Millennium: 17. Jahrhundert
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Millennium: 17. Jahrhundert
3. Europa
1. Die deutschen Länder

Kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg lebten in den deutschen Ländern etwa 20 Millionen Menschen. Mitte des 17. Jahrhunderts waren es nur noch 14 Millionen, die übrigen waren durch das Kriegsgeschehen, Hungersnöte und Epidemien umgekommen. Der Schriftsteller Hans Jakob von Grimmelshausen vermittelt in seinem Roman Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch (1669) ein eindringliches Bild des Krieges. Von Grimmelshausen hatte diese schwere Zeit am eigenen Leib erfahren müssen: Er verlor seine Eltern, geriet anschließend in die Gefangenschaft hessischer Soldaten und erlebte sowohl in der kaiserlichen als auch in der schwedischen Armee viele Kriegsabenteuer. Grimmelshausens Schicksal war eher die Regel als eine Ausnahme, denn die ganze Bevölkerung hatte sehr zu leiden.

Hier folgt ein Augenzeugenbericht vom März 1648, dem letzten Kriegsjahr. Man könnte es mit unzähligen anderen Zitaten ergänzen, die doch alle nur dasselbe beinhalten würden: Mord, Plünderung und Armut. Der Abt Maurus Friesenegger vom Benediktinerkloster Andechs in Bayern schreibt in seinem Tagebuch: „Etwa zu dieser Zeit setzte unsere Armee bei Donauwörth über die Donau und schlug zwischen Donau und Lech ihr Lager gegenüber dem Feind auf, der nicht weit entfernt war. Und diese Überfahrt bedeutete die Vernichtung des gesamten bayrischen Bezirks zwischen Lech und Isar. Am 25. März hörten wir bereits, dass das Kloster Indersdorfen sowie die meisten der Burgen und Dörfer in der Umgebung geplündert worden waren. Es mussten dort wahre Barbaren gehaust haben. Mir war bang, von München aus nach Hause zu gehen, und doch entschloss ich mich dazu. Bald schon hörte ich, dass die Freibeuter oder Räuberhorden Herrsching, Frieding und andere Orte in der Nähe von Andechs geplündert hatten und vor allem viele Pferde mitnahmen. Unterwegs begegnete mir nichts als Elend – arme Familien, die ihre kleinen Viehherden mit größter Mühe vor sich hertrieben, ihre Kinder und das spärliche Eigentum auf Wagen und Karren mitschleppten und ihr Heil in einer unsicheren Flucht suchten. Zu Hause traf ich Hunderte von weinenden Flüchtlingen an, gebeugt unter ihrer Armut und umringt von ihren Kindern, Hilfe aus dem Himmel erflehend, da sie diese auf Erden nicht finden konnten. Und all dies hatten unsere eigenen Leute angerichtet, die wir dafür auch noch mit hohem Sold bezahlen mussten! … Nachdem das gesamte umliegende Land durch die Unsrigen bis an die Alpen geplündert und schlimmer als der Feind behandelt worden war, zog sich unsere Armee bei Regensburg wieder über die Donau zurück, und ein jeder, dem bange war, fasste wieder neuen Mut, nach Hause zurückzukehren … Aber die Qualen schienen kein Ende nehmen zu wollen! Manch einer wurde nach seiner Rückkehr zu Hause oder noch unterwegs vollkommen ausgeraubt und bestohlen. Sie kehrten noch ärmer als zuvor in ihr miserables Leben zurück.”

Natürlich zeigten die Schrecken des Krieges noch Nachwirkungen, von denen sich einzelne Regionen jedoch schneller als andere erholten. Im Kurfürstentum Brandenburg-Preußen gelang es z. B. relativ zügig, wieder eine stabile Wirtschaft aufzubauen, wodurch die Einwohner dieses Landes schon bald in ansehnlichem Wohlstand leben konnten.

Besondere Probleme bereitete die Kommunikation zwischen den einzelnen Landesteilen, was allerdings nicht weiter verwunderlich war, wenn man sich die Entfernung vorstellt, die zwischen Ostpreußen und Kleve im Westen zu überwinden war.

Brandenburg entwickelte sich, vor allem nach der Aufnahme von 20 000 französischen Hugenotten im Jahr 1685, zum kulturellen Zentrum des deutschen Nordens. Fürst Friedrich Wilhelm (von Brandenburg) und seine Frau Sophie Charlotte beschäftigten sich intensiv mit der Förderung von Literatur und Wissenschaft. An ihrem Hof hielt sich auch der berühmte Rechtsgelehrte Samuel von Pufendorf auf, der in seiner De jure naturae et gentium libro octo (1672; Acht Bücher von Natur und Völkerrecht) das Naturrecht zum Objekt einer selbständigen Wissenschaft erklärte. Er war lange Zeit als Historiograph und Geheimrat bei Hofe tätig. Das Stadtbild gestaltete sich zunehmend moderner. 1685 entstanden mächtige Befestigungsanlagen, und der Hafen, der nach dem Bau des Friedrich-Wilhelm-Kanals zwischen Oder und Spree entstand, belebte das Alltagsbild. 1696 wurde die Akademie der Künste gegründet.

Halle, die kleine Stadt an der Saale, war zum Ende des Jahrhunderts das Zentrum der deutschen pietistischen Strömung. Dank der Bemühungen des lutheranischen Theologen August Hermann Francke konnte auch hier 1694 eine Universität errichtet werden, die unter der Leitung von Anhängern dieser Frömmigkeitsbewegung stand.

Das südlichste der deutschen Länder, Österreich, überwand die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges ebenso wie Brandenburg-Preußen schneller als die anderen. Nach Beginn der Offensive gegen die Türken dehnte sich das Herrschaftsgebiet in Richtung Osten immer weiter aus, und 1687 wurde Ungarn zur habsburgischen Erbmonarchie erklärt. 1683 noch schien die Hauptstadt Wien kurz vor der Eroberung durch die Osmanen zu stehen (siehe Belagerungen von Wien). Doch unter Führung von Bürgermeister Liebenberg und Graf Starhemberg überstand sie die zwei Monate dauernde Belagerung und erlebte seither eine Periode des Aufschwungs. Sie wuchs über die einengenden Stadtwälle hinaus, und auf Plätzen, wo kurz zuvor die Zelte der türkischen Belagerer standen, entstanden zahlreiche barocke Paläste und Kirchen.

Ein vollkommen anderes Bild hingegen zeigte Buda (siehe Budapest), die ehemalige Hauptstadt Ungarns, die den vielen Angriffen der Habsburger zum Opfer fiel. 1686, nach der Wiedereroberung durch Prinz Eugen von Savoyen, wurde deutlich, dass die Stadt ihre frühere Funktion nicht mehr erfüllen konnte. An die Stelle Budas trat jetzt das näher bei Wien gelegene Preßburg.

Weiter nördlich lag die vierte bedeutende Stadt, in der nun die Habsburger regierten: Prag, das Zentrum Böhmens mit der 1348 gegründeten Karls-Universität. Prag spielte bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle: als Ausgangspunkt von Konflikten, die aber häufig auf friedlichem Wege beigelegt werden konnten.

München, die Hauptstadt des Hauses Wittelsbach in Bayern, erlebte die schlimmste Zeit des Krieges in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts. 1632 besetzten die Schweden die Stadt, und 1634 folgten die Spanier. Durch den Ausbruch der Pest starb ein Großteil der Bevölkerung. Doch wer München danach besuchte, wurde nicht mehr an diese Ereignisse erinnert. Die Stadt bot mit ihren vielen Palästen und Kirchen, die im Renaissance- oder Barockstil errichtet wurden, wieder ein imposantes Bild. Auch in anderen Gegenden Bayerns war die Pracht der Kirchen und Paläste auffallend.

Das Kurfürstentum Sachsen hatte seine Position als bedeutendster protestantischer Staat an Brandenburg-Preußen verloren. Dieser Machtwechsel offenbarte sich in beiden Hauptstädten. Dresden mit seiner berühmten Staatskapelle galt lange Zeit als eine Hochburg der Kultur. Heinrich Schütz, der 1627 die erste deutsche Oper, Daphne, komponierte, arbeitete 55 Jahre als Dirigent dieser Kapelle. Dresden erlitt 1685 durch einen Großbrand erhebliche Zerstörungen. Dennoch kamen kurze Zeit später – Kurfürst Friedrich August war inzwischen König von Polen geworden – Gerüchte auf, die von einem möglichen Wiederaufbau Alt-Dresdens zu einer prunkvollen Residenz kündeten. Die zweitwichtigste Stadt Sachsens war Leipzig, das in seinen Mauern die wohl beste Universität des Reiches, spezialisiert auf Literaturwissenschaft und schöne Künste, beherbergte. Die Zentrumsfunktion Leipzigs innerhalb des deutschen Buchhandels steigerte den kulturellen Wert dieser Stadt noch.

Hannover war mittlerweile ein Kurfürstentum. In der gleichnamigen Hauptstadt lebte seit 1676 Gottfried Wilhelm Leibniz, der größte deutsche Universalgelehrte. Er stand als Bibliothekar und Historiker in den Diensten von Ernst August und unterhielt von Hannover aus einen Briefwechsel mit Hunderten von Gelehrten in ganz Europa.

Im Gegensatz zu vielen deutschen Handelsstädten, die durch die holländische Konkurrenz und die Kriegsverwüstungen keinerlei wirtschaftliche Bedeutung mehr besaßen, konnten die Hansestädte Hamburg, Lübeck und Danzig ihre Vormachtstellung im Ostseehandel auch weiterhin behaupten. Die freie Reichsstadt Hamburg entwickelte sich zu einem Zentrum für den Handel mit Leinen, Lübeck spezialisierte sich auf Leder, und das weiter östlich gelegene Danzig war der wichtigste Getreideumschlaghafen Europas. Der Wohlstand dieser Hansestädte spiegelte sich in den Patrizierhäusern wider, die den städtischen Plätzen einen vornehmen Charakter verliehen.

Hier wurden nur einige der unzähligen Fürstentümer, Fürstbistümer und freien Reichsstädte genannt. Die meisten anderen waren im Hinblick auf das internationale Geschehen völlig unbedeutend. Offiziell gehörten sie zwar noch der Reichseinheit an, die aber kaum mehr als real existierend wahrgenommen wurde.

In vielen Bereichen ließ sich ein Großteil der Bevölkerung vom Aberglauben leiten, was z. B. in der noch immer weiten Verbreitung des Hexenglaubens zum Ausdruck kam. Vor allem in Frankreich machte man sich über die deutsche Gutgläubigkeit oft lustig. Die Werke der deutschen Wissenschaft galt unter Spöttern häufig als langweilig und wenig originell, weil sie angeblich nur das Wissen anderer zusammentrug. Aber: Der Ruhm vieler deutscher Gelehrter und Künstler dieses Jahrhunderts drang bis ins Ausland. Namen wie Leibniz, Pufendorf, Heinrich Schütz und Johannes Kepler waren ein Begriff. Das Werk des Theologen Gottfried Arnold spiegelte den christlichen Einheitsgedanken, der zunehmend an Einfluss gewann, wider: Unpartheiische Kirchen- und Ketzerhistorie (1699).

2. Schweden

Obwohl das Königreich Schweden nicht mehr als eine Million Einwohner zählte, entwickelte es sich im 17. Jahrhundert zu einem gewaltigen Reich. Gustav II. Adolf schuf hierfür während des Dreißigjährigen Krieges die Grundlage, als seine Armeen in den deutschen Ländern große Siege für Schweden errangen. Die Früchte dieser Arbeit erntete dann Axel Oxenstierna, der große Staatsmann, der hinter Königin Christine stand. Rund um die Ostsee gelang es eigentlich nur Dänemark und einigen Gebieten Brandenburg-Preußens, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Unter dem neuen Königshaus Pfalz-Zweibrücken, das ab 1654 regierte, schien die ehemalige Macht des Reiches jedoch zu schwinden. Nur durch intensive Hilfe seitens Frankreichs konnte die Position wieder einigermaßen stabilisiert werden.

Zahlreiche Künstler und Meister aus dem Ausland lebten im 17. Jahrhundert in Schweden. So gaben z. B. in der Hauptstadt Stockholm französische und italienische Musiker den Ton an. Die erste große Komposition, der ein schwedischer Text zugrunde lag, das Vater Unser (Fadher wár), soll auf den von Königin Christine engagierten Italiener Albrici zurückgehen. Die Bildhauerarbeiten für den Hof wurden fast ausschließlich von niederländischen und französischen Meistern geschaffen. Gleiches galt für andere Bereiche der bildenden Kunst. Im Gegensatz dazu stand das Gebiet der Literatur. Hier ist beispielsweise Georg Stiernhielm zu nennen, dem es in seinen Werken gelang, die Möglichkeiten seiner eigenen Muttersprache kunstvoll umzusetzen. Siehe auch schwedische Literatur

Stockholm umgab eine internationale Atmosphäre, die nun auch mit dem neuen königlichen Palast im italienischen Barockstil zum Ausdruck gebracht werden sollte. Stockholm entwickelte sich unter den Wasa zu einer bedeutenden Stadt. Uppsala hingegen konnte dies bereits im 15. Jahrhundert von sich behaupten, als hier die erste Universität des Landes gegründet wurde. Seit 1669 steht in dieser Universitätsbibliothek der berühmte Codex Argenteus, eine um 500 entstandene Handschrift, die die Evangelien aus Ulfilas gotischer Bibelübersetzung enthält. Auch in Lund, das in diesem Jahrhundert aus dänischem in schwedischen Hoheitsbesitz überging, wurde 1688 eine Universität gegründet. Früher war dies einmal die größte Stadt Skandinaviens und Sitz der dänischen Erzbischöfe. Die Pracht des alten Lund konnte man gegen Ende des Jahrhunderts jedoch nur noch erahnen. Die Stadt wurde während des 1. Nordischen Krieges größtenteils verwüstet.

3. Polen

Für die große Adelsrepublik Polen war das 17. Jahrhundert vorwiegend eine Epoche des Niedergangs. Eine wirkliche Einheit war in diesem Gebiet niemals zustande gekommen. Hier lebten neben Polen auch Deutsche, Weißrussen, Juden, Ukrainer und Litauer. Der mächtige Landadel, die Schlachta, lehnte sich gegen alle Initiativen für eine Konsolidierung auf. Sowohl die Bemühungen um eine absolutistische Zentralisierung als auch die Schaffung einer effektiven parlamentarischen Regierung wurden abgelehnt.

Ständig wurden die Grenzen enger gezogen. 1629 ging Livland verloren, 1660 Ostpreußen, und 1667 eroberten die Russen Smolensk und Kiew. Ab und an tauchten bereits Gerüchte über eine Teilung Polens auf, die jedoch kurzfristig nicht zu realisieren war. In den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts erlebte das Land unter Johann Sobieski einen Aufschwung. Die Ursachen hierfür lagen vor allem in seinen Erfolgen gegen die Türken (siehe Polnisch-Türkische Kriege). Aber nach dem Tod des Königs (1696) versank das Land erneut im Chaos, zumal die Thronfolge nicht geregelt war.

Ursprünglicher Krönungsort der polnischen Monarchen war Krakau, kulturelles Zentrum, frühere Hauptstadt des Landes mit Polens erster Universität (1364 gegründet, siehe Kasimir III., der Große). 1596 verlegte der polnische Königshof seinen Sitz nach Warschau. Während des Schwedisch-Polnischen Krieges war die Stadt zeitweilig von den Truppen Karls X. Gustav besetzt (siehe Nordische Kriege).

Obwohl Polen hauptsächlich eine katholische Nation war, gehörten sowohl der Schlachta als auch den Kaufleuten viele Protestanten an, darunter sowohl Lutheraner als auch Calvinisten. Lange Zeit herrschte im Land Religionsfreiheit, die seit Mitte des Jahrhunderts aber zunehmend eingeschränkt wurde. Während die Mehrheit der Protestanten der Aristokratie angehörte, kam daneben zeitweilig eine Gruppe auf, die eine ganz andere soziale Zusammensetzung aufwies und demokratisch gesinnt war: die Sozinianer, die von den höheren Ständen mit Herablassung behandelt wurden. Bereits 1567, zwei Jahre vor Gründung der religiösen Hauptstadt Rakow, schrieb eine angesehene Persönlichkeit: „Sie sprechen den Magistraten jegliche Macht ab, verherrlichen die christliche Freiheit und führen die Gütergemeinschaft ein. Desgleichen schaffen sie jeden Klassenunterschied in Kirche und Staat ab, bis dass es keinen Unterschied mehr geben wird zwischen König und Volk, Regierenden und Untertanen, Edlen und einfachen Menschen.”

Das Glaubensbekenntnis der Sozinianer entstand 1605, inspiriert von den Lehrsätzen Fausto Sozzinis, der das friedliche Miteinander predigte. Die Behörden zeigten sich Jahre später den toleranten Argumenten dieses Rakower Katechismus gegenüber unempfänglich: 1638 vernichtete man die Hochburg der Sozinianer, und 20 Jahre später wurde die Sekte aus Polen verbannt. Auch nach diesen Ereignissen, in der Verbannung, änderte sich nichts an den Auffassungen der Sozinianer. Das Vorwort ihres Glaubensbekenntnisses (Ausgabe 1665) enthält folgende Passage: „Mit diesem Katechismus wollen wir niemandem irgendeine Pflicht auferlegen. Indem wir unsere Meinung zum Ausdruck bringen, unterdrücken wir niemanden. Lasst jedem die Freiheit, sein Urteil zu religiösen Angelegenheiten in Worte zu fassen, unter der Bedingung, dass auch uns zugestanden wird, unsere Meinung über göttliche Sachen ohne Verletzung oder Beleidigung auszusprechen … Was uns betrifft, so sind wir alle Brüder, und keine Macht oder Obrigkeit ist uns gegeben über das Gewissen der anderen.”

4. Russland

Jahrhundertelang blieb Russland von den Entwicklungen im übrigen Europa weitgehend unberührt, und die mongolischen Invasionen verliehen dem gesellschaftlichen Zusammenleben eine stark asiatische Prägung. Der Handelsverkehr mit dem Westen war mühselig, da es an eisfreien Häfen mangelte. Noch weit bis in dieses Jahrhundert hinein mussten die Frauen Schleier tragen, wurden Verunstaltete zum Vergnügen von Jung und Alt öffentlich vorgeführt und herrschte der Aberglaube in allen Klassen. Das Hoheitsgebiet der Zaren war vor allem in östlicher Richtung stark vergrößert worden. Besonders die Kosaken erwiesen sich bei der Erschließung Sibiriens von unschätzbarem Wert. Während man sich im übrigen Europa kaum ihrer Leistungen bewusst wurde, erreichten sie sogar die Halbinsel Kamtschatka im Osten des asiatischen Kontinents. Die Bevölkerung des Mutterlandes dagegen litt unter der zunehmenden Unterdrückung. Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Ländern, in denen der Leibeigene an den Grund und Boden, auf dem er arbeitete, gebunden war, konnten hier die Leibeigenen nach 1675 auch ohne Land verkauft werden. Einige Jahre zuvor eskalierte diese Knechtung 1667 in einem Aufstand, der sich rasend schnell ausweitete. Unter der Führung von Stenka Razin zogen Kosaken, geflüchtete Leibeigene und Abenteurer mehrere Jahre lang mordend, plündernd und brandschatzend durch das Land.

Vier Jahre nach Beginn des Aufstands geriet Razin in Gefangenschaft und wurde auf barbarische Weise zu Tode gefoltert. Doch die Erinnerung an diesen Rebellen lebt bis heute in der Bevölkerung. Russland wurde vom Hause Romanow regiert, das nach mehreren Jahren ständiger Unruhen 1613 an die Macht kam. Vor allem Peter der Große, der 1682 die Regierungsgeschäfte übernahm, drückte der Entwicklung des Landes seinen persönlichen Stempel auf. Das Ende des Jahrhunderts war von seinen leidenschaftlichen Bemühungen gekennzeichnet, den Staat in eine westliche Gesellschaft umzuwandeln. Moskau, das schon bald seine Stellung als Hauptstadt an das weiter westlich im Entstehen begriffene Sankt Petersburg verlieren sollte, unterschied sich in seinem Stadtbild grundlegend von westlichen Städten. Die Häuser waren fast alle aus Holz – wie in ganz Russland – und damit äußerst brandgefährdet. Das Erdgeschoss wurde in der Regel als Lagerraum genutzt, und man wohnte im ersten Stockwerk. Der Kreml, das Regierungszentrum, war ein steinerner Gebäudekomplex, der verschiedene Baustile aufwies und immer weiter ausgebaut wurde. Im „Deutschen Viertel” der Hauptstadt wohnten zu dieser Zeit Handelsleute aus den verschiedensten Ländern, eine positive Folge für die von Zar Peter bereits teilweise durchgesetzte Öffnung nach Westen.

Der Kirchenbau nahm eine sehr einseitige Entwicklung. Auf Befehl des Patriarchen Nikon durften ausschließlich Kuppelkirchen errichtet werden. Moskau war seit 1589 der Sitz des russisch-orthodoxen Patriarchen. Mitte des Jahrhunderts ergriff Nikon Maßnahmen, die auf eine tief greifende Veränderung der Riten abzielten, was heftige Proteste bei den Raskolniki – den Altgläubigen, wie sie sich selbst nannten – hervorrief. Zahlreiche Gruppen, oft unter der Führung fanatischer Köpfe, setzten sich gegen diese Reformen zur Wehr, die aber mit Unterstützung des Zaren letztendlich doch durchgeführt werden sollten. Eine bedeutende Persönlichkeit innerhalb dieser Protestbewegung war Erzpriester Petrowitsch Awwakom, den man 1682 auf Befehl der Regierung zunächst verbannte und am 14. April 1682 auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Aber damit fand der gewaltlose Kampf der Raskolniki gegen den Staat, in dem sie das Reich des Antichristen sahen, keineswegs ein Ende. Eingesperrt in einer Höhle, schrieb dieser Awwakom während seiner Verbannung in Poestozersk eine Autobiographie – die erste in der russischen Literatur –, die in handschriftlicher Form unter seinen Anhängern verbreitet wurde. Siehe auch russische Literatur

5. Das Osmanische Reich in Europa

Im 17. Jahrhundert verloren die Osmanen nach und nach ihre Besitzungen in Europa. Mit den gegen Ende des Jahrhunderts (1699) geschlossenen Friedensverträgen von Karlowitz mussten die Türken fast ganz Ungarn, einen großen Teil Siebenbürgens sowie Morea und Podolien abtreten (siehe Türkenkriege).

In den Jahren 1656 sah es so aus, als ob dem schleichenden Reichsverfall Einhalt geboten werden könnte, als die Großwesire der Köprülü-Dynastie die westlichen und nördlichen Grenzen energisch sicherten (siehe Osmanisches Reich). Doch es war nur ein kurzes Wiederaufflackern der alten Macht. Die Niederlage in der Schlacht am Kahlenberg vor den Toren Wiens (1683) markierte den Beginn des Rückzugs der Türken vom Balkan. Während ihrer Fremdherrschaft scheiterten die Osmanen in ihren Bemühungen, die Balkanländer zu islamisieren. Nur in Albanien und Bosnien wurden fast der gesamte Adel und ein Teil der Bevölkerung Muslime. In einigen Gebieten, in denen die Gouverneure die Bevölkerung gnadenlos ausbeuteten, kam es zu Aufständen. Aber im Allgemeinen war man mit der relativ toleranten Regierung zufrieden. Den Christen ging es in diesem Reich besser als den Muslimen in einem christlichen Land wie Spanien.

6. Spanien und Portugal

Spanien war gegen Ende des 17. Jahrhunderts bei weitem nicht mehr die bedeutendste europäische Großmacht. Die Ursachen für diesen Machtverlust waren nicht nur auf die Niederlagen im Achtzigjährigen Krieg (siehe Niederländischer Freiheitskampf) und in den Konflikten mit Frankreich zurückzuführen. Auch in Bezug auf die inländische Situation spielten desintegrierende Faktoren eine Rolle. Das Land lebte sozusagen von der Hand in den Mund und stützte sich vor allem auf seine Einnahmen aus den Gebieten in Übersee. Entvölkerung und Inflation hielten die Produktivität niedrig. Die Gegenreformation erstickte alle Erneuerungsbestrebungen im Keim. Oft waren die fähigsten Männer gezwungen, das Land zu verlassen. Der Fanatismus der in Spanien herrschenden Religion äußerte sich auch in diesem Jahrhundert wieder überdeutlich im Umgang mit den Morisken, jenen Mauren, die nach Abschluss der Reconquista in Spanien verblieben und zum Christentum übergetreten waren – die meisten unter Zwang.

Im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts begannen die unnachgiebigen Katholiken die Morisken (spanisch Moriscos) zu beschuldigen, mit den barbarischen Seeräubern zu sympathisieren und muslimische Riten weiterhin zu pflegen. Am 22. September 1609 beschloss man per Edikt ihre Verbannung. Ohne jeglichen Prozess wurde diese Bevölkerungsgruppe, darunter viele fähige Handwerker, auf Booten aus dem Land gebracht. In dem Jahr, in dem diese Verordnung verabschiedet wurde, vertrieb man allein aus Valencia 150 000 Morisken, im darauf folgenden waren es 64 000 Menschen aus Aragonien. Dies alles geschah mit erschreckender Härte. Nicht nur die Verbannungen und Kriege, sondern vor allem die großen Epidemien um 1600 und 1650 reduzierten die spanische Bevölkerung in diesem Jahrhundert um ein Viertel.

Der spanische Hof residierte seit 1561 in Madrid, das seither zu einer beeindruckenden Stadt heranwuchs. Auffällig waren vor allem die vielen neuen Klöster, Hochburgen der Gegenreformation, wie z. B. das 1616 vollendete Encarnación. Dass durch den Einbruch der spanischen Wirtschaft das kulturelle Leben nicht unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen wurde, zeigte sich in Madrid am deutlichsten. Hier lebten zu Beginn des Jahrhunderts zwei große Schriftsteller: Miguel de Cervantes und Lope de Vega. Der Maler Diego Velázquez schuf in Madrid eine Vielzahl von Bildern, die das Leben der königlichen Familie wiedergaben. Wesentlich bescheideneren Erfolg hatte der Hofmaler Francisco de Zurbarán, der sich mehr zum damaligen spanischen Klosterleben, zur Thematik der Askese und Mystik, hingezogen fühlte. Seine besten Werke befinden sich in Sevilla, wo er einige Jahre als Stadtmaler tätig war. Siehe auch spanische Literatur; spanische Kunst und Architektur

Sevilla, die Hauptstadt Andalusiens, war das Zentrum des Amerikahandels und Sitz des Direktorats der Schifffahrt. Aus den Bildern des Malers Murillo, dem beliebtesten Sohn Sevillas, spricht die Liebe zum einfachen Volk seiner Geburtsstadt. Ein weiterer berühmter Name ist El Greco. Cádiz entwickelte sich neben Sevilla zum bedeutendsten Hafen Spaniens, vor allem, seitdem hier die für die Wirtschaft so wichtigen Silbertransporte aus Amerika ankamen. Doch die Stadt musste für ihren Aufschwung auch einen hohen Preis bezahlen: Sie wurde zur Zielscheibe von Plünderungen seitens der Engländer und Holländer.

Nach erfolglosen Aufständen 1634 und 1637 gelang es portugiesischen Verschwörern mit der Unterstützung Frankreichs, 1640 die Unabhängigkeit für ihr Königreich zu erzielen. Johann IV. wurde zum ersten König des Hauses Braganza gewählt.

7. Italien

Der überwiegende Teil Italiens unterstand dem Papst, der Rest setzte sich aus kleinen autonomen Staaten zusammen oder wurde von ausländischen Mächten beherrscht. Die Kultur, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts volle Blüte erreichte, konnte sich im 17. Jahrhundert dem Einfluss der Gegenreformation nicht mehr entziehen. Der italienische Handel litt unter der zunehmenden Dominanz westeuropäischer Handelsaktivitäten und unter dem Einbruch der spanischen Wirtschaft. Ein Großteil der Bevölkerung lebte in Armut.

Als Folge der Gegenreformation erhob sich Rom zu einem bedeutenden Zentrum Europas. Hier entstanden im 17. Jahrhundert zahlreiche barocke Bauwerke. Die Stadt besaß unzählige Springbrunnen, die nicht nur dekorativ waren, sondern auch zur Trinkwasserversorgung dienten. Ein besonderes Beispiel ist die Fontana dei quattro Fiumi auf der Piazza Navona. In großen Parks lagen innerhalb hoher Mauern moderne Patriziervillen, in denen hoch gestellte Familien ein Leben führten, das vielen Europäern als nachahmenswert erschien. Für viele Maler und Künstler war Rom der Ort, an dem man die zu damaliger Zeit beste Ausbildung erhalten konnte. Zu Hunderten zogen sie aus allen Teilen Europas in die Ewige Stadt, in der viele Lehrmeister bereit waren, ihr Wissen weiterzugeben.

1633 musste sich Galileo Galilei in Rom vor einem Gericht der Inquisition verantworten. Das Heilige Offizium veranlasste diesen Schritt gegen ihn, weil er in seinem Buch Dialogo sopra i due massimi sistemi (Dialog über die zwei hauptsächlichsten Weltsysteme, 1632 veröffentlicht) die kopernikanische Theorie (heliozentrisches Weltbild) diskutierte. Galilei wurde dazu verurteilt, öffentlich seiner „Verfehlung” abzuschwören. 1638, vier Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte er mit Discorsi e dimonstrazioni matematiche ein Werk über die Grundlagen der Mechanik, das nachfolgenden Naturforschern, wie z. B. Isaac Newton, wichtige Impulse für ihre Arbeit gab.

Die Lagunenstadt Venedig bildete seit dem 9. Jahrhundert das Zentrum eines Staates, der auf dem Höhepunkt seiner Macht den gesamten Mittelmeerraum beeinflusste und in dieser Region über unzählige Besitzungen verfügte. Ab dem 15. Jahrhundert nahmen Macht und Umfang dieses Handelsstaates allmählich ab. Doch trotz des Verlustes eines so bedeutenden Stützpunktes wie Kreta sicherte der um die Jahrhundertwende geschlossene Frieden von Karlowitz (1699) den Venezianern eine vermutlich lang anhaltende Friedensperiode. Siehe auch Venezianisch-Türkische Kriege

Seit 1623 war Venedig der Mittelpunkt europäischer Opernaufführungen. In diesem Jahr trat Claudio Monteverdi, damals bereits ein gefeierter Opernkomponist, als Chormeister in den Dienst von San Marco. Bereits 1607 fand in Mantua die Uraufführung seiner Oper Orfeo statt. Besonders auffallend an diesem Werk sind die starken Orchesterpartien und das melodische Rezitativ. Monteverdi machte schon vor Orfeo durch seine harmonischen, oft gewagten Madrigale von sich reden. 1637 brach mit der Eröffnung des ersten öffentlichen Opernhauses die wirkliche Blützezeit der venezianischen Musikgeschichte an. 1642 fand hier die Uraufführung von Monteverdis letztem Meisterwerk L’incoronazione di Poppea (Die Krönung der Poppea) statt. Der Komponist verstarb im Jahr 1643. Gegen Ende des Jahrhunderts besaß die Stadt nicht weniger als 17 Opernhäuser. So kam man abends manchmal in den Genuss einer Kostprobe aus vier verschiedenen Aufführungen. Die Opern selbst gelangten aufgrund der unvorstellbaren Pracht der Kulissen und einer genialen Bühnentechnik zu unsterblichem Ruhm. Einfach alles wurde hier vollkommen realistisch dargeboten: Seeschlachten, großartige Landschaften und eindrucksvolle Stadtbilder. Von 1637 bis zur Jahrhundertwende wurden hier insgesamt 388 Opern produziert, an denen natürlich nicht nur Monteverdi, sondern auch andere Meister wie Francesco Cavalli und Antonio Cesti mitwirkten. Siehe auch Oper: Ursprünge der Oper in Italien

8. Frankreich

Noch nie besaß Frankreich so viel Macht und Ansehen wie gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die 21 Millionen Einwohner genossen einen hohen Lebensstandard. Die Kultur nahm eine beispiellose Entwicklung innerhalb Europas, und der Außenhandel florierte. Die Residenz König Ludwigs XIV., der den Staat mit seiner eigenen Person gleichsetzte, war das Prachtschloss Versailles. Obwohl Frankreich in diesem Jahrhundert seine Grenzen nach Osten erweiterte und zur wichtigsten Großmacht wurde, schienen die internen Entwicklungen, die von großem Einfluss auf das übrige Europa waren, noch mehr Bedeutung zu haben. Die Entfaltung der absolutistischen Monarchie, die Kardinal Richelieu (1585-1642) vorbereitete, wurde unter Kardinal Mazarin (1602-1661), der die Regierungsgeschäfte führte, solange Ludwig XIV. noch nicht volljährig war, noch weiter beschleunigt. Um der Zentralisierung der Macht entgegenzuwirken, bildeten Adel und Parlament eine Oppositionsbewegung, die Fronde. In den Jahren von 1648 bis 1653 kam es zu mehreren Aufständen. Nach deren blutiger Niederschlagung wurde für die Machthaber offensichtlich, dass die Bevölkerung nach einer starken Regierung verlangte. Die staatlichen Institutionen mussten erweitert und die Armee umstrukturiert werden. Doch dafür benötigte man eine gesunde, leistungsfähige Wirtschaft. Die erforderlichen Maßnahmen legte Minister Colbert fest, der anfangs einen großen Einfluss auf den König ausübte, in den letzten Jahren seines Lebens seine Machtposition aber an den Kriegsminister Louvois verlor. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere (1661-1672) belebte Colbert die Wirtschaft Frankreichs, indem er den Handel und die Industrie von staatlicher Seite unterstützen und kontrollieren ließ. Auf diese Weise gelang ihm schließlich die Sanierung des Finanzhaushalts Frankreichs.

Auch auf kirchlichem Gebiet zeichneten sich zentralistische Tendenzen ab. Auf dem nationalen Konzil von Paris bekräftigte man 1682 das gallikanische Gedankengut Bischofs Bossuets, was zugleich eine Verringerung der päpstlichen Macht über die französische Kirche bedeutete. Seinen Höhepunkt fand das Streben nach nationaler Glaubenseinheit jedoch in den Versuchen zur Bekehrung der Protestanten, die mit der Flucht einer halben Million Hugenotten ins Ausland endeten. Unter den Vertriebenen befanden sich auffallend viele Kaufleute und Industrielle, wodurch die französische Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Flüchtlinge fanden hauptsächlich in Brandenburg und in der Niederländischen Republik Zuflucht. Der Widerruf des Edikts von Nantes 1685, in dem 1598 den französischen Calvinisten die Sicherung bestimmter Privilegien zugesagt worden war, bildete den offiziellen Höhepunkt der Hugenottenverfolgung. Südlich von Nantes liegt La Rochelle, die letzte Zufluchtsstätte der Hugenotten. Diese Pfandstadt wurde 1628 auf Befehl Richelieus nach einer lang anhaltenden Belagerung, die fast 22 000 der 27 000 Menschen das Leben kostete, erobert.

Zu den vielen Städten, die ihre Privilegien wieder verloren, gehörte auch Marseille, der bedeutendste Hafen Frankreichs, der durch die engen Handelsbeziehungen zu Spanien besonders florierte. Die Stadt wurde in diesem Jahrhundert mit zwei großen Festungen verstärkt, die sich über dem Hafen erheben. 1681 nahmen die Truppen Ludwigs XIV. Straßburg ein. Die Zugehörigkeit des kulturellen Zentrums des Elsass wurde 1697 im Frieden von Rijswijk bestätigt.

Südwestlich von Versailles befindet sich das Zisterzienserkloster Port Royal, eine Hochburg der jansenistischen Bewegung. Die Priorin Angélique Arnauld knüpfte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts enge Kontakte mit den Anhängern der von Cornelius Jansen (lateinisch Jansenius) verkündeten Ideen von der Rückkehr der augustinischen Gnadenlehre. Nachdem das Kloster von 1664 bis 1669 mit einem päpstlichen Interdikt belegt wurde, erlebte es im darauf folgenden Jahrzehnt einen erneuten Aufschwung. Vor 1664 studierten und lebten in Port Royal so gegensätzliche Genies wie Jean Racine und Blaise Pascal.

Nach der so genannten Pax Clementina wurde die Position der Klosterbewohner unter der tyrannischen Herrschaft des Bischofs von Paris immer unsicherer. Lediglich die posthume geistliche Autorität des bereits vor geraumer Zeit verstorbenen Pascal hielt sie noch aufrecht. Dieser Verfechter der christlichen Lehre, der auch in Naturwissenschaften bewandert war, starb im Alter von 39 Jahren (1662). Mit seinen Studien über die Wahrscheinlichkeitsrechnung machte er sich u. a. einen Namen als Mathematiker. Als Philosoph erlangte Pascal durch seine Ideen, die im Gegensatz zum Kartäuser Rationalismus auf das innerliche Leben gerichtet waren, Bedeutung. Wirklich von Einfluss waren seine Arbeiten allerdings erst nach seinem Tod, da zu diesem Zeitpunkt erst ein kleiner Teil seiner Werke gedruckt worden war. Erst 1667 erschienen seine Pensées, ein Jahr bevor Jean de la Fontaine seine Fabeln publizierte.

Der Weg von Port Royal in die Hauptstadt führt an Versailles mit dem Schloss Ludwigs XIV. vorbei. Die 100 Hektar große Gartenanlage war unter André Le Nôtre gerade im Entstehen begriffen, und obwohl sie noch nicht fertig war, konnte man den Ansatz der geometrischen Perspektiven schon bewundern. Niemand rechnete mit einer Vollendung des Schlosses in diesem Jahrhundert, doch ab 1682 war der Palast bewohnt, und man konnte hier den culte du roi sowie das prunkvolle, zum Teil affektierte Leben bei Hofe verfolgen. Das Palais war gleichzeitig Regierungszentrum, der Sitz verschiedener Behörden und Wohnort unzähliger Edler, Geistlicher und Bediensteter. Der Tagesablauf in den königlichen Gemächern, das lever, diner et coucher, wurde durch die vielfältigsten Zeremonien aufgebauscht, von einer festgelegten Reihenfolge, in der beim Erwachen des Königs das Zimmer betreten werden musste, bis hin zu den Ritualen, die zu befolgen waren, wenn er sich zur Ruhe begab.

Dem König gelang es, auf seinem Schloss den höchsten Adel Frankreichs um sich zu scharen. Dadurch wurde seine Macht jedoch immer kleiner, da sich die Intrigen nun direkt vor den Augen des Königs abspielten und nicht mehr im Einzelnen fassbar waren. Die Veränderungen, die sich in Paris in diesem Jahrhundert vollzogen, sind nur schwer in Worte zu fassen. Die Stadt bot eine unglaubliche Fülle an eindrucksvollen Palästen, Kirchen und Gebäuden. Sie bildete, zusammen mit Versailles, das strahlende Zentrum Frankreichs. Nirgendwo sonst bekam man so viele Theateraufführungen und Konzerte geboten, hatte die Architektur einen solchen Aufschwung erlebt. Ganz Europa beobachtete atemlos die Verwandlung, die diese Stadt unter Ludwig XIV. durchmachte. Die Ausdrucksformen der französischen Kunst, fast ausnahmslos Pariser Ursprungs, wurden im Ausland als Maß aller Dinge betrachtet. Die Stadt zählte mittlerweile 500 000 Einwohner, ungefähr 200 000 mehr als zu Beginn des Jahrhunderts.

Auffallend war auch der dichte Verkehr: Waren 100 Jahre zuvor noch kaum irgendwelche Karossen zu entdecken, so gab es nun regelmäßige Verkehrsstaus, und die Pariser mussten lernen, mit dem Lärm der 20 000 gefährlich manövrierenden Wagen zu leben. Die Karosse wurde zu einem Statussymbol, und die promenades a carrosse zum Bois de Boulogne, nach Vincennes oder in andere Vororte spielten eine wichtige Rolle innerhalb des gesellschaftlichen Lebens. Doch die beliebteste Promenade blieb die Cours-la-Reine entlang der Seine westlich der Tuilerien. Ab und an ließ sich auch König Ludwig XIV. hier sehen, was sofort einen Verkehrsstau zur Folge hatte.

Die vielen Fahrzeuge veränderten auch das Leben der einfachen Menschen. So gab es z. B. eine Art Linienverkehr, der die Passagiere für ein geringes Entgelt zu dem gewünschten Ort brachte. Es wurde deutlich, dass man diesem erhöhten Verkehrsaufkommen mit einer anderen Straßenbefestigung begegnen musste und dass der Straßenplan insgesamt einer dringenden Änderung bedurfte. In den neu angelegten Stadtvierteln hatte man natürlich keine Probleme, den neuen Anforderungen nachzukommen. Anders sah das in der Altstadt aus. Jährlich wurden 50 000 Livres für den Straßenbau ausgegeben, ein Betrag, der an anderer Stelle undenkbar gewesen wäre. Für den nächtlichen Verkehr wurde ein städtisches Beleuchtungssystem installiert, wodurch die Straßen gleichzeitig sicherer wurden. Die Öffnung von Paris, die mit dem Niederreißen der alten Stadtmauern einherging, wurde für den Erneuerungsdrang der Städter symbolisch. Wo sich einst mächtige Verteidigungswälle erhoben hatten, erstreckten sich nun angenehme, von Bäumen gesäumte Boulevards. Zusammen mit den Wällen verschwanden auch die alten Stadttore, die nun den Triumphbögen weichen mussten, pompös und überladen mit Gemälden, Medaillons und Inschriften, die Ludwig XIV. gewidmet waren.

Ein architektonisches Werk ganz anderer Couleur war das Hôtel des Invalides, in dem die entlassenen Kriegsveteranen ein neues Zuhause fanden. Zu dieser Zeit war man damit beschäftigt, den Komplex um eine Kathedrale zu erweitern, inspiriert von Michelangelos Entwürfen für den Petersdom in Rom. Charakteristisch für die Stadt waren die vielen modernen Plätze, die alle nach dem Vorbild der Place Royal (heute: Place des Vosges) angelegt wurden, einem Stadtteil, in dem die aristokratische Bevölkerung residierte. Die hier gelegenen Villen blieben in der Sommersaison meistens unbewohnt, da sich die Eigentümer mit ihren Familien in ihre Landhäuser in der Umgebung von Paris zurückzogen, um sich dort in mehrfacher Hinsicht vom turbulenten Hauptstadtleben der vergangenen Saison zu erholen.

Unter den vielfältigen Vergnügungen außer Haus nahm das Theater eine wichtige Stellung ein. Schauspielliebhaber konnten jährlich zwischen circa 800 verschiedenen Aufführungen wählen. Die meisten produzierte die Comédie-Française, eine Theatergesellschaft, die jeden Abend in ihrem eigenen Schauspielhaus die Werke von Molière, Racine und Corneille aufführte. 1673 starb Molière, drei Stunden nach seinem Auftritt in seiner neuesten Komödie Le Malade imaginaire (Der eingebildete Kranke) – es war die vierte Vorstellung. Die Stücke von Molière galten immer als umstritten: Sie erhielten zwar viel Beifall, lösten jedoch auch heftige Kritik aus. Etliche seiner Werke, darunter auch Tartuffe, wurden kurz nach ihrer Uraufführung verboten. Dennoch galt Molière, der 51 Jahre alt wurde, bereits zu Lebzeiten als der bekannteste Dramaturg Frankreichs.

1637 feierte Pierre Corneille mit seinem Stück Le Cid einen Riesenerfolg. Daraufhin inszenierten neidische Kollegen, die ihm seinen Ruhm offensichtlich nicht gönnten, eine heftige Kampagne gegen ihn. 1687 starb der 54-jährige Pariser Komponist Jean-Baptiste Lully, der als der Vater der französischen Nationaloper galt. Seine bedeutendsten Werke, die er Tragédies lyriques nannte, schrieb er in der Periode nach 1673. Lully genoss am Hof Ludwigs XIV. hohes Ansehen (ab 1662 Hofkomponist). In zahlreichen seiner für den Hof geschriebenen Ballettstücke trat er gemeinsam mit dem König auf.

9. England

England und die Niederländische Republik waren am Ende des Jahrhunderts bereits zehn Jahre lang durch eine Personalunion verbunden: Wilhelm III. war zugleich Statthalter und König. England hatte sich mittlerweile zur bedeutendsten Handelsgroßmacht der Welt entwickelt. Im Gegensatz zum Festland, auf dem der Absolutismus eine immer wichtigere Rolle spielte, herrschte in England eine konstitutionelle Monarchie. Die Vorrangstellung des englischen Handels hatte sich vor allem im Konkurrenzkampf mit den Vereinigten Niederlanden entwickelt, die zu Beginn dieses Jahrhunderts noch die bedeutendste Handelsmacht Europas darstellten. Der Weg zur konstitutionellen Monarchie war von völlig gegensätzlichen Stadien gekennzeichnet: erst der Absolutismus unter Jakob I. (1603-1625) und Karl I. (1625-1649), dann die Republik unter Oliver Cromwell und schließlich die letzte Phase vor der Glorious Revolution von 1688, der Restauration unter Karl II. (1660-1685) und Jakob II. (1685-1688).

1651 noch stellte der Philosoph Thomas Hobbes in seiner Schrift Leviathan fest, dass die Menschen aus reinem Selbsterhaltungstrieb ihre naturgegebenen Rechte einem absolutistischen Souverän übertragen müssen, dessen Gewalt erst dort aufhört, wo dieser versagt, Macht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Ab 1688 erlangte das Parlament jedoch einen Einfluss, der in der jüngeren Geschichte einzigartig war: Die Declaration of Right legte fest, dass der König ohne die Zustimmung des Parlaments keine Steuern erheben und kein stehendes Heer unterhalten durfte.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern hatte sich England in der ersten Hälfte des Jahrhunderts kaum in die Auseinandersetzungen auf dem Festland eingemischt und war so auch eine der wenigen westeuropäischen Mächte, die 1648 keinen Vertreter zu den Westfälischen Friedensverhandlungen entsandten. Erst später ließ man sich näher mit der kontinentalen Streitmacht ein. Die englische Kolonialmacht hatte sich in den vergangenen 100 Jahren in rasantem Maße vergrößert. Obwohl die Bevölkerungszahlen kaum nennenswerte Erhöhungen aufwiesen – die Zahl stagnierte bereits seit einiger Zeit um die fünf Millionen –, war die territoriale Erweiterung beachtlich. Dies galt besonders für Amerika, wo es zwischenzeitlich 13 englische Kolonien gab.

Wichtigster industrieller Grundstoff war Wolle, von der fast die Hälfte des englischen Exports abhing. Auf den Bauernhöfen, die überall im Land anzutreffen waren, wurden Millionen von Schafen gezüchtet. Die Wolle wurde dann in den Dörfern verarbeitet. Dort gab es billige Arbeitskräfte, und die Bestimmungen der Handwerksgilden fanden keine Berücksichtigung. In den letzten Jahren entwickelte sich ein konkurrierender Zweig der Textilindustrie, die Baumwollverarbeitung, die sich vorwiegend in Lancashire konzentrierte. Die Holzproduktion hatte längst ihre Maximalkapazität überschritten, und so erlebte der Bergbau einen enormen Aufschwung. Die Metall verarbeitende Industrie war besonders von einer regelmäßigen Anlieferung von Brennstoffen abhängig. Ähnliches galt für die Brauereien, Destillen und die Salzhersteller. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts lag die jährliche Fördermenge von Kohle bei mindestens drei Millionen Tonnen, die teilweise auch ins Ausland exportiert wurden.

London war mit seinen rund 600 000 Einwohnern die bei weitem größte Stadt Englands und ein Zentrum weltweiter Handelsaktivitäten. 80 Prozent des Exports verließen das Land über den Hafen der Hauptstadt, die auch Sitz der 1694 gegründeten Bank von England und der Börse war. Die Innenstadt bot einen äußerst modernen Anblick: Die meisten der Gebäude entstanden nach 1666, als ein Großbrand drei Fünftel des Zentrums in Schutt und Asche gelegt hatte. Ein Jahr zuvor wütete in London die Pest, der 70 000 Menschen zum Opfer fielen. Der berühmte Architekt Christopher Wren prägte das neue Stadtbild nachhaltig. Er entwarf die Pläne, nach denen Dutzende von Kirchen, Palästen und institutionellen Bauten entstanden. 1675 begann man unter Wrens Leitung mit dem Bau der Saint Paul’s Cathedral. Die königliche Familie residierte zu dieser Zeit im Saint James’s Palace, einem ursprünglich für Heinrich VIII. erbauten Palast.

Von größter Bedeutung für die wissenschaftliche Entwicklung war die Königliche Gesellschaft (Royal Society), eine Akademie der Wissenschaften, die 1660 unter Mitwirkung des Mathematikers und Naturwissenschaftlers Isaac Newton in London gegründet wurde. Auch heute noch sind die herausragenden naturwissenschaftlichen Leistungen von Engländern wie dem Arzt William Harvey (1578-1657) und dem Universalgelehrten Francis Bacon (1561-1626) dieses Jahrhunderts unvergessen. 1675 wurde das Greenwich-Observatorium gegründet, in dem viele bedeutende Astronomen tätig waren. Isaac Newton erregte 1687 mit seiner Gravitationstheorie, die er in seinem Buch Principia erläuterte, die Aufmerksamkeit der Gelehrten weltweit. Durch die Umsetzung in die Praxis schufen seine Lehrsätze die Grundlagen für tief greifende technologische Erneuerungen. Newton war zu dieser Zeit als Professor an der Universität von Cambridge tätig.

Auch auf literarischem, philosophischem und musikalischem Gebiet erlebte England in jenen hundert Jahren die Schaffung bedeutender Werke. William Shakespeare gehörte zu den außergewöhnlichen Künstlern, denen man schon zu Lebzeiten Unsterblichkeit nachsagte. Seine ersten Erfolge feierte er in den neunziger Jahren des 16. Jahrhunderts mit seinen Versepen Venus und Adonis und The Rape of Lucrece (Die Schändung der Lukrezia). Die größte Berühmtheit erlangte er jedoch im 17. Jahrhundert mit seinen Tradödien König Lear, Macbeth, Othello, Julius Caesar und Hamlet. Überall in Europa wurden Shakespeares Stücke aufgeführt und mit Begeisterung aufgenommen. In den sechziger und siebziger Jahren war der Dichter John Milton sehr erfolgreich. Sein Paradise lost (Verlorenes Paradies) und Paradise regained (Wiedererobertes Paradies) erschienen 1667 bzw. 1671. Auch unter den Philosophen gab es große Namen, wie z. B. den bereits oben erwähnten Francis Bacon, der die Grundlagen des englischen Empirismus schuf, und John Locke, der an den Vorbereitungen der Revolution von 1688 mitwirkte. Zwei Jahre später zog Locke, damals 58 Jahre alt, erneut durch die Herausgabe eines Buches, das als sein bedeutendstes Werk gilt, die Aufmerksamkeit auf sich: ein Essay concerning human understanding (Essay über den menschlichen Verstand), eine Untersuchung über die Herkunft, Sicherheit und den Umfang des menschlichen Wissens. Dieses Werk umfasst vier Bände: Der erste enthält einen Angriff auf die Lehre, dass Gedanken angeboren seien, im zweiten erläutert Locke, dass die Gedanken empirisch bestimmt sind, und der dritte und vierte Band handeln von Sprache und Bedeutung bzw. dem Wissen. John Locke lebte seit 1689, nachdem er nach einem mehrjährigen Aufenthalt der Republik den Rücken kehrte, wieder in seinem Geburtsland und unterstützte hier die neue Monarchie. Siehe auch englische Literatur

10. Die Spanischen Niederlande

Seit 1648 bildete eine bizarre Linie mitten durch die Grafschaft Flandern und die Herzogtümer Brabant und Limburg die offizielle nördliche Grenze der Spanischen oder auch Südlichen Niederlande. Das Land litt beinahe ununterbrochen unter den Kriegen, die aufgrund der anhaltenden Spannungen zwischen Frankreich und Spanien immer wieder ausbrachen. In weiten Teilen der Provinzen wurde gebrandschatzt, vor allem durch die Truppen des französischen Kriegsministers Louvois, der bereits zehn Jahre zuvor die Taktik der verbrannten Erde als militärisches Konzept predigte. 1695 wurde die Residenzstadt Brüssel zwei Tage lang von der französischen Artillerie unter Befehl Marschalls De Villeroy unaufhörlich mit glühenden Kohlen beschossen. Den Bränden fiel fast die gesamte Altstadt zum Opfer, in der 4 000 Häuser vernichtet wurden.

Antwerpen war in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Anziehungspunkt für berühmte Barockmaler. Nach einem Italienaufenthalt (1600-1608) kehrte Peter Paul Rubens nach Antwerpen zurück und avancierte 1609 zum Hofmaler des Statthalterpaares. Seine teils riesigen Gemälde fanden in diesem Jahrhundert an vielen Höfen Europas einen Ehrenplatz. Im Dienst des spanischen Königs war Rubens auch als Diplomat aktiv. Ein weiterer Künstler von internationalem Ruf war Anthonis van Dyck. Die Druckerei von Plantin war in ganz Europa wegen ihrer vortrefflichen Buchausgaben berühmt.

11. Die Republik der Vereinigten Niederlande

Während des vorangegangenen Achtzigjährigen Krieges – den man sich übrigens nicht als eine Periode anhaltender Kämpfe vorstellen darf – hatten sich die Generalstaaten bereits zu einer der einflussreichsten Mächte Europas entwickelt. Fast überall in der Welt traf man ihre Handelsschiffe an. Nach dem Friedensabschluss (Westfälischer Frieden, 1648) musste sich das Land schon bald notgedrungen in den Machtkampf auf dem Kontinent einlassen, der jedoch dank der Führung des fähigen Staatsmanns Johan de Witt, Ratspensionär von 1653 bis zu seinem gewaltsamen Tod im Jahr 1672, und unter dem Statthalter Wilhelm III. keine ernsthaften Nachteile mit sich brachte. Bemerkenswert war vor allem, dass dieser Aufschwung ohne ein stabiles Staatsgefüge und ohne eine tatsächliche Zentralgewalt zustande kam. Obwohl der damalige Statthalter Wilhelm sich bemühte, seiner Funktion mehr Souveränität zu verleihen und ihm dies in mancher Hinsicht auch zu gelingen schien, waren seine Vorgänger doch nichts anderes als die Führer der sieben unabhängigen Provinzen. Obgleich die Statthalterschaft in der Regel mehrere Provinzen umfasste, lag die ausführende Macht aller Provinzen noch immer in den Händen einer einzigen Person. Auch davon, dass jede Region gleichermaßen von Einfluss war, konnte keine Rede sein. In der Praxis gab die Stimme des reichsten Mitglieds – Hollands – den Ausschlag. In Holland war der Wohlstand der gesamten Republik konzentriert. Hier ließen sich die mächtigsten Kaufleute nieder und hatten die Handelskompanien ihre Hauptniederlassungen. Hier wurden auch die Voraussetzungen geschaffen, die die Vereinigten Niederlande zur wichtigsten Handels- und Seefahrernation Europas machten. Der materielle Aufschwung brachte, wiederum hauptsächlich in Holland, eine kulturelle Belebung mit sich, die in der niederländischen Geschichte ihresgleichen suchte.

Haarlem, das Industriezentrum an der Spaarne, breitete sich nach dem Großbrand von 1576 in rasantem Tempo Richtung Norden aus. Hier konzentrierten sich die verschiedensten Industriezweige: Schiffbau, Tuchindustrie und die Bierbrauereien entwickelten sich zu wichtigen Faktoren des wirtschaftlichen Aufschwungs. Auf dem Gebiet der Kunst erlangte Haarlem vor allem wegen seiner Malerschule Berühmtheit, die in diesem Jahrhundert viele Künstler anzog. Den Mittelpunkt bildete Frans Hals, der aus Antwerpen stammende Meister der Porträtmalerei, dessen Schüler einen oft bedeutenden Beitrag zum Ruhm der holländischen Kultur leisteten. Ebenfalls in Haarlem wirkten Salomon und Jacob van Ruisdael sowie Adriaen van Ostade. Die namhaften Bauwerke der Stadt schufen Lieven de Key (die Fleischhalle) und Jacob van Campen (Nieuwe Kerk).

Alkmaar, das Zentrum des nördlichen Viertels, profitierte von der Trockenlegung vieler Seen in der Umgebung. Vor allem in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts entstanden zahlreiche Polder: Beemster (1607-1612), Purmer (1618-1622), Wormer (1624-1626), Heerhugowaard (1625-1626) und Schermer (um 1630). Technisch gesehen, wurden die Trockenlegungen nach Einführung der so genannten Kappenwindmühlen erheblich verbessert. Diese Projekte waren nicht allein auf den Bedarf an neuer landwirtschaftlicher Nutzfläche, sondern auch auf das Bestreben zurückzuführen, die zu bestimmten Zeiten auftretenden Überschwemmungen in den Griff zu bekommen. Die Häufigkeit dieser Überschwemmungen ließ damit natürlich grundsätzlich nach. Und doch kam es auch in diesem Jahrhundert noch zu Flutkatastrophen: 1610 wurden die Wieringerwaard und die gerade erst trockengelegte Beemster überflutet, das Gleiche geschah 1625 mit der Wormer, 1665 mit Waterland und 1675 mit Westfriesland.

Der Umschlag in den Hafenstädten an der Zuiderzee (siehe IJsselmeer), von denen Hoorn und Enkhuizen die bedeutendsten waren, reduzierte sich in den letzten Jahrzehnten in zunehmendem Maße. Im Süden der Provinz Holland entwickelten sich Leiden durch die Tuchindustrie sowie Delft und Gouda durch die Keramikindustrie zu wichtigen industriellen Zentren. Rotterdam erlebte seit den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts einen riesigen Zustrom von Flüchtlingen aus den Spanischen Niederlanden und entwickelte sich zu einem wichtigen Handelsplatz – vor allem Tuchmacherei und Teppichherstellung. Der Hafen Rotterdams spielte im 17. Jahrhundert für den Güterumschlag noch eine untergeordnete Rolle – dies änderte sich erst später.

Von 1618 bis 1619 fand in Dordrecht die „Dordrechter Synode” statt, die den Glaubensstreit zwischen den Arminianern und den Calvinisten beilegen sollte. Die Synode endete mit der Verurteilung der remonstrantischen Lehre. Viele arminianische Pastoren verließen daraufhin das Land und setzten ihre Aktivitäten in den Spanischen Niederlanden fort. Im Lauf des Jahrhunderts kehrten die meisten von ihnen jedoch in die Republik zurück.

Neben Amsterdam und Rotterdam gab es auch in Rijnsburg eine freizügige religiöse Gruppierung, die die Taufe durch völliges Untertauchen predigte und für ein Abendmahl eintrat, an dem jedermann, welcher Gesinnung auch immer, teilnehmen konnte. Der Philosoph Baruch Spinoza, der sich einige Jahre in Rijnsburg aufhielt, fand viele Freunde in dieser Glaubensgemeinschaft. Spinoza schrieb eines seiner Hauptwerke, Ethica Ordine Geologico Demonstrata (Ethik, nach geologischer Ordnung dargestellt), vor allem, um seinen Lesern die „amor Dei intellectualis”, die geistige Liebe zu Gott, vor Augen zu führen. Die Ethica wurde auf Spinozas Veranlassung nach seinem Tod 1677, zusammen mit anderen Arbeiten, in dem Sammelwerk Opera posthuma erstmals veröffentlicht.

11.1. Amsterdam

Amsterdam war das Zentrum des blühenden Handels und der Kultur in Holland. Die Einwohnerzahl der Stadt stieg von 100 000 im Jahr 1622 bis zum Ende des Jahrhunderts auf rund 200 000. 1612 begann man mit der Erweiterung des Stadtgebiets. Ein Ring von konzentrisch angelegten Grachten (Kanälen), unterbrochen von engeren, sternförmig verlaufenden Grachten und Straßen, umgab nun das alte Zentrum. Entlang dieser neuen Grachten sah man die überzeugenden Beweise des herrschenden Wohlstands: Vornehme Patrizierhäuser boten mit ihren Renaissancegiebeln oder den barocken und klassizistischen Giebeln einen abwechslungsreichen Anblick. Große Baumeister wie Jacob van Campen und Justus Vingboons bereicherten die Stadt mit ausgewogenen Bauten wie dem neuen Rathaus am Damm und dem Trippenhuis.

Seinen Reichtum verdankte Amsterdam nicht zuletzt seiner Funktion als Zentrum des Welthandels, in dem das Bank- und Börsenwesen einen bisher unbekannten Aufschwung erlebten. Und das Handelsvolumen stieg weiter an. Die Einkünfte aus den Schutzgeldern für Konvois und Lizenzen näherten sich der Zwei-Millionen-Gulden-Grenze. Die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt für den Rest der Republik war von unschätzbarem Wert. Hier wurden Artikel importiert, die für das Binnenland unentbehrlich waren, und die Produkte aus dem gesamten Inland – aus Landwirtschaft, Viehzucht, Industrie und Fischerei – wurden hier für den Export verschifft. Die Stadt war der größte Transithafen und zugleich wichtigster Warenmarkt für indische Erzeugnisse. An vielen Orten traf man Schiffe an, deren Heimathafen Amsterdam hieß: in Norwegen, wo man Holz, und in Schweden, wo man Eisenerz, Blei, Kupfer, Zink, Stahl und Zinn kaufte. Aus Norwegen wurden riesige Mengen Stockfisch eingeführt, während Amsterdam wiederum andere Fischsorten in den Norden transportierte. Von noch größerer Bedeutung war vermutlich der Handel mit Russland. In Moskau und Archangelsk befanden sich verschiedene Kantore Amsterdamer Firmen. In Archangelsk kamen um die Mitte des Jahrhunderts mehr als 80 Prozent aller einlaufenden Schiffe aus Amsterdam.

Die norddeutschen Städte Hamburg, Bremen und Emden verschifften Produkte, hauptsächlich Holz, Tuchwaren und Wolle, die aus ganz Deutschland über die Binnenwasserwege in diese Häfen gelangten. Nach England exportierte Amsterdam Getreide, und aus Frankreich wurden Salz und Wein eingeführt. Aber diese beiden Länder erreichten nicht annähernd den Handelswert der Ostseestaaten. Amsterdam besaß fast das gesamte Monopol für die Schifffahrtsrouten zur Iberischen Halbinsel sowie für die für den Mittelmeerhandel lebensnotwendige Route durch die Straße von Gibraltar. Am lukrativsten war die Handelsseefahrt nach Ostindien, der Amsterdam einen Großteil seiner Einnahmen zu verdanken hatte. Die Vereinigte Ostindische Kompanie schüttete durchschnittlich 18 Prozent Dividende aus, aber auch Jahre mit 30, 40 oder sogar 50 Prozent waren keine Seltenheit. Durch die Aktivitäten dieser Kompanie wurde Amsterdam zum führenden Gewürzmarkt. Es gab Jahre, in denen sich der Export auf 32 Millionen Pfund Pfeffer und eine halbe Million Pfund anderer Gewürze belief. Die Gebäude und Einrichtungen der Ostindischen Kompanie standen zusammen mit denen der Admiralität auf den drei Inseln Kattenburg, Wittenburg und Oostenburg. Auf Oostenburg befand sich das beeindruckende Seemagazin der Kompanie. Im Gegensatz dazu hatte die Westindische Kompanie seit 1674 ihre Bedeutung nahezu vollkommen verloren.

Der Warenhandel konzentrierte sich an der 1611 gegründeten Börse, ebenso der Handel mit Obligationen, Aktien und Schuldverschreibungen. Mit der Wechselbank besaß die Stadt ein Kreditinstitut, das seinen Nutzen für den Handel schon unter Beweis gestellt hatte. Man konnte im Zusammenhang mit Amsterdam zwar nicht von einer Industriestadt sprechen, aber völlig bedeutungslos war dieser Wirtschaftszweig auch nicht. Die Tuchindustrie, die Leinen- und Seidenweberei, Zuckerraffinerien, Seifensiedereien, der Schiffbau und ähnliche Branchen sowie die Buchdruckerei boten Tausenden Menschen einen Arbeitsplatz. Besonders die Buchdruckerei war für den Ruhm Amsterdams als intellektuelles Zentrum erster Ordnung maßgeblich. Unter den 40 Druckereien, die es mittlerweile in der Stadt gab, waren Blaeu und Elsevier die bekanntesten. Vor allem die kartographischen Leistungen der Firma Blaeu fanden weltweite Beachtung.

11.2. Druckfreiheit

Überall in Europa waren die Regierungen darauf bedacht, ihre Untertanen vor dem bedenklichen Einfluss, den Bücher haben konnten, zu beschützen. Auch in der Republik gab es Verordnungen, die die Verbreitung weniger willkommener Ausgaben von staatlicher Seite verboten. Doch in der Praxis herrschte eine fast uneingeschränkte Druckfreiheit, was vor allem der Geistlichkeit aufgrund der vielfältigen Beschwerden, die sie auf ihren Synoden zu hören bekam, ein Dorn im Auge war. Die Regenten hielten sich mit dem Verbot von Büchern in der Regel sehr zurück, vor allem in Amsterdam, wo Mitglieder des Magistrats die Buchhändler warnten, wenn gegen diese etwas vorlag.

11.3. Religiöses Leben in den Vereinigten Niederlanden

Seit 1619 gewannen in der gefestigten Reformierten Kirche die Anhänger einer „präzisen” Bibelauslegung die Oberhand. In diesem Jahr sprach sich die Dordrechter Synode gegen die Lehren von Jacobus Arminius aus, der einer überaus toleranten Glaubensauffassung Ausdruck verlieh. Die Remonstranten, wie sich seine Anhänger nannten, waren daraufhin mehrere Jahre lang Verfolgungen ausgesetzt. Hugo Grotius (eigentlich Huig de Groot), ein äußerst vielseitiger Gelehrter, wurde eines der Opfer dieser Verfolgungen. Nachdem er viele hochrangige Positionen bei den Staaten von Holland bekleidet hatte, wurde Grotius 1618 inhaftiert und im darauf folgenden Jahr zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt. 1621 gelang es ihm zu fliehen, und er trat in den französischen und später in den schwedischen diplomatischen Dienst. Grotius erlangte nicht nur als Diplomat, sondern vor allem als Jurist, Theologe, Altphilologe und Historiker große Berühmtheit.

Die Lehren des Freidenkers Arminius lebten vor allem im Magistrat fort, was natürlich die Spannungen erklärt, die häufig zwischen Regenten und Pastoren zum Ausdruck kamen. Die Lage der Remonstranten verbesserte sich übrigens recht schnell wieder. Bereits 1630 erhielten sie die Genehmigung zum Bau einer Kirche an der Keizersgracht, und vier Jahre später gründeten sie ihr Seminar. Die Kluft zwischen der Reformierten Kirche und den Remonstranten wurde jedoch während des gesamten Jahrhunderts nicht kleiner.

In Amsterdam war die Anzahl religiöser Nonkonformisten besonders hoch. Viele Ausländer, die ihr Vaterland aufgrund ihrer Religion oder Überzeugungen verlassen mussten, konnten hier im Allgemeinen ungestört gemäß ihrer Auffassungen leben. Nicht ohne Grund nannte man Amsterdam Eleutheropolis oder Freistadt. So fanden beispielsweise die Quäker, die 1656 nach endlosen Verfolgungen aus England flüchteten, beim Magistrat Schutz.

Seit dem Verbot des Sozinianismus in Polen gelangten viele Anhänger dieser Lehre auf ihrer Flucht nach Amsterdam, wo sie vor allem durch die Remonstranten die nötige Hilfe erfuhren. Ein arminianischer Pfarrer schreibt 1661: „Die mich kennen, wissen wohl, dass ich keineswegs Gefühle für die Sozinianer aufbringe … Aber ich bin voll Mitgefühl dafür, dass man ihnen, die aus ihrem Vaterland durch papistische Treulosigkeit und Grausamkeit voller Beklommenheit hinausgeworfen wurden und die uns nun um Hilfe anflehen, die brüderliche Hand mildtätig reicht.”

Da biblische Szenen nach Ansicht der Reformierten Kirche nicht auf eine Bühne gehörten, wurden die Tragödien von Vondel und Grotius strengstens abgelehnt. Lediglich bildende historische Schauspiele fanden in den Augen der reformierten Sittenmeister Billigung. Die Ausübung des katholischen Gottesdienstes wurde offiziell verboten, ebenso die Lehrtätigkeit und das Lernen an katholischen Schulen und die Bekleidung öffentlicher Ämter durch Katholiken. Keines dieser drei Verbote wurde allerdings in der Praxis genau befolgt.

1658 gab es in der Provinz Holland nicht weniger als 650 Bürgermeister, Vogte, Truchsessen, Deichgrafen, Schöffen, Deichgeschworene und andere staatliche Bedienstete, die sich zum römischen Glauben bekannten. Der Gottesdienst fand in Amsterdam in Haus-, Dach- und Speicherkirchen statt. Die Fassade entsprach der eines normalen Hauses, aber hinter dem Giebel verbarg sich oft ein großer Raum, in dem die Decken und Zwischenmauern herausgebrochen waren, so dass die Kirchgänger von den Galerien und Tribünen die Messe verfolgen konnten. Ohne die Zustimmung des Magistrats war dies natürlich nicht möglich. Die Proteste seitens der Reformierten Kirche nahm man zwar wohlwollend zur Kenntnis, ergriff aber keine Gegenmaßnahmen. An verschiedenen Orten wurde katholischer Grundschulunterricht gegeben, an dem allerdings nur die Kinder teilnahmen, deren Eltern das sehr hohe Schulgeld aufbringen konnten. Junge Männer, die ein Priesteramt anstrebten, mussten ihre Ausbildung im Ausland absolvieren. Wichtige Zentren waren diesbezüglich Köln, Brüssel, Antwerpen, Leuven und Emmerich.

11.4. Ausbildung

Die Kinder der Städter, denen ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung standen, begannen ihre Schulzeit mit dem Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen bei einem Schulmeister der Grundschule oder einem Privatlehrer. Der Religionsunterricht bestand aus Bibelübersetzungen und dem Studium des Heidelberger Katechismus. Nach dieser Zeit gab man die Söhne einfacher Bürger meist in die Lehre, damit sie ein Handwerk erlernen konnten. Den Abschluss bildete eine Meisterprüfung in dem jeweiligen Fach, und wenn derjenige diese bestanden hatte, konnte er einen eigenen Betrieb gründen. Wenn das nötige Kapital dafür fehlte, blieb der frischgebackene Meister oft noch weiterhin bei seinem Ausbilder tätig. Die Mädchen halfen nach dem Abschluss der Grundschule ihren Müttern im Haushalt und suchten sich später, falls sie nicht heirateten, eine Stelle bei einer reichen Familie.

In Amsterdam gab es zwei Schulen, die die Kinder Not leidender Eltern besuchen konnten. Die Söhne vornehmerer Kreise, aber auch solche aus Handwerkerfamilien, gingen auf die lateinische Grundschule, wurden dort in Latein und Griechisch unterrichtet und kamen so mit der Geschichte und Philosophie des Altertums in Berührung. Die höchste Schule war den Sprößlingen der Reichen vorbehalten. Das 1632 gegründete Atheneum Illustre von Amsterdam galt zu damaliger Zeit als eine der besten Ausbildungseinrichtungen der Republik und konnte in Bezug auf das Unterrichtsniveau einem Vergleich mit den Akademien (Universitäten) in Leiden (1575 gegründet), Franeker (1585), Groningen (1614), Utrecht (1636) und Harderwijk (1648) ohne weiteres standhalten. An diesen Akademien konnte man Jura studieren oder sich zum Pfarrer ausbilden lassen.

Ihren größten Ruhm begründeten die niederländischen Universitäten jedoch mit dem Studium klassischer und orientalischer Sprachen, der Astronomie, Botanik, Anatomie und Physik. Die Vorlesungen fanden in lateinischer Sprache statt, so dass es für ausländische Studenten und Dozenten, die hier in großer Zahl vertreten waren, keinerlei Verständigungsschwierigkeiten gab.

11.5. Freizeit und Vergnügen in den Niederlanden

Ab 1669 besaß Amsterdam eine gut funktionierende Straßenbeleuchtung, die der damalige Generalbrandmeister Jan van der Heydens selbst entwickelt hatte. Die Aufgabe der Nachtwache wurde durch diese Beleuchtung wesentlich einfacher: Die Hunderten „Rasselwachen”, so genannt, weil sie ihre Rasseln schüttelten, bevor sie alle volle oder halbe Stunden oder bei Brandgefahr riefen, waren nun nicht mehr so auf ihre eigenen Laternen angewiesen. Die Amüsements fanden tagsüber oder am frühen Abend statt.

In der Stadt gab es viele Tavernen, sowohl vornehmere, in denen die Noblen ohne Scheu ihre Gäste bewirten konnten, als auch solche für das einfache Volk, in denen es manchmal weniger zivilisiert zuging. Vor allem die besseren Lokale boten eine reichhaltige Auswahl an Getränken. In den billigeren Tavernen wurde kein Wein, dafür aber Bier ausgeschenkt. In den vornehmeren Lokalen gab es eine große Auswahl verschiedener Starkbiere, Genever tranken nur die einfachen Leute. Andere Schnäpse waren Branntwein, Arrak, Oranje-, Prins- und Quinjaetswasser und Ratafia. Bei einem so reichen Angebot an hochprozentigen Getränken ist es nicht weiter verwunderlich, dass Alkoholabhängigkeit keine Seltenheit war.

Auch hier waren es wieder einmal die Pastoren, die – oftmals sicherlich übertrieben – auf die üblen Folgen meinen hinweisen zu müssen. „Hier [in den Tavernen] sieht man die Helden sich um Starkbiere und den Wein versammeln und die Krieger die vollen Krüge leeren, und viele von diesen Alkoholikern trinken so viel, als sei damit ein Preis zu gewinnen. Nicht wenige vertrinken ihre Gesundheit und das Leben ... Sie halten den Tag des Herrn und die anderen vorgeschriebenen Kirchentage wie die Heiden ihre Festtage und wie das faulste Gesindel die Tage ihrer Götter. Man geht morgens in die Kirche, und nach der Nachmittagsandacht gehen sie Ball spielen, Boßeln, Karten spielen und Ähnliches und abends in die Herberge. Viele gehen dorthin, man springt und tanzt wie eine wilde Horde. Da hört man Gesänge aus Sodem und nicht von Zion, fleischliche und nicht geistliche. Die Ehre gebührt Bacchus und der Venus, zum Vergnügen des Fleisches, der Welt und des Teufels. Und dort herrscht eine solche Freude, dass Gott zürnt und der Teufel tanzt. Klatsch, Ärgernis, Gekeife, Gefechte und Totschlag sind oft die Auswirkungen, die Früchte dieser gottlosen Zusammenkünfte. Da wird das Blut vergossen, das das Land beschmutzt, da wird das Geld vertrunken, das die Eltern so dringend bräuchten, um das Haus in Ordnung zu halten und Brot zu kaufen, da wacht man, wenn es Zeit zum Schlafen ist, und wenn die Furcht vor irgendeiner Ungemach die Eltern oft weinen lässt, ist man fröhlich, wenn die Eltern zu Hause voll Trauer sitzen.”

Auch der Genuss von Rauchwaren war den Pastoren schon lange ein Dorn im Auge. Sie konnten nur nichts daran ändern, dass sich das „Tabaksaugen” in allen Schichten der Bevölkerung zunehmender Beliebtheit erfreute. So bemerkte ein Ausländer: „Ein Holländer ohne Pfeife in Amsterdem wäre eine nationale Unmöglichkeit, wie eine Stadt ohne Häuser, eine Bühne ohne Schauspieler, ein Frühling ohne Blumen oder ein Land ohne Grenzen. Der Holländer könnte ohne Tabakspfeife selbst im Himmel nicht selig werden.”

11.6. Häusliches Leben und der Tod

Im Allgemeinen frühstückte man morgens gemeinsam: Käse und Brot, Bier, Tee und in den letzten Jahren auch Kaffee. Nach einigen Stunden traf sich die Familie wieder zu Hause zur Hauptmahlzeit, zu der es viel Fleisch und Fisch, verschiedene Gemüse und Bier gab. Gegen acht Uhr abends gab es dann die letzte Mahlzeit, meistens nur Bier und Brot oder Brei. Bald darauf ging man ins Bett, denn abends konnte man nicht viel unternehmen. Den Mittelpunkt der Familie bildete die Hausfrau, die alle Fäden fest in der Hand hielt. Sie achtete auf einen ordentlichen und sauberen Haushalt. Dem französischen Dichter Regnard zufolge kleiden sich „... sowohl die Männer als auch die Frauen dezent und doch farbenfroh. Um Sauberkeit sind sie so sehr bemüht, dass alle Dinge spiegelblank geputzt sind. Ohne Unterlass sind sie am Saubermachen, und nie kriegen sie genug davon, mit Tüchern und Wasser die Treppen und Türen, Fenster und Luken, all das andere Holzwerk und was sie sonst noch im Haus haben zu scheuern. Es zeugt von schlechtem Benehmen, wenn man die Wohnung mit schmutzigen Schuhen betritt, und darum stellen sie immer ein Paar Pantoffeln vor den Eingang, die jedermann, der kommt, benutzen kann.”

Der englische Diplomat William Temple schätzte die holländischen Hausfrauen nicht nur enthaltsam und nüchtern in Bezug auf den Haushalt, sondern auch in Sachen Liebe ein: „Die Verführung scheint in diesen Regionen weniger als anderswo eine Rolle zu spielen. Die Holländer besitzen nicht genügend Temperament, um sich zu verlieben. Die jungen Leute sprechen zwar manchmal über Liebe, aber dann ist es, als ob sie über etwas sprechen, von dem sie schon mal gehört, das sie aber noch nie gefühlt haben ... Ich habe welche von ihnen gekannt, die wunderschön den Bühnenliebhaber spielen konnten, aber ich habe niemals einen Mann gesehen, der wirklich verliebt, oder eine Frau, die etwas mehr als gleichgültig war.

Es mag sein, dass sie die Freiheit so sehr lieben, dass sie nicht dazu kommen, sich unter das Joch einer Mätresse zu begeben, so wenig wie unter das eines Meisters, oder dass ihre Atmosphäre, die sehr schwer ist, sie weniger sensibel für derartig subtile Gefühle macht oder dass sie einfach durch die Hingabe, mit der sie sich einer Sache widmen, was nun einmal der erklärte Feind der Liebe ist, davon abgehalten werden und es nicht dulden, dass ihre Gedanken sich mit etwas anderem beschäftigen.”

Wenn in der Familie jemand erkrankte, versuchte man ihn, soweit dies möglich war, zu Hause gesund zu pflegen. Ins Krankenhaus wurde der Patient nur in Ausnahmefällen gebracht. Wenn die medizinische Hilfe nichts nützte und der Kranke im Sterben lag, beauftragten die Familien, die es sich leisten konnten, einen so genannten Leichenbitter, dessen Aufgabe darin bestand, das traurige Ereignis öffentlich zu verkünden. Einige Jahre zuvor, 1696, lösten diese Leichenbitter in Amsterdam eine Aufstand aus, der mehreren Menschen das Leben kostete. Da sie sich durch eine für sie ungünstige Reformmaßnahme bedroht fühlten, gelang es den Leichenbittern, das Volk, das durch die zunehmende Arbeitslosigkeit schon in Aufruhr war, zu mobilisieren und damit die Stadtverwaltung zum Widerruf der umstrittenen Vorschrift zu zwingen.

Auf den Kirchenhöfen wurden nur die Armen begraben. Wer es bezahlen konnte, ließ den Sarg in der Kirche unter einer Steinplatte in einem gemeißelten Grab oder in einer Kapelle beisetzen. So wurde beispielsweise Rembrandt, der 1669 in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen starb, zunächst auf dem Hof der Amsterdamer Westerkerk begraben; erst später überführte man sein Grab ins Innere der Kirche. Die feierlichen Beerdigungen von hoch stehenden Persönlichkeiten oder Seehelden waren ein Kapitel für sich. Die Schlichtheit, die für das Alltagsleben in der Republik so charakteristisch war, fehlte bei diesen Gelegenheiten völlig. Besonders beeindruckend war das Begräbnis von Admiral de Ruyter, das 1677 stattfand. Der Geschichtsschreiber Geeraerdt Brandt beschreibt diese Feierlichkeit detailliert: „An jenem Tage, dem 18. März, einem Donnerstag, fand das Begräbnis des Herrn de Ruyter mit fürstlichem Geleit und einem allgemeinen Zulauf von vielen Menschen in Amsterdam statt, und die Leiche wurde zum Grab gebracht. Erst kamen die vier Unterdeichgrafen der Stadt Amsterdam und das Volk der Rassel- und Reiterwacht mit Stöcken, um die Menschenmenge beiseitezuschieben. Dann kam der Stadtmajor Witzen, dessen Pferd vor ihm hergeführt wurde, gefolgt von zwei Kompanien Stadtsoldaten ... Nach den Soldaten kamen zehn Leichenbitter zum Begräbnis als Führer der Trauergemeinde, weiter vier Trompeter, ganz in Schwarz gekleidet, deren Trompeten mit schwarzen Wedeln versehen waren, an denen das Wappen des Generaladmirals befestigt war, danach die große Admiralsflagge, auf die das Wappen des Admirals gemalt war und die Jan Janszoon Bout trug, der Kommandeur eines Feuerschiffes.”

Brandt führt die Beschreibung des unüberschaubaren Trauerzugs noch seitenlang weiter. Wir nehmen die Erzählung bei der Ankunft in der Kirche wieder auf: „So brachte man den Leichnam in die Nieuwe Kerk und weiter in den Chor, der rundum schwarz ausgekleidet war. Dort legte man den Leichenschmuck, der vor dem Sarg hergetragen worden war, dem Rang entsprechend nieder. Während der Leichnam im Grabgewölbe am Ende des Chores abgesetzt wurde, gaben mehrere hundert Stadtsoldaten, die auf dem Damm um die Kirche herum Aufstellung genommen hatten, drei Schüsse ab, die von einer Kriegsfregatte, die vor der Stadt auf Reede lag, mit einem dreifachen Geschützfeuer aus 24 Kanonen beantwortet wurden. Inzwischen spielten die Trompeter in der Kirche. Alle Kriegsschiffe des Landes, die in der Admiralitätswerft lagen, senkten ihre Flaggen, während der Admiral, der die Hauptflagge des Staates so lange geführt und verteidigt hatte, beigesetzt wurde ... Während der Beerdigung und des Leichenzugs war ganz Amsterdam auf den Beinen. Tausende von Menschen, Einheimische und auch von außerhalb, füllten die Straßen und Burgwälle, an denen der Trauerzug entlangzog. Auf allen Aufgängen, Vordächern, Dachböden, an den Fenstern sowie in allen Räumen drängten sich die Zuschauer. Einige hatten sich zu diesem Zweck sogar extra Plätze gemietet. Man kann sich hier streiten, was größer war: die Neugier, die Pracht des Begräbnisses zu bewundern, oder die Zuneigung und der Wille, dem toten Seehelden die letzte Ehre zu erweisen, denn alle waren voll des Lobes über ihn, und seine Heldentaten und treuen Dienste am Vaterland waren in aller Munde.”