| Millennium: 14. Jahrhundert | Artikelansicht | ||||
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| 2. | Europa |
| 1. | Soziale und wirtschaftliche Situation |
Im wirtschaftlich-sozialen Bereich vollzogen sich in Europa beträchtliche Veränderungen. Seit dem 11. Jahrhundert hatte sich nach und nach eine Geldwirtschaft entwickelt. Städte blühten durch Handel und Industrie zunehmend auf, gemeinsame Unternehmen wurden gegründet, Geldtransaktionen wie der Kreditbrief wurden erfunden, und auf dem Land wurde das Erbringen von Frondiensten für die feudalen Herren vielfach von der Zahlung einer Pachtsumme abgelöst, so dass aus einst unfreien, hörigen Bauern mehr oder weniger freie Pächter wurden. In Zusammenarbeit mit den souveränen Fürsten hatten Städte einen Status der Halbautonomie erlangt und wurden vom wohlhabenden Bürgertum, dem Patriziat, regiert, das aus den Kaufmannsgilden entstanden war, deren Mitglieder wesentlich schneller reich geworden waren als die der Handwerksgilden. Manch einem Mann niederer Herkunft gelang es jedoch durch Energie, Intelligenz und Glück, ins Patriziat aufzusteigen. Dies galt ebenfalls, wenn auch seltener, für die Mitglieder der Handwerksgilden: Sie konnten vom Lehrling zum Gesellen und vom Gesellen zum Meister aufsteigen und waren dann in ihrer Gilde stimmberechtigt.
Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts begann sich die wirtschaftliche Situation jedoch zu verschlechtern. Das Ergebnis war, dass die verschiedenen Gruppierungen der Gesellschaft in die Defensive gerieten, sich gezwungen sahen, nur noch für ihre eigenen Interessen zu kämpfen und ihre Reihen für Nachrücker und andere Außenstehende buchstäblich zu schließen. Der Adel setzte Gesetze zugunsten der Grund besitzenden Klasse durch, die Bauern forderten die Verringerung oder gar Abschaffung der Dienste und Pachten, das Bürgertum ließ mit Hilfe neuer Bestimmungen in den Gilden keine neuen Mitglieder mehr zu. Auf diese Weise schürte man Hassgefühle in den Städten, und zwar nicht nur bei den wirklich sehr Armen, sondern auch bei den Lehrlingen und Gesellen der Handwerkszünfte, die sich durch die Bestimmungen ihrer wirtschaftlichen Perspektive beraubt sahen. Überall wurden Lohnerhöhungen gefordert. Dazu kamen der Streit zwischen Kaufmanns- und Handwerksgilden sowie die Unterdrückung der ländlichen Gebiete durch die Städte: Am berüchtigtsten waren in diesem Zusammenhang die Bestimmungen von Ypern, Brügge und Gent, die die gesamte Tuchverarbeitung (siehe Textilindustrie) auf dem Land verboten, um gegen die Konkurrenz anzugehen und die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Stadt zu erhöhen. Mit roher Gewalt nahm man den Bauern ihr Werkzeug oder vernichtete es.
So gab es überall unzählige Unruheherde und Aufruhr. Von hungrigen und verzweifelten Bauern oder Proletariern in den Städten initiierte aufständische Bewegungen nahmen an Ausmaß und Ernsthaftigkeit zu, als Unzufriedene aus anderen Schichten hinzukamen. Diese Entwicklung war beim Aufstand in der flämischen Küstengegend (1323-1328), dem englischen Bauernaufstand (1381), dem Ciompi-Aufruhr in Florenz (1378), dem Aufstand von Étienne Marcel in Paris (1358) und in geringerem Maß bei den vielen kleineren Bauernaufständen (Bauernaufstand der Jacquerie) in Frankreich in der gesamten zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu beobachten. Alle Aufstände wurden blutig unterdrückt, viele Rebellen wurden hingerichtet.
Eines der Opfer war der englische Priester John Ball, ein radikaler Kritiker der bestehenden Ordnung, der eine revolutionäre sozial-religiöse Lehre gesellschaftlicher Gleichheit predigte. In scharfen Reden hetzte er die Massen auf, um anschließend mit ihnen den Tower in London zu stürmen. Bei dieser Aktion wurde u. a. der Erzbischof von Canterbury ermordet. Der Chronist Thomas Walsingham über Ideen und Auftreten Balls: „Und um die Menschen noch mehr mit seiner Lehre anzustecken, begann er in Blackheath, wo sich 20 000 Menschen versammelt hatten, seine Predigt wie folgt: „Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?”
Und dieses Thema fortführend, versuchte er, entsprechend der von ihm gewählten Redensart zu beweisen, dass ursprünglich alle Menschen von Natur aus gleich geschaffen seien und dass Sklaverei die Folge ungerechtfertigter Unterdrückung durch schlechte Menschen sowie gegen Gottes Willen sei. Deshalb müssten sie „die großen Herren des Königreichs töten, anschließend die Juristen, Richter und Schöffen abschlachten und schließlich jene vernichten, von denen zu erwarten war, dass sie künftig eine Gefahr für die Gemeinschaft darstellen würden. So würden sie in Zukunft Frieden und Sicherheit erreichen, wenn nach der Abschaffung der Mächtigen des Landes gleiche Freiheit und Macht unter den Menschen herrschen würden.” (Th. Walsingham: Historia Anglicana, 1132)
Viele niedere Geistliche beteiligten sich an dem Aufstand. Sie waren arm und ungebildet, fühlten sich eins mit ihren Gemeindemitgliedern und nicht zu Solidarität mit ihren reichen und gebildeten Vorgesetzten verpflichtet. Auch in Frankreich herrschten schreckliche Zustände. Die Bevölkerung litt unter dem Joch ihrer Herrscher, Mord und Plünderung waren an der Tagesordnung, es gab kaum Rechtsprechung. In wilden Ausbrüchen begingen die französischen Bauern grausame Taten, beherrscht von Hass und Zerstörungswut, ohne jede klare Vorstellung von einer Reform der Gesellschaft wie bei ihren englischen und flämischen Schicksalsgenossen. In der Chronik von Jehan le Bel ist zu lesen: „Und wenn man sie fragte, warum sie so gehandelt hatten, gaben sie zur Antwort, sie wüssten es nicht, sie hätten es jedoch getan, weil sie es andere hatten tun sehen, und dass sie dachten, auf diese Weise alle Adligen ausrotten zu können.”
In England zeigten viele wahres Sozialbewusstsein. In seinem Gedicht The vision of William concerning Piers the Plowman beschrieb der englische Dichter William Langland mit viel Gefühl die katastrophale Lage der Bauern. Langland kritisierte das gesamte kirchliche und gesellschaftliche System, aber anders als John Ball war er ein dichterischer, friedliebender Geist voller Barmherzigkeit: „Barmherzigkeit”, sagte er, „verhandelt nicht, fordert nichts, verlangt nichts, sie ist genauso stolz auf einen Pfennig wie auf ein Pfund Gold, genauso froh mit einem graubraunen Mantel wie mit einem Kleid aus Seide oder ausgesuchtem Scharlach. Sie freut sich mit allen, die sich freuen, ist gütig gegenüber allen Schlechten und liebt alle, die der Herr geschaffen hat. Sie verflucht kein Geschöpf und kennt keinen Zorn, sie mag keine Lügen, und sie lacht niemanden höhnisch aus. Alles, was Menschen sagen, lässt sie gesagt sein, und sie tröstet sich selbst und erträgt, milde gestimmt, alles Böse. Sie begehrt keine irdischen Dinge, sondern reiche himmlische Glückseligkeit.”
Man ertrug die Gewalttätigkeit mit Geduld, und die Hoffnung auf ein besseres Leben im Himmel war sehr verbreitet. Insbesondere in den Zeiten der Pest waren allerdings nicht nur die höheren Stände Ziel von Aggressionen. Der Volkszorn richtete sich auch gegen die jüdischen Gemeinden. Bereits jahrhundertelang hatten diese unter immer wiederkehrenden Verfolgungen zu leiden. Für viele war jetzt das Ende gekommen. Im Mai 1348 fanden in Südfrankreich Judenverbrennungen statt. Es gingen Gerüchte um, die Juden hätten die Trinkwasserquellen vergiftet und seien somit die Ursache für den Ausbruch der Pest. Das größte Ausmaß nahmen die antisemitischen Ausschreitungen in den deutschsprachigen Ländern an (die englischen Juden waren bereits im vorigen Jahrhundert unter Eduard I. aus dem Land vertrieben worden), insbesondere in den Städten Mittel- und Süddeutschlands, entlang des Rheins, der Donau und in der Schweiz. Auffällig war allerdings, dass es hier bereits zu Judenverbrennungen kam, bevor es auch nur einen einzigen Krankheitsfall gegeben hatte: Allein die Gerüchte bewirkten eine so schreckliche Angst, dass man sich sofort auf die nächstbesten Übeltäter stürzte. Eine führende Rolle spielte hierbei die rasch um sich greifende Bewegung der Flagellanten, berauschter, sich selbst geißelnder, umherziehender Büßer, die den Zorn Gottes von der Menschheit abwenden wollten. In Zürich fasste man bereits am 21. September 1348 feierlich den Beschluss, nie wieder Juden in der Stadt aufzunehmen.
| 2. | Die Ursachen der Krise |
Die große Hungersnot im Jahr 1315 und die Pest von 1348 bis 1350 trugen natürlich beträchtlich zum Rückgang der Bevölkerungszahlen und zur allgemeinen wirtschaftlichen Zerrüttung bei. Die ökonomische Stagnation ließ sich jedoch schon viel früher feststellen. Wahrscheinlich wurde sie von einer langsamen Verringerung des Bevölkerungswachstums verursacht. Dadurch war der Markt geschrumpft, und es kam zu Absatzschwierigkeiten. Aber es gab noch mehr Probleme. Die zentralen Regierungen weiteten ihre Aktivitäten auf Kosten des Adels immer mehr aus, und die Ausgaben der Regierungen wurden zu einer immer größeren Belastung für die Bevölkerung, die darüber hinaus noch lange nicht völlig vom feudalen, adligen Joch befreit war. War der König in Geldnöten, sah er mitunter seine einzige Rettung darin, den Gold- und Silbergehalt der Münzen betrügerisch zu verfälschen. Dadurch wurde seine Kasse zeitweise zwar zusätzlich aufgefüllt, längerfristig büßte das Geld natürlich an Wert ein, und dies hatte negative Auswirkungen für den Handelsverkehr und die Wirtschaft allgemein.
Offensichtlich wurde die Not, wenn ein in die Enge getriebener Fürst keinen anderen Ausweg sah, als sich zu weigern, seine Schulden und Zinsen bei den Gläubigern abzuzahlen. Bankhäuser brachen zusammen, rissen andere, von ihnen abhängige Unternehmen mit in den Untergang, und die Wirtschaft geriet immer mehr aus dem Gleichgewicht. Ein Schock war der Bankrott des alten, mächtigen florentinischen Bankhauses Bardi im Jahr 1345. Es hatte noch die ersten beiden Feldzüge Eduards III. gegen Frankreich und den Krieg von Florenz gegen Lucca finanziert. Vergleichbar war der Konkurs der Familie Peruzzi im Jahr 1343: Auch sie war bereits zu sehr in internationale Angelegenheiten verwickelt und von der Regierung von Florenz missbraucht worden. Für ganz Florenz brach eine Krisenzeit an.
| 3. | Neue Wege für Bürgertum und Adel |
Es bestand nur wenig Aussicht auf eine Lösung der Probleme. Am Ende des Jahrhunderts war insbesondere die Situation der Bauern unverändert trostlos. Alle Aufstände wurden blutig unterdrückt und brachten Anstiftern und Beteiligten nur Unglück. Besonders auffällig im Hinblick auf das Bürgertum war, dass unter den bedeutenden Familien viele Konkurse und eine allgemeine Verarmung zu beobachten waren, während es Einzelnen gelang, zu erstaunlichem Reichtum zu kommen. Die alte Familie der Medici in Florenz, die sich aus den riskanten Kreditgeschäften der anderen Bankhäuser herausgehalten hatte, konnte jetzt deren Platz einnehmen. Auf diese Weise entstand in vielen Städten ein weiterer Klassengegensatz: Neben dem Gegensatz zwischen Arm und Reich gab es nun auch den zwischen relativ reichen und sehr reichen Bürgern.
In Nordeuropa hatten Handel und Industrie einen anderen Charakter als in Italien. Luxusprodukte und Bankwesen spielten hier eine weniger bedeutende Rolle, die Reglementierung von sowohl Kaufmannsgilden als auch Handwerkszünften war straffer, persönliche Initiative und daraus resultierendes großes Vermögen fehlten. Paradox ist die Blüte der deutschen Hanse, dem großen norddeutschen Bund der Handelsstädte, der schließlich circa 70 Mitglieder zählte, auch in den Niederlanden, Skandinavien und den baltischen Gebieten. Gemeinsam kämpften sie gegen Piraten und politische Machthaber, insbesondere den König von Dänemark, um ihre Handelswege und Monopole, wo immer dies möglich war, zu schützen, von London im Westen bis Nowgorod im Osten. Sie schränkten ausländische, in ihrem Gebiet umherreisende Kaufleute in ihren Aktivitäten ein und verteidigten ihre Besitzstände. Die lockere Zusammenarbeit des 13. Jahrhunderts wurde in dieser Zeit von einem engen Bund mit Reglementierungen und einem übergreifenden Beratungs- und Beschlussorgan abgelöst. Es wurden hohe, feste Beiträge erhoben. Schließlich mussten hohe Unkosten, insbesondere auf militärischem Gebiet, gedeckt werden. Wie überall kam es auch in Lübeck, der Stadt, die den Bund faktisch anführte, häufig zu Unruhen, die sich gegen das herrschende Patriziat richteten. So machten anhaltende wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Unruhe auch der blühenden Hanse zu schaffen.
Auch für den Adel änderte sich vieles. Europa war gegen Ende des Jahrhunderts nicht mehr feudal: Städte und ihre Behörden hatten ab Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts viele Funktionen der Adligen übernommen. Natürlich schlug der Adel zurück, und im 14. Jahrhundert strebte er genauso rücksichtslos wie alle anderen Stände der Gesellschaft danach, seine Stellung zu behaupten. Dadurch konnte sich der Adel in der Tat als privilegierte Klasse innerhalb der Gesellschaft behaupten. Der Grundbesitz blieb die große Machtbasis des Adels, es war jedoch nicht länger selbstverständlich, dass man dann nichts zu befürchten hatte: Viele Adlige gerieten in diesen Zeiten unsicherer Märkte, niedriger Agrarpreise und abgewerteten Geldes in Armut.
Auf militärischem Gebiet war das Veralten der Ritterarmeen festzustellen. Vor allem viele französische und österreichische Ritter wurden in diesem Jahrhundert von der mit Pfeil und Bogen und Spießen bewaffneten Infanterie der Flamen, Engländer und Schweizer besiegt. Immer wieder trugen Handwerker und Bauern, die in ihrer Bewegung nicht durch schwere Panzer eingeschränkt waren, den Sieg davon. Erstmals geschah dies im Jahr 1302 in der Sporenschlacht bei Kortrijk, wo Fußvolk aus den flandrischen Städten französischen Rittern gegenüberstand. In der Schlacht bei Morgarten in der Schweiz (1315) wurde kurzer Prozess gemacht: Die habsburgischen Ritter zogen in ein Tal ein, hinter ihnen wurde der enge Zugang von den Bauern abgeriegelt, und andere Bauern warfen Felsbrocken von den Hängen herab oder schossen ihre tödlichen Pfeile ab.
Auch der Adel begann sich anzupassen. Mehrere Fürsten gingen dazu über, ein Söldnerheer in Dienst zu nehmen, das die modernen Kampfmethoden beherrschte. Höhere Ränge und führende Positionen wurden mit Adligen besetzt. Sie übernahmen den gut bezahlten Auftrag, ein solches Herr zu rekrutieren, Soldaten auszuwählen, Übungen durchzuführen, Material einzukaufen, Strategien zu entwickeln usw. Sowohl höhere als auch niedere Adlige schlossen mit ihrem Fürsten Verträge ab. Sie hatten nichts mehr mit den „altmodischen” Vasallen gemein, die ihrem Herrn mit ihren eigenen Vasallentruppen beistehen mussten. Die Größe eines Söldnerheeres hing deshalb auch nicht länger mit dem Grundbesitz seines adligen Kommandanten oder dessen Status allgemein zusammen. Der Anführer eines solchen Heeres hatte zumeist Anspruch auf ein Drittel der Beute, und manchem im Hinblick auf die Feudalordnung unbedeutenden Adligen gelang es, durch Kriege zu großem Reichtum zu kommen.
Unterdessen blieb auch die politische Entwicklung nicht stehen. Die zentralen Regierungsapparate waren nicht mehr wegzudenken, und der höhere Adel richtete seine Aufmerksamkeit darauf. Es gab viele Perioden, in denen die zentrale Obrigkeit Macht einbüßte, beispielsweise wenn der König eine schwache Persönlichkeit war oder noch minderjährig. Insbesondere in diesen Fällen versuchten die höheren Adligen, Einfluss auf die staatlichen Einrichtungen auszuüben, aber auch ganz allgemein waren sie an hohen Ämtern interessiert, insbesondere am königlichen Rat. Spannungen, Intrigen und Parteibildung innerhalb des Adels waren die Folge. Nach wie vor kam es zu Gewalttaten.
Und dann war da auch noch der wirtschaftliche Aspekt. In Italien gab es Adlige, die ihr Geld in Handel und Industrie investierten, aber für den Adel außerhalb Italiens blieb die Landwirtschaft die natürlichere Beschäftigung, bei der man sich nicht auf das Niveau eines Handel treibenden Bürgers herablassen musste. Es gab Adlige, die die Bauern von ihrem Land vertrieben und ihren Besitz auf einer ganz anderen Grundlage reorganisierten. Sie konzentrierten sich auf ein einziges, wenig arbeitsintensives Produkt (in Nordengland beispielsweise Wolle, in Ostdeutschland Getreide), so dass ihnen einige wenige angestellte Arbeitskräfte genügten. Ganz bewusst und wohl überlegt produzierten sie in großem Stil und für einen sicheren Absatzmarkt.
Dass sich solche Entwicklungen in der Tat vollziehen konnten, veranschaulicht der Unterschied zu früheren Verhältnissen, in denen der Bauer an seinen Herrn gebunden war, was nicht nur Ausbeutung bedeutete, denn der Herr war umgekehrt genauso den ihm Hörigen verbunden. Er musste sie beschützen und konnte sie nicht einfach von dem Land vertreiben, das sie und ihre Vorfahren jahrhundertelang bearbeitet hatten. Jetzt hatten sich die Zeiten geändert. Viele Bauern hatten sich bereits im 12. und 13. Jahrhundert freigekauft, andere liefen zu den Aufständischen über. In jedem Fall fühlten sich viele Herren nun nicht mehr für das Schicksal der Bevölkerung auf dem Land verantwortlich, und sie taten mit ihrem Land immer das, was ihren eigenen Interessen am besten entsprach.
Im deutschen Reich und in Mitteleuropa war der Adel aufgrund fehlender Zentralregierungen in einer anderen Situation als in den westeuropäischen Monarchien. Es gab eine kleine Gruppe großer Fürsten, gegenüber denen die niedrigeren Vasallen hartnäckig ihre Privilegien behaupteten. Die Macht des Adels als Stand wurde hier noch größer als früher. Gleichzeitig war jedoch die Macht des einzelnen Edelmannes außerhalb seines eigenen kleinen Territoriums ohne Bedeutung. Sie nahm in dem Maß ab, wie die Territorien durch die Herrschsucht niedrigerer Vasallen an Größe und Bevölkerungsdichte verloren. Uneinigkeit und Zersplitterung kennzeichneten noch für mehrere Jahrhunderte die Gesamtsituation.
| 4. | Papsttum und Kirche |
Um die Jahrhundertwende entstand ein Streit zwischen Papst Bonifatius VIII. und den Königen von England und Frankreich. Mehrere Punkte waren strittig, ganz besonders aber die Steuern, die beide Fürsten, die infolge ihrer Kriege in Geldnot waren, der Geistlichkeit in ihrem Land abrangen. Der alte päpstliche Überlegenheitsgedanke wurde von den modernen nationalen Monarchien nicht länger akzeptiert. Bedeutsam war auch die Tatsache, dass sich die Geistlichkeit in beiden Ländern nicht uneingeschränkt dem Papst anschloss. In Frankreich stand vielmehr eine große Mehrheit hinter dem König. Die Reaktion Philipps IV. auf Bonifatius’ Bulle Unam Sanctam von 1302 war außergewöhnlich grob und gewalttätig. Er beschuldigte den Papst verschiedener Verbrechen (Mord, Ketzerei, Unzucht usw.) und setzte die französische Ständeversammlung unter Druck, sich für einen Prozess gegen den Papst auszusprechen. In seiner Sommerresidenz in Anagni bei Rom wurde der Papst von Truppen unter der Leitung des wichtigsten Juristen des Königs, Guillaume de Nogaret, und unter Mitwirkung des ghibellinischen Adels von Rom gefangen genommen. Dem Volk von Anagni gelang es jedoch, den Feind zu vertreiben und den Papst zu befreien, der einen Monat später in Rom starb. Das päpstliche Ansehen war so sehr gesunken, dass der französische König die öffentliche Meinung nicht fürchten musste. Der Vorfall von Anagni war unerhört, aber hatte der Papst solche Ereignisse nicht selbst möglich gemacht?
Die Nachfolger von Bonifatius entschieden sich für den Kompromiss. 1309 ließ sich der neue Papst Klemens V., ein Franzose, im südfranzösischen Avignon nieder, abgeschreckt von den in aller Heftigkeit aufflammenden blutigen Parteienkämpfen in Rom. Es begann eine Phase, in der die Päpste ganz unter französischen Einfluss gerieten und oft nicht mehr als ein Instrument in den Händen des französischen Königs waren. Bis 1377 dauerte diese „Babylonische Gefangenschaft der Päpste”, die außerhalb Frankreichs in zunehmendem Maß ernsthaften Unmut hervorrief. Die Unzufriedenheit wurde u. a. durch die starke Zentralisierung der kirchlichen Verwaltung, die direkte Vergabe von Pfründen, Kirchenämtern einschließlich der damit verbundenen Einkünfte, für die sich die Päpste finanziell dotieren ließen, und durch eine enorme Erweiterung der päpstlichen Steuern mit verursacht. Der Dichter Petrarca beschrieb das vollkommen verweltlichte und luxuriöse Avignon als ein wahres Babylon, als einen Ort, „wo keine Frömmigkeit, keine Barmherzigkeit, kein Glaube vorhanden ist, wo Hochmut, Neid, Liederlichkeit und Habsucht herrschen, mit all ihren Tücken, wo der Schlechte bevorteilt wird, der freigebige Räuber verehrt und der Gerechte mit Füßen getreten, wo Ehrlichkeit Dummheit genannt wird, Listigkeit Weisheit, wo Gott verspottet wird, Geld verehrt, Gesetze mit Füßen getreten und die Guten verhöhnt werden.” (Petrarca: Epistolae sine nomine, 11)
Im Jahr 1377 schließlich beschloss Gregor XI., nach Rom zurückzukehren, hierzu u. a. von Katharina von Siena angeregt, einer italienischen Mystikerin, die in dieser Zeit eine bedeutende moralische Macht darstellte und die Mächtigen der Erde ständig ermahnte, sich wahrhaft christlich zu verhalten, anstatt die existierende Not durch Gleichgültigkeit und Habsucht zu vergrößern. Doch auch sie konnte die Katastrophe nicht verhindern: 1378, nach dem Tod von Papst Gregor und der Wahl eines neuen, jetzt italienischen Papstes, rief eine Reihe nicht italienischer Kardinäle einen anderen zum Papst aus: den Gegenpapst Klemens VII., der sich erneut in Avignon niederließ. Die Kirche war gespalten. In vielen Abteien, Bistümern, ja ganzen Fürstentümern kam es zu heftigen Streitigkeiten, wobei örtlicher und persönlicher Zank häufig die Standpunkte bestimmten.
| 5. | Philosophen und Ketzer |
Es war nicht verwunderlich, dass auch in dieser Periode neue ketzerische Bewegungen aufkamen. Nach 1380 nahmen in England die so genannten Lollarden ihre Aktivitäten auf: „die armen Prediger” (poor preachers), entsandt vom Oxforder Theologen Wyclif, um seine Lehre und vor allem auch seine Sicht der Bibel in weiten Bevölkerungsschichten zu verbreiten. Wyclif war ein radikaler Denker, der nahezu alles, was mit der Kirche als solcher zu tun hatte, verwarf: päpstliche Autorität, kirchliche Hierarchie, irdischer Besitz der Kirche, aber auch die Lehre von den Sakramenten und das Dogma der Transsubstantiation. Er maß nur einer „unsichtbaren” Kirche Bedeutung bei, die in der Bibel, die er gemeinsam mit anderen ins Englische übersetzte, die ausschließliche Grundlage für den Glauben sah. Obwohl Wyclif mit dem Aufstand von 1381 persönlich nichts zu tun hatte, beschuldigte man ihn 1382 natürlich der Ketzerei, woraufhin er sich zurückziehen musste.
In ihrer Defensor pacis (Verteidigung des Friedens) äußerten Marsilius von Padua und Jean de Jandun im Jahr 1324 eine neue Auffassung über die jahrhundertealte Frage des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat. Anders als alle ihre Vorgänger auf beiden Seiten befassten sich die Autoren nicht länger mit dem endlosen Abgrenzen der Rechtsbefugnisse, die dem Staat bzw. der Kirche zugestanden werden sollten. Sie schafften einfach die der Kirche ab, um Konflikte hierüber gänzlich unmöglich zu machen. Die Kirche als Organisation müsste dem Staat unterworfen werden, jeder Priester, selbst der Papst, müsste sich strikt auf den kirchlichen Bereich beschränken. Darüber hinaus schlugen die beiden Verfasser eine Demokratisierung der Kirche vor. Kein Papst an der Spitze, keine Hierarchie, stattdessen ein allgemeines, aus Laien und Priestern bestehendes Konzil, das von allen Christen gewählt werden sollte. Dies waren revolutionäre Ideen. Die Schrift Defensor pacis war dem deutschen Kaiser Ludwig IV. dem Bayern in einem Streit mit dem Papst gewidmet worden. Am Hof des Kaisers hielt sich ein weiterer berühmter Mann auf: der bekannte Philosoph Wilhelm von Ockham, der sich ebenfalls dafür einsetzte, dass sich die Kirche ausschließlich auf das Geistliche beschränken sollte. Er entging einer Festnahme durch die Flucht an den deutschen Hof, wo er, so die Überlieferung, zu Ludwig gesagt haben soll: „Verteidigst du mich mit dem Schwert, werde ich dich mit der Feder verteidigen.” Diesen Menschen schwebte ein mächtiger, säkularisierter Staat vor, und es war dieser Staat, der den Menschen Frieden und Wohlstand bringen sollte, nicht die in ihren Augen verachtenswerte, durch und durch verrottete Kirche.
| 6. | England, Frankreich, Flandern |
Dauerhafter Frieden durch säkularisierte Staaten blieb zunächst ein Wunschtraum. Genau das Gegenteil passierte: Im Jahr 1337 brach zwischen England und Frankreich der Hundertjährige Krieg aus, der über viele Generationen hinweg wütete und insbesondere für Frankreich katastrophale Folgen hatte, da fast alle Kriegshandlungen auf französischem Boden stattfanden. Was lange Zeit ein ständiger feudaler Konflikt über kollidierende Rechtsbefugnisse in den verschiedenen Grafschaften und Herzogtümern gewesen war, entwickelte sich jetzt zu einem großen Krieg zwischen zwei eroberungslüsternen Monarchen und ihren Untertanen. Am Ende des Jahrhunderts war es ein Krieg zwischen zwei Königreichen, ja zwischen zwei Nationen geworden, die durch eine lange Phase heftigen Streits, gegenseitiger Erniedrigung und Erschöpfung tiefste Abneigung gegeneinander empfanden. Besonders deutlich war dies auch beim englischen Adel festzustellen, der fast vollständig normannischer Abstammung war und seit der Eroberung und Unterwerfung des angelsächsischen Englands im Jahr 1066 (siehe Normannische Eroberung Englands) immer noch Französisch sprach. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts vollzog sich im kulturellen Bereich eine allgemeine Neuorientierung. Französisch war tabu, eine neue Generation lernte, sich in englischer Sprache auszudrücken. Die Engländer errangen gewaltige Siege, die letztendlich im Jahr 1356 mit der Gefangennahme des französischen Königs Johann II. ihren Höhepunkt fanden. In Frankreich herrschte nun Anarchie, Eduard III. dagegen war ein gefeierter Fürst. Der englische Adel fand Gefallen am Krieg, das Bürgertum wusste den flandrischen Wollmarkt in Sicherheit, und aus dem niederen Volk liessen sich oftmals Soldaten rekrutieren, die das reiche Frankreich plünderten.
All dies änderte sich in den sechziger und siebziger Jahren, als der neue französische König Karl V., der Weise, (1364-1380) seinen Feldherrn, Bertrand du Guesclin, nach der Guerillataktik operieren ließ: Statt eines großen offenen Kräftemessens zwischen den Rittern setzte er auf gut geplante Überfälle und raschen Rückzug. Dies erwies sich als effektiv. Beim Tod Eduards III. im Jahr 1377 hatten die Engländer nur noch Calais und das Gebiet um Bordeaux in ihrer Macht.
Während der Herrschaft des noch minderjährigen Königs Richard II. wurde nun England von Parteienkampf und Rebellion heimgesucht. Als der König volljährig war, beschloss er jedoch, dass die einzige Möglichkeit, die Ordnung in England wiederherzustellen, in der Etablierung einer mächtigen Monarchie bestand. Anders als im Fall Frankreichs waren solche Ideen für England neu und riefen allgemeinen Widerstand hervor. Als Richard das Herzogtum von Lancaster konfiszierte, erkannten die Adligen, dass das Schicksal des rechtmäßigen Erben, Heinrich Bolingbroke von Lancaster, eines Neffen des Königs, sie alle treffen konnte, und deshalb unterstützten sie Heinrich, als dieser revoltierte. Richard wurde gefangen genommen und zur Abdankung gezwungen, aber darüber hinaus hielt sich Heinrich peinlich genau an die Traditionen des Landes: Ein Parlament, in Richards Namen einberufen, billigte dessen Thronverzicht, und ein neues Parlament gleicher Zusammensetzung, aber von Heinrich einberufen, bestätigte Heinrichs Recht, den Thron zu besteigen (1399). So kam das Haus Lancaster an die Macht. Es stützte sich auf den hohen Adel, der zwar zeitweilig vereint, im Grunde jedoch durch unterschiedliche Interessen gespalten war. Dies schien eine unsichere Basis für die Zukunft zu sein.
Aber auch in Frankreich kam es nach dem Tod Karls des Weisen wieder zu chaotischen Zuständen. Bereits während der letzten Jahre unter Karl kam Unzufriedenheit auf. Die Vertreibung der Engländer hatte natürlich Unsummen gekostet, die über ein neues zentrales Steuersystem von der Bevölkerung aufgebracht worden waren. Neue revolutionäre Bewegungen (Paris, Languedoc, Gent) wurden von den Onkeln des minderjährigen Karls VI. (ab 1380), den Herzogen von Anjou, Berry, Burgund und Bourbon, blutig niedergeschlagen. Als Karl 1392 einer Geisteskrankheit zum Opfer fiel, musste ein neuer Herrscher eingesetzt werden. Innerhalb des Adels, vor allem zwischen den genannten Fürsten, brach nun ein Machtkampf aus. Auch in Frankreich ging somit das 14. Jahrhundert mit Blutvergießen, allgemeiner Verwirrung und Unsicherheit zu Ende.
Die wirtschaftlich sehr stark entwickelte Grafschaft Flandern strebte schon sehr lange mit mehr oder weniger großem Erfolg nach Unabhängigkeit von der französischen Krone. Im Jahr 1300 besetzten die Franzosen das Gebiet und ersetzten den Grafen durch einen französischen Gouverneur, der die Unterstützung des mächtigen Patriziats der Städte Gent, Brügge und Yper genoss. Nach der Sporenschlacht bei Kortrijk im Jahr 1302, in der die Franzosen eine schwere Niederlage erlitten und das flandrische Patriziat seiner Macht beraubt wurde, wollten die Handwerksgilden natürlich grundlegende Veränderungen. Die Grafen von Flandern, die ihnen ihre Rückkehr zu verdanken hatten, mussten zu sozialen Reformen übergehen. Nach 1302 fielen die Monopole der geschlossenen Korporationen. Es wurde bestimmt, dass alle Bürger Handel und Handwerk ihrer eigenen Wahl entsprechend ausüben durften. Die Angehörigen des Handwerks waren somit hinsichtlich ihrer Rohstoffe nicht länger von den Kaufmannsgilden abhängig. Der allgemeine wirtschaftliche Rückgang hinderte die Handwerker jedoch daran, wirklich von ihrem Sieg zu profitieren. Die politische Situation in Flandern wurde nun äußerst gespannt und kompliziert. Einig war man sich nur im Widerstand gegen den Grafen, Ludwig von Nevers (1322-1356), der im Gegensatz zu seinen Vorgängern ein treuer Diener der französischen Krone war. Letztendlich riss sich Flandern ganz von Frankreich los. Unter der Führung von Jakob van Artevelde, einem wohlhabenden Genter Bürger, entstand eine neue Stadtverwaltung, der Vertreter aller Klassen angehörten. Es wurde ein Bündnis mit dem König von England geschlossen, der Graf floh schließlich nach Frankreich, und im Januar 1340 erkannte Flandern Eduard III. als neuen Souverän an. Vorläufig war die Situation für Flandern gerettet.
Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen funktionierte jedoch nicht lange. Die wirtschaftliche Realität war hart, und politische Lösungen konnten die Unzufriedenheit nur vorübergehend aufheben. Mit strenger Hand ließ van Artevelde Aufständische bestrafen. Während der Verhandlungen, die er 1345 in Sluis mit Eduard III. führte, nahm die Bevölkerung eine immer feindlichere Haltung ein. Bei seiner Rückkehr nach Gent hatte sich vor seinem Haus eine wütende Volksmenge versammelt, die ihm entgegenbrüllte, er habe Flandern an England verkauft: „‚Wir fordern sofortige Verantwortung, wir wissen genau, dass du große Schätze nach England geschickt hast, ohne uns zu fragen, und dafür sollst du sterben.‘ Als Jakob dies hörte, rang er die Hände und sagte schluchzend: ‚Männer, ihr seid es, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin, ihr habt seinerzeit geschworen, mich gegen wen auch immer zu verteidigen, und jetzt wollt ihr mich ohne jeden Grund töten ...‘ Als Jakob begriff, dass er sie nicht beruhigen konnte, zog er seinen Kopf zurück und schloss das Fenster. Er hoffte, über die Rückseite seines Hauses in einer angrenzenden Kirche Zuflucht finden zu können. Sein Haus wurde jedoch so heftig attackiert, dass 400 Mann eindringen konnten. Letztendlich wurde er gefasst und ermordet. Man kannte keine Gnade ... So ging das Leben Jakob van Arteveldes zu Ende, eines Mannes, der in seiner Zeit ein so großer Mann in Flandern gewesen war: Arme Menschen hatten ihn nach oben gebracht, schlechte Menschen haben ihn schließlich getötet.” (Jean Froissart: Chroniques, Kap. 115)
Das Volk Flanderns, durch die aufeinander folgenden Krisen gebeutelt, wandte sich nun zunächst von seinem Fürsten ab und richtete seine Hoffnung auf andere Kräfte, geriet dann aber wieder in eine Situation, in der es keine andere Lösung sah als die Rückkehr seines Herrn. Im Jahr 1349 war die Zeit reif für die Wiederherstellung der gräflichen Macht.
| 7. | Italien und das deutsche Reich |
Italien bestand aus einer Vielzahl mehr oder weniger souveräner, größerer und kleinerer Staatswesen. In Norditalien gab es zahlreiche faktisch unabhängige Stadtrepubliken, in Mittelitalien einen desorganisierten Kirchenstaat mit Rom, das von Anarchie geprägt war, in Süditalien das Königreich Neapel, das zwar groß, jedoch stets von dem untereinander Krieg führenden Adel geplagt war.
Die Städte waren wenig entwickelt, die königliche Dynastie mit ihren vielen Verzweigungen beschäftigte sich, vor allem unter Johanna I. (1343-1381), mit blutigen Intrigen und erwies sich als Zentralgewalt dem Adel gegenüber als schwach. In Norditalien wurde das politische Leben immer komplizierter. Genau wie in Flandern war das niedere Volk (popolo minuto) in dieser Zeit ein bedeutender Faktor geworden. Häufig kam es zu gewalttätigen Auswüchsen, und so war es möglich, dass eine neue Regierungsform entstand, die trotz aller früheren Komplotte und Verschwörungen von Adels- und Patrizierparteien bis dahin offensichtlich noch nicht für notwendig empfunden worden war: die Signoria. Dabei handelte es sich um einen „starken Mann”, der von einer der streitenden Parteien, sei es das Volk, seien es die mittleren oder höheren Klassen, zu Hilfe gerufen wurde, um die alte Ordnung wiederherzustellen oder eine neue Ordnung zu erhalten. Der Signore (wörtlich: der Herr) kam meistens aus der Umgebung der Stadt und stand theoretisch über den Parteien, in Wirklichkeit strebte er natürlich nach größerer Macht und mehr Ruhm für sich selbst. In den meisten Fällen unterstützte er daher auch die Gruppe oder Klasse, die den Rest der Stadt beherrschte, um sie fallen zu lassen, sobald andere Parteien eine Chance sahen, die Position ihrer Gegner zu untergraben. Einige der Signori waren Adlige aus der Umgebung der Stadt, andere hatten die Funktion des Podestà einer anderen Stadt ausgeübt. Manche wurden auf mehr oder weniger legale Art gewählt, andere bahnten sich mit Gewalt den Weg. Den größten Erfolg hatten die Condottieri, die Anführer von Söldnerarmeen, brutale und schillernde Figuren, die, waren sie erst einmal Signori, eine prächtige Hofhaltung führten, Künstler und Schriftsteller anzogen und ihre Untertanen und Bauern mit ihrer Kriegsmacht einerseits einzuschüchtern wussten, andererseits aber auch Bewunderung in ihnen wecken konnten. Die meisten Herrscher übten ihre Macht über ein nur kleines Gebiet aus.
Am Ende dieses Jahrhunderts war von den drei großen Stadtstaaten in Norditalien, Mailand, Venedig und Florenz, nur Mailand zu einer typischen Signoria geworden, regiert von der Dynastie der Visconti. Florenz und Venedig blieben Republiken, mit dem Unterschied, dass Florenz durch anhaltende interne Streitigkeiten zerrissen war, während gerade die venezianischen konstitutionellen Einrichtungen für große Stabilität sorgten. Mit eiserner Hand regierte hier die Oligarchie großer Kaufleute durch den seit 1297 für Außenstehende unzugänglichen Großen Rat. Der Doge und seine Ratsmitglieder stellten die ausführende Macht, während es die Aufgabe des jährlich neu gewählten, allmächtigen Rats der Zehn war, jedes Komplott und jedes andere individuelle Machtstreben gnadenlos im Keim zu ersticken. Das Hauptziel, die Aufrechterhaltung der Ordnung und damit die Förderung von Handel und Wohlstand, wurde dadurch auf jeden Fall erreicht. Außerdem gelang es Venedig, Genua, ihren jahrhundertealten Handelsrivalen, in einem Krieg, in dem erstmals Kanonen eine wichtige Rolle spielten, endgültig auszuschalten (Seeschlacht vor Chioggia, 1380).
Kaiser Karl IV. (1355-1378) und Papst Klemens VI. gelangten nach dem jahrhundertealten Konflikt zwischen Kaisertum und Papsttum zu einer gewissen, teilweise stillschweigenden Übereinstimmung. Karl zog sich aus den italienischen Angelegenheiten zurück, der Papst erkannte automatisch den von den deutschen Fürsten gewählten Kaiser an. Um die Verwirrung im Zusammenhang mit der Wahl des Kaisers zu beenden, erließ Karl 1356 die Goldene Bulle: Ab sofort sollten nur noch sieben Kurfürsten an der Königswahl beteiligt sein, bei Uneinigkeit entschied die Mehrheit der Stimmen. Dies waren die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. Der nahezu unabhängige Status dieser großen Fürsten wurde bestätigt, ihre Territorien wurden für unteilbar erklärt. Dadurch vergrößerte sich die Kluft zwischen diesen sieben und den übrigen Fürstentümern noch mehr; letztere nahmen an Anzahl immer weiter zu, an Größe aber immer weiter ab.
| 8. | Das restliche Europa |
In der Schweiz schlossen sich immer mehr Städte und Landstriche dem ursprünglichen Bündnis (siehe Rütli-Schwur) aus dem Jahr 1291 an, die österreichischen Herzöge verloren endgültig ihre schweizerischen Besitztümer. Nominal blieben die Schweizer jedoch im deutschen Reichsverband, genau wie die nördlichen Niederlande, wo sich die Grafen und Herzöge bereits genauso zu Souveränen entwickelten wie die Herren in den deutschsprachigen Gebieten. Übrigens wurden auch die Gebiete im Norden der Niederlande von komplizierten politischen und sozialen Streitigkeiten heimgesucht. Gegensätze innerhalb des Adels, zwischen Patriziat und niederem Bürgertum, zwischen Städten untereinander sowie persönliche Konflikte spielten eine Rolle.
Im Osten ging der deutsche Einfluss stark zurück. Die Kolonisierungsbewegung nahm infolge des allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs ein Ende. Darüber hinaus gab es Reaktionen gegen die deutsche Kultur. Das intern lange Zeit uneinige polnische Königreich gewann unter König Kasimir III., dem Großen (1333-1370), rasch an Macht. 1365 kam es zur ersten gemeinsamen polnischen Ständeversammlung. Politische und rechtliche Zentralisierung und eine Neuorientierung auf die italienische kulturelle Tradition machten Polen gegenüber dem deutschen Erbe selbständiger.
In Ungarn vollzog sich eine vergleichbare Verschiebung – weg vom deutschen hin zum italienischen Einfluss, u. a. dadurch dass das Haus Anjou, das auch in Neapel regierte, zeitweise den ungarischen Thron innehatte.
Dänemark, Norwegen und Schweden schlossen sich 1397 in der Kalmarer Union unter Königin Margarete zusammen. Mehr denn je stellte die neue Machtgruppierung im Norden eine ernsthafte Bedrohung der Hanse dar.
In Spanien kam die Reconquista (Rückeroberung) zum Erliegen. Die christlichen Königreiche – Kastilien, Portugal, Aragonien und Navarra – waren zu sehr mit der Kriegsführung untereinander beschäftigt. Granada blieb ein islamisches Bollwerk.
In einer vergleichbaren Situation befand sich das christliche Konstantinopel, das von den Türken bedroht war. Die Tage des Byzantinischen Reiches schienen gezählt.
| 9. | Scholastik und Mystik |
Die Zahl der Universitäten in Europa nahm weiter zu, weil eine Reihe von Regierungen die Initiative ergriff, von Seiten des Staates solche Einrichtungen aufzubauen. Spontan gewachsene und bereits berühmt gewordene Universitäten wie Paris und Oxford übten eine große Anziehungskraft aus. In anderen Gegenden Europas gab es hingegen bis dahin noch gar keine Universitäten. Insbesondere in Mitteleuropa wurden die Lücken gefüllt. So gründete Kaiser Karl IV. 1348 die Universität von Prag, und seine Nachbarn, Rudolf IV. von Habsburg, Herzog von Österreich, und die Könige von Polen und Ungarn folgten seinem Beispiel (Wien 1365, Krakau 1364, Pécs 1367, Budapest 1389). Durch das Wegziehen deutschsprachiger Dozenten und Studenten aus Paris als Protest gegen die Unterstützung, die die Pariser Universität dem Papsttum in Avignon auch weiterhin gewährte, entstanden im weiteren Verlauf des Jahrhunderts auch in den deutschen Ländern neue Universitäten „von unten herauf” (Erfurt 1379, Heidelberg 1386).
Trotzdem zog es die einflussreichsten Intellektuellen und Denker der ersten Stunde auch weiterhin vor allem nach Oxford und Paris. Im vorigen Jahrhundert hatte hier die Wissenschaft der Theologie, die Scholastik, insofern ihren Höhepunkt erreicht, als es gelungen schien, mit Hilfe der Logik des nichtchristlichen Aristoteles eine komplette Zusammenfassung und philosophische Unterstützung der gesamten christlichen Lehre zu geben. Der wichtigste Name war Thomas von Aquin, der jetzt, 1322, heiliggesprochen wurde. Der Thomismus war nun zwar die offizielle Lehre des Dominikanerordens, aber sicher nicht die der gesamten katholischen Kirche.
Andere untersuchten weiter unverdrossen das Verhältnis zwischen den christlichen Glaubenswerten und den Schlussfolgerungen, zu denen das reine Denken gelangen musste. Sie waren mit der Lösung des Thomismus nicht zufrieden und vertraten die Auffassung, dass der Philosophie zu viele Zugeständnisse gemacht wurden, dass der christliche Glaube auf diese Weise schon zu sehr beschmutzt worden war. So galt die Lehre von Thomas von Aquin bald als überholt, und es trat eine neue Generation von Scholastikern auf. Die wichtigsten unter ihnen waren zwei englische Franziskaner, Duns Scotus (1270-1308) und Wilhelm von Ockham (1290?-1349).
Insbesondere von Ockham kam zu revolutionären Schlussfolgerungen. Seine Anhänger nannten ihn deshalb auch venerabilis inceptor (ehrwürdiger Erneuerer). Sehr vereinfacht ausgedrückt, konnten die christlichen Dogmen Wilhelm von Ockham zufolge nicht nur durch philosophische Argumentation nicht unterstützt werden, sie standen sogar ganz und gar im Widerspruch zum Verstand. Wilhelm machte sich zum Vorkämpfer einer erneuerten Form des so genannten Nominalismus.
Diese philosophische Richtung, die im 11. Jahrhundert von der Kirche verurteilt worden war, ging davon aus, dass nur konkrete Dinge wirklich bestanden und dass allgemeine Begriffe, mit denen Ideen umschrieben oder angedeutet wurden, insgesamt keinen Realitätsgehalt hatten. Ging es beispielsweise um ein Verhältnis zwischen zwei Menschen oder Dingen, dann bestanden in Wirklichkeit nur diese zwei Menschen oder Dinge, das Verhältnis aber existierte nur in unserem Denken. Wörter wie „Verhältnis” nannte Wilhelm „Zeichen” (Signa, Termini), und er definierte die Logik als die Wissenschaft der Zeichen (Terminismus). Würde eine solche Logik auf die christlichen Dogmen angewendet, würde sie diese gänzlich vernichten: Begriffe wie Gott, Dreieinigkeit usw. würden dann Dinge bezeichnen, die in Wirklichkeit nicht existierten. Da alle gläubige Christen waren, passierte etwas anderes: Es vollzog sich eine endgültige Trennung zwischen Philosophie und Theologie.
Für die Philosophen waren die Folgen weit reichend. Sie waren von der Notwendigkeit befreit, sich mit Theologie zu beschäftigen, und damit nach allen Seiten offen. Die ganze Welt, alle möglichen Themen kamen endlich in Betracht, von ihnen erforscht zu werden. Von diesen Möglichkeiten wurde sicher nicht sofort und von jedem Gebrauch gemacht. Die große Mehrheit gab sich den kompliziertesten Argumentationen zu den spitzfindigsten Problemen und abstrakten Fragen im Bereich der Theologie hin, gerade weil man der Auffassung war, den Dogmen doch nicht schaden zu können. Für manche war von Ockhams Standpunkt jedoch Anlass, ihre Aufmerksamkeit tatsächlich auf wirklich bestehende Dinge zu richten und sich, losgelöst von einem theologischen System, der naturwissenschaftlichen Forschung zuzuwenden.
Diese „Forschung” ging noch nicht so weit, wie es der Ketzer Roger Bacon im 13. Jahrhundert sicher gerne gesehen hätte. Dieser einsame und außergewöhnliche Gelehrte, dem zufolge man ohne direkte Wahrnehmungen und Experimente nichts von der Natur in Erfahrung bringen konnte, wurde seiner Ideen wegen in den Kerker geworfen und starb dort. Jetzt, viele Jahre später, war zu beobachten, dass sich bei mehr Menschen reines naturwissenschaftliches Interesse entwickelte. Hierfür waren die Pariser Terministen bekannt, darunter Johannes Buridan und Nicole Oresme. Sie waren noch immer argumentierende Philosophen, die, ausgehend von den Schriften des Aristoteles über die Natur, den Unklarheiten oder Unzulänglichkeiten ins Auge sahen und versuchten, sie zu beheben. Der Nominalismus ermöglichte es den Philosophen, damit aufzuhören, die Frage nach dem Wesen der Dinge zu stellen, und versetzte sie in die Lage, sich mit konkreten Ereignissen in der Natur zu befassen.
Es war verständlich, dass eine Reaktion von Seiten derer, die ein intensives religiöses Erleben, die „innere” Kenntnis von Gott, gegenüber einer immer komplizierteren und abstrakteren Theologie bei weitem bevorzugten, nicht ausblieb. Wie von Ockham und die Seinen die Philosophie von der Theologie lösten, versuchten insbesondere deutsche Mystiker, die Theologie von philosophischem Ballast zu befreien. Aufgewachsen in der Tradition der Scholastik, verwendeten sie jedoch weiterhin philosophische Ausdrücke und bauten philosophische Systeme auf. Diese Systeme sahen aber ganz anders aus als die alles umfassenden Schemen der Scholastiker. Meister Eckhart (1260-1327) konzentrierte sich insbesondere auf das Verhältnis zwischen der menschlichen Seele und Gott. Die Seele musste letztendlich in Gott aufgehen, konnte sogar Gott gleich werden, indem sie sich von allem Irdischen loslöste und den eigenen Willen aufgab. Eckhart meinte: „Außerhalb Gottes gibt es nichts, Schöpfung und Geschöpfe sind absolut nichts.” Indem er überall die Anwesenheit Gottes sah (Pantheismus), kam Eckhart vom rechten Weg der Orthodoxie ab, die eine deutliche Trennung zwischen Gott selbst und allem, was von ihm geschaffen wurde, vornahm. Gerade weil Eckhart keine düsteren mystischen Gedichte schrieb, sondern seine religiösen Erfahrungen in klar verständliche theologische Abhandlungen umsetzte und philosophischen Begriffen mit einer langen Vorgeschichte eine eigene Bedeutung gab, konnten ihn die kirchlichen Autoritäten attackieren. Schließlich wurden Teile seiner Lehre für Ketzerei erklärt.
Auch in den Niederlanden lebte und lehrte ein großer Mystiker: Jan van Ruysbroec, der doctor ecstaticus (1293-1381). Auch er hatte pantheistische Neigungen, stritt diese jedoch mit Nachdruck ab. Den mystischen Aufstieg der Seele zu Gott beschrieb er u. a. in Van seven trappen in den graed der gheesteliker Minnen. In den nördlichen Niederlanden konnte das Auftreten Gerhard Grootes als kombinierte Reaktion sowohl auf die Scholastik als auch auf den allgemeinen Verfall des sittlichen Lebens innerhalb der Kirche betrachtet werden. Gerhard Groote war ein Mann der Praxis. Von der philosophischen Theologie hielt er nichts, und auch die spekulative Mystik von Eckhart und Ruysbroec konnte ihn nicht reizen. Er verwarf die Wissenschaft, nahm von allem irdischen Abstand und wurde ein echter Moralprediger, der große Massen fesseln konnte. Die kirchlichen Autoritäten, denen er vorwarf, dass sie Mätressen hatten oder korrupt waren, belegten ihn mit einem Predigtverbot. Seinem Einfluss tat dies jedoch keinen Abbruch. Viele seiner Anhänger waren zusammengezogen und bildeten die „Brüder vom gewöhnlichen Leben”, eine freie Gruppierung von Laien, die nach der Lehre Gerhard Grootes leben wollte. Sie wohnten zusammen in einem Haus, hatten gemeinsamen Besitz, bestritten durch Selbsttätigkeit ihren Lebensunterhalt, in erster Linie durch das Kopieren einfacher religiöser Werke, aber auch durch Landarbeit, Tuchweberei, Schuhflickerei und Mattenflechterei.
| 10. | Literatur, Architektur und bildende Kunst |
Das letzte Werk des großen italienischen Dichters Dante Alighieri (1265-1321), La divina commedia (Die göttliche Komödie), wurde vermutlich zwischen 1307 und 1321 geschrieben. In poetischer Form schlug sich hier das gesamte westeuropäische Denken und Fühlen bis in diese Zeit nieder. Darüber hinaus schuf Dante auf der Grundlage des Italienischen, wie es in der Toskana gesprochen wurde, eine neue Kultursprache, die schon bald als Italienisch par excellence empfunden und von seinen Bewunderern weiterentwickelt wurde. Der florentinische Chroniker Villani erwähnte Dante mit besonderer Ehrerbietung: „Dieser Mann war ein großer Gelehrter auf fast jedem Gebiet, obwohl er Laie war. Er war ein großer Dichter und Philosoph und verfügte über einen perfekten Stil, sowohl in Prosa als auch in Poetik ... Und er hat die Komödie geschrieben, in der er in geschliffenen Versen und mit großen tiefsinnigen Problemen, moralischen, naturkundlichen, astronomischen, philosophischen und theologischen, in hundert Kapiteln und Gesängen die Existenz und das Wesen von Fegefeuer und Himmel behandelt hat, so erhaben wie nur möglich, wie jeder sehen und begreifen kann, der einen guten Verstand hat.” (Giovanni Villani: Cronaca, unter 1321)
Nach Dante, der die Mission auf sich genommen hatte, zu versuchen, die gesamte Menschheit davon zu überzeugen, der Sünde, dem Chaos und der Anarchie den Rücken zuzukehren und die christliche Lehre besser zu befolgen, gab es, zumindest in Italien, niemanden mehr, der die alten Ideale auf ähnliche Weise darstellen konnte. Die Autoren, die nach ihm kamen, hatten eine andere Mentalität. Nicht, dass sie die christlichen Ideen des älteren Autors nicht geteilt hätten, im Gegenteil. Nicht nur bei dem breiteren Publikum blieb Dante während des gesamten Jahrhunderts besonders populär, auch die meisten Autoren ließen sich von seinem Werk mitreißen, und zwar sowohl wegen seiner prachtvollen Sprache als auch wegen seiner großen Vision.
Es hatte jedoch den Anschein, als ob sich ihre Aufmerksamkeit doch verschob, als ob sie sich weniger mit allem Höheren und rein Geistlichen befassten und ihr Interesse sich stärker auf eine nicht weniger erhabene, aber doch irdische Schönheit konzentrierte, über die sie bestimmte neue Auffassungen hegten. Der große Erneuerer war Francesco Petrarca (1304-1374). Petrarca zufolge mussten die Italiener in ihrer Geschichte weit zurückgehen, bis sie etwas fänden, auf das sie wirklich stolz sein konnten. Diese Bewusstwerdung allein erachtete er bereits als von größter Bedeutung, und all die Jahrhunderte, die zwischen dem klassischen Rom und seiner eigenen Zeit, die erneut zum Bewusstsein römischer Größe gelangte, lagen, verwarf er mit tiefer Verachtung als „barbarische”, „düstere” und „gotische” Zeiten.
Daher rührte auch seine Begeisterung für die 1347 errichtete (übrigens sehr kurze) Diktatur des Volksführers Cola di Rienzi in Rom, der ebenfalls für das alte Rom schwärmte und sich selbst als den „Befreier der Heiligen Römischen Republik” ankündigte. Aber nicht nur der politische Aspekt interessierte Petrarca. Auch (und vielleicht sogar vor allem) die künstlerischen und literarischen Schöpfungen dieser langen, düsteren Phase konnten in seinen Augen keine Gnade finden. Er fand sie alle einfach nur hässlich, barbarisch, nicht lateinisch. Während Dante voller Bewunderung für die Scholastiker gewesen war, insbesondere für Thomas von Aquin, und dadurch inspiriert wurde, griff Petrarca lieber auf die Kirchenväter, vor allem auf Augustinus, zurück. Er begann, nach alten lateinischen und auch griechischen Manuskripten zu suchen. Seine Entdeckung der Briefe von Cicero an dessen Freund Atticus war eine Offenbarung. In seinen eigenen Briefen und Gedichten, historischen, philosophischen und religiösen Schriften versuchte er, Ciceros flüssigen literarischen Stil nachzuahmen. Dieses klassische Latein siedelte er weit über den in einer barbarischen Form des Lateins abgefassten theologischen Abhandlungen späterer Zeiten an, ja sogar über der italienischen Poesie. Als leidenschaftlicher Italien-Liebhaber konnte er jedoch nicht umhin, auch Gedichte, meistens Sonette, in modernem Italienisch zu schreiben, die zusammen mit anderer Lyrik in das Werk Canzoniere aufgenommen wurden. Dabei handelte es sich überwiegend um Liebespoesie (in der die Figur Laura hervortrat). Das Werk enthielt aber auch eine Reihe religiöser Gedichte sowie sein Italia mia, das von seiner Liebe zu seinem Vaterland zeugte und folgendermaßen begann: „Mein Italien, auch wenn Worte bei den tödlichen Wunden, die ich so oft in deinem schönen Körper sehe, wenig helfen, will ich doch, dass meine Verse die Klage hören lassen, nach denen Tiber, Arno und Po verlangen. Hier sitze ich traurig und niedergeschlagen. Herrscher des Himmels, ich flehe dich an, möge sich die Barmherzigkeit, die du auf die Erde gebracht hast, auf dein geliebtes, heiliges Land richten. Sieh, segensreicher Herr, welch schrecklicher Krieg aus welch leichtsinnigen Gründen, und sieh die Herzen, hart und verschlossen durch den stolzen und wilden Mars. Öffne sie, Vater, erweiche und öffne sie. Gib, dass deine Wahrheit durch meine Sprache, wie schwach sie auch sei, auch in ihnen hörbar wird.”
Petrarcas Werk hatte noch einen anderen Aspekt. Anhand der Werke der Dichter und Denker vor ihm konnte man sich nur eine unvollständige, oft sehr vage Vorstellung davon machen, was für Menschen sie gewesen sein mussten. Mit Begeisterung widmete sich Petrarca, insbesondere in seinem Werk Secretum, der Erforschung des eigenen Ich, schrieb seine intimsten Gedanken auf, schonte sich dabei nicht. Liebe, Habgier und Eitelkeit, den peinlichen Gegensatz zwischen der Wirklichkeit des Alltags und den höheren Idealen, seinen gesamten Charakter versuchte er auf realistische Weise zu entwirren. Seit dem späten Altertum (den Bekenntnissen des Augustinus) hatte es ein solches Offenlegen der eigenen Seele nicht mehr gegeben.
Der dritte große italienische Schriftsteller dieser Zeit (natürlich gab es noch andere) war Giovanni Boccaccio (1313-1375). Als leidenschaftlicher Bewunderer von Dante und Petrarca, gleichzeitig intimer Freund Petrarcas, war er, anders als die beiden, in erster Linie der Künstler, bei dem das intellektuelle Element einen weniger bedeutenden Platz einnahm. Obwohl Boccaccio viel tat, um die Menschen für die Wiederentdeckung der lateinischen und griechischen Literatur vorzubereiten, gehört sein bedeutendstes Werk in den Bereich der italienischen Literatur. In seinem Werk Decamerone stellte er sieben junge Frauen und drei junge Männer vor, die beschlossen, in einer Villa weit weg von der Stadt zu wohnen, solange in Florenz die Pest wütete. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählten sie sich reihum phantastische Liebesgeschichten verschiedenster Art: leidenschaftliche, frivole, tragische, komische, ernste usw. Boccaccios Welt war sehr irdisch. Für Ideale höherer Art gab es in Boccaccios Decamerone keinen Platz. Als Hüter der italienischen Sprache allgemein verteidigte er insbesondere Dantes Poesie und dessen Entscheidung, La divina commedia nicht in gehobenem Latein, sondern in der Landessprache zu schreiben. Italienisch war Boccaccio zufolge vollkommen würdig, um erhabene Gedanken wiederzugeben. 1373 wurde er von der Stadtverwaltung von Florenz beauftragt, der Öffentlichkeit in der Kirche des heiligen Stefanus von Badia Erläuterungen zu La divina commedia zu geben, was eindeutig belegte, welche Verehrung dieses Werk weithin genoss.
Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurde in England in allen Schichten der Gesellschaft Englisch allmählich zur Alltagssprache. Es war verständlich, dass sich unter diesen Umständen bis dahin keine „echte”, große Literatur hatte entwickeln können. Die altenglische Literatur (7. bis 10. Jahrhundert), zunächst durch die dänische und anschließend durch die normannische Invasion beeinträchtigt, war zu einem eigenständigen Ganzen geworden. Das Englisch, das nach mehreren Jahrhunderten nun wieder die Oberhand gewann, sah jedoch aufgrund des lang anhaltenden französischen Einflusses ganz anders aus. Nicht, dass sich die Struktur der Sprache verändert hatte, der auffälligste Unterschied bestand vielmehr darin, dass viele altenglische Wörter aus dem Wortschatz verschwunden waren, während eine enorme Menge französischer Ausdrücke hinzugekommen war. Die neue Literatur florierte im ganzen Land, wozu viele Schriftsteller mit all ihren regionalen Unterschieden beitrugen. Geoffrey Chaucer aus London (1340-1400) war vielleicht der am meisten bewunderte Autor. Während er in seinen ersten Werken noch dem Einfluss des früher zur Entwicklung gelangten Französischen und Italienischen unterlag, gelangte er in seinen Canterbury Tales zu einer eigenen persönlichen Dichtkunst, die auch echten englischen Geist ausstrahlte. Siehe auch englische Literatur; englische Sprache
In der Architektur baute man im Allgemeinen auf der Grundlage auf, die im 12. und 13. Jahrhundert in Frankreich gelegt worden war. Große Kathedralen, mit denen man jahrzehntelang beschäftigt gewesen war, wurden fertig gestellt, bereits lange Zeit vollendete Bauwerke wurden repariert, mit neuen wurde begonnen. Andere Länder übernahmen die in Frankreich entstandenen Formen und entwickelten diese jetzt auf eigene Weise. Nur Italien mit seiner eigenen uralten Bautradition blieb für die französische Baukunst relativ unempfänglich. Hier setzten sich vor allem bestimmte äußerliche Merkmale wie die dekorative Bildhauerarbeit durch. Dass die Architekten an den inzwischen traditionellen Grundrissen nicht wesentlich rüttelten, bedeutete nicht, dass es nicht zu Stiländerungen kam. Im Gegenteil, es fiel auf, wie sehr sich der äußere Anblick, den viele Kirchen nun bekamen, verändert hatte. Die Ursache war der stets größere Anteil an Dekoration. Das rein dekorative Element, wie beispielsweise Bildhauerarbeiten an der Außenfassade, nahm an Umfang zu, aber auch rein konstruktive Teile, wie Rippen- und Kreuzgewölbe, die ursprünglich nur aus technischer Sicht erforderlich waren, erhielten so viel zusätzliche Verzierungen, dass die im Grunde strenge Struktur nicht mehr deutlich erkennbar war. Die Verzierung der Gewölbe wurde vor allem durch eine große Anzahl zusätzlicher Rippen gekennzeichnet, die alle demselben Mittelpunkt entsprangen und dann kreisförmig nach allen Seiten ausfächerten. Der Effekt, der hierdurch erreicht wurde, hatte etwas von einem strahlenden Stern. Andere Formen der Dekoration erhielt man, indem man immer höhere Wände baute mit immer größeren, bunten, rosenförmigen Fenstern. Nicht nur in neuen Kirchen ging man so vor, auch ältere Bauwerke wurden dem neuen Geschmack entsprechend verändert. Siehe auch Gotik; französische Kunst und Architektur; italienische Kunst und Architektur
Im deutschen Reich war die berühmte Familie Parler, ein ganzes Geschlecht von Baumeistern und Bildhauern, auf diesem Gebiet tonangebend. Sie arbeiteten in vielen deutschen Städten: Köln, Ulm, Regensburg, Nürnberg, Prag usw. Peter Parler, wichtigster Vertreter dieses Geschlechts, wurde 1353 von Kaiser Karl IV. nach Prag gerufen, um dort u. a. den Sankt-Vitus-Dom (siehe Prag) zu vollenden. Dass sich auch in der Bildhauerkunst Veränderungen vollzogen, belegte das Werk Peter Parlers und vor allem das des niederländisch-burgundischen Künstlers Claus Sluter. Die Bildhauerei blieb in Bezug auf Inhalte zwar an feste Programme und Traditionen gebunden, sie entwickelte sich jedoch zu einer selbständigen Kunst, losgelöst von der Architektur mit eigenen Zielsetzungen, und arbeitete nach Modellen aus der Natur. Die berühmten Porträtbüsten weltlicher und geistlicher Würdenträger, die Peter Parler für den Chorraum des Prager Doms schuf, machten nicht länger den traditionell idealisierten Eindruck und waren voll realistischer Details.
Am Ende seines Lebens stand der in Harlem geborene Sluter als Leiter des herzöglichen Ateliers in Dijon in Burgund in den Diensten Philipps des Kühnen. Seine Werke standen frei im Raum, wodurch ihnen Sluter viel mehr Volumen und freiere Haltungen geben konnte, als es früheren Künstlern möglich war. Das Schwebende, Schwerelose und Idealisierte von früher machte nun Platz für beinahe fühlbare, natürliche Schwere. Auch wenn die Figuren reich drapierte Gewänder trugen, und das war häufig der Fall, blieben die darunter liegenden Körperformen fühlbar vorhanden. Das stereotype Lächeln ersetzte Sluter durch individuelle Gesichtszüge, was oft eine sehr dramatische Wirkung ergab. In dieser Hinsicht war der so genannte Mosesbrunnen, den er für die Abtei in Champmol machte, ein echtes Meisterwerk. Ein weiteres Hauptwerk war das Grab Philipps des Kühnen. Siehe auch niederländische Kunst und Architektur; deutsche Kunst
In Italien (Florenz, Padua) erreichte der Maler Giotto Anfang des 14. Jahrhunderts den Höhepunkt seines Schaffens. Er war der eigentliche Schöpfer der italienischen Malerei, dessen Einfluss sich nahezu kein Maler, weder in Italien selbst (abgesehen von lokalen Schulen z. B. in Siena, Venetien, Rimini) noch im restlichen Europa, mehr entziehen konnte. Berühmte Vorgänger wie Duccio, Cavallini und Cimabue, die übrigens nicht viel älter waren als Giotto, malten überwiegend im üblichen byzantinischen Stil. Obwohl sie ihren Werken (Fresken, Tafelbilder) durchaus auch andere, originellere Züge gaben, beispielsweise im Hinblick auf Farbe, Lichteinfall, eigenes religiöses Gefühl, führte dies nicht zu wesentlichen Veränderungen. Wie berühmt diese Künstler häufig auch wurden, und das nicht zu Unrecht, Giotto überragte sie alle. Die Öffentlichkeit war für seine Kunst voller Bewunderung. Dante: „Oh, eitler Ruhm menschlichen Könnens. Einst dachte Cimabue, in der Malerei das Feld zu beherrschen, und nun hat Giotto den Namen, so dass der Name des anderen verdunkelt worden ist.” (La divina commedia, Purgatorio, XI, 95)
Das Neue an Giotto wurde in den Fresken der Arenakapelle (nach dem Auftraggeber auch Capella degli Scrovegni all’Arena genannt) in Padua erst richtig deutlich. Wie bei der Bildhauerkunst bestand inhaltlich auch hier wenig oder kein Unterschied zu den Vorgängern. Die Malerei Giottos und seiner Nachfolger blieb während des gesamten Jahrhunderts rein religiös inspiriert, das einzige Ziel bestand darin, die christliche Lehre mit Bildern zu illustrieren. Aber auch wenn das Ziel dasselbe blieb, die verwendeten künstlerischen Mittel waren anders, sie waren realistischer. Für ein Gemälde schuf Giotto zunächst einen großen Raum, in dem die einzelnen Figuren zusammen handelnd auftraten, ein dramatisches Ganzes bildeten, während man die Figuren früher gleichsam nebeneinander in einer flachen Ebene aufgestellt hatte, ohne zu versuchen, eine Illusion von Raum zu schaffen. Darüber hinaus wurden die Figuren jetzt so gemalt, dass sie von flachen, auf eine Wand gemalten Wesen zu Menschen aus Fleisch und Blut wurden.
Nach Giotto konnte niemand mehr auf die alte Art und Weise weitermalen. Nach 1350 schien es, als wäre es unter den Malern in Florenz und Siena zu einem gewissen Stimmungswechsel gekommen. Obwohl die beiden Städte verschiedene Traditionen auf dem Gebiet der Malerei wahrten, wiesen sie nun Gemeinsamkeiten auf. Man schien von einem erneuten religiösen Feuer angesteckt, von einer düstereren Lebensauffassung angezogen, was sich in der Malerei in der Rückkehr des alten Symbolismus äußerte. Insbesondere die Magd Maria und Christus hatten wieder weniger menschliche Proportionen und unterschieden sich durch ihre Erhabenheit, Unbeweglichkeit, Isoliertheit und frontale Wiedergabe. Am deutlichsten wurde der Charakter dieser Kunst vielleicht in dem von Andrea Orcagna geschaffenen Tafelbild der Strozzi-Kapelle von Santa Maria Novella in Florenz. Trotzdem blieb Giotto das große Vorbild.
Man durfte diese zeitweise Veränderung deshalb wohl unmittelbaren Ereignissen in der Gesellschaft selbst zuschreiben. Hungersnot, soziale und politische Unruhe, vor allem aber die Pest, die die Bevölkerung äußerst belastete, wirkten sich auch auf die Künstler aus. Pessimismus trat an die Stelle des eher heiteren, optimistischen Charakters, den die Kunst in Italien in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ausstrahlte. Dem Streben nach Vermenschlichung zog man demütige Unterwerfung und Konzentration auf Gott vor. Solche Reaktionen waren auch bei anderen Künstlern anzutreffen, insbesondere bei dem Schriftsteller Boccaccio. In seinem Werk Decamerone spielte die Pest eigentlich kaum eine Rolle. Das Wüten der Pest war ein literarischer Trick, um eine Reihe von Menschen gezwungenermaßen zusammen sein zu lassen, fern ab der Stadt, wo die Menschen der Pest massenweise zum Opfer fielen. Die Erzählungen waren deshalb nicht weniger fröhlich. Aber Mitte der fünfziger Jahre änderte sich Boccaccios Gemütszustand schlagartig. Er verwarf sein früheres Werk und ging dazu über, moralistische Abhandlungen zu schreiben, die zu asketischer Lebensweise aufriefen. Es war nicht wirklich klar, wie es genau zu dieser Besinnung kam, aber die Bankrotterklärungen der Bankhäuser (die ihn an den Rand der Armut brachten), die politische Revolution (die er heftig kritisierte) und die allgemeine Veränderung der moralischen und religiösen Atmosphäre in Florenz trugen sicher ihren Teil dazu bei. In einem Brief an seinen Freund Mainardo Cavalcanti schrieb er 1373 über Decamerone: „Ich finde es alles andere als angenehm, dass Sie es zugelassen haben, dass die erlauchten Frauen Ihres Hauses mein Gefasel lesen. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihr Wort, es nicht mehr zu tun. Sie wissen, wie viel hiervon weniger als wohlanständig ist, im Widerspruch zur allgemeinen Ehrbarkeit, wie viel Reiz im Hinblick auf die heillose Venus sie enthalten, wie viel Dinge, die selbst die Stärksten zu Schandtaten treiben ... Meine weiblichen Leser werden mich für einen furchtbaren Kuppler halten und einen schmierigen alten Mann, schamlos, bösartig und mit schmutziger Sprache darauf aus, Geschichten über die Zügellosigkeit anderer zu verbreiten ...”
Das Elend dieses Jahrhunderts führte nicht nur direkt zu Aufständen und revolutionären Theorien, es beeinflusste in einigen Fällen auch Kunst und Literatur. Die Einheit der Zivilisation im Allgemeinen, wie sie im 13. Jahrhundert bestand, war übrigens verschwunden, und überall in Europa war alles in Bewegung. Erneuerung und Verschiedenheit in jedem Bereich der Kultur, mitunter sogar ein echter Bruch mit der Vergangenheit. Die Zeiten hatten sich definitiv geändert.