickelten neue Techniken, um ihre waghalsigen Entwürfe zu realisieren. Auf dem Grabstein von Pierre de Montreuil, der an der Kathedrale Notre-Dame-de-Paris sowie an den Kirchen Sainte-Chapelle und Saint-Denis in Paris gearbeitet hatte, also der „Hausarchitekt” Ludwigs IX. war, steht geschrieben: „Hier liegt Pierre de Montreuil, vollkommene Blüte der guten Sitten, zeit seines Lebens Doktor der Steinbearbeitung” (lateinisch doctor lathomorum). In allen neuen Kathedralen wurden der Name und das Porträt des Architekten neben dem Bildnis des Bischofs in einen runden Bodenstein graviert, der in der Mitte der Kathedrale eingelassen wurde. In der Kathedrale von Amiens ist noch heute der Name des Architekten, Robert de Luzarches, zu lesen. Ein anderer berühmter Baumeister war Villard de Honnecourt, der eine ausführliche Sammlung von Bauzeichnungen und Niederschriften zum Bau von Kathedralen zusammenstellte. Nicht alle Menschen verstanden die Funktion des Baumeisters, wie aus den Worten des französischen Franziskanermönchs Nicolaas van Biard (um 1250) deutlich wird. Er verglich die Baumeister mit der raffgierigen und faulen hohen Geistlichkeit: „Auf den großen Baustellen kann man zurzeit immer einen Aufseher antreffen, der nur mit Worten den Arbeitern Befehle erteilt und selten oder nie selbst ein Werkzeug zur Hand nimmt. Doch er bekommt einen viel höheren Lohn als die anderen ... Die Steinmetzmeister tragen Handschuhe und sagen den anderen mit einem Stock in der Hand: ‚Hier musst du hinschlagen.‘ Aber selbst arbeiten sie gar nichts und werden doch besser entlohnt. Genauso verhalten sich viele der modernen Prälaten ...”. Es gab also Menschen – und das verwundert in diesem Jahrhundert der Gegensätze nicht weiter –, die den Bau von Kathedralen als sündhaft ansahen und darin nur Prunksucht erkannten. Aber selbst diese Leute waren von der Schönheit der neuen Gotteshäuser tief beeindruckt.
| 12. | Literatur |
Die jeweilige Landessprache wurde an Stelle des Lateinischen immer mehr verwendet. Doch Latein blieb die wichtigste Sprache in allen literarischen Genres. Theologische und philosophische Abhandlungen wurden nach wie vor ausschließlich in Latein verfasst, das im 12. Jahrhundert um das Genre der weltlichen Dichtung reicher geworden war. Studenten auf Wanderschaft verfassten solche oft humoristischen und satirischen Gedichte, die meist „Wein, Weib und Gesang” lobten (z. B. die Carmina Burana). Religiöse Dichtung in lateinischer Sprache war weit verbreitet. Neben dem Lateinischen existierten jedoch auch die verschiedenen Landessprachen. Vieles wurde nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich als bisher: religiöse Texte, z. B. einfache Heiligenlegenden, aber auch mystische Gedichte (siehe Mystik: Christliche Mystik), historische Erzählungen (Villehardouin, die Sächsische Weltchronik, Jacob van Maerlant), Biographien (Jean de Joinville), Reisebeschreibungen (Marco Polo) usw. Außerdem gab es natürlich noch die viel älteren Ritterromane, die in verschiedenen Versionen und Übersetzungen kursierten.
In Spanien wurde das Heldenepos El Cid schriftlich festgehalten: Es ist eine Zusammenstellung von Legenden und Erzählungen über den berühmten Ritter El Cid aus dem 11. Jahrhundert, der gegen die Mauren kämpfte. Außer in Deutschland entstand jedoch zu Beginn des 13. Jahrhunderts (siehe unten) keine Romanliteratur von Bedeutung. In den Niederlanden wurde das Tiergedicht über den Fuchs Reinaert geschrieben, eine Bearbeitung, doch in erster Linie eine Neuschöpfung aus den im Lauf der Zeit entstandenen Tierfabeln. Reinaert, der schlaue Fuchs, prangert Eitelkeit, Habsucht, Selbsteingenommenheit und andere Eigenschaften an, die in seiner Welt – einer satirischen Darstellung der menschlichen Gesellschaft – so häufig vorkommen. Dieses Gedicht wurde innerhalb kürzester Zeit so berühmt, dass schon bald die ersten Übersetzungen erschienen, um 1280 sogar eine lateinische Fassung! Um 1200 wurde in Deutschland das seit Jahrhunderten mündlich überlieferte Nibelungenlied schriftlich festgehalten. Der unbekannte Verfasser stand in vielerlei Hinsicht unter dem Einfluss des christlichen Ritterepos, doch der Inhalt der alten germanischen Sage blieb im Wesentlichen unverändert. Der Rhythmus des Nibelungenliedes orientierte sich an einfachen Volksliedern, der Satzbau war ausgesprochen einfach, die Wortwahl sehr traditionell und vor allem die mordlüstern-grausige Stimmung der ursprünglichen Sage blieb erhalten: Die groben und dämonischen Figuren treten blutdürstig und rachsüchtig dem Schicksal und dem Tod ohne Furcht entgegen. Am Beispiel der Nibelungensage wird deutlich, dass die heidnischen Traditionen so stark waren, dass sie auch in einer christlichen Umgebung nicht auszulöschen waren. Gleiches gilt für die isländische Edda (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts). Die Edda ist eine Sammlung von skandinavischen Götter- und Heldensagen, bei der kein christlicher Einfluss festzustellen ist. Auch auf die irischen Volkslieder hatte das Christentum keinen Einfluss.
Ritterromane und Lyrik verfassten in erster Linie die deutschen Dichter Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Sie erneuerten auf diese Weise die deutsche Literatur. Das Leben im 13. Jahrhundert hatte auch seine fröhlichen Seiten. Mit allerlei Vergnügungen und Kurzweil, Sport und Spielen lockerten sich die Menschen den Alltag auf. Dies gefiel der Kirche jedoch nicht immer: Sie bezeichnete das Glücksspiel als sündhaft und das Kartenspiel als „Gebetbuch des Teufels”.
Französische und anglonormannische Ritterromane und provenzalische Troubadoure aus dem 12. Jahrhundert waren die Vorbilder der deutschen Dichter. Diese gaben den überlieferten Werken eine neue Dimension, so dass einige Romane in der deutschen Fassung oder in der deutschen Übersetzung berühmter wurden als die eigentlichen Erzählungen. Dies gilt insbesondere für Parzival und Tristan und Isolde. Alle Ideale des ritterlichen Lebens werden in diesen Werken dargestellt: Verehrung einer auserwählten Frau und Hingabe, Dienstbarkeit dem jeweiligen Herrn gegenüber, der Kampf gegen Ketzer sowie Tapferkeit, Rechtschaffenheit und christliche Nächstenliebe. Die Troubadoure oder Minnesänger besangen mit ihren Liedern unglaubliche Abenteuer und hochfliegende Ideen erdachter Helden. Niemand ihrer Zuhörer aus der Welt des Adels führte ein solches Leben. Dennoch fühlten sie sich innerlich mit der märchenhaften, mythischen Welt verbunden. Als sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Gesellschaft nicht mehr ausschließlich an ethischen Maßstäben orientierte, war auch die Zeit der großen, höfischen Ritterepen und Ritterlyrik vorbei. So stellten Parzival und Tristan und Isolde gleichzeitig den Höhepunkt und das Ende dieser Literatur dar. Walther von der Vogelweide ragte unter den Minnesängern heraus. Seine Dichtung war nicht mehr der übliche abstrakte Minnesang, stattdessen werden seine Gefühle und die Leidenschaft gegenüber der angebeteten Frau greifbar. In seinen gefühlsgeladenen Naturgedichten brachte der Dichter seine tatsächlich empfundene Liebe zur Natur zum Ausdruck. Wie so viele andere Sänger war auch Walther von der Vogelweide arm und mittellos und daher der Gunst adliger Herren ausgeliefert. Er zog von Hof zu Hof, wo er seine Lieder, die er selbst vertonte, vorspielte. Voller Überzeugung stellte er seine literarische Gabe in den Dienst der kaiserlichen Politik. Schließlich rief ihn Friedrich II. an seinen Hof. Hier konnte der Sänger ohne materielle Sorgen leben, doch nun im Alter klagte er über den Verfall der höfischen Kultur und des höfischen Minnesangs – aber auch er selbst war schon kein echter Vertreter dieser Kultur mehr. Die Welt war ihm fremd geworden, sie war für ihn nicht mehr die gleiche wie früher. Sollte alles nur Schein, nur Betrug gewesen sein? Ein letztes Mal rief er die Ritter auf, zu ihren früheren Sitten zurückzukehren, ihrem Kaiser zu folgen und Kreuzzüge zu unternehmen. Doch Walther konnte nicht wissen, dass sein Kaiser auf seiner Reise ins Heilige Land ohne den Einsatz seines Schwertes einen vorteilhaften Friedensvertrag mit dem Sultan geschlossen hatte (1229).
„O weh, wohin sind alle meine Jahre entschwunden? Habe ich mein Leben geträumt oder ist es Wirklichkeit? Woran immer ich geglaubt habe, war es wirklich? Dann habe ich nur geschlafen und nichts gewusst. Nun bin ich aufgewacht und kenne nicht mehr, was ich vorher kannte wie meine eigene Westentasche. Die Menschen und das Land, in dem ich von Kindesbeinen an gelebt habe, sie sind mir fremd geworden, als wäre das alles nicht wahr. Meine Spielkameraden, müde und alt sind sie, bebaut ist das Feld, gerodet der Wald.”
| 13. | Die Welt des Islam |
In der Welt des Islam gehörten im 13. Jahrhundert politische und religiöse Zersplitterung zum normalen Bild. Von Südspanien und Nordwestafrika bis nach Afghanistan entstanden immer wieder neue Dynastien und Reiche, die jedoch ebenso schnell wieder untergingen. Despotische Herrscher verhinderten durch Ausbeutung und hohe Steuern eine loyale Haltung des Volkes, das sich aus diesen Gründen nur zu gerne von dem ungeliebten Herrscher befreite oder sich einem neuen Herrn unterwarf. Die meisten Fürsten unterhielten eine islamisierte Leibgarde, die sich aus ehemaligen Sklaven zusammensetzte. Aus dieser Elite entstanden langsam verschiedene militärische Oligarchien, vor allem in Ägypten. Der Glaube und die gemeinsame Sprache, das Arabische, waren das bindende Element in der Welt des Islam, trotz aller Sektenbildungen. Arabisch war die Sprache der Wissenschaft und der Literatur. Mitte des 13. Jahrhunderts brach eine Katastrophe über den Islam in Vorderasien herein: Unter den Söhnen und Enkeln Dschingis Khans fielen die Mongolen ein, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts durch vernichtende Feldzüge ihr Reich vom Norden Chinas bis an die Küste des Schwarzen Meeres ausgedehnt hatten (siehe Mongolensturm). Wo immer die Mongolen entlangzogen, vernichteten sie die kulturellen Zentren des Islam. Paläste, Moscheen und Bibliotheken zerfielen zu Ruinen, ein Großteil der Bevölkerung wurde ermordet. In Buchara benutzten die Mongolen die Moscheen als Pferdeställe und legten die Stadt genauso wie Samarkand und Herat in Schutt und Asche. 1258 folgte Bagdad. Hülägü, ein Enkel Dschingis Khans, setzte hier der Dynastie der Abbasiden ein gewaltsames Ende. Er ließ die Stadt verwüsten, alle Einwohner – auch den Kalifen, den gesamten Hofstaat und deren Angehörige – ermorden und errichtete aus den Totenschädeln Pyramiden. Zum ersten Mal in seiner Geschichte war der Islam nun ohne einen geistlichen Führer, obwohl die Kalifen in der Vergangenheit eigentlich nicht sehr viel Macht genossen hatten. Die Mongolen in Persien (unter den Ilkhanen seit 1255) nahmen gegen Ende des 13. Jahrhunderts zwar den muslimischen Glauben an und vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung, die den Massakern nicht zum Opfer gefallen waren.
Im Westen retteten die Mamelucken den Islam. Sie folgten 1250 der Dynastie der Aijubiden in Ägypten auf dem Thron. Die Mamelucken sind eine „Dynastie von Sklaven”, die aus türkischen Armeen stammten (das Wort „Mameluck” bedeutet „Untergebener”). 1260 besiegten die Mamelucken die Mongolen und verhinderten auf diese Weise den Einfall der Mongolen nach Ägypten. So blieben die kulturellen Zentren in der westlichen Welt des Islam verschont. Doch die Mamelucken kämpften nicht nur gegen die Mongolen, sondern setzten auch den Kampf gegen die christlichen Kreuzritter fort, den Saladin so ruhmreich begonnen hatte. Sie befreiten das gesamte Gebiet des heutigen Syrien und Ägypten von den Christen, die sich 1291 schließlich auch aus ihrem letzten Stützpunkt, der Stadt Akko, zurückziehen mussten. Sowohl die Aijubiden als auch die Mamelucken hatten, vor allem als Folge der Kreuzzüge, Kontakte mit westeuropäischen Fürsten, mit denen sie eine Reihe von Handelsverträgen abschlossen.
In Afrika gab es seit der Eroberung durch die Araber und seit der Islamisierung drei politische Schwerpunkte: Marokko im Westen, Ägypten im Osten und Äthiopien im Süden. Durch die fortschreitende Islamisierung blieb nur das Hochland Äthiopiens als einziges Gebiet in der Hand von Christen. Von hier aus drangen die christlichen Abessinier in den Süden vor und christianisierten neue Gebiete. Die kaiserliche Dynastie des Landes, die Solomoniden, kam 1270 an die Macht. Südspanien und Nordafrika unterstanden seit dem Ende des 11. Jahrhunderts der Herrschaft der Berber, verschiedene Dynastien folgten einander: erst die Almoraviden, dann die Almohaden und nach 1250 die Mariniden. Im Zuge der Reconquista gelang es den Armeen der christlichen Königreiche in Spanien, in den Süden vorzustoßen, und Mitte des 13. Jahrhunderts hatten sie die Iberische Halbinsel nahezu zurückerobert und die Mauren nach Afrika zurückgedrängt. Nur die Nasriden-Dynastie in Granada hielt dem Ansturm der Christen noch länger stand. In Afrika selbst mussten sich die Berber langsam bis in den Westen, aus dem sie ursprünglich stammten, zurückziehen. Die mächtigen Königreiche im Sudan wurden von den Berbern innerhalb kürzester Zeit islamisiert.
In kultureller Hinsicht verlor die Welt des Islam im Lauf des 13. Jahrhunderts die intellektuelle Vorherrschaft, die sie seit dem 9. Jahrhundert innehatte. Die Erkenntnisse, die auf den Gebieten der Philosophie, Mathematik, Astronomie, Medizin, Geographie und Alchimie gewonnen worden waren, drangen über die Grenzgebiete in Spanien oder Sizilien immer mehr nach Westeuropa vor und beeinflussten das Denken an den dortigen Universitäten. Im Bereich der Astronomie und der Medizin, vor allem in der Augenheilkunde, blieben muslimische Wissenschaftler jedoch führend. Hier ist in erster Linie Ibn al-Nafis zu nennen, der bereits den kleinen Blutkreislauf beschrieb. Auch in der Kunst brachte der Islam beeindruckende Leistungen hervor: In Granada wurde die prächtige Alhambra, die Festung der Emire, errichtet, Ägypten erlebte unter der Mameluckenherrschaft eine künstlerische Blütezeit.