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| 1. | Einleitung |
Zum Thema Millennium sind die folgenden weiteren Texte verfügbar: Millennium: 11. Jahrhundert; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 16. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität.
Es war in diesem Jahrhundert nicht anders als im vorhergehenden: Reiche, von denen man dachte, dass sie die Zeiten überdauern würden, erlagen äußeren Feinden oder verloren durch ihre innere Zerrissenheit an Bedeutung, während in Gebieten, in denen man es nicht erwartet hatte, mächtige Staaten entstanden.
So ging im Nordwesten Afrikas das einst so mächtige Mariniden-Reich an einem inneren Machtkampf zugrunde. Dabei waren die Ermordung und Absetzung herrschender Sultane keine Seltenheit. Das östlich dieses Gebiets gelegene Hafsiden-Reich erwies sich als deutlich stabiler, aber da dieser Staat lange Zeit muslimischen Seeräubern als Unterschlupf und Operationsbasis diente, genoss er vor allem aus christlicher Sicht kein gutes Ansehen. Der politische Schwerpunkt Afrikas schien sich zur Mitte des Kontinents hin zu verschieben, denn im Lauf des 15. Jahrhunderts zeichneten sich immer deutlicher zwei neue Machtblöcke ab. Am Oberlauf des Niger gelang es Sonni Ali dem Großen, einen stabilen Staat zu gründen, während etwa zur gleichen Zeit das weiter östlich gelegene Kano als ein nicht zu vernachlässigendes Haussa-Reich in Erscheinung trat.
In Mexiko durchbrachen die Azteken das Gleichgewicht zwischen den dort lebenden Völkern. Die Notwendigkeit, den Göttern immer mehr Menschenopfer darbringen zu müssen, veranlassten Montezuma I. und seine Nachfolger dazu, die Völker, mit denen sie erst ein Bündnis geschlossen hatten, mit brutaler Gewalt ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Selbst den äußerst kriegerischen und in dieser Region so gefürchteten Huaxteken gelang es nicht, ihre Selbständigkeit gegenüber den Azteken zu wahren. In den Anden zeigte das Reich der Inka dagegen ein stabiles Bild, aber die Ruhe war mit Sicherheit nicht als ein Ausdruck von Gemächlichkeit zu verstehen. Dazu waren die Fürsten viel zu sehr mit Reformen beschäftigt, die allesamt zum Ziel hatten, die Organisation des gesellschaftlichen Lebens auf einen höheren Grad der Vollkommenheit anzuheben.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts standen die Mongolen, das Steppenvolk aus Asien, unter der Herrschaft des rastlosen Timur. Nach seinem Tod drohten die Mongolen in kleinere Stämme zu zerfallen. Diese Gefahr wurde erst durch den westmongolischen Großkhan Esen abgewendet, der die Stämme in einem Stammesbund vereinigte. Nach dessen Tod sorgte einer der ostmongolischen Führer, Dayan Chan, für die Einheit. Es gelang ihm, einen mongolischen Einheitsstaat zu gründen. Eines der Reiche, für die die Mongolen beinahe während des gesamten Jahrhunderts eine Bedrohung darstellten, war China, wo die Kaiser der Ming-Dynastie die Regierungsgewalt formell ausübten. Wirkliche Macht hatten aber nur wenige, weil sie machtbesessenen Eunuchen zu viel Einfluss ließen. Eine Ausnahme hiervon bildete Jung-lo, der 1402 selbst durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war. Unter seiner Herrschaft wurden die Mongolen auch außerhalb der Grenzen Chinas angegriffen, und chinesische Schiffe nahmen Kurs auf ferne Länder (u. a. Indien).
Auf dem indischen Subkontinent war von dem einst so mächtigen Sultanat Delhi zu dieser Zeit nicht viel mehr als nur der Name übrig. Nach den verheerenden Angriffen von Timur-i Läng gegen Ende des 14. Jahrhunderts fehlte dem Fürstentum nun die Kraft, einheimische und fremde islamische Dynastien davon abzuhalten, in den ehemaligen Provinzen des Sultanats eine unabhängige Regierungsgewalt aufzubauen. So entstanden Fürstentümer, die nicht nur Delhi, sondern auch Vijayanagar gegenüber eine aggressive Haltung einnahmen. Dieses Reich, das sich außerdem als letztes Bollwerk des Hinduismus in dieser Region betrachtete, fühlte sich dann auch genötigt, eine große Armee zu unterhalten, die überwiegend aus Geldern finanziert wurde, die von arabischen und ägyptischen Handelshäusern als Gegenleistung für das Monopol im Gewürzhandel zur Verfügung gestellt wurden.
Auch die muslimischen Staaten des Mittelmeerraumes hatten unter Timur-i Läng zu leiden. 1401 wurden die Armeen des Mamelucken-Reichs (Mittelpunkt: Ägypten) in Syrien vernichtend geschlagen. Dadurch, dass sich die Mongolen dann gegen den osmanischen Staat wandten, blieben den Mamelucken weitere Katastrophen erspart. Doch sollte ihr Reich in diesem Jahrhundert an Kraft einbüßen, was teilweise auch auf seine schwache innere Struktur zurückzuführen war.
In einem Bericht für den französischen und englischen König schrieb Guillebert von Lannoy hierzu im Jahr 1421: „Man muss wissen, dass es in dem ganzen Land von Ägypten, Syrien und Sayette nur einen gemeinsamen Herrscher gibt, den Sultan von Babylon, der über alles herrscht. Dieser Sultan gehört seiner Abstammung nach niemals zu einem der Völker aus diesen Gebieten, weil diese Menschen, wie es heißt, über zu wenig Fähigkeiten verfügen und eine zu schwache körperliche Verfassung besitzen, um ihre Gebiete gut zu regieren … Trotzdem lebt er immer in Angst und läuft immer Gefahr, von einem anderen Emir, der mächtiger ist als er, abgesetzt zu werden, sei es durch Verrat oder durch Verschwörungen … Selbst wenn der Sultan Kinder hat und im Einvernehmen mit den Emiren bestimmt hat, dass eines dieser Kinder sein Nachfolger werden soll, geschieht es nicht oft, dass nach der langen Regierungszeit des Sultans tatsächlich einer seiner Söhne an die Macht kommt. Denn meistens wird dieser Sohn dann von einem der Emire gefangen genommen oder gar erdrosselt oder vergiftet.” (Guillebert de Lannoy: Voyages et ambassades)
Ein anderer Staat, der von Angriffen der Mongolen heimgesucht wurde, war das Osmanische Reich, das sich über weite Gebiete Kleinasiens und des Balkans erstreckte. Es wurde von Timur-i Läng im Jahr 1402 vernichtend geschlagen, aber, anders als das Mamelucken-Reich, erholte es sich im Lauf der Zeit und konnte seinerseits den Angriff auf Europa wieder aufnehmen. In der Mitte des Jahrhunderts fiel Konstantinopel in die Hände der Osmanen. Dies bedeutete das Ende des Byzantinischen Reichs. Der Kaisertitel wurde von den Großfürsten von Mos übernommen, denen es im Lauf des Jahrhunderts gelungen war, sich der mongolischen Oberhoheit zu entziehen und die auseinanderstrebenden Fürstentümer ihrer Autorität zu unterwerfen.
Der Bildung einer Großmacht in Osteuropa stand die Aufsplitterung Westeuropas in verschiedene Nationalstaaten gegenüber. Zwar wurde auf dem Konstanzer Konzil die Einheit der Kirche wiederhergestellt, aber das Entscheidungsrecht in weltlichen Angelegenheiten mussten die Päpste in zunehmendem Maß den aufkommenden Staaten überlassen. Von Einigkeit unter diesen neuen Reichen konnte keine Rede sein. Bedingt durch die vielen Streitigkeiten untereinander, die oft mit Waffengewalt ausgetragen wurden, waren die Völker Westeuropas nicht imstande, sich dem Vorrücken der islamischen Kräfte in Südosteuropa entgegenzustellen. In gewisser Weise bilden die Königreiche auf der Iberischen Halbinsel diesbezüglich eine Ausnahme. Denn es gelang ihnen nicht nur, den Islam aus ihren Territorien zu vertreiben, sondern sie waren auch bereit, Reisen in bis dahin noch unbekannte Gegenden der Welt zu finanzieren.
| 2. | Europa |
| 1. | Die Entdeckungsreisen |
Viele Jahrhunderte lang erzählten sich die Seeleute die alte Geschichte, dass dort, wo sich die Küsten Spaniens und Nordafrikas einander näherten, um das Mittelmeer gewissermaßen nach Westen hin abzuschließen, das Standbild eines Mannes gestanden habe, der, mit dem Rücken zum Ozean gekehrt, seine Arme seitwärts ausgestreckt habe, um deutlich zu machen, dass man hier nicht weiterfahren könne. Aber nun, am Anfang des 15. Jahrhunderts, fragten sich immer mehr Menschen, ob der Ozean wirklich als Barriere zu betrachten sei. Schien er nicht eher dazu geschaffen, Indien zu erreichen, ohne die vom Islam beherrschten Gebiete durchqueren zu müssen?
Das war jedenfalls die Auffassung der Portugiesen und Spanier, die sich, angetrieben von Gewinnsucht und Glaubenseifer, auf die Suche nach neuem Land machten. Einerseits also Gewinnstreben: In den Hafenstädten an der nordafrikanischen Küste hatte man gehört, dass es in südlicheren Gegenden Afrikas große Goldvorkommen geben solle. Außerdem suchte man einen Seeweg nach Indien, um über diese Seefahrtsroute die Gewürze, die es dort gab, nach Europa zu bringen und so die Gewinne der arabischen Zwischenhändler selbst einnehmen zu können.
Andererseits der Glaubenseifer: So wurde schon Christoph Kolumbus auf seiner ersten Fahrt nach Amerika von einer Gruppe von Franziskanern begleitet, die das Evangelium den Völkern verkünden wollten, die davon noch nie gehört hatten.
Portugiesen und Spanier versuchten jeweils über eine eigene Seeroute Indien zu finden. Die Portugiesen bemühten sich, einen Seeweg um Afrika herum zu entdecken. Immer wieder gelang es Prinz Heinrich dem Seefahrer, Gelder für Expeditionen aufzutreiben, bei denen immer weiter südlich gelegene Küstenstreifen angelaufen wurden. Und zu einem Zeitpunkt, als man an der Existenz eines Seewegs um Afrika herum zu zweifeln begann, umsegelte Bartolomeu Diaz den südlichsten Punkt (1487), dem er zunächst den Namen Sturmkap gab, weil er diese Stelle während eines Sturms passierte. Nicht zu Unrecht änderte der portugiesische König den Namen im Nachhinein in „Kap der Guten Hoffnung”, denn am 23. Mai 1498 ging Vasco da Gama in Calicut vor Anker. Indien war erreicht!
Zwar gab es reichlich Gewürze und andere Waren, aber der Zugriff darauf erwies sich doch als schwierig. Die arabischen Kaufleute dachten vorerst gar nicht daran, sich ihre Monopolstellung aus der Hand nehmen zu lassen.
Inzwischen hatte der aus Genua stammende Kolumbus die katholischen Könige Spaniens dazu bewegen können, ihm einige Schiffe zu überlassen, mit denen er, über den Atlantik nach Westen steuernd, die Ostküste Asiens erreichen wollte. Auf diese Weise sollte eine Seeverbindung nicht nur mit China, sondern auch mit dem von Marco Polo so genannten „Eldorado” gefunden werden. Nach der neuen Weltkarte von Toscanelli (1474) war die Westroute ja viel kürzer als die Fahrt um Afrika herum. Auf seiner ersten Reise erreichte Kolumbus San Salvador und Hispaniola (1492). Bei seinen späteren Reisen entdeckte er noch zahlreiche Inseln. Dies brachte ihn zu der Überzeugung, dass er an einer dem asiatischen Festland vorgelagerten Inselgruppe angekommen sei. Jeden Augenblick konnte man auf die Küste des asiatischen Kontinents selbst stoßen! Aber die nach Spanien mitgebrachten Waren – keine Gewürze und nur wenig Gold – ließen bei bedeutenden Persönlichkeiten in Spanien starke Zweifel aufkommen, ob die entdeckten Inseln wirklich in der Nähe des ostasiatischen Festlands lägen.
Infolge der Entdeckungsreisen hatten die Auseinandersetzungen zwischen Spanien und Portugal unterdessen bereits stark zugenommen. Dies führte schließlich zur Aufnahme direkter Verhandlungen zwischen den beiden Staaten in Tordesillas (1494). Das Ergebnis dieser Verhandlungen war ein Vertrag, aufgrund dessen über die gesamte Erdkugel, vom Nordpol bis zum Südpol, eine denkwürdige Grenzlinie gezogen wurde, die 370 Seemeilen westlich von Cap Vert verlief. Spanien sollte alle westlich und Portugal alle östlich dieser Linie liegenden „entdeckten und noch zu entdeckenden” Gebiete zu seinem Einflussgebiet zählen dürfen. Natürlich war es fraglich, ob alle nicht an den Verhandlungen beteiligten Länder mit dieser Aufteilung einverstanden sein würden. Darüber hinaus hatten die Entdeckungsreisenden auf ihren Fahrten Kontakt mit Vertretern verschiedener ferner Reiche gesucht und bisweilen auch gefunden. Würden diese den in Tordesillas getroffenen Vereinbarungen zustimmen?
| 2. | Kampf gegen den Islam |
Nach der Niederlage bei Angora (heute Ankara) 1402 erlebte das Osmanische Reich zunächst einen Rückschlag: Zum einen gab es Unabhängigkeitsbestrebungen in Kleinasien, zum anderen entbrannte zwischen nicht weniger als vier Thronanwärtern ein Kampf um den Thron, und schließlich herrschte zwischen der türkischen Aristokratie auf der einen Seite und aufkommenden, militärisch ausgerichteten Gruppierungen auf der anderen Seite Streit.
Im Brennpunkt des Interesses stand dabei die Frage, ob das Osmanische Reich auf dem Balkan Gebietserweiterungen anstreben sollte. Erst Murad II. (1421-1451) konnte diese Gebietserweiterungen tatsächlich in Angriff nehmen. Zwar scheiterte sein Versuch, Konstantinopel zu erobern, zunächst noch (1421). Aber sein Vorstoß Richtung Adria beunruhigte Venedig so sehr, dass es zeitweilig seine ehemals neutrale Haltung aufgab, die es zugunsten seiner Handelsinteressen im Sultanat eingenommen hatte. Dies konnte aber nicht verhindern, dass Murad im Jahr 1430 Saloniki eroberte und danach seine Angriffe gegen das Gebiet nördlich der Donau richtete.
Mehr als Raubzüge waren diese Angriffe allerdings zunächst nicht, da die Ungarn unter Führung Kaiser Sigismunds und des Edelmanns Hunyadi ihrerseits Gegenangriffe auf das Gebiet südlich der Donau unternahmen. Schließlich begnügte sich Murad mit der Sicherung seiner Gebiete in Kleinasien und Europa und schloss mit den Ungarn Frieden (1443). Danach übertrug er seinem Sohn Mehmed II. die Regierungsgewalt, um selbst ein Leben in Kontemplation führen zu können.
Unter dem jungen und unerfahrenen Herrscher lebten die inneren Streitigkeiten wieder auf. Dies ermutigte die Christen dazu, trotz des geschlossenen Vertrags – gegen die Nichteinhaltung eines mit Heiden abgeschlossenen Vertrags hatte der Papst nichts einzuwenden – einen Kreuzzug zu organisieren. Als die Lage eine für die Türken verhängnisvolle Wendung zu nehmen drohte, nahm Murad II. das Zepter wieder in die Hand und brachte dem Kreuzfahrerheer bei Varna eine vernichtende Niederlage bei (1444). Dabei kam Murad auch entgegen, dass Venedig die Türken entgegen den Abmachungen unterstützte.
Nach dem Tod Murads wurde Mehmed II. erneut Sultan und begann sogleich mit den Vorbereitungen für die Eroberung Konstantinopels. Mit einem großen Truppenaufgebot wurde die Stadt umzingelt, und 1453 fiel die Hauptstadt des einst so mächtigen Byzantinischen Reichs nach verhältnismäßig kurzer Belagerung. Obwohl der Fall bereits seit vielen Jahren befürchtet und vorhergesehen worden war, lösten die Ereignisse im christlichen Lager nun heftige Reaktionen aus, aus denen bisweilen auch Panik sprach.
So schrieb der Erzbischof von Mytilene, Leonhard von Chios, an den Papst: „Denkt daran, Heiliger Vater, Stellvertreter Christi auf Erden, wem es zukommt, das unserem Heer und seinen getreuen Dienern angetane Unrecht zu rächen. Möge das göttliche Erbarmen Euch dazu bewegen, Mitleid mit Euren christlichen Untertanen zu zeigen. Ihr kennt die Umstände, und es liegt in Eurer Macht zu handeln: Auf Euer Zeichen hin wird jeder Christenfürst unverzüglich bereitstehen, um das seinen Mitchristen angetane Unrecht zu rächen. Und wenn Ihr es nicht tut, so wisset, dass der Hochmut des Sultans solche Formen angenommen hat, dass er sich gern seines Plans brüstet, in das Gebiet der Adria einzudringen und Rom zu erreichen. Deshalb nochmals, Heiliger Vater, denkt an Euren Glauben, an den Stuhl Petri, an das nahtlose Gewand Christi, an die zerstörten Reliquien der Heiligen, an die umgerissenen geweihten Grabsteine und an die durch Kot entweihten Gotteshäuser.”
Dass das Ansehen Mehmeds II. nach 1453 stark zunahm, bedarf keiner weiteren Erklärung. Dies brachte ihn dazu, eine neue Sichtweise seiner eigenen Stellung zu entwickeln: Als Beschützer des Islam und Bezwinger der Christenheit kam dem Sultan nicht weniger als die Weltherrschaft zu. Konstantinopel, das fortan Istanbul hieß, sollte als Hauptstadt der Welt ein Spiegelbild der Zusammenführung von Völkern und Religionen unter der Oberhoheit des Sultans werden. Deshalb ließ Mehmed II. die zerstörte Stadt wieder aufbauen, förderte die Ansiedelung von Menschen aus nah und fern in Istanbul und lud den Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche, den Katholikos (das Oberhaupt der armenischen Kirche) und den jüdischen Oberrabbiner ein, in dieser Stadt zu residieren.
Obwohl Mehmed II. eine gewisse Toleranz gegenüber anderen Religionen zeigte, setzte er seine Eroberungspolitik fort: In Kleinasien eroberte er Trapezunt (heute Trabzon), gegenüber den Mamelucken nahm er eine drohende Haltung ein, und auf dem Balkan rückte er zur Adriaküste vor. Im Jahr 1480 wagte er sogar die Landung in Otranto in Süditalien. Dies löste eine solche Panik aus, dass der Papst bereits Vorbereitungen für eine Flucht nach Frankreich traf. Der Tod des Sultans, gefolgt von den wieder auflodernden Streitigkeiten unter den Türken, machte der Bedrohung aber zunächst einmal ein Ende.
| 3. | Ereignisse in Osteuropa |
Nach dem Verlust von Byzanz schien die christliche Welt eher im Nordosten, in den Gebieten, für die nun die Bezeichnung „Russland” allgemein in Gebrauch kam, Boden gutzumachen. Im 14. und auch noch zu Beginn des 15. Jahrhunderts bestand Russland aus verschiedenen unzusammenhängenden Fürstentümern, die zweierlei gemeinsam hatten: In allen Fürstentümern bekannte man sich zum griechisch-orthodoxen Christentum und erkannte den Patriarchen von Konstantinopel als Oberhaupt der Kirche an. Ferner waren diese Fürstentümer der Oberhoheit der islamischen Mongolen unterworfen. Die Mongolen ließen die Fürstentümer aber unbehelligt, solange diese nur pünktlich ihre Tributzahlungen leisteten.
Mit dem Einziehen dieser Tributleistungen war der Großfürst von Moskau betraut. Darin drückte sich dessen Vormachtstellung gegenüber den anderen russischen Fürsten aus. Für den Großfürsten von Moskau bedeutete dies die Anerkennung einer politischen Linie, die bereits von seinen Vorgängern entwickelt worden war. Moskau, das ursprünglich ein unbedeutendes Fürstentum war, strebte jetzt eine Position als Zentrum des russischen Handels an. Seine Lage zwischen Flüssen, die in unterschiedliche Meere münden, wäre günstig gewesen, wenn die Überlandwege und Seitenflüsse nicht zum Staatsgebiet anderer Fürstentümer gehört hätten. Deshalb sollten diese Fürstentümer der Oberhoheit Moskaus unterworfen werden.
Diesem Ziel war Moskau schon ein Stück näher gekommen, als Iwan III. 1462 Großfürst wurde. Ihm gelang es, große Gebiete seiner Herrschaft zu unterwerfen, u. a. auch das wichtige Fürstentum Nowgorod, das bis dahin den Zugang zur Ostsee blockiert hatte. Außerdem stellte Iwan unter Ausnutzung der Uneinigkeit der Mongolen, die Tributzahlungen ein. Versuche der Mongolen, die eigene Herrschaft wieder herzustellen, hatten noch zu keinem Ergebnis geführt.
Die Frage war, ob Russland damit endgültig Teil der christlichen Welt werden oder ob es in Zukunft einen eigenen Weg gehen würde. 1472 unternahm Rom mit der Eheschließung zwischen Iwan III. und Zoe, einer Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI. Palaiologos, einen Versuch, Russland fest an die christliche Welt zu binden. Damit sollten engere Beziehungen zwischen Rom und Moskau hergestellt werden. Ob eine echte Chance auf Wiederherstellung der Einheit der Christenheit gegeben war, blieb indes fraglich – betrachteten doch die russischen Christen den Fall Konstantinopels als Strafe für das Paktieren der Byzantiner mit den „römischen Ketzern”. Überdies sah im Jahr 1492 der Patriarch von Moskau in Iwan III. einen neuen Konstantin, der Moskau zu einem neuen Konstantinopel machen sollte.
| 4. | Abendländisches Schisma und Konziliarismus |
Am Anfang des 15. Jahrhunderts war es um die von den Päpsten geforderte oberste Autorität in kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten innerhalb der Christenheit schlecht bestellt. Das im 14. Jahrhundert entstandene und im 15. Jahrhundert noch immer andauernde Abendländische Schisma, d. h. die Spaltung der katholischen Kirche, führte zu politischer und religiöser Zerrissenheit unter den Gläubigen. Die Kirchenspaltung äußerte sich darin, dass zwei (später sogar drei) Päpste gleichzeitig den Anspruch erhoben, Oberhaupt der katholischen Kirche zu sein, obwohl sie sich in theologischer Hinsicht und im Hinblick auf kirchliche Organisationsformen nicht unterschieden.
Eine weithin verbreitete Auffassung war, dass nur die Einberufung eines allgemeinen Konzils der Verwirrung ein Ende bereiten könne. So schrieb der Astronom und Theologe Heinrich von Langenstein: „Wenn in einem Bistum neue, gefährliche Probleme entstehen, werden sie in einem Rat dieser Diözese oder in einer Provinzsynode besprochen. Daraus folgt, dass neue und schwierige Probleme, die die ganze Welt betreffen, in einem allgemeinen Konzil behandelt werden müssen. Was alle angeht, muss auch von allen oder von Vertretern aller Seiten besprochen werden.”
Erst nachdem weltliche Fürsten, allen voran Kaiser Sigismund, den Ruf nach einem Konzil tatkräftig unterstützten, gelang es beim Konstanzer Konzil im Jahr 1414, die Kirchenspaltung zu beenden. Aber damit war die übergeordnete Stellung des Papstes noch nicht wieder hergestellt. Denn in Konstanz wurde auch beschlossen, dass zu bestimmten Zeiten Konzilien einberufen werden sollten und dass diese Versammlungen – also nicht mehr der Papst, sondern das Konzil – auf vielen Gebieten die höchste Autorität besitzen sollten. Der Papst hatte in dieser Situation nur noch eine Möglichkeit, die Gefahr des Konziliarismus, der zu Beginn der dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts noch einmal kraftvoll in Erscheinung trat, abzuwenden: Er musste Verträge mit weltlichen Fürsten abschließen. Diese Fürsten erhielten sowohl auf weltlichem als auch auf kirchlichem Gebiet weit reichende Befugnisse, u. a. bei der Ernennung von Bischöfen und Äbten. Dies hatte schließlich zur Folge, dass von einer uneingeschränkten, allumfassenden Macht des Papstes nicht länger die Rede sein konnte.
| 5. | England und Frankreich |
Durch das Fehlen einer zentralen Autorität innerhalb der Christenheit begünstigt, trugen die Fürsten ihre Konflikte untereinander häufiger mit Waffengewalt aus. So zog sich der Hundertjährige Krieg zwischen dem englischen und dem französischen Königshaus nach 1400 noch gut ein halbes Jahrhundert hin.
Hauptkriegsschauplatz war dabei Frankreich. Zwar wurden die Kriegshandlungen immer wieder durch Waffenstillstände unterbrochen, aber diese waren für die französische Bevölkerung vielleicht noch unheilvoller als die regelmäßigen Gefechtshandlungen. Denn während der Waffenstillstände wurden die angeworbenen Söldner entlassen und zogen dann in Banden plündernd und brandschatzend durch das Land. Hinzu kam noch, dass die politische Lage in Frankreich für den einfachen Mann fast unüberschaubar war. Denn das Land war zusätzlich durch den Streit zwischen den Armagnaken und dem Haus Burgund gespalten. Beide Parteien rekrutierten sich vor allem aus dem Adel und wurden von Mitgliedern der königlichen Familie angeführt. Beide versuchten, sich die Königsmacht zu sichern, um so eigene Interessen fördern zu können.
Der Mord an Ludwig von Orléans (Armagnake) im Jahr 1407 und an Johann ohne Furcht (Haus Burgund) im Jahr 1419 zeigte, dass mit allen Mitteln versucht wurde, den jeweiligen Gegner auszuschalten. Selbst in einem Bündnis mit den Engländern sah man nichts Verwerfliches, wenn man sich davon einen Vorteil für sich selbst oder einen Nachteil für die andere Seite versprach.
Gegen 1430 kamen aber neue Kräfte ins Spiel. Zunächst einmal entstand in dieser Zeit in Frankreich ein Nationalbewusstsein, das Johanna von Orléans verkörperte. Ferner trat 1431 in Basel ein allgemeines Konzil (siehe Basler Konzil) zusammen, das einen allgemeinen Frieden unter den Christen herzustellen versuchte. Beide Faktoren spielten beim Frieden von Arras im Jahr 1435 eine Rolle. Bei dieser Gelegenheit fand eine Versöhnung zwischen den Armagnaken und dem Haus Burgund statt, und der Herzog von Burgund brach sein Bündnis mit dem englischen König. Von da an konnte sich der französische König voll und ganz der Vertreibung der Engländer (eine Aufgabe, die er 1452 zum Abschluss brachte) und der Wiederherstellung der Königsmacht widmen. Dieser letzteren Aufgabe wendete sich insbesondere Ludwig XI. zu, der dabei in Widerstreit mit den auf Selbständigkeit bedachten Angehörigen des Hochadels geriet. Obwohl er ihnen auf dem Schlachtfeld oft unterlag, verstand er es, sich mit zum Teil fragwürdigen Mitteln die beinahe uneingeschränkte Herrschaft zu sichern.
Abgesehen von den finanziellen Belastungen, bekamen die meisten Engländer von dem Krieg zwischen ihrem und dem französischen König wenig zu spüren. Im Lauf des 15. Jahrhunderts sahen sie sich aber in zunehmendem Maß inneren Unruhen gegenüber. Seit 1399 das Prinzip der Erbfolge aufgegeben worden war, bestimmten in erster Linie die großen Barone, wer König werden sollte. Diese hatten sich zu Familiengruppen zusammengeschlossen und verfügten dadurch über gewaltige Besitzungen, Verwaltungsbefugnisse und über Privatarmeen. Dem von ihnen gewählten König blieb nichts anderes übrig, als ihr eigenmächtiges Auftreten zu dulden. Wenn er es nicht tat, musste er damit rechnen, dass die Barone ihre Macht in den Dienst anderer Thronanwärter stellten, die mit Waffengewalt an die Macht kommen wollten. Natürlich war dieser Zustand dem Wirtschaftsleben abträglich, an dem nicht nur die Städte, sondern auch die Mitglieder des niederen Adels, der Gentry, aktiv teilnahmen. Nachdem sich die Gentry lange Zeit gegenüber dem gewalttätigen Auftreten der Barone neutral verhalten hatte, trat sie nach der Thronbesteigung durch Heinrich VII. im Jahr 1485 aktiver auf und unterstützte dessen Politik gegenüber der durch den Krieg ohnehin ausgedünnten Adelsschicht der Barone.
| 6. | Das Heilige Römische Reich |
In einem Brief an einen deutschen Geistlichen zeichnete Aenea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., ein trauriges, aber wahrheitsgetreues Bild der politischen Lage im Heiligen Römischen Reich: „Ihr erkennt zwar den Kaiser als König und Herrn an. Aber er scheint nur in dem Maße zu regieren, wie ihr es zulasst. Seine Macht hat keinen Inhalt. Ihr gehorcht ihm nur, soweit ihr wollt. Aber ihr wollt sehr wenig … Weder die Städte noch die Fürsten geben dem Kaiser, was ihm zukommt. Er hat keine Einkünfte und kein Vermögen. Jeder will seine Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Das erklärt die ständigen Auseinandersetzungen und die andauernden Scharmützel.”
Tatsächlich kannte das Heilige Römische Reich keine übergeordnete Autorität mehr. Das Reich war in zahlreiche mehr oder weniger selbständige Staaten und Kleinstaaten zerfallen. Die größten Staaten waren die vier weltlichen Kurfürstentümer, die nicht in kleinere Staatsgebilde aufgeteilt werden durften. Daneben gab es viele geistliche Fürstentümer, u. a. die Erzbistümer Mainz, Trier und Köln. Auch diese behielten immer eine gewisse Gebietsgröße – im Gegensatz zu den übrigen weltlichen Fürstentümern, die beim Tod des Fürsten unter den Erben aufgeteilt wurden.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war das Heilige Römische Reich mit all diesen Staaten und Kleinstaaten und mit den Reichsstädten, die praktisch auch selbständig waren, weil sie unmittelbar dem Kaiser unterstanden, in mehr als 300 politische Einheiten zerfallen. Sowohl die Reichsstädte als auch die übrigen, den Landesfürsten unterstehenden Städte fühlten sich von diesen Fürsten stark in ihrer Eigenständigkeit bedroht. Infolgedessen hatten sie sich zu regionalen Städtebünden zusammengeschlossen, um sich gemeinsam gegen die Fürsten zur Wehr zu setzen, aber bisweilen auch um Expansion zu betreiben. Wie groß die Kraft eines solchen Städtebunds sein konnte, musste der Herzog von Burgund, Karl der Kühne, mehrfach erleben. In dieser Situation war die Kaiserwürde für den Kaiser nur noch unter einem Gesichtspunkt interessant: Sie bot ihm manchmal Gelegenheit, die Zahl der Gebiete, über die seine Familienmitglieder regieren, zu vergrößern. So gelang es Friedrich III. (1440-1493), seinen Sohn Maximilian (1486 zum König gewählt) mit Maria von Burgund zu verheiraten. Dadurch kamen die reichen Niederlande in den Besitz der Habsburger.
| 7. | Burgund |
Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als sollte zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Frankreich ein neues Staatsgebilde entstehen. Um 1400 regierte Johann ohne Furcht die Freigrafschaft und das Herzogtum Burgund. Die Freigrafschaft Burgund gehörte von jeher zum Heiligen Römischen Reich und das Herzogtum Burgund zu Frankreich. Außerdem besaß Johann das reiche Flandern, das ebenfalls ein Grenzgebiet war.
Durch Verwandtschaftsbeziehungen, durch Kauf und durch Parteinahme im Hundertjährigen Krieg konnte sein Nachfolger, Philipp der Gute (1419-1467), seine Besitzungen in den Randgebieten seiner beiden Teilreiche stark ausdehnen (wobei Philipps Sohn, Karl der Kühne, den Schwerpunkt von Burgund in die Niederlande verlegte). Brüssel und Hesdin waren die Orte, an denen der stets umherziehende Herzog Philipp noch am häufigsten residierte. Zwar machte Philipps Macht Eindruck auf seine Zeitgenossen (die Muslime nannten ihn den Großherzog des Abendlands), dennoch hatten seine Besitzungen zwei Schwachpunkte: Sie bildeten kein geschlossenes Staatsgebiet und hatten nur wenige gemeinsame Anhaltspunkte. Jede Grafschaft und jedes Herzogtum hatte in der Vergangenheit eine eigene Entwicklung durchgemacht, mit der Folge, dass die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen sowie der Verwaltungsaufbau in den einzelnen Teilgebieten sehr unterschiedlich waren.
Um hier Verbesserungen zu erzielen, mussten die dazwischenliegenden Gebiete – das Bistum Lüttich, Lothringen und das Elsass – in den burgundischen Machtbereich gebracht werden, und für alle Gebiete musste eine straffe Zentralisierung durchgeführt werden. Beides stieß auf heftigen Widerstand. Gegen die Einverleibung dieser Gebiete setzten sich nicht nur der Kaiser und der französische König, sondern auch die Städtebünde zur Wehr. Denn Zentralisierung bedeutete Einschränkung der Eigenständigkeit der Städte – daher der Widerstand der Städte. Philipps Nachfolger, Karl der Kühne (1467-1477), bekam diese Widerstände zu spüren. Bei seinen Versuchen, sein Staatsgebiet zu erweitern, die Verwaltung zu zentralisieren und den Königstitel zu erwerben, hatte er die städtischen Kräfte und die königlichen Böttchereien Ludwigs XI. unterschätzt. Seine Reichtümer und die mögliche Manipulation von Eheverträgen, in denen er seine Erbtochter Maria aufbot, konnten diesen Nachteil nicht aufwiegen. Die Folge war, dass nach Karls Tod und der kurzen Herrschaft Marias ein großer Teil der burgundischen Gebiete an die Habsburger fiel und die übrigen Gebiete (darunter auch das Stammherzogtum) wieder an Frankreich fielen.
| 8. | Geld, Waren und Werkzeug |
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts bot der ländliche Bereich in verschiedenen Teilen Europas ein trauriges Bild: Weiler waren verlassen, Dörfer waren ganz oder teilweise entvölkert, und einst urbar gemachtes Ackerland war wieder von Wildwuchs überwuchert. Die Ursachen hierfür waren Missernten infolge von Klimaänderungen, Kriegseinwirkungen und immer neue Seuchen. Diese hatten in den Städten zwar noch mehr Opfer gefordert als auf dem Land, aber die in den Städten entstandenen Lücken wurden durch den Zuzug vom Land wieder aufgefüllt. Im Lauf des Jahrhunderts belebte sich das ländliche Wirtschaftsleben zwar wieder, aber der frühere Stand wurde nicht wieder erreicht. Die Großgrundbesitzer waren bestrebt, die Einkünfte aus ihren Ländereien zu erhöhen und damit der drohenden Verarmung zu entgehen. Dazu verpachteten sie entweder ihren gesamten Besitz an freie Bauern, oder sie bewirtschafteten das Land mit Hilfe von Tagelöhnern selbst. In beiden Fällen verschwand somit die Institution des Großgrundbesitzes, bei der die Felder von Hörigen teils für den eigenen Bedarf und teils zum Nutzen des Grundherrn bewirtschaftet wurden. Adlige Großgrundbesitzer verkauften bisweilen ihre Besitzungen an einzelne Bürger oder an Gesellschaften, die von Städtern gebildet wurden. Solche Gesellschaften erwarben manchmal auch den in dörflichem Gemeineigentum befindlichen Grund und Boden.
Nicht nur, dass sich die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden verschoben hatten und der Grundbesitz anders verwaltet wurde – es wurden jetzt auch andere Nutzpflanzen angebaut. Ging man früher allgemein von dem Prinzip aus, dass jeder Landstrich seine Bewohner möglichst selbst versorgen sollte, so galt jetzt der Grundsatz, dass jedes Gebiet das produzieren müsse, was es am besten kann. Dadurch entstanden Gebiete, die auf Getreide, Wein, Salzgewinnung, Viehhaltung und Wolle spezialisiert waren. Für die auf Viehhaltung und Wolle spezialisierten Gebiete ergaben sich noch zusätzliche Veränderungen, weil hier das alte Ackerland in Weideland umgewandelt wurde und dadurch auf längere Sicht Arbeitsplätze verloren gingen.
| 9. | Schifffahrt und Fischerei |
Die landwirtschaftliche Spezialisierung erforderte natürlich eine deutliche Erhöhung der Transportkapazität. Da es sich vor allem um den Transport von Massengütern handelte und darüber hinaus oft große Entfernungen zurückgelegt werden mussten, war es wichtig, dass der Schiffbau sich anpasste. In diesem Bereich fanden dann auch Aufsehen erregende Entwicklungen statt. In früheren Jahrhunderten wurde als Transportschiff vor allem die Galeere eingesetzt: ein langes, schmales Schiff mit niedriger Aufbauhöhe über dem Wasserspiegel, das sich vor allem für die Fahrt auf ruhigen Gewässern eignete. Für die Fortbewegung der Galeere sorgten vor allem die zahlreichen Ruderer. Und nicht nur für diese Ruderer selbst, sondern auch für ihre Versorgung (Wasser!) wurde Platz benötigt. Deshalb war die Frachtmenge, die eine Galeere transportieren konnte, gering.
Nun entwickelte sich im Lauf des 15. Jahrhunderts an der Atlantikküste ein neuer Schiffstyp, der auch für die Entdeckungsreisen von Belang war: die Karavelle. Sie war kürzer, aber breiter, hatte einen hohen Aufbau und wurde vom Wind angetrieben. Aufgrund der neuen Gestaltung der Segel und der Takelage konnte die Karavelle auch gegen den Wind kreuzen. Durch ihren Bau und ihre im Vergleich zur Galeere viel kleinere Besatzung konnte eine Karavelle wesentlich mehr Fracht transportieren. Außerdem war die Karavelle weniger wetterabhängig.
An der niederländischen Küste ging der Seetransport Hand in Hand mit der Seefischerei. Die Nachfrage nach Salz war das Bindeglied zwischen beiden. Da die flämischen, seeländischen und holländischen Fischer nach 1420 die Heringe auch selbst ausnahmen, wurde die Nachfrage nach Salz größer. Anfänglich wurde der Hering nur teilweise auf See verarbeitet. Die Endverarbeitung erfolgte dann im Heimathafen. Nach und nach ging man aber dazu über, die gesamte Verarbeitung bereits auf See durchzuführen. Dies erforderte zwar eine große Schiffsbesatzung, man konnte dann aber auch länger auf See bleiben, vorausgesetzt, man hatte genügend Platz, um den Fang vorübergehend an Bord unterzubringen. Deshalb wurden nun größere Schiffe benötigt. So wurde nach 1450 das alte korfschip immer mehr durch die Büse ersetzt, ein Frachtschiff, das bei den Hanseaten und Holländern schon länger in Gebrauch war.
| 10. | Handel und Handwerk |
Die Banken, der Handel und das Handwerk blieben hauptsächlich auf die Städte konzentriert. Dennoch kam auch im ländlichen Raum das Handwerk in einigen Gebieten zu großer Blüte. Das lag allerdings nicht daran, dass die Stadtväter zu neuen Einsichten gelangt wären. Denn sie behaupteten nach wie vor ihren Standpunkt, dass das Umland der städtischen Wirtschaft zu dienen habe. Aber die Fürsten sahen in der Gewerbeansiedlung im ländlichen Raum eine neue Einnahmequelle. Überhaupt beschäftigten sie sich nun mehr mit dem Wirtschaftsleben als früher. Manchmal vertraten sie sogar die Handelsinteressen ihrer Untertanen gegenüber Dritten. Aber die von den Untertanen erlassenen wirtschaftlichen Maßnahmen (z.B. die Ein- und Ausfuhrbeschränkungen) waren auch oft genug nur ein Mittel, um politischen Druck auf die Gegenseite auszuüben. Es versteht sich von selbst, dass sich im letzteren Fall das Eingreifen von oben negativ auf das Wirtschaftsleben auswirkte. Das Gleiche galt für die Münzverschlechterung: Fürsten, die sich in Geldnot befanden, missbrauchten ihr Münzrecht, um den Edelmetallgehalt der Münze zu vermindern und mit dem so eingesparten Gold oder Silber neue Münzen zu prägen. Das Vertrauen in die Währung und damit ihr Wert wurde immer geringer. Dies war den Handelsbeziehungen zwischen den Ländern nicht förderlich.
In den meisten europäischen Städten blieben Handel und Handwerk lokal begrenzt: Vom Umland wurden Lebensmittel herangeschafft, und selbst stellte man Waren her, die auf dem Wochenmarkt an die Bewohner des jeweiligen Landstrichs verkauft wurden. Aber so, wie sich Gebiete mit spezialisierter Land- und Viehwirtschaft entwickelten, so spezialisierten sich nun auch Städte auf bestimmte Handwerksprodukte für den Fernhandel. Das gab es zwar auch schon früher, aber bei weitem nicht in diesem Umfang. Die Zunahme der handwerklichen und landwirtschaftlichen Spezialisierung führte zu einem starken Anwachsen des Handelsverkehrs.
Damit einher gingen einige bemerkenswerte Entwicklungen im Finanzwesen, die in Italien zwar bereits ein Jahrhundert zuvor anzutreffen waren, im übrigen Europa aber erst jetzt zu voller Entfaltung kamen. Die Handelsbilanz zwischen zwei Ländern war keinesfalls immer im Gleichgewicht. Die sich daraus ergebende Differenz im Wert der ausgetauschten Waren hätte eigentlich durch Zahlungen in Form von Edelmetall ausgeglichen werden müssen. Nun war aber der Transport von Gold und Silber ein sehr riskantes Unternehmen. Das Schiff, das die Edelmetalle transportierte, konnte untergehen, und Seeräuber und Wegelagerer warteten nur darauf, solche Transporte abzufangen. Um solche Risiken zu mindern, verwendete man zunehmend den in Italien schon länger in Gebrauch befindlichen Wechselbrief. Mit einem solchen Papier konnte ein Kaufmann in Venedig, unter Einschaltung eines Bankhauses, an seinem Wohnort Geld für aus Antwerpen stammende Waren einzahlen. Der Lieferant nahm dann in Antwerpen das Geld bei der Bank in Empfang, ohne dass dabei Edelmetall transprtiert werden musste.
Da im Handel zunächst einmal investiert werden musste, bedeutete die Zunahme des Handelsverkehrs, dass der einzelne Kaufmann für Investitionen hätte aufkommen müssen, die er alleine nicht aufbringen konnte. Um dieses Problem zu lösen, konnte er sich mit Berufskollegen zusammenschließen, oder er konnte Geld aufnehmen. Aufbauend auf dem in Italien praktizierten Verfahren, bei dem das Kapital für eine Handelsexpedition mehrere Kaufleute gemeinsam aufbrachten und den späteren Gewinn teilten, wurden nun Handelsgesellschaften gegründet. Dabei hatte die Zusammenarbeit aber eher dauerhaften Charakter, und man konzentrierte sich auf bestimmte Waren oder Absatzgebiete, in denen dann eine eigene Handelsniederlassung eröffnet wurde. Ein Beispiel hierfür sind die merchant adventurers.
Geld konnte man von den Bankhäusern leihen, die in vielen wirtschaftlichen Zentren zu finden waren (so beispielsweise die Medici in Florenz und die Fugger in Augsburg). Die Bankhäuser vergaben nicht nur Kredite, sondern waren oft auch selbst im Handel und Handwerk tätig. Nicht nur mit Kaufleuten, sondern auch mit Fürsten unterhielten sie Geschäftsbeziehungen. Sowohl Banken als auch Handelsgesellschaften gewährten den Fürsten im Tausch gegen Handelsprivilegien – und manchmal mit königlichen Einnahmequellen als Pfand – große Kredite, insbesondere für die Kriegsführung. So schrieb der französische Geschichtsschreiber Thomas Basin, dass Jacques Cœur den französischen König in die Lage versetzt habe, die Rückeroberung der Normandie von den Engländern zu Ende zu bringen: „Er (Jacques Cœur) war Schatzmeister des Königs, und die Handelstätigkeiten, denen er sich fortwährend widmete, hatten ihm beträchtlichen Reichtum gebracht und ihn zu einer herausragenden Persönlichkeit gemacht. Als erster Franzose seiner Zeit hatte er Galeeren ausgerüstet und bewaffnet, die Wollstoffe und andere Handwerkserzeugnisse aus ihren Ländern an Bord hatten und an die Küsten Afrikas und im Osten bis nach Alexandria in Ägypten fuhren. Von dort aus kehrten sie mit Seidenstoffen verschiedener Art und mit allerlei Arten von Kräutern an die Rhône zurück. Diese Waren wurden später nicht nur in Frankreich, sondern auch in Katalonien und den angrenzenden Gebieten verkauft … Jacques Cœur war also durch den Überseehandel zu Reichtum gekommen. Der beste Beweis dafür war der prächtige Wohnsitz, den er sich in seiner Stadt Bourges hat bauen lassen …” (Thomas Basin: Historiarum de rebus a Karolo VII et suo tempore in Gallia gestis, IV, XXVI)
Trotz aller Vorteile blieb das Verleihen von Geld an Fürsten aber ein Risiko, an dem Bankhäuser zugrunde gehen konnten. Jacques Cœur, dessen Leben in der Verbannung endete, war nicht der Einzige, dem es zum Verhängnis wurde, dass ein Fürst seine Schulden nicht bezahlen konnte.
| 11. | Stadt und Land |
Trotz der Anziehungskraft der Städte lebte ein Großteil der europäischen Bevölkerung auf dem Land. Dabei handelte es sich in erster Linie um Bauern (Knechte). Aber auch Gastwirte, Fährleute, Priester, Mönche, Nonnen und Edelleute lebten dort. Die Edelleute neigten allerdings immer mehr dazu, auch in einer Stadt einen Wohnsitz zu unterhalten. Die Bevölkerungsdichte variierte je nach Landstrich und hing u. a. von der Fruchtbarkeit des Bodens und von der Anbindung an Handelswege ab.
Das Leben auf dem Land war mit allerlei Gefahren verbunden: Raubtiere fielen – vor allem in strengen Wintern – Mensch und Vieh an, aus den Städten verbannte Verbrecher streiften durchs Land, und entlassene Söldner zogen plündernd umher. Aus Sicherheitsgründen fasste man die Häuser so weit wie möglich zu Siedlungen zusammen, die sich wiederum vorzugsweise in der Nähe von Klöstern oder Burgen befanden. Diese boten durch ihre massive Bauweise und ihre umfriedeten Bauten bessere Möglichkeiten als die offenen Dörfer, sich in Tagen der Gefahr gemeinsam zur Wehr zu setzen. Die Häuser der meisten Landbewohner wurden mit Material aus der unmittelbaren Umgebung gebaut: Holz, Lehm, Stroh, Tonerde, Gras-Sode oder Stein. Oft bestanden die Häuser aus einem einzigen Stockwerk, das bei einem gewissen Wohlstand der Bewohner in einzelne Räume unterteilt war. Dadurch konnte man getrennt vom Vieh wohnen. Die meisten Wohnungen kannten zwar eine Feuerstelle, aber längst nicht immer wurde der Rauch über einen Schornstein abgeleitet. Fensterglas war für die Landbewohner fast unbezahlbar. Deshalb mussten die recht kleinen Fenster bei schlechtem Wetter mit Luken verschlossen werden. Außer für die sehr Wohlhabenden war das Landleben daher auch recht hart. Hinzu kam noch, dass die Städter und insbesondere die höheren Stände eine oft grenzenlose Verachtung für die große Mehrheit der Landbewohner hegten.
| 12. | Die Städte |
Die Einwohnerzahl der meisten Städte schwankte zwischen 2 000 und 10 000. Viele Städte hatten keine Stadtmauer und besaßen nur dürftige Wehranlagen, so dass rein äußerlich kein großer Unterschied zwischen einer Stadt und einem großen Dorf war. Mit zunehmender Größe der Stadt gab es dort mehr Bauwerke, die das Stadtbild prägten: eine oder mehrere Kirchen und – wenn die Stadt Bischofssitz war – eine Kathedrale und einen bischöflichen Palast, Unterkünfte für Kanoniker, die oft kreisförmig um eine Kirche gebaut waren, ferner ein Rathaus, eine Fisch- und Fleischbank und gegebenenfalls Markthallen, Zunfthäuser, eine oder mehrere Herbergen, bisweilen auch Klöster, die u. a. durch ihre Gärten einen beträchtlichen Teil der Stadtfläche einnahmen. Und schließlich gab es auch noch die Unterkünfte mildtätiger Einrichtungen für Waisen, Witwen, Arme und Kranke. Oft lagen diese Gebäude an kleinen Plätzen, an denen für die Wasserversorgung Brunnen angelegt waren.
Auffällig war, dass viele Holzbehausungen durch Häuser aus Stein ersetzt wurden. In manchen Städten waren die Stadtväter so sehr um die Verhütung der häufig auftretenden Stadtbrände bemüht, dass sie kostenlos Baustoffe aus Stein beschafften. Bezüglich des Gebrauchs von Feuer und Heizgelegenheiten wurden verständlicherweise immer strengere Vorschriften erlassen. Im Allgemeinen waren die Häuser schmal, aber im Gegensatz zu den Häusern auf dem Land mehrgeschossig, und die Fenster waren verglast. Natürlich hingen die Größe und die Einrichtung der Wohnungen eng mit dem Wohlstand ihrer Bewohner zusammen. So schrieb Piccolomini 1434 in einem Brief an Kardinal Cesarini über Basel: „Die Häuser der Vornehmsten sind sehr praktisch eingeteilt und sehen so schön und gepflegt aus wie in Florenz. Alle Häuser sind getüncht und oft auch bemalt. Einzelne Häuser haben Gärten, Brunnen und Höfe. Die Ess-, Wohn- und Schlafzimmer sind warm und trocken und haben verglaste Fenster. Wände, Decken und Gänge sind mit Fichtenholz verkleidet … Die Straßen sind weder zu eng noch zu breit. Wagen kommen immer gut durch, und die Eisenräder von Lastwagen beschädigen auch nicht die Straßen. Überall, wo man hinkommt, sind die Straßen sauber.”
Das Letztere konnte sicherlich nicht von jeder Stadt behauptet werden. Zwar ging man immer mehr dazu über, das Herumscharren von Kleinvieh und das Aufstapeln von Misthaufen auf der Straße zu verbieten und die Straßen zu pflastern, aber in vielen Gegenden war es weiterhin üblich, dass die Handwerksleute unter dem Vordach des Hauses ihr Gewerbe ausübten. Außerdem achtete man, insbesondere innerhalb der mit einer Mauer umgebenen Städte, sehr sorgsam auf den Platzbedarf. Deshalb war man auch nicht geneigt, breite Straßen anzulegen.
Ein Unterschied zwischen Dorf und Stadt, der wichtiger war als die äußerlichen Unterschiede, bestand darin, dass die Städter wesentlich mehr in das Geschehen innerhalb ihres Gemeinwesens einbezogen waren als die Landbewohner. Die Städte genossen ein hohes Maß an Autonomie. Die Bürger legten sogar die Regeln für das tägliche Leben fest, besorgten bei kleineren Vergehen die Rechtspflege, machten eine eigene städtische Finanzpolitik und regelten die Abgabenverteilung für die Einwohner. Ursprünglich hatten die Feudalherren, auf deren Gebiet die Stadt gebaut war, weit reichende Entscheidungsbefugnisse. So ernannten sie beispielsweise die städtischen Beamten. Aber bereits vor Beginn des 15. Jahrhunderts hatten sich viele Städte dieser Bevormundung entzogen. Wo dies nicht schon geschehen war, wurde nun die Macht der Stadtherren immer mehr eingeschränkt. So verloren der Abt von Sankt Gallen und der Bischof von Chur um 1450 ihre Entscheidungsbefugnisse über Sankt Gallen und Chur. Jetzt waren die Städte keine isolierten Inseln mehr. Es stellte sich nun auch die Frage, inwieweit die Städte in dieser neuen Situation in den Fürstentümern, zu denen sie gehörten, selbständig nach außen auftreten konnten. Der Wunsch dazu war sicherlich vorhanden. Denn die Städte hätten es gerne gesehen, wenn das Umland ihnen unterstellt gewesen wäre.
Doch wie standen die Fürsten diesem Verlangen gegenüber? Wo es den Fürsten gelungen war, ihre Macht tatsächlich auszuüben (England, die burgundischen Gebiete, Frankreich nach 1450), gelang es den Städten nicht, ihre Autonomie in Selbständigkeit umzusetzen. Aber in Gebieten, in denen es keine echte Zentralgewalt gab, verlief die Entwicklung anders: In Norditalien und im Heiligen Römischen Reich gelang es vielen Städten, vollkommen selbständig aufzutreten. Bisweilen entwickelten sie sich sogar zu Stadtstaaten, die ein großes Territorium beherrschten (Florenz, Mailand). Manchmal machten sie kleinere Städte in der Umgebung von sich abhängig, ohne sie vollständig zu unterwerfen (Zürich, Bern).
Der Form nach waren alle Stadtbewohner, die durch Geburt oder Kauf das Bürgerrecht besaßen, vor dem Gesetz gleich. In der Praxis war das Mitspracherecht aber auf einige Familien oder Berufe (z. B. Kaufleute) beschränkt. Durch ihre Führungspositionen, ihre starke finanzielle Stellung und ihr damit verbundenes gesellschaftliches Ansehen entwickelten sich diese Gruppen bisweilen zu einem Patriziat, einer Art Bürgeradel, der nur noch wenig Bindung zu den übrigen Bürgern besaß. Vielmehr orientierten sich diese Patrizier an dem – oft verarmten – Adel. So verheirateten sie ihre Kinder mit Abkömmlingen aus Adelsgeschlechtern, bauten eindrucksvolle Häuser, wie etwa Jacques Cœur, umgaben sich mit unzähligen Bediensteten, kauften Ländereien, erwarben Titel und Familienwappen und führten praktisch ein Leben wie Adlige. Auch wenn manch einem Edelmann schon einmal von einem reichen Bürger aus finanziellen Verlegenheiten geholfen worden war, war der Adel mit dieser Annäherung der Patrizier nicht immer gerade glücklich. „Man kann einem Raben nicht eine Kappe aufsetzen und ihn dann einen Falken nennen”, war die vom Standesbewusstsein geprägte Auffassung des Adels.
Unter der Stadtbevölkerung gab es neben den Patriziern noch weitere Schichten, deren Grenzen man im Übrigen sehr wohl überschreiten konnte. Der Kern der Bürger bestand aus kleinen Händlern und Handwerksleuten, die im Zunftverband nach bescheidenem Wohlstand und politischem Einfluss strebten. Daneben kamen große Gruppen von Neuankömmlingen in die Stadt, die nichts als ihre Arbeitskraft besaßen und sich bisweilen jeden Tag aufs Neue auf Arbeitssuche begeben mussten. Oft lebten sie am Rande der Armut, konnten aber nicht viel tun, um ihre Lage zu verbessern. Denn in manchen Städten galt für sie ein Organisationsverbot. Je mehr die Zahl der Einwohner einer Stadt wuchs, desto mehr nahm auch die Kluft zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten zu.
Zu schweren sozialen Konflikten kam es vor allem in Großstädten. Hierzu gehörte u. a. auch Florenz, das in mancher Hinsicht eine Sonderstellung einnahm. Diese Stadt, die sich an beiden Ufern des Arno erstreckte und deren durch den Fluss getrennte Stadtteile über vier Brücken miteinander verbunden waren, zählte rund 100 000 Einwohner. Die Stadt war mit einer Mauer umgeben, die ungefähr alle 300 Meter von einem rechteckigen Turm unterbrochen war. Florenz war praktisch eine Stadtrepublik. Sie wurde von der Signoria regiert, einem Rat, der im Palazzo Vecchio seinen Sitz hatte. Die Mitglieder dieses Rats wurden alle paar Monate aus den Reihen der Zunftbrüder gewählt. Dies hätte große politische Instabilität bedeuten können, wenn nicht hinter den Kulissen die Politik auf sachkundige Weise von Männern aus dem Geschlecht der Medici (Cosimo, Piero und schließlich Lorenzo de Medici) bestimmt worden wäre. Über diese Familie sagte Thomas Basin, dass „(…) sie nicht nur in Florenz und in der gesamten christlichen Welt, sondern auch in den meisten Königreichen der Ungläubigen wegen ihrer Handelstätigkeiten, ihrer Bank- und Geldwechselkontore und ihrer Beherrschung des Geldwesens bekannt waren”. (Thomas Basin: Historiarum de rebus a Ludovico XI et suo tempore in Gallia gestis, VI, XVII)
Die Stadt erlebte unter der Führung der Medici eine Zeit großer Blüte. Tausende arbeiteten in der florierenden Wollbranche. Mehr als 70 Bankhäuser vergaben innerhalb und außerhalb der Stadt Kredite. Manche Banken hatten sogar außerhalb Italiens Filialen. Der Wohlstand der Stadt zeigte sich schon daran, dass zwischen 1450 und 1480 insgesamt 30 palazzi (prächtig ausgestaltete Stadtwohnungen bedeutender Familien) gebaut wurden. Auch das künstlerische und wissenschaftliche Klima in Florenz wurde teilweise von den Medici bestimmt. Dank des Interesses der Medici an den Klassikern und an den schönen Künsten erhielten Maler wie Fra Angelico und Bildhauer wie Donatello eine Chance. Cosimo de’ Medici richtete im Dominikanerkloster eine umfangreiche Bibliothek ein. Sein Enkel Lorenzo umgab sich mit Gelehrten wie Marsilio Ficino und Pico della Mirandola und versuchte gemeinsam mit ihnen, die bestehenden Spannungen zwischen der christlichen Lehre und den von ihm so bewunderten heidnisch-griechischen Auffassungen aufzuheben.
| 13. | Gott und Gebot |
Es schien, als könne die tiefe Kluft zwischen Ost- und Westkirche, die einst durch Unterschiede in der kirchlichen Lehrauffassung und durch den Kampf um die Führung innerhalb der Kirche entstanden war, schnell überbrückt werden. Zwischen beiden Seiten bestand schon sehr lange ein tief verwurzeltes gegenseitiges Misstrauen. Dennoch brachten die Umstände die Führer beider Kirchen dazu, eine Wiedervereinigung anzustreben. Der byzantinische Kaiser hätte dann vielleicht militärische Unterstützung aus dem Westen gegen den heranrückenden Islam erwarten können, und der Papst hätte durch die Versöhnung an moralischer Autorität gewinnen und so der Konziliarismusbewegung die Stirn bieten können.
Ein viel versprechender Versuch zur Wiedervereinigung wurde auf dem vom Papst dominierten Konzil von Ferrara-Florenz unternommen, mit dem Ergebnis, dass am 6. Juli 1439 ein Dekret erlassen wurde, mit dem man eine Union der beiden Kirchen erreichte. Als die Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche aber nach Konstantinopel zurückgekehrt waren, zögerten sie die offizielle Bekanntmachung dieses Beschlusses aus Furcht um ihr Leben immer wieder hinaus.
1472 unternahm Rom den Versuch, nun die russische Kirche unter die Oberhoheit des Papstes zu zwingen. Aber da man in Russland von einem „Paktieren mit den römischen Ketzern” nichts wissen wollte, scheiterte auch dieser Annäherungsversuch. Die Spaltung bestand also weiterhin. Neben den kirchlich-organisatorischen Schwierigkeiten, die sich aus dieser Kirchenspaltung und dem Konziliarismus ergaben, hatte sich die römisch-katholische Kirche auch mit „ketzerischen” Auffassungen auseinanderzusetzen. Diese waren zum Teil eine Reaktion auf die Lebensweise der Geistlichkeit. Vor allem die hohen Geistlichen entfalteten großen Prunk, strebten immer mehr Funktionen an, um so ihre Einkünfte zu erhöhen, befassten sich mit rechtlichen und steuerlichen Angelegenheiten und vernachlässigten darüber ihre seelsorgerische Arbeit und die Unterweisung im Glauben. Das rief die Kritiker auf den Plan. Dass die noch nicht einmal 700 Konzilteilnehmer in Konstanz ein Gefolge von 17 000 Personen bei sich hatten und dass darüber hinaus noch einmal 50 000 Menschen benötigt wurden, um all diese Leute zu versorgen, veranschaulichte, dass sich die hohen Geistlichen gern wie weltliche Größen gebärdeten.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts brachte Hieronymus von Prag aus England eine Reihe neuer Ideen mit nach Böhmen. Manche dieser Ideen fanden vor allem durch das Zutun von Johannes Hus ein großes Echo. Die Tatsache, dass der Papst in diesen Jahren als Gegenleistung für die Unterstützung seines Kampfes gegen den König von Neapel Ablässe erteilte, stärkte Hus in seiner Auffassung, dass die Vergebung der Sünden auch ohne Mitwirkung eines Priesters erfolgen könne. Obwohl er im Gegensatz zum englischen Reformer Wyclif an der Lehre von der Transsubstantiation (Lehre, nach der sich Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln) festhielt, war er der Auffassung, dass bei der Messe dem Laien nicht nur das Brot, sondern auch der Wein gereicht werden könne (der so genannte Laienkelch).
Hus’ Vorstellungen und seine Kritik am Lebenswandel der Geistlichkeit wurden von den Tschechen begierig aufgenommen, stießen aber bei den zumeist deutschen Universitätsdozenten und den deutschen Herrschern in Prag auf heftigen Widerstand. Der deutsche König Sigismund, der 1419 auch König von Böhmen wurde, drängte auf die Einberufung eines Konzils, um u. a. diesen Konflikt zu beenden. Aber die Verurteilung Hus’ durch das Konzil und die Vollstreckung des Todesurteils durch Sigismund verschärften den Streit nur noch. Religiöser Eifer und Fremdenhass machten die Tschechen zu Hussiten, und anfangs wollte man sie einfach mit Waffengewalt bekämpfen. Aber nachdem verschiedene Kreuzzüge in verheerenden Niederlagen endeten, sah man ein, dass Verhandlungen vielleicht eher zu einem Ergebnis führen könnten – zumal die Hussiten zusammenstanden, sobald eine militärische Gefahr drohte. Ansonsten zerfielen sie in zwei Gruppierungen: die Utraquisten, die nur den Gebrauch des Laienkelchs, die Enteignung der Kirchengüter und den Gebrauch des Tschechischen als kirchliche Umgangssprache verfochten, und die Taboriten, die alles, was nicht ausdrücklich in der Bibel stand (z. B. die Heiligenverehrung, das Mönchstum und das Ablasssystem) verbannen und soziale Reformen in der Gesellschaft durchführen wollten. Mit beiden Gruppen wurden Vereinbarungen getroffen. Dadurch wurde es in Böhmen etwas ruhiger. Aber die Region war noch immer keine folgsame Tochter der Mutter Kirche. Inwiefern wirkten sich die Ereignisse auf das tägliche Leben der gewöhnlichen Gläubigen aus?
Das Abendländische Schisma konnte ihnen schwerlich entgangen sein. Dazu arbeiteten die rivalisierenden Päpste zu oft mit Interdikten, und die Gläubigen hörten von Wanderpredigern zu viele Strafpredigten über den Verfall in der Kirche. Der Tatsache, dass die Gemeindemitglieder von der niederen Geistlichkeit nicht ausreichend in der Religion unterwiesen wurden (meist waren die Kenntnisse der Priester selbst nicht ausreichend), waren sich die Gläubigen vielleicht nicht so deutlich bewusst. Aber dass Wanderprediger ihre Zuhörer stundenlang fesseln konnten, ließ sich nicht allein mit Sensationslust erklären, sondern hatte auch etwas mit unbefriedigter Wissbegierde zu tun. Der niederländische Volksprediger Johannes Brugman war einer dieser Wanderprediger, der manchmal auf Einladung von Stadtverwaltungen sprach. Der Stadtschreiber von Kampen schrieb z. B., dass Brugman „(…) am Mittwoch nach dem Feiertag des Simon und Judas im Rathaus vor dem Engen Rat sprach. Um elf Uhr vormittags begann er, und es dauerte bis kurz vor fünf Uhr”.
Im Allgemeinen erfüllten die Gläubigen zwar getreulich ihre kirchlichen Pflichten, aber war das mehr als nur eine Formsache? Wenn man die Messe besuchte – wurde man dadurch im Glauben gestärkt? Wenn man zur Beichte ging – bedeutete dies, dass man seine Sünden wirklich bereute? Wenn man zu bestimmten Zeiten die übrigen Sakramente empfing – schöpfte man daraus auch Trost oder Kraft? Vielleicht war man mit dem Sakralen zu vertraut, um daraus Lebenskraft zu schöpfen. Für alle denkbaren Situationen gab es einen Heiligen, der als Beschützer oder Helfer auftreten konnte. Bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten wurden die Heiligen angerufen, im Fluch ebenso wie im Gebet. Symbole für das Heilige wurden manchmal auch für sehr weltliche Zwecke verwendet. Man denke z. B. an die Gewohnheit, Flaschenausgießer in der Form von Heiligenbildern herzustellen? Die Gefahr, bei zu großer Vertrautheit und zu geringer Unterweisung dem Aberglauben zu verfallen, war groß: Manche weigerten sich, an dem Wochentag, auf den in dem jeweiligen Jahr das Fest der Unschuldigen Kinder fiel, eine wichtige Arbeit auszuführen. Denn dieser Tag war angeblich ein Unglückstag. Der englische König Eduard IV. ließ aus diesem Grund sogar seine Krönung wiederholen, und der französische Theologe Johannes Gerson musste gegen die Auffassung zu Felde ziehen, dass man während der Messe nicht älter wird.
„Wer mir folgt, wird nimmermehr in Finsternis wandeln, spricht der Herr. Christus selbst ist es, der uns mit diesen Worten anspornt, ihm in seinem Leben und Wandeln so getreu wie möglich zu folgen, wenn wir wirklich zu innerer Klarheit kommen wollen und nicht blind durchs Leben gehen wollen.” Mit diesen Worten beginnt die Imitatio Christi, das Buch, das beispielhaft für das Streben der Devotio moderna ist. Ziel dieser Bewegung, die in den Niederlanden beheimatet war und sich von dort aus in verschiedene Richtungen ausbreitete, war es, ein gottgefälliges Leben zu führen. Dabei diente das Leben Christi als Leitfaden. Die Anziehungskraft dieser Bewegung war so stark, dass sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts bereits 300 Klöster, darunter viele Frauenklöster, unter die Aufsicht von Windesheim, dem ältesten Orden innerhalb dieser Strömung, gestellt hatten. Daneben gab es die Häuser der Brüder und Schwestern des gemeinen Lebens, in denen Menschen lebten, die das gleiche Anliegen hatten und die überdies – oft zum Ärgernis der Geistlichkeit – durch ihr Beispiel, durch ihre Schriften und Predigten ihre Mitchristen zu einem maßvollen, bescheidenen und innig frommen Leben anspornten.
| 14. | Das Militärwesen: Heer und Söldner |
Ohne Zweifel war Jacques de Lalaing, der Herr von Bugnicourt, in vielerlei Hinsicht ein herausragender Ritter. Chastellain fasste den Ruf, der diesem Ritter vorauseilte, wie folgt in Worte: „Von Gott hatte er fünf Geschenke mitbekommen: Zunächst einmal war er die Blüte der Ritter. Er war so schön wie der Trojaner Paris, fromm wie Aeneas und klug wie der Grieche Odysseus. Wenn er sich im Kampf mit seinen Widersachern befand, befiel ihn der Zorn des Trojaners Hektor.” (Georges Chastellain: Chronique de J. de Lalaing, Kap. C) Aber 1453 wurde dieser Held durch eine Kanonenkugel getötet, weil er in seinem Übermut keine Deckung vor dem Geschütz suchte. Dieses persönliche Drama war für die Entwicklung typisch, die sich damals auf militärischem Gebiet vollzog.
Die Erfahrungen, die man bereits im vorhergehenden Jahrhundert auf den berühmt-berüchtigten Schlachtfeldern gemacht hatte, konnten die Ansichten der meisten Ritter nicht ändern. Sie hielten auch weiterhin daran fest, dass eine Feldschlacht im Grunde genommen eine Aneinanderreihung von einzelnen Reiterkämpfen sei, bei denen nicht die angewendete Taktik, sondern der persönliche Einsatz ausschlaggebend sei. Die Verhaltensregeln waren durch Ritterideale bestimmt: Geschicklichkeit im Umgang mit der Waffe, die Fähigkeit, Schläge einstecken zu können, Unerschrockenheit, Todesverachtung, Redlichkeit und Langmut gegenüber dem geschlagenen Feind, von dem man im Übrigen lieber Lösegeld sah, als dass man ihn tot sehen mochte.
Die Anordnung des englischen Königs Heinrich V. bei der Schlacht von Azincourt (1415), die Kriegsgefangenen aus einer vermeintlichen taktischen Notwendigkeit heraus zu töten, stieß deshalb auch auf große Empörung unter der Ritterschaft. Das Ziel des Ritters war, durch seine mutigen Taten Ehre und Ansehen zu erwerben. Diejenigen, denen dies am besten gelang und die darüber hinaus von ehrbarer Herkunft waren, wurden in von Fürsten gegründete Ritterorden, wie etwa den Orden vom Goldenen Vlies, aufgenommen. Und die Schreiber dieser Orden waren verpflichtet, die Heldentaten der Ordensmitglieder für alle Zeiten schriftlich festzuhalten.
An Mut fehlte es den Rittern meist nicht, und gegen die immer größer werdende Durchschlagskraft der Pfeile der Bogenschützen – das von den Rittern so verachtete Heer der Namenlosen – meinten sie sich dadurch schützen zu können, dass sie sich selbst und ihre Pferde immer schwerer panzerten. Dass damit ihre Bewegungsfreiheit abnahm und ihre Manövrierfähigkeit geringer wurde, schien sie nicht zu kümmern. In einigen Fällen erkannten die Oberhäupter von Städten, Stadtstaaten und Fürstentümern – bisweilen nach eigenen schlechten Erfahrungen – die Nachteile eines solchen mittelalterlichen Ritterheers, für das sie immer weniger Verwendung hatten. Sie suchten nach einer militärischen Form, bei der das Individualprinzip durch eine kollektive und taktische Aufstellung, die die Anwendung neuer Techniken zuließ, ersetzt wurde. Dadurch verlor die herkömmliche gesellschaftliche Funktion der feudalen Ritterheere, nämlich die Verteidigung der bestehenden Ordnung, stark an Bedeutung, ohne dass ihnen dafür eine neue Aufgabe zugewachsen wäre.
Die Sprengkraft der Mischung aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle war schon seit einiger Zeit bekannt. Aber erst im 15. Jahrhundert wurde diese explosive Mischung verwendet, um damit Kugeln zu verschießen. Die Kanonen waren anfangs noch schwere und plumpe Gebilde aus Eisen, die so unbeweglich waren, dass sie nur zur Verteidigung von Burgen und städtischen Befestigungsanlagen eingesetzt werden konnten. Allmählich verbesserte sich aber die Technik des Eisengießens, und die Kenntnisse in Bezug auf Feuerwaffen nahmen zu, so dass Kanonen jetzt auch für den Angriff eingesetzt werden konnten. Das hatte aber auch Nachteile. Denn nach jedem Schuss musste die Kanone wegen des Rückstoßes neu ausgerichtet werden. Und wenn man eine vorzeitige Explosion verhindern wollte, musste man die Kanone erst eine Weile abkühlen lassen, bevor man sie wieder lud. Der Haupteffekt der neuen Waffe waren nicht die Breschen in der Verteidigungsmauer oder hohe Verwundetenzahlen – am wichtigsten war der Schrecken, den man damit unter dem Feind anrichtete. Nicht nur gegen die Bogenschützen zogen die Ritter den Kürzeren, sondern auch gegen die Pikeniere (mit einer Pike bewaffnete Landsknechte).
Diese Erfahrung mussten die deutschen Ritter machen, die einst den Habsburgern in ihrem Kampf gegen die Schweizer beigestanden hatten. Dieses arme Bergvolk besaß nicht die finanziellen Mittel, um eine Reiterei aufzustellen. Deshalb suchte es sein Heil in einem gut ausgebildeten, disziplinierten und massenhaft auftretenden Fußvolk, das mit langen Piken gewissermaßen einen Abwehrzaun bildete, durch den sich die Ritter nicht durchkämpfen konnten. Angelockt von der Aussicht auf Beute oder durch Armut dazu gezwungen, folgten jetzt viele Schweizer dem Ruf unternehmungslustiger Ritter – die oft selbst von niederer Herkunft waren – und stellten sich in ihren Dienst. Solche Bandenführer (condottieri) boten sich und ihre Soldaten dem Meistbietenden an. Häufiger waren dies Fürsten, die dann außer über Pikeniere auch über angeheuerte Bogenschützen und Reiter verfügten und damit bestimmte Strategieformen anwenden konnten.
In Italien heuerten die kleinen Stadtstaaten condottieri an, um ihre Unabhängigkeit zu verteidigen. Gelegentlich kam es aber auch vor, dass ein siegreicher condottiere selbst die Herrschaft über die Stadt übernahm. Der militärische Wert dieser Berufsheere war ohnehin von durchaus zweifelhafter Natur. Entlassene Söldner streiften oft plündernd im Land ihres ehemaligen „Arbeitgebers” umher. Auch bei den Gefechtshandlungen ließ die Einsatzfreudigkeit der Söldner für ihren Arbeitgeber zu wünschen übrig. Überleben war für die Söldner wichtiger als siegen. Und wenn die Gegenseite ihnen bessere Konditionen bot, waren sie bereit, auf der Stelle überzulaufen.
| 15. | Bildungswesen und Freizeitgestaltung |
Städte und Dörfer hatten jeweils ihre eigenen Schulen, aber in beiden Fällen bestanden Verbindungen zu den Pfarrkirchen. Auf dem Land wurden Priester und Schulmeister im Allgemeinen von den gleichen Stellen berufen. Manchmal übernahm der Priester auch den Unterricht, aber noch häufiger war der Schulmeister gleichzeitig Küster. In den Städten versuchten die Stadtväter, die Zuständigkeit für die Pfarrschulen an sich zu ziehen. In der Pfarrschule wurden kirchliche Gesänge einstudiert, und die Schüler bildeten den Kirchenchor. Da die Lehrer von den Eltern der Schüler bezahlt wurden und auf dem Land nur wenig Kinder zur Schule gingen (ob ein Kind die Schule besuchte oder nicht, hing von der wirtschaftlichen Situation der Eltern ab), war die Dorfschule oft ein Einmannbetrieb, in dem der Lehrstoff auf Singen, Lesen, Schreiben und Rechnen beschränkt blieb. Wer seinen Kindern eine bessere Ausbildung zuteilwerden lassen wollte, musste sie schon in sehr jungen Jahren auf die Stadtschule schicken und sie in anerkannten Pensionen unterbringen.
In den Städten hatten die Jungen bereits vorbereitenden Unterricht in oftmals privaten Lehreinrichtungen hinter sich, bevor sie mit acht Jahren in die Schule kamen, wo sie sechs Jahre lang in Musik und Latein und in den obersten Klassen auch in Logik unterrichtet wurden. Manchmal durften auch Mädchen diese von der Stadt verwalteten und unter ihrer Obhut stehenden Schulen besuchen, aber ansonsten mussten sie ihre schulischen Kenntnisse im Privatunterricht erwerben. In den städtischen Pfarrschulen unterrichteten Lehrer mit Universitätsausbildung. Der Erfahrenste von ihnen wurde zum Rektor ernannt, und dieser bestimmte vorwiegend das sehr unterschiedliche Unterrichtsniveau. Daneben hatte er die Aufsicht über die Schüler, auch außerhalb der eigentlichen Schulstunden. Dies betraf dann vor allem die in den Pensionen untergebrachten externen Schüler, die manchmal dazu neigten, die Schule zu schwänzen, ihre kirchlichen Pflichten zu vernachlässigen und abends auf der Straße Schabernack zu treiben. Wer mit 14 Jahren die Stadtschule durchlaufen hatte, konnte sich um die Zulassung an einer Universität bewerben. Die Möglichkeiten dazu wurden immer größer: Im Lauf des 15. Jahrhunderts wurden etwa 30 neue Universitäten gegründet, die meisten von ihnen in den Städten nördlich der Alpen. Infolgedessen nahm die Zahl der ausländischen Studenten an den alten Universitäten ab, und hier und da galt neben Latein auch die Landessprache als Unterrichtssprache. So wurde in Paris der Unterricht für die Studenten der Chirurgie in französischer Sprache abgehalten. Andernorts wurde aber versucht, diese Tendenz zu bekämpfen. Dort durften sich die Studenten nicht einmal in ihren freien Stunden miteinander in ihrer Landessprache unterhalten.
An der Universität erhielt der Student zunächst eine Grundausbildung in den „freien Künsten” (artes liberales). Hauptbestandteil dieser Ausbildung war die Philosophie. Nach ungefähr sechs Jahren konnte er den Magistertitel erwerben. Damit durfte er dann, im Alter von 20 Jahren, überall Unterricht erteilen. Wer sich anschließend in Rechtswissenschaft, Medizin oder Theologe spezialisieren wollte, konnte nach etwa zehn Jahren den Doktortitel erwerben. Im Übrigen widmeten sich nicht alle Studenten mit der gleichen Hingabe ihrem Studium. Ihre rechtliche Sonderstellung, durch die sie sowohl für die weltliche als auch für die kirchliche Rechtsprechung nicht fassbar waren, verleitete sie mitunter dazu, ein ungebundenes Leben zu führen und mehr Zeit in der Schenke zuzubringen als an der Universität. Die Lernmittel, über die die Studenten verfügten, waren äußerst spärlich, so dass Auswendiglernen und Aufsagen zu den Haupttätigkeiten gehörten. Um den Studenten das Lernen zu erleichtern, wurde der Lehrstoff oft in Form von Frage und Antwort oder in Reimform angeboten. Von den wichtigsten Lehrbüchern waren zwar verhältnismäßig viele Abschriften in Umlauf, denn es gab Buchverkäufer, die eine gewisse Anzahl von Kopisten fest angestellt hatten. Aber für die meisten Studenten waren diese Abschriften zu teuer. Möglicherweise konnte der Buchdruck hier auf die Dauer eine Veränderung bringen. Aber zunächst einmal bestand der größere Nutzen dieser neuen Erfindung darin, dass die Buchverfasser nun nicht mehr so sehr auf das genaue Arbeiten der Kopisten angewiesen waren. Der Bischof von Aléria war hinsichtlich der Perspektiven, die das Werk von Männern wie Gutenberg bot, zu optimistisch, als er 1468 an Papst Paul II., der in Rom Druckerpressen eingeführt hatte, schrieb: „Ist es nicht eine sehr große Ehre für unseren Herrn, dass er den Ärmsten die Möglichkeit gegeben hat, mit geringen Kosten eine Bibliothek aufzubauen und für 20 Ecu korrekte Exemplare kaufen zu können? Früher zahlte man beim Kopisten 100 Ecu für fehlerhafte Exemplare. Unter Eurem Pontifikat kosten die besten Bücher kaum mehr als das Papier und das Pergament. Heute kann man einen Buchband für weniger kaufen, als früher allein der Einband kostete.”
Auch als am Ende des 15. Jahrhunderts in mehr als 100 Städten der christlichen Welt Druckerpressen in Gebrauch waren, blieb der Aufbau von Bibliotheken – die in der Hauptsache doch noch aus oft mit prächtigen Miniaturen bebilderten Handschriften bestanden – eine Liebhaberei für Fürsten und Menschen aus ihrer Umgebung. Daneben gab es Gelehrte, die aus Wissbegierigkeit bereit waren, ihr letztes Geld für Bücher auszugeben. Die meisten Menschen mussten ihre Vergnügungen aber anderswo suchen. An normalen Werktagen hatten sie dafür in der Regel wenig Zeit. Denn die Arbeit nahm sie den ganzen Tag in Anspruch, und wenn die Nacht hereinbrach, begab man sich zur Ruhe. Auf der anderen Seite gab es aber zahlreiche kirchliche Feiertage, an denen Prozessionen abgehalten wurden, die viele Zuschauer anzogen. Diese Prozessionen, bei denen zur Erbauung der Zuschauer Heiligenbilder und Reliquien mitgeführt wurden, wurden mit Musik und Darbietungen umrahmt, an denen die Bruderschaften und Zünfte der Stadt mitwirkten. Außerdem ging man – manchmal mit einem gewissen Vergnügen – zu öffentlichen Hinrichtungen und erfreute sich am beeindruckenden Einzug wichtiger Persönlichkeiten.
Auch die Wochen- und Jahrmärkte sorgten für Unterhaltung. Bei all diesen Gelegenheiten kam das ansonsten oft geschmähte „fahrende Volk” in die Stadt, um die Leute für ein paar Heller zu unterhalten. Trommler, Pfeifer und andere Musikanten machten auf dem Marktplatz und in den Schenken Musik, und die Leute tanzten dazu. Gaukler und Bärenbändiger zogen die staunende Menge mit ihren Künsten in ihren Bann, und Narren und Possenreißer schließlich brachten das Publikum zum Lachen. An Hochzeitstagen konnte es gelegentlich auch vorkommen, dass auf dem Kirchplatz ein Gerüst gebaut wurde, auf dem Passanten, aber noch öfter die Mitglieder der städtischen Dichtervereinigung mehrere Theaterstücke nacheinander aufführten. Zur Belehrung des Publikums begann man mit ein oder mehreren romantischen Dramen, die darauf abzielten, dass der Mensch vielen Versuchungen ausgesetzt sei und ihnen nur widerstehen könne, wenn er an der Tugend festhalte. Zur Freude der Schaulustigen schloss man die Vorstellung mit einem Schwank, der für gewöhnlich die Klugheit des Städters gegenüber der Einfalt des Dorfbewohners zeigen sollte. Und nicht zuletzt gab es Zusammenkünfte von allerhand Bruderschaften und Hochzeiten, bei denen, abgesehen von allen Feierlichkeiten, das Essen in der Regel den Höhepunkt bildete. Solche Hochzeiten entarteten nicht selten zu Trinkgelagen. Um dem Grenzen zu setzen, wurden Bestimmungen bezüglich der Anzahl der Gäste und der zur Unterhaltung aufgebotenen Spielleute erlassen. Weitere Vorschriften reglementierten die Schlusszeiten sowie die Essens- und Getränkemengen.
| 16. | Krankheit und Gesundheit |
Obwohl im 15. Jahrhundert deutlich weniger Menschen Seuchen zum Opfer fielen als im 14. Jahrhundert, war die Angst vor den verschiedenen ansteckenden Krankheiten nicht geringer geworden. Besonders dem heiligen Rochus, der zeit seines Lebens Seuchen bekämpft hatte, wurde große Verehrung zuteil. Auch andere Mittel wurden angewendet, um der Seuchengefahr zu entkommen. Wer Gelegenheit dazu hatte, zog aus einer Stadt, die von einer ansteckenden Krankheit bedroht war, weg. Aber nicht alle verfügten über Möglichkeiten wie Margaretha von Bayern, die bei ihrem Auszug aus Dijon im Jahr 1414 an die Stadtherren schrieb: „Da nun die Pest und eine tödliche Seuche in Dijon wüten und dies eine sehr ansteckende Krankheit ist … verfügen wir, dass Ihr den Einwohnern von Dijon deutlich bekannt macht, dass niemand den Plan fassen soll, nach Auxonne zu kommen, wohin wir mit unseren Kindern gezogen sind, um der Pest zu entgehen.”
Manchmal ergriffen die Stadtväter vorbeugende Maßnahmen gegen Seuchen. So wurden aus dem Orient kommende Waren und Personen in Venedig zunächst für 40 Tage auf eine abgeriegelte Insel gebracht, bevor sie in die Stadt kommen durften. Die Länge dieses Aufenthalts basierte auf den 40 Tagen bzw. Jahren, die Christus bzw. Moses in der Wüste verbracht hatten. Da Venedig durch seinen weltoffenen Hafen sehr anfällig war, ist es verständlich, dass die Venezianer 1453 die Gebeine des heiligen Rochus aus Montpellier nach Venedig überführten.
Aufgrund der auch andernorts vertretenen Auffassung, dass ansteckende Krankheiten durch unreine Luft verursacht würden, hatte man in Châlons beim Herannahen einer neuen Seuche das Halten von Schweinen verboten und Maßnahmen getroffen, um die Straßen von Mist und sonstigem Abfall zu reinigen. Wegen der hohen Kosten und wegen des Widerstands der Einwohner waren diese Maßnahmen aber nur vorübergehender Art. Trotz allerlei Vorsorgemaßnahmen kam es immer wieder zu Seuchen verschiedenster Art, vor allem nach Ereignissen, bei denen sich Menschen aus aller Herren Länder nach langen Reisen zusammengefunden hatten, so etwa bei den Konzilien von Konstanz und Basel sowie bei den Festlichkeiten zum Jubiläumsjahr in Rom (1450).
Am Ende des 15. Jahrhunderts wurde die christliche Welt von einer neuen ansteckenden Krankheit heimgesucht, die vermutlich von Entdeckungsreisenden aus der Neuen Welt eingeschleppt worden war. Die einfachen Leute nannten diese Krankheit die „französische Krankheit”. Aber die Doktoren der Medizin, die zwar viel theoretische Weisheit, aber wenig praktische Kenntnisse besaßen, nannten sie Syphilis. Die Erfahrung lehrte, dass dieser Krankheit ebenso wie den anderen Seuchen mit Kräutern nicht wirkungsvoll beizukommen war.
Bessere Ergebnisse erzielte man mit Kräutern beim Konservieren von Lebensmitteln und bei der Zubereitung von Nahrungsmitteln. Noch immer waren die verschiedenen Getreidesorten sowie Bohnen und Erbsen die Hauptbestandteile der Mahlzeiten. Obst und Gemüse kamen nur bei den Wohlhabenden auf den Tisch, vor allem, wenn Gäste eingeladen waren. Daneben waren Fisch und Fleisch ein wichtiger Bestandteil der Ernährung. Fisch hatte den Vorteil, dass er nicht allzu teuer war. Abgesehen davon, dass Fische in vielen Seen, Flüssen oder eigens zu diesem Zweck angelegten Teichen gefangen werden konnten, war es auch möglich, Stockfisch und Salzhering über große Entfernungen zu transportieren. Es gab zwar kirchliche Vorschriften, die den Verzehr von Fleisch an den zahlreichen Fastentagen verboten. Für Fisch gab es derartige Verbote aber nicht. Dennoch wurde auch viel Fleisch gegessen. Infolgedessen zählte die Fleischerzunft in den meisten Städten nicht nur sehr viele, sondern auch sehr wohlhabende Mitglieder. Im Interesse der Qualität des Fleisches und der Gesundheit der Einwohner erließen die Stadtväter bisweilen entsprechende Vorschriften. So gab es in verschiedenen Städten die Bestimmung, dass Fleisch nicht länger als zwei aufeinanderfolgende Tage zum Kauf angeboten werden durfte. Die meisten Menschen waren zwar schon froh, wenn sie überhaupt ausreichend zu essen hatten.
Aus der Tatsache, dass immer mehr Kochbücher in Umlauf kamen, kann man aber schließen, dass die „besseren Kreise” ein wachsendes Interesse für die Art und Weise der Nahrungsmittelzubereitung hatten. Man wollte seine Gäste nicht nur mit reichlichem Essen verwöhnen, sondern die Speisen sollten auch schmecken. Deshalb interessierte man sich dafür, was erfahrene Küchenmeister ausprobiert hatten. So kam aus Bayern das folgende Rezept: „Man nehme eine Kalbsleber, hacke sie in kleine Stücke und würze sie gut. Dann etwas Speck und Fruchtfleisch von Trauben nehmen. Haut vor sich hinlegen und gut mit Eigelb einstreichen. Dann die Leberstückchen (und die anderen Zutaten) nehmen und mit der Haut umwickeln und das Ganze gut feststecken. (Danach das Ganze) auf der einen Seite mit rotem (gefärbtem) Eigelb bestreichen und anschließend die andere Seite mit grünem Eigelb und Petersilie bestreichen, aber nicht zu salzig machen!”
| 17. | Die Rolle der Frau |
Über die Rolle der Frau war man sich nicht ganz einig: Mal erblickte man in jeder Frau eine Eva, eine Verführerin zum Bösen, dann wieder sah man in ihr das Ebenbild Marias, der Königin des Himmels. Nicht nur in kirchlichen Kreisen begegnete man dieser zwiespältigen Einschätzung. Auch in den Schriften, die in Adelskreisen die Runde machten, begegnete man auf der einen Seite einer übermäßigen Verehrung der Frau – der Dame –, während auf der anderen Seite eine starke Missachtung zu spüren war.
Gegen diese geringschätzige Behandlung der Frau in der Literatur zog zu Beginn des 15. Jahrhunderts zum ersten Mal eine Frau zu Felde: Christine de Pisan. Ihr Standpunkt lief darauf hinaus, dass die Frau nicht zum Vergnügen des Mannes geschaffen sei, sondern dass sie in der Gesellschaft ihre eigenen Aufgaben zu erfüllen habe, möglichst gemeinsam mit dem Mann innerhalb der Ehegemeinschaft. Wenn die Frau aber ihren Mann verliere, müsse sie selbständig ihren Weg gehen. Um dazu in der Lage zu sein, müsse die Frau entsprechend geschult sein. Christine de Pisan lieferte mit ihrem Buch Livre des trois vertus einen Beitrag dazu. In diesem Buch erläuterte sie, welche Aufgaben den Frauen aus den verschiedenen Ständen im Leben zukamen.
Im Alltagsleben war die Gattin des Edelmanns nicht die flirtende, gefällig plaudernde oder auf Falkenjagd gehende Dame aus der höfischen Literatur, sondern eine hart arbeitende Frau. In ruhigen Zeiten hatte sie das Haushaltspersonal unter sich, das unter ihrer Aufsicht für die Beköstigung und Bekleidung der zahlreichen Hausbewohner und Gäste sorgte. Das bedeutete: den Umfang der anzulegenden Vorräte berechnen, Nahrungsmittel für den Winter einkochen, brauen, schlachten und Kleidung herstellen oder kaufen. Wenn der Edelmann einen Gutsbetrieb hatte, leitete die Frau oft auch das Gut: Sie legte fest, wann gesät und geerntet werden sollte. Sie bestimmte, welchen Umfang und welche Zusammensetzung der Viehbestand haben sollte, und sie verteilte und überwachte die Arbeit des Personals. Außerdem war der Edelmann in diesen stürmischen Zeiten oft lange von zu Hause weg (Krieg, Gefangenschaft). Die Frau musste dann ganz alleine die Ländereien verwalten. Unter Umständen konnte die Situation besonders schwierig sein, z. B. wenn Lösegeld für den Ehegatten aufgebracht werden musste oder die Ländereien und Gehöfte vor Kriegseinwirkungen geschützt werden mussten. In all diesen Situationen trat die adlige Frau selbständig auf. Manchmal wurde sie dann überdies von „Aasgeiern” bedrängt, die es auf die Besitztümer abgesehen hatten.
In den Städten waren die Frauen zum größten Teil in den Arbeitsprozess einbezogen. Das galt sowohl für die Verheirateten als auch für Alleinstehende. Viele fanden Arbeit im Bereich der Nahrungsmittelzubereitung und im Textilgewerbe. Daneben bestand eine große Nachfrage nach Haushaltspersonal. Bei der Textilverarbeitung gab es einige Tätigkeiten, die man vorzugsweise Frauen überließ. Nicht umsonst wurde im Niederländischen das Wort spinster (Spinnerin) auch als Bezeichnung für eine unverheiratete Frau verwendet. In Handwerksmeisterfamilien kam es vielfach vor, dass die Ehefrau und die unverheirateten Töchter im Betrieb tätig waren. Wenn der Meister starb, führte manchmal die Witwe den Betrieb selbständig weiter und wurde dann als vollwertiges Mitglied der Zunft behandelt. Auch konnte es vorkommen, dass verheiratete oder alleinstehende Frauen ein Gewerbe ausübten – z. B. einen Laden betrieben. In diesem Fall wurde nicht nur die unverheiratete Frau als geschäftsfähig betrachtet, sondern bisweilen sogar die verheiratete Frau, obwohl diese im Normalfall nicht selbständig Rechtsgeschäfte vornehmen konnte, sondern bei der Wahrung ihrer Rechte von ihrem Mann abhängig war. Nicht gegen die selbständige Tätigkeit von Frauen, sondern gegen das Arbeiten von Frauen in Lohndienst wurden manchmal Barrieren aufgebaut. Es hieß, bestimmte Arbeiten seien zu schwer für Frauen. Aber der wahre Grund für die benachteiligenden Maßnahmen war der, dass Frauen für weniger Lohn arbeiteten und dadurch auf dem Arbeitsmarkt eine Konkurrenz für die Männer darstellten.
| 18. | Ehe und Liebe |
Auch im 15. Jahrhundert sah man in der Familie ein wesentliches Element der Gesellschaft. Daher widmete man den Besitzungen, dem Betrieb und vor allem auch der Zusammensetzung der Familie besondere Aufmerksamkeit. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die Eheschließung nicht in erster Linie eine Angelegenheit war, die die beiden Brautleute betraf, sondern eine Angelegenheit, die für beide Familien von großer Tragweite war.
Im Normalfall verließ die Tochter ihre Familie, um sich der Familie ihres Ehegatten anzuschließen und den Fortbestand dieser Familie zu ermöglichen. Dabei nahm sie unter Umständen einen Teil des Besitzes ihrer eigenen Familie mit (die Mitgift – für die sie dann auf ihren Erbteil verzichtete). Die Fruchtbarkeit der Braut war von großer Bedeutung, vor allem bei den weniger Wohlhabenden, bei denen Kinder zukünftige Arbeitskräfte bedeuteten. Der Eintritt der Braut in die Familie des Bräutigams war oft ganz wörtlich zu verstehen: Die Frischvermählten zogen ins Elternhaus des Bräutigams ein und arbeiteten dort in der Familie mit. Wenn die Braut die Alleinerbin ihrer Eltern war, zog das junge Paar zu den Eltern der Braut. Denn der Bräutigam würde ja später ohnehin die Güter verwalten oder den Betrieb führen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Familien, meist in Person der Familienoberhäupter, nach einem Lebenspartner für ihre Kinder umsahen. Je höher man auf der gesellschaftlichen Stufenleiter stand, desto früher schloss man Eheverträge für die zukünftigen Eheleute ab. Dabei wurde u. a. die Höhe der Mitgift und der Summe, die die Frau beim Tod des Ehemanns erhalten soll, festgelegt. Zum Zeitpunkt der Eheschließung war die Braut meistens noch minderjährig. Mädchen heirateten mit 14 oder 15 Jahren. Die jungen Männer waren oft volljährig. Rechtlich gesehen kam die Braut also von der Vormundschaft des Vaters unter die Vormundschaft des Ehemanns. Solange der Ehegatte lebte, war die Ehefrau nicht geschäftsfähig, sondern stand unter der Obhut ihres Mannes. Wenn Sie des Ehebruchs beschuldigt wurde, ihr Ehegatte diese Beschuldigung aber zurückwies, konnte sie nicht vor Gericht gestellt werden.
Die Tatsache, dass in vielen Fällen die Ehe von den Eltern arrangiert wurde, bedeutete nicht unbedingt, dass die zukünftigen Eheleute keine Liebesgefühle füreinander empfanden. Christine de Pisan, die im jugendlichen Alter von ihrem Vater verheiratet wurde und schon bald Witwe wurde, drückte vielfach ihr Bedauern über ihr zu früh geendetes Eheglück aus. Dem standen zahlreiche Beispiele von Menschen gegenüber, die ihr Glück außerhalb der Ehe suchten. Wenn es sich dabei um Männer handelte, zeigte sich die Gesellschaft trotz der Verurteilung durch die Kirche tolerant. Uneheliche Kinder waren zwar in rechtlicher Hinsicht nicht mit ehelichen gleichgestellt, aber im gesellschaftlichen Leben wurden sie, zumindest beim Adel, voll akzeptiert. Mätressen – man denke nur an Agnes Sorel, die als Mätresse Karls VII. von Frankreich großen Einfluss auf diesen ausübte – wurden öffentlich als solche bezeichnet und hatten manchmal eine mehr oder weniger offizielle Position. Ehebruch der Frau dagegen wurde in der Praxis kaum geduldet und bildete einen Rechtsgrund für die Aufhebung der Ehe.
Wenn die Ehe in erster Linie eine materielle Angelegenheit zwischen den betroffenen Familien war – Moralisten klagten in diesem Zusammenhang über den verderblichen Einfluss der Habsucht –, hatten die jungen Leute selbst praktisch kein Mitspracherecht bei der Wahl ihres zukünftigen Ehepartners. Im Allgemeinen war das Mitspracherecht umso größer, je weniger wohlhabend man war. Außerdem wurden vielfach heimlich Ehen geschlossen: Junge Verliebte gaben sich ohne Mitwissen ihrer Eltern an einem geheim gehaltenen Ort in Gegenwart eines Priesters das Jawort. Aufgrund dessen erklärte sie der Priester für Mann und Frau. Trotzdem liefen sie Gefahr, dass ihre Ehe im Nachhinein als Konkubinat, also als „wilde Ehe”, betrachtet wurde. Auch bei offiziellen Eheschließungen legte die Kirche mehr Wert auf die Zustimmung der Braut und des Bräutigams zur Ehe als auf den Ehevertrag. Wenn die Brautleute am Hochzeitstag mit Familie und Freunden in die Kirche kamen, fragte der Priester sie am Kircheneingang, ob sie der Ehe zustimmten. Nachdem sie ihr Eheversprechen abgegeben hatten, sprach der Priester die Worte: „Dann verbinde ich euch beide”, und gab ihnen seinen Segen. Danach betrat der Brautzug die Kirche, und alle wohnten der Hochzeitsmesse bei.
Anschließend begann das große Fest. In manchen Gegenden begaben sich die Jungvermählten am Abend zu Bett, und der Priester weihte das Ehebett. Die Gäste aber feierten weiter. Sowohl die Kirche als auch die betroffenen Familien sahen in der Ehe vor allem ein Mittel, den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Aber in was für eine Welt trat die neue Generation ein? In eine Welt, die, wie viele meinten, vom Bösen überkommen, ihrem Untergang entgegenging? Oder in eine Welt, von der man, um es in den Worten des italienischen Schriftstellers Matteo Palmieri auszudrücken, sagen konnte: „Nun kann in der Tat jede bewusst lebende Seele Gott danken, dass es ihr vergönnt ist, in dieser neuen Zeit geboren zu werden, die so hoffnungsvoll und voller Versprechungen ist …”?
| 3. | Afrika |
Im Westen des am Mittelmeer angrenzenden Teils Afrikas hatte Tlemcen in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts eine Zeit wirtschaftlichen Wohlstands und relativer Unabhängigkeit erlebt. Tlemcen war „Heimathafen” für viele die Sahara durchquerende Handelskarawanen. Zwar versuchten die Mariniden, die Herrscher über Marokko, in den Besitz dieser Stadt zu gelangen, aber sie scheiterten. In dieser Zeit brauchten die Mariniden alle Kräfte, um die Einheit ihres Reichs zu wahren – erhoben sich doch die Söhne, die meistens einen Gouverneursposten innehatten, gegen ihren Vater. Das Reich drohte sogar in einen nördlichen Teil mit der Hauptstadt Fès und einen südlichen Teil mit der wichtigen Handelsstadt Sidjilmasa als Zentrum zu zerfallen.
Aber als 1331 Abu-el-Hassan an die Macht kam, war diese Gefahr gebannt. Dieser Sohn einer äthiopischen Frau wurde zum größten Sultan, den die Mariniden je kannten. 1333 rief ihn der Emir von Granada gegen die Spanier zu Hilfe. Abu-el-Hassan setzte daraufhin über die Straße von Gibraltar nach Spanien über und eroberte Algeciras für den Emir. Zurück in seinem Reich, setzte Abu-el-Hassan seine Eroberungspolitik nach Osten hin fort. 1337 eroberte er Tlemcen und verleibte es seinem Reich ein. Mit den tunesischen Hafsiden, die mehr oder weniger von den Mariniden abhängig waren, rüstete Abu-el-Hassan dann eine Kriegsflotte gegen Spanien aus. 1340 wurden die Spanier bei Gibraltar geschlagen. Damit hatten sich die Hoffnungen der Spanier, das von 1229 bis 1309 in ihrem Besitz befindliche Ceuta (auf der afrikanischen Seite der Straße von Gibraltar) zurückerobern zu können, zunächst einmal zerschlagen. Abu-el-Hassan setzte seine Politik fort: 1347 nahm er den Hafsiden Bejaia, Constantina und Tunis ab. Zu diesem Zeitpunkt hatte er den Gipfel seiner Macht erreicht und sich nicht nur Einnahmen aus dem sehr gewinnträchtigen Handel mit den Gebieten südlich der Sahara (er beherrschte alle Hafenorte, die für diesen Handel eine Rolle spielten), sondern auch Einnahmen aus dem westlichen Mittelmeerraum gesichert.
Doch auch Abu-el-Hassan traf das Schicksal seiner Vorgänger. Sein Sohn Abu Inan, der zum Gouverneur von Tlemcen ernannt worden war, erhob sich gegen seinen Vater. Während der Vater vergeblich versuchte, die aufständischen Hilali-Araber zu unterwerfen, zog Abu Inan nach Fès und rief sich dort zum Sultan aus. Tlemcen nutzte die Gunst der Stunde, um die Herrschaft der Mariniden abzuschütteln. Schließlich kam es 1350 zu einer Schlacht zwischen den Streitkräften des Vaters und des Sohns. Dabei erlitt Abu-el-Hassan eine vernichtende Niederlage. Von den Gefolgsleuten seines Sohns davongejagt, flüchtet er in die Berge des Hohen Atlas, wo er 1351 starb. Abu Inan versuchte, die Politik seines Vaters nachzuahmen und Tlemcen und die übrigen aufständischen Städte und Gebiete unter seine Herrschaft zu bringen. Aber der Widerstand gegen die Mariniden-Herrschaft war sehr groß, und 1358 zog sich Abu Inan krank nach Fès zurück. Dort wurde er von einem seiner Minister ermordet.
Nach Abu Inan versank das Mariniden-Reich in Anarchie. Von den 17 Sultanen, die bis 1465 nominell regiert hatten, wurden sieben ermordet und fünf abgesetzt. Nur in fünf Fällen endete die Herrschaft mit dem natürlichen Tod des Sultans. In Marokko übernahm bereits 1427 die Wattasiden-Dynastie faktisch die Macht. Die Wattasiden mussten ständig vor den Portugiesen auf der Hut sein und die Angriffe auf Ceuta und Tanger abwehren. Aber 1471 konnten die Portugiesen die am Atlantik gelegenen Küstenstädte Tanger, Asilah und Larache schließlich doch in ihren Besitz bringen. In Tlemcen nahmen die Abdalwadiden wieder ihre alte Stellung ein. Aber durch die fortwährenden Kriege mit Fès kam diese Stadt nicht mehr zu ihrer früheren Blüte.
Anders erging es den Hafsiden, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von ihrer Hauptstadt Kairouan aus ihre verlorenen Städte an der algerischen Küste zurückerobern konnten. Unter ihrer Herrschaft entwickelte sich Tunis zum wichtigsten Handelszentrum im Nordwesten Afrikas. 1353 wurde ein Handelsabkommen mit Pisa geschlossen. Dadurch erhielt der italienische Stadtstaat das Recht, einen so genannten funduk zu errichten: ein Gebäude, in dem ein Konsul seinen Sitz hatte und in dem außerdem ein Hotel, ein Lagerhaus und ein Laden untergebracht waren. Auch eine Kirche bzw. Kapelle für die christlichen Kaufleute war damit verbunden. Im 14. und 15. Jahrhundert waren die wichtigsten Handelspartner von Tunis im Mittelmeerraum Venedig, Florenz, Genua, Pisa und Marseille. Aber auch die Kaufleute aus Alexandria, Konstantinopel, Zypern, Rhodos, Kalabrien, Sizilien, Sevilla, Sète und Nîmes hatten in Tunis ihre Niederlassungen und Vertreter.
In das Hafsiden-Reich zog es auch die muslimischen Flüchtlinge aus Andalusien und Granada, die ihre besonderen Kenntnisse und Fertigkeiten mitbrachten. Einige von ihnen sannen auf Rache an den Christen, die sie aus ihrem Land vertrieben hatten. Sie bildeten mit allerlei Abenteurern eine Organisation, die sich durch Seeräuberei hervortat. Insbesondere hatten sie es auf christliche Schiffe abgesehen. Bejaia wurde zum Zentrum dieser Piratentätigkeit. 1390 versuchte eine französisch-genuesische Expedition, dieses „Seeräubernest” auszuheben. Aber die Expedition wurde von der Hafsiden-Flotte zurückgeschlagen.
Unter dem toleranten Hafsiden-Herrscher Abu Faris (1393-1433) herrschte in diesem Gebiet dann Ruhe und Frieden. In Tunis durften Juden und Christen ihr Gewerbe ausüben. Und obwohl die Handelsschifffahrt wegen der Seeräuberei mit Risiken verbunden war, gab es einen lebhaften Handel mit sehr vielen verschiedenen Waren. Ausgeführt wurden u. a. Trockenobst, Datteln, Olivenöl, gesalzener Fisch, Salz, Zucker, Pferde, Wolle, Leder, Tierhäute, Korallen, Gerbstoff und Sklaven. Nach Tunis eingeführt wurden Getreide, Alaun, Parfüm, Farbstoffe, Falken und Jagdvögel, Glas, Papier, Metall, Gold, Silber und Juwelen. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entwickelte sich Tunis unter dem Hafsiden Abu Omar Osman (1435-1487) aber wieder mehr und mehr zu einem Zentrum der Piraten. Das Gleiche galt für Bejaia und Bizerta. Auf kulturellem Gebiet spielte sich im 15. Jahrhundert im Nordwesten Afrikas wenig ab. Das 14. Jahrhundert hatte allerdings zwei Gelehrte von Weltruf hervorgebracht: den Geographen Ibn Battuta (1304 bis ca. 1369), der eine Beschreibung seiner Reisen insbesondere in die südlich der Sahara gelegenen Gebiete Afrikas und seiner Reisen in Asien (bis nach China) hinterließ, sowie den Geschichtswissenschaftler Ibn Chaldun (geboren in Tunis 1332 und gestorben in Kairo 1406), der in dem Einführungsband (Muqaddama) zu seinem großen Werk über die Geschichte der Araber, Perser und Berber eine allgemeine Theorie über politische und gesellschaftliche Entwicklungen in der Welt darlegte.
In der östlichsten Mittelmeerregion Afrikas, in Ägypten, hatten im 14. und 15. Jahrhundert die Mamelucken-Sultane die Macht inne. Diese von Sklaven abstammenden Herrscher gingen aus einer Militärkaste hervor, die das Land regierte und ausbeutete. Der relative Wohlstand, den Ägypten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts kannte, galt nicht für die Bauern, die zu Sklaven ihrer Gutsherren (die Militärs waren) geworden waren. Zur Zeit des Mamelucken-Sultans al-Nasir Muhammad (1310-1341) war Ägypten die wichtigste Macht im Nahen Osten. Aragón, der Vatikan, der Sultan von Delhi, Äthiopien und Mali hatten Botschafter in Ägypten. Die Karimi (Kaufleute und Bankiers), die als einzige Gruppe neben den Militärs Einfluss hatten, nutzten ein weit verzweigtes Handelsnetz, das sich von den Küsten des Indischen Ozeans bis nach Indonesien und Südchina erstreckte. Sie waren auch in Äthiopien, Nubien und im Westen des Sudan aktiv. Der wichtigste Mittelmeerhafen war Alexandria, wo Kaufleute u. a. aus Venedig, Genua, Florenz, Marseille und Barcelona Handel trieben. Dieser Handelsverkehr wurde vertraglich geregelt.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts wurde auch Ägypten vom „schwarzen Tod”, der Pest, heimgesucht (1348-1355). Dieser Seuche fielen vor allem in Kairo sehr viele Menschen zum Opfer. Es folgte eine Hungersnot, und der Anfang des 15. Jahrhunderts wurde zu einer Zeit politischer und wirtschaftlicher Krisen. Verheerend war schließlich die Herrschaft des Sultans Barsbai (1422-1438), der für die zunehmende Münzverschlechterung verantwortlich war und der Bevölkerung immer drückendere Steuern auferlegte, um den Militärapparat finanzieren zu können. 1429 erhielt die Wirtschaft Ägyptens durch die Einführung eines Staatsmonopols auf den Handel mit Gewürzen (insbesondere Pfeffer) den Todesstoß. Die Karimi, von denen der Wohlstand des Mamelucken-Reichs abhing, verließen nach und nach Ägypten und wanderten hauptsächlich nach Indien ab. Da die Proteste der europäischen Händler kein Gehör fanden, sahen sich diese Händler veranlasst, die Gewürze in den Anbaugebieten selbst zu holen. Für Ägypten brach eine Zeit des Verfalls an.
Mali, der Staat des Mande-Volks, der sich von dem Gebiet am Oberlauf des Niger bis zum Atlantik erstreckte, hatte im 14. Jahrhundert unter Kankan Mansa Musa (1312-1337) ein goldenes Zeitalter erlebt. Alle Völker in diesem Reich, das sich über eine Fläche von gut zwei Millionen Quadratkilometern erstreckte, erkannten damals die Herrschaft des Mansa (Herrscher) an. 1324 unternahm Mansa Musa die Pilgerfahrt nach Mekka (siehe Hadsch). Der Prunk und die Pracht, die sich beim Einzug seiner riesigen Karawane in Kairo darboten, hinterließen einen tiefen Eindruck. Musa gab in Kairo so viel reines Gold aus, dass der Wert der Goldwährung (Dinar) nach seiner Abreise um 20 Prozent gefallen war. Auf dem Rückweg zeigte sich, dass der Mansa so viel ausgegeben hatte, dass er Schulden machen musste. Seine Gläubiger reisten ihm nach und wurden reichlich zufrieden gestellt.
Die Folge war ein regelmäßiger Handelsverkehr zwischen Mali und Ägypten. Aus Mali ausgeführt wurden insbesondere Gold und Sklaven, während in Mali junge türkische und äthiopische Sklavinnen sowie türkische Eunuchen für die Harems der Mande-Führungsschicht sehr gefragt waren. Der Sklavenhandel fand also in beiden Richtungen statt. Der Maghreb blieb Malis wichtigster Handelspartner. Als der Marinide Abu-el-Hassan Tlemcen unterworfen hatte, schickte ihm der Mansa eine Glückwunschbotschaft. Der Goldreichtum Malis zog nicht nur Händler an, sondern auch muslimische Lehrer und Handwerker sowohl aus Fès (Mariniden-Reich) als auch aus Kairo (Mamelucken-Reich). In dieser Zeit wurde Timbuktu zu einem kulturellen Zentrum. Die am Rande der Sahara gelegene Stadt war ursprünglich eine von den Tuareg gegründete Handelsniederlassung. Timbuktu hatte den Vorteil, nicht weit vom Niger entfernt zu liegen, der Transportmöglichkeiten auf dem Wasserweg bot, und entwickelte sich zu einer wichtigen Handelsstadt, die neben Walata das Zentrum für den Handel mit den Gebieten jenseits der Sahara wurde. Mansa Musa hatte in Timbuktu einen seiner Paläste und ließ dort von einem andalusischen Architekten eine große Freitagsmoschee bauen.
Nach der Regierungszeit Mansa Musas litt Mali für kurze Zeit unter einer Misswirtschaft. Den Mossi, die sich inzwischen südlich von Mali in der Obervolta-Region zu Staaten organisiert hatten, eröffnete sich die Möglichkeit, Überraschungsangriffe auf die reichen Saharahäfen durchzuführen. 1338 plünderten sie Timbuktu. Unter Mansa Sulaiman (1341-1360) erlangte das Mali-Reich noch einmal seine einstige Größe, aber im 15. Jahrhundert verlor es allmählich seine Vorherrschaft in Westafrika. Die Schwäche der Regierung bestand darin, dass es keine feste Regeln für die Nachfolge gab. Deshalb kam es jedes Mal zu Kämpfen um die Nachfolge, und Unabhängigkeitsbewegungen nutzten diesen Umstand aus.
So übernahmen die Tuareg unter ihrem Führer Akil 1433 die Macht in Timbuktu. Am Oberlauf des Niger machte sich Songhai, mit Gao als Zentrum, unabhängig. Die endgültige Abspaltung erfolgte 1473 durch Sonni Ali den Großen (1464-1492). Dieser Songhai-Fürst verstand es, ein Reich aufzubauen, das sowohl den Handelsverkehr über den Niger als auch den Handelsverkehr zur Sahara beherrschte. 1468 verjagte er die Tuareg aus Timbuktu, und 1473 nahm er die Mali-Stadt Djenné ein. Die Angriffe der Mossi in den Jahren 1469 bis 1470 und von 1477 bis 1483 konnte er zurückschlagen. Eben noch sahen die Mossi die Möglichkeit, Walata zu bedrohen, als Sonni Ali zum Gegenangriff überging und 1488 den Mossi-Staat Gurma eroberte. Danach festigte sich die Macht des Königreichs Songhai im gesamten Gebiet des Oberlaufs des Niger.
Im Gebiet um den Tschadsee zerfiel in der Mitte des 14. Jahrhunderts das ausgedehnte Kanem-Reich infolge von dynastischen Auseinandersetzungen. Die Tubu und Bulala verjagten schließlich den Sultan von Kanem, der nach Westen flüchtete, wo er das neue Königreich Bornu gründete. Durch Bürgerkriege und umherziehende räuberische Stämme wurde das gesamte Tschad-Gebiet unsicher. Der König von Bornu beschwerte sich 1391 beim ägyptischen Mamelucken-Sultan, dass seine Untertanen von Arabern überfallen und in Kairo als Sklaven verkauft würden. Flüchtlinge aus Bornu ließen sich in den Haussa-Staaten (im Norden Nigerias) nieder, die auch von Händlern aus Mali, den Wangara, besucht wurden. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts begann dort der Handel mit Kola, einer Nuss, die aus Gonja (im Norden Ghanas) importiert wurde. Kano wurde zum stärksten Haussa-Staat. Unter seinem Herrscher Kanajeji (1390-1410) begann die Islamisierung, und es wurden neue Kampfmethoden eingeführt. Die Reiterei wurde zum Herzstück des Heers. Den Pferden hängte man wattierte Panzerungen um, ebenso wie den Reitern, die Helme aus Eisen trugen. Unter Muhammad Rumfa (1463-1499) kam Kano zu großer Blüte. Muhammad Rumfa führte elf Jahre lang Krieg mit Katsina um die Oberhoheit im Haussa-Gebiet. In Sachen Regierungsführung wurde er von Muhammad al-Magili, einem Gelehrten aus Tlemcen, beraten. Dieser gründete eine Islamschule in Kano.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war Benin (nordöstlich des Nigerdeltas) eine große, mit einer Mauer umgebene Stadt und ein politisches Zentrum des südlichen Nigeria. Von Ife aus (Reich der Oyo) wurde die Kunst des Bronzegießens nach dem Wachsausschmelzverfahren eingeführt. Im 15. Jahrhundert erreichte in Benin das Bronzegießen einen außerordentlich hohen Perfektionsgrad. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts spaltete sich das im Nigerdelta gelegene Warri von Benin ab. Die Ga wanderten aus Benin aus und siedelten sich in und um Accra an. Zur gleichen Zeit ließen sich die Akan-Völker in Ghana nieder und bildeten dort Kleinstaaten.
In Ostafrika erlebte Äthiopien unter der Herrschaft von Amda Siyon (1314-1344) eine Zeit großer Blüte. Dieser Herrscher stellte die Einheit dieses christlichen Königreichs wieder her, protestierte in Kairo gegen die Verfolgung der Kopten und drohte den Mamelucken mit Absperrung des Nil, der Lebensader Ägyptens. Die benachbarten muslimischen Kleinstaaten und insbesondere Ifat hatte er unter seine Herrschaft gebracht. Im Lauf des 15. Jahrhunderts konnten die Muslime aber wieder die Unabhängigkeit von Äthiopien erringen. An der Küste des Indischen Ozeans blühten die arabischen Handelskolonien. Kilwa spielte dabei seit dem 14. Jahrhundert eine führende Rolle. Es beherrschte den Handel mit Sofala und unterhielt Handelsbeziehungen mit den Regionen am Indischen Ozean bis hin nach China. Sowohl Kilwa als auch Sansibar und Mogadishu prägten eigene Münzen. An der Küste entstand aus Bantu-Dialekten, vermischt mit Arabisch, die Verkehrssprache Swahili. Im Landesinneren bildeten sich im 15. Jahrhundert sowohl im Gebiet zwischen den großen Seen als auch weiter südlich Bantu-Staaten. Dort im Süden wurde vom Rozvi-König Mutota aus dem Clan der Karanga der bedeutendste Staat gegründet. Dieser nahm den Titel Mwene Mutapa (Monomotapa) an und baute auf der Hochebene südlich des Sambesi ein Reich auf.
Im 15. Jahrhundert kamen die Portugiesen mit der afrikanischen Kunst in Berührung. 1471 landeten João de Santarem und Pedro de Escobar bei Elmina an der Küste Ghanas und entdeckten das guineische Gold. Infolgedessen entstand in Elmina 1482 ein von Diego de Azambuja errichtetes portugiesisches Fort. Im selben Jahr begegnete Diego Cam an der Mündung des Kongo dem Bantu-Herrscher über dieses Gebiet, dem Manikongo. Es entstanden Handels- und kulturelle Beziehungen zwischen dem Kongo-Reich und Portugal. Für das Küstengebiet Afrikas schien eine neue Zeit angebrochen zu sein.
| 4. | Asien |
| 1. | Indien |
Der letzte Sultan aus der berühmten und mächtigen Tughluq-Dynastie von Delhi starb 1413. Seine Macht endete aber schon früher. Die Plünderungen und Vergeltungsmaßnahmen von Timur-i Läng von Samarkand hatten in den letzten Jahren des 14. Jahrhunderts ja bereits zum Zusammenbruch des riesigen Tughluq-Reichs geführt. Einer von Timurs Verbündeten, der Gouverneur von Maltan und Punjab, eroberte 1414 Delhi und gründete dort die Sayyiden-Dynastie. Er und seine Nachfolger blieben Marionetten in den Händen der türkischen und afghanischen Adligen mit ihren Unabhängigkeitsbestrebungen. Vom letzten Vertreter der Sayyiden-Linie hieß es denn auch: „Die Macht von Schah Alam reicht von Delhi bis nach Palam bei Delhi.”
Als Buhlul Daulatkhan Lodi 1451 die Macht übernahm, war Delhi immer noch die offizielle Hauptstadt eines Reichs, das in Wirklichkeit gar nicht mehr bestand. Während der nicht ganz 40-jährigen Herrschaft von Daulatkhan wurde die Grundlage für eine stärkere Kontrolle über das Gebiet von Indus und Ganges und für die Eroberung anderer Gebiete gelegt. Aber die Lodi-Könige behielten letztendlich den Charakter von Vorsitzenden eines Staatenbundes afghanischer und türkischer Adliger. Von echten Monarchen konnte keine Rede sein. Das Reich nahm an Umfang zu, aber es fehlte jeglicher innerer Zusammenhalt. Eine amtliche Überwachung der Einhaltung von Gesetzen gab es nicht.
Die Iktadaren, die als Belohnung für geleistete Dienste Landschenkungen erhalten hatten, führten keine Steuern mehr an das Sultanat ab. Da sie aber gleichzeitig die Steuerlasten für ihre eigenen Untertanen erhöhten, leisteten sie der Verarmung und Unzufriedenheit der bäuerlichen Bevölkerung Vorschub. Die Bauern selbst unterwarfen sich meist der schweren Unterdrückung und Ausbeutung. Gelegentlich aber setzten sie sich dagegen zur Wehr. Gewöhnlich geschah das in Form einer Massenflucht in den Dschungel. Von dort aus operierten sie dann als räuberische „Stämme”. Ab und zu brachen Aufstände aus, wie etwa 1419 im Punjab unter Führung von Sarengdie. Dieser Aufstand konnte erst nach zehn Jahren durch die Truppen des Sultanats unterdrückt werden.
Die religiösen Gegensätze zwischen Hindus und Muslimen spielten keine große Rolle. Die Feudalherren gingen ohne Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit Bündnisse miteinander ein. In ihren Armeen kämpften Türken, Afghanen, Mongolen, indische Hindus und bekehrte Muslime Seite an Seite. Insbesondere unter dem Volk von Bauern und Handwerkern erfolgt eine Vermischung von Religionen. Die Verschmelzung sozioreligiöser Ideen, die u. a. auch in der Architektur zum Ausdruck kam, gab der islamischen Sufi- und der hinduistischen Bhakti-Bewegung einen gemeinsamen Klang. Den größten Beitrag zu dieser Entwicklung lieferten zwei Reformer aus den unteren Gesellschaftsklassen, Nanak und Kabir. Die kleineren Königreiche entstanden und verschwanden mit schöner Regelmäßigkeit. Während einige Rajputen-Fürstentümer dem Sultanat einverleibt wurden, blieben die beiden wichtigsten Staaten, Mewar (Udaipur) und Marwar (Jodhpur), nicht nur unabhängig, sondern konnten auch weiterhin auf die Eroberung der Macht in Delhi hoffen. Trotz des großen Reichtums aufgrund der Entdeckung von Silber- und Bleivorkommen konnten die Rajputen sich nicht endgültig als alternative Macht im Norden Indiens durchsetzen. Ihre Schwäche war auf das wiederholte Ausbrechen feudaler Familienstreitigkeiten wegen Erbansprüchen zurückzuführen.
Einige Rajputen-Fürsten mussten sich der islamischen Ahmad-Shahi-Dynastie von Gujarat unterwerfen. Der Reichtum von Gujarat, das sich nach dem Einfall Timurs die Unabhängigkeit vom Sultanat erkämpft hatte, beruhte auf der blühenden Landwirtschaft (Zuckerrohr, Indigo und Baumwolle) und auf dem Außenhandel. Es gab wichtige Niederlassungen arabischer Händler, die Handel mit China, Südostasien, dem Persischen Golf und Ostafrika trieben.
Die portugiesische Seepiraterie begann für den indischen Seehandel eine ernst zu nehmende Gefahr zu werden. 1498 ging Vasco da Gama im ganz im Süden gelegenen Fürstentum Calicut an Land. Die europäischen Produkte, die die Portugiesen mitgebracht hatten, erwiesen sich bei den Indern als sehr beliebt. Im Gegensatz zu den afrikanischen Stämmen, die ihr Gold und Elfenbein gegen etwas Baumwolle, Wein und Perlen eintauschten, stellten die Inder selbst Handwerksprodukte von gleichwertiger und sogar höherer Qualität her. Die portugiesischen Waffen waren aber von besserer Qualität, und gegen Ende des Jahrhunderts war klar, dass sich im Arabischen Meer die indische Handelsflotte der portugiesischen Übermacht beugen musste.
| 2. | China |
Im Jahr 1400 herrschte Kaiser Tsjièn Wen aus der 1368 begründeten Ming-Dynastie über China. Kaiser Tsjièn Wen war der Enkel des Begründers der Dynastie, Hongwu, dem er 1399 nachfolgte. Da Hongwu während seiner Regierungszeit viele Familienmitglieder mit Führungspositionen auf regionaler Ebene bedacht hatte, war die Macht über das Reich verteilt. Fast alle Prinzen, darunter auch die Söhne Hongwus, besaßen eigene Armeen und sehr viel Macht. Da Kaiser Tsjièn Wen außerdem nur der Enkel des vorhergehenden Kaisers war, verweigerten ihm die Prinzen die Gefolgschaft und gingen ihren eigenen Weg. Kaiser Tsjièn Wen stellte zusammen mit zwei fähigen Ministern, Tj’i T’ai und Hwang Tse-tsj’eng, einen Plan auf, um die Prinzen zu entmachten.
Nachdem fünf Prinzen hierdurch das Ende ihrer Macht gekommen sahen, erhob sich einer der übrigen Prinzen, Tsjoe Ti, gegen den Kaiser und seine beiden Minister. Tsjoe Ti, der vierte Sohn Hongwus griff die Hauptstadt Nanking an und überquerte 1402 mit seiner Armee den Jangtsekiang. Die Hauptstadt war nun in den Händen Tsjoe Tis, der sich selbst zum Kaiser der Ming ausrief. Als Kaiser Jung-lo herrschte er nun über das gesamte Reich. Kaiser Tsjièn Wen war nach dem Fall von Nanking verschwunden. Es wurde viel darüber spekuliert, was mit ihm geschehen sein mochte, aber letztendlich wusste niemand etwas Genaues. Sobald Jung-lo Kaiser war, ließ er Tj’i T’ai und Hwang Tse-tsj’eng, die beiden Minister Tsjièn Wens, ermorden, zusammen mit vielen weiteren fähigen Ministern. Er tat dies, um etwaigen weiteren Problemen von dieser Seite her vorzubeugen.
1421 machte er Peking zur Hauptstadt. Nanking wurde zweite Hauptstadt. Kaiser Jung-lo war ein sehr starker Herrscher. So zog er wiederholt gegen die Mongolen, die für die Chinesen weiterhin eine Bedrohung darstellten, in den Kampf. Die Mongolen hatten sich inzwischen aufgespalten in die Oiraten im Westen und die Tataren im Osten. Jung-lo gelang es, die Mongolen zu unterwerfen, allerdings nur für kurze Zeit. Schon bald nach dem letzten Sieg Jung-los begannen die Mongolen erneut, nach China einzufallen. Unter Kaiser Jung-lo wurde