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Millennium: 18. Jahrhundert
1. Einleitung

Zum Thema Millennium sind die folgenden weiteren Texte verfügbar: Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: 11. Jahrhundert; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 16. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert.

2. Die Welt im Überblick

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte Europa über 80 Millionen Einwohner. Damit war die Bevölkerung Europas innerhalb von hundert Jahren immens angewachsen. Im politischen Bereich vollzogen sich, insbesondere im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts, gewaltige Umbrüche. Frankreich entwickelte sich nach der Revolution von 1789 zur vorübergehend stärksten Macht in Europa. Unter der Führung Napoleon Bonapartes führte es Kriege gegen Russland, Österreich, Großbritannien, Portugal, Neapel und das Osmanische Reich. Dieser starke Expansionsdrang stellte sich am Ende eines Jahrhunderts ein, in dem Frankreich in Europa und in den Kolonien empfindliche Niederlagen hatte einstecken müssen. Großbritannien hatte sich zur stärksten Macht in Europa entwickelt, wenngleich ihm diese Stellung nun von Frankreich streitig gemacht wurde. Vor allem der Umfang des Kolonialreiches hatte mit der Erwerbung Kanadas und Vorderindiens zugenommen, obschon die Vereinigten Staaten in die Unabhängigkeit hätten entlassen werden müssen. Wie Großbritannien gehörte auch Österreich zu den erbittertsten Gegnern des revolutionären Frankreich. Im vorangegangenen Jahrhundert hatte Österreich eine wichtige Rolle im Kampf um die Vorherrschaft in Europa gespielt. Der andere große deutsche Staat, Preußen, hielt sich aus den europäischen Konflikten heraus. Das Land hatte sich vor allem durch seine straffe innere Organisation im 17. Jahrhundert zu einer der stärksten Mächte Europas entwickelt.

Das riesige Russische Reich verlegte seine Grenzen weiter nach Westen und begann damit zum ersten Mal eine nennenswerte Rolle innerhalb der europäischen Mächte zu spielen. Diese fünf Staaten, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Preußen und Russland, bestimmten das politische Geschick Europas im 18. Jahrhundert. Daneben gab es die großen Verlierer des Jahrhunderts. Spanien, im 17. Jahrhundert militärisch und wirtschaftlich noch eine Weltmacht, hatte entscheidend an Bedeutung eingebüßt. Polen, das Anfang des Jahrhunderts noch zu den größten Flächenstaaten des Kontinents gehört hatte, wurde im letzten Drittel des Jahrhunderts unter seinen Nachbarn Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt. Die Vormachtstellung Schwedens im nördlichen Europa war mit den unglückseligen Kriegen Karls XII. verspielt worden. Die Republik der Vereinigten Niederlande, die sieben nördlichen Provinzen der Niederlande, verloren ihre Unabhängigkeit; unter dem Namen Batavische Republik waren sie zu einem Vasallenstaat Frankreichs geworden. Die südlichen, die Österreichischen Niederlande standen zeitweise unter französischer Kontrolle.

Auf dem Balkan hatte das Osmanische Reich weitere Gebietsverluste hinnehmen müssen und spielte nun kaum mehr eine Rolle in der europäischen Politik.

Europa, bildete den Mittelpunkt der sich entwicklenden Weltwirtschaft; besonders der Nordwesten Europas profitierte von der expandierenden Wirtschaft. Die zahllosen technischen Neuerungen und Erfindungen in Landwirtschaft und Industrie taten das Ihre zum wirtschaftlichen Fortschritt Europas. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung lebte und arbeitete nach wie vor auf dem Land. Nur London (900 000 Einwohner) und Paris (600 000 Einwohner) konnte man als echte Metropolen bezeichnen. Lediglich 50 Städte hatten über 50 000 Einwohner.

Die Ideen der Aufklärung, die Fortsetzung des Glaubens an den Fortschritt des 17. Jahrhunderts, wurden zur vorherrschenden Philosophie des 18. Jahrhunderts. Diese Ideen, deren zentraler Ansatz die Forderung Immanuel Kants war, dass der Mensch seinen eigenen Verstand gebrauchen solle, blieben nicht nur auf eine kleine Elite beschränkt, sondern übten auch einen großen Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Leben der Zeit aus. So standen die aufgeklärt-absolutistischen Herrscher Friedrich II. von Preußen, Katharina II. von Russland und Joseph II. von Österreich unter dem Eindruck dieser Philosophie. Auch die Französische Revolution lässt sich nur unter Berücksichtigung des Aspekts des ideellen Überbaus der Aufklärung verstehen.

1783 hatten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit erlangt, während Kanada eine britische Kolonie blieb. Mittel- und Südamerika unterstanden überwiegend der Herrschaft Spaniens. Nur Brasilien wurde von den Portugiesen kolonisiert.

Fast ganz Nordafrika gehörte zum Osmanischen Reich. Der europäische Einfluss war auf dem afrikanischen Kontinent noch sehr beschränkt. Nur im äußersten Süden brachten die Europäer großflächige Gebiete in ihren Besitz. Asien hatte in diesem Jahrhundert bedeutende Entwicklungen durchlebt. In Indien ging das Mogulreich unter, und der britische Einfluss auf den Subkontinent wuchs beständig. Im Indischen Ozean hatte die Niederländische Ostindische Kompanie ihre Aktivitäten eingestellt. Vietnam erlebte 1787 das Ende der Le-Dynastie, während sich das Chinesische Reich unter der Qing-Dynastie immer weiter ausdehnte. In Japan unterdessen verlief das Jahrhundert ohne nennenswerte Entwicklungen.

3. Europa
1. Frankreich

Die Ideen der Aufklärung gewannen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts schnell an Boden. Montesquieu, der in seinem 1722 erschienenen Briefroman Lettres persanes (Persische Briefe) die sozialen und politischen Missstände in Frankreich aufgezeigt hatte, veröffentlichte 1784 seine viel beachtete Abhandlung De l’ésprit des lois (Vom Geist der Gesetze). In diesem Werk, das innerhalb kurzer Zeit zahllose Neuauflagen erlebte, entwickelte Montesquieu die These, dass die Gesetze die Gewohnheiten, den vorherrschenden Glauben und die gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes widerspiegeln müssten, um die Stabilität des Staatswesens zu garantieren. Aufbauend auf den Ideen von John Locke, unterteilte er die Staatsgewalt in drei Elemente, die gesetzgebende, die ausführende und die richterliche Gewalt.

Jean-Jacques Rousseau, Sohn einer nach Genf emigrierten Hugenottenfamilie, plädierte in seinem Werk für den Naturstaat und sah im Eigentum die Ursache von Ausbeutung und Ungleichheit. Der Staat, eine Schöpfung der Mächtigen, diene allein der Bewahrung der bestehenden Verhältnisse. Nachdem Rousseaus Stand in Genf durch die Veröffentlichung seiner Abhandlung Du contrat social ou principes du droit politique (Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundregeln des allgemeinen Staatsrechts) 1762 beinahe unhaltbar geworden war, musste er nach dem Erscheinen seines Erziehungsromans Émile ou de l’éducation (Emil, oder über die Erziehung) im selben Jahr aus der Stadt fliehen. Vor allem der letzte Teil des Romans, in dem sich Rousseau zur natürlichen Religion, dem Deismus bekannte, führte dazu, dass das Buch verboten wurde. Rousseau entwickelte in diesem Roman auch interessante pädagogische Vorstellungen, so etwa die Idee, dass in der Erziehung die experimentelle Methode angewendet werden müsse.

Zwei Jahre später attackierte auch der in Ferney, einem Landschloss im französischen Umland von Genf, lebende Philosoph Voltaire den Klerus und die institutionalisierte Kirche mit seinem dictionnaire philosophique (Philosophisches Lexikon), in dem er die Heilige Schrift als absurd und amoralisch bezeichnete. Trotz dieser zuvor undenkbaren Position war die Reaktion auf sein Werk überwältigend. Voltaires spitze Feder hatte ihn schon öfter in große Schwierigkeiten gebracht. 1717 wurde er in der Bastille inhaftiert, nachdem er eine Satire auf den Lebenswandel des Herzogs von Orléans und Regenten Philippe II. geschrieben hatte. 1726 musste er nach einer erneuten Inhaftierung Frankreich für drei Jahre verlassen, und 1734 zog er sich, nachdem das Parlament seine Lettres philosophiques sur les Anglais (Philosophische Briefe über die Engländer) verurteilt hatte, auf ein abgelegenes Landgut in Lothringen zurück. Als 1764 sein Dictionnaire philosophique erschien, war sein Ruhm jedoch bereits so gefestigt, dass er persönlich nicht mehr angreifbar war.

Unterdessen arbeiteten Montesquieu, Rousseau und Voltaire gemeinsam mit d’Alembert und vielen anderen Gelehrten an der Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und des Handwerks), deren letzter Teil 1772 erschien. Die Enzyklopädie bestand aus 17 Textbänden und elf Bänden mit Illustrationen. Das Ziel der Veröffentlichung hatte der Herausgeber Denis Diderot 1750 mit folgenden Worten beschrieben: „Es geht darum, die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen den Dingen zu erhellen … und ein allgemeines Bild von den Leistungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu skizzieren.”

Bereits 1752 wurde das Werk auf Druck der Jesuiten und der Jansenisten verboten. Obwohl das Verbot nach der Einstellung von Zensoren wieder zurückgenommen wurde, geriet es 1759 erneut ins Visier der Zensur. Das 18. Jahrhundert endete in Frankreich mit gewaltigen Umwälzungen. Im Rückblick lässt sich die Unvermeidbarkeit der Ereignisse kaum leugnen. Der aufgeklärte Absolutismus hatte die veraltete Feudalordnung des Staates, in welcher der Adel und die Kirche den Ton angaben, kaum angetastet. Der dritte Stand, das Bürgertum, betrachtete die Privilegien der beiden höheren Stände mit Missgunst. Die einfachen Leute, vor allem die Lohnempfänger, wurden durch die rasante Inflation, die nicht durch Lohnerhöhungen ausgeglichen wurde, stark belastet. Den selbständigen Bauern ging es zwar relativ gut, aber die Landarbeiter, etwa die Hälfte der Bevölkerung Frankreichs, mussten mit immer weniger Mitteln auskommen. In der Außenpolitik hatte Frankreich seine führende Stellung an England verloren. Zwar gab es auch kleinere Erfolge, etwa die Angliederung Lothringens und Korsikas, aber diese wurden von dem Verlust Kanadas und Louisianas und dem Rückgang des französischen Einflusses in Vorderindien vollkommen überschattet. Ein weiterer Grund für die verbreitete Unzufriedenheit war das andauernde Haushaltsdefizit des Staates, das trotz des komplizierten Steuersystems nicht abgebaut werden konnte.

So war es nicht erstaunlich, dass das mit den Ideen der Aufklärung aufgewachsene Bürgertum sich 1789 gegen das veraltete Herrschaftssystem auflehnte und allmählich die Macht in die eigene Hand nahm. 1792 wurde die Republik ausgerufen, und in den folgenden zwei Jahren zitterten Frankreich und vor allem Paris unter einem Regime, das nicht grundlos als La Terreur (die Schreckensherrschaft) in die Geschichte einging. Zuerst wurde König Ludwig XVI. enthauptet – auf der Guillotine, die einen schnelleren und humaneren Tod als das bis dahin gebräuchliche Scharfrichterbeil ermöglichen sollte. Einige Monate später kam der Advokat Maximilien de Robespierre an die Macht, der seine Anhänger im radikalen Proletariat fand, das im Bürgertum nur Ausbeuter und Unterdrücker sah. Zuvor schon war Frankreich in einen Krieg gegen fast alle europäischen Großmächte geraten. In dieser aufgewühlten Situation war die Zeit für einen Ausbruch aller aufgestauten Hassgefühle gegen die höheren Klassen reif. 40 000 Menschen kamen während der Schreckensherrschaft um, die meisten davon in der Vendée, einer Hochburg der Royalisten im Westen Frankreichs. Auch in großen Provinzstädten wie Lyon wurden viele Menschen hingerichtet, nicht nur Adelige und Großbürger, sondern erstaunlicherweise vor allem einfache Landarbeiter.

In der Hauptstadt starben über 1 200 Menschen auf der Guillotine, darunter auch die Königin Marie Antoinette. In einer Rede vor dem Konvent verteidigte Robespierre den Terror: „Wenn in Friedenszeiten der Antrieb der Volksregierung die Tugend ist, so ist der Antrieb in Zeiten der Revolution die Tugend und der Terror gleichermaßen. Terror ohne Tugend ist fatal, Tugend ohne Terror ist ohnmächtig. Der Terror ist nichts anderes als eine schnelle, strenge und unbeugsame Rechtsprechung. Er ist also eine Auswirkung der Tugend. Er ist nicht so sehr ein eigenes Prinzip, sondern vielmehr eine Konsequenz der allgemeinen Prinzipien der Demokratie, die auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlands angepasst werden. Man sagt, dass der Terror ein Antrieb der Despotie war. Gleicht Eure Regierung also der Despotie? Ja, in der gleichen Weise wie das eine Schwert, das in der Hand des Freiheitshelden glänzt, dem anderen gleicht, mit dem die Lakaien der Tyrannei bewaffnet sind … Die Revolutionsregierung ist die Despotie der Freiheit von der Tyrannei. Gibt es die Gewalt denn nur, um das Unrecht zu verteidigen? Und ist der Blitz nicht dazu da, um stolze Häupter zu treffen?”

Kurz vor dem Sturz Robespierres, der dasselbe Schicksal erleiden sollte wie seine Opfer, hatten die Fanatiker noch versucht, das Christentum abzuschaffen und durch einen Kult der Vernunft zu ersetzen. Im Juli 1794 fand diese Zeit des Terrors ihr Ende. Die Zeitung de 's-Gravenhaagsche Courant aus Den Haag beschrieb am 25. Juli die Stimmung der letzten Tage der Schreckensherrschaft:

„Paris, 14. Juli. Inmitten all dieser Dramen … durch die Paris im Blut ertrinkt, findet jeder, der nicht verurteilt wurde, seine Existenz so betrüblich und schmerzlich, dass der Schrecken des Todes jeden Tag in seinen Augen kleiner wird … Ein jeder lebt nur unter der Gewissheit, dass er jeden Tag sterben kann. Und doch, bei den ersten Strahlen eines schönen Tages und bei jeder neuen Aufführung einer Komödie oder eines Schauspiels sieht man die Menge und die Neugierigen die Promenaden und Theater füllen. Man entsagt seiner Pläne nicht und lebt seine Fehler und Untugenden aus: Launenhaftigkeiten und Moden kommen voll zu ihrem Recht. Mit demselben Eifer, mit dem die Verbrechen begangen werden, werden überall neue Häuser gebaut, die mit den ausgesuchtesten Möbeln ausgestattet werden. Durch Missgunst verliert der unvorsichtige Besitzer alles, was einen noch unvorsichtigeren Käufer nicht abhält, sich derselben Gefahr auszusetzen. Noch nie sah man größere Begehrlichkeit, und noch nie war diese so gefährlich. Schmackhafte Mahlzeiten und ausgesuchte Weine werden in allen öffentlichen Lokalen konsumiert. Man eilt sich, noch einen Tag seinen Vergnügungen zu frönen. Gleichgültig betrachtet man das Unglück, in das man sich bereits geschickt hat. Kaum dass der Unglückliche gesehen hat, wie ein Opfer zum Blutschauspiel geführt wird, so eilt er schon zu einem der zwanzig immer gut gefüllten Schauspielhäuser des Vergnügens, um dort für einen Augenblick die Schrecken und Gefahren, die ihn von allen Seiten umgeben, zu vergessen, um danach wieder zu den Seinen zurückzukehren, wo ihn womöglich Verhaftung und Gefangenschaft erwarten.”

Als Reaktion auf die Volksdiktatur kam nach dem Sturz Robespierres eine konservative Regierung an die Macht, unter der das Bürgertum wieder ungehindert seine Interessen verfolgen konnte. Nicht nur das alte Bürgertum feierte einen Triumph, sondern auch Emporkömmlinge und die so genannten nouveaux riches, die Neureichen, erfolgreiche Spekulanten, die nun das öffentliche Leben dominierten. Im November 1799 setzte sich Napoleon Bonaparte, der einige Jahre zuvor als Oberbefehlshaber der französischen Armee in Italien große Erfolge erzielt hatte, als Erster Konsul an die Spitze des Staates. Damit verfügte er über fast unbegrenzte Macht.

Im Verlauf des Jahrhunderts wurde die französische Provinz für den Handel und den Verkehr weiter erschlossen. Bereits 1681 war der Canal du Midi eröffnet worden, eine Wasserstraße, die den Atlantik mit dem Mittelmeer verbindet. Die Baukosten beliefen sich auf 17 Millionen Livre, aber der 241 Kilometer lange Kanal erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Später hatten weniger aufwendige Kanalprojekte eine viel größere Wirkung auf den Handel. Im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde der gesamte Nordosten des Landes mit einem Netz von Kanälen überzogen. Die Hafenstädte am Atlantik und am Mittelmeer profitierten vom zunehmenden Handel mit den Kolonien. Nantes, Bordeaux, Marseille und Rouen erlebten ihre Blütezeit. Auch die industrielle Produktion wurde ein immer bedeutenderer Wirtschaftszweig. So entwickelte sich Rouen zu einem Zentrum der Fayencenherstellung. In 18 Fayencerien arbeiteten dort an die 2 000 Arbeiter. Limoges wurde unterdessen zum Zentrum der Keramikindustrie. Nachdem man in der Umgebung der Stadt größere Vorkommnisse von Porzellanerde (Kaolin) entdeckt hatte, bildete dieser industrielle Zweig schon bald die Grundlage eines ungekannten Wohlstandes der Stadt. Das edlere Porzellan wurde allerdings in Sèvres bei Paris hergestellt. Dort wurde das Tongut bei einer niedrigeren Temperatur gebrannt, wodurch die Porzellanwaren zwar zerbrechlicher, aber auch feiner wurden. Bis zur Revolution war Lyon ein Zentrum der Seidenindustrie. Nachdem sich die Stadt unter der Führung royalistischer Industrieller gegen die Herrschaft des Konvents erhoben hatte, richtete die Revolutionsarmee ein wahres Blutbad an. Obwohl nach der Niederschlagung des Aufstands ein Befehl zur Zerstörung der Stadt ausgegangen war, waren doch noch viele schöne Elemente im Stadtbild erhalten geblieben. Die Place Bellecour, einer der größten Plätze Europas, bildete das Zentrum der Stadt. Aber alle Pracht konnte nicht verdecken, dass sich die Stadt im wirtschaftlichen Niedergang befand.

2. Spanien und Portugal

Seit 1700 wurde Spanien vom Königshaus der Bourbonen regiert. Die Thronfolge Philipps V. (1700-1746) löste einen der größten Kriege aus, den die Welt bisher erlebt hatte. Am Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) beteiligten sich nicht nur viele europäische Staaten, auch die Überseegebiete wurden mit in den Konflikt gezogen. Für Spanien endete der Krieg mit dem Verlust seiner Besitzungen in Italien und den Niederlanden. Nach dem Friedensschluss von 1714 richtete Philipp V. sein Augenmerk auf die inneren Probleme des Landes. Er setzte eine absolutistische Herrschaft durch und erreichte, dass die Cortes, die Ständevertretungen des Landes, nicht mehr einberufen wurden. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erlebte das Land einige Jahrzehnte der wirtschaftlichen Erholung, in welchen auch die Macht der Kirche eingeschränkt wurde. 1767 wurden die Jesuiten, die in Spanien immer ein den Fortschritt hemmender Faktor gewesen waren, des Landes verwiesen. Aber in den letzten Jahren des Jahrhunderts wurden diese positiven Entwicklungen durch die Politik des Ministers Manuel de Godoy, des eigentlichen Herrschers des Landes, wieder zunichtegemacht.

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts erlebte die Hauptstadt Madrid einen wahren Bauboom. Der ausladende und von reicher Ornamentik geprägte spätbarocke Stil des Churriguerismus, benannt nach der Architektenfamilie Churriguera, gab der Stadt ein neues Gesicht. Vor allem an der Plaza Mayor lassen sich die Meisterwerke der Brüder Churriguera bewundern. Die später errichteten Gebäude zeugen von einem weniger eigenständigen Charakter der spanischen Architektur. Die vielen klassizistischen Stadtpaläste wurden vor allem von der französischen Architektur beeinflusst. Der 1734 abgebrannte Alcázar wurde durch einen neuen Königspalast ersetzt, der vor allem von ausländischen Künstlern, darunter auch der Italiener Tiepolo, ausgestaltet wurde. Der Einfluss Tiepolos wird auch in den Gemälden des einzigen herausragenden spanischen Malers des 18. Jahrhunderts, Francisco de Goya, deutlich. Goya arbeitete seit 1786 am spanischen Hof, wo er ungeschönt realistische Porträts der Mitglieder der königlichen Familie schuf. Auch in der Musik kamen die wichtigsten Einflüsse aus dem Ausland. Der Italiener Domenico Scarlatti hatte während seines jahrelangen Aufenthalts in Madrid wichtige Impulse für die Entwicklung der spanischen Klaviermusik gegeben, und sein Landsmann Ridolfo Luigi Boccherini beeinflusste besonders die Kammermusik seiner Zeit.

In Portugal taten sich ganz ähnliche Entwicklungen wie im Nachbarland Spanien auf. Während der Zustrom von brasilianischem Gold den wirtschaftlichen Niedergang überdeckte, wurde die Macht der Kirche zurückgedrängt und die Kultur vor allem durch ausländische Künstler geprägt. 1755 zerstörte ein gewaltiges Erdbeben den größten Teil Lissabons.

3. Italien

Die politische Gliederung der italienischen Halbinsel erlebte eine Reihe von Veränderungen. Für einige Zeit war Savoyen, mit seiner wohl organisierten Verwaltung und seiner straffen militärischen Organisation, zur bedeutendsten Macht Italiens aufgerückt. Unterdessen befanden sich die anderen italienischen Staaten, vielleicht mit Ausnahme der aufgeklärten Toskana, auf dem Weg des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs. Armut und Banditentum, die schon im vorangegangenen Jahrhundert zu einem großen Problem geworden waren, nahmen im 18. Jahrhundert weiter zu. Seit dem Feldzug Napoleons im Jahr 1796 überstürzten sich die Ereignisse. Am Ende des Jahrhunderts bestand der Großteil Italiens aus von Frankreich abhängigen Republiken: Im Norden die Zisalpinische und die Ligurische Republik, im Süden die Parthenopeische Republik und auf dem Gebiet des ehemaligen Kirchenstaates in Mittelitalien die Römische Republik. 1798 wurde Rom von französischen Truppen besetzt, vieler Kunstschätze beraubt und Pius VI. (1775-1799) verhaftet und in Valence festgehalten.

Neapel war seit 1735 die Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs. Mit 500 000 Einwohnern war es, nach London, Paris und Istanbul, die viertgrößte Stadt Europas. Auffallend war hier die große Anzahl von Bettlern, den lazzaroni, welche die Straßen bevölkerten.

In Neapel lebten mindestens 100 000 dieser Ausgestoßenen. In starkem Gegensatz dazu stand das Leben der Höflinge und der hohen Geistlichkeit sowie der Beamten und Juristen, die sich durch korrupte Praktiken eine bessere Lebensführung leisten konnten. Im Vergleich dazu führte der Geschichtsphilosoph Giovanni Battista Vico (1668-1744) ein äußerst bescheidenes Leben. Dieser Universalgelehrte erhielt als Universitätsprofessor den kärglichen Betrag von 40 Dukaten im Jahr. Nur durch die Erteilung von Privatunterricht konnte er sein Leben finanzieren.

Im Südosten der Stadt, am Fuß des Vesuv, fanden seit 1738 archäologische Ausgrabungen statt. Man hatte hier die Reste zweier römischer Städte, Pompeji und Herculaneum, gefunden. Vor allem Pompeji war kaum zerstört, da die Stadt 79 n. Chr. unter einem Ascheregen begraben worden war. Diese Entdeckung einer Stadt, die nicht langsam verfallen, sondern von einem Tag auf den anderen versteinert worden war, beeindruckte die Gebildeten ganz Europas sehr. Unter anderem auch wegen dieser Entdeckungen nahm in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts das Interesse am klassischen Altertum zu. Offensichtlich hatte man von der verschwenderischen Pracht des Barock und des Rokoko genug und kehrte zu den einfachen Formen der Antike zurück. In Venedig erreichte die Malerei einen neuen Höhepunkt. Die Vedutenmaler verewigten die Stadt und ihre Einwohner und fanden ihre Käufer in den zahlreichen Besuchern der Stadt. Der berühmteste venezianische Maler jener Zeit war Giambattista Tiepolo, dessen Fresken viele europäische Fürstenhöfe zierten. 1797 fand die 1 100 Jahre dauernde Unabhängigkeit der Republik Venedig ihr Ende, und die Stadt wurde der Herrschaft Österreichs unterstellt.

Die lombardische Stadt Cremona war über einen Zeitraum von über 200 Jahren das Zentrum des Geigenbaus in Italien. Am Anfang der Cremoneser Schule stand Andrea Amati, dessen Enkel Nicola Amati der Lehrmeister Antonio Stradivaris und Andrea Guarneris werden sollte.

Mailand war während fast des ganzen Jahrhunderts in österreichischer Hand gewesen. Am Ende des Jahrhunderts wurde die Stadt zur Hauptstadt der Zisalpinischen Republik. 1778 wurde dort das Teatro alla Scala (La Scala) nach Entwürfen des Architekten Giuseppe Piermarini errichtet, ein riesiges Opernhaus mit über 3 000 Sitzplätzen, das den Ruf der Stadt als Mekka der Opernliebhaber festigte.

4. Russland

Im Lauf des 18. Jahrhunderts verlegte das Russische Reich seine Grenzen weiter nach Westen und dehnte sich bis an das Schwarze Meer und an die Ostsee aus. Unter Zar Peter I. dem Großen vollzog sich zu Beginn des Jahrhunderts eine Ausrichtung auf Europa, die oberflächlich gesehen zwar tief greifende Auswirkungen hatte, aber nach Ansicht vieler das russische Wesen in keiner Weise berührte. Zu den Reformen, die Peter der Große veranlasste, gehörten die Einführung einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik, die Einrichtung von Staatsmonopolen auf verschiedene industrielle Produkte, die Modernisierung des Heeres und der Aufbau einer Flotte. Diese Entwicklungen vollzogen sich meist unter der Aufsicht von „Deutschen,” womit in Russland alle europäischen Ausländer bezeichnet wurden. In seinem Bestreben, Russland zu europäisieren, ging Peter der Große so weit, dass er eine europäische Kleiderordnung durchsetzte und das Tragen von Bärten verbot. Mit der ersten russischen Sammlung von Benimmregeln versuchte man die französischen Essgewohnheiten auch in Russland durchzusetzen: Beim Essen sollte man sich nicht kratzen oder auf den Boden spucken, und beim Tischgespräch, welches leichte Themen behandeln sollte, hatte man den Gesprächspartner anzuschauen.

Die Reformpolitik Peters des Großen wurde von Zarin Katharina II. der Großen weitergeführt, die 37 Jahre nach seinem Tod den Thron bestieg. In der Zwischenzeit lag die Herrschaft in den Händen unfähiger Zaren, die den Staatsschatz als ihr persönliches Eigentum betrachteten. Während dieser Jahrzehnte wuchs die Macht des Adels weiter an, während die Stellung der Leibeigenen noch schlechter als im Jahrhundert zuvor wurde. Viele Leibeigene mussten als Sklaven in der Industrie arbeiten, Familien wurden auseinandergerissen, und wer sich gegen eine solche Behandlung wehrte, wurde nach Sibirien verbannt. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Menschen, unter denen die Erinnerung an den Bauernaufstand von 1670/1671 unter Stenka Rasin noch lebendig war, sich 1773 erneut erhoben. Der Donkosake Jemeljan Pugatschow sammelte Hunderttausende von Rechtlosen um sich und zog mit ihnen entlang der Wolga nach Norden. Erst eine Seuche, die im Aufstandsgebiet ausbrach, konnte diesen Zug aufhalten. Pugatschow wurde in einem eisernen Käfig nach Moskau gebracht und dort hingerichtet. Danach sollte die Unterdrückung der Leibeigenen noch weiter zunehmen. So konnte man in der Zeitung Anzeigen mit Texten wie diesen lesen: „Zu verkaufen, zwei kräftige Kutscher”, „zwei Mädchen, 18 und 15 Jahre, hübsch” oder „zwei Frisöre, der eine, 21, kann lesen, schreiben und ein Instrument spielen, der andere kann Damen- und Herrenschnitte ausführen”.

Seit 1712 war Sankt Petersburg, eine neu gegründete Stadt am Finnischen Meerbusen, der Regierungssitz. Diese Hauptstadt war an einer symbolträchtigen Stelle gegründet worden. Sie sollte das Fenster nach Westen sein, nach dem seit Peter dem Großen als vorbildlich angesehenen Europa. Seit 1703 war die Stadt in sehr kurzer Zeit von 80 000 Arbeitern an einer Stelle aus dem Boden gestampft worden, die kurz zuvor noch zu Schweden gehört hatte. Diese Leistung ist umso bewundernswerter, da der Boden dort sehr sumpfig war, so dass die ganze Stadt auf Stelzen konstruiert werden musste. Da die Stadt auf einer Anzahl von Inseln im Delta der Newa errichtet wurde, die kaum über dem Meeresspiegel lagen, wurde sie jedes Jahr von Überschwemmungen bedroht. In der Stadt gab es weniger Holzhäuser als in anderen russischen Städten, obwohl dieses Material einige Vorteile gegenüber dem Steinbau bietet: Der Wohnraum bleibt wärmer und trockener, die Bauzeit ist kürzer, und außerdem lassen sich Holzhäuser relativ mühelos von einem Ort an einen anderen versetzen. Da Sankt Petersburg beständig wuchs – gegen Ende des 18. Jahrhunderts lebten dort bereits 200 000 Menschen –, war das Stadtbild von Bauarbeiten geprägt. Die Newa war die Lebensader der Stadt. Auf ihr bewegten sich die Lastkähne mit Kalk, Stein, Marmor und Granit für die Baustellen der Stadt. Über den Fluss und seine Nebenarme spannten sich einige Pontonbrücken, durch die die verschiedenen Inseln miteinander verbunden wurden. In der Karnevalszeit war die Newa das Zentrum der Feierlichkeiten. Auf dem zugefrorenen Fluss häufte man Eishügel auf, die durch eine hölzerne Konstruktion zusammengehalten wurden. Diese Hügel benutzte man als Schlittenabfahrten. Die ganze Stadt nahm an diesem Vergnügen teil. In Sankt Petersburg lebten viele Ausländer mit den verschiedensten Berufen – von der Gouvernante bis zum Eishauer, vom Koch bis zum Lehrer. Die Sprachkenntnisse dieser Ausländer waren oft erstaunlich. Viele von ihnen konnten Russisch, Finnisch und Deutsch, und manche sprachen gar acht verschiedene Sprachen, die sie dann oft zu einer eigentümlichen Mischung kombinierten. Die Ausländer und die andauernden Bauarbeiten machten Sankt Petersburg zu einer dynamischen Stadt, die – ganz im Geiste ihres Gründers Peters des Großen – Russland mit dem Westen verband.

5. Schweden

Nachdem das Schwedische Reich trotz seiner geringen Bevölkerungszahl im 17. Jahrhundert den Ostseeraum beherrscht hatte, verlor das Land während des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) seine Vormachtstellung: Der ehrgeizige König Karl XII. (1682-1717) hatte sich zu hohe Ziele gesetzt, und seine Armeen wurden schließlich von den Russen vernichtend geschlagen. Nach dem Tod des Königs schränkte der Reichstag die Macht des Monarchen ein, um solche Entwicklungen in Zukunft zu vermeiden. Daraufhin standen die Könige lange Zeit im Schatten des Parlaments, bis Gustav III. 1772 in einem Staatsstreich mit der Hilfe Frankreichs die Macht an sich riss. Sein aufgeklärt-absolutistischer Herrschaftsstil führte zu Konflikten mit dem Adel, die 1792 in seiner Ermordung während eines Maskenballs in der Stockholmer Oper ihren Höhepunkt fanden.

Die Hauptstadt Stockholm entwickelte sich während seiner Herrschaft zu einem wichtigen kulturellen Zentrum. An dem 1782 von C. F. Adelcranz fertig gestellten Opernhaus gaben deutsche Musiker herausragende Aufführungen. Beliebt waren vor allem die Opern von Christoph Gluck, deren Libretti ins Schwedische übersetzt wurden. Die 1786 errichtete Schwedische Akademie gab der schwedischen Literatur wichtige Impulse. Das 1754 fertig gestellte Königliche Schloss stand in seiner Pracht dem Hof Ludwigs XIV. nicht nach, freilich musste auch hier das Volk diese Pracht mit hohen Steuern bezahlen. Das Leben auf dem Land stand in krassem Gegensatz zum städtischen Leben Stockholms. Der Großteil der Bevölkerung, überwiegend Kleinbauern, lebte im Süden des Landes. Hier war Göteborg – wegen der vielen Engländer, die dort lebten, oft auch Little London genannt – die wichtigste Hafenstadt. Im Norden des Landes waren große Gebiete fast unbewohnt. In Lappland lebte nur eine geringe Zahl von samischen Nomaden, die Rentierzucht betrieben. In dieses Gebiet führte die erste große Forschungsreise des Botanikers Carl von Linné, deren Ergebnisse er in der Flora Lapponica niedergeschrieben hat. Seine Reise durch dieses karge Gebiet beschrieb er in seinem Buch Iter Lapponicum. Der folgende Auszug vermittelt einen Eindruck von der Unzugänglichkeit des Gebietes:

„Schließlich erreichten wir eine Bucht des Flusses … Wir kamen hier nur unter größter Lebensgefahr weiter. Ich fand dies eine heikle Sache … Direkt dahinter gerieten wir in ein Sumpfgebiet, das großenteils unter Wasser stand. Dort mussten wir sicher reichlich zehn Kilometer hindurchstapfen … Bei jedem Schritt sanken wir bis zu den Knien ins Wasser, und wenn wir keine Grasbüschel fanden, auf denen wir unsere Füße abstützen konnten, noch tiefer. An manchen Stellen war die Tiefe bodenlos, so dass wir einen Bogen machen mussten. Unsere Stiefel waren voll mit eiskaltem Wasser, denn hier und da war der Boden noch gefroren. Wenn ich diesen Weg als Strafe für eine Todsünde hätte gehen müssen, dann wäre das grausam genug gewesen, aber was sollte ich dazu sagen. Ich wünschte mir, dass ich diese Tour nie begonnen hätte … Dieses ganze Land der Lappen war ein einziger Sumpf. Darum nannte ich es Styx.”

6. Polen

Nach drei Teilungen in den Jahren 1772, 1793 und 1795 (siehe polnische Teilungen) war Polen von der Landkarte verschwunden, obwohl es zu Anfang des Jahrhunderts noch der zweitgrößte Flächenstaat Europas war, der von der Ostsee bis fast ans Schwarze Meer reichte. Wie das Heilige Römische Reich ging auch Polen an seiner unzulänglichen inneren Organisation zugrunde, wodurch es den Großmächten die Gelegenheit gab, das Land als Spielball ihrer diplomatischen Ränke zu benutzen. Als sich die Nachbarstaaten Russland, Preußen und Österreich 1795 auch den letzten Rest Polens einverleibten, flohen viele Bewohner ins Ausland. Vor allem in Frankreich gab es eine große polnische Gemeinschaft, die von einer triumphalen Heimkehr im Gefolge Napoleons träumte.

7. Preußen

Preußen, seit 1701 ein Königreich, hatte seine Grenzen stetig ausgedehnt. Unter Friedrich I. (1688/1701-1713) gehörte es noch zu den deutschen Mittelmächten, am Ende des Jahrhunderts jedoch war sein Territorium auf das Dreifache angewachsen. Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), dessen Maxime „Die Seele ist für Gott, alles andere gehört mir” einen treffenden Eindruck von den Erwartungen gibt, die dieser „Soldatenkönig” an seine Untertanen stellte, führte umfassende innere Reformen durch. Sein Hauptaugenmerk galt dabei dem Heer, das während seiner Herrschaft auf 83 000 Mann anwuchs. Nicht weniger als 85 Prozent des Haushalts wurden auf das Heer verwendet. Sein Sohn, Friedrich II., der Große (1740-1786), verdoppelte die Größe der Streitkräfte noch einmal und machte damit sein Heer zu einem der gefürchtetsten Europas. Dieser kultivierte aufgeklärte Absolutist hatte sich schon in seiner Jugend mit Literatur und Philosophie befasst, zum Missvergnügen seines Vaters, dessen Interessen eher dem Aufbau seiner Garde der Langen Kerls galt. Bereits in seinem Krönungsjahr 1740 erschien in Den Haag anonym der Antimachiavell, eine Abhandlung, deren Autor, wie sich 1767 erwies, Friedrich der Große war. In 26 Kapiteln werden dort die 26 Thesen Machiavellis widerlegt, die jener in seinem Il Principe (Der Fürst) aufgestellt hatte. An die Stelle des traditionellen Absolutismus stellte Friedrich einen aufgeklärten Absolutismus, in dem der Fürst der erste Diener des Staates zu sein hat, ein Diener, der die Interessen des Staates über die eigenen stellt. Das Buch wurde von dem französischen Philosophen Voltaire, mit dem der König in regem Briefwechsel stand, überarbeitet.

Im Krönungsjahr Friedrichs des Großen begann der damals 16-jährige Immanuel Kant, an der Universität Königsberg Theologie zu studieren. 30 Jahre später, nachdem er einige Aufsehen erregende Publikationen verfasst hatte, wurde er dort Professor für Logik und Metaphysik. 1781 erschien seine Kritik der reinen Vernunft, in der er der Frage nachgeht, ob es Erkenntnisse gibt, die unabhängig von der Erfahrung existieren. Die Aufklärung sah er als den „Aufbruch des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit”. 1788 erschien seine Kritik der praktischen Vernunft und zwei Jahre später seine Kritik der Urteilskraft.

Friedrich der Große schuf in Preußen ein Klima der Toleranz und des regen Geisteslebens. Im Staat herrschten Religionsfreiheit und eine allgemeine Grundschulpflicht. Das Land wurde dadurch zum Ziel zahlreicher Einwanderer. Über 300 000 Immigranten kamen während der Regierungszeit Friedrichs des Großen nach Preußen. Der König machte sein Schloss Sanssouci zu einem wichtigen kulturellen Zentrum. Voltaire zeigte sich über die Verwandlung, die die Residenz erlebt hatte, verblüfft.

Ein österreichischer Gesandter beschrieb in einem Bericht an Kaiserin Maria Theresia das tägliche Leben und den Charakter des „Alten Fritz”, wie Friedrich in seinen späteren Regierungsjahren in der Bevölkerung genannt wurde:

„Der König lebt zurückgezogen und spricht nur mit einigen Auserwählten, die man als Staatsgefangene bezeichnen könnte, denn sie haben keinerlei Umgang mit dem Rest des Hofes und der Stadt. Er macht alles selbst. Das Staatsgeheimnis ist unerforschlich und wird es auch bleiben, solange er lebt. Seine Kabinettsminister … dienen ihm nur als seine Lakaien. Alle Mitteilungen, die ihnen gemacht werden, nehmen sie ad referendum auf, und sie geben die Antwort stets genau so wieder, wie sie der König gegeben hat. Deshalb gibt es mit ihnen nicht viel zu verhandeln. Die Tageseinteilung des Königs ist streng geregelt. Er steht gewöhnlich um sechs Uhr auf und spielt eine halbe Stunde auf der Flöte, während er auf seinen Kaffee wartet. Dann kleidet er sich an und arbeitet bis elf Uhr in seinem Kabinett. Anschließend wohnt er der Wachparade bei, erteilt die Parole und spielt nach seiner Rückkehr in das Schloss wieder Flöte bis zum Mittagessen. Während der Mahlzeit ist er gewöhnlich ziemlich fröhlich. Danach ruht er eine halbe Stunde auf einem Sofa … Anschließend arbeitet er oder geht bis sieben Uhr abends spazieren. Dann beginnt das Konzert, bei dem der König selbst spielt und niemand außer den Musikern und engen Freunden anwesend zu sein wagt. Um neun Uhr nimmt er das Souper ein … Seine ihn beherrschende Leidenschaft ist zweifellos sein Streben nach Ruhm. Nicht zufrieden mit dem Ruhm, den er durch seine eigenen Talente und sein Kriegsglück erwirbt, imitiert er alles, was seinen Ruhm seiner Ansicht nach steigern könnte. So baut er nach dem Vorbild von Ludwig XIV. und Versailles ein Schloss, das, wie sein Neffe sagt, noch größer werden soll als das Schloss in Berlin. Im Augenblick lässt er ein prächtiges goldenes Service anfertigen, wahrscheinlich um die anstehende Vermählung des Prinzen von Preußen mit noch viel größerer Pracht als der, die bei der Vermählung des Erzherzogs Joseph entfaltet wurde, zu feiern. Wie Julius Caesar beschreibt er sein Leben und seine Feldzüge. Er übertrifft Karl XII. in der Nonchalance seiner Kleidung, die schon fast schmutzig ist.”

Unter den Nachfolgern Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm II. (1786-1797) und dessen Sohn Friedrich Wilhelm III. (1797-1840), verlor die Monarchie viel von ihrem Glanz. Der Aufstieg Preußens zu einer führenden Stellung unter den europäischen Großmächten schien einen Rückschlag erhalten zu haben. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte Berlin 150 000 Einwohner und war, obwohl die Stadt in diesem Jahrhundert zweimal besetzt und geplündert worden war, eine wohlhabende Stadt mit reichhaltiger Architektur. Das kulturelle Leben orientierte sich an Frankreich. Dies lag nicht zuletzt an der großen Anzahl von Nachkommen der Hugenottenflüchtlinge wie auch an der frankreichfreundlichen Politik Friedrichs des Großen. Die Residenzstadt Potsdam im Westen Berlins hatte sich rasant entwickelt. Die wichtigsten Bauten der Stadt wurden in der Zeit Friedrichs des Großen errichtet, darunter vor allem auch Schloss Sanssouci, einer der schönsten Rokokobauten in Deutschland. Das Leben auf dem Land, vor allem im Osten des Königreichs, war weniger reizvoll als das in den Städten. Wenn man von den Krondomänen absieht, so waren die meisten Bauern Leibeigene der Großgrundbesitzer, der Junker. Sie durften nur mit Zustimmung des Grundherrn heiraten, das Gut verlassen oder einen Beruf erlernen.

8. Österreich

Für Österreich war das 18. Jahrhundert eine Zeit der Erfolge. Das Land entwickelte sich zu einer der größten Mächte in Europa und erbrachte im kulturellen Bereich hervorragende Leistungen. In den ersten 25 Jahren des Jahrhunderts wurden die Habsburgergebiete in ansehnlicher Weise ausgedehnt, aber am Ende des Jahrhunderts war das Territorium nicht größer als um 1700. Der politische Einfluss hatte allerdings kaum abgenommen. Im Streit mit dem napoleonischen Frankreich stand das Land noch immer an vorderster Front.

Die interne Struktur Österreichs erwies sich als ein Quell ständiger Instabilität. Auch die Bemühungen der Kaiserin Maria Theresia und ihres Nachfolgers Joseph II. um die Schaffung eines Einheitsstaates änderten daran nichts. Vor allem Joseph II. ergriff einschneidende Maßnahmen zur Zentralisierung und Modernisierung des Staates. Zu einschneidend vielleicht, wenn man betrachtet, mit welcher Hast die Reformen nach seinem Tod 1790 wieder zurückgenommen wurden. Kaiser Joseph II., der deutlich von den Ideen der neueren französischen Philosophen beeinflusst wurde, hatte eine weniger geduldige Natur als seine Mutter. Unmittelbar nach ihrem Tod erließ er eine Flut von progressiven Erlassen: Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, die steuerliche Gleichstellung aller Stände und die Presse- und Religionsfreiheit eingeführt. Auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes erlebte einen starken Aufschwung. In Triest wurde sogar eine Ostindische Kompanie gegründet, der aber – wie so vielen Reformen des Kaisers – kein Erfolg beschieden sein sollte. Diese Reformen führten schließlich vor allem zu Unruhen und Aufständen, die sich erst wieder legen sollten, als die Kräfte, die die Restauration anstrebten, unter Franz II. erneut freie Hand hatten.

Die Hauptstadt Wien hatte sich inzwischen zu einem der bedeutendsten kulturellen Zentren Europas entwickelt. Im Burgtheater, dem Leopoldstädter Theater und dem Theater in der Josefstadt fanden allabendlich Aufführungen statt, und mit der Albertina verfügte die Stadt über eine der größten Kupferstichsammlungen der Welt. Vor allem aber war Wien eine Stadt der Musik. In der Mitte des Jahrhunderts arbeitete Christoph Willibald von Gluck hier an seinen Reformopern, und seither wuchs die Stadt immer mehr in die Rolle hinein, die Italien gespielt hatte, als noch jeder professionelle Musiker seine Ausbildung dort genossen hatte. Von großer Bedeutung für diese Entwicklung war natürlich auch die regelmäßige Anwesenheit der beiden größten Komponisten ihrer Zeit, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, obwohl Letzterer nicht immer die Anerkennung fand, die ihm zugestanden hätte. So starb Mozart 1791 in solcher Armut, dass die Kosten für eine reguläre Bestattung nicht aufgebracht werden konnten und er in einem Armengrab beigesetzt wurde. Kurz vor seinem Tod war noch Die Zauberflöte uraufgeführt worden, eine Oper, die deutlich Zeugnis von Mozarts Interesse an der Freimaurerei ablegt. Diese Oper wurde seither zu einem wahren Volksstück, das in Hunderten von Aufführungen im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt gemacht wurde.

Auf dem Gebiet der Architektur wurden in der ersten Hälfte des Jahrhunderts einige Glanzstücke der europäischen Barockarchitektur geschaffen: das Obere Belvedere und die Peterskirche von Johann Lucas von Hildebrandt sowie die Karlskirche von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Letzterer war auch der Architekt der kaiserlichen Sommerresidenz Schloss Schönbrunn, die sogar Versailles in den Schatten stellen sollte.

1738 wurde das neu gestaltete Benediktinerkloster Melk an der Donau vollendet. Den ursprünglichen Entwurf von Jakob Prandtauer führte Josef Munggenast nach dessen Tod fort. Melk ist eine der schönsten der vielen Klosteranlagen, die in jenem Jahrhundert im süddeutschen Raum und in Österreich errichtet wurden. Die Hauptachse des Bauwerks ist 320 Meter lang und endet in der sehr plastisch geformten Fassade der Kirche, deren Aufbau an die Jesuitenkirche Il Gesù in Rom erinnert. Neben den Bauwerken von Balthasar Neumann, Caspar Moosbrugger, Fischer von Erlach und Johann Lucas von Hildebrandt gehört diese Klosteranlage zu den schönsten Beispielen des deutsch-österreichischen Barock.

Im ungarischen Teil des habsburgischen Vielvölkerreichs gewannen die Städte Buda und Pest (siehe Budapest) ihre führende Stellung, die sie im vorangegangenen Jahrhundert an Preßburg verloren hatten, zurück. Im Konkurrenzkampf der beiden Nachbarstädte links und rechts der Donau hatte Pest Buda schließlich überholt, als die wichtigsten Regierungsgebäude auf seiner Seite des Flusses errichtet wurden.

9. Die anderen deutschen Länder

Viele der deutschen Länder hatten Ende des 18. Jahrhunderts unter dem napoleonischen Frankreich schwer zu leiden. Alle Gebiete westlich des Rheins fielen den Revolutionstruppen in die Hände. Das Heilige Römische Reich, das schon länger im Zustand der Auflösung begriffen war, fiel nun rasch auseinander. Franz II. sollte der letzte Kaiser dieses Reiches sein.

Das Kurfürstentum Sachsen hatte sich inzwischen von den Katastrophen des vorangegangenen Jahrhunderts erholt. Die blühende Porzellan- und Textilindustrie trug zur finanziellen Sanierung des Landes bei. Die Hauptstadt Dresden, die 1685 bei einem Brand weitgehend zerstört worden war, wurde nun zu einer der schönsten Städte Deutschlands wiederaufgebaut, mit Bauwerken wie dem Zwinger, einem Barockschloss von Matthäus Daniel Pöppelmann. Man nannte Dresden nicht zu Unrecht das „Elbflorenz”.

In Leipzig lebte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts der Komponist Johann Sebastian Bach, dessen Werke allerdings bald nach seinem Tod 1750 aus der Mode kamen und erst im 19. Jahrhundert wieder entdeckt wurden. Leipzig war vor allem für die alljährlich stattfindenden Messen bekannt, die den Handel in der Stadt belebten.

In Hannover starb 1716 einer der größten Gelehrten seiner Zeit: Gottfried Wilhelm von Leibniz. Die res publica litteraria, die europäische Gelehrtenrepublik, verlor damit einen Mittler, der mit fast allen wichtigen Denkern und Wissenschaftlern seiner Zeit in Kontakt stand. Durch seine umfangreiche Korrespondenz hatte Leibniz einen großen Beitrag zum Austausch von Ideen und Erkenntnissen geleistet. Abgesehen von seinen Leistungen als Philosoph der harmonia praestabilita (der von Gott bestimmten Harmonie zwischen den verschiedenen Elementen des Seienden), wie er sich selbst gern nannte, und als Naturwissenschaftler, Philologe und Rechtswissenschaftler, hatte sich dieser Universalgelehrte auch für das Zustandekommen eines ökumenischen Konzils der Katholiken und Protestanten eingesetzt. Dieser innigste Wunsch des so reich talentierten Leibniz erfüllte sich allerdings nicht.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden einige der wichtigsten Werke der deutschen Literatur verfasst. Dazu gehören Lessings Nathan der Weise (1779) und Schillers Die Räuber (1788). 1774 erschien in Frankfurt am Main ein Roman, der seinen Autor, den damals erst 25-jährigen Johann Wolfgang von Goethe, auf einen Schlag berühmt machen sollte: Die Leiden des jungen Werther. Es handelte sich um einen Briefroman über eine unerwiderte Liebe. Die dramatische Handlung schien genau die Empfindungen der Jugend wiederzugeben, denn das Buch löste eine Modewelle aus: Man parfümierte sich mit Eau de Werther, imitierte die Kleidung der Hauptperson, und manche schreckten nicht einmal davor zurück, den Selbstmord des Werther stilecht zu kopieren.

Von 1720 bis 1778 war Mannheim die Hauptstadt der Kurpfalz. In dieser Zeit entwickelte sich die Stadt zu einem Mekka der Musikliebhaber. Das Hoforchester erschien einem der Besucher wie „eine Armee von Generälen, die ebenso fähig sind, einen Schlachtplan zu entwerfen, als auch darin zu kämpfen”. Der europaweite Ruhm des Orchesters war vor allem der böhmischen Familie Stamitz zu verdanken. Die ungewöhnliche Orchesterbesetzung war so wirkungsvoll, dass sie seither von fast allen anderen Orchestern übernommen wurde. Auch die disziplinierte Orchesterführung, die vor allem in der Dynamik zum Ausdruck kam, scheint ohnegleichen gewesen zu sein: „Sein forte ist ein Donnerschlag, sein crescendo ein Wasserfall, sein diminuendo ein in der Ferne plätschernder kristallklarer Bach, sein piano eine Frühlingsbrise.”

Mit der Verlegung der Hauptstadt nach München 1778 war diese Phase der musikalischen Blüte vorbei. 1795 wurde das Gebäude der kurfürstlichen Oper von der französischen Artillerie vernichtet. Das neue Hoforchester bestand nicht aus professionellen Musikern und erreichte daher nicht mehr das frühere künstlerische Niveau.

In Süddeutschland, insbesondere in Bayern, wurden während des 18. Jahrhunderts viele barocke Kirchen und Schlösser errichtet. Zu den wichtigsten Zeugnissen des süddeutschen Barock zählt die Wieskirche bei Steingaden.

10. Die Nördlichen Niederlande

Am Ende des 18. Jahrhunderts steckte die Batavische Republik, wie die Nördlichen Niederlande seit 1795 hießen, in Schwierigkeiten. Wieder befanden sich ausländische Truppen im Land. Eine englisch-russische Invasionsmacht war am 27. August 1799 bei Den Helder gelandet und hatte dem französisch-batavischen Heer unter den Generälen Brune und Daendels eine Niederlage zugefügt. Die englischen Truppen rückten allerdings nicht weiter vor und gaben damit den Truppen Daendels die Möglichkeit, sich zu reorganisieren.

Der Ruhm, den das Land als Republik der Vereinigten Niederlande einst besaß, war bereits vor den Umwälzungen des Jahres 1795 verblasst. Schon seit vielen Jahrzehnten konnte man die Republik nicht mehr zu den Großmächten zählen. Nach dem Frieden von Utrecht 1713 zeigte es sich, dass sie militärisch und wirtschaftlich deutlich schwächer als England und Frankreich war. Die schwache staatliche Organisation, die sich schon im 17. Jahrhundert als hemmend erwiesen hatte, konnte nun, da es an charismatischen Führungspersönlichkeiten fehlte, nicht mehr verborgen bleiben. Auch kulturell erlebte das Land einen Niedergang. Unter den Künstlern des Jahrhunderts gab es kaum welche, deren Namen internationale Bekanntheit erlangten. So kann man das 18. Jahrhundert als ein Jahrhundert des militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verfalls ansehen.

Und doch spielte die Republik der Vereinigten Niederlande mit ihrer geringen Fläche und Einwohnerzahl weiterhin eine Rolle, welche die vergleichbar großer Staaten übertraf. Das Handelsvolumen hatte sich über lange Zeit auf dem Niveau des vorangegangenen Jahrhunderts gehalten. Zwar nahm der Warenaustausch mit den Ostseehäfen sowie mit England und Frankreich ab, was aber durch einen verstärkten Handel mit Russland, Spanien und dem Rheinland ausgeglichen werden konnte. In vielen Bereichen des produzierenden Gewerbes zeigte sich allerdings ein deutlicher Verfall. Dies galt vor allem für die Textilindustrie in Leiden und Haarlem, in geringerem Umfang aber auch für den Schiffbau, die Porzellanherstellung und das Braugewerbe. Der verstärkte Einsatz von Kinderarbeit ermöglichte es den Industriellen zwar, die Produktionskosten zu senken, er führte allerdings auch zu einer steigenden Arbeitslosigkeit unter den Erwachsenen. Die Arbeitslosigkeit und skrupellose Ausbeutung ließen viele Handwerker verarmen. Der Gegensatz zwischen dem Reichtum der Unternehmer, Kaufleute und Regierenden auf der einen Seite und dem gewöhnlichen Volk auf der anderen entlud sich immer wieder in Revolten der hungrigen Massen. Auch nachdem die Verfassung von 1798 die Förderung der allgemeinen Wohlfahrt zu den Staatszielen zählte, ließ sich eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen nicht feststellen.

Die großen Handelsgesellschaften, die ihren Sitz meist in Amsterdam hatten, wurden gegen Ende des Jahrhunderts aufgelöst. Die Westindische Kompanie erlebte durch den Sklavenhandel noch einige erfolgreiche Jahre, aber auf Dauer wurde die Gesellschaft durch interne Korruption und den Druck der englischen Konkurrenz so sehr geschwächt, dass der Staat 1792 ihre Schulden und ihre Besitzungen übernahm. Die Ostindische Kompanie konnte sechs Jahre länger überleben, doch auch sie war hoch verschuldet und wurde schließlich ebenfalls verstaatlicht. Nicht nur das wirtschaftliche Leben in Amsterdam erlebte einen Rückschlag, auch auf dem Gebiet der Kultur hatte die Stadt immer weniger zu bieten. Der realistische Schwung der Maler des vorangegangenen Jahrhunderts war einer ruhigen Bedächtigkeit gewichen. In der Literatur hatte die Übernahme des Klassizismus aus dem Ausland keine literarischen Höchstleistungen hervorgebracht. In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts traten allerdings einige Schriftsteller auf, welche die Regeln und Formen des Klassizismus ablehnten. Zu nennen sind hier vor allem Elizabeth Wolff-Bekker und Agatha Deken, die sich vor allem mit ihrem gemeinsam verfassten Briefroman Historie van mejuffrouw Sara Burgerhart (Geschichte des Fräuleins Sara Burgerhart) einen Namen machten. Die beiden verfolgten – ganz im Geiste ihrer Zeit – eine moralische Intention.

Die beiden Schriftstellerinnen mussten später mit vielen ihrer Landsleute das Schicksal der Verarmung teilen. Nachdem sie aus Frankreich zurückgekehrt waren, wohin sie 1787 wegen ihrer republikanischen Gesinnung fliehen mussten, hatten sie ihren gesamten Besitz verloren und waren gezwungen, im Alter noch hart zu arbeiten.

Trotz der gesunkenen Qualität der künstlerischen Werke nahm das allgemeine Interesse an der Kultur im Lauf des Jahrhunderts zu. Das Mäzenatentum blühte auf, und einige reiche Bürger nannten Kunstsammlungen von Weltruhm ihr Eigen. Viele wohlhabende Bürger besaßen hervorragend ausgestattete Bibliotheken oder Sammlungen der verschiedensten Objekte: Münzen, Kupferstiche, Gemälde, Porzellan, Instrumente und Edelsteine. Viele wissbegierige Niederländer schlossen sich in Vereinen zusammen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Wissenschaft und Kultur beschäftigten. Dazu gehörten die Gesellschaft der Niederländischen Literaturwissenschaften in Leiden, die Batavische Genossenschaft der Empirischen Philosophie in Rotterdam, die Teylers Genossenschaft in Haarlem und die Gesellschaft zum Nutzen der Allgemeinheit in Amsterdam. Letztere bemühte sich nicht nur um eine Popularisierung der Wissenschaften, sondern auch um die Förderung demokratischer Ideen.

11. Die Südlichen Niederlande

Während der längsten Zeit des Jahrhunderts waren die Südlichen Niederlande in österreichischem Besitz. Im Frieden von Utrecht (1713) waren sie Österreich zugesprochen worden und blieben bis 1794 unter dieser Herrschaft (siehe Österreichische Niederlande), als die französischen Revolutionstruppen die Österreicher bei Fleurus schlugen. Die österreichische Herrschaft bedeutete für die Südlichen Niederlande sicher keine Verschlechterung der Lage gegenüber der Zeit zuvor, in der sie unter der Herrschaft Spaniens standen (siehe Spanische Niederlande). Die österreichischen Habsburger betrieben lange Zeit eine besonnene und intelligente Politik, wobei sie verschiedene Reformen durchsetzten und insbesondere nach einer Zentralisierung der Macht strebten. Das sollte sich allerdings ändern, als Joseph II. 1780 die Nachfolge seiner Mutter Maria Theresia antrat. Während sich Karl VI. und Maria Theresia nicht sehr intensiv um ihre südniederländischen Besitzungen gekümmert und die Macht der lokalen Ständevertretungen kaum beschnitten hatten, wollte der neue Herrscher alle Fäden in die eigene Hand nehmen. Die Entmachtung der einheimischen Elite rief einen energischen Widerstand hervor, der 1789 im Brabanter Aufstand seinen Höhepunkt fand. Seither fand das Land nicht mehr zur Ruhe. 1790 errangen die Österreicher wieder die Kontrolle über das Land. Zwei Jahre später folgte die Besetzung durch französische Revolutionstruppen, die aber 1793 wieder vertrieben wurden. 1794 wurden die Österreichischen Niederlande erneut von Frankreich erobert, welches das Gebiet 1795 formal annektierte und in neun Departements aufteilte: Dyle (mit der Hauptstadt Brüssel), Deux Nèthes (Antwerpen), Escaut (Gent), Lys (Brügge), Jemappes (Mons), Meuse Inférieure (Maastricht), Ourthe (Lüttich), Forêts (Luxemburg) und Sambre-et-Meuse (Namur). Die neuen französischen Herrscher plünderten das Land in großem Stil. Reparationszahlungen von 80 Millionen Franc belasteten die Wirtschaft, Lebensmittel wurden beschlagnahmt und Kunstschätze geraubt. Weitere 500 Millionen Franc gewannen die Franzosen durch die Säkularisierung von 500 Abteien und Klöstern. 15 000 Mönche und Nonnen wurden obdachlos. Die Kirchenverfolgung und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gipfelten in Massenerhebungen, die 1798 fast 10 000 Menschenleben forderten.

1795 wurde der Unterlauf der Schelde und damit der Zugang nach Antwerpen wieder für die Schifffahrt freigegeben. 210 Jahre hatte die Stadt unter der Blockade ihres Zugangs zum Meer durch die Nördlichen Niederlande gelitten. Endlich konnte sie sich daranmachen, ihre alte Stellung als Handelsmetropole wieder einzunehmen. Die Kriegssituation an der Wende zum 19. Jahrhundert begünstigte diese Bestrebungen allerdings nicht.

Der Hafen von Ostende hatte unter der französischen Besatzung besonders zu leiden. In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts erlebte Ostende eine Zeit des Wohlstands, der vor allem den Aktivitäten der Oostendse Compagnie zu verdanken war, die mit Baumwolle und Seide aus Vorderindien und Tee, Porzellan und Seide aus China handelte, bald aber durch die Kolonialmächte von diesen Märkten verdrängt wurde.

Durch die Neueinteilung des Landes in Departements verlor die Stadt Brüssel 1795 ihre Hauptstadtfunktion. Zuvor hatte vor allem der Hof der Landvögte die Stadt zu einem Zentrum des kulturellen Lebens gemacht. Weltweit begehrt war die Brüsseler Spitze, aber auch die Porzellanindustrie verdient es, erwähnt zu werden. Unter Joseph II. gewannen außerdem die chemische Industrie, die Papierindustrie und die Baumwollverarbeitung an Bedeutung.

Die Universität von Löwen, die im 17. Jahrhundert eine Hochburg der Jansenisten war, verlor während des 18. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Verantwortlich dafür war vor allem die Jansenistenverfolgung, zu der der Erzbischof von Mechelen, De Précipiano, aufrief und die unter dem Erzbischof d'Alsace in den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit der Ausschaltung der Anhänger dieser theologischen Richtung ihr Ende fand.

Obwohl sich die wirtschaftliche Lage der Südlichen Niederlande in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stetig verbessert hatte, lebte der Großteil der 2,5 Millionen Einwohner in ärmlichen Verhältnissen. Das Durchschnittseinkommen lag deutlich unter dem der Nördlichen Niederlande, und ein relativ großer Anteil der Bevölkerung litt Hunger.

12. Großbritannien

In allen Auseinandersetzungen mit Frankreich konnte Großbritannien seine Vormachtstellung auf den Weltmeeren und in den Kolonien verteidigen.

1707 vereinigten sich England und Schottland zum Vereinigten Königreich von Großbritannien, der wichtigsten Handels- und Kolonialmacht der Welt. Die britische Außenpolitik konzentrierte sich während des ganzen 18. Jahrhunderts darauf, diese Machtposition zu konsolidieren und auszubauen. Im Großen und Ganzen glückte dies, wenngleich das Königreich gegen Ende des Jahrhunderts einen schweren Rückschlag erleiden musste: In einem achtjährigen Unabhängigkeitskrieg erreichten die Vereinigten Staaten von Amerika 1783 ihre Loslösung von Großbritannien. Diesem Verlust stand allerdings der Erwerb neuer Kolonien in Kanada und Vorderindien gegenüber.

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts stand ganz im Zeichen der beiden William Pitts, die als Vertreter einer neuen Klasse von sozialen Aufsteigern deutlich machten, wie sehr sich die Machtverhältnisse verschoben hatten. Die Geschichte der Pitts zeigt beispielhaft, auf welche Weise diese neue Klasse ihren Weg nach oben nahm. 1674 ging Thomas Pitt, Sohn eines Pfarrers, nach Vorderindien, wo er mit illegalen Maklergeschäften das Monopol der Ostindischen Kompanie umging. Obwohl er bei seiner Rückkehr nach England zu einer Geldbuße von 400 Pfund verurteilt wurde, hatte er durch seine Geschäfte genug verdient, um Stratford zusammen mit dem Wahlkreis Old Sarum zu kaufen. Damit verfügte er automatisch über einen Sitz im Unterhaus des Parlaments. Pitt ging dann wieder nach Indien, und diesmal liefen seine illegalen Geschäfte so gut, dass die Ostindische Kompanie gezwungen war, ihm eine führende Position anzubieten. 1702 kaufte er von einem indischen Händler für 20 400 Pfund einen Rohdiamanten von 410 Karat. Ursprünglich hatte ein Sklave den Diamanten gefunden und ihn in einer Beinwunde versteckt. Ein englischer Matrose hatte ihn dem Sklaven gestohlen und an den Händler verkauft. 1717 verkaufte Pitt den inzwischen geschliffenen Diamanten für 135 000 Pfund an Philippe von Orléans, der ihn in die französische Krone einsetzen ließ. Mit dem Geld kam auch die Macht. „Diamond Pitt”, wie er fortan genannt wurde, sorgte dafür, dass seine Tochter den Titel der Gräfin von Stanhope erhielt und sein Sohn zum Grafen von Londonderry ernannt wurde. Sein Enkel William Pitt der Ältere war der wichtigste englische Politiker in der Mitte des 18. Jahrhunderts, und dessen Sohn, William Pitt der Jüngere, bestimmte maßgeblich die Politik der letzten zwei Jahrzehnte des Jahrhunderts. Nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien war die Stellung des Premierministers deutlich gestärkt worden, da die unnachgiebige Politik König Georgs III. zum Niedergang der Kolonien entscheidend beigetragen hatte. Die Macht lag nun in den Händen William Pitts des Jüngeren, der wiederum vom Parlament abhängig war. Das Patronatsrecht, d. h. das Recht auf die Vergabe von Ämtern, das zuvor dem König zugestanden hatte, wurde nun dem Premierminister zugewiesen. Dadurch konnte dieser seinen Einfluss in den Wahlkreisen stärken.

Im Parlament strebten die oppositionellen Whigs nach einer Wahlkreisreform, durch die die neuen Industriestädte ihre Macht auf Kosten der so genannten rotten boroughs, der entvölkerten Wahlkreise, ausbauen sollten. Die Industriestädte spielten eine immer wichtigere Rolle im britischen Wirtschaftsleben. Vor allem die Anzahl der Textilfabriken nahm seit der Erfindung der dampfbetriebenen Spinn- und Webmaschinen ständig zu. Aus diesem Grund kam es zu einer erhöhten Nachfrage nach Kohle und Stahl aus Mittelengland. Daher entstanden nun dort die neuen Industriestädte, in denen die Lebensbedingungen der Arbeiter und ihrer Familien äußerst bedrückend waren. Das Wohnungsangebot hielt nicht mit der steigenden Nachfrage Schritt, so dass ganze Familien oft in nur einem Zimmer wohnten. Da auch die Frauen in den Fabriken arbeiteten, verwahrlosten die Kinder, oder man setzte sie ebenfalls in der Produktion ein. Die Arbeitszeiten waren lang, mindestens 14 Stunden am Tag, und Urlaub war für die Arbeiter ein undenkbarer Luxus. Eine Stadt, in der sich die Probleme des raschen Bevölkerungswachstums besonders deutlich zeigten, war Manchester. Dieses Zentrum der Baumwollverarbeitung hatte durch ein dichtes Netz von Kanälen die beste Anbindung an das übrige Land. Der Aufstieg der Stadt zur bedeutendsten Industriestadt Englands begann 1761 mit der Eröffnung des Bridgewaterkanals, der die Stadt mit den Kohleminen von Worsley verband. Durch den einfacheren Transport halbierte sich der Kohlepreis in Manchester. Diesen Erfolg nahm man zum Anlass, weitere Kanäle anzulegen. 1770 war der Baubeginn für einen Kanal zwischen Leeds und Liverpool, der mit einer Länge von 250 Kilometern der längste Kanal Englands werden sollte.

12.1. London

Die größte Stadt Europas zählte gegen Ende des 18. Jahrhunderts knapp 900 000 Einwohner, die in etwa 100 000 Häusern lebten. Die alte Stadt war 1666 bei einem Großbrand weitgehend zerstört worden. An ihrer Stelle entstand eine Stadt, die von manchen als „unbequem und unelegant” bezeichnet wurde, von der man nicht behaupten könne, dass sie über Pracht oder Größe verfüge. Und doch entstanden im Verlauf des 18. Jahrhunderts viele Bauten, deren Schönheit gepriesen wurde: die Saint Paul’s Cathedral, die Kirche Saint Martin-in-the-Fields, der Sitz des Lord Mayor, Mansion House und das im Georgian Style gehaltene Bürogebäude Somerset House. Die Wohnhäuser hatten fast alle eine schmale Straßenfront und lange Seitenwände. Auf diese Weise ließen sich möglichst viele Häuser in einer Straße errichten. Ihre Einteilung war äußerst einfach. Auf jedem Stockwerk gab es einen Raum auf der Vorderseite und einen auf der Hinterseite. Wenn man von einer kleinen Anzahl Aristokraten sowie von den ärmsten Klassen absieht, wohnte fast jeder in einem dieser so genannten terraced houses.

Die Parks von London waren überall in Europa berühmt. Viele Besucher aus dem Ausland ließen sich vom Saint James’s Park begeistern. Der an den Park angrenzende Saint James’s Palace war seit 1691 die königliche Residenz. Das Regierungszentrum lag westlich davon in der City of Westminster. Besonders auffallend war hier die Westminster Abbey, seit Jahrhunderten die Krönungs- und Grabeskirche der englischen Könige, deren Westtürme aber erst 1745 errichtet wurden, und der Palace of Westminster, in dem das Unterhaus tagte.

London übernahm im 18. Jahrhundert die Stellung als Zentrum des Welthandels, die Amsterdam im vorangegangenen Jahrhundert innehatte. Hier befanden sich nun die Hauptsitze der größten Handelsgesellschaften. Die Londoner Börse und die Bank von England waren das Herz der Weltwirtschaft. Besonders die Bank von England hatte eine wichtige Rolle für den britischen Staat. Sie vergab Kredite, verkaufte Risikobeteiligungen und Rentenbriefe und handelte mit kurzfristigen Anleihen. Nicht umsonst bezeichnete sie der Premierminister 1781 als Teil der Verfassung. Mit der Vergabe von Krediten an verschiedene Handelsgesellschaften (Hudson’s Bay Company, Ostindische Kompanie, South Sea Company), dem Handel mit ungeprägtem Gold und Silber und der Geldvergabe an kleinere Privatbanken belebte die Bank von England die Wirtschaft der Stadt. Noch immer hatten allerdings die kleinen Privatbanken den größten Anteil am Geldverkehr in Großbritannien. Die Privatbankiers waren oft die Nachfahren von Kaufleuten, Ladenbesitzern, Goldschmieden und anderen Bürgern, die das Geldgeschäft anfangs nur als Nebenerwerb betrieben hatten.

12.1.1. Einkommen und Lebenshaltungskosten

Die Lebenshaltungskosten in London waren nicht gering. Das zeigt sich in den Tagebuchaufzeichnungen des schottischen Schriftstellers James Boswell, die er 1762 während eines Aufenthalts in der Hauptstadt niederschrieb. Arbeiter verdienten im Durchschnitt 15 Schilling in der Woche. Zu den Arbeitern mit den geringsten Löhnen gehörten die Weber, die oft nicht mehr als neun Schilling pro Woche verdienten. Facharbeiter und bestimmte Handwerker, etwa Möbeltischler und Juweliere, konnten dagegen bis zu vier Pfund in der Woche verdienen. Um die Lebenshaltungskosten der Familie aufzubringen, arbeiteten meist auch die Ehefrauen der Arbeiter, z. B. als Obst- oder Fischverkäuferinnen oder als Näherin, Putzfrau oder Wäscherin.

12.1.2. Wohnverhältnisse und Gesundheitsversorgung

Die Wohnverhältnisse der ärmsten Mitglieder der Gesellschaft, der Tagelöhner, Straßenhändler und Putzfrauen, waren trostlos. Oft mussten diese dicht zusammengedrängt in Kellern leben, wo sie von Ratten und Feuchtigkeit geplagt wurden. Der Arzt Willan beschrieb das Elend dieser Unglücklichen wie folgt:

„Es ist kaum zu glauben, aber doch wahr, dass Menschen aus der untersten Klasse noch nicht einmal dreimal im Jahr frische Laken auf ihr Bett legen, dass sie, selbst wenn sie keine Laken verwenden, niemals die Decken reinigen, waschen oder ersetzen …, dass Gardinen, wenn überhaupt vorhanden, niemals gereinigt werden, sondern im selben Zustand hängen bleiben, bis sie auseinanderfallen, dass schließlich oft drei bis acht Personen verschiedenen Alters in demselben Bett schlafen und dass es im Allgemeinen nur ein Zimmer mit einem Bett pro Familie gibt … Das Zimmer ist oft ein tiefer Kellerraum, fast unzugänglich für das Licht von draußen und frische Luft, oder ein Oberboden mit niedriger Decke, schmalen Fenstern und einem engen Zugang, dunkel und nicht nur von schlechter Luft, sondern auch von den Dämpfen stinkender Exkremente erfüllt. Man wäscht das Leingut oder verrichtet andere unangenehme Arbeiten, während die Säuglinge auf dem beschmierten Bett dösen und die etwas älteren Kinder auf demselben Bett spielen. Von Zeit zu Zeit wird eine unappetitliche Mahlzeit zubereitet. In vielen Fällen verhindert Faulheit oder das schwere Mobiliar und die Gerätschaften, mit denen das Zimmer voll gestellt ist, den heilsamen Gebrauch des Besens und des Malerpinsels. Obiger Bericht ist nicht übertrieben. Seine Wahrheit kann von den Doktoren, die die elenden Bewohner der Straßen in der Pfarrgemeinde Saint Giles oder der Hinterhöfe und Gassen an der Liquor Pond Street, Hog Island, Turnmill Street, Old Street, Whitecross Street, Grub Street, Golden Lane, den zwei Brook Lanes, Rosemary Lane, Petticoat Lane, Lower East Smithfield, einigen Teilen von Upper Westminster und verschiedenen Straßen von Rotherhithe … kennen, bestätigt werden.”

Immer mehr Wohnungen wurden in oft baufälligen Gebäuden eingerichtet, in denen man für einen geringen Betrag ein Dach über dem Kopf finden konnte. Vor allem viele Iren, die zu den ärmsten Bevölkerungsschichten gehörten, konnte man hier antreffen. Schon in der Mitte des Jahrhunderts waren diese Häuser berüchtigt.

„Innerhalb weniger Jahre ist am Stadtrand ein Markt für alte, verfallene Häuser entstanden, die von den Bewohnern mit Betten ausgestattet wurden, die allabendlich für zwei Pence für eine oder drei Pence für zwei Personen vermietet werden … In einem Zimmer stehen oft vier oder fünf Betten. Die Luft ist unvorstellbar schlecht … Dort werden alkoholische Getränke angeboten, mit denen man sich betrinken kann …, und die Häuser sind die ganze Nacht geöffnet, um allerlei Schurken zu beherbergen und gestohlene Ware in Empfang zu nehmen.”

Laut einem Polizeibericht gab es am Ende des 18. Jahrhunderts „… über 20 000 Unglückliche aus verschiedenen Klassen, die jeden Morgen aufwachen, ohne zu wissen, wie … sie sich am kommenden Tag ernähren sollten oder wo sie in der kommenden Nacht schlafen sollten.”

Im Bereich des Gesundheitswesens gab es in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wesentliche Verbesserungen, nachdem in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zu manchen Zeiten die Zahl der Todesfälle höher als die der Geburten war. Chronischer Alkoholismus war vor allem in den untersten Schichten der Bevölkerung verbreitet. In allen möglichen Geschäften wurden hochprozentige Getränke verkauft, und Arbeitgeber gaben ihren Arbeitern reichlich Branntwein. 1736 berichtete eine Kommission, die sich mit dem Alkoholmissbrauch beschäftigte, dass „… Kerzenmacher, viele Weber, verschiedene Tabakhändler, Schuhmacher, Zimmerleute, Friseure, Schneider, Färber, Arbeiter und andere hochprozentige Getränke verkaufen. Tagelöhner im Dienst dieser Leute, die alkoholische Getränke verkaufen, haben diese Getränke immer zur Hand … und lassen sich willig dazu verleiten, von dieser Gelegenheit reichlich Gebrauch zu machen, vor allem da sie auf Kredit trinken können. Allzu oft denken sie nicht daran, wie schnell die Rechnung anwächst. So stellen sie dann am Wochenende fest, dass sie keinen Lohn nach Hause bringen können, so dass ihre Familien krepieren müssen … Hinsichtlich des weiblichen Geschlechts mussten wir feststellen, dass diese Seuche sich auch dort eingenistet hat, und zwar in einem kaum fassbaren Maße. Unglückliche Mütter gewöhnen sich an destillierte Getränke, ihre Kinder werden schwach und kränkelnd geboren und sehen oft so faltig und zusammengeschrumpft aus, als wären sie schon sehr alt. Andere Frauen wiederum geben ihren Kindern täglich zu trinken … und lehren sie, bevor sie noch laufen können, diesen sicheren Verderber zu schätzen.”

Nach 1751 nahm der Alkoholmissbrauch deutlich ab, da in diesem Jahr eine hohe Branntweinsteuer eingeführt wurde. Die niedrigeren Sterbezahlen lassen sich aber nicht allein mit der Branntweinsteuer erklären, sondern vor allem mit einer verbesserten Gesundheits- und Lebensmittelversorgung. Die modernen Naturwissenschaften hatten die ärztlichen Behandlungsmethoden tief greifend beeinflusst. Selbst die so gefürchteten Pocken, denen immer wieder ein Teil jeder Generation zum Opfer gefallen war, konnten dank der Entdeckung Edward Jenners, dass eine Impfung mit dem Virus der Kuhpocken der Krankheit vorbeugte, bekämpft werden. Kein Mittel kannte man aber gegen den Typhus, der eine hohe Zahl von Opfern oft gerade in den Krankenhäusern forderte. Gassen und Hinterhöfe, in denen diese Fieberkrankheit einmal um sich gegriffen hatte, blieben eine Infektionsquelle:

„Wenn das Fieber einmal ein Gebäude durch Tod und Vertreibung entvölkert hat, kommen neue Bewohner, arm und unwissend, die krank werden und sterben oder dahinsiechen. Wenn sie dann weggebracht worden sind, ins Armenhaus oder ins Grab, hinterlassen sie dieselbe verseuchte Behausung für ihre unglücklichen Nachmieter. Aus diesen Pesthäusern dringt der konzentrierte Krankheitserreger in die benachbarten Hinterhöfe und Gassen … Das Fieber wird durch die häufigen Kontakte der Bedürftigen, die oft gezwungen sind, bestimmte Dinge zu verpfänden, um andere kaufen zu können, über die ganze Nachbarschaft verbreitet. Über Pfandleiher und Lumpenhändler wird das Gift dort verbreitet, wo man es am wenigsten vermutet.”

12.1.3. Vergnügungen

Das Leben vieler Mitglieder der Oberschicht der Bevölkerung spielte sich in den zahlreichen Landhäusern ab, die am Stadtrand entstanden. Die Bewohner und ihre Gäste vertrieben sich ihre Zeit mit Sport, Musik, Literatur, Kartenspielen, gutem Essen und edlen Getränken. In diesen Landhäusern gab es oft wohl ausgestattete Bibliotheken, die vom guten Geschmack der Bewohner zeugten: englische, lateinische und italienische Klassiker, wertvolle illustrierte Reiseberichte und Geschichtswerke. Die Jagd und das Kricketspiel gaben den Bewohnern die tägliche körperliche Bewegung, was angesichts der restlichen Alltagsaktivitäten mehr als notwendig erschien. Die großen Mengen an Speisen und Getränken bildeten eine andauernde Gesundheitsgefährdung. Nicht umsonst galt es als der Gipfel der Trunkenheit, wenn man „betrunken wie ein Lord” war. Die Mahlzeiten waren äußerst reichhaltig. Ein Menü in der folgenden Zusammenstellung war keine Seltenheit: „erster Gang: Ein großes Stück Kabeljau, Lammrücken, Suppe, Hühnerpastete, Fleischpastete, Karotten usw. – zweiter Gang: Tauben mit Spargel, Kalbsfilet mit Pilzen, geröstetes Kalbsbries, warmer Hummer, Aprikosenkuchen und zwischendurch eine Pyramide aus Sülze – Nachspeise: Obst und Madeira, weißer und roter Portwein.”.

Die Magistrate verhielten sich gegenüber den Vergnügungen des einfachen Volks im Allgemeinen ablehnend. Man betrachtete die populären Vergnügungen als Anlässe für Trunkenheit, Unruhen und soziale Entgleisungen. Man ging daher nicht nur gegen das Glücksspiel und Hahnenkämpfe vor, sondern betrachtete auch Jahrmärkte und Volkstheateraufführungen mit Misstrauen. So hatten die einfachen Leute nur wenige legale Möglichkeiten des Zeitvertreibs. Der junge Boswell trug am 15. Dezember 1762 folgenden Bericht über einen Hahnenkampf in sein Tagebuch ein, den er nach einer guten Mahlzeit in einem Steakhouse besuchte:

„Ein Beefsteak-house ist ein vortrefflicher Ort, um dort eine Mahlzeit einzunehmen. Man kommt in einen warmen, komfortablen Raum, wo eine Anzahl von Leuten am Tisch sitzt. Man setzt sich einfach irgendwohin und bestellt, wozu man Lust hat. Dies wird einem gut zubereitet serviert. Meine Mahlzeit (Fleisch, Brot und Bier) kostete mich inklusive eines Pennys für den Ober nur einen Schilling … Um fünf Uhr füllte ich mir meine Taschen mit Lebkuchen und Äpfeln, zog meine alten Kleider an, legte Uhr, Börse und Terminkalender weg und ging mit einem Eichenstock in der Hand zum Hahnenkampf. Ich kam zu früh an, und darum ging ich noch in einen einfachen Gasthof, wo ich mich zwischen ein paar durchtriebene Taugenichtse setzte. Der Posten vor dem Haus hatte mir sehr zuvorkommend den Weg gezeigt. Es war sehr kalt, und ich erinnerte mich an den armen Kerl, so dass ich ihm eine Pinte Bier brachte. Er war sehr dankbar dafür und brachte einen herzlichen Toast auf meine Gesundheit aus … Daraufhin ging ich zum Hahnenkampfplatz, einem runden Raum, in dessen Mitte die Hähne kämpfen. Rundherum sind wie in einem Amphitheater die Sitzplätze angeordnet. Der Boden und die Sitzplätze sind mit Matten bedeckt. Die Hähne, gut genährt und mit silbernen Sporen bewaffnet, werden auf den Boden gesetzt und kämpfen mit einer erstaunlichen Verbitterung und Entschlossenheit. Einige von ihnen waren schnell erledigt. Ein Paar kämpfte dagegen eine Dreiviertelstunde lang. Der Tumult und der Lärm der Zocker ist enorm. In der kurzen Zeit wechselte ziemlich viel Geld den Besitzer. Unter den Zuschauern waren auch einige professionelle Zocker. Ein alter, gewiefter Fuchs, dessen Gesicht ich schon einmal gesehen hatte …, saß eine Weile neben mir. Ich erzählte ihm, dass ich von Hahnenkämpfen nichts verstand. ‚Mein Herr‘, sagte er, ‚sie haben eine ebenso große Chance wie jeder andere auch.‘ Er dachte wohl, dass ich sein williges Opfer sein würde, denn ich wirkte unerfahren. Aber ich wich ihm aus. Den Anblick der ausgelassenen und geldgierigen Zocker fand ich schockierend. Ich hatte Mitleid mit den armen Hähnen. Ich schaute mich um, um zu sehen, ob einer der Zuschauer Erbarmen mit den Hähnen hätte, die auf grausame Weise verstümmelt und aufgerissen wurden, aber ich konnte in keinem Gesicht das kleinste Zeichen von Mitleid entdecken. Ich hatte dann auch nicht erwartet, dass sie seelisch leiden würden. So beendete ich meinen echt englischen Tag und kam ziemlich müde und verwirrt über die Eigenarten dieser Menschen nach Hause.”

Wenn die Möglichkeiten des Zeitvertreibs für die einfachen Leute begrenzt waren, so gab es für die Angehörigen der höheren Stände Angebote in Hülle und Fülle, darunter eine große Anzahl von Schauspielhäusern. Die Musikszene erlebte während des gesamten Jahrhunderts eine Blütezeit. Bei den Professional Concerts in den Hannover Square Rooms und den Solomon’s Concerts, die von Haydn initiiert worden waren, wurde meist ein sehr abwechslungsreiches Programm von Orchesterwerken, Kammermusik, Gesang und Madrigalen geboten. In den Catch- and Glee Clubs konnten sich die weniger Musikinteressierten an leichten Klängen erfreuen. In London gab es viele dieser Clubs, z. B. die Nobleman and Gentlemen’s Society, die Madrigal Society, den Glee Club und die Concentores Sodales. Trotz der Unbeständigkeit des englischen Wetters gab es im Sommer viele Freilichtkonzerte, wo man zu geringen Eintrittspreisen anspruchsvollen Musikaufführungen lauschen konnte. Vor allem die Gesangs- und Orgelkonzerte in den Vauxhall Gardens waren ein echter Publikumsmagnet. Opernaufführungen konnte man in Covent Garden und der Drury Lane beiwohnen. Zwei andere Veranstaltungsorte, das King’s Theatre und das Pantheon, brannten in den Jahren 1789 bzw. 1791 nieder. Die wichtigsten Aufführungsorte für geistliche Musik waren die Royal Chapel, die Westminster Abbey und die Saint Paul’s Cathedral. Von großer Bedeutung für das Londoner Musikleben war die lange Anwesenheit Georg Friedrich Händels, der von 1712 bis zu seinem Tod 1759 in London wohnte. Seine Musik wurde zu vielen Anlässen gespielt, so etwa die Feuerwerksmusik zur Eröffnung eines großen Volksfestes im Jahr 1748 und das Te Deum anlässlich des Friedens von Utrecht (1713). Am bekanntesten aber sind Händels Oratorien, insbesondere Der Messias. In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts war Händel der Leiter der Royal Academy of Music, eines Opernhauses, das 1728 schließen musste, als sich das Londoner Publikum von der italienischen Oper abwandte. Der Komponist versuchte dann noch einige Zeit, mit seinen Opernkompositionen das Interesse an dieser Form der Oper wachzuhalten, aber das Publikum bevorzugte modernere Stücke wie etwa John Gays The Beggars’ Opera. Händel wurde in der Westminster Abbey beigesetzt. Die Statue auf seinem Grabmal, das Louis François Roubillac schuf, zeigt den Komponisten, wie er sich mit dem linken Arm auf der Orgel abstützt und in der rechten Hand den Anfang des Larghetto aus dem Messias hält. Ein weiterer Ausländer, der dem Londoner Musikleben neue Impulse brachte, war Franz Joseph Haydn. Als er nach einem kurzen Aufenthalt 1795 wieder nach Österreich zurückkehren wollte, setzte sich sogar König Georg IV. für seinen Verbleib in London ein.

4. Amerika
1. Nordamerika

Mit dem Frieden von Paris im Jahr 1783 wurde – nach einem achtjährigen Freiheitskrieg gegen die Briten – die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika international anerkannt. In den Folgejahren wurden einzigartige staatsrechtliche Institutionen geschaffen, insbesondere die Verfassung von 1787 mit ihrer von Montesquieu inspirierten Dreiteilung der Macht. Die Wiege der amerikanischen Freiheit war Massachusetts, der Mittelpunkt des Handels und des kulturellen Lebens. Boston, die Hauptstadt dieses Bundesstaates, war der Schauplatz zweier Ereignisse, die den Lauf der Geschichte entscheidend beeinflussen sollten, nämlich das Boston Massaker (1770) und die Boston Tea Party (1773). Beide Vorfälle waren eigentlich nicht weltbewegend, gaben jedoch dem Freiheitsstreben der amerikanischen Siedler einen wichtigen Impuls. Im nahe gelegenen Cambridge hatte die bedeutendste Universität der Vereinigten Staaten, die Universität Harvard, ihren Sitz.

Der Staat New York spielte während des 18. Jahrhunderts keine große Rolle, aber die gleichnamige Stadt entwickelte sich auffallend schnell. An der Wende zum 19. Jahrhundert zählte sie 60 000 Einwohner, doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Die größte Stadt war Philadelphia mit 70 000 Einwohnern. Seitdem in dieser Stadt 1776 die von Thomas Jefferson verfasste Unabhängigkeitserklärung unterschrieben worden war, war sie der Regierungssitz. 1793 wurde die Stadt von einer Gelbfieberepidemie getroffen, an der fast 10 000 Menschen starben. Diese Katastrophe veranlasste die Behörden, Maßnahmen zur Verbesserung der Hygiene und der Wohnverhältnisse zu treffen. Seit 1791 war Philadelphia der Sitz der amerikanischen Staatsbank, der Bank of the United States. Der Bundesstaat Pennsylvania war eine Hochburg der pazifistisch denkenden Quäker. Aber auch viele Einwanderer aus Deutschland, Irland und Schottland hatten sich dort niedergelassen.

Wie Massachusetts spielte auch Virginia eine wichtige Rolle im Freiheitskampf der Amerikaner. Hier fand 1781 bei Yorktown die letzte Schlacht des Unabhängigkeitskrieges statt. In den Staaten Virginia, North und South Carolina und Georgia sowie in den neu gegründeten Staaten Tennessee und Kentucky gab es viele afrikanische Sklaven. In den nördlichen Staaten dagegen nahm der Widerstand gegen diese extreme Form von Unterdrückung zu. Nachdem 1775 die erste Vereinigung gegen die Sklaverei gegründet worden war, erließen die Staaten Pennsylvania und Massachusetts Gesetze, welche die Haltung von Sklaven verboten. In Massachusetts sprach der oberste Gerichtshof 1783 in einem Verfahren, in dem ein Sklave seinen Besitzer verklagt hatte, folgendes Urteil aus:

„Das Recht der Christen, Sklaven zu halten und zu verkaufen, war ein Brauch, der seinen Ursprung in der Praxis einiger europäischer Völker und den Bestimmungen der britischen Regierung über ihre damaligen Kolonien hatte. Aber welche Ideen hinter diesen auch gesteckt haben mögen und aus welchem Vorbild sie auch erwachsen sein mögen, im amerikanischen Volk hat sich eine andere Auffassung entwickelt, die die natürlichen Rechte der Menschheit und den angeborenen Wunsch nach Freiheit vertritt, mit denen der Himmel die ganze Menschheit (ohne Unterschied der Hautfarbe, des Ansehens und der Form der Nase) beschenkt hat. Aus diesem Grund … erklärt unsere Verfassung …, dass alle Menschen frei und gleichberechtigt geboren sind …, dass jeder Untertan das Recht auf Freiheit hat … Die Idee, dass es geborene Sklaven gäbe, ist unvereinbar mit dieser Verfassung … Die lebenslange Versklavung eines denkenden Wesens ist nicht zulässig, es sei denn, es verspielt seine Freiheit durch irgendeine Straftat oder es gibt sie durch seine persönliche Zustimmung oder einen Vertrag auf.”

In den Südstaaten konnte von einer solchen Haltung nicht die Rede sein. Im Gegenteil, die Sklaven waren ihren Besitzern dort rechtlos ausgeliefert.

Die Gebiete westlich der Küstenstaaten waren das Objekt großflächiger Bodenspekulationen. Obwohl die Regierung mit den dort lebenden Indianern Verträge abgeschlossen hatte, brachen immer wieder Kämpfe mit nach Westen ziehenden Siedlern aus. Im Südwesten wurden die Indianer von den Spaniern unterstützt, im Norden von den Briten. Bei Fallen Timbers an der Grenze zu Kanada errang General Anthony Wayne, der den Beinamen „Mad Anthony” erhielt, 1794 einen wichtigen Sieg über die Indianer des Nordwestens.

Die Rede Logans, des Häuptlings der Mingo, dessen ganze Familie von Weißen ausgerottet worden war, hinterließ 1774 sowohl in Amerika als auch in Europa einen großen Eindruck. Thomas Jefferson gab die Rede in seinem Buch Notes on the State of Virginia mit folgenden Worten wieder: „Ich [Logan] fordere jeden weißen Mann heraus zu behaupten, dass er jemals hungrig in Logans Hütte gekommen sei und dass ihm kein Fleisch gegeben worden wäre oder dass er frierend und nackt gekommen sei und dass ihm keine Kleider gegeben worden wären. Während des jüngsten langen und blutigen Krieges blieb Logan ruhig in seiner Hütte und plädierte für den Frieden. So groß war meine Liebe für die Weißen, dass meine Landsleute auf mich wiesen und sagten: ‚Logan ist der Freund der Weißen.‘ Aber im letzten Frühling hat Oberst Cresap kaltblütig und grundlos alle Familienangehörigen Logans ermordet. Er verschonte nicht einmal das Leben meiner Frauen und Kinder. Kein Tropfen meines Blutes strömt noch durch die Adern irgendeines lebenden Geschöpfes. Das rief nach Rache, und ich habe danach auch gedürstet. Ich habe viele getötet, ich habe meinen Rachedurst vollkommen befriedigt.”

Oft wurde auch auf die Geldgier unter Weißen wie auch Indianern spekuliert, um feindliche Stämme wirkungsvoll zu bekämpfen. 1755, während des Britisch-Französischen Kolonialkrieges, wurde dem britischen Generalkapitän der Provinz Massachusetts Bay für jeden gefangenen oder skalpierten Indianer ein Geldbetrag angeboten: „Für jeden männlichen Indianer über zwölf Jahren, der gefangen genommen und nach Boston gebracht wird, 50 Pfund, für jeden Skalp eines indianischen Mannes 40 Pfund, für jede weibliche indianische Gefangene … und für jeden männlichen indianischen Gefangenen unter zwölf Jahren … 25 Pfund, für jeden Skalp einer indianischen Frau oder eines indianischen Mannes unter zwölf Jahren … 20 Pfund.”

Die positiven Seiten der indianischen Gesellschaft sahen die wenigsten der Weißen. Eine Ausnahme war der Engländer John Lawson, der zu Anfang des Jahrhunderts verschiedene Reisen durch Indianergebiet unternahm. 1709 erschien seine History of North Carolina, in der er die Indianer folgendermaßen beschrieb: „Sie [die Indianer] haben keine Zäune, um die Parzellen ihrer Felder voneinander abzutrennen, und doch kennt jeder sein Grundstück. Es kommt äußerst selten vor, dass sie einander auch nur eine Kornähre stehlen. Wenn doch einmal jemand beim Stehlen erwischt wird, wird er von den Ältesten dazu verurteilt, für denjenigen, den er bestohlen hat, zu arbeiten und zu pflanzen, bis der Schaden ersetzt ist … Es kommt oft vor, dass eine Frau von ihrem Ehemann verstoßen wird und eine große Zahl von Kindern zu ernähren hat. So jemandem helfen sie immer, sie lassen ihre jungen Männer pflanzen, ernten und all die anderen Dinge tun, zu denen die Frau nicht in der Lage ist … Niemals raufen sie miteinander, außer wenn sie betrunken sind, und niemals kann man sie miteinander streiten hören. Sie sagen, dass die Europäer immer klagen und unruhig sind, und sie fragen sich, warum sie diese Welt nicht verlassen, da sie sich hier doch nicht wohl fühlen und unzufrieden sind. All die Katastrophen und Unglücke [die die Indianer ereilen] enden mit Lachen, selbst wenn ihre Hütten Feuer fangen und all ihr Hab und Gut verbrennt …, so endet solch ein Unglück stets mit einem herzhaften Lachanfall, es sei denn, dass Familienangehörige oder Freunde ihr Leben verlieren … Eine Untugend, die anderswo häufig anzutreffen ist, habe ich bei ihnen nie beobachtet, nämlich den Neid auf das Glück eines anderen.”

Seit dem Ende des Britisch-Französischen Kolonialkrieges (1754-1763) gab es in Kanada keine von Frankreich beherrschten Gebiete mehr. Dennoch lebten dort noch viele französischsprachige Siedler, welche die englische Herrschaft nicht immer begrüßten. 1791 wurde das Land in zwei Provinzen geteilt, das überwiegend französischsprachige Unterkanada und das englischsprachige Oberkanada.

2. Mittel- und Südamerika

Neuspanien, die große mittelamerikanische Kolonie der Spanier, war in ihren Wirtschaftsbeziehungen vollkommen auf das Mutterland ausgerichtet. Die politische Macht befand sich in den Händen der Großgrund- und Minenbesitzer, die in der Praxis mehr Einfluss als die Kolonialbeamten hatten. Im 18. Jahrhundert wurden zwei neue Vizekönigreiche gegründet, Neugranada (Kolumbien, Ecuador, Venezuela und Panamá) und das Vizekönigreich von La Plata (Argentinien, Uruguay und Paraguay). 1767, nach der Ausweisung der Jesuiten aus dem spanischen Südamerika, kam es zum Niedergang der so genannten reducciones, Siedlungen bekehrter Indianer in Paraguay, die von Missionaren unterrichtet und angeleitet wurden. Der Jesuitenpater Dobritzhoffer schrieb 1774 einen Bericht über sein Leben unter den Guarani-Indianern. Über das Leben und die Sitten dieser Indianer schrieb er u. a.:

„In diesen Wäldern wird erstaunlich viel Mau und anderes Gemüse sowie Tabak angebaut. Bevor sie zu Bett gehen, setzen sie ihre Töpfe mit Fleisch oder Gemüse auf das Feuer, so dass ihr Frühstück fertig ist, wenn sie aufwachen, denn bereits bei Tagesanbruch beginnen alle Männer über sieben Jahre mit Bündeln von Pfeilen durch den Wald zu ziehen und nach dem Wild Ausschau zu halten, das sie an diesem Tag essen werden. Die Mütter legen ihre Kinder in geflochtene Körbe und tragen sie auf ihren Schultern, wenn sie durch den Wald ziehen. Aus den Bienennestern, die von den Bäumen hängen, sammeln sie große Mengen an vortrefflichem Honig, der sowohl gegessen als auch getrunken wird. In der Guarani-Sprache nennen sie Gott Tupa, aber von diesem Gott und seinen Geboten wollen sie nicht viel wissen. Die Gottesverehrung kennen sie ebenso wenig wie eine Götzenanbetung. Den Geist des Bösen nennen sie Ananga, aber sie beten ihn nicht an. Ihre Toten setzen sie – nach einem alten Guarani-Ritus – in großen Gefäßen aus Ton bei. Sie beschäftigen sich nie mit der Frage, was mit ihnen nach dem Tod geschehen könnte. Sie essen kein Menschenfleisch, obgleich die benachbarten Indianer dies für eine Delikatesse halten. Jeden Fremden, sei er Indianer, Spanier oder Portugiese, verdächtigen sie feindlicher Absichten … Auf Fragen nach ihrem Wohnort antworten sie, dass dieser sehr weit entfernt und nur über viele Sümpfe zu erreichen sei, eine schlaue Antwort, die von der Sorge um sich und ihre Frauen diktiert wird … Damit ihre Fußspuren ihren Zufluchtsort nicht preisgeben, wenden sie folgende List an: Wenn sie an einen Ort über einen südlichen Weg kommen, kehren sie über einen nördlichen Weg zurück und umgekehrt, so dass die Spanier keine Ahnung von ihrem Versteck bekommen.”

Das alte Vizekönigreich Peru erlebte in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts einen Indianeraufstand unter der Führung des Inka Tupac Amaru II. Seither begannen die Machthaber, die Indianer ernster zu nehmen und vorsichtige Reformen einzuleiten, die auf eine sprachliche und kulturelle Assimilierung der Indianer abzielten.

Nachdem in den brasilianischen Regionen Minas Gerais und Mato Grosso große Gold- und Diamantvorkommen entdeckt worden waren, erlebte die portugiesische Kolonie einen wahren Goldrausch. In der Folge wurde allerdings die Landwirtschaft vernachlässigt. Insbesondere der Anbau von Zuckerrohr war rückläufig.

5. Afrika

Außer Marokko standen alle nordafrikanischen Staaten während des 18. Jahrhunderts unter osmanischer Oberhoheit. Im Sudan (Bornu, Darfur, Segu, Futa Toro und Futa Djalon) und in der Regenwaldzone (Oyo, Ashanti und Dahomey) lagen mächtige afrikanische Reiche. Die Niederlassungen der Europäer an den Küsten Afrikas waren im Vergleich zu diesen Reichen ziemlich schwach. Nur im äußersten Süden des Kontinents gerieten immer größere Gebiete unter europäische Herrschaft. Von der Kapkolonie, die Eigentum der Niederländischen Vereinigten Ostindischen Kompanie war, breitete sich der europäische Einfluss aus. Befanden sich 1700 noch alle Siedlungen in einem Umkreis von 100 Kilometern vom Kap, so erstreckte sich dieser Radius in der Mitte des Jahrhunderts schon auf 400 Kilometer. Am Ende des Jahrhunderts – die Kapkolonie war inzwischen von den Briten besetzt worden – erreichten die ersten Kolonisten bereits den 800 Kilometer östlich des Kaps gelegenen Groot-Vis-Fluss. In diesem Gebiet kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Bantuvölkern der Xhosa, Pondu und Thembu über die Weiderechte. Aus dem gleichen Grund flammten im Nordwesten Kämpfe mit den Khoikhoin oder Hottentotten, wie sie von den Weißen genannt wurden, und den nach Süden ziehenden Herero auf. Die Buschmänner oder San wurden von den Kolonisten heftig verfolgt. Man warf ihnen vor, das Vieh der Siedler zu rauben. 1798 berichtete ein Reisender:

„Allein das Wort ‚Buschmänner‘ flößt der ganzen Kolonie einen Schreck ein. Die Viehhalter verabscheuen sie und glauben, dass sie nichts Verdienstvolleres tun können, als sie zu töten, wo immer sie ihnen begegnen. Ein Bauer aus Graafl-Reinet antwortete auf die Frage, ob es auf den Wegen viele Wilde gebe, dass er gerade erst vier von ihnen umgebracht habe. Er bekannte das mit solch einer Kaltblütigkeit und Ruhe, als habe er über vier getötete Rebhühner gesprochen. Ich selbst habe einen anderen Viehhalter gehört, der sich rühmte, dass er eigenhändig 300 dieser armseligen Geschöpfe getötet habe.”

Das Interesse der Europäer an Afrika nahm im Verlauf des 18. Jahrhunderts stark zu. Man begnügte sich nicht mehr mit den Niederlassungen an der Küste, in denen mit Gold und Sklaven gehandelt wurde. Mehrere Expeditionen bemühten sich um die Erkundung des afrikanischen Inlands. 1770 entdeckte der Engländer James Bruce die Quellen des Blauen Nil, und in den Jahren 1795 bis 1797 erforschte Mungo Park das Nigergebiet. Seit 1788 förderte die African Association in London die Erforschung dieses Kontinents. Dennoch waren die meisten Afrikaner noch nie einem Europäer begegnet. Riesige Gebiete waren auch am Ende des Jahrhunderts noch nicht kartographisch erfasst, wenngleich das geographische Wissen zwischen dem Erscheinen der Karte d’Anvilles im Jahr 1749 und der Karte James Rennells im Jahr 1798 deutlich zugenommen hatte. Dass der afrikanische Kontinent viel langsamer erschlossen wurde als andere Erdteile, lag an der Unzugänglichkeit seines Inlands. 1790 schrieb der Geograph Rennell:

„In geographischer Hinsicht ist Afrika einzigartig. Der Kontinent wird von keinen Binnenmeeren durchdrungen, wie etwa das Mittelmeer, die Ostsee oder die Hudsonbai, er ist nicht mit großen Seen bedeckt, wie das in Nordamerika der Fall ist, noch strömen dort wie auf den anderen Kontinenten große Flüsse von der Mitte in die entlegensten Gebiete. Im Gegenteil, die Teile werden voneinander durch die undurchdringlichsten aller Grenzen getrennt: öde Wüsten von solch riesigen Ausmaßen, dass diejenigen, die sie durchqueren, von dem grauenhaftesten aller Tode bedroht werden, dem Tod durch Verdursten. Können wir angesichts derartiger Umstände über unser Unwissen über das Inland oder über die langsame Entwicklung der Zivilisation auf diesem Kontinent erstaunt sein?”

Die Haltung der Afrikaner gegenüber den Europäern war je nach Region unterschiedlich: Während man in Nordafrika den Europäern eher Verachtung entgegenbrachte, hatten die Weißen in Ostafrika einen besseren Ruf, abgesehen von Äthiopien, wo die Europäer auf deutliche Ablehnung stießen. Im vom Sklavenhandel geprägten Westafrika mischten sich Bewunderung für die Europäer und ihre Leistungen mit der Furcht vor ihrer Grausamkeit. Die Händler bezogen ihre Sklaven vor allem von der Sklavenküste (Nigeria, Benin, Togo), der Goldküste (Ghana), dem Nigerdelta, aus Angola und dem Kongo. Vor allem Briten und Franzosen betrieben diesen Handel und in geringerem Umfang auch Portugiesen und Niederländer. Die afrikanischen Sklavenjäger brachten aus dem Inland die gewünschte Anzahl von Sklaven zu den europäischen Handelsposten an der Küste und tauschten ihre Ware gegen Feuerwaffen oder Konsumartikel. Mit den so erworbenen Feuerwaffen konnten sie ihre Machtposition und die ihrer Völker ausbauen. So gründete die Macht des Königreichs der Ashanti, das sich über ein riesiges Gebiet in Westafrika erstreckte, auf dem Besitz von europäischen Feuerwaffen.

In Europa wuchs unterdessen der Widerstand gegen die Sklaverei. 1772 entschied der Oberste Gerichtshof in London, dass ein Sklave mit dem Betreten des Bodens Großbritanniens frei sei. 1787 wurde die Society for the Abolition of the Slave Trade (Gesellschaft für das Verbot des Sklavenhandels) gegründet. In Frankreich, wo es seit 1788 die Société des Amis des Noirs (Gesellschaft der Freunde der Schwarzen) gab, stand man der Sklaverei seit der Revolution ablehnend gegenüber. Allerdings ging nicht jeder davon aus, dass die Abschaffung des Sklavenhandels sinnvoll wäre. Der Afrikaforscher Mungo Park schrieb 1799 in seinem Reisebericht Travels in the interior of Africa (Reisen im Inneren Afrikas), dass „angesichts des unaufgeklärten Zustandes ihres Geistes” das Ergebnis der Abschaffung des europäischen Sklavenhandels „nicht so weit reichend oder heilsam [wäre], als es viele weise und achtbare Menschen von Herzen erwarten.”

Nicht nur Europäer betrieben die Sklaverei. Die Tuareg in der Sahara hielten seit alters her schwarze Sklaven und handelten mit ihnen. Das Königreich Darfur im östlichen Sudan war der Ausgangspunkt von großen Sklavenkarawanen quer durch die Wüste. In den Barbareskenstaaten an der Mittelmeerküste wurden noch immer europäische Sklaven gehalten, wenngleich nicht mehr so viele wie im 17. Jahrhundert, als allein in der Stadt Algier 35 000 christliche Sklaven lebten. Trotzdem stand die Zahl weißer Sklaven in keinem Verhältnis zur Anzahl verschleppter schwarzer Sklaven, die sich auf mehrere Millionen belief.

6. Asien
1. Indien

In Vorderindien fiel der Niedergang des Mogulreiches zeitlich mit der Unterwerfung eines Großteils des Subkontinents durch europäische Handelsgesellschaften zusammen. Nach dem Tod Aurangsebs im Jahr 1707 setzten die Moguln ihr äußerst verschwenderisches Hofleben fort, obwohl das Reich wirtschaftlich am Rande des Abgrunds stand und eine Provinz nach der anderen sich abspaltete. Mohammed Shah, der nach einer Reihe von schnellen Thronwechseln eine Zeit lang im großen Stil regierte, schien in der Tat nur an prunkvollen Hoffestivitäten interessiert zu sein. Zur Finanzierung seiner aufwendigen Hofhaltung erhöhte er die Abgaben des Bauerntums bis an die Grenze des Erträglichen. Dies war eine der Ursachen für die sinkende Anzahl von kleinbäuerlichen Landbesitzern. Eine weitere fand sich in der Umverteilung des Bodens. Bauern, die ihre Steuern nicht mehr zahlen konnten, mussten ihr Land verkaufen. Auf diese Weise erhielten zahlungskräftige Dorfvorsteher mehr Boden und damit mehr Macht über die Dorfgemeinschaft. In der Mitte des 18. Jahrhunderts machten sich die Gouverneure von Murshidabad (siehe Bengalen), Hyderabad (Golconda) und Lucknow (Oudh) selbständig. So bestand das Mogulreich beim Tod Mohammed Shahs im Jahr 1748 nur mehr aus einem kleinen Gebiet zwischen Delhi und Agra.

Von nun an stritten sich die Marathen und die Afghanen um die Macht in Indien. Die Marathen-Föderation eroberte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Mittelindien und drang von dort aus weiter nach Norden. 1761 wurden ihre Armeen in Panipat von den Afghanen unter Ahmed Shah vernichtend geschlagen. Infolge dieser Niederlage zerfiel die Marathen-Föderation in kleinere Fürstentümer, etwa das der Sindhia in Gwalior und das der Gaekwar in Baroda. Aber auch Ahmed Shah konnte sich seines Sieges nicht lange erfreuen. Nachdem er Delhi zerstört hatte, wurde er von den Sikhs von Lahore unter der Führung Ranjit Singhs geschlagen. Innerhalb von 25 Jahren hatten sich die drei wichtigsten politischen Mächte des Subkontinents gegenseitig ausgeschaltet.

In der Folge verlagerte sich der Mittelpunkt des Geschehens nach Südindien und nach Bengalen. Hier bemühten sich die Briten um den Ausbau ihrer Herrschaft. Die englische Ostindische Kompanie hatte sich vor allem in Bengalen eine gute Ausgangsposition geschaffen, seitdem sie 1660 Fort William, ihre erste Niederlassung in den Sümpfen bei Kalkutta, gegründet hatte. Die Ostindische Kompanie beschränkte ihre Aktivitäten nicht nur auf den Handel. Von den Mogulherrschern erhielt sie die Feudalherrschaft über etwa 40 Dörfer im Umland von Kalkutta. Der Tribut, den die Gesellschaft an den Mogulherrscher entrichten musste, stand mit 3 000 Rupien jährlich in keinem Verhältnis zum Profit von über 300 000 Pfund, den sie während der ersten Hälfte des Jahrhunderts alljährlich steuerfrei erwirtschaftete. Mit der Hilfe von indischen Händlern und Wucherern konnte die Ostindische Kompanie den Anbau von Zucker, Opium, Baumwolle, Seide, Indigo und Reis unter ihre Kontrolle bringen und Zehntausende Handwerker als Schuldsklaven für sich arbeiten lassen. Der Nawab von Bengalen, der sich inzwischen von den Mogulherrschern losgesagt und Bihar und Orissa annektiert hatte, beobachtete die wachsende Macht der Ostindischen Kompanie mit Argwohn. Um ihre Macht einzudämmen, überfiel er einige ihrer befestigten Handelsniederlassungen. 1757 erlitt er allerdings eine empfindliche Niederlage. Der englische Hauptmann Clive besiegte in Plassey mit etwa 3 000 Mann das etwa 70 000 Mann starke bengalische Heer, dessen Oberbefehlshaber von den Briten gekauft worden war. Mit diesem Sieg konnte die Ostindische Kompanie ihre Herrschaft über ganz Bengalen ausbauen. Sie war nun gleichzeitig Handelsgesellschaft und Regierung. Etwa 20 Jahre lang konnte sie das Land unkontrolliert ausbeuten und plündern. Nachdem die Berichte über die Missstände in Bengalen schließlich im Parlament in Westminster debattiert wurden, erließ der Premierminister William Pitt 1784 den India Act, der die Einrichtung einer Aufsichtsbehörde vorsah. Der erste Generalgouverneur, Cornwallis, sorgte dann auch dafür, dass die Ostindische Kompanie ihre Steuern bezahlte. Zwei Millionen Pfund führte die Gesellschaft alljährlich nach London ab, einen Betrag, der Schätzungen zufolge über fünf Prozent des britischen Bruttoinlandprodukts ausmachte. Gesteigert wurden die Erträge auch durch die allmähliche Ausschaltung der zamindars, der alten Feudalherren. Bisher hatten diese zamindars das Recht, in ihrem Gebiet die Steuern einzutreiben, wenn sie einen bestimmten, relativ geringen Betrag an die Zentralregierung bezahlten und außerdem ihre eigenen Heereseinheiten unterhielten. Mit einer Landreform machte Cornwallis diese zamindars zu steuerpflichtigen Großgrundbesitzern, denen die Enteignung drohte, wenn sie ihre Steuern nicht bezahlen konnten. Das Land wurde dann an geschäftstüchtige Städter verkauft. Diese Reform störte nicht nur das traditionelle Zusammenspiel von Landwirtschaft und Handwerk, sondern entzog auch dem ländlichen Raum sehr viel Kapital und Lebensmittel, die nach Kalkutta oder ins Ausland flossen. Mit der Ausschaltung der Klasse der Feudalherren kam der Niedergang des Handwerks, das bisher von der Nachfrage der prunksüchtigen Prinzen und zamindars gelebt hatte. Die verarmten Handwerker mussten ihre Produkte an die Vertreter der Ostindischen Kompanie abtreten. Viele von ihnen, vor allem die Weber, verlagerten ihre Aktivitäten nun auf die Landwirtschaft. Eine ständig wachsende Zahl von Pächtern bestellte immer kleinere Parzellen Landes. Gleichzeitig forderten die Vertreter der streng hierarchisch aufgebauten Ostindischen Kompanie immer höhere Steuern ein.

1770 kamen bei einer Hungersnot zehn Millionen Menschen ums Leben. Das entsprach etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung. Seither traten regelmäßig Hungersnöte auf, ohne dass das Steueraufkommen darunter gelitten hätte. Bis zum Ende des Jahrhunderts stiegen die Grundsteuersätze alljährlich um zehn Prozent an. Gegen Ende des Jahrhunderts war ein Drittel des fruchtbaren Bodens verlassen worden und vom Dschungel überwuchert. Wo früher Landwirtschaft betrieben wurde, streiften nun Tiger durch den Busch. Die einstige Perle des Ostens war zu einem Armenhaus verkommen. Überall in Bengalen brachen Bauernaufstände aus, die vom Regenten der Ostindischen Kompanie, dem unerbittlichen Warren Hastings, mit schonungsloser Härte niedergeschlagen wurden. Um die Bauern einzuschüchtern, ließ er die Aufständischen in ihren Dörfern standrechtlich erschießen, legte den Dörfern unbezahlbare Geldbußen auf und ließ die Angehörigen der Aufständischen als Sklaven abführen. Aber auch die unabhängigen indischen Fürstentümer hatten mit Unruhen zu kämpfen. Warren Hastings bot diesen Fürsten großzügig seine Dienste in der Aufstandsbekämpfung an und erhielt dafür wirtschaftliche und politische Zugeständnisse. Auf diese Weise erlangte er die Kontrolle über Benares und einen Großteil des Königreichs Oudh. So wurde die Ostindische Kompanie, die den passenden Beinamen Company Bahadur (mutige Gesellschaft) erhielt, auch in Nordindien zur bedeutendsten politischen Macht.

Die Unterwerfung Südindiens war mit viel größeren Schwierigkeiten verbunden. Neben dem nicht unerheblichen holländischen und französischen Einfluss in diesem Gebiet lag das vor allem an dem erbitterten Widerstand des Fürstentums Mysore. Dieser Staat war sicher von den Bergen der West- und Ostghats umschlossen und daher von den Auseinandersetzungen zwischen den Marathen und den Moguln nicht betroffen. Das Land hatte eine starke Armee, und seine hoch entwickelte Landwirtschaft und der Handel mit Eisenwaren und Glasprodukten trugen zu einem relativ großen Wohlstand bei. Die Bauern litten dort nicht unter den Formen der Ausbeutung, die auf dem Rest des Subkontinents vorherrschten. 1761 kam der muslimische Heerführer Hyder Ali an die Macht. Mit der Unterstützung von französischen Militärberatern baute er eine Berufsarmee auf, die durch ihre Disziplin, Beweglichkeit, Ausrüstung und modernen Taktiken von den übrigen indischen Armeen deutlich abstach. Hyder Ali annektierte einige Gebiete und geriet dadurch in Auseinandersetzungen mit den Staaten der Marathen-Föderation und Hyderabad. Diese Fürstentümer waren zwar durch innere Machtkämpfe und die unablässige Ausbeutung ihrer eigenen Bevölkerung geschwächt, aber mit der Unterstützung der Briten konnten sie Mysore die Stirn bieten und selbst in die Offensive übergehen. Anfangs gelang es Hyder Ali, alle Angriffe abzuwehren und die Briten bis nach Madras zurückzudrängen. Aber die Ostindische Kompanie, die inzwischen Verstärkung bekommen hatte, brachte ein Bündnis mit fast allen südindischen Fürstentümern zustande und schaltete die beiden anderen europäischen Mächte aus, indem sie die französische Flotte abfing und die niederländische Festung Negapatam einnahm. Mysore war nun auf sich selbst gestellt. Tipu Sultan, der seinem Vater 1782 auf den Thron folgte, musste sich letztlich der Ostindischen Kompanie unterwerfen, die ihm harte Reparationszahlungen auferlegte und seine beiden Söhne als Geiseln verschleppte. Nachdem er die Reparationen bezahlt und seine Söhne zurückerhalten hatte, zeigte es sich, dass der Widerstand dieses Herrschers noch nicht gebrochen war. Tipu Sultan schloss ein Geheimbündnis mit den Franzosen und wurde in seiner Hauptstadt ein führendes Mitglied des freidenkerischen Bundes der Jakobiner. Beunruhigt von dieser Entwicklung, fielen die Briten 1799 erneut nach Mysore ein und setzten der Unabhängigkeit Mysores, der Pracht von Seringapatam und den jakobinischen Ideen in Indien ein Ende. Nach 30 Jahren war die letzte indische Großmacht ausgeschaltet. Ganz Indien war dem Zugriff Englands ausgeliefert.

2. China

Im Jahr 1700 regierte K’ang-hsi, der zweite Kaiser der Qing-Dynastie, die 1644 gegründet worden war, über das Chinesische Reich. Obwohl die Qing aus der Mandschurei kamen und damit keine Chinesen waren, behielten sie doch das chinesische Verwaltungssystem bei und übernahmen den Beamtenapparat ihrer Vorgänger. Kaiser K’ang-hsi blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1722 auf dem Thron. Sein Nachfolger wurde sein vierter Sohn, der unter dem Namen Jung Tscheng 1723 den Thron bestieg. Über diese Thronfolge wurden verschiedene Geschichten erzählt. Ursprünglich soll Kaiser K’ang-hsi seinen ältesten Sohn zum Nachfolger bestimmt haben. Die vielen Brüder dieses Sohnes, die alle gerne Kaiser geworden wären, sollen ihn dann mit schwarzer Magie in den Wahnsinn getrieben haben. Danach habe sich K’ang-hsi bis zu seinem Tod nicht mehr über die Thronfolge äußern wollen, bestimmte aber seinen 14. Sohn in mehreren offiziellen Dokumenten zum Nachfolger. Als K’ang-hsi mit 61 Jahren auf dem Sterbebett lag, soll der vierte Sohn eines dieser Dokumente in die Hand bekommen haben und auf raffinierte Weise das Wort vierzehnter zu vierter verfälscht haben. Um zu verhindern, dass seine Brüder diesen Betrug entdeckten, trachtete Jung Tscheng sofort nach seiner Thronbesteigung danach, alle Dokumente, die sich auf die Thronfolge bezogen, unter Verschluss zu bringen. Um sicherzugehen, ließ er außerdem alle seine Brüder einsperren oder unter die Aufsicht seiner engen Vertrauten stellen. Jung Tscheng erwies sich als ein fähiger Politiker und Herrscher. Er festigte die Macht des Kaisers und richtete einen Kronrat ein, der ihm direkt unterstand und mit dem er jeden Tag die wichtigsten Anliegen besprach. Außerdem bekämpfte er wirkungsvoll die Korruption unter den Beamten und führte mehrere Finanzreformen durch. Er regierte allerdings nicht lange und starb 1736. Über seinen plötzlichen Tod gab es viele Mutmaßungen. Gerüchten zufolge soll er von einer unbekannten Frau ermordet worden sein.

Sein Nachfolger wurde Qianlong, unter dem die Herrschaft der Qing den Höhepunkt ihrer Macht erreichte. Im Inland waren die politischen Verhältnisse stabil, die Verwaltung funktionierte gut, und die Armee gewann an Stärke. Außerhalb der Grenzen des Reiches brachte das Militär riesige Gebiete unter seine Kontrolle. Aus der Äußeren Mongolei, gegen die die Qing-Armeen schon oft vorgegangen waren, drangen immer wieder dsungarische Stämme in das Chinesische Reich ein. In der Mitte des Jahrhunderts führte Kaiser Ch’ien Lung mehrere Feldzüge gegen die Dsungaren, die sie schließlich unterwarfen.

Zur selben Zeit festigte China seine Kontrolle über Tibet, mit dem es seit dem vorangegangenen Jahrhundert in Kontakt stand. Dort herrschten chaotische Zustände. Mehrere Male wurden Dalai-Lamas abgesetzt und vertrieben. Außerdem stand Tibet in Kontakt mit den Dsungaren, was die Qing natürlich nicht begrüßten. Nach einem Einfall der Dsungaren in Tibet wurden diese von chinesischen Truppen vertrieben. Seither verblieben eine chinesische Garnison und zwei Residenten in Lhasa, um den Dalai-Lama „vor weiteren Gefahren zu beschützen”. Im selben Jahrhundert wurden außerdem Korea, die Ryukyu-Inseln, Vietnam und Birma zu chinesischen Tributärstaaten. Auch Nepal musste eine jährliche Abgabe an China entrichten, nachdem ein Stamm aus Nepal nach Tibet eingedrungen war und durch die Chinesen vertrieben wurde.

Der chinesische Handel mit Europa entwickelte sich weiter. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahrhunderten waren es nun vor allem die Engländer, die sich im Handel mit China engagierten. Sie wurden von der Ostindischen Kompanie vertreten. Die chinesische Regierung hatte eine Anzahl von Regeln für den Ausland