| Suchansicht | Millennium: 16. Jahrhundert | Artikelansicht |
| 1. | Einleitung |
Zum Thema Millennium sind die folgenden weiteren Texte verfügbar: Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: 11. Jahrhundert; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert.
| 2. | Die Welt im Überblick |
Im 16. Jahrhundert wurden die europäischen Entdeckungsreisen intensiv fortgesetzt. Wenn auch große Teile Afrikas, Amerikas (und vor allem Australiens und Ozeaniens) weiterhin unerforschte Gebiete blieben, so gewann man doch ein neues und immer genaueres Bild der Welt. In Europa lebten etwa 100 Millionen Menschen, in Asien 300 Millionen, ein Drittel davon in China, in Afrika 100 Millionen, in Amerika etwa zehn Millionen und in Australien zwei Millionen. Über Jahrhunderte hinweg war die Weltbevölkerung konstant geblieben, aber in dieser Zeit begann ein stetiges Bevölkerungswachstum. Die Ursache hierfür lag vor allem in den wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen. Mit den Entdeckern kamen auch die technischen Errungenschaften der Europäer in die neu entdeckten Welten. Sie zerstörten dort viele einheimische Werte und Kulturen.
In Europa war zu Anfang des Jahrhunderts das Reich Karls V. der stärkste Machtfaktor, später waren dies Spanien und Frankreich, während Italien als Schlachtfeld Europas galt. Im Lauf des Jahrhunderts entwickelte sich England zur stärksten Seemacht der Welt.
Iwan III. vereinigte die russischen Teilstaaten zu einem Reich und nannte sich Zar aller Russen. Während im Lauf des Jahrhunderts die Macht des Russischen Reiches im Westen zu bröckeln begann, wurde dies durch einen verstärkten Drang nach Osten ausgeglichen.
Auch begriff man in Westeuropa, dass es in anderen Erdteilen entwickelte Staaten und kulturelle Errungenschaften gab. Allerdings war die Überlegenheit der Europäer so groß, dass sie auf allen Kontinenten mit der Gründung von Kolonien begannen. Mittelamerika erlebte den Untergang des Aztekenreiches, nachdem es unter König Moctezuma II. eine letzte Blüteperiode erlebt hatte. Auch das Reich der Maya, die Kultur der Muisca und andere kleinere Kulturen wurden von höchstens 100 000 Spaniern und anderen europäischen Abenteurern zerstört.
Franzosen und Engländer erforschten unterdessen Nordamerika; Erstere erschlossen vor allem das Land entlang des Mississippi, während die Engländer auf der Suche nach einer Nordpassage nach Asien Labrador entdeckten und sich in North Carolina und Virginia niederließen. John Cabot, Sir Walter Raleigh und später Henry Hudson waren die bekanntesten englischen Entdecker. Die Kolonien wurden durch neu errichtete Kompanien gegründet, die mit der Zustimmung des Staates auf privatrechtlicher Basis operierten.
Die Nordküste Afrikas wurde von muslimischen Staaten beherrscht; südlich davon umsegelten Portugiesen und Spanier ganz Afrika und errichteten Handelsposten und Stützpunkte an der Küste. Das Leben im Inneren Afrikas blieb davon weitgehend unberührt. Von den Staaten Schwarzafrikas stand nur Äthiopien auf einer nennenswerten ökonomischen und organisatorischen Höhe. Dieses Reich wurde in der ersten Hälfte des Jahrhunderts von islamischen Einfällen bedroht, aber zur Mitte des Jahrhunderts sicherte der starke und weltoffene Negus Claudius dessen Fortbestand.
In Vorderasien übte das Osmanische Reich die Vorherrschaft aus, dessen Sultane zu Anfang des Jahrhunderts große Gebietsgewinne in Europa errangen – unter Süleiman II. erlebte das Reich den Höhepunkt seiner Macht. Östlich davon legten die Safawiden-Sultane, Schah Ismail und Abbas I., den Grundstein eines persischen Staates. In Tibet ernannte der mongolische Fürst Altan Khan den ersten Dalai-Lama. Während die Küste Indiens durch die Portugiesen unter ihrem ersten Vizekönig, Francisco de Almeida, kolonisiert wurde, gründete Babur, ein Nachkomme Timur-i Längs und Dschingis Khans, 1525 das Reich der Großmoguln mit der Hauptstadt Delhi. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts galt sein Sohn, der Großmogul Akbar, als herausragender und hochgebildeter Herrscher.
Birma erlangte unter den letzten Herrschern der Toungoo-Dynastie den Höhepunkt seiner Macht. Auch in China errichteten die Portugiesen ihre Stützpunkte. Mit der Hafenstadt Macao gründeten sie die erste europäische Kolonie in China. 1581 errichteten dort die Jesuiten eine erste Missionsstation. Gleichzeitig drangen das Christentum und westliche Einflüsse auch in Japan ein. Hierbei taten sich anfangs vor allem die Portugiesen hervor (der bekannte spanische Missionar Franz Xaver trat im Namen des portugiesischen Königs auf). An Australien allerdings fuhren die portugiesischen, spanischen und niederländischen Seeleute vorbei, ohne zu ahnen, dass sie sich in der Nähe dieses, aus Büchern bereits bekannten, südlichen Erdteils befanden.
| 3. | Europa |
| 1. | Tief greifende Umwälzungen |
Seit Menschengedenken erstreckte sich die dem Westen bekannte Welt von den Säulen des Herkules (Gibraltar) im Westen bis zur östlichen Grenze der Eroberungen Alexanders des Großen, also etwa bis an den Indus. Das Römische Reich hatte in Nordeuropa den Rhein erreicht, war aber im Westen nie über die Säulen des Herkules hinausgekommen. Im Süden war nur ein schmaler Küstenstreifen Nordafrikas bekannt, und im Osten hatte sich die römische Herrschaft bis an das Kaspische Meer erstreckt.
Der berühmte Geograph Ptolemäus beschrieb diese Welt im 2. Jahrhundert, hatte aber von den Ländern, die hinter dem Indus lagen, nur sehr unklare Vorstellungen. In seiner Geographia, die im 15. Jahrhundert erneut veröffentlicht wurde (erst als Handschrift und seit 1477 in gedruckter Form), ist die östlichste Karte die von Taprobane, also Ceylon. An der Schwelle zum 16. Jahrhundert eröffnete sich allerdings eine neue Welt. Der Kompass, vermutlich um 1300 in Amalfi erfunden, war inzwischen technisch so ausgereift, dass er beweglich auf der Schiffsbrücke befestigt werden konnte. Die Schifffahrt brauchte sich nun nicht mehr an den Küstenlinien zu orientieren und konnte sich an die Überquerung der Ozeane wagen.
Während die Türken den Landweg in den Osten mehr und mehr verschlossen, erregten Berichte über das ferne Indien die Neugier der Europäer. Die ersten Entdeckungsreisen wurden von den beiden am stärksten zentralisierten Königreichen in Europa organisiert, Portugal und Spanien, Ländern also, die auch durch ihre geographische Lage dafür prädestiniert zu sein schienen, die Welt hinter den Säulen des Herkules zu erschließen. Außerdem waren es diese beiden Länder, denen die aufkommende Macht der Türken den größten wirtschaftlichen Schaden zufügte.
Im 15. Jahrhundert hatten die Portugiesen allmählich die westafrikanische Küste erkundet und 1487 das Kap der Guten Hoffnung entdeckt. Die andere Macht der Iberischen Halbinsel, das kurz zuvor vereinigte Kastilien und Aragonien, finanzierte unterdessen den Genuesen Christoph Kolumbus, der 1492 mit drei spanischen Karavellen in der Neuen Welt auf einer Insel landete, der er den Namen San Salvador gab. Damit wurde ein neues Zeitalter eingeläutet. 1497 erreichte Vasco da Gama an seinem Geburtstag (lateinisch dies natalis) Natal an der Südostküste Afrikas, 1498 die indische Stadt Kalkutta. Zwischen 1519 und 1522 umsegelte Magellan (Fernão de Magalhães) die ganze Welt, womit ein für allemal bewiesen wurde, dass die Erde die Form einer Kugel hat. So wurde innerhalb weniger Jahre erreicht, was Jahrtausende als undenkbar gegolten hatte.
In den flämischen Hafenstädten Brügge und Antwerpen häuften sich Meldungen über die neu entdeckten Erdteile. Matrosen und Kaufleute träumten von den nun erreichbar gewordenen fernen Ländern und den Reichtümern, die dort zu erwerben waren. Einen Eindruck von den hoch gesteckten Erwartungen an die Neue Welt liefert ein Vertrag, den die Kaufleute Hans Papebruch und Gerard Paul aus Aachen, Anselm Odeur aus Herzogenbusch, Pierre Rousse aus Amiens und Nicolas de Marretz aus Tournai 1535 abschlossen. Darin vereinbarten sie die Gründung einer Firma, deren Ziel eine gemeinsame Reise nach Peru zur Aneignung von Schätzen war. Neben Bestimmungen wie den Auflagen, dass sich die Reisenden nicht zu luxuriös kleiden und sich nicht mit fremden Frauen abgeben sollten (es sei denn auf eigene Rechnung), wurde geregelt, dass im Fall der Entdeckung von Gold, Silber oder Edelsteinen die Beute ehrlich unter den Teilhabern der Firma aufgeteilt werden sollte.
Mit einem Schlag waren das Weltbild des Ptolemäischen Systems und dessen Karten völlig überholt. Der deutsche Geograph Martin Waldseemüller veröffentlichte 1507 eine neue Weltkarte. 1513 brachte er eine Neuausgabe der Geographia des Ptolemäus heraus, die er durch eine Karte der „nüw Welt” ergänzte; 1516 druckte er im Holzschnittverfahren eine Seekarte. Waldseemüller belegte die „Neue Welt” mit dem Namen Amerika, benannt nach einem weiteren italienischen Seefahrer, der die Küsten der Neuen Welt abgesegelt hatte: Amerigo Vespucci. Eine revolutionäre neue Erfindung ermöglichte es, dass die neue Karte in die Hände von Tausenden gelangte: der Buchdruck (siehe Drucktechniken).
In der Mitte des 15. Jahrhunderts begann man, das teure Pergament durch industriell gefertigtes Papier zu ersetzen. Dies stellte eine notwendige Voraussetzung für die Entfaltung der Kunst des Buchdrucks dar: Dessen Aufkommen fiel zeitlich mit dem Aufkommen zweier Geistesströmungen zusammen, die – bei allen Gemeinsamkeiten – doch jeweils für sich standen: dem Humanismus, der zu dieser Zeit begann, auch außerhalb Italiens seine Wirkung zu entfalten, und der Reformation. Beide Strömungen wurden durch den Buchdruck gefördert und regten ihrerseits die Buchproduktion an.
Das Aufkommen eines gebildeten Laienstandes, der sich den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Gesellschaft verdankte, ist ebenfalls nicht ohne den Buchdruck denkbar; das Anwachsen dieses Standes wiederum beschleunigte die Verbreitung des Buchdrucks in großem Maße. Es ist kein Zufall, dass die bedeutendsten Buchdrucker, wie etwa Aldus Manutius in Venedig, Frobenius in Basel und Christoph Plantin in Antwerpen, selbst zu den bekannten Humanisten gehörten und in engem Kontakt zu anderen Humanisten standen.
In der Zeit vor 1450 war jedes Buch im Grunde ein Unikat, eine Handschrift, die von einem Kopisten angefertigt wurde, der all seine Zeit auf dieses Buch verwendete. Zwischen 1450 und 1500 wurde es plötzlich möglich, eine Schrift in Hunderten oder gar Tausenden Exemplaren zu vervielfältigen und damit entsprechend vielen Menschen zur Verfügung zu stellen. Aus Italien verbreiteten sich so die Ideen der Renaissance. Die klassischen Schriften der Dichter und Denker waren nun nicht mehr nur einer kleinen Gruppe von Mönchen und Privilegierten zugänglich. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erschienen die klassischen Werke überall in Europa in zahllosen Ausgaben. Eine Titelliste des Plantin in Antwerpen ist hierfür ein Beispiel.
Der neue Geist, das neue Wissen und die neuen Formen der Kommunikation verbreiteten sich rasch über ganz Europa. Sebastian Münster, der 1544 seine Cosmographia, eine Enzyklopädie über alle Länder und Völker, herausgab, hatte überall Korrespondenten, die ihm die Informationen über ihre Länder verschafften. Nie zuvor war die Zusammenarbeit zwischen den Gebildeten der verschiedenen Länder Europas so intensiv gewesen. Damit war die Zeit endgültig vorbei, in der sich Nachrichten von Mund zu Mund verbreiteten und die Aussendung eines Ausrufers das einzige Mittel war, durch das die Staatsführung ihre Untertanen erreichte.
Die Stärkung der Fürstenmacht fiel mit dem Aufkommen des Buchdrucks zusammen, wurde durch den Buchdruck gefördert und förderte ihrerseits die Verbreitung des Buchdrucks. So konnte das Recht, ehedem meist nur lokale Gewohnheitsrechte oder mündliche Befehle, nun in Gesetzestexte gefasst werden, die in gleicher Form im gesamten Herrschaftsgebiet verbreitet wurden. Politische Grenzen, die bis dahin auf der Grundlage von stillschweigend anerkannten Traditionen beruhten, wurden nun in Verhandlungen als Linien auf einer Landkarte festgelegt oder verschoben. Durch die Einführung der gedruckten Landkarte, bis 1550 meist in Form von Holzschnitten, danach auch in der besser erhaltbaren Form des Kupferstiches, wurde die politische und militärische Planung erleichtert. Die Bestimmung einer Route und die Planung eines Feldzugs wurden durch den Gebrauch von gedruckten Karten nicht nur deutlicher, sondern ließen sich mit ihrer Hilfe auch leichter weitervermitteln. Mit der Einführung der gedruckten Karte entstand auch ein neues Bewusstsein des Raumes, über den sich ein Königreich erstreckte. Als Karl V. 1548 versuchte, die Provinzen der Spanischen Niederlande zu einem neuen „Kreis” zusammenzufügen, ließ er zuerst von Jacob van Deventer und Christiaan’s Grooten Landkarten anfertigen, womit er der Entwicklung der niederländischen Kartographie den ersten Impuls gab. Bald darauf wurden die niederländischen Kartographen weltweit tonangebend.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verbreitete sich eine neue religiöse Bewegung wie ein Feuersturm über Europa, die sich von dem Wittenberger Mönch Martin Luther und seinen 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 proklamierte, inspirieren ließ. Seine Herausforderung der Kirche erlangte dadurch weltweite Bedeutung, dass seine Schriften nun durch den Buchdruck in allen Schichten des Volkes verbreitet werden konnten und große Teile der Bevölkerung in seinen Formulierungen eigene Gefühle und Reaktionen wiederfanden. Der Buchdruck machte diese religiöse Bewegung zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Volksbewegung, vor der Päpste, Kaiser und Könige das Haupt beugen mussten. Die Macht des Buchdrucks war den kirchlichen und weltlichen Herrschern durchaus bewusst, und so erließen sie 1521 im Wormser Edikt, mit dem die Reichsacht über Luther verhängt wurde, das ausdrückliche Verbot, „ketzerische” Lehrmeinungen in gedruckter Form zu vervielfältigen. Dennoch überrollte eine Lawine von Flugschriften das Land und verbreitete die Saat des neuen Glaubens. Luthers Schriften wurden zwischen 1517 und 1525 in beinahe 2 000 verschiedenen Ausgaben verbreitet.
In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts vollzog sich eine weitere Entwicklung, die – zusammen mit der Erschließung der Welt und den neuen Formen der Massenkommunikation – als dritter Faktor der tief greifenden Umwälzungen dieses Jahrhunderts zu gelten hat: die Verbreitung und systematische Anwendung von Feuerwaffen. Schwarzpulver und Feuerwaffen waren zwar schon länger bekannt, aber auch hier galt, was bereits in Bezug auf den Kompass gesagt wurde: Nicht die Erfindung eines Prinzips, sondern die technischen und finanziellen Möglichkeiten seines Einsatzes in großem Maßstab sind das Entscheidende. Als der französische König Karl VIII. 1494 seine italienischen Feldzüge begann, in die schließlich fast ganz Europa verwickelt wurde, überraschte er seine Gegner, indem er mobile Artilleriegeschütze einsetzte, die von schnellen Pferden gezogen wurden. Der Schrecken, den die deutschen Reiter verbreiteten, beruhte auf der Tatsache, dass sie vom Pferd aus Pistolenschüsse abgaben. Durch ihre Schnelligkeit, Feuerkraft und durch den Lärm, den sie verbreiteten, veränderten sie die Methoden der Kriegsführung und verwirrten die gegnerischen Reihen.
Das zeigte sich, als der Bischof von Trier und die Fürsten von Hessen und der Pfalz gegen den Ritter Franz von Sickingen vorgingen. Die verstärkte Burg Nannstein bei Landstuhl mit ihren meterdicken Mauern, in der sich Franz verschanzt hatte, löste sich unter dem Beschuss der gegnerischen Artillerie buchstäblich in Pulver auf. Erst stürzte der Bergfried ein, dann eine Mauer nach der anderen. Franz von Sickingen lag unterdessen schwer verwundet im Keller der Burg. Einen Tag nach der vollständigen Zerstörung seiner Festung und seiner Kapitulation starb Franz von Sickingen an den Folgen seiner Verwundung. Mit ihm starb auch der Typus des freien Edelmanns.
Eine neue Zeit war angebrochen, die Zeit des starken Staates, der es sich leisten konnte, eine eigene Artillerie zu unterhalten. Zehn Jahre später begann der französische Schriftsteller François Rabelais mit der Niederschrift seines Romanzyklus Gargantua und Pantagruel. In diesem Werk wird immer wieder beschrieben, wie Burgen in Schutt und Asche geschossen werden. Die Zerstörung von Burgen aufsässiger Ritter gehörte nun fast zum Alltag. Drei Faktoren oder technische Neuerungen waren es also, die im 16. Jahrhundert zu tief greifenden Umwälzungen führten: der allgemeine Gebrauch des Kompasses, der Buchdruck und die Feuerwaffen.
| 2. | Der Kaiser und das Reich |
Das Jahrhundert begann mit der Geburt eines Knaben, der wie kein anderer seine Zeit prägte. Am 24. Februar 1500 wurde in Gent, einer der mächtigsten Städte der Burgundischen Niederlande, ein Kind geboren, das zeit seines Lebens Unglück hatte und als 55-Jähriger enttäuscht seine Ambitionen aufgab: Karl V., Enkel Kaiser Maximilians und Sohn des burgundischen Herzogs Philipps I., des Schönen, und der spanischen Prinzessin Johanna der Wahnsinnigen von Aragonien.
Diesem Kind fiel ein Reich in den Schoß, von dem man sagte, dass in ihm die Sonne nie untergehe und das in der Geschichte bisher beispiellos war: die Burgundischen Niederlande, Kastilien und Aragonien in Spanien, große Teile Italiens und die Neue Welt auf der anderen Seite des Atlantiks. Außerdem erwarb Karl V. die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches. Kein Herrscher vor ihm verfügte jemals über eine derartige Machtfülle, und zudem konnte Karl V. noch die zahlreichen neuen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten dieses Jahrhunderts nutzen.
Der Lauf der Geschichte Europas und Amerikas wurde durch ihn und seine Nachkommen maßgeblich geprägt. Karl war dabei immer noch den alten Idealen der Ritterlichkeit verhaftet. So erklärte er am 17. April 1536 gegenüber Papst Paul III. (1534-1549) und der vatikanischen Kurie, dass er bereit sei, den Krieg zwischen Frankreich und den Habsburgern auf ritterliche Art zu beschließen: im Zweikampf. „Ich versichere Eurer Heiligkeit, diesem heiligen Kollegium und allen anwesenden Rittern, dass ich bereit bin, gegen den König von Frankreich zu kämpfen, wenn er bereit ist, gegen mich auf den Kampfplatz zu treten. Ich werde dies in Rüstung oder im einfachen Waffenrock tun, mit dem Schwert oder einem Dolch, zu Lande oder zu Wasser, auf einer Brücke oder einer Insel, innerhalb eines geschlossenen Bereiches oder unter den Augen unserer Armeen. Er selbst soll entscheiden, was er will.”
Karl war zu dieser Zeit 36 Jahre alt, sein Gegenspieler Franz I. von Frankreich 42, dieser reagierte nicht einmal auf seinen Vorschlag. Bei all seiner Ritterlichkeit war Karl V. ein modern denkender Herrscher, der die Zentralisierung des Staates anstrebte und seine Macht auf Kosten des Adels ausbaute, ein Mann auch, der die modernen Finanzmärkte zu nutzen wusste, stehende Heere unterhielt und die zynischen Methoden der aufkommenden Diplomatie beherrschte. Er war außerdem ein zutiefst gläubiger Mann, der von der Wahrheit und Allgemeingültigkeit des katholischen Glaubens so überzeugt war, dass er den Fortbestand seines Reiches aufs Spiel setzte, um die Ketzerei und die Ketzer zu besiegen.
Er träumte davon, das alte christliche Europa von seiner Bedrohung durch die Türken zu befreien. 1535 leitete er persönlich einen Feldzug nach Nordafrika und beklagte sich bitter über den Mangel an Unterstützung durch die anderen christlichen Mächte. Aber er ließ auch protestantische Söldner gegen den Papst antreten, Rom plündern und den Papst in der Engelsburg festhalten. Und als seine Wahl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches anstand, nahm er 850 000 Goldtaler auf – 540 000 davon bei der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger –, um die Stimmen der Kurfürsten zu kaufen.
Karl erwarb sein Weltreich durch eine Reihe von Todesfällen. 1504 starb seine Großmutter Isabella von Kastilien, die 1469 heimlich Ferdinand II. von Aragonien geheiratet und damit die Einigung Spaniens herbeigeführt hatte. 1506 starb Karls Vater, Philipp der Schöne, und 1516 sein Großvater mütterlicherseits, Ferdinand von Aragonien. Karls Mutter Johanna, die rechtmäßige Thronerbin Ferdinands und Isabellas, verwand den Tod ihres Mannes nie und wurde als außerstande betrachtet, die Herrschaft zu übernehmen. Sein Großvater väterlicherseits, Maximilian von Österreich, der durch seine Ehe mit Maria von Burgund Nachfolger der Herzöge von Burgund geworden war und 1493 zum deutschen Kaiser gekrönt worden war, starb 1519. Dadurch fielen Karl die österreichischen Erblande zu: Österreich, die Steiermark, Kärnten und Tirol. Mit dieser Hausmacht wurde Karl zu einem aussichtsreichen Kandidaten für die deutsche Kaiserkrone.
Wenig später eroberte Hernán Cortés das Reich der Azteken, und 1532 fügte Francisco Pizarro den spanischen Überseebesitzungen das Reich der Inka hinzu. Mit 30 Jahren war Karl der mächtigste Mann der Welt. Nie zuvor war das alte Ideal der zwei Schwerter, das geistliche Schwert in den Händen des Papstes und das weltliche in denen des Kaisers, so nah an seiner Verwirklichung gewesen. Dem Heiligen Römischen Reich mit seinem Anspruch, die gesamte Christenheit zu vertreten, hatten sich durch dynastische Zufälle und durch technische Entwicklungen die Möglichkeiten eröffnet, seine Universalität wiederherzustellen. Die Schaffung eines starken, geschlossenen Reiches stand Karl deutlich vor Augen. Diese Idee hatte ihm sein Großkanzler Mercurio de Gattinara 1519 nach seiner Wahl zum Kaiser in klaren Worten eingeschärft.
In seinem jugendlichen Idealismus mögen Karl vor allem Gedanken an Ritterlichkeit und Kreuzzüge vor Augen gestanden haben, während der nüchterne Gattinara zweifellos an konkrete machtpolitische und organisatorische Maßnahmen dachte. Die politischen Widerstände gegen eine Reichsreform waren allerdings fast unüberwindlich. Karl V. musste sich mit dem Kleinmut des Adels, dessen Beharren auf die Wahrung der eigenen Interessen, mit Geldmangel und der Langsamkeit der Kommunikation und des Verkehrs auseinandersetzen. Wenn es darum ging, dem Kaiser Steine in den Weg zu legen, standen die Kurfürsten in der ersten Reihe.
Der französische König, der sich selbst um die Kaiserkrone bemüht hatte, stand dem Habsburger Alleinvertretungsanspruch unversöhnlich entgegen. Außerdem wurde die Einheit der Kirche, welche die Basis des Reichsgedankens bildete, durch die Erfolge Luthers in Frage gestellt. Karl V. begegneten also überall politische und religiöse Widerstände. In Süddeutschland, Tirol und in der Steiermark erhoben sich die Bauern zu Aufständen, die nur mit Mühe von den Landesfürsten niedergeschlagen wurden. Karl musste überdies einen Krieg nach dem anderen führen, um sein zentralisiertes Europa gegen Feinde von innen und von außen zu verteidigen.
In diesem Jahrhundert erlebte Europa kein einziges Jahr des Friedens. Die Zeit der Feudalheere mit Rittern, die selbst für ihren Lebensunterhalt sorgten und ihre Ausrüstung bezahlten, war nun endgültig vorbei. Die modernen Heere erforderten den Einsatz enormer Finanzmittel, die das Steueraufkommen ihrer Herrschaftsgebiete weit überschritten. Dies hatte Folgen, die die Untertanen schmerzlich zu spüren bekamen. Die wirtschaftliche Lage war durch den anhaltenden Geldmangel der Fürsten, drohende und manchmal auch eintretende Staatsbankrotte sowie durch Inflation und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Im heldenhaften Freiheitskampf der Niederlande gegen Spanien trug das wirtschaftliche Elend zur Verbissenheit des Widerstandes bei. Karl V. kämpfte sein Leben lang um Steuern und Kredite. Das ging so weit, dass einer seiner größten Geldgeber, der Augsburger Kaufmann Fugger, ihn in einem Brief unverblümt daran erinnerte, dass er niemals Kaiser geworden wäre, wenn dieser ihm nicht den Wahlkampf finanziert hätte. Die Steuerlast, unter der die Untertanen zu leiden hatten, war – auch aufgrund der mangelhaften Organisation – außerordentlich schwer.
Das System der Verpachtung von Steuerquellen an Privatpersonen – selbstverständlich gegen Zahlung einer stattlichen Summe im Voraus – förderte das Aufkommen eines Systems der persönlichen finanziellen Tyrannei. Staatliche Macht und Privilegien wurden käuflich, und die Folgen dieser Entwicklung ließen nicht lange auf sich warten. Hinzu kam noch die Tatsache, dass die neuen Heere aus Söldnern bestanden. Durch die zunehmende Bedeutung der Feuerwaffen verschob sich der Schwerpunkt von der Kavallerie zur Infanterie. Diese Söldnertruppen waren nur aus einem Grund bereit, ihren Herren zu dienen: Sie wurden dafür bezahlt. Der Sold blieb aber oft aus. Das führte zu Meutereien und marodierenden Söldnerhaufen, die jeden, dessen sie habhaft wurden, bis aufs Hemd ausraubten, um auf diese Weise doch noch an ihr Geld zu kommen. Selbst der König von Frankreich, der keine Residenz hatte, sondern mit seinem Hofstaat durch das Land reiste, wäre mehrmals beinahe in die Hände soldatischer Räuberbanden gefallen. Die um ihren Sold geprellten Soldaten verbreiteten überall Unsicherheit und Gewalt. Mord, Totschlag, Überfall und Raub waren an der Tagesordnung, und die Obrigkeit stand dieser Entwicklung weitgehend machtlos gegenüber. Der Besitz von Waffen war weit verbreitet. Und die Soldaten gaben ihre Waffen nicht aus der Hand, solange ihr Sold nicht ausbezahlt wurde.
| 3. | Philipp II. von Spanien |
Für die Verwirklichung des Traumes von Karl V. von einer Vereinigung des Abendlandes unter einer Krone war die Zeit in psychologischer, technischer und finanzieller Hinsicht noch nicht reif. Als er 1555 in Brüssel enttäuscht und zermürbt abdankte, fiel sein Reich auseinander. Spanien, die Niederlande, Italien und die Neue Welt gingen an seinen Sohn Philipp über, die Habsburger Erblande an seinen Bruder Ferdinand, der außerdem deutscher Kaiser wurde.
Philipp war ein Mann mit großem Verantwortungsbewusstsein, der ständig an der Richtigkeit seiner Entscheidungen zweifelte. Seine Halbschwester Margaretha, die er zur Landvogtin der Niederlande ernannte, musste das immer wieder erfahren. Aus dieser Unsicherheit resultierte auch der Starrsinn, der den König hinderte, falsche Beschlüsse zurückzunehmen. Philipp war, zumindest nach dem Friedensschluss von Cateau Cambrésis von 1559, der mächtigste Mann der Welt. Aber trotz all seiner Macht musste er erleben, wie drei seiner Ehefrauen nacheinander qualvoll dahinschieden. Seine Leibärzte zeigten ein erschreckendes Maß an Unfähigkeit. Sie waren kaum mehr als Quacksalber, deren Behandlungsmethoden sich auf das Schröpfen von Blut beschränkten. Hygiene war auch am Hof ein unbekannter Begriff. So starben Könige und Königinnen an Infektionen; auch Phillip II. erlitt 1598 einen qualvollen Tod.
Spanien, das Kernland seiner Herrschaft, in dem sich Philipp weit mehr als sein Vater zu Hause fühlte, war erst kurz zuvor zu einer politischen Einheit geworden. Seine Urgroßeltern, Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien, hatten die Vision, ihre Reiche durch eine heimliche Eheschließung zu vereinigen, um gemeinsam die Muslime im Süden der Halbinsel, die mit dem Königreich Granada noch immer europäischen Boden unter den Füßen hatten, zu vertreiben. 1492 war die Königin persönlich dabei, als dieses letzte islamische Bollwerk in Spanien eingenommen wurde. Der letzte Maurenkönig musste sich nach Nordafrika zurückziehen.
Im selben Jahr erreichte Christoph Kolumbus, der genuesische Seefahrer im Dienste Spaniens, eine der Bahamas-Inseln und legte damit den Grundstein des spanischen Überseereiches in Mittel- und Südamerika. Ungeheure Mengen an Gold und Silber strömten nun nach Spanien. Sie stimulierten die noch jungen Finanzmärkte und steigerten den Reichtum des Königreichs, zerrütteten aber auch das europäische Wirtschaftsleben. Schon in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts traten inflationäre Tendenzen auf, deren Auswirkungen alle Stände betrafen. Durch die Eroberung der Neuen Welt entstanden außerdem Spannungen zwischen Spanien und Portugal, das ältere Rechte auf die Überseebesitzungen anmeldete. Es ist bezeichnend für die Macht der Kirche und des Papstes, dass Letzterer, der Borgiapapst Alexander VI. (1492-1503), als Schlichter gerufen wurde und im Vertrag von Tordesillas 1494 die westliche Welt zwischen Spanien und Portugal aufteilte. Er bestimmte einen Punkt 370 Meilen westlich der äußersten Azoren-Insel und zog durch diesen eine Demarkationslinie von Pol zu Pol.
Spanien war zu jener Zeit im Begriff, eine feste Einheit zu bilden. Aber auch hier musste der Widerstand des Adels und der Städte überwunden werden. In dieser Hinsicht durchlief Spanien dieselben Prozesse wie das Nachbarland Frankreich. Die spanischen Stände empfanden Karl V. als einen Ausländer, ein Gefühl, das dadurch noch verstärkt wurde, dass er viele Burgunder und vor allem Niederländer mit hohen Ämtern betraute. Als Niederländer hatte er allerdings Verständnis für Forderungen nach größerer Autonomie in den Provinzen. Philipp II. dagegen konnte für derartige Anmaßungen keinerlei Verständnis aufbringen. Für ihn war die Formel „Yo El Rey” (Ich, der König) Grundlage all seiner Macht. Jeder Widerspruch galt als eine Rebellion, die hart bestraft werden musste. Philipp II. war zutiefst davon überzeugt, dass jede Abweichung von seinem Willen und dem Glauben der Kirche ein schweres Verbrechen war.
Diese Überzeugung sollte ihn sein Leben lang antreiben. Das Verbrechen führe den Menschen ins Verderben, und es sei seine Pflicht als König, den Menschen vor dem Verderben zu bewahren, wie viel Gram und Kummer das auch verursachen möge. Nur angesichts dieser Geisteshaltung ist sein hartes Durchgreifen gegen seinen Sohn Don Carlos und gegen die aufsässigen Niederlande zu verstehen. Philipps Vater hatte 1548 in Spanien das strenge burgundische Hofzeremoniell eingeführt. Der damals 21-jährige Philipp wurde von dem Gefühl durchdrungen, dass es einen beinahe göttlichen Abstand zwischen dem Fürsten und seinen Untertanen gebe. Aber immer wieder musste er erleben, dass es in der Gesellschaft, vor allem in Aragonien und den Niederlanden, noch zahlreiche Kräfte gab, die diesen Abstand nicht anerkannten.
1598 starb Philipp nach langen Qualen. Er hinterließ ein Spanien im Niedergang, während der Erzrivale Frankreich sich von seinen Niederlagen gegen Spanien erholte. Philipps größte Leistung war vielleicht der Bau des Escorial, der Klosterresidenz mit dem Mausoleum der spanischen Könige, den er an einsamer Stelle errichten ließ und dessen karger und strenger Stil als Symbol seiner Vision überdauerte.
| 4. | Die Niederlande |
Für Philipp II. war es unglaublich, dass die Niederländer den Übermut aufbrachten, ihren „natürlichen Souverän”, wie er in den offiziellen Dokumenten oft genannt wurde, 1581 für abgesetzt zu erklären. Der Hintergrund dieses Ereignisses blieb ihm unverständlich. Im Rahmen der Vereinheitlichungspolitik der Herzöge von Burgund und als vollwertiger Kreis des Heiligen Römischen Reiches konnten die 17 Provinzen der Niederlande einer großen Zukunft entgegensehen. Brügge und Antwerpen waren die Metropolen Nordeuropas, Städte, an denen sich ganz Europa orientierte. Und eben diese 17 Provinzen richteten sich – in den Augen ihres Königs – zugrunde, indem sie sich gegen Gott erhoben, einer Ketzerei folgten und den Aufstand gegen ihren Fürsten und das spanische Heer, das beste der Welt, probten.
Für Philipp war dies so unbegreiflich, dass er den Ernst der Lage oft nicht richtig einzuschätzen wusste. Immer wieder glaubte er, dass sich die Probleme von selbst lösen würden. Seine Anweisungen an seine uneheliche Halbschwester Margarethe von Parma, an den Herzog von Alba und an Granvelle zeichneten sich durch eine Mischung von väterlicher Besorgtheit und fürstlichem Zorn aus. Philipp hatte in den Niederlanden, abgesehen von der Ketzerei, gegen dieselben Kräfte zu kämpfen wie in Spanien: gegen einen Adel, der bestehende Machtpositionen nicht aufgeben wollte und besonders heftig reagierte, da auch sein Wohlstand bedroht war, gegen Provinzen und Städte, die ihre alten Privilegien verteidigten und unter der Last der Steuern litten, gegen ein wachsendes städtisches Proletariat, das in diesen Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs aufbegehrte. Überdies herrschte ein allgemeiner Überdruss an den Missständen in der Kirche und dem Reichtum des Klerus.
All diese Kräfte verbündeten sich und leisteten erbitterten Widerstand gegen den fernen König, der immer wieder zu kommen versprach, um selbst für Ordnung zu sorgen, das aber nie tat, der versöhnliche Weisungen ausfertigte, diese aber in geheimen Gegendekreten widerrief, und der schließlich die im Lande geborene Landvogtin, die ihr Bestes gegeben hatte, um die Erfordernisse der dynastischen Herrschaft mit den Wünschen ihrer Untertanen zu versöhnen, durch einen spanischen Haudegen, den Herzog von Alba, ersetzte. Und als dieser Alba, ein loyaler Diener seines Herrn, der die Interessen des Königs und des Staates mit gnadenloser Härte durchsetzte, das tat, was sein Meister von ihm erwartete, wurde er plötzlich wieder abberufen. Mit diesen Widersprüchlichkeiten verdarb sich Philipp alle Möglichkeiten einer Beilegung der Konflikte in den Niederlanden.
Im Verlauf des viel besungenen Niederländischen Freiheitskampfes wechselte das Kriegsglück. Beide Seiten errangen Siege und erlitten Niederlagen, aber gegen Ende des Jahrhunderts zeichnete es sich deutlich ab, dass die Nördlichen Niederlande nie wieder in den spanischen Herrschaftsbereich zurückkehren sollten. Diese entwickelten sich, auch dank der geschickten Führung Wilhelms I. von Oranien und seines Sohnes Moritz von Nassau, zu einer souveränen Macht ohne König und ohne eine funktionierende Zentralregierung. Die Nördlichen Niederlande waren ein Zusammenschluss von Provinzen, die jeweils ihre eigenen Interessen verfolgten, ein für die Spanier unbegreiflicher Zusammenschluss von Bürgern, die sich durch Selbstbewusstsein, unabhängiges Denken, Fleiß und Vielseitigkeit auszeichneten.
Mit der Union von Utrecht war bereits 1579 die Teilung der Niederlande vorweggenommen worden. Von nun an verlagerte sich das gesellschaftliche, finanzielle, industrielle und kulturelle Zentrum der Niederlande von den spanisch beherrschten Provinzen Flandern und Brabant in die befreite Provinz Holland. Der Statthalter Wilhelm von Oranien nahm den Platz des Fürsten ein, Amsterdam übernahm die Rolle Antwerpens als bedeutendster Hafen des nördlichen Europa, und die 1575 gegründete Universität Leiden wurde zur Ausbildungsstätte der intellektuellen Elite der Niederlande, die ehedem im brabantischen Löwen studiert hatte.
An die Stelle der dynastischen Machtpolitik trat die koloniale Handelsexpansion, und im Bereich der Kunst übernahm der bürgerliche Kunsthandel die Rolle des fürstlichen Mäzenatentums. Die Bürger folgten nun nicht mehr in bedingungslosem Gehorsam ihren Priestern, Bischöfen und dem Papst, sondern ihrem eigenen Gewissen in Bezug auf das Wort Gottes. Gegen Ende des Jahrhunderts fand also eine bedeutende Verlagerung der Schwerpunkte der Macht, der Interessen, des Kapitals, der moralischen Wertvorstellungen und der Verantwortung statt. Es hatte sich ein niederländisches Nationalgefühl gebildet. Die neue Losung des freien Bürgertums findet sich in einem Lied wieder, das 1571 entstand: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.” In diesem Lied kommen auch die selbstbewussten Zeilen vor: „Oh Niederlande, ihr seid beladen, Tod und Leben für euch stehen, Dient dem Tyrann von Spanien, Oder folgt dem Prinz von Oranien.”
| 5. | Italien |
Das 16. Jahrhundert begann in Italien mit einem Ereignis, welches das Schicksal dieser Halbinsel während des ganzen Jahrhunderts bestimmen sollte: Italien wurde zum Schlachtfeld der Mächte, die um die Vormachtstellung in Europa rangen. Bereits 1494 war der französische König Karl VIII. an der Spitze eines modernen Heeres nach Italien eingedrungen, um seine Ansprüche auf das Königreich Neapel geltend zu machen.
Der Feldzug schien anfangs ein militärischer „Spaziergang” zu sein. Das Auftreten der neuen berittenen Artillerie brachte die italienischen Städte dazu, kampflos zu kapitulieren. Dennoch erwies sich der Feldzug als Misserfolg. Eine Koalition von allen anderen Mächten der Region, des Papstes, des Kaisers, Spaniens, Mailands und Venedigs, zwang Karl VIII. zum Rückzug. Von nun an wurde Italien zu einem Spielball der Großmächte. Im Gegensatz zu Frankreich, Spanien, England und selbst dem heterogenen Deutschen Reich konnte in Italien von einer politischen Einheit keine Rede sein. Es bestand vor allem aus sechs größeren Staaten, die ihre Macht annähernd in Balance hielten: dem Kirchenstaat, dem Königreich Neapel und den Stadtstaaten Florenz, Mailand, Genua und Venedig.
Niccolò Machiavelli (1469-1527), ein Staatssekretär der Republik Venedig, der sich tief greifend mit politischer Theorie und Geschichte beschäftigte, träumte von einer italienischen Einheit, die durch einen tatkräftigen Fürsten wie Cesare Borgia verwirklicht werden sollte. Aber die subtile Gleichgewichtspolitik der italienischen Herrscher verhinderte die Verwirklichung von Machiavellis Traum. Mit jeder Verlagerung der Machtbalance wurden Allianzen aufgekündigt und neue geschlossen. Einmal verbündeten sich der Papst und der Kaiser gegen Venedig, dann Venedig und der Papst gegen den Kaiser und bald darauf Venedig und Frankreich gegen den Papst. Die einzige Konstante war die Wahrung des kurzfristigen Eigeninteresses. Die zynische, rücksichtslose und launische Machtpolitik, die Machiavelli beschrieb, war der politische Alltag in Italien.
Im Königreich Neapel kämpften Frankreich und Spanien um die Macht. Die Päpste waren ständig mit der Sicherung und Ausdehnung ihres Patrimonium Petri beschäftigt. Venedig und Genua waren in erster Linie Seemächte, denen vor allem an der Beibehaltung des Status quo auf dem Festland lag. Florenz und Mailand kämpften um die Wahrung ihrer Unabhängigkeit von Papst, Kaiser und französischem König und wurden dabei wie Bauern auf dem Schachbrett hin- und hergeschoben. Die Armeen von Karl V. und Franz I. durchzogen jahrzehntelang die Halbinsel und verursachten größtes Elend. Und wenn die Bevölkerung einmal eine Zeit lang von diesen Heereshaufen verschont wurde, fielen die Türken unerwartet in den Küstengebieten ein und verschleppten Männer, Frauen und Kinder. Die vielen Sarazenentürme an der italienischen Küste zeugen noch heute von der Bedrohung, der sich die Bevölkerung von dieser Seite her ausgesetzt sah.
Unterdessen befand sich die geistliche Macht in Italien in einer Krise. Der niederländische Papst Hadrian VI. (1522-1523), ein einfacher und aufrechter Mann, trat das kirchliche Erbe der Renaissancepäpste Alexander VI. Borgia (1492-1503), Julius II. della Rovere (1503-1513) und Leo X. Medici (1513-1521) an, hielt es aber in seinem Amt nicht länger als zwölf Monate aus. Die Römer und vor allem die vatikanische Kurie empfanden diesen zurückhaltenden Mann, der in seiner Hofhaltung bescheiden war, die Kurie reformieren wollte, die Schmarotzer am Hof des Vatikans entließ und die Käuflichkeit der Ämter abschaffen wollte, nach all der Pracht und dem Prunk, den seine Vorgänger zur Schau gestellt hatten, als einen unkultivierten Bauern. Und so kehrte sich jeder und alles gegen ihn.
Ausgerechnet in diesen Jahren vollzog sich die Reformation, durch die das christliche Europa in zwei Parteien zerfiel. Die ersten Päpste jenes Jahrhunderts, Alexander VI., Julius II. und Leo X., unter denen Luther erstmals in Erscheinung trat, hatten durch ihre Haltung die Spaltung der Kirche unvermeidlich gemacht. Die Kirche war verweltlicht und der Geist des Evangeliums verfremdet. Die Reformatoren, die Ketzer, standen dem Geist des Evangeliums näher als die offiziellen Amtsträger der Kirche.
Nicht alle waren so stark wie der Reformer und Humanist Erasmus von Rotterdam (1469-1536), der sich nicht in den Parteienstreit hineinziehen ließ und für den politischen Missbrauch theologischer Fragen unempfänglich blieb. Er betrachtete die Kirche weiterhin auf ihr eigentliches Wesen hin und griff auf das Neue Testament zurück, das er 1516 im griechischen Urtext mit einer eigenen lateinischen Übersetzung publizierte. Man hatte Erasmus oft sein Zögern und seine Halbherzigkeit vorgeworfen, aber durch seine Ablehnung einer Kirchenspaltung hatte er einen schwierigeren Standpunkt eingenommen als diejenigen, die den Bruch mit Rom forcierten.
Trotz der ständigen Kriege, die zu jener Zeit in Italien herrschten, hatte Italien auch eine Vorbildrolle in Europa. Denn nie zuvor hatte die europäische Kultur eine Periode wie diese erlebt, in der Genialität, Talent, Forschergeist, Erneuerung und Ausstrahlung in solch einer Konzentration auftraten wie in jenem Jahrhundert in Italien. Diese Epoche hatte zwar schon in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Jahrhunderts begonnen, erlebte aber ihren Höhepunkt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der Baumeister Giorgio Vasari sollte als Erster den Begriff Renaissance, Wiedergeburt, verwenden, um vor allem die Entwicklungen in der Malerei zu bezeichnen.
Aber diese Wiedergeburt fand auch in anderen Bereichen statt. Der Begriff der Renaissance umfasst eine große Anzahl von Aspekten, die von einem gemeinsamen Geist getragen werden. Der Humanismus, die Wiederentdeckung der Antike, die Ausrichtung am irdischen Leben, die Unabhängigkeit des Denkens, das Aufkommen der Naturwissenschaften, der technische Fortschritt im Buchwesen, der Bergbau, die industrielle Produktion und die Entdeckung der Perspektive in der bildenden Kunst gehören alle zu den Aspekten der Renaissance.
Es wurde schon erwähnt, dass die Renaissance in Italien bereits im vorigen Jahrhundert begonnen hatte, aber erst im 16. Jahrhundert strahlte sie auf den Rest von Europa aus. Nie zuvor hatten in Italien so viele Universalgenies gelebt wie um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Unter ihnen sind vor allem drei Namen hervorzuheben: Leonardo da Vinci, Michelangelo Buonarroti und Raffael. So vielseitig, genial und dominierend diese drei Künstler auf allen Gebieten der Malerei, der Bildhauerei und der Architektur auch waren, gab es neben ihnen noch Dutzende andere Künstler, die sich durch außerordentliche Fähigkeiten auszeichneten. Dies galt nicht nur für die bildenden Künste, den Festungsbau und die Stadtplanung, sondern auch für die Literatur, die Musik, die Geschichtsschreibung, die Naturwissenschaften und die politische Theorie. Männer wie der politische Philosoph Niccolò Machiavelli, der die staatliche Organisation in seinem Land und Europa messerscharf analysierte, der Historiker Francesco Guicciardini, der Komponist Giovanni Pierluigi da Palestrina und der Naturwissenschaftler und Astronom Galileo Galilei waren auf ihren Gebieten ebenso bedeutend wie Bramante, Tizian und der Baumeister Vignola auf den ihren.
Aus vielen Teilen Europas reisten Künstler und Wissenschaftler nach Italien, um dort Wissen und Erfahrungen zu sammeln. Dafür nahmen sie große Entbehrungen und Gefahren auf sich, denn die Überquerung der Alpen, zu Fuß oder zu Pferde, war nicht einfach. Die Reise dauerte lange – mehr als 30 Kilometer am Tag waren nicht zu schaffen –, die Unsicherheit auf den Wegen war groß, die Herbergen waren primitiv, und der Reisende war den Unbilden des Wetters schutzlos ausgeliefert. Dennoch zogen Tausende junge Europäer nach Italien und lieferten nach ihrer Rückkehr in die Heimat wichtige Beiträge zur Erneuerung des eigenen Landes und damit Europas.
| 6. | Frankreich |
Anfang des 16. Jahrhunderts hatte sich Frankreich noch nicht von den Schrecken des Hundertjährigen Kriegs erholt. Die Engländer erhoben dynastische Ansprüche auf große Teile des Westens von Frankreich. Das Elend, das der Krieg in Frankreich verursachte, hatte auch die Entwicklung eines Nationalbewusstseins zur Folge, eines Zusammengehörigkeitsgefühls, das in dem Bauernmädchen Jeanne d’Arc, das seinen Einsatz für Frankreich mit dem Feuertod bezahlen musste, seine Symbolfigur fand.
Ludwig XI. (1461-1483), der Widersacher der Herzöge von Burgund und der Mann, der Karl den Kühnen zu Fall gebracht und damit einen gefährlichen Rivalen ausgeschaltet hatte, schuf eine Basis für die staatliche Einheit Frankreichs. Ohne die Vorarbeit Ludwigs XI. und Ludwigs XII. (1498-1515) hätte Franz I. (1515-1547) das heutige Frankreich nicht schaffen können.
Franz I. war ein starker und launenhafter Herrscher. Auf einem Porträt seines Hofmalers Jean Clouet erscheint er kräftig und prachtliebend, mit listigen Augen und einem ironischen Zug im Mundwinkel. Zum Wohl Frankreichs und zum Schaden seiner Feinde scheute er vor keiner List und keinem Verrat zurück. So versprach er seinem Erzfeind Karl V., als er 1525 nach der Schlacht bei Pavia in dessen Gefangenschaft geriet, Berge von Gold, widerrief aber, sobald er wieder auf freiem Fuß war, alle Versprechungen. Und zur Entrüstung Karls V., der vor allem das Ziel verfolgte, die europäische Christenheit gegen die Osmanen zu einigen, schloss Franz I. 1535 gar eine Allianz mit diesen. Franz I. war auch derjenige, der Leonardo da Vinci und Benvenuto Cellini nach Frankreich holte, die prächtigsten Schlösser an der Loire bauen ließ und das Collège de France stiftete. Franz hatte nur dann Interesse an einem gemeinsamen europäischen Vorgehen, wenn dies im Interesse Frankreichs war. So bemühte er sich 1519 um die Wahl zum deutschen Kaiser, hatte dabei aber nur die Sicherung einer französischen Hegemonie vor Augen. Nachdem es ihm nicht gelungen war, Karl V. die Kaiserkrone streitig zu machen, dachte er nicht daran, den protokollarischen Vorrang des Kaisers vor dem französischen König anzuerkennen und gab seinen Diplomaten den Auftrag, dem Kaiser deutlich zu machen, dass über dem König von Frankreich allein Gott stehe.
Während der Regierungszeit von Franz I. blühte der französische Nationalstaat auf, aber nach seinem Tod brachen unruhige Zeiten an, die ihr Ende erst fanden, als die Herrscherdynastie der Valois 1589 von der politischen Bühne verschwand und sich der erste Bourbonenkönig, Heinrich IV., daran machte, das von Franz I. begonnene Werk fortzusetzen. Kennzeichnend für das Frankreich des 16. Jahrhunderts waren zwei Aspekte, die scheinbar einen Gegensatz bilden, in der Tat allerdings in einem engen Zusammenhang miteinander standen. Auf der einen Seite gab es den Aufbau eines territorial geschlossenen und zum Absolutismus tendierenden Einheitsstaats, auf der anderen die Neigung zur Auflösung der staatlichen Einheit und der Rückfall in Bürgerkriege, die das Land an den Rand des Abgrunds führen sollten. Im Prozess der Formung eines Nationalstaates war Frankreich für das übrige Europa ein Vorbild. Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis stand Frankreich bei der Machterweiterung des Königs, dem Zurückdrängen des Einflusses des Adels und der Einführung einer zentralen Verwaltung, eines stehenden Heeres, eines Steuersystems und eines Postwesens an vorderster Stelle.
In den Six livres de la république (Sechs Bücher über den Staat), die der Staatsrechtler Jean Bodin 1576 veröffentlichte, wurde eine systematische Gesamtkonzeption eines geordneten Staatswesens formuliert. Das Buch fand überall in Europa große Beachtung und löste sowohl euphorische als auch polemische Reaktionen aus. Bodin formulierte den Begriff der Souveränität, die er zum Kernbegriff seiner Staatstheorie machte. Das Buch erschien ursprünglich auf Französisch, eine ungewöhnliche Äußerung des noch jungen französischen Nationalismus in einer Zeit, in der sich die Gelehrten normalerweise des Lateins bedienten. Als Bodin allerdings bei einer diplomatischen Mission in England feststellte, dass dort eine schlechte Übersetzung im Umlauf war, verfasste er 1584 eine eigene lateinische Version. In Bodins Werk zeigt sich immer wieder seine Angst vor dem Bürgerkrieg, einem Begriff, der sich wie ein roter Faden durch seine Schriften zog.
In Frankreich wurde die zweite Hälfte des Jahrhunderts durch die oben angesprochenen Glaubenskriege beherrscht. Anders als im Deutschen Reich trat die Reformation in Frankreich in der Form des Calvinismus auf. Der französische Jurist Johannes Calvin gab der Reformation eine deutlich französische Prägung. In Deutschland spielten mystische und gefühlsbetonte Motive eine wichtige Rolle, bei Calvin dominierten intellektuelle Klarheit und Systematik. Im Stadtstaat Genf, in dem er 1541 die Macht übernahm, setzte er seine Theorie in die Praxis um. Von dort aus versuchte er, Frankreich für seine Ideen zu gewinnen.
Ein beträchtlicher Teil des Adels sah, besorgt über die wachsende Macht des Königs und unter dem Druck des wirtschaftlichen Niedergangs, in der Reformation ein Mittel zur Wiedergewinnung seiner verloren gegangenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung. Nicht zuletzt wollte er sich durch die Inbesitznahme der kirchlichen Güter wirtschaftlich sanieren. So waren die beiden führenden Streiter für die Sache der Reformation in Frankreich, Gaspard de Coligny und Henri de Condé, Mitglieder des Hochadels. Seit 1561 kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Calvinisten oder Hugenotten, wie sie in Frankreich genannt wurden, und der konservativen königstreuen Partei, die schließlich in der Bartholomäusnacht (23./24. August 1572) ihren Höhepunkt finden sollten, als die Königinmutter Katharina von Medici in einer verräterischen Verzweiflungstat Coligny und Tausende Hugenotten ermorden ließ und damit unter dem Vorwand von Glaubensfragen ihre politischen Gegner aus dem Weg räumte.
Zu dieser Zeit schrieb Jean Bodin an seinem Buch über die Souveränität. Aus den Erfahrungen der Bürgerkriege zog er den Schluss, dass die Suche nach der Wahrheit nur zu Mord und Totschlag führe. Nur religiöse Neutralität und Toleranz könne in Verbindung mit der absoluten Macht des Fürsten den Staat retten. Das Gesetz, der Wille des Königs, trete an die Stelle der Wahrheitssuche. Alle Kräfte, die sich der Autorität des Fürsten entgegenstellen, müssten vor dem Gesetz weichen.
Nach dem Tod Franz’ I. erlebte das Haus der Valois seinen Niedergang. Heinrich II., der 1547 seinem Vater auf den Thron folgte, hatte mit seiner Frau, Katharina von Medici, mehrere Kinder, die entweder an Krankheiten litten oder früh starben. Als er 1559, dem Jahr des erniedrigenden Friedens von Cateau-Cambrésis, an einem Holzsplitter im Auge starb, übernahm Katharina die Regentschaft für ihre Söhne Franz II. (1559-1560), der bereits im Alter von 16 Jahren starb, und Karl IX. (1560-1574), der 24 Jahre alt wurde. Ihre Tochter Elisabeth, die 1560 dem Erzfeind Philipp II. zur Frau gegeben wurde, wurde 23 Jahre alt. Katharinas dritter Sohn, der spätere Heinrich III. (1574-1589), ließ sich zunächst zum König von Polen ausrufen, verließ aber bei Nacht und Nebel sein neues Königreich, als er erfuhr, dass er Aussichten auf die französische Krone habe. 1588 veranlasste er die Ermordung des Herzogs von Guise, des Führers der Katholischen Liga. Ein Jahr später fiel auch er mit 38 Jahren einem Anschlag zum Opfer. Nur die jüngste Tochter, Margarete, während deren Hochzeit mit Heinrich von Bourbon das Massaker der Bartholomäusnacht stattfand, erreichte ein normales Alter.
Die Herrschaft der letzten Könige aus dem Hause Valois bildete einen Tiefpunkt der französischen Geschichte. Doch kaum 20 Jahre später war die Macht und der Wohlstand Frankreichs wiederhergestellt worden. Der Mann, dem dies zu verdanken war, hieß Heinrich von Bourbon, König von Navarra, der 1589 als Heinrich IV. den französischen Thron bestieg. Vom Charakter her bildete er das Gegenbild zu seinen Vorgängern aus dem Hause Valois. Als eigenständig denkender Pragmatiker und behutsamer Stratege war er, der zuvor zu den führenden Hugenotten des Landes gehört hatte, bereit, aus Staatsräson zum Katholizismus überzutreten. Unter dem Einfluss der Ideen Jean Bodins verhielt er sich in Glaubensfragen neutral und gewährte den Hugenotten im Edikt von Nantes (1598) die vollen Bürgerrechte. In diesem Klima der Toleranz und unter der überlegten Politik des Königs erholte sich Frankreich erstaunlich rasch von den Folgen der Hugenottenkriege.
Franz I. hatte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts fünf Kriege gegen Karl V. geführt. Einige dieser Kriege gewann er, etwa 1515 in Marignano, wo er die kaiserlichen Truppen schlug und danach Mailand und Genua besetzte, die meisten aber verlor er. So musste er 1522 die norditalienischen Städte, die er sieben Jahre zuvor besetzt hatte, wieder aufgeben. 1525 erlitt er bei Pavia eine schwere Niederlage und geriet in die Gefangenschaft der Kaiserlichen. Endgültig geschlagen wurde Frankreich 1557 in der Schlacht bei Saint Quentin durch spanischen Truppen unter der Führung des später enthaupteten Lamoraal Graf von Egmont. Mit dieser Niederlage musste Frankreich seine Ansprüche auf Burgund und Italien aufgeben.
Die zweite Hälfte des Jahrhunderts stand im Zeichen der Hugenottenkriege. Am 9. September 1561 schien es noch, dass Frankreich die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die es in den Nachbarländern gab, erspart bleiben würden. An diesem Tag fand in Poissy ein theologischer Disput statt, dem auch der König beiwohnte. Theodor Beza führte das Wort für die hugenottische Seite. Die katholische Seite unter dem Herzog von Guise war aber zu keinen Gesprächen bereit und löste durch das Massaker von Vassy den ersten Hugenottenkrieg aus. Mit wechselndem Kriegsglück und mit kurzen Unterbrechungen dauerten die Hugenottenkriege an, bis es dem Bourbonenkönig Heinrich IV. gelang, einen Ausgleich zu erzielen. Die Hugenotten bekamen eine Reihe befestigter Städte zugewiesen, in denen sie ihre Religion frei ausüben durften. Mit dem Edikt von Nantes (1598) wurde ihnen schließlich die volle Religionsfreiheit zugestanden. Dieses Edikt und der Tod Philipps II. von Spanien im selben Jahr markierten das Ende des 16. Jahrhunderts.
| 7. | England |
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war England ein ausgeblutetes und im Vergleich zu Frankreich und Spanien mit nur drei bis vier Millionen Einwohnern kleines Land. Ausgeblutet war es durch den Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich (um 1350 bis ca. 1450) und die internen Rosenkriege (um 1455 bis ca. 1485). Ersterer war durch englische Ansprüche auf den französischen Thron und große Teile West- und Südwestfrankreichs ausgelöst worden. Von diesen Ansprüchen konnte England letztlich nur den auf die Stadt Calais durchsetzen, die bis 1559 in englischer Hand blieb. In den Rosenkriegen stritten sich zwei Adelslinien, das Haus Lancaster und das Haus York, um die Königswürde. Die Bezeichnung Rosenkriege bezieht sich auf die Wappen der beiden Familien. Lancaster führte eine rote Rose im Wappen und York eine weiße.
Sowohl der Hundertjährige Krieg als auch die Rosenkriege forderten einen hohen Blutzoll im englischen Adel. Das gab der englischen Monarchie allerdings auch die Chance eines Neuanfangs. Die monarchische Tradition war in England älter und gefestigter als auf dem Festland. Die Durchsetzung der Einheit des Landes, um die die französischen Könige zu kämpfen hatten, bereitete dieser relativ kleinen Insel kaum Probleme. Durch die vorangegangenen Kriege war der Hochadel so weit dezimiert worden, dass er der Macht des Königs nicht mehr im Wege stehen konnte. Der niedere Adel (die Gentry) und das aufkommende Bürgertum wurden zur Basis der Macht des Königs, bildeten aber auch einen kontrollierenden Gegenpol, so dass sich in England ein System des Kräftegleichgewichts entwickelte. Heinrich VIII. (1509-1547) setzte das Werk seines Vaters, Heinrichs VII. (1485-1509), fort und stiftete – aus Gründen, die mit religiösen Überzeugungen wenig zu tun hatten – eine englische Staatskirche.
Richard III. war 1485 in der Schlacht bei Bosworth von Heinrich Tudor geschlagen und getötet worden. Als Heinrich VII. läutete jener das Zeitalter der Tudors auf dem englischen Thron ein. Heinrich VII. hatte das politische System langsam und behutsam zu modernisieren begonnen, und sein Sohn, Heinrich VIII., führte diese Politik fort. Vielleicht hätte sich seine Herrschaft nur wenig von der seines Vaters unterschieden, wenn sein Wunsch nach einem Sohn und Thronfolger ihn nicht in Konflikt mit dem Papst und Kaiser Karl V. gebracht hätte.
Um den Beziehungen zu Spanien ein festeres Fundament zu geben, hatte Heinrich VII. seinen Sohn mit Katharina von Aragonien, der zweiten Tochter Ferdinands und Isabellas, einer Tante Karls V. also, verlobt. Nach seiner Krönung heiratete Heinrich VIII. 1510 Katharina. Aus dieser Verbindung entstand eine Tochter, Maria, die als englische Königin den Beinamen Maria die Blutige (Bloody Mary) erhielt. Da aus der Ehe keine weiteren Kinder hervorgingen, ließ sich Heinrich VIII. von seiner Frau scheiden. Als der Papst hierfür die Zustimmung verweigerte, kam es zum Bruch mit Rom, der von englischer Seite wohl von langer Hand geplant war. Dies erscheint nahe liegend, wenn man in Betracht zieht, mit welcher Schnelligkeit Heinrich die Güter von Hunderten von Klöstern beschlagnahmte. Einer der bedeutendsten Gelehrten des Landes, der Lordkanzler Thomas More, widersetzte sich der Religionspolitik des Königs und musste seine Standhaftigkeit mit dem Tod bezahlen.
Auch aus Heinrichs zweiter Ehe ging nur eine Tochter hervor, Elisabeth. 1536 wurde ihre Mutter, Anne Boleyn, wegen angeblichen Ehebruchs hingerichtet, ein Ereignis, das Elisabeth zeitlebens misstrauisch und unsicher machen sollte.
Erst Heinrichs dritte Frau, Jane Seymour, gebar ihm einen Sohn, der 1547 als Eduard VI. im Alter von neun Jahren den Thron bestieg. Sein Onkel, Edward Seymour, wurde als Reichsregent eingesetzt. Wieder begann eine unruhige Phase der Regentschaft. 1553 starb Eduard VI. mit 16 Jahren.
Ihm folgte seine Halbschwester, die inzwischen 37-jährige Maria I., die versuchte, die Veränderungen wieder rückgängig zu machen und das Land wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen. In den fünf Jahren ihrer Herrschaft wurden Hunderte Protestanten hingerichtet. Um die Beziehungen zu Spanien zu verbessern, heiratete sie 1554 Philipp, den Sohn Karls V., der zwei Jahre später den spanischen Thron bestieg. Damit löste sie einen Krieg mit Frankreich aus. Marias gegenreformatorische Schreckensherrschaft führte dazu, dass die Begriffe „spanisch” und „katholisch” in den Ohren der Engländer zu gleichbedeutenden Schmähwörtern wurden. Die protestantische Reaktion nach ihrem Tod 1558 fiel desto schärfer aus, und das Nationalbewusstsein in England wuchs weiter an.
Dieses neue Nationalbewusstsein stärkte die Loyalität der Untertanen zu Marias Nachfolgerin Elisabeth I. (1533-1603) und ließ die Abneigung gegen Spanien anwachsen. Als Tochter einer hingerichteten Bürgerin war Elisabeth eine illegitime Thronfolgerin. Auf Porträts sieht man sie als eine magere Frau mit einem schmalen Gesicht, wachen Augen und einem verstimmten Zug um die Lippen. Sie war eine bemerkenswerte Frau, deren ganzes Leben im Zeichen ihrer Herkunft stand. Sie war misstrauisch, vorsichtig, zögerlich, leidenschaftlich und gehemmt zugleich.
Mit ihren langen Regierungszeiten prägten Heinrich VIII. und Elisabeth I. das 16. Jahrhundert in England. Dabei sind zwei Entwicklungen besonders auffällig. Unter beiden Herrschern befreite sich England von seinen Bindungen zum europäischen Festland und den daraus erwachsenden Verpflichtungen und entwickelte sich zur Seemacht. In beiderlei Hinsicht war die Politik Elisabeths konsequenter. Für Heinrich VIII. waren die Erinnerung an die verlorenen Gebiete in Frankreich und die traditionelle Allianz mit Spanien noch von großer Bedeutung. Elisabeth achtete dagegen auf die Wahrung des Gleichgewichts zwischen den europäischen Mächten und verteidigte die Unabhängigkeit Englands ebenso beharrlich wie auch ihre eigene Unabhängigkeit von den zahlreichen Ehekandidaten. Jahrzehntelang spielte sie mit den europäischen Fürsten, die um ihre Hand anhielten, Katz und Maus. Dass sie sich schließlich dem Lager der Gegner Spaniens anschloss, zeugte von politischem Gespür, denn durch die Entwicklung Englands zur Seemacht war eine Konfrontation mit Spanien unvermeidlich geworden.
Der Friede von Cateau-Cambrésis 1559 markierte eine entscheidende Wende der europäischen Geschichte. Frankreich musste hier, nach den Niederlagen von Gravelines und Saint Quentin, die spanische Hegemonie in Europa anerkennen. Das Land musste alle Ansprüche in Italien und Burgund aufgeben und sich in seine Grenzen zurückziehen. Während der folgenden 30 Jahre spielte das von Glaubenskriegen erschütterte Land auf der internationalen Bühne keine Rolle mehr.
Durch die Ehe Philipps II. mit Elisabeth von Valois und die starke Stellung der Herzöge von Guise und der Katholischen Liga, die sich mit Spanien gegen die Hugenotten und die schwache Königsmacht verschworen hatten, wurde Frankreich eng an Spanien gebunden. Durch den Zustrom von Silber aus den amerikanischen Überseegebieten konnte sich Spanien von dem Staatsbankrott von 1557 erholen. Zur gleichen Zeit nahm die Bedrohung des Mittelmeerraums durch die Türken immer mehr ab. So konnte Philipp II. sein großes Ziel, die Bekämpfung der Ketzerei in Europa, in Angriff nehmen.
Hierin ist die Ursache für die Auseinandersetzungen zwischen Spanien und England zu sehen. Nach dem Ende der Herrschaft Marias I. genoss Spanien auf der Insel wenig Sympathien. Elisabeth I. hütete sich allerdings davor, den Konflikt mit der stärksten Macht Europas zu suchen. Als sich Spanien und Portugal allerdings zusammentaten, um den Zugang der englischen und niederländischen Flotten zur Neuen Welt zu versperren, förderte Elisabeth die Aktivitäten englischer Freibeuter, die die spanischen Handelsschiffe und Kolonien überfielen.
Zur selben Zeit geriet die Königin in Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche. Diese war aus dem Tridentinischen Konzil (1545-1563) innerlich reformiert und gestärkt hervorgegangen. Als Reaktion auf die Reformation entwickelte die Kirche vielfältige Aktivitäten zur Bekämpfung der Ketzerei auch in England. Dabei bediente sie sich der spanischen Diplomatie, die in England beharrlich gegen Elisabeth und ihre Vertrauten intrigierte.
Mittelpunkt dieser Intrigen war eine Cousine der Königin, Maria Stuart. Sie war Königin von Schottland gewesen, hatte jedoch den Großteil ihres Lebens in Frankreich verbracht und war einige Jahre mit dem kränkelnden König Franz II. von Frankreich verheiratet gewesen. 1567 war sie durch einen Adelsaufstand gestürzt worden und nach England geflohen. Am Hof ihrer Cousine war Maria, die im katholischen Milieu des französischen Hofes aufgewachsen war (ihre Mutter gehörte zum Geschlecht der Herzöge von Guise), der Mittelpunkt einer Gruppe von Verschwörern, zu der in Frankreich ausgebildete Priester, auf Rache sinnende katholische Emigranten und die Angehörigen der spanischen Botschaft gehörten. Sie strebten danach, Elisabeth zu stürzen und England wieder für den „wahren” Glauben zu gewinnen. Nachdem ein Plan zur Ermordung der Königin aufgedeckt worden war, ließ Elisabeth einen Prozess gegen ihre Rivalin anstrengen. Maria wurde zum Tod verurteilt und am 8. Februar 1587 hingerichtet.
Die Hinrichtung einer legitimen, katholischen Königin aus dem Geschlecht der Stuarts verursachte im katholischen Europa einen Aufschrei der Empörung. Philipp II. war außer sich vor Zorn, der durch die immer unverhohlener gewährte Unterstützung Englands für die aufständischen Niederlande und die immer dreister werdenden englischen Freibeuter noch gesteigert wurde, die es 1587 sogar wagten, den Hafen von Cádiz, den wichtigsten Stützpunkt der spanischen Flotte, zu überfallen. Philipp II. ließ daher die so genannte Armada, die bis dahin größte Flotte, aufstellen, um England anzugreifen. Geplant war ursprünglich der Einsatz von 500 Schiffen mit 60 000 Mann Besatzung. Tatsächlich wurden es dann doch nur 150 Schiffe mit 22 000 Mann und 2 500 Geschützen. Diese Streitmacht sollte sich mit den Truppen des spanischen Statthalters in den Niederlanden, Alessandro Farnese, vereinigen, um dann gemeinsam gegen England vorzugehen. Die Engländer konnten dieser Armada nur etwa 70 Schiffe entgegenstellen, die weniger schwer bewaffnet, aber viel schneller und wendiger waren. Als die Armada bei Dünkirchen vor Anker ging, um die Truppen Alessandro Farneses aufzunehmen, ließen die Engländer brennende Schiffe in die Reihen ihrer Gegner fahren. Die schwerfälligen spanischen Galeonen wurden dadurch auseinandergetrieben, und in der folgenden Schlacht bei Gravelines errangen die Engländer einen entscheidenden Sieg. Die Reste der Armada wurden durch Stürme weiter dezimiert. Spanien hatte eine schwere Niederlage erlitten, und das protestantische Europa jubelte. Die Engländer hatten die Erfahrung gewonnen, dass sie sich der spanischen Seemacht entgegenstellen und sich ihren Anteil an den Reichtümern der Welt auf der anderen Seite des Atlantiks nehmen konnten.
| 8. | Die Türken |
Jedes Jahrhundert hatte seine ureigenen Ängste, die als verborgene Kraft hinter vielen Entscheidungen standen. Etliche politische Entscheidungen ließen sich durch diese Ängste erklären, andere waren das Ergebnis des Missbrauchs dieser Ängste. Im 16. Jahrhundert richteten sich die Ängste in Europa vor allem gegen die Türken. Schon im 15. Jahrhundert gab es durch die Türken regelmäßige Überfälle auf die Küstenorte in den italienischen Regionen Apulien und Kalabrien. Überall an der Küste wurden die so genannten Sarazenentürme errichtet, Ausguckposten, von denen nach den türkischen Feinden Ausschau gehalten wurde, um die Bevölkerung rechtzeitig vor drohender Gefahr zu warnen. Die Angst vor der Verschleppung in türkische Sklaverei war groß. Davon zeugte zum Beispiel das Vorwort eines Kartenwerks, das die Flamen Frans Hogenberg und Georg Braun unter dem Titel Civitates orbis terrarum 1572 in Köln veröffentlichten. Braun schrieb dort, dass auf allen Karten menschliche Figuren beiden Geschlechts abgebildet seien, damit die Türken diese Karten nicht für militärische Zwecke missbrauchen könnten. Denn die schrecklichen Türken dürften aus religiösen Gründen keine Abbildungen von menschlichen Gestalten ansehen, wie nützlich diese auch sein mögen.
Die Politik Karls V. stand im Zeichen der Angst vor den Türken und des Kampfes gegen sie. Franz I. missbrauchte dagegen diese Angst zur Durchsetzung seiner nationalen Ziele. Ein aggressiver Islam war für Europa nichts Neues. Im 8. und 12. Jahrhundert hatte Europa in ähnlichem Maße unter dieser Bedrohung gelitten. Und zu Beginn des 16. Jahrhunderts schien es sogar, dass die türkische Gefahr im Abnehmen war.
Das Reich der Osmanen, einer türkischen Herrscherdynastie, die im 13. Jahrhundert unter dem Druck der Mongolen nach Kleinasien getrieben worden war und sich in Bithynien gefestigt hatte, eroberte nach und nach die Reste des Oströmischen Reiches und trat schließlich mit der Einnahme von Konstantinopel (1453) seine Nachfolge an. Zuvor hatten die Osmanen bereits große Teile des Balkans annektiert und 1396 in der Schlacht bei Nikopolis (heute Nikopol, Bulgarien) das letzte Kreuzritterheer besiegt.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte das Osmanische Reich hatte mit Rebellionen im Osten des Reichs und Streitigkeiten um die Thronfolge zu kämpfen. 1481 war Sultan Mehmed II. während der Vorbereitung eines Kriegszugs gegen die Insel Rhodos gestorben. Sein Nachfolger wurde Bayazit II. (1481-1512), der Europa eine Ruhepause gönnte. Er beschäftigte sich mehr mit inneren Reformen und mit kulturellen und religiösen Fragen. Unter seinen Nachfolgern Selim I. (1512-1520) und Süleiman II. dem Prächtigen (1520-1566) wurde die Eroberung Europas wieder aufgenommen. 1521 nahmen die Türken Belgrad ein, 1522 entrissen sie dem Johanniterorden die Insel Rhodos, und 1526 eroberten sie Ungarn. 1529 standen die Türken zum ersten Mal vor Wien (siehe Belagerungen von Wien).
Das christliche Europa war entsetzt. Trotzdem konnten sich die europäischen Mächte nicht auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Türken einigen. 1535 schloss Franz I. von Frankreich gar ein Bündnis mit ihnen. Nach dem Tod Süleimans des Prächtigen während eines Feldzugs in Ungarn im Jahr 1566 konnte Europa aufatmen. Sein Sohn Selim II. (1566-1574) und sein Enkel Murad III. (1574-1595) waren schwächer und weniger kriegerisch eingestellt. Zu den Erfolgen Selims II. gehörte die Eroberung Zyperns 1570. Aber im folgenden Jahr, 1571, erlebten die Türken in der Seeschlacht bei Lepanto eine vernichtende Niederlage. Unter dem Befehl eines unehelichen Sohns Karls V., Don Juan de Austria, stellte die Heilige Liga, eine Allianz der Staaten Spanien, Venedig, Genua und des Kirchenstaates, eine gemeinsame Flotte von 300 Schiffen und 80 000 Mann Besatzung auf, welche die Vorherrschaft der Türken im östlichen Mittelmeer brechen sollte. Im Golf von Patras traf sie auf eine etwa gleich starke türkische Gegenmacht. Die beiden Flotten nahmen ihre Gefechtsformation ein, und Don Juan fuhr in seiner funkelnden Rüstung auf einer schnellen Galeere die eigenen Linien entlang, um seinen Soldaten Mut zu machen. Auf jedem Schiff wurde eine Standarte mit dem Christuskreuz gehisst, und die Soldaten knieten nieder, um zu beten. Die Seeschlacht endete mit einem klaren Sieg der Heiligen Liga. Von den 300 türkischen Galeeren fielen 117 in die Hände der Christen. Während die Heilige Liga nur geringe Verluste erlitt, kamen 30 000 Türken in der Schlacht um. Der Sieg von Lepanto gab dem christlichen Europa neue Hoffnung, dass die türkische Gefahr überwunden werden könne. Als die oben erwähnten Geographen Braun und Hogenberg ihre Warnung vor dem Missbrauch von Karten durch die Türken verfassten, war die größte Gefahr eigentlich schon vorüber.
| 9. | Die Neue Welt |
Zu Beginn des Jahrhunderts waren die Berichte über einen neuen, fernen Kontinent, der erst kurz zuvor entdeckt worden war, in aller Munde. Die ersten Beschreibungen der Neuen Welt wurden veröffentlicht, und Martin Waldseemüller brachte sie 1507 zum ersten Mal auf eine Weltkarte. In der Einleitung seiner Cosmographia introductio schlug er vor, diesen neuen Kontinent zu Ehren des italienischen Entdeckungsreisenden Amerigo Vespucci, dessen Briefe er ebenfalls veröffentlichte, Amerika zu nennen. 1544 publizierte Sebastian von Münster in seiner Cosmographia universalis, einer 1 150 Seiten starken Kosmographie, in der sich 13 Seiten mit den „neuen Inseln” (novae insulae) beschäftigen, die bisher genaueste Karte der Neuen Welt.
Bis etwa 1560 wurden Süd- und Mittelamerika sowie der Süden Nordamerikas weiter erforscht, während der Großteil Nordamerikas gemieden wurde. Im Kielwasser der Entdecker reisten Kaufleute, Missionare und Beamte nach Amerika, die in einer Mischung aus Abenteuerlust, Sendungsbewusstsein und Gier nach Gold und Reichtum die einheimischen Kulturen und Staaten unterwarfen und vernichteten. Zu den spanischen Eroberungen gehörten das Reich der Azteken, das 1520 von Hernán Cortés vernichtet wurde, und das Reich der Inka, das Francisco Pizarro zwischen 1530 und 1535 unterwarf. Bereits Anfang des Jahrhunderts hatten portugiesische Seefahrer, wie etwa Pedro Álvares Cabral oder der im portugiesischen Dienst stehende Amerigo Vespucci, Brasilien entdeckt und für Portugal in Besitz genommen.
Die Vernichtung der einheimischen Kulturen löste auch Proteste aus. Der spanische Dominikaner Bartholomé de las Casas veröffentlichte 1552 eine flammende Streitschrift gegen die Untaten der Konquistadoren. De las Casas gehörte zu jenen, die darauf hinwiesen, dass Europa mit der Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung auch die Pflicht übernommen habe, für das Wohlergehen der neuen Untertanen zu sorgen. Aber trotz dieser vereinzelten Stimmen wurde die Ausbeutung der Kolonien durch Spanien und Portugal unvermindert fortgesetzt. Schiffsladungen von Gold und Silber überquerten den Atlantik nach Osten. Dadurch wurde die Wirtschaftskraft der beiden iberischen Staaten zwar gestärkt, aber die noch jungen europäischen Finanzmärkte gerieten durch diesen Zustrom an Edelmetallen in erhebliche Turbulenzen.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begannen auch die Engländer und Niederländer mit der Erkundung der Weltmeere. 1584 gründete der englische Abenteurer Sir Walter Raleigh die erste englische Kolonie in Nordamerika. Zu Ehren seiner jungfräulichen Königin nannte er sie Virginia. 1595 nahm Raleigh die Insel Trinidad in Besitz und reiste den Orinoco über mehrere hundert Kilometer stromaufwärts. Die Kolonialgeschichte der Niederlande begann 1598, als sie eine Expedition zur Magellanstraße ausrüsteten und Olivier van Noort als erster Niederländer eine Reise um die Welt unternahm.
| 4. | Afrika |
Die wirtschaftliche Erschließung Afrikas durch die Europäer hatte in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts mit den portugiesischen Entdeckungsreisen ihren Anfang genommen. Der Warenaustausch zwischen Europa und Afrika entwickelte sich zuerst in den afrikanischen Küstengebieten. Für die ägyptischen Mamelucken bedeuteten die Aktivitäten der portugiesischen Kauffahrer eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung, da ihnen dadurch die Zölle auf den Transithandel entgingen, und zwar in einer Zeit, in der die Wirtschaft des Landes in einer tiefen Krise steckte, da die Machthaber durch die Errichtung eines staatlichen Handelsmonopols die kapitalkräftigen Kaufleute aus dem Land gejagt hatten. Aber die Mamelucken waren den Portugiesen militärisch nicht gewachsen. Die technische Ausrüstung ihrer Streitkräfte war veraltet. Die Osmanen machten sich diese Schwäche und die internen Gegensätze in der Herrschaftselite zunutze. 1517 eroberte ein türkisches Expeditionsheer unter der Leitung des Sultans Selim I. Kairo und machte Ägypten zu einer türkischen Provinz.
Auch in Nordafrika stellten sich die Türken den christlichen Expansionsbestrebungen entgegen. Nach dem Fall Granadas, des letzten Maurenreiches auf der Iberischen Halbinsel, hatten die Spanier ihre Reconquista in Nordafrika fortgesetzt. 1510 kontrollierten sie die Hafenstädte Bejaja, Algier und Tunis. Zudem bedrohten sie Tlemcen, die Hauptstadt der Abdalwadiden-Dynastie. In ihrer Not wandten sich die Abdalwadiden an zwei türkische Korsarenkapitäne, die Brüder Cheireddin und Horuk, die 1516 Algier einnahmen und sich dann gegen ihre Auftraggeber wandten und Tlemcen eroberten. 1517 kam Horuk in einem Gefecht mit den Spaniern um. Sein Bruder ordnete seine Streitmacht neu und stellte sich unter den Schutz der Osmanen. Als osmanischer Gouverneur eroberte Cheireddin Annaba und Constantine. Eine Allianz der Spanier mit den in Tunesien herrschenden Hafsiden vermochte die stetige Expansion des Gouverneurs von Algier nur kurzzeitig aufzuhalten. 1535 gelang es dieser Allianz, die Stadt Tunis, die im Jahr zuvor von Cheireddins Truppen eingenommen worden war, zurückzuerobern. 1536 erhielt Cheireddin den Auftrag, die türkische Flotte zu reorganisieren. Er machte die Türkei zu einer gefürchteten Seemacht, die sowohl das Mittelmeer als auch das Rote Meer beherrschte.
Unterdessen bauten die Portugiesen ihre Stützpunkte (Fronteiras) an der Atlantikküste Nordafrikas aus. Die marokkanischen Kaufleute profitierten zwar von diesen Handelsniederlassungen, aber der Großteil der Berberbevölkerung hatte unter den Sklavenjagden der Portugiesen zu leiden. Daher suchte sie den Schutz ihrer religiösen Führer, der Marabuten. Ein lokaler Herrscher, der Scherif von Dar’a, Abu Abdallah Mohammed, bemühte sich, die marokkanischen Berber zum Kampf gegen die Portugiesen zu vereinen. Nach seinem Tod 1516/17 folgten ihm seine Söhne Ahmad al-Arudsch (Ahmad der Krüppel) und Mohammed al-Scheich. Als Mittelmarokko von einer Hungersnot und Seuchen getroffen wurde, organisierten diese ein Hilfsprogramm und sorgten dafür, dass die Lebensmittelpreise stabil blieben. Dadurch gewannen sie viele Anhänger unter den Berbern, auch bei jenen Stämmen, die zuvor auf der Seite der Portugiesen gestanden hatten. 1524 öffneten die Bürger von Marrakesch ihre Tore für Ahmad al-Arudsch und erkannten ihn als ihren Herrscher an. 1537 eroberte Ahmad al-Arudsch das Tafilelt-Gebiet. Damit kontrollierte er den Handelsweg, über den das Gold aus den Minen Westafrikas nach Nordafrika gelangte. Vergeblich versuchte er dann die Salzminen von Taghaza, die von den Songhai-Königen im westafrikanischen Gao kontrolliert wurden, zu erobern. 1539/40 wurde Ahmad al-Arudsch von seinem Bruder Mohammed al-Scheich gestürzt. 1541 vertrieb dieser die Portugiesen aus Agadir und anschließend auch aus ihren Festungen in Safi und Azemmour. Nach seinen Siegen über die Portugiesen wandte sich Mohammed al-Scheich nun gegen die Wattasiden. 1550 nahm er ihre Hauptstadt Fès ein. Dann geriet er jedoch in einen Konflikt mit den Osmanen, die sich auf die Seite der Wattasiden stellten und ihn wieder aus Fès vertrieben. Unter hohen Opfern eroberte er die Stadt 1554 zum zweiten Mal.
Bezeichnend für die Parteibildung in Nordwestafrika war der Einfluss der mystischen Bruderschaften. Die Anhänger der Scherifen aus dem südlichen Marokko, aber auch viele ihrer Sympathisanten im Norden des Landes, gehörten zur Bruderschaft der Schadhiliya, während die Wattasiden, ebenso wie der osmanische Sultan und ein großer Teil der Bevölkerung in Algerien, der Bruderschaft der Qadiriya angehörten. Die religiösen Führer der Bruderschaften, die Marabuten, hatten einen großen Einfluss auf das Volk und die politischen Führer, die in der Tat von ihrer Unterstützung abhängig waren. So verlor Mohammed al-Scheich die Sympathien der Marabuten, als er begann, von ihnen Steuern einzutreiben. 1557 wurde er ermordet. Sein Sohn und Nachfolger Abdallah al-Ghalib (1557-1574) beeilte sich, die Unterstützung der Marabuten wiederzuerlangen, während er seine Brüder, in denen er eine Bedrohung seiner Macht sah, aus dem Lande vertrieb.
Nach seinem Tod meldeten sich die vertriebenen Brüder Abdalmalik und Ahmad wieder auf der politischen Bühne und machten dem Sohn Abdallah al-Ghalibs, al-Mutawakkil, den Thron streitig. Die Osmanen stellten sich auf die Seite Abdalmaliks und vertrieben al-Mutawakkil. Dieser suchte nun die Hilfe des portugiesischen Königs Sebastian. Mit einem Expeditionsheer von 20 000 Mann zogen Sebastian und al-Mutawakkil nach Marokko. Bei Ksar el Kebir erlitt dieses Heer 1578 eine vernichtende Niederlage gegen die Truppen Abdalmaliks. In der so genannten „Dreikönigsschlacht” kamen alle drei Herrscher um (Abdalmalik durch Krankheit). Der „lachende Vierte” war letztlich Ahmad, der später den Beinamen al-Mansur (der Siegreiche) erhielt.
Al-Mansur bemühte sich um eine Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches nach Süden. 1591 eroberte er das Reich der Songhai am mittleren Niger. Zu Beginn seiner Herrschaft hatte al-Mansur freundschaftliche Beziehungen zu diesem Reich gepflegt. Aber nach dem Tod des Königs Askia Dawud mischte er sich in Streitigkeiten um die Thronfolge ein und schickte ein Expeditionsheer aus 1 000 andalusischen Musketieren, 1 000 Renegaten-Musketieren (christlichen Söldnern, die sich in den Dienst des muslimischen Herrschers gestellt hatten), 500 Sipahis (berittenen Musketieren) und 1 500 Lanzenreitern quer durch die Sahara. Lebensmittel, Wasser und militärische Ausrüstung wurden auf 10 000 Kamelen mitgeführt. Diese Armee wurde außerdem von etwa 1 000 Zivilisten (Handwerkern, Ärzten und Dienern) begleitet. Auf dem fünfmonatigen Zug durch die Wüste kam etwa die Hälfte der Expeditionsteilnehmer um. Dennoch gelang es den Marokkanern dank ihrer Feuerwaffen, die Songhai vernichtend zu schlagen. Timbuktu wurde zur Hauptstadt der neuen marokkanischen Provinz.
In den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts waren den Routen der portugiesischen Entdecker zahllose Händler, Missionare und Kolonisten gefolgt. Anfang des 16. Jahrhunderts kolonisierten sie die Kapverdischen Inseln und São Tomé. Auf diesen Inseln legten sie Zuckerrohrplantagen an. Auf dem afrikanischen Kontinent wurden befestigte Handelsniederlassungen errichtet, von denen aus Gold, Elfenbein und Sklaven gegen europäische Handelswaren getauscht wurden. Mit ihren großen Handelsschiffen engagierten sich die Portugiesen auch im Küstenhandel zwischen verschiedenen Regionen Westafrikas, so etwa im Textil- und Sklavenhandel zwischen Benin und der Goldküste. Aber nur in einem Staat Westafrikas konnten sich die Portugiesen dauerhaft niederlassen. Der König des Bantu-Reichs Kongo, südlich des gleichnamigen Flusses gelegen, schickte eine diplomatische Mission nach Lissabon, die dort um technische Hilfe anfragte. Portugal entsprach dieser Bitte, schickte aber mehr Missionare und Händler als Techniker in das südwestafrikanische Reich. Dort verschleppten sie zahllose Menschen in die Sklaverei. Die Gesellschaft des Kongo hatte ursprünglich keine Sklaverei gekannt, wohl aber eine Klasse rechtloser Untertanen – Fremder, Verbrecher und Personen, die aus irgendeinem Grund von ihrer Familie ausgestoßen worden waren oder ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten. Diese Menschen konnten nun als Handelsware gegen europäische Luxusgüter ausgetauscht werden. Um den wachsenden Bedarf an Sklaven zu decken, unternahm der König verschiedene Kriegszüge in die Nachbarländer. Kongolesische Händler kauften in den Nachbarländern Sklaven auf, die sie dann an die Portugiesen weiterverkauften. Vor allem aus Mpumbu (portugiesisch Pombo) im Süden von Kinshasa wurden viele Sklaven verschleppt. Daher setzte sich im Portugiesischen die Bezeichnung Pombeiros für die Sklavenhändler durch. Zwischen den Sklavenhändlern und dem König gab es ein Abhängigkeitsverhältnis. Während der König den Sklavenhändlern Schutz und Bewegungsfreiheit garantierte und ihnen seine Kriegsgefangenen und Verurteilten auslieferte, verschafften ihm die portugiesischen Händler die Mittel, mit denen er seine Kriegszüge finanzierte. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts formierte sich Widerstand gegen die Politik der Könige des Kongo. Blutige Aufstände brachen sowohl im Kongo als auch in den Nachbarländern aus. Opfer waren vor allem Vertreter der Staatsgewalt und der wirtschaftlichen Elite, also Stammesoberhäupter, Portugiesen, Händler und Pombeiros.
Südlich des Kongo-Reiches lag das Gebiet des Bantu-Volkes der Kimbundu. Dort erlebte in jenem Jahrhundert das Ngola-Reich von Ndongo seinen Aufstieg. Ein Ngola war ein eisernes Objekt, das in einem bestimmten religiösen Ritus Verwendung fand. Der Besitz eines Ngola war dem Fürsten vorbehalten. So wurde das Ngola zum Symbol der königlichen Macht. Davon leiteten die Portugiesen ihre Bezeichnung für das Reich ab und nannten es Angola. Kaufleute aus der portugiesischen Handelsniederlassung Luanda besuchten die Residenz des Königs von Ndongo und waren von der großen Pracht des Hofes beeindruckt. Ein Versuch, Ndongo zu kolonisieren, misslang. Aber an der Küste im Westen des Kimbundu-Gebietes wurde eine kleine Kolonie errichtet. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden von Luanda aus jährlich 10 000 Sklaven nach Übersee verschifft. Die Proteste der Fürsten der Nachbarstaaten richteten nichts gegen diese Praxis aus. Portugal benötigte die Sklaven als Plantagenarbeiter in den amerikanischen Kolonien, aber auch im Mutterland selbst gab es einen Mangel an Arbeitskräften, der durch den Einsatz von Tausenden von Sklaven ausgeglichen wurde. Überdies waren Sklaven eine sehr gefragte Handelsware, die sich sowohl in Afrika selbst als auch in den spanischen Kolonien absetzen ließ.
An der afrikanischen Ostküste traten die Portugiesen in Konkurrenz zu den arabischen Kaufleuten, die den Handel im Indischen Ozean traditionell dominiert hatten. Im Gebiet des heutigen Moçambique eroberten sie die Hafenstadt Sofala und drangen von dort aus in das Hinterland vor. Nordwestlich von Uteve erstreckte sich das Shona-Reich des Monomotapa (Mwene Mutapa) über das Hochland von Simbabwe. Dieser Fürst kontrollierte die Goldgewinnung entlang der Ufer des Sambesi und wachte über die Sicherheit der Handelswege in seinem Reich. Die Portugiesen verstanden es, eine privilegierte Stellung in seinem Reich zu erwerben. So wurde der Sprecher der portugiesischen Kaufleute zum Aufseher über die Marktplätze und Handelswege ernannt. Um ihren Einfluss weiter auszubauen, versuchten die Portugiesen den Monomotapa zum Katholizismus zu bekehren. Dies führte zu Auseinandersetzungen mit den muslimischen Händlern, in deren Folge der Jesuit, der den Monomotapa hatte bekehren sollen, ermordet wurde. Die Portugiesen stellten daraufhin eine Strafexpedition zusammen, die 1571 in das Tal des Sambesi zog und dort alle muslimischen Händler, derer sie habhaft wurde, tötete. Die Stellung der Portugiesen verstärkte sich noch, als der Monomotapa Gatsi Rusere sie 1592 zur Hilfe rief, um eine Invasion des Simba-Volkes zurückzuschlagen. Er erlaubte ihnen sogar, sein Reich mit Feuerwaffen zu betreten. Dies war ihnen unter seinen Vorgängern strengstens untersagt worden. Die Simba wurden vertrieben, und aus Dankbarkeit überließ Gatsi Rusere den Portugiesen die Kontrolle über alle Bodenschätze des Landes.
| 5. | Asien |
| 1. | Indien |
Während das 15. Jahrhundert in Nordindien von andauernden Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Nachfolgestaaten des Sultanats von Delhi geprägt war, stand das 16. Jahrhundert im Zeichen der Einigung des muslimischen Indiens zu einem neuen Großreich, dem Reich der Moguln. Dieses fiel zeitlich mit dem Auftritt einer zweiten Großmacht auf der politischen Bühne des Subkontinents zusammen: Portugal. Die indische Gesellschaft erlebte eine Zeit voller Umbrüche und Spannungen. Während die hinduistische Kastenordnung durch das Aufkommen neuer Berufe immer unübersichtlicher wurde, traten große Teile der städtischen und ländlichen Bevölkerung zum Islam oder zu einer der zahlreichen neu entstandenen Sekten über, um der Ungerechtigkeit und Intoleranz der abstrakten hinduistischen Scholastik zu entkommen. Einer der neuen Propheten war Nanak, ein einfacher Getreidehändler, der einen neuen Glauben predigte, der vom Ideal der Gleichheit gekennzeichnet war. Seine Anhänger bezeichneten sich selbst als Sikhs (Schüler, Jünger). Nach seinem Tod entwickelten sie eine komplexe Religion mit deutlich erkennbaren äußerlichen Verhaltens- und Kleiderregeln. So dürfen männliche Sikhs ihr Haupt- und Barthaar nicht schneiden und müssen einen Kamm, einen eisernen Armreif und einen Dolch tragen.
Aus Afghanistan drang 1526 ein Herrscher nach Indien ein, der das Gesicht des Subkontinents nachhaltig verändern sollte. Sahired-din Mohammed Babur, einer der zahlreichen Nachfahren Timur-i Längs, der von den Usbeken aus seinem Stammland Fergana vertrieben worden war und sich in Kabul niedergelassen hatte, unternahm einen Überraschungsangriff auf das Sultanat Delhi. Er konnte dabei auf die Unterstützung einer Anzahl von Edelleuten rechnen, die sich durch seine Intervention eine größere Unabhängigkeit von dem Herrscher Ibrahim II. aus der Dynastie der Lodi erhofften. Bei Panipat brachte Babur seinem Gegner 1526 eine vernichtende Niederlage bei. Ein Jahr später besiegte er auch ein 100 000 Mann starkes Heer der Rajputen unter der Führung Rana Sangas. Die Rajputen hatten der überlegenen Taktik der mogulischen Kavallerie nichts entgegenzusetzen und mussten sich Babur unterwerfen. Von nun an strebte Babur nach der Kontrolle über ganz Nordindien. Aus den schnellen militärischen Erfolgen der Truppen Baburs ergaben sich allerdings auch Probleme. Einige der Regimenter, mit denen Babur aus Afghanistan gekommen war, kehrten schwer beladen mit Kriegsbeute in ihre Heimat zurück. Die zurückgebliebenen Soldaten erhielten Landschenkungen. Damit aber verteilten sie, nachdem Babur 1530 gestorben war, ihre Loyalitäten auf die verschiedenen Söhne des Herrschers, die sich um die Macht stritten und unterschiedlich hohe Steuern erhoben. In den folgenden Jahren drohten die Erfolge Baburs wieder verloren zu gehen. Das sollte sich erst unter der Herrschaft Akbars, eines Enkels Baburs, ändern, der 1556 als 13-Jähriger den Thron bestieg. Er erkannte, dass er die Kontrolle über Indien nur erhalten konnte, wenn er sowohl die Hindus als auch die Muslime auf seine Seite zöge. Als Erstes versuchte er, den militanten Rajputenadel zu gewinnen. Die Heiratsallianzen, die er schloss, trugen dazu bei, dass seine türkischen Truppen durch lokale Regimenter ergänzt und von erfahrenen Befehlshabern angeführt wurden. Anfang der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts hatte Akbar Gujarat, Rajputana, Bihar und Bengalen vollständig unterworfen. Bald darauf wurden auch die Provinzen Sind, Kaschmir, Belutschistan, Orissa und Ahmadnagar dem Reich einverleibt. Durch eine Reihe militärischer Siege, eine aufgeklärte Politik, eine geschickte Bündnispolitik, den Aufbau einer effizienten Verwaltung, die Förderung des Handels und die Einrichtung von staatlichen Manufakturen gelang es Akbar, ein wohlhabendes und gut organisiertes Reich zu errichten, das im Süden bis über den Godavari-Strom reichte. Eine weitere Expansion nach Süden glückte vorerst jedoch nicht.
Die beiden großen Reiche, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Südindien und den Dekkan beherrscht hatten, Vijayanagar und Brahmani, hatten den Höhepunkt ihrer Macht bereits überschritten. Vijayanagar, die Hauptstadt des gleichnamigen Hindu-Reichs, das Anfang des Jahrhunderts mit Unterstützung praktisch das gesamte Gebiet südlich des Krishna-Flusses unter seine Kontrolle gebracht hatte, wurde 1565 bei einem gemeinsamen Überfall der Anrainerstaaten im Dekkan dem Erdboden gleichgemacht. Im Dekkan war das Königreich Brahmani gegen Ende des 15. Jahrhunderts in eine Anzahl kleinerer Staaten auseinandergefallen. Zu diesen gehörten Bidar, Berar, Ahmadnagar, Golconda und Bijapur. Vor allem Bijapur versuchte immer wieder, die von den Portugiesen besetzte Hafenstadt Goa zurückzuerobern, scheiterte aber jedes Mal. Selbst ein Angriff mit einer Armee von 300 000 Mann wurde 1570 von ein paar tausend portugiesischen Garnisonssoldaten zurückgeschlagen. Die Portugiesen bildeten eine ständige Bedrohung für die Küstengebiete von Malabar, Bijapur und Gujarat. Es gelang ihnen allerdings nie, weiter in das Landesinnere vorzudringen. Dennoch beeinträchtigte ihre Kontrolle über die Häfen und ihr Monopol auf den Seehandel die Wirtschaft und das Handwerk auch im Landesinneren in erheblichem Maß. Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Königreiche im Dekkan hatten den Vormarsch der Truppen des Mogulreichs sicher begünstigt.
Das Kommando über seine Armeen überließ Akbar seinen Befehlshabern. Er selber widmete sich lieber der Planung sozialer und administrativer Reformen sowie dem Bau seiner neuen Hauptstadt. Der Platz, an dem diese Stadt entstehen sollte, 20 Kilometer südlich von Agra, hatte eine große symbolische Bedeutung. Hier hatte Akbars Großvater Babur die Rajputen besiegt. Die Stadt sollte daher den Namen Fatehpur Sikri (Stadt des Sieges) erhalten. Als nach knapp 20-jähriger Bauzeit die prächtigen Bauwerke aus rotem Sandstein fertig gestellt waren und Akbar mit seinem ganzen Hofstaat Einzug hielt, stellte es sich heraus, dass es dort nicht genug Wasser gab. Der Hofstaat musste nach Agra zurückkehren und die imposante neue Stadt in der Stille der Wüste zurücklassen.
| 2. | China |
Im Jahr 1500 regierte Kaiser Hung Tsche das Chinesische Reich bereits seit zwölf Jahren. Hung Tsche war einer der letzten Kaiser der seit 1368 herrschenden Ming-Dynastie, der versuchte, der Macht der Eunuchen, die bereits im vorangegangenen Jahrhundert eine ernste Bedrohung der kaiserlichen Autorität dargestellt hatten, zu begegnen und Korruption und Missstände im Reich zu bekämpfen. Sein Nachfolger Tscheng Te, der 1506 den Thron bestieg, war nach Ansicht der Chinesen zu jung, um das Land zu regieren. Berichten zufolge soll er sich öfter als gewöhnlicher Bürger verkleidet auf die Straßen begeben haben, um zu sehen, wie das normale Volk lebte. Er ließ sich allerdings von seinen Eunuchen alle Macht aus den Händen nehmen. Unter seinem Nachfolger Tschia Tsching, der 1522 die Kaiserwürde empfing, geriet das Land in ein gefährliches Fahrwasser. Tschia Tsching beschäftigte sich kaum mit politischen Fragen. Er widmete sich dem Taoismus und ging darin immer mehr auf. Zudem hatte er einen unfähigen Premierminister, Yen Sung, der, sobald er an die Macht gekommen war, alle fähigen und unbestechlichen Beamten ermorden ließ.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geriet China in verschiedene Auseinandersetzungen. 1550 fielen die östlichen Mongolenstämme, gegen die China bereits viele Kriege geführt hatte, in China ein. Sie überwanden die Chinesische Mauer und gelangten bis vor die Tore Pekings. Dabei erhielten sie von chinesischen Verrätern Hilfe. Erst 1570 wurde der Konflikt beigelegt, und die östlichen Mongolenstämme verpflichteten sich wieder zur Zahlung eines jährlichen Tributs.
Um 1550 begannen sich die Überfälle der Piraten an der Küste zu Invasionen auszuweiten. Schon im vorangegangenen Jahrhundert hatten japanische Piraten begonnen, die Küste unsicher zu machen. Inzwischen waren die meisten Piraten aber Chinesen. Von Inseln aus überfielen sie in großer Zahl die südlichen Küstenprovinzen des Reichs, besetzten mehrere Städte in der Provinz Tschekiang und entlang der Ufer des Jangtsekiang. 1555 überfielen die Piraten die Stadt Hangtschou und erreichten sogar Nanjing. Danach wurden die Überfalle der Piraten noch dreister. Auch in der Regierungszeit von Kaiser Lung Tsching, der 1567 den Thron bestieg, blieb die Situation unverändert gefährlich. Sein Nachfolger, Wan Li, wurde 1573 in sein Amt eingeführt; ihn unterstützte sein kompetenter Premierminister Tschang Tschiu-tscheng. Nach dessen Tod 1582 kümmerte sich auch dieser Kaiser immer weniger um die Politik. In seine Regierungszeit fiel noch ein viel schwererer Konflikt mit den Japanern. 1592 unternahm eine japanische Armee einen Überfall auf Korea. Da Korea ein tributpflichtiger Staat war und damit unter das so genannte kaiserliche Patronat des Chinesischen Reiches fiel, musste der Kaiser seine Truppen nach Korea schicken, wo sie in heftige Kämpfe mit den Japanern verwickelt wurden. Der Streit blieb unentschieden, auch als Japan 1597 eine erneute Invasion unternahm. Erst nach dem Tod des japanischen Herrschers Hideyoshi im folgenden Jahr kehrte an dieser Front wieder Ruhe ein.
Nicht nur die Außenpolitik, auch die Innenpolitik war durch Gegensätze bestimmt. Allen voran stand der Gegensatz zwischen den Eunuchen am Hof und den Literatenparteien, die sich der übermächtigen Stellung der ersten Gruppe widersetzten. Die bekannteste dieser Parteien war die Tung-Lin-Partei, die aus der unter der Song-Dynastie gegründeten Tung-Lin-Akademie hervorgegangen war. Die Tung-Lin-Partei führt die chaotischen Zustände im Reich vor allem auf die Philosophie des Wang Yang-ming zurück, die im Land viele Anhänger gewonnen hatte. Wang Yang-ming gründete zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine eigene neokonfuzianistische Schule, die als Schule des Geistes bezeichnet wurde. Er strebte nach der Wahrheit und einer Vereinigung des Wissens und des Handelns durch Selbstdisziplin. Der Neokonfuzianismus Wang Yang-mings war stark von buddhistischen und taoistischen Elementen durchdrungen. Vor allem dagegen wandte sich die Tung-Lin-Partei. Diese Partei vertrat die Ansicht, dass nur der streng orthodoxe Konfuzianismus das Reich noch retten könne.
Das Chinesische Reich hatte unter seinen Problemen schwer zu leiden. Die Kriege in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts leerten die Staatskasse. Schon seit Jahrhunderten kam der Großteil des Steueraufkommens aus der Landwirtschaft. Das System der Steuererhebung war im Lauf der Zeit immer komplizierter geworden und lud geradezu zur Korruption ein. Aus diesem Grund wurde das Steuersystem reformiert. Ziel der Reform war es, die Steuereintreibung zu erleichtern. So mussten die Steuern einheitlich in Silbermünzen bezahlt werden und nicht mehr in Naturalien. Außerdem sollten die eingetriebenen Steuern durch die Hände nur weniger Mittelsmänner laufen. Trotz dieser Reformen blieb das Steueraufkommen zu gering, um die Kosten der vielen Kriege zu decken. Ein Grund dafür war auch, dass es nicht gelang, die Korruption einzudämmen. Ein anderer Wirtschaftszweig, der Handel, blühte aber auf. Der Warenaustausch mit dem Ausland, vor allem nach Übersee, wuchs rasch an. Die Portugiesen waren die ersten Europäer, die anerkannte Handelsposten errichten durften. Ihnen wurde in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Halbinsel von Macao zugesprochen. Von hier aus wurde der Großteil des Fernhandels abgewickelt. Aber nicht nur die Kaufleute, auch Missionare kamen nach Macao, um die Chinesen zu erreichen. Der Jesuit Matteo Ricci war einer der bekanntesten. Um das Vertrauen der Chinesen zu erwerben, erlernte er die chinesische Sprache und vertiefte sich in das Studium des Konfuzianismus.
In der Literatur setzten sich die Entwicklungen des vorangegangenen Jahrhunderts fort. Die Romanliteratur wurde weiterentwickelt. Die bekanntesten zwei Romane des 16. Jahrhunderts sind das Si-yu tyi (Die Reise in den Westen) und das Tyin ping méi. Das Si-yu tyi wurde von Wu Tscheng-en (um 1500 bis ca. 1580) verfasst und handelt von einer Pilgerfahrt nach Indien, die der buddhistische Mönch Siuan-tsang im 7. Jahrhundert unternahm. In dem Roman spielen übernatürliche Ereignisse eine wichtige Rolle. Das Tyin ping méi gilt zwar als pornographischer Roman, aber dieses Werk eines unbekannten Autors gibt auch Aufschluss über das Alltagsleben im China jener Zeit. Siehe auch chinesische Literatur
| 3. | Japan |
Nach den Kriegen gegen die Mongolen zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren viele Krieger verarmt zurückgekehrt. Ohne Beute – es hatte sich schließlich um einen Verteidigungskrieg gehandelt – und wirtschaftlich ruiniert durch die lange Zeit, die sie ohne Bezahlung an der Seite des Kamakuras hatten verbringen müssen, bildeten sie eine unzufriedene und zum Aufstand bereite Gruppe. Die Treue zum Kamakura-Schogunat nahm schnell ab. Diese Situation wurde sowohl von den Kriegern als auch vom Kaiser ausgenutzt. Letzterer versuchte die Kaisermacht in ihrem alten Glanz wiederherzustellen. Unter dem Namen Godaigo sammelte er unzufriedene Krieger um sich und initiierte 1331 einen Aufstand gegen den Kamakura. Der General Ashikaga Takauji, der eigentlich geschickt wurde, den Aufstand niederzuschlagen, schlug sich auf die Seite des abgesetzten Kaisers und entschied damit den weiteren Verlauf des Konflikts. Unterdessen wandte sich ein weiterer General gegen den Kamakura und ließ ihn zusammen mit seiner ganzen Familie umbringen. Nach wenigen Jahren der Restauration der Kaisermacht rebellierte Ashika Takauji gegen Godaigo. Es gelang ihm, den Kaiser zu vertreiben, aber bis zum Ende des 14. Jahrhunderts führten die Nachfahren des Schoguns und des Kaisers einen andauernden Krieg gegeneinander, der schließlich von den Nachfahren Godaigos verloren wurde. Bis 1573 hielt sich das Ashika-Schogunat, das nun seinen Sitz in Kyoto hatte, an der Macht aber diese Schogune verfügten nicht mehr über die Macht, wie einst der Kamakura. Bald wurde offensichtlich, dass die Schogune nicht ganz Japan beherrschten. Die Macht der Zentralregierung wurde immer schwächer, während das Land in Bürgerkriegen versank. Immer wieder wurden Schogune abgesetzt und durch Marionettenherrscher ersetzt. Zwar behielt man einige zentrale administrative und juristische Organe weiterhin bei, aber diese wurden mit Angehörigen der wichtigsten Familien der Militäraristokratie besetzt und waren nun auch nicht mehr so einflussreich wie früher. Die Adelsfamilien bekämpften einander, um sich die höchsten Posten und die besten Landgüter zu sichern. Zwischen 1467 und 1568 kam es ohne Unterlass zu regional begrenzten Kriegen. Dies war eine Zeit vieler kleiner, Krieg führender Staaten. Einigen dieser Adelsfamilien gelang es, ihre Herrschaftsgebiete auszuweiten und die Bevölkerung ihrer Gebiete vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Solche Lehnsherren werden Daimyo genannt. Der Daimyo hatte mehrere Funktionen. Er verwaltete sein Territorium und drückte den Sitten und Gewohnheiten der Bevölkerung seinen Stempel auf. Die Macht und der Reichtum der Daimyo maßen sich an der Größe ihrer Territorien, vor allem aber am Steueraufkommen des Territoriums und der Größe des Heeres. Die Dezentralisierung der militärischen und politischen Macht führte auch zu einer Verteilung der wirtschaftlichen Macht. Da die Daimyo die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Territorien förderten und selbst über die Steuerhöhe entscheiden konnten, blühte die Wirtschaft auf. Durch höher entwickelte Formen der Arbeitsverteilung und der Bewässerung, durch die Urbarmachung von Brachland sowie durch neue Technologien in der Landwirtschaft und im Handwerk erhöhte sich das Einkommen der Daimyo weiter. Gegen willkürliche Steuererhebungen schützten sich die Händler und Handwerker, indem sie sich in Gilden zusammenschlossen. Trotz der Dezentralisierung der Herrschaft blieb Kyoto ein wichtiges Zentrum für das Gewerbe und den Handel. Anfangs zahlten die Gilden noch ihre Steuern an den Hof, aber im Zuge der allgemeinen Machtverschiebung hin zu den Regionalherrschern versuchten die Daimyo die Macht der Gilden zu begrenzen und übertrugen ihre Aufgaben an Kaufleute, die beinahe Beamtenstatus hatten. Da das Recht auf Steuererhebung bei den Daimyo lag, war der Hof von der Großzügigkeit bestimmter Daimyo und Kaufleute vollkommen abhängig; diese machten ihm Geschenke, da er in ihren Augen noch immer ein großes Prestige hatte. Neben den Daimyo verfügten auch die Klöster über große Besitzungen und Privilegien.
Im 15. Jahrhundert hatten sich allmählich Handelsbeziehungen zum Ausland entwickelt. Eine Anzahl von Handelsmissionen war nach China gereist, und in Korea durften die Japaner einige ständige Niederlassungen gründen. Die Entwicklung des Seehandels wurde allerdings durch die Piraterie behindert, die im 16. Jahrhundert ein gewaltiges Problem werden sollte. Die Isolierung Japans wurde auch durch erste Kontakte mit den Portugiesen durchbrochen, die als die ersten Europäer 1543 auf einer Insel vor Kyushu landeten und Handelsbeziehungen zu Japan aufnahmen. Mit den portugiesischen Händlern reisten auch katholische Missionare, die bei vielen Japanern offene Ohren fanden. Einige Daimyo traten zum Christentum über, und gegen Ende des Jahrhunderts waren etwa 300 000 Japaner bekehrt worden. Inzwischen hatten sich in der japanischen Gesellschaft augenfällige Veränderungen vollzogen. Die Krieger oder Samurai verloren ihren Einfluss, unterwarfen sich den Daimyo und ließen sich in ihre Hauptquartiere holen. Die Daimyo versuchten ihre Armeen, die zum Großteil aus Bauern bestanden und meist im Umfeld einer religiösen Sekte entstanden waren, enger an sich zu binden, indem sie die Bauern ihrer direkten Kontrolle unterstellten. Bisher hatten die Bauern noch in Dörfern gelebt, die ein ziemlich großes Maß an Selbständigkeit besaßen und nur geringe Steuern bezahlen mussten.
Die abgegrenzten Territorien der verschiedenen Daimyo bildeten die Ausgangsbasis für einen neuen Anlauf zur Zentralisierung der Macht, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unternommen wurde. Da es in der japanischen Gesellschaft ein starkes Gemeinschaftsgefühl gab, das auf der gemeinsamen Kultur, Sprache und Abstammung gründete, fanden der Daimyo Oda Nobunaga und sein Nachfolger Toyotomi Hideyoshi viel Unterstützung bei der Wiedererrichtung einer wirksamen zentralstaatlichen Macht. Bei ihren militärischen Eroberungen nutzten sie die modernen militärischen Technologien, die von den Portugiesen nach Japan eingeführt worden waren. Nur die Reichsten der Daimyo konnten es sich leisten, ihre Armeen mit Feuerwaffen auszurüsten und große Burgen zu bauen, die zum Ausgangspunkt ihrer Operationen wurden. Diese Burgen wurden nach europäischem Vorbild errichtet, wenn auch ihre Festigkeit manchmal zu wünschen übrig ließ. An ihnen wurden hölzerne Verzierungen angebracht. Oda Nobunagas Aufstieg begann damit, dass er verschiedene Daimyo zu einer Koalition zusammenführte. Als Daimyo eines Territoriums, das im Osten der Hauptstadt lag, nahm er 1568 Kyoto ein. Er begründete dies damit, dass er die Stellung des Schoguns stärken wolle. Tatsächlich stärkte er dadurch nur seine eigene Stellung, und 1573 vertrieb er den Schogun. Damit war die Zeit der Ashikaga-Schogune endgültig zu Ende. In den folgenden Jahren dehnte Oda Nobunaga seine Macht weiter aus. Dabei waren ihm alle politischen Mittel recht. Die Aktivitäten der verschiedenen buddhistischen Sekten versuchte er zu brechen, indem er ihnen ihre weltlichen Güter nahm. Deshalb unterstützte er die Verbreitung des Katholizismus, den er für eine ungefährliche Konkurrenz zum Buddhismus ansah. Allerdings war es ihm noch nicht gelungen, ganz Japan unter seiner Kontrolle zu einigen, als er 1582 von einem seiner Vasallen ermordet wurde. Einer seiner Generäle, Toyotomi Hideyoshi, der sich in der Armee seines Förderers vom einfachen Bauern emporgearbeitet hatte, trat in die Fußstapfen Oda Nobunagas und stellte sich an die Spitze der Koalition der Daimyo. Wie sein Vorgänger nahm auch Toyotomi Hideyoshi nicht den Titel des Schoguns an, aber dank seiner großzügigen Unterstützung des kaiserlichen Hofes wurde ihm der Titel Kampaku zugesprochen, der in der Zeit der Fujiwara den Regenten der erwachsenen Kaiser verliehen wurde. Zur Durchführung seiner Kriegszüge nicht nur in Japan, sondern auch in Korea, erlegte Toyotomi Hideyoshi den Daimyo, die doch offiziell unabhängige Alliierte waren, schwere militärische Verpflichtungen auf. Außerdem zwang er sie, große Projekte seiner zentralen Administration, etwa den Bau von Straßen, Bewässerungssystemen, Festungen und Prestigeobjekten, zu unterstützen. Unter seiner Regierung wurden die Bauern zur Abgabe ihrer Waffen gezwungen und einem zentralen Besteuerungssystem unterstellt. Das gesellschaftliche Leben wurde in eine strenge hierarchische Ordnung gebracht, in der jeder seinen ganz bestimmten Platz hatte. Damit hinderte er vor allem die Angehörigen der Kriegerkaste daran, andere Funktionen auszuüben. Gegen Ende seiner Herrschaft begann er die Christen, denen er schon immer misstraut hatte, systematisch zu verfolgen. Nach seinem Tod 1598 kam es zu Auseinandersetzungen um die Macht, die bis zur Jahrhundertwende noch andauern sollten und aus denen schließlich Tokugawa Ieyasu siegreich hervorging.
| 6. | Amerika |
Auf keinem anderen Kontinent veränderte sich das Leben im Verlauf des 16. Jahrhunderts so grundlegend wie in Amerika. Segelschiffe und Pferde überbrückten Entfernungen, die bisher als unüberwindbar galten. Die Europäer gebrauchten das bei den Indianern noch unbekannte Rad und konnten so schwere Gegenstände unter Einsatz von geringer menschlicher Kraft fortbewegen. Außerdem verfügten die Europäer über Feuerwaffen, mit deren Hilfe sie sich gegen eine gewaltige indianische Übermacht durchsetzen konnten.
| 1. | Die Azteken |
In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts stand das Aztekenreich in Mexiko im Zentrum des Interesses der spanischen Eroberer. Moctezuma II., eigentlich Moctezuma Xocoyotzin, war 1502 zum Aztekenkönig gewählt worden. Zuvor war er Heerführer und Hohepriester gewesen. Die Aztekengesellschaft, ehedem eine relativ demokratische Lebensgemeinschaft von Bauern und Soldaten, hatte inzwischen eine streng hierarchische Struktur ausgebildet. Ganz oben stand die königliche Familie, die mehr und mehr anwuchs. So hatte Moctezuma II. 1 000 Frauen, von denen viele in hohem Ansehen standen. Aus dieser Familie musste zu gegebener Zeit der beste männliche Kandidat für die Königswürde gewählt werden, wobei allein die persönlichen Eigenschaften, Mut und Würdigkeit, berücksichtigt wurden, nicht aber die Reihenfolge der Geburt.
Auch der Adel wurde nicht auf die folgende Generation vererbt, allein die persönlichen Verdienste zählten. Durch Tapferkeit im Kampf konnte jeder junge Mann in den Adelsstand aufsteigen und die damit verbundenen Privilegien – prächtige Häuser, edle Kleidung und Bedienstete – in Anspruch nehmen. In einer Art Klosterschule wurden Jungen und Mädchen zu Priestern ausgebildet. Die Priester überwachten die Einhaltung der Sittengesetze, vermittelten Wissen und beschäftigten sich mit den Wissenschaften und Künsten. Im Allgemeinen führten sie ein einfaches Leben. Nur diejenigen, die in der religiösen Hierarchie an herausragender Stelle standen, konnten sich in gesellschaftlicher Hinsicht mit dem Adel messen. Eine besondere gesellschaftliche Stellung kam den Kaufleuten, den so genannten Pochteca, zu, die ebenso schlau wie mutig sein mussten, um mit ihren Waren quer durch feindliche Gebiete zu reisen. Sie sprachen oft verschiedene Sprachen und wurden auch als Spione eingesetzt. Die Kaufleute gehörten einem bestimmten Clan an, der abgesondert von den anderen lebte und seine eigenen Götter verehrte. Die große Mehrheit der Bevölkerung lebte in Kollektiven, die sich aus mehreren Familien zusammensetzten. Diese Kollektive wurden Calpulli genannt. Sie bewirtschafteten gemeinsam den Boden. Die Menschen, die einem solchen Calpulli angehörten, standen in sozialer Hinsicht über den so genannten Mayeques, freien Tagelöhnern, die oft aus anderen Gebieten stammten und als Menschen ohne Wurzeln und Traditionen galten. Ganz unten standen die Sklaven, Menschen, die zur Tilgung einer Schuld oder wegen einer Straftat ihre Freiheit verloren hatten oder die von ihren Eltern in einer Notsituation verkauft worden waren. Die Sklaven waren aber nicht vollkommen rechtlos. Jeder Sklave konnte den Ehegatten frei wählen und konnte durch Verdienste die Freiheit erlangen oder gar in den Adelsstand treten. Für die Kinder gab es ab dem achten Lebensjahr eine gesetzliche Schulpflicht, wobei sich der Unterricht nach sozialem Rang und Geschlecht unterschied.
Die Gesetze der aztekischen Gesellschaft waren streng und puritanisch. Abweichungen von den Sitten und Normen wurden schwer geahndet. Die vorrangige Tugend war der Gehorsam gegenüber dem Herrscher und den Göttern. Trunkenheit, Ehebruch, Homosexualität, Prostitution und ungebührliche Sprache wurden streng bestraft, die ersten beiden sogar mit dem Tod. Dennoch wurden zu bestimmten Festen berauschende Getränke und halluzinogene Pilze (siehe Peyotl) gereicht. Der Rausch, den diese verursachten, wurde nicht mit dem Alkoholrausch gleichgesetzt. Jeder Mensch war registriert und einer Familie zugeordnet. Die Eltern waren für ihre Kinder verantwortlich, die Oberhäupter der Calpullis für die Familien, und diese standen wiederum unter der Aufsicht der Regierungsstellen. Der König unterstand allein dem Willen der Götter. Dieser göttliche Wille wurde durch Vorzeichen, Prophezeiungen und Naturereignisse ermittelt. Das Gesetz unterschied zwischen den gesellschaftlichen Ständen, so dass sozial höhergestellte Personen strengeren Gesetzen unterworfen waren als die Angehörigen der unteren Schichten. Die Richter an den beiden Gerichtshöfen in Tenochtitlán und Texcoco galten als unparteiisch und genossen hohes Ansehen. Gegen ihre Urteile gab es keine Berufung. Amtsmissbrauch wurde mit dem Tod bestraft. Die Ärzte der Azteken wussten zwar nur wenig über die Ursachen von Krankheiten, galten aber als gute Praktiker, die vielerlei Heilkräuter einsetzten. Daneben führten sie einfache chirurgische Eingriffe und den Aderlass durch.
Die Außenpolitik beschränkte sich im Wesentlichen auf die Kriegsführung und die Erhebung von Tributen, die in Naturalien, Kakao, Baumwolle, Federn, Edelsteinen, Häuten, Kleidern, Sandalen, Silber, Gold, Getreide und anderen Lebensmitteln beglichen wurden. Die unterworfenen Völker konnten ihren eigenen Lebensstil fortführen, solange sie den Sonnengott Huitzilopochtli als ihren obersten Gott anerkannten. Einmal alle 52 Jahre glaubte man, das Ende der Zeit käme. Die Priester und Edlen zogen sich zurück, um abzuwarten, ob es den Göttern behagen werde, die Sterne wieder aufgehen zu lassen, so dass ein neuer Zyklus beginnen konnte. Sobald dies geschehen war, wurde den Göttern ein Menschenopfer dargebracht.
Das Fehlen einer gemeinsamen Sprache, Religion und Kultur sowie die divergierenden Interessen der verschiedenen Völker bildeten allerdings eine Schwachstelle des Reiches. Die Azteken blieben ein Herrschervolk inmitten unzähliger unterworfener Indianerkulturen, die keinen Nutzen aus der Zugehörigkeit zum Reich zogen. So hatten die Azteken auf kaum einem kulturellen Gebiet nennenswerte eigene Leistungen erbracht und lediglich die Errungenschaften der Nachbarvölker übernommen. Nur ihre Skulpturen und ihr Federschmuck waren originell. Die Aztekenmusik kannte Schlag- und Blasinstrumente und wurde im Hofzeremoniell eingesetzt. Die Musiker waren hoch angesehen, gingen sie doch einer gefährlichen Profession nach, denn ernsthafte Fehler im Spiel galten als Beleidigung der Götter und konnten mit dem Tod bestraft werden.
Unerreichbar über allen stand der gefürchtete König Moctezuma, der tragische Herrscher, der unter dem Fluch eines Schicksals stand, das sich bereits in Vorzeichen ankündigte: Häuser, die auf dem Wasser trieben, fremde Zeichen am Himmel, Blitzschläge ohne Donner, ein Komet, der Funken blutete.
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