| Suchansicht | Millennium: 19. Jahrhundert | Artikelansicht |
| 1. | Einleitung |
Zum Thema Millennium sind die folgenden weiteren Texte verfügbar: Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: 11. Jahrhundert; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 16. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert.
| 2. | Die Welt im Überblick |
In Europa wuchs die Bevölkerung von 188 Millionen im Jahr 1800 auf 401 Millionen gegen Ende des 19. Jahrhunderts an. Die Expansion des napoleonischen Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte erhebliche Auswirkungen auf weite Teile Europas. Nach 1815, nach dem Sturz Napoleons, entstanden in Europa allmählich die Nationalstaaten in ihren heutigen Formen. Zwischen 1815 und 1848 fanden in den meisten Staaten Europas Auseinandersetzungen statt zwischen den konservativen bis reaktionären Machthabern und den zumeist vom Bürgertum getragenen liberalen, republikanischen, demokratischen Ideen, die ihren Ursprung in der Französischen Revolution hatten. Es entstanden zahlreiche politische Richtungen und Lehren, wie etwa Radikalismus, Sozialismus, Konservativismus, Nationalismus und Kommunismus. Der Strom neuer Ideen bahnte sich im Revolutionsjahr 1848 seinen Weg. Die meisten der revolutionären Ziele wurden nicht verwirklicht, aber es wurde deutlich, dass Nationalismus und soziale Auseinandersetzungen die folgenden Jahrzehnte beherrschen würden.
In der ersten Jahrhunderthälfte fanden wichtige nationale Einigungsprozesse statt. Die Demokratie gewann an Boden, und in den meisten Ländern organisierten sich die Arbeiter in Gewerkschaften, die immer mehr an Einfluss gewannen. In den Industrieländern wurde das Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft zunehmend gespannt, was nicht selten zur Zerrüttung des wirtschaftlichen Lebens und zur gewaltsamen Unterdrückung von Arbeiterunruhen, Streiks etc. durch den Staat führte. Der liberale Staat sah es zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht als seine Aufgabe an, in das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit einzugreifen, wurde nun aber u. a. durch die ersten Sozialgesetze dazu verpflichtet.
Vor allem nach 1870 expandierten europäische Mächte wieder verstärkt in außereuropäische Gebiete, und Hand in Hand mit diesem Imperialismus wurden auch westliches Wissen, Kapital und industrielle Technik exportiert. Die Beziehungen zwischen den europäischen Mächten gestalteten sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zunehmend kompliziert. Es entstand ein System von Bündnissen, das sich häufig änderte, und gegen eine mögliche internationale Auseinandersetzung wappneten sich die europäischen Staaten mit dem Aufbau großer, stehender Heere. Großbritannien entwickelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zum mächtigsten Staat der Welt. Die Industrielle Revolution nahm hier ihren Anfang. Das Britische Empire ist in der Geschichte ohnegleichen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war noch Frankreich die wichtigste Macht in Europa. Nach dem Sturz Napoleons war Frankreich innenpolitisch von Unruhen und Konflikten geprägt; außenpolitisch verfolgte es einen deutlich imperialistischen Kurs. Die deutschen Staaten wurden 1871 zum Deutschen Kaiserreich vereinigt, das sich sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht zu einer der bedeutendsten Mächte entwickelte. Russland war noch immer ein autokratisch beherrschtes Zarenreich, das aber durch die großen sozialen Spannungen, die dort herrschten, von innen heraus zunehmend ausgehöhlt wurde. Die Expansion Russlands nach Osten setzte sich im 19. Jahrhundert fort. Im Westen dagegen war der russische Imperialismus nicht so erfolgreich. Polen blieb weiterhin geteilt: in Russisch-Polen (Kongresspolen), Deutsch-Polen und Österreichisch-Polen (Galizien). Österreich-Ungarn, seit 1867 eine Doppelmonarchie, war ein instabiles Staatsgebilde mit ungelösten Nationalitätenproblemen. Der Balkan mit seinen ebenfalls virulenten Nationalitätenproblemen war ein politisches Pulverfass. Die Verwicklung der europäischen Großmächte in die Balkanprobleme stellte eine Bedrohung für den europäischen Frieden dar. Die Geschichte Italiens war im 19. Jahrhundert vom Streben nach nationaler Einigung geprägt. 1861 wurde das unabhängige Königreich Italien ausgerufen und 1870 mit der Annexion des Kirchenstaates die nationale Einigung vollendet. Spanien und Portugal waren wirtschaftlich hinter den meisten europäischen Ländern zurückgeblieben. Der Kolonialbesitz beider Staaten war nur noch ein Schatten früherer Größe. In Skandinavien war Norwegen seit 1814 in Personalunion mit Schweden verbunden. 1830 löste sich Belgien vom Königreich der Niederlande los, dem es seit 1815 angehört hatte.
In Nordamerika waren die Vereinigten Staaten eine Großmacht geworden, und was Industrie und Landwirtschaft anbelangte, gehörten sie zu den führenden Ländern in der Welt. Kanada wurde Dominion, ein selbständiger Staat innerhalb des Britischen Empire. Die Länder Mittel- und Südamerikas waren fast alle unabhängig geworden. Afrika war mehr oder weniger zwischen den europäischen Mächten aufgeteilt. In Asien war inzwischen ganz Indien unter britischer Herrschaft, allerdings nahm die antibritische Stimmung in der indischen Bevölkerung zu. Japan trat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus seiner Isolation heraus und entwickelte sich zu einer wichtigen Macht. In Südostasien schließlich rief Frankreich eine „Union von Indochina” ins Leben.
| 3. | Europa |
| 1. | Großbritannien |
Politisch und wirtschaftlich war Großbritannien im 19. Jahrhundert die führende Weltmacht; das Britische Empire erreichte eine in der Geschichte beispiellose Größe. Großbritannien erwarb weiterhin Besitzungen in Übersee – zum Schutz und Ausbau seines Handels und als Kolonialland für seine Auswanderer. Beinahe die Hälfte des Welthandels zur See besorgten Schiffe, die unter britischer Flagge fuhren. Der Sendungsgedanke, der mit dem britischen Imperialismus einherging, verfestigte sich in weiten Teilen der britischen Bevölkerung zunehmend; mit dazu beigetragen hatte der englische Schriftsteller Rudyard Kipling, etwa durch sein Gedicht The White Man’s Burden, das deutlich von rassistisch-chauvinistischem Gedankengut geprägt ist und in dem Kipling den britischen Imperialismus als kulturelle Leistung feiert. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts wurde dieses Gedankengut durch den britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain politisch umgesetzt. Chamberlain suchte das Empire noch weiter auszudehnen, strebte den Ausbau der Flotte an und wollte eine Zollunion zwischen allen Teilen des Empire errichten.
Die industrielle Revolution, die bereits im 18. Jahrhundert eingesetzt hatte, veränderte das Aussehen weiter Teile des Landes grundlegend. Ganze Landstriche wurden mit Fabrikanlagen und den dazugehörigen trostlosen Arbeitersiedlungen verbaut. Durch die industrielle Revolution verschärften sich die schon bestehenden Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Kluft wurde stetig größer. Die fortschreitende Industrialisierung zwang die Arbeiter mehr und mehr, sich zu organisieren. Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts spielte die Arbeiterbewegung eine immer wichtigere Rolle, und 1833 wurde der erste Gewerkschaftsbund gegründet, die Grand National Consolidated Trade Union. Zwischen dem lange in London ansässigen Vorkämpfer des Kommunismus, Karl Marx, und den britischen Gewerkschaften kam es allerdings nie zu engeren Kontakten. Auf politischer Ebene organisierten sich die Arbeiter gegen Ende des 19. Jahrhunderts: 1893 wurde die Independent Labour Party (Labour Party) gegründet.
Bedeutend für die Arbeiterbewegung in ganz Europa war die Gründung der Ersten Internationale im Jahr 1864. Deutsche, schweizerische, polnische, italienische und französische Arbeiterdelegationen, die sich anlässlich der in diesem Jahr stattfindenden Industrieausstellung in London aufhielten, gaben hierzu den ersten Anstoß.
Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen in den Fabriken wurden im Lauf des 19. Jahrhunderts zahlreiche Verbesserungen durchgesetzt. Beispiele hierfür sind ein erstes Fabrikgesetz von 1833 zur Beschränkung der Kinderarbeit, dessen Einhaltung von Fabrikinspektoren kontrolliert wurde, und das Bergbaugesetz von 1842, das die Arbeit unter Tage für Frauen und Kinder unter 13 Jahren verbot (siehe Fabrikgesetze). Dennoch blieben bis ins späte 19. Jahrhundert schwere Missstände bestehen. So kam es bis 1875 vor, dass kleine Jungen als lebende Besen durch Schornsteine gezogen wurden. Man hielt das für preiswerter als Bürsten, deren Anschaffung Geld kostete und die überdies dem Verschleiß ausgesetzt waren. Insbesondere die Frauen, Jugendlichen und Kinder profitierten von den neuen Gesetzen. Männer dagegen mussten weiterhin unter zum Teil katastrophalen Bedingungen arbeiten.
Auf dem Land hatte sich das Leben zwar nicht so stark verändert wie in den Industriestädten, aber die arbeitende Bevölkerung hatte auch hier kein leichtes Leben. Der englische Landarbeiter war nicht an ein bestimmtes Stück Land gebunden. Wenn er arbeitslos wurde, suchte er sich anderswo Arbeit, vielleicht in der Stadt, in den Fabriken, oder er wanderte in die Kolonien aus, wo er selbständiger Bauer werden konnte. Dieser Ausweg erwies sich besonders im letzten Viertel des Jahrhunderts oftmals als der einzig mögliche: Eine Krise der Landwirtschaft war auf die andere gefolgt, Hunderttausende Landarbeiter verloren ihre Arbeit, zahlreiche Kornfelder verschwanden. Schon vor der Rezession waren die Lebensverhältnisse der Landarbeiter nicht allzu rosig gewesen, wenn auch in den fünfziger und sechziger Jahren viele Grundbesitzer für bessere Unterkünfte und etwas höhere Löhne gesorgt hatten.
Die bedeutendste Industriestadt in Schottland war Glasgow, aber dem weitaus größten Teil Schottlands blieb der „Segen” der industriellen Revolution erspart. Die wichtigsten Industriezentren Großbritanniens befanden sich im Zentrum des Landes, in Manchester (Baumwollindustrie) und Liverpool (Metallindustrie und Schiffbau). Im Lauf des 19. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl Liverpools von 75 000 auf 700 000. Liverpool war nach London der wichtigste Hafen im Land. Auch hier profitierte man von dem gewaltigen Aufschwung, den die britische Handelsschifffahrt erlebte. 1885 fuhren ein Drittel aller Seeschiffe und sogar 80 Prozent aller dampfgetriebenen Schiffe weltweit unter britischer Flagge. Vom Frachtaufkommen her war die Küstenschifffahrt noch wichtiger als die Hochseeschifffahrt. Insbesondere der Kohlentransport war für die britische Wirtschaft von großer Bedeutung; von ihm profitierten vor allem die Hafenstädte Cardiff und Newcastle. Der wichtigste Marinehafen war das auf einer Halbinsel am Ärmelkanal gelegene Portsmouth. Die britische Marine konnte ihre von jeher mächtige Stellung behaupten und beherrschte weiterhin die Weltmeere. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Bande zwischen Marine und Handelsschifffahrt sehr eng. In Kriegszeiten nämlich konnten im Rahmen des Presspatrouillensystems Seeleute von den Handelsschiffen für den Einsatz auf den Marineschiffen zwangsrekrutiert werden. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen bei der Flotte waren berüchtigt: Die Heuer war äußerst niedrig und die Verpflegung ungenießbar. Dies alles verbesserte sich im Lauf der Jahre. Die Stadt Birmingham konnte die Missstände im Bereich des Wohnwesens, für die sie traurige Berühmtheit erlangt hatte, größtenteils beheben, so dass sie im 19. Jahrhundert manchmal sogar als die am besten verwaltete Stadt der Welt apostrophiert wurde. Die Millionenstadt London, das Zentrum nicht nur Großbritanniens, sondern des gesamten Britischen Empire, dehnte sich bereits auf einer Länge von 20 Kilometern aus und veränderte sich nun stark in ihrer Struktur: Das Stadtzentrum verlor als Wohngebiet an Bedeutung, dafür wuchs die Stadt immer weiter in die Peripherie hinaus. Der Fortschritt hinterließ in einer Stadt wie London natürlich seine Spuren. So wurden für den Bau von Bahnlinien innerhalb der Stadt zahllose Häuser abgerissen; seit 1850 mussten aus diesem Grund über 70 000 Menschen ihre Häuser räumen.
Nicht nur das Aussehen der Stadt veränderte sich; auch die Sitten, Gewohnheiten und Lebensverhältnisse ihrer Bewohner waren Änderungen mehr oder weniger positiver Art unterworfen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden insbesondere in den besseren Kreisen die Familien immer kleiner. Die Kosten für den Besuch der Public School (privates Elitegymnasium mit Internat) waren so hoch geworden, dass es die Eltern vorzogen, weniger Kinder zu haben, diesen dann aber eine gute Erziehung zuteilwerden zu lassen. Auch in Handwerkerfamilien ging die Zahl der Kinder aus finanziellen Gründen zurück. Die Aufklärungskampagnen der neomalthusianischen Vereinigung (siehe Thomas Malthus) zum Gebrauch von Verhütungsmitteln begannen, Wirkung zu zeigen. Die Zahl der in den Armenvierteln geborenen Kinder blieb aber weiterhin hoch; hier waren Mittel und Möglichkeiten der Geburtenkontrolle noch wenig bekannt. Die Lebensverhältnisse in den Armenvierteln waren trotz vieler Verbesserungen immer noch schlecht. Insbesondere in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden nahezu unbewohnbare Mietskasernen gebaut, ganze Familien wurden in einem einzigen Zimmer oder in Kellern untergebracht, Seuchen waren an der Tagesordnung. Erst ab den siebziger Jahren suchte man beim Bau neuer Mietskasernen, zumindest den hygienischen Mindestanforderungen zu genügen. Die Kriminalität in den Armenvierteln hatte man seit der Einführung der „Bobbies” zwar besser im Griff, aber wirklich sicher war es für Außenstehende in diesen Vierteln noch lange nicht. Der französische Künstler Gustave Doré berichtete in dem von ihm verfassten und bebilderten Buch über London von einem Besuch im Stadtteil Whitechapel: „Zunächst einmal setzt man sich mit Scotland Yard in Verbindung. Man zieht alte Kleider an. Man sucht sich zwei oder drei unerschrockene Gefährten aus, die sich auch vor den Gräueln von Tiger Bay nicht fürchten. Und man vertraut sich der Führung eines intelligenten und tapferen Beamten der Kriminalpolizei an. Gegen 8 Uhr steigt man in die Droschke, und der Kopf des Pferdes dreht sich nach Osten. In finsteren Winkeln sieht man Männer verstohlen an der Mauer stehen, und die Polizei lächelt, als wir uns verwundert fragen, was wohl mit einem einsamen Spaziergänger geschehen würde, der sich ohne Schutz in diesen Vierteln aufhielte. ‘Er würde bis aufs Hemd ausgezogen werden’, war die ehrliche Antwort.” Ab 1865 versuchte die Heilsarmee – ursprünglich unter dem Namen The East London Revival Society –, das Leid der Armen in London zu lindern und gleichzeitig das Evangelium zu predigen. Das Aufsehen erregende Auftreten der Heilsarmee – Straßenkapellen, bunte Uniformen und sogar „Heilsjahrmärkte” – sprach viele an, löste bei vielen aber auch Aggressionen aus. Immer wieder wurden die Streiter der Heilsarmee angegriffen und beschimpft.
Im Kontrast zu den Elendsvierteln war der Sitz der königlichen Familie (bis 1837 der Saint James’s Palace, danach der Buckingham Palace) das Symbol für Reichtum und Pracht. Das Leben am Hof zur Zeit König Georgs IV. schien indes ziemlich langweilig gewesen zu sein. Der Schriftsteller William Makepeace Thackeray schrieb dazu: „König Georgs Haushalt war der Musterhaushalt eines englischen Gentleman. Man stand früh auf, man war nett, wohlwollend, maßvoll, ordentlich. Es muss dort so stumpfsinnig gewesen sein, dass es mich schaudert, wenn ich daran denke. Kein Wunder, dass alle Prinzen dem Schoße dieser unangenehmen häuslichen Tugend entflohen. Immer zur gleichen Zeit stand man auf, ritt man und aß man. Tag für Tag das gleiche Muster. Abends küsste der König immer zur gleichen Uhrzeit die roten Wangen seiner Töchter, die Prinzessinnen küssten die Hand ihrer Mutter, und Madame Thielke brachte die königliche Schlafmütze. Immer zur gleichen Zeit bekamen die Höflinge ihr Abendessen und hielten ihr Teekränzchen ab. Der König hatte sein Backgammon oder sein Abendkonzert, und die Adjutanten gähnten tödlich gelangweilt in den Vorzimmern. Oder der König und seine Familie spazierten über die Böschungen von Windsor, das Lieblingsprinzesschen Amelia Hand in Hand mit dem König.”
Die überaus lange Regierungszeit Königin Viktorias (1837-1901) war von Nüchternheit, Konservativismus und puritanischen Moralvorstellungen geprägt. Die ungeheuren Mengen an Pornographie, die während Viktorias Regierungszeit produziert und unter der Hand verkauft wurden, zeigten jedoch, dass Puritanismus und Prüderie nur oberflächliche Erscheinungen waren. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Zahl der in London arbeitenden Prostituierten auf 80 000 geschätzt. Die Ausgehmöglichkeiten und das gesellschaftliche Leben waren längst nicht so vielfältig wie in anderen europäischen Weltstädten. Elegante Restaurants z. B. gab es erst seit kurzer Zeit. Und es war undenkbar, dass Damen in der Öffentlichkeit rauchten. Aber allmählich wurden die früher so puritanischen Sitten lockerer, und der gesellschaftliche Verkehr wurde immer weniger durch patriarchalische Vorschriften bestimmt. Auch die Veränderungen im Schulwesen kamen der britischen Gesellschaft zugute. Immer mehr Kinder kamen in den Genuss wenigstens einer Grundschulausbildung; die weiterführenden Schulen jedoch standen nach wie vor nur wenigen offen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es drei Arten höherer Schulen: die Grammar Schools, die im Lauf des 18. Jahrhunderts einen starken Niedergang erlebt hatten, die Public Schools (z. B. Eton und Harrow), an denen für viel Geld ein veralteter Unterricht erteilt wurde, und die privaten Akademien. In der Regierungszeit Königin Viktorias gewannen die Public Schools die Oberhand. Hier wurden die künftigen Führungskräfte in Politik und Wirtschaft ausgebildet. Besonderer Wert wurde hier auf die Herausbildung von Charakterstärke und auf ein kameradschaftliches Verhalten gelegt. An den Universitäten – die berühmtesten waren Oxford und Cambridge – wurden nach heftigem Widerstand seitens der Kirche jetzt auch moderne Fächer wie Naturwissenschaften sowie moderne Geschichte gelehrt. Wer an einer dieser Universitäten seinen Abschluss machte, hatte gute Chancen auf eine Karriere als hoher Beamter – eine Laufbahn, die man bisher nur dann mit Aussicht auf Erfolg hatte anstreben können, wenn man einer vornehmen Familie entstammte oder einflussreiche Bekannte hatte. Dieser Vetternwirtschaft bereitete der liberale Premierminister Gladstone in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Ende.
Britische Naturforscher und Philosophen übten im 19. Jahrhundert weltweit großen Einfluss aus. Charles Darwins Evolutionstheorie etwa veränderte das althergebrachte Menschenbild vollständig und wirkte auf zahlreiche Wissenschaften und politische Strömungen. Insbesondere der Liberalismus war empfänglich für darwinistische Anregungen: „Survival of the fittest” (das Überleben der am besten angepassten Individuen) wurde in manchen Kreisen ein äußerst populärer Begriff. Einer der einflussreichsten Denker jener Zeit war Herbert Spencer, ein Wegbereiter der Evolutionstheorie und entschiedener Gegner umfassender Eingriffe und Fürsorge des Staates.
| 2. | Irland |
In Irland bzw. unter irischen Auswanderern entstanden verschiedene politische Bewegungen, die die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien anstrebten. Die Fenier-Bewegung, die eine revolutionäre Lösung anstrebte, hatte besonders unter den irischen Auswanderern viele Anhänger. In Irland selbst gab es sowohl Gruppierungen, die die Selbstverwaltung für ihr Land auf friedlichem, parlamentarischem Weg anstrebten, als auch Bewegungen, die ihre Ziele mit terroristischen Aktionen zu erreichen suchten. 1882 wurden beispielsweise die beiden englischen Beamten Cavendish und Burke in einem Park in Dublin von Mitgliedern einer unter dem Namen The Invincibles („Die Unbesiegbaren”) bekannten Bande ermordet.
Die irische Geschichte war das ganze 19. Jahrhundert hindurch von Gewalt und Leiden geprägt. Einen Höhepunkt erreichte die Leidensgeschichte der Iren in den Jahren 1845 bis 1848, als das Land von einer Hungersnot und von Seuchen (siehe Hungersnot in Irland) heimgesucht wurde, denen wahrscheinlich eine Million Menschen zum Opfer fielen. Die unmittelbare Ursache war die fast völlige Zerstörung der Kartoffelernten durch die Kraut- und Knollenfäule. Die Auswirkungen waren deshalb so verheerend, weil die Hälfte der Bevölkerung von der Kartoffel als Grundnahrungsmittel abhängig war. Die Hungersnot forcierte den ohnehin schon großen Drang zur Auswanderung. Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts verließen circa 50 000 Menschen jährlich das Land. Um 1850 waren es 250 000. Die Folgen waren deutlich spürbar: Die Bevölkerung Irlands war auf nur noch vier Millionen zusammengeschrumpft, gegenüber gut acht Millionen 60 Jahre zuvor. Die große Hungersnot führte allmählich auch zu einer Radikalisierung der nationalistischen Bewegungen.
| 3. | Frankreich |
In Frankreich waren die innenpolitischen Spannungen und Unruhen seit dem endgültigen Sturz Napoleons 1815 nicht abgeflaut; sie prägten das ganze 19. Jahrhundert. In den Jahren ab 1820 hatten reaktionäre, ultraroyalistische Kräfte die Herrschaft über das Staatswesen zurückgewonnen. Der „weiße Terror” forderte seine Opfer insbesondere unter Bonapartisten, Republikanern und Protestanten. Unter dem Bourbonen Karl X. (1824-1830), der während der Französischen Revolution der ungekrönte König der Émigrés gewesen war, erhielt die katholische Kirche wieder die Gewalt über das Schulwesen, die ehemaligen Émigrés erhielten Millionen Francs an Schadenersatz, und man ging sogar so weit, für die Entweihung einer Kirche die Todesstrafe einzuführen. Gegen all dies bildete sich allmählich eine Opposition, die 1830 in der Julirevolution gipfelte. Nach dem Sturz Karls X. 1830 wurde als Kompromisskandidat, mit dem sowohl radikale Arbeiter und Studenten einerseits als auch bürgerliche Bankiers, Geschäftsleute und Industrielle andererseits leben konnten, Louis Philippe (1830-1848) zum König gekrönt. Schon bald allerdings wurde offensichtlich, dass sich unter Louis Philippe im Grundsatz wenig veränderte. In der Opposition machten sich mehr und mehr sozialistische Ideen breit, und seit der Wirtschaftskrise von 1846 wuchs die Unzufriedenheit von Tag zu Tag. 1848 entlud sich die Unzufriedenheit in der Februarrevolution, die zur Initialzündung der Revolutionen in ganz Europa wurde. Ein weiterer Aufstand, der Juniaufstand in Paris, verwandelte die Stadt für mehrere Tage in ein Schlachtfeld. Zehntausende bewaffneter Arbeiter kämpften gegen Regierungstruppen. Der Kriegsminister, General Cavaignac, schlug den Aufstand blutig nieder. Im Bürgertum ging nun das Schreckgespenst des Klassenkampfs um, die sozialen Reformen, die infolge der Februarrevolution durchgeführt worden waren, wurden zurückgenommen, und aus den Plänen des Sozialreformers Louis Blanc (z. B. den Nationalwerkstätten) wurde nichts.
Louis Napoleon, ein Neffe Napoleons I. und aufgrund seiner Herkunft äußerst populär, wurde nun zum Präsidenten der Zweiten Republik gewählt. 1852 ließ er sich nach einem gelungenen Staatsstreich gegen das Parlament und auf der Basis eines Plebiszits als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen ausrufen. Unter der Herrschaft Napoleons erlebte Frankreich eine Phase großer wirtschaftlicher Blüte. Neue Kreditinstitute, wie etwa der Crédit Mobilier, entstanden, der Aktienbesitz großer Teile der Bevölkerung nahm zu, Unternehmen waren auf den verschiedensten Gebieten tätig; so baute z. B. in den Jahren 1859 bis 1869 ein französisches Unternehmen den Suezkanal. In der Sozialpolitik schlugen die Ideen der Saint-Simonisten (siehe Claude Henri de Rouvroy, Graf von Saint-Simon) durch. Es gab Pläne, „Arbeiterarmeen” zu bilden, die das Land bearbeiten sollten. Es wurden Krankenhäuser gebaut und kostenlose Arzneimittel zur Verfügung gestellt. Nach 1860 aber wuchs die Unzufriedenheit über die Herrschaft Louis Napoleons. Seine Freihandelspolitik wurde kritisiert, und die Katholiken zogen sich wegen seiner militärischen Abenteuer in Italien (Italienischer Krieg) von ihm zurück.
Der Deutsch-Französische Krieg brachte das Ende des Zweiten Kaiserreichs. Nach der Belagerung von Paris 1871 wurde die Stadt kurzzeitig von der radikalrepublikanischen, sozialistischen Pariser Kommune regiert. Marschall Mac-Mahon schlug die Kommune blutig nieder; etwa 20 000 Kommunarden kamen dabei um. Die Tageszeitung Le Figaro gab die Stimmung weiter Teile der Bevölkerung wieder, die die Ereignisse während der Pariser Kommune mit Angst verfolgt hatten: „Es gab noch nie eine so gute Gelegenheit, die Sitten verderbende Geschwulst, die Paris auffrisst, zu beseitigen. In diesem Augenblick wäre Nachsicht gleichbedeutend mit Wahnsinn. Was ist ein Republikaner? Eine reißende Bestie. Wir müssen diejenigen, die sich verstecken, wie wilde Tiere aufspüren. Mitleidlos, ohne Unwillen, nur mit der Entschlossenheit eines ehrlichen Mannes, der seine Pflicht tut.”
Bis zur Jahrhundertwende brachte die 3. Republik weder herausragende Politiker noch starke Regierungen hervor. Politische Skandale und Korruptionsaffären waren an der Tagesordnung. Gegen Ende des Jahrhunderts stürzte die Dreyfus-Affäre, die sich zu einer grundsätzlichen politischen Auseinandersetzung zwischen rechts und links ausweitete, in eine schwere Krise. Zeitweise herrschte eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre. Eine Sensation war 1898 die Veröffentlichung eines offenen Briefes des Schriftstellers Émile Zola auf der Titelseite der Zeitung L’Aurore. Unter der Überschrift J’accuse (Ich klage an) griff Zola vehement Militär- und Zivilbehörden an, die den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus unschuldig verurteilt hatten. Innerhalb kürzester Zeit wurden 300 000 Exemplare der Zeitung verkauft.
Das Gesicht von Paris hatte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts stark verändert. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts entstanden zahlreiche repräsentative Bauten, teilweise nach Vorbildern aus der klassischen Antike. Beispiele hierfür sind der Arc de Triomphe (fertig gestellt 1836), das Ehrenmal für die siegreichen französischen Armeen, und die Madeleine (vollendet 1842), die ursprünglich als „Tempel des Ruhms” gedacht war, dann aber als katholische Kirche genutzt wurde. Die einschneidendste Veränderung des Stadtbildes aber war die Anlage eines neuen Systems von Avenuen, Boulevards, Plätzen und Brücken unter der Ägide von Baron Haussmann, wodurch innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit die mittelalterlich anmutende Innenstadt in ein modernes, großzügiges Ganzes verwandelt wurde. Seit 1851 fanden in unregelmäßigen Abständen Weltausstellungen statt. Die Ausstellung von 1889 in Paris stand im Zeichen des Erinnerns an die 100 Jahre zuvor ausgebrochene Französische Revolution. Der Eiffelturm bildete buchstäblich den Höhepunkt der Weltausstellung: Mit seinen 300 Metern war er damals das höchste Bauwerk der Welt. Namensgeber und Konstrukteur des Eiffelturms war der Brückenbauer Alexandre Eiffel. Nicht jeder war glücklich über den Turm, der aus jedem Blickwinkel das Stadtbild beherrschte. Schon während des Baus protestierten zahlreiche bedeutende Künstler in einer öffentlichen Erklärung gegen solch einen ”Schwindel erregenden lächerlichen Turm, der Paris wie ein schwarzer, riesiger Fabrikschornstein beherrscht und mit seiner barbarischen Masse Notre-Dame, die Sainte-Chapelle, den Tour Saint-Jacques und den Louvre geradezu erdrückt”.
Mit der Weltausstellung des Jahres 1900, die wieder in Paris stattfinden sollte, wollte man alle Ausstellungen, die es je gegeben hatte, in den Schatten stellen. Im Stadtzentrum wurden große freie Flächen geschaffen, nahe der Seine wurden zahlreiche Häuser abgerissen. Gegner der Weltausstellung waren der Auffassung, dass der Stadt eine Sturmflut der Verderbtheit bevorstehe. Das Ergebnis, so meinten sie, werde sein, „dass Paris noch mehr als früher eine Stadt weltbürgerlichen Vergnügens werden wird, der Treffpunkt der Prasser und die Welthauptstadt eines ewig andauernden Bauchtanzes”. Eine der amüsantesten Attraktionen versprach das Cinéorama von Grimoin-Sanson zu werden, das den Besuchern den Eindruck vermitteln sollte, in einem Ballon zu fahren. Auch die Gebrüder Lumière sollten mit ihren Filmen vertreten sein. Außerdem sollte das Zusammenspiel zwischen Phonograph und Film vorgestellt werden.
Paris war zweifellos die Stadt, wo man sich mehr als andernorts zahllosen Vergnügungen hingeben und ausgehen konnte. Auf den Boulevards herrschte nie Langeweile. Man fand dort berühmte Etablissements wie das Café Anglais, das Café de Paris, das Café de la Paix und Restaurants wie das Ledoyen auf den Champs-Élysées. In aller Munde war zu jener Zeit das Maxim, ein im Jugendstil eingerichtetes Restaurant und beliebter Treffpunkt der Halbwelt. Die Cabarets und Theater erlebten eine Blütezeit. Das Stadtviertel Montmartre hatte seit der Eröffnung des Moulin Rouge im Jahr 1889 neue Impulse erhalten und war jetzt das wichtigste Vergnügungszentrum der Stadt. In den Tanzsälen und Tanzcafés war der Cancan außerordentlich populär. Ungekrönte Königin des Cancan war La Goulue, eine sehr temperamentvolle Dame, die der Journalist Georges Montorgeuil so beschrieb: „Rosa und blond, ungefähr 18 Jahre alt, mit einem eigensinnigen, bösartigen und frischen Kindergesicht, ... einem herausfordernden, schamlosen Blick und einem milchweißen Busen, der frei über ihrem Mieder hervortritt ... Sie war das schöne Mädchen, das keine Bescheidenheit oder Gezwungenheit kennt.” Eine andere berühmte Tänzerin war Jane Avril, über die der Maler Toulouse-Lautrec schrieb: „Jung und mädchenhaft, umso reizvoller, als sie sich spröde gab, mit einer gespielten Bescheidenheit, beinahe bis in die Mitte dekolletiert, nach der orientalischen Mode. Sie hatte lange schwarze Locken um das Gesicht herum und strahlte einen Hauch verdorbener Jungfräulichkeit aus.”
Das Pariser Nachtleben wurde von niemandem so lebendig geschildert wie von Toulouse-Lautrec. Seine Gemälde, Zeichnungen und Plakate machten den Montmartre als Vergnügungsviertel nahezu international bekannt. Paris hatte sich zu einem Zentrum der bildenden Kunst entwickelt: Die Impressionisten organisierten zahllose Ausstellungen, und Kunsthändler machten gute Geschäfte. Zwei Künstler, die Ende des 19. Jahrhunderts in aller Munde waren, waren Paul Cézanne und Auguste Rodin. Bis Anfang der neunziger Jahre war Cézanne nahezu ausschließlich bei Kunstliebhabern bekannt; erst seit einer öffentlichen Ausstellung im Jahr 1895 war der Name Cézanne ein Begriff, trotz oder vielleicht gerade wegen der vernichtenden Kritik, mit der die Presse sein Werk bedachte. Der Bildhauer Auguste Rodin sah sich 1898 noch heftigerer Kritik ausgesetzt als Cézanne. Jahrelang hatte er sich mit einem Balzac-Standbild abgemüht; nun wurde das Standbild erstmals ausgestellt. Es gab einen riesigen Skandal. Die einen bewunderten die eigenartige Kraft, die das Werk ausstrahlte, die anderen ergingen sich in meist giftiger Kritik, wie z. B.: „Das Standbild sollte man in Bronze gießen und hoch aufstellen, damit kommende Generationen wissen, welches Maß an geistiger Verirrung wir am Ende dieses Jahrhunderts erreicht haben.” Die Mehrzahl der französischen Künstler und fortschrittlichen Politiker, u. a. Toulouse-Lautrec, Claude Monet, Claude Debussy, Anatole France, Georges Clemenceau, stellten sich hinter Rodin, der das Standbild schließlich auf seinem Landsitz in Meudon aufstellte.
In Frankreich wurden wichtige Grundlagen für die junge Wissenschaft der Soziologie geschaffen. Émile Durkheim, der 1898 die Zeitschrift Année Sociologique gründete, hatte seit einigen Jahren in Bordeaux den ersten Lehrstuhl für Soziologie und Pädagogik inne. Durkheim war stark von Auguste Comte beeinflusst, dem Begründer des Positivismus, einer Strömung, die das moderne Lebensgefühl widerspiegelte. Auch die Soziologie war vielfach von dem Fortschrittsglauben geprägt, der für das 19. Jahrhundert typisch war.
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts war das gesamte Zivilrecht im Code civil, dem bürgerlichen Gesetzbuch, zusammengefasst, einer einzigartigen Leistung der damaligen Rechtswissenschaften. Die Bedeutung dieses Gesetzbuchs blieb nicht auf Frankreich beschränkt: Auch in den von Napoleon besetzten Ländern wurde es eingeführt und blieb dort vielfach auch nach 1815 noch in Gebrauch, und selbst außerhalb Europas war der Einfluss des Code civil spürbar. Eine der Bestimmungen des Code civil, nämlich dass ein Erbe unter den Kindern des Erblassers aufgeteilt werden musste, spielte auch für die Bevölkerungsentwicklung Frankreichs im 19. Jahrhundert eine Rolle: Das Bevölkerungswachstum kam nahezu zum Stillstand. Insbesondere die bäuerliche Bevölkerung begann, aufgrund dieser Bestimmung ihre Kinderzahl zu begrenzen, um so die Lebensqualität der Nachkommen sicherzustellen. Im städtischen Raum hatten später das Verschwinden der Kinderarbeit und die größer werdende Bedeutung der Schulbildung ebenfalls zur Senkung der Geburtenrate beigetragen. Schon 1830 hatte das Bevölkerungswachstum deutlich nachgelassen; Frankreich, das bevölkerungsreichste Land Europas, begann zu vergreisen. Dies hatte vor allem für die Landwirtschaft gravierende Folgen: Das neue Erbrecht und der Mangel an Hilfsarbeitern führten dazu, dass mehr und mehr bäuerliche Kleinbetriebe entstanden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde ihre Zahl auf ungefähr fünf Millionen geschätzt. Trotzdem ging es den französischen Bauern nicht schlecht: Die Erträge waren verhältnismäßig hoch, und der politische Einfluss der Landwirtschaft sorgte dafür, dass die Regierung die Getreidepreise auf einem vernünftigen Niveau hielt. Der für den Export wichtige Weinbau musste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Rückschläge hinnehmen: In den fünfziger Jahren wurden die Reben von Mehltaupilzen befallen, wodurch die Weinproduktion auf ein Drittel ihres früheren Stands zurückging. Kurz nachdem gegen diese Plage ein Mittel gefunden worden war, brach eine regelrechte Katastrophe über den europäischen Weinbau herein: Aus Amerika wurde die Reblaus (siehe Zwergläuse) eingeschleppt, die in den siebziger Jahren den größten Teil der Weinstöcke vernichtete. Auch dagegen fand man ein Mittel: Die französischen Traubensorten wurden jetzt auf amerikanische, gegen die Reblaus widerstandsfähige Stöcke gepfropft, und die Erträge stiegen allmählich wieder.
| 4. | Russland |
Das russische Zarenreich schloss 1894 mit Frankreich einen Verteidigungspakt, den so genannten Zweiverband. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Verhältnis zwischen Russland und Frankreich noch ganz anderer Art. Unter Zar Alexander I. (1801-1825) verschlechterte sich das russisch-französische Verhältnis nach einer jahrelangen zögernden Politik gegenüber Napoleon zusehends. Schließlich kam es 1812 zu einer der größten Militäraktionen der Geschichte: Napoleon überschritt mit seiner über 600 000 Mann starken Grande Armée die Memel und marschierte in Russland ein, in der Absicht, möglichst rasch die russische Hauptarmee zu vernichten (siehe Napoleonische Kriege). Bei Borodino trafen die napoleonische und die russische Armee aufeinander. Zwar gingen die Franzosen als Sieger aus der Schlacht hervor, aber der Großteil der russischen Truppen konnte entkommen. Danach wandten die Russen die Militärtaktik Feldmarschall Kutusows an, die darin bestand, möglichst jede Berührung mit dem Feind zu vermeiden. Selbst Moskau wurde widerstandslos aufgegeben. Im September 1812 zog Napoleon in Moskau ein; wenig später ging die Stadt in Flammen auf, von den Russen selbst in Brand gesteckt. Französische Bemühungen, Friedensverhandlungen aufzunehmen, scheiterten an der Weigerung des Zaren. Die Taktik der Russen begann sich auszuzahlen: Der Rückzug der Grande Armée im früh hereinbrechenden Winter mündete in einer Katastrophe, an die man sich das ganze 19. Jahrhundert hindurch mit Schaudern erinnerte. Durch Kälte, Hunger und Angriffe russischer Truppen kamen 400 000 von Napoleons Soldaten ums Leben, und noch einmal 100 000 wurden gefangen genommen. Nachdem Russland diese Feuerprobe überstanden hatte, wurde ihm auf dem Wiener Kongress (1814/15) ein großer Teil Polens zugesprochen, das so genannte Kongresspolen, das in Personalunion mit dem Zarenreich verbunden wurde. Zudem verblieb Finnland als autonomes Großfürstentum bei Russland.
Im letzten Jahrzehnt seiner Regierungszeit verfolgte Alexander I. einen äußerst reaktionären Kurs. Unzufriedenheit artikulierte sich zunächst nur im Untergrund, aber schon kurz nach dem Tod Alexanders 1825 unternahmen die Dekabristen, liberale Offiziere, einen Putschversuch gegen das autokratische Zarenregime. Der Dekabristenaufstand wurde innerhalb weniger Stunden niedergeschlagen. Alexanders Nachfolger Nikolaus I. (1825-1855) setzte die reaktionäre, autokratische Politik seines Bruders unvermindert fort. Die Geheimpolizei hatte alle Hände voll zu tun mit der Bekämpfung von allerhand Geheimbünden, die in dem Klima der Unfreiheit und Unterdrückung allerorts in großer Zahl entstanden. Am Ende der Regierungszeit Nikolaus’ I. wurde Russland wieder in einen internationalen militärischen Konflikt verwickelt. Begonnen hatte der Konflikt als Krieg mit dem Osmanischen Reich um die Herrschaft auf der Balkanhalbinsel. Großbritannien, Frankreich, Österreich und Sardinien unterstützten das Osmanische Reich und weiteten so den Konflikt zu einem großen europäischen Krieg, dem Krimkrieg, aus. Der Friede von Paris, 1856 zur Beendigung des Krimkrieges abgeschlossen, bedeutete einen herben Rückschlag für Russland sowohl auf der Balkanhalbinsel als auch in der internationalen Politik.
Unmittelbar nach dem Friedensschluss leitete Zar Alexander II. (1855-1881) umfangreiche innenpolitische Reformen ein. Eine der bedeutendsten Reformen war die Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861. Zuvor hatte die Mehrheit der Bevölkerung den Status von Leibeigenen, die als Bauern, Landarbeiter oder Handwerker ihren Herren zu Diensten und Abgaben verpflichtet und an den Boden gebunden waren, verkauft werden konnten und der Strafgewalt ihres Herren unterstanden. Aber auch nach der formellen Abschaffung der Leibeigenschaft blieben die Abhängigkeitsverhältnisse der Bauern vielfach noch lange bestehen. Denn der Grund und Boden wurde nicht an die einzelnen Bauern abgetreten, sondern an den Mir, die Dorfgemeinschaft, die für das Abbezahlen der meist äußerst hohen Kaufsumme verantwortlich war. So blieben die ehemaligen Leibeigenen noch lange Zeit gebunden – jetzt nicht mehr an Herren und Boden, sondern nur noch an das Land. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ging schließlich doch einiges Land in die Hände von Kleinbauern über, aber die durchschnittliche Größe eines bäuerlichen Anwesens nahm immer weiter ab. Denn die Bevölkerung war innerhalb von vier Jahrzehnten um 80 Prozent gewachsen, und infolgedessen stand für den Einzelnen immer weniger Land zur Verfügung. Dass es auf einem Bauernhof zwei oder mehr Pferde gab, wurde immer seltener, und die Zahl der Höfe, die über nur ein oder überhaupt kein Pferd verfügten, nahm stark zu. Die Unzufriedenheit auf dem Land wuchs stetig.
Aber nicht nur auf dem Land, sondern auch in Intellektuellenkreisen breitete sich die Unzufriedenheit über die Zustände im Zarenreich aus. Zahlreiche Sozialisten, Kommunisten und Radikale waren der Überzeugung, dass ihre Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft in Russland verwirklicht werden könnten – aber nur auf revolutionärem Weg. Viele russische Oppositionelle des 19. Jahrhunderts lebten im Exil in Westeuropa. Einer der Legendärsten war der Anarchist Michail Bakunin, der 1869 in seinen Worten an unsere jungen Brüder in Russland schrieb: „Erhebt euch, man kann euch nicht begraben. Keine aus Leichtfertigkeit geborene, nur kurz auflodernde Flamme seid ihr, sondern ein beharrlich brennendes Feuer ... Ihr jungen Leute, verlasst die Universitäten. Nicht dort kann man euch unterweisen. Die Wissenschaft der Universitäten ist tot und trocken. Geht unter das Volk. Das Herz aller wird mit und für euch schlagen.” Viele handelten im Sinne Bakunins: Sie begaben sich unter das Volk und predigten die soziale Revolution. Andere gingen zum Terrorismus über. So kam 1881 Zar Alexander II. durch ein Attentat einer revolutionären Gruppe ums Leben. 1883 gründeten zwei im Schweizer Exil lebende Russen die marxistisch ausgerichtete sozialdemokratische Partei.
Die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren in jeder Hinsicht unruhig. Die Ochrana, die politische Polizei, war vollauf mit der Bekämpfung oppositioneller Bewegungen beschäftigt. Es fanden zahlreiche Pogrome statt, Ausbrüche des Judenhasses, die sich anfangs auf Odessa beschränkten, aber seit 1881 über den ganzen Süden Russlands und schließlich noch weiter ausbreiteten. Selbst die Regierung ging zu judenfeindlichen Maßnahmen über. In der Ukraine, den baltischen Ländern, in Polen und Finnland rief die Russifizierungspolitik heftigen Widerstand hervor. Die Expansion des russischen Zarenreichs nahm beeindruckende Ausmaße an, trotz der missglückten Versuche, die Balkanhalbinsel unter russischen Einfluss zu bringen. Zum russischen Staatsgebiet kamen Georgien, Transkaukasien, Aserbaidschan, Taschkent, Samarkand, Chiwa, Buchara, Kokand, Batum, Turkmenien, Pamir und – im äußersten Osten – das Amur-Becken hinzu. 1891 wurde mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn begonnen, die von entscheidender Bedeutung für die Kolonisierung Sibiriens war. Auch wenn die Transsibirische Eisenbahn zunächst einmal ein militärisches Projekt war, förderte ihr Bau die wirtschaftliche Erschließung des riesigen Gebiets.
Ein bemerkenswert hohes Niveau hatte die russische Literatur erreicht. Insbesondere die Gattung des Romans hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine in Europa – abgesehen von Frankreich – einmalige Blüte erlebt. Die Schriftsteller Dostojewskij, Tolstoj und Turgenjew, Vertreter des Realismus, spiegelten in ihren Werken das soziale, geistige und politische Leben ihrer Zeit wider. So zeichnete etwa Lew Tolstoj in seinem Hauptwerk Krieg und Frieden ein eindringliches Panorama der russischen Gesellschaft während der Napoleonischen Kriege. Und in Turgenjews Roman Neuland (Nov) spielte die junge Generation mit ihrer neue Ideologie eine zentrale Rolle.
| 5. | Skandinavien |
Die Personalunion, die Norwegen mit Dänemark verband, endete 1814. An ihre Stelle trat eine Personalunion zwischen Norwegen und Schweden. Das Storting, das norwegische Parlament, widersetzte sich über Jahre hinweg der schwedischen Bevormundung insbesondere in der Außenpolitik. Dänemark musste nach dem 2. Deutsch-Dänischen Krieg 1864 Schleswig und Holstein abtreten. Die Wirtschaft Norwegens, Dänemarks und Schwedens hatte sich vor allem in den letzten Jahrzehnten günstig entwickelt. Für Schweden waren die Holz verarbeitende Industrie und der Erzbergbau sehr wichtig, für Norwegen außerdem die Fischerei und die Schifffahrt. Die dänische Land- und Viehwirtschaft konnte dank der Genossenschaftsbewegung ihre Produktion deutlich erhöhen. In Finnland verstärkte sich das Nationalgefühl; die Abhängigkeit von Russland wurde hier zunehmend als drückende Last empfunden. Die Literatur erlebte in Skandinavien im 19. Jahrhundert eine große Blüte. Zu den bedeutendsten Schriftstellern gehörten der Norweger Henrik Ibsen, der Schwede August Strindberg und der durch seine Märchen berühmt gewordene Däne Hans Christian Andersen.
| 6. | Die Balkanhalbinsel |
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gehörte der größte Teil der Balkanhalbinsel noch zum Osmanischen Reich. Allerdings zeichnete sich bereits der allmähliche Niedergang der osmanischen Machtposition ab, und zugleich erstarkten die nationalistischen Strömungen auf dem Balkan. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch blieb der Balkan ein Unruheherd. Nicht nur die Unabhängigkeitsbestrebungen der verschiedenen Nationalitäten, sondern auch das Engagement der europäischen Großmächte in dieser Region sorgten für eine Zeit der Wirren. Aufstände der Balkanvölker gegen die Osmanen und das Eingreifen Russlands zugunsten der Slawen auf dem Balkan im 8. Russisch-Türkischen Krieg (1877/78) führten zu einer schweren Krise, die 1878 auf dem Berliner Kongress vorerst beruhigt werden konnte. Das Osmanische Reich beherrschte zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Teil des Balkans. Im Nordwesten war ein weiterer Teil in österreichischen Händen, und Griechenland, Rumänien und Serbien waren selbständig. Das Nationalitätenproblem war keineswegs gelöst. Vor allem Serbien warb heftig für die südslawische Einheit. Der Balkan war in politischer Hinsicht ein Pulverfass, das – aufgrund des Engagements der europäischen Großmächte in dieser Region – auch den Frieden in Europa bedrohte.
| 7. | Italien |
Die Geschichte Italiens stand im 19. Jahrhundert im Zeichen des Risorgimento, des Strebens nach nationaler Einheit. Nach dem Ende der napoleonischen Besatzung folgte, wie in so vielen Ländern Europas, die Restauration. In Italien bedeutete dies u. a. die erneute Aufsplitterung des Territoriums in souveräne (Fremd-)Herrschaften und den Verlust der gerade erst erworbenen bürgerlichen Rechte und Freiheiten. Gegen diese neue alte Ordnung begann sich bald Widerstand zu regen. Im Revolutionsjahr 1848 kam es auch in Italien zu zahlreichen, zum Teil erfolgreichen Aufständen gegen die monarchischen Herrschaften; ein Jahr später allerdings war wieder alles beim Alten. Das Streben nach nationaler Einheit war damit aber keineswegs erloschen.
Die endgültige Einigung Italiens ging nach 1848 vom Königreich Sardinien aus. Nach Jahren des Kampfes vor allem gegen Österreich, an dem sich zeitweise auch Frankreich beteiligte, war 1860 folgende Situation entstanden: Im Norden befand sich das Königreich Sardinien Viktor Emanuels II., das sich als Vorkämpfer der nationalen Einigung verstand. Im Osten war das unter österreichischer Herrschaft stehende Venetien, in der Mitte der Kirchenstaat und im Süden das Königreich beider Sizilien. Nach der berühmten Militärexpedition Giuseppe Garibaldis 1860/61 brach das Königreich beider Sizilien zusammen, und 1861 wurde das unabhängige Königreich Italien ausgerufen. 1866 wurde Venetien dem Königreich eingegliedert und 1870 der Kirchenstaat, nachdem hier infolge des Deutsch-Französischen Krieges die französischen Schutztruppen abgezogen worden waren. Das Verhältnis zwischen dem italienischen Staat und der katholischen Kirche war äußerst gespannt: Die Regierungen waren meist kirchenfeindlich; der Papst auf der anderen Seite hatte es den italienischen Katholiken untersagt, sich in irgendeiner Weise in der italienischen Politik zu engagieren, und er weigerte sich überdies, italienisches Territorium zu betreten. Seine Unfehlbarkeitserklärung in Glaubensfragen, die er 1870 verkündet hatte, stürzte die große Mehrheit der italienischen Katholiken zudem in schwerste Gewissenskonflikte.
Die italienische Oper hatte früher im europäischen Musikleben eine führende Rolle gespielt. Nachdem sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Bedeutung eingebüßt hatte, nahm sie nun wieder einen sehr wichtigen Platz ein. Vor allem die Opern Giuseppe Verdis wirkten sich innovativ auf die Musikgeschichte aus. Während des Kampfes um die nationale Einheit war auf Mauern oft die Losung „Evviva Verdi” („Es lebe Verdi”) zu lesen, die nicht nur als Huldigung für diesen patriotischen Komponisten gemeint, sondern vor allem als Schlachtruf des Risorgimento zu verstehen war. Hinter dem Namen Verdi verbargen sich nämlich die Worte „Victor Emanuele, Rei d’Italia”, also: Viktor Emanuel, König Italiens. Das ganze 19. Jahrhundert bildete Rom einen Anziehungspunkt für Künstler, sowohl aus Italien wie aus ganz Europa.
| 8. | Spanien |
Spanien erlebte das 19. Jahrhundert als eine sehr unruhige Zeit. Am Anfang des Jahrhunderts standen die Napoleonischen Kriege (siehe Spanischer Unabhängigkeitskrieg); es folgten Revolutionen und Bürgerkriege, so u. a. die Karlistenkriege. Soziale Unruhen waren an der Tagesordnung. 1898, nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, war von dem einst so mächtigen spanischen Kolonialreich fast nichts mehr übrig. In Spanien selbst bestanden scharfe Gegensätze zwischen der konservativen Geistlichkeit einerseits, die sich Reformen in der Sozialpolitik heftig widersetzte, und Intellektuellen und Arbeitern andererseits, die oftmals dem Anarchismus anhingen. Die rasch wachsende Industrie, die sich in Katalonien konzentrierte, hatte den Arbeitern praktisch keinen Fortschritt gebracht: Der Lebensstandard blieb niedrig. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Arbeiter für radikale Ideen empfänglich und kampfbereit waren. In der Landwirtschaft änderte sich das gesamte 19. Jahrhundert hindurch nur wenig. In der Mitte und im Süden Spaniens waren Scharen von Landarbeitern auf großen Landgütern zu unvorstellbar niedrigen Löhnen beschäftigt. In einigen Teilen Spaniens wurden in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts Landreformen durchgeführt, die eine Umverteilung des Grundbesitzes und die Schaffung landwirtschaftlicher Betriebe auf Genossenschaftsbasis zum Ziel hatten.
| 9. | Portugal |
Im Gegensatz zu Spanien hatte Portugal noch nicht alle seine Kolonien verloren, aber die Besitzungen in Übersee waren doch erheblich geschrumpft. Portugal war eine konstitutionelle Monarchie und besaß eine recht liberale Verfassung. Der großen Masse der Bevölkerung nutzte dies jedoch gar nichts: Auf dem Land herrschten weiterhin feudale Verhältnisse. Gut 70 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten.
| 10. | Niederlande |
1815, zwei Jahre nach der Loslösung der Niederlande vom französischen Kaiserreich, wurde das Land ein Königreich. Anfangs konnte der König noch fast unumschränkte Macht ausüben; allmählich jedoch erkämpfte sich das Parlament mehr und mehr Rechte. 1848 kam es unter dem Eindruck der Revolutionen in den Nachbarländern zu einer radikalen Verfassungsänderung im liberalen Sinne. Der Einfluss der Bevölkerung auf die Regierung des Landes nahm beständig zu. 1896 wurde das Wahlrecht wieder einmal erweitert: Jetzt hatten nicht 15, sondern 65 Prozent der männlichen Erwachsenen das Wahlrecht. Die Industrialisierung war im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern nicht sehr weit fortgeschritten, von weit größerer Bedeutung war der Handel, der sich hauptsächlich auf die Kolonien und die deutschen Industriegebiete stützte.
| 11. | Belgien |
Belgien löste sich nach der Revolution von 1830 vom Königreich der Niederlande, zu dem es seit 1815 gehört hatte; Belgien war nun ein unabhängiger, als konstitutionelle Monarchie verfasster Staat. Bis etwa 1850 war die belgische Verfassung die liberalste in ganz Kontinentaleuropa; zudem verfügte Belgien über die am weitesten entwickelte Industrie (Eisen- und Textilverarbeitung, Steinkohleabbau und Maschinenbau) und das dichteste Eisenbahnnetz. Der Antwerpener Hafen und die Brüsseler Banken waren der Motor dieser wirtschaftlichen Blüte. Schattenseiten waren hingegen das Monopol des Französischen und die Überrepräsentation der Französischsprachigen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, gegen das die flämische Bewegung lange vergeblich ankämpfte, der heftige Schulkampf mit seiner Polarisierung zwischen klerikalen und antiklerikalen Kräften, die ungeheure Ausbeutung der Arbeiter und die schweren Streiks. 1893 kamen das allgemeine Wahlrecht (das aber ein Mehrfachstimmrecht war) und die ersten Sozialgesetze. Unterdessen hatte sich König Leopold II. in Zentralafrika ein persönliches Kolonialreich aufgebaut, den Kongo-Freistaat, den er rücksichtslos ausbeutete.
| 12. | Deutschland |
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte von einem Deutschland bei weitem nicht die Rede sein. Deutschland bestand aus zahllosen einzelnen Fürstentümern und Kleinstaaten, und das linke Rheinufer war in französischer Hand. Nach dem Sturz Napoleons kam das linke Rheinufer zum Teil an Deutschland zurück, und auf dem Wiener Kongress organisierten sich die 37 souveränen deutschen Staaten und die vier freien Städte in dem relativ lockeren Deutschen Bund. Das Deutsche Kaiserreich, das sich zu einer der führenden Mächte der Welt entwickelte, wurde erst 1871 gegründet.
Die zentrale Rolle bei der Herstellung der deutschen Einheit spielte Preußen. Bereits 1834 kam unter preußischer Führung der Deutsche Zollverein zustande, dem sich die meisten deutschen Staaten (außer u. a. Österreich) anschlossen. Eines der wesentlichen Ziele der Märzrevolution 1848 war neben der Einführung liberaler Verfassungen die Einigung der deutschen Länder in einem Staatswesen. Die im Mai 1848 zusammengetretene Frankfurter Nationalversammlung arbeitete – nach langen Auseinandersetzungen zwischen Kleindeutschen und Großdeutschen – eine entsprechende Verfassung aus; aber der preußische König Friedrich Wilhelm IV. wies die ihm von der Nationalversammlung angetragene deutsche Kaiserkrone zurück, ebenso lehnten Preußen und andere Staaten die von der Nationalversammlung ausgearbeitete Reichsverfassung ab. 1850 wurde der 1848 aufgelöste Deutsche Bund wiederhergestellt. Dessen Zielsetzungen – Beibehaltung der Souveränität der Mitgliedsstaaten und der alten Ordnungen und ein gemeinsames Auftreten gegenüber dem Ausland – wurden aber immer weniger der Wirklichkeit gerecht. Vor allem nach 1862 begann sich die Krise innerhalb des Bundes in Form des sich verschärfenden preußisch-österreichischen Dualismus zuzuspitzen. 1862 wurde in Preußen Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen, der Mann, über den der Historiker Heinrich von Treitschke in jenen Tagen in einem Brief schrieb: „Du weißt, wie leidenschaftlich meine Liebe zu Preußen ist. Aber wenn ich so einen Krautjunker wie Bismarck etwas von Blut und Eisen schwadronieren höre, womit er Deutschland regieren will, dann stellt sich für mich nur die Frage, ob er eher vulgär oder eher lächerlich ist.”
Diesem „Krautjunker” gelang es innerhalb von neun Jahren, die auch von Treitschke herbeigesehnte deutsche Einheit unter preußischer Führung herzustellen. Voraussetzung hierfür war, Österreich als Hegemonialmacht aus dem Deutschen Bund zu verdrängen. Der sich zuspitzende österreichisch-preußische Konflikt mündete 1866 im Deutschen Krieg, an dem der Deutsche Bund endgültig zerbrach; die meisten der deutschen Länder – ohne Österreich – schlossen sich nun unter preußischer Führung im Norddeutschen Bund zusammen. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 brachte dann schließlich formell die Einheit Deutschlands: 1871 wurde König Wilhelm I. von Preußen im Schloss von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Die Annektierung des Elsass und Lothringens nach dem Krieg entsprach ganz der nationalistischen Euphorie.
Die deutsche Innenpolitik in den Jahren nach 1871 war durch den Kulturkampf, den Kampf Bismarcks gegen den politischen Katholizismus, gekennzeichnet und durch seine Auseinandersetzung mit dem Sozialismus. Der Kulturkampf flaute nach 1878 ab, dafür aber verschärfte sich infolge des 1878 erlassenen Sozialistengesetzes, das alle sozialdemokratischen, sozialistischen und ähnlichen Organisationen und deren Publikationen verbot, der innenpolitische Konflikt mit der linken Seite des politischen Spektrums. Durch eine für seine Zeit vorbildliche Sozialgesetzgebung suchte Bismarck, die Arbeiterschaft den sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien zu entfremden – ohne Erfolg; aus den ersten Reichstagswahlen nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 gingen die Sozialdemokraten als wählerstärkste Partei hervor. Ebenfalls 1890 musste Kanzler Bismarck seinen Abschied nehmen, nachdem er u. a. wegen der Sozialpolitik in Konflikt mit dem neuen Kaiser Wilhelm II. geraten war.
Die Außenpolitik Wilhelms II. zeugte im Gegensatz zu der Bismarcks, der ein Meister der Diplomatie war, von Unsicherheit. Vor allem Großbritannien war vom Auftreten Kaiser Wilhelms irritiert. Der deutsche Kolonialbesitz war zwar weitaus kleiner als der britische, aber das hielt das Deutsche Reich nicht davon ab, sich intensiv in der Kolonial- und der internationalen Politik überhaupt zu engagieren. Die internationale Machtposition des Reiches sollte durch ein 1898 begonnenes, groß angelegtes Flottenbauprogramm ausgebaut werden. Die Industrialisierung hatte seit 1870 gewaltig zugenommen; gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das Deutsche Reich nach Großbritannien und den Vereinigten Staaten die wichtigste Wirtschaftsmacht. Der britische Anteil am Welthandel war zwar immer noch bedeutend größer als der deutsche, aber Deutschland war dabei, seinen Rückstand aufzuholen. Die deutsche Stahlproduktion war größer als die Frankreichs und Großbritanniens zusammen, und die Erträge des Kohlenbergbaus wurden von Jahr zu Jahr größer.
Parallel zur Industrialisierung Deutschlands nahmen die Naturwissenschaften in Deutschland einen großen Aufschwung. Die Chemie erlebte eine Blütezeit; vor allem die Arbeiten Justus Liebigs und Friedrich Wöhlers auf dem Gebiet der organischen Chemie waren bahnbrechend. Diese beiden Chemiker waren der Meinung, dass alles organische Material künstlich hergestellt werden konnte – wenn sie auch im Einzelnen noch nicht wussten, wie. Insbesondere auf dem Gebiet der Agrarchemie zeitigten diese Forschungen nutzbringende Ergebnisse. Friedrich August Kekulé von Stradonitz, ein Schüler Liebigs, machte bedeutende Entdeckungen in Bezug auf die Struktur organischer Verbindungen, die nachhaltige Folgen für die Wirtschaft hatten. Innerhalb kurzer Zeit schossen Betriebe der chemischen Industrie aus dem Boden, die Ende des 19. Jahrhunderts weltweit zu den führenden gehörten: die Farbenfabriken Bayer, Meister, Lucius & Brüning, Kalle, die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) und die Frankfurter Anilinfabrik. Auch auf dem Gebiet der Medizin erzielten deutsche Forscher wichtige Fortschritte. Robert Koch entdeckte 1882 den Tuberkelbazillus und ein Jahr später den Erreger der Cholera. Emil von Behring fand ein Serum gegen Diphtherie und Tetanus. Diese und andere Entdeckungen deutscher Wissenschaftler trugen erheblich zur Verbesserung der Volksgesundheit bei.
Die Naturwissenschaften wurden immer populärer, der Materialismus fand mehr und mehr Anhänger. Bereits 1855 hatte Ludwig Büchners radikal-materialistisches Werk Kraft und Stoff großen Erfolg. Und Ende des 19. Jahrhunderts sorgte das Buch Die Welträthsel von Ernst Haeckel, dem Vater des Monismus, für Aufsehen. Deutsche Philosophen und politische Denker spielten eine herausragende Rolle im Geistesleben des 19. Jahrhunderts. Viele, insbesondere Fichte, Schelling und Hegel, bauten auf den idealistischen Vorstellungen Immanuel Kants auf. Das dialektische Denken Hegels übte einen gewaltigen Einfluss aus, der sich allerdings in sehr unterschiedlicher Form niederschlug: Nicht nur konservative Staatsmänner machten sich die Ideen Hegels zu eigen, sondern auch radikale Philosophen wie die Junghegelianer bauten auf Elementen seines Denkens auf. Auch Karl Marx schöpfte aus dem Hegel’schen Denken. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde sein Einfluss in der sozialistischen Bewegung in Europa immer größer. In krassem Gegensatz zu der optimistischen Lebensauffassung der Junghegelianer und Marxisten stand die Philosophie Arthur Schopenhauers, die vor allem in der Welt der Musik und Literatur viel Anklang fand. Zu den bekanntesten Deutschen, auf die Schopenhauer wirkte, gehörten Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Anders als etwa Hegel und die große Mehrheit der Deutschen war Nietzsches Haltung dem Staat gegenüber äußerst distanziert. Deshalb lag auch eine gewisse Tragik darin, dass insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Nietzsches Ideen von Leuten vereinnahmt wurden, die oft das genaue Gegenteil dessen anstrebten, was Nietzsche vertreten hatte, nämlich nationale Größe und Gehorsam gegenüber einem Führer.
Das deutsche Kulturleben wurde am Ende des 18. und einen großen Teil des 19. Jahrhunderts hindurch von einer Richtung dominiert, die zwar beinahe überall in Europa beliebt, vor allem aber in Deutschland außerordentlich prägend war: die Romantik. Anfangs war die Romantik eine rein ästhetische Bewegung, später verband sich mit der Romantik mehr und mehr der Ruf nach der deutschen Einheit, obwohl die Romantiker den Staat nicht als etwas von Menschen Geschaffenes verstanden, sondern als etwas durch Naturkraft und die Macht Gottes Geschaffenes. Diese Auffassung ergab sich logisch aus dem antirationalistischen Charakter dieser Bewegung. Die Romantik drückte allen Bereichen der Kultur ihren Stempel auf: In der Architektur zeigte sich ihr Einfluss in den neoklassizistischen und neugotischen Bauten, in der Malerei zeigte er sich in Stimmungsbildern aus der Natur (siehe Romantik, bildende Kunst). Die deutsche Literatur war lange Zeit von dem für die Romantik so bezeichnenden Gefühl der „Sehnsucht” und des „Weltschmerzes” durchdrungen (siehe Romantik, Literatur). Ganz deutlich fand sich das romantische Empfinden in der deutschen Musik des 19. Jahrhunderts wieder, vom späten Beethoven bis zu Richard Strauss (siehe Romantik, Musik). Richard Wagner vereinigte in seiner Musik praktisch alle nur erdenklichen Elemente der Romantik: Sehnsucht, Mystik, Verherrlichung des Mittelalters und Subjektivität, um nur einige zu nennen.
| 13. | Österreich-Ungarn |
1806 legte Franz II. die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches nieder und besiegelte so das Ende des alten Reiches – das Kaisertum entbehrte nun jeder realen Machtbasis im Reich. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er sich den Titel eines Kaisers von Österreich zugelegt. Nach den Napoleonischen Kriegen revidierte der Wiener Kongress (1814/15) die europäische Landkarte wieder; auch das österreichische Staatsgebiet war davon betroffen. Die Tatsache, dass in der Donaumonarchie verschiedene Nationalitäten zusammengefasst waren, sorgte das gesamte 19. Jahrhundert hindurch für Konflikte, vor allem im Revolutionsjahr 1848, als in Wien, Prag, Budapest, Venedig und Mailand nationale Erhebungen ausbrachen. Die Revolution in Ungarn konnte nur mit militärischer Hilfe Russlands unterdrückt werden. In den Jahren nach 1848 verlor das Kaisertum Österreich nach und nach alle seine italienischen Besitzungen. Nach der Niederlage im Deutschen Krieg 1866 und der Auflösung des Deutschen Bundes schied Österreich aus dem deutschen Staatenverbund aus. Das Streben der verschiedenen Völker des Kaiserreichs nach Autonomie nahm man nicht zur Kenntnis. Nur Ungarn wurde eine eigene Verwaltung zugestanden. Durch den österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 wurde das Kaisertum de facto in zwei Teile geteilt: das Kaiserreich Österreich (Zisleithanien) und das Königreich Ungarn (Transleithanien). Verbunden waren beide Teile durch den Kaiser Franz Joseph I., der in Personalunion beide Teile regierte. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts trat in Zisleithanien das Nationalitätenproblem stark in den Vordergrund. Die nationalen Gegensätze waren vor allem zwischen der deutschen und der tschechischen Bevölkerungsgruppe besonders ausgeprägt. Unter den Tschechen hatte der Panslawismus viele Anhänger. Aber auch in Transleithanien wurde das Nationalitätenproblem immer dringlicher. Auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet hatte das Königreich Ungarn im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit erlebt und konnte das weltweit höchste Wirtschaftswachstum vorweisen.
Das Aussehen der am rechten Donauufer gelegenen Stadt Wien veränderte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts sehr stark. Unter Kaiser Franz Joseph I. wurde das alte Stadtzentrum von einer breiten Ringstraße (anstelle der alten Befestigungsanlagen) umgeben, an der sich zahlreiche öffentliche Gebäude und Repräsentationsbauten, Plätze und Parkanlagen aneinanderreihten. Der Wiener Kongress, auf dem die territoriale Neuordnung Europas verhandelt wurde, tagte von September 1814 bis Juni 1815 in Wien, und die Wiener Bevölkerung konnte beinahe ein Jahr lang das Wirken der zahllosen Staatsmänner aus allen Ländern Europas aus nächster Nähe verfolgen. Zehntausende von Ausländern überfluteten die Stadt als Gefolge der offiziellen Unterhändler oder in anderer Eigenschaft, in der Hoffnung, an der Macht und dem Reichtum teilhaben zu können, die sich in jenen Tagen in der Stadt konzentrierten. Die Wiener ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, aus der Verknappung, die in vielen Bereichen aus jener plötzlichen Bevölkerungsexplosion resultierte, Profit zu schlagen: Die Wohnungsmieten erreichten astronomische Höhen, die Händler erhöhten ihre Preise, und das Hotel- und Gaststättengewerbe machte unerhört gute Geschäfte. Im vornehmsten Hotel der Stadt, im Hotel zur Kaiserin von Österreich, trafen sich permanent unzählige Diplomaten, die die letzten Neuigkeiten austauschten; daher hieß das Hotel in jenen Tagen auch „Diplomatenbörse”. Abends traf man sich in den Salons, die damals in großer Zahl entstanden. In der Hofburg fanden Maskenbälle statt, bei denen Fürsten und Diplomaten zwischen den Vergnügungen politische Geschäfte abzuschließen suchten. Auch für das Volk wurde gesorgt, es wurden Feste veranstaltet, wie etwa das im Augarten mit Pferderennen, Vorführungen von Seiltänzern und Ballonfahrern und ein Festmahl für 4 000 Kriegsveteranen.
Wissenschaft und Kunst erlebten im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Blütezeit. Sigmund Freud erforschte die menschliche Psyche mit neuen, noch umstrittenen Methoden. 1895 veröffentlichte Freud seine Studien über Hysterie, und seine Erkenntnisse über Widerstand und Verdrängung legte er in der Traumdeutung nieder, die 1900 erschien. Der Maler Gustav Klimt wandte sich in seinen Werken mehr und mehr von westlichen Traditionen ab und nahm japanische und byzantinische Einflüsse auf. In der Literatur wurde die Atmosphäre dieser Zeit von Schriftstellern wie Hermann Bahr, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal wiedergegeben. In der Musik wurde die Tendenz, sich von der Tonalität zu lösen – etwas, das schon bei Richard Wagner deutlich spürbar war – immer ausgeprägter, auch wenn von Atonalität noch nicht die Rede sein konnte. Beispiele für die neuen Wege in der Musik finden sich in Kompositionen Gustav Mahlers und Arnold Schönbergs, der 1899 sein Streichsextett Verklärte Nacht vollendete. Wien war das ganze 19. Jahrhundert hindurch ein herausragendes musikalisches Zentrum. Zahlreiche namhafte Komponisten lebten und wirkten hier: Schubert verbrachte hier sein ganzes (kurzes) Leben, Anton Bruckner war Hoforganist und Lektor in Wien, Johannes Brahms schrieb hier seine Symphonien. Entsprechend war Wien oft auch Schauplatz heftiger musikalischer Auseinandersetzungen: So spaltete der Streit zwischen Antiwagnerianern, angeführt von dem Brahms verehrenden Kritiker Eduard Hanslik, und dem Kreis von Wagner-Bewunderern, zu denen u. a. Bruckner und der Liederkomponist Hugo Wolf gehörten, jahrelang die Musikliebhaber in der Stadt. Einen heiteren Aspekt brachte die Familie Strauß in das Wiener Musikleben. Ihre Walzer spiegelten die liebenswürdige und sorglose Seite der Bevölkerung wider. Operetten wie Die Fledermaus erfreuten sich ungeheurer Beliebtheit. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch fanden in Wien bedeutende, wegweisende Opernaufführungen statt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schenkte die Wiener Hofoper vor allem Werken italienischer Komponisten, wie Rossini, Bellini und Donizetti, große Beachtung. Ab 1897 war Gustav Mahler Dirigent und künstlerischer Direktor der Wiener Hofoper, als der er ein ganz neues Repertoire einführte. Mahler war außerdem Dirigent der Wiener Philharmoniker.
| 4. | Amerika |
| 1. | Nordamerika |
| 1.1. | Vereinigte Staaten |
Die Vereinigten Staaten von Amerika erlebten ein sehr bewegtes 19. Jahrhundert. In Kriegen mit Mexiko (1846-1848, Mexikanischer Krieg) und Spanien (1898, Spanisch-Amerikanischer Krieg) konnten sie ihr Staatsgebiet erheblich ausdehnen. In den sechziger Jahren allerdings wurde das Land durch den Amerikanischen Bürgerkrieg gespalten, der über 600 000 Soldaten das Leben kostete und im Süden große Verwüstungen hinterließ. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Demokratisierungswelle eingesetzt; Industrie und Landwirtschaft nahmen einen großen Aufschwung, und das Land insgesamt entwickelte sich zu einem Faktor, der schließlich auf der weltpolitischen Bühne nicht mehr zu übergehen war. Die für amerikanische Begriffe alte Stadt Boston hatte ihre bemerkenswerte Entwicklung vor allem den zahllosen Einwanderern italienischer und irischer Herkunft zu verdanken. Das kulturelle Leben hier war außerordentlich vielfältig. Die Harvard-Universität im nahe gelegenen Cambridge expandierte im Lauf des 19. Jahrhunderts beständig und erwarb sich über die Vereinigten Staaten hinaus einen hervorragenden Ruf. Die weitläufige Stadt New York wurde zum pulsierenden Zentrum des amerikanischen Geschäftslebens und erlebte vor allem nach dem Ende des Bürgerkriegs einen Bauboom. Zu den bemerkenswertesten Bauten aus dieser Zeit gehörten die Brooklyn Bridge und die elevated railroad, die 1870 begonnene Stadtbahn, deren Gleise einige Meter über Straßenniveau verliefen, damit der Zugverkehr, ungehindert vom Straßenverkehr, flüssig verlaufen konnte. Die Brooklyn Bridge, die Manhattan mit Brooklyn verbindet, sorgte für Erstaunen: In Fachkreisen war man der Meinung, dass die Konstruktion von Roebling – eine Hängebrücke von noch nie da gewesenen Ausmaßen – nicht realisierbar wäre. Nach zwölfjähriger Arbeit wurde die Brücke 1883 fertig gestellt und für den Verkehr freigegeben. Die Brücke wurde zu einem Symbol für die Stadt.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts wuchs die Emigrantenwelle vor allem aus Europa ständig an und wandelte das Gesicht der Städte tief greifend. Bisher war der weitaus größte Teil der Einwanderer aus Nord- und Westeuropa gekommen, insbesondere aus England, Irland und Deutschland. Nun aber kamen immer mehr Ost- und Südeuropäer, und auch Chinesen emigrierten mehr und mehr in die Vereinigten Staaten. Letztere waren vielfach beim expandierenden Eisenbahnbau beschäftigt. 1882 wurde durch ein allgemeines Einwanderungsgesetz dem unkontrollierten Zuzug in die Staaten ein Riegel vorgeschoben. Die Millionen Europäer, die im Lauf des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten kamen, trugen erheblich zum explosionsartigen Bevölkerungswachstum bei: 1790 lebten nicht einmal vier Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten, 1840 waren es bereits 17 Millionen und Ende des 19. Jahrhunderts 75 Millionen. Noch schneller wuchsen – relativ gesehen – die Städte: 1800 hatte New York 60 000 Einwohner und Ende des 19. Jahrhunderts drei Millionen. Chicago wuchs von 3 000 Einwohnern in den dreißiger Jahren auf eine Million am Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses immense Wachstum der Städte brachte eine Fülle von Problemen mit sich: Die Einwanderer lebten oft in extrem beengten Verhältnissen, waren meist nur ungelernte Arbeiter und wurden in Armenviertel abgeschoben, die vielfach jeglicher sanitärer Einrichtungen entbehrten.
Insbesondere die Italiener, Slawen und Juden, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großer Zahl in die Vereinigten Staaten kamen, lernten die Trostlosigkeit des Großstadtlebens kennen. Kinderarbeit war eher die Regel als die Ausnahme, und dies nicht nur in den Großstädten: In der Landwirtschaft arbeiteten Hunderttausende von Kindern zwölf Stunden am Tag, und in den Baumwollfabriken des Südens bestand ein Drittel des Personals aus Kindern unter 16 Jahren, die auch nachts arbeiten mussten. In manchen Großstädten lebten zwei Drittel der Bevölkerung in Mietskasernen, in denen die Mehrzahl der Räume weder über direktes Sonnenlicht noch über ausreichende Belüftung verfügte. In diesen Elendsvierteln starben jedes Jahr Tausende von Menschen an Seuchen, und manchmal brannten ganze Stadtviertel ab.
Tageszeitungen und Zeitschriften fanden in den Vereinigten Staaten reißenden Absatz. Ende des 19. Jahrhunderts gab es insgesamt 1 611 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von über 14 Millionen Exemplaren. Die Zeitschriften deckten eine bunte Palette von Themen ab: Der Independent und die Nation, die beide in New York erschienen, behandelten vornehmlich politische Themen. Harper's Weekly war eine illustrierte Wochenzeitschrift, die ihre Leser mit kurzen Geschichten zu unterhalten suchte. Viel Erfolg hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Frauenzeitschrift Ladies' Home Journal mit einer Auflage von über 700 000 Exemplaren. Übertroffen wurde dieses Blatt aber noch von den beiden ganz großen Zeitschriften McClure's Magazine und Munsey's Magazine, die manchmal Auflagen von mehr als einer Million Exemplaren erreichten.
Die erst 1790 gegründete und 1800 von der Regierung bezogene Hauptstadt der Vereinigten Staaten, Washington D.C., erlebte bereits 1814 im Zug des Britisch-Amerikanischen Krieges wieder große Zerstörungen: Die Briten besetzten die Stadt, vertrieben die Regierung und steckten alle öffentlichen Gebäude in Brand; selbst das Weiße Haus wurde nicht verschont. Detroit, die Hauptstadt des Bundesstaates Michigan, war ein Zentrum der Stahlindustrie, und die Expansion des Eisenbahnnetzes und später das Aufkommen des Automobils bescherten der Stadt einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Das Eisenbahnnetz wuchs von 48 000 Kilometern 1860 auf 310 000 Kilometer Gesamtlänge am Ende des 19. Jahrhunderts an. Die bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiet des Eisenbahnbaus vollbrachten zwei große Eisenbahngesellschaften: die Union Pacific und die Central Pacific. Die Union Pacific trieb den Gleisbau von Omaha (Nebraska) aus in westlicher Richtung voran, während die Central Pacific von Sacramento (Kalifornien) aus in östliche Richtung arbeitete. 1869 trafen beide Strecken bei Promontory Point (Utah) zusammen. Damit war die erste Eisenbahnlinie quer durch den Kontinent Realität geworden. Ende des 19. Jahrhunderts gab es neben dieser ersten transkontinentalen Eisenbahnlinie noch vier weitere, nämlich die Great Northern, die Northern Pacific, die Southern Pacific und die Eisenbahnlinie Atchison-Topeka-Santa Fe. Gegen Ende des Jahrhunderts gingen zahlreiche kleine Eisenbahngesellschaften in Konkurs, 318 allein in den neunziger Jahren; die verbliebenen Gesellschaften befanden sich in den Händen einiger weniger Großbanken. Nicht nur die Länge des Eisenbahnnetzes nahm eindrucksvoll zu, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der Fahrgäste und Güter befördert wurden. Um die Jahrhundertmitte galten 50 Kilometer pro Stunde bereits als recht schnell, aber bereits 1893 erreichte die berühmte Lok Nr. 999 eine Geschwindigkeit von 180 Kilometern pro Stunde. Vor dem Eisenbahnzeitalter spielte die Beförderung auf dem Wasserweg eine große Rolle. Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden vor allem im Norden zahlreiche Kanäle. Als Erster wurde 1825 der fast 600 Kilometer lange Erie-Kanal fertig gestellt, der an Detroit vorbeiführt und den Hudson mit dem Eriesee verbindet. Später konnte man auf dem Binnenschifffahrtsweg sogar von New York nach New Orleans reisen. Ihre höhere Geschwindigkeit verschaffte der Eisenbahn jedoch einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil, obwohl die Beförderung auf dem Wasserweg billiger war. In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts dauerte die Reise von New York nach Cleveland (1 100 Kilometer) auf dem Wasserweg neun Tage und mit der Eisenbahn drei Tage. Für die Reise von New York nach Chicago (2 400 Kilometer) brauchte man mit dem Schiff 14 Tage und mit dem Zug nur sechs Tage.
Der Beförderung auf der Straße, die sich noch Ende des 19. Jahrhunderts für große Entfernungen nicht unbedingt anbot, schien mit dem Aufkommen des Automobils eine bessere Zukunft beschieden zu sein. Immer mehr Konstrukteure und Hersteller wendeten sich diesem neuen Markt zu, unter ihnen auch Ransom Olds und Henry Ford. Letzterer war mit einem nach ihm benannten vier PS starken Zweizylinderwagen sehr erfolgreich. Die Automobilindustrie steckte zwar noch in den Kinderschuhen – es gab Ende des Jahrhunderts 8 000 angemeldete Fahrzeuge –, aber die Produktion stieg von Monat zu Monat. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte Detroit. Das Netz befestigter Straßen wuchs beständig, vor allem seit ab 1899 der für den Straßenbau wichtige Portlandzement preiswert hergestellt werden konnte.
Die Stadt Chicago entstand in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts praktisch aus dem Nichts. Ihre Geschichte ist eindrucksvoll und chaotisch: 1871 wütete ein gewaltiger Brand; bereits seit Jahren andauernde Arbeitskämpfe und Streiks erreichten 1886 in den Haymarket-Unruhen, in denen zahlreiche Menschen zu Tode kamen, ihren Höhepunkt. Den Haymarket-Unruhen folgte einer der umstrittensten Gerichtsprozesse des 19. Jahrhunderts, bei dem sieben Menschen zum Tod verurteilt wurden. Positiv für das Image der Stadt war die Weltausstellung von 1893. In Chicago entstand das erste Hochhaus des Landes, das zehn Stockwerke hohe Home Insurance Building.
Das am Golf von Mexiko gelegene New Orleans, die größte Stadt Louisianas, besaß einen ganz individuellen Charakter. Die Stadt mit dem französischen Gepräge war von Sümpfen und Seen umgeben, die für ein ungesundes Klima sorgten: Das Gelbfieber forderte hier viele Opfer. In Louisiana wurde, wie in den übrigen Südstaaten, nach dem Bürgerkrieg die Sklaverei abgeschafft, aber das Rassenproblem war damit noch lange nicht gelöst. So wurde den Schwarzen, oft mit spitzfindigen Methoden, immer noch das Wahlrecht vorenthalten: Es gab eine Art Zensuswahlrecht, und es wurden Tests durchgeführt, bei denen die betreffende Person die Verfassung lesen und auslegen musste. Die Lebensumstände der Sklaven in den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg hingen von der Stellung ihrer Besitzer ab. Fast zwei Millionen Weiße waren direkt an der Sklaverei beteiligt, jede vierte Familie besaß Sklaven. Manche hatten nur einen Sklaven, aber es gab auch Pflanzer, die mehr als 500 Sklaven hielten und dadurch eine hohe gesellschaftliche Stellung einnahmen. Kleinbauern beaufsichtigten ihre Sklaven selbst. Größere Plantagenbesitzer stellten hierfür Aufseher ein, denen jeweils ein head driver („Obertreiber”) und einige subdrivers („Untertreiber”) aus den Reihen der als vertrauenswürdig bekannten Sklaven zur Seite standen. Die Behausungen der Sklaven bestanden meist aus Holzhütten. Gelegentlich durften die Hütten auch kleine Gärtchen haben, in denen die Sklaven Nutzpflanzen für den Eigenbedarf anbauen konnten. Die Arbeit war hart, vor allem während der Ernte. Ein Sklave besaß wenig oder gar keine Rechte, Eigentum war ihm verboten. Selbst in Notwehr durfte er keinen Weißen schlagen, und außer in der Kirche durfte er sich nicht mit anderen Sklaven versammeln. Aufstände wurden aufs Schwerste bestraft. Kurz vor dem Bürgerkrieg lebten im Süden rund 250 000 freie Schwarze. Doch auch sie verfügten nicht über die gleichen Rechte und dieselbe gesellschaftliche Stellung wie die Weißen. Sie lebten meist in großer Armut, und allerlei amtliche Regelungen hinderten sie daran, sich eine einträgliche Lebensgrundlage aufzubauen.
Im Westen der Vereinigten Staaten erfuhr San Francisco seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit der Gold- und Silberfunde ein schnelles Wachstum. Nicht nur weiße Amerikaner bewohnten die Stadt, sondern in zunehmendem Maß auch Asiaten, insbesondere Japaner. Die ersten größeren Ansiedlungen im Westen entstanden in Kalifornien und Oregon.
Im übrigen Westen hatten sich lange Zeit kaum Europäer angesiedelt. Erst zur Zeit des Bürgerkriegs begannen Siedler, in größerer Zahl nach Westen zu ziehen. Nun wuchs die Bevölkerung gewaltig, und es wurden immer mehr Staaten gegründet: 1864 Nevada, 1867 Nebraska, 1876 Colorado, 1889 North Dakota bzw. South Dakota sowie Montana und Washington, 1890 Idaho und Wyoming und schließlich 1896 der Mormonenstaat Utah. Viel Land war ursprünglich im Besitz der großen Eisenbahngesellschaften, die es manchmal für den Preis von 2,50 US-Dollar pro Acre (also 4 047 Quadratmeter) verkauften. Auch durch verschiedene gesetzliche Maßnahmen (Homestead Act, Timber Culture Act, Desert Land Act, Timber and Stone Act) kamen viele Siedler auf recht einfache Weise zu großem Landbesitz. Im Süden, und dort insbesondere in Texas, gab es riesige Viehbestände, die seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu bestimmten Zeiten nach Norden getrieben wurden. Dort konnte man auf den Märkten gute Preise erzielen. Meist wurden für einen so großen Viehtrieb mehrere Herden zusammengelegt. Die Blütezeit der cattle kings, der „Rinderbarone”, war aber Ende des 19. Jahrhunderts bereits vorbei. Der durch Überproduktion hervorgerufene Preisverfall und die strengen Winter 1886 und 1887 richteten viele Viehzüchter finanziell zugrunde. Die Landwirtschaft in den großen Ebenen im Innern des Landes hatte oft unter Dürreperioden und Heuschreckenplagen zu leiden. Der Zug nach Westen überwand letztendlich den Widerstand der Indianer. Ein wichtiger Faktor hierbei war die fast vollständige Ausrottung der Bisons, die die Lebensgrundlage der ursprünglichen Bewohner der großen Ebenen waren. Um 1865 gab es schätzungsweise 15 Millionen Bisons. Etwas mehr als zehn Jahre später waren es noch nicht einmal mehr tausend. Die meisten Tiere wurden von Felljägern erlegt, da Bisonfelle im Osten des Landes sehr gefragt waren. Andere jagten nur aus Lust am Töten. Die Regierung beabsichtigte, die Indianer zu sesshaften Bauern zu machen und so ihre Kultur an die der Weißen anzugleichen. Aber es sah nicht so aus, als sollte die Regierung dieses Ziel kurzfristig erreichen. Eine der letzten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Weißen und Indianern fand 1890 am Wounded Knee in South Dakota statt. Der größte Teil der rund 400 dort ums Leben gekommenen Indianer waren wehrlose Frauen und Kinder, die in einer Schlucht niedergemetzelt wurden. Krieg, Massaker und Krankheiten reduzierten die Zahl der Indianer bis auf 250 000. Früher lebten hier Millionen von ihnen.
| 1.2. | Kanada |
1867 wurde Kanada eine Dominion innerhalb des britischen Weltreichs, womit seine Unabhängigkeit von Großbritannien (etwa in diplomatischen Angelegenheiten) zunahm. Ottawa, das 1858 Hauptstadt wurde, hieß bis 1854 Bytown und war bis dahin eine unbedeutende Siedlung. Wesentlich bedeutender waren Montreal und Quebec, jene beiden Orte im Osten Kanadas, die jeweils einige Jahre Hauptstadt des Landes gewesen waren. Neufundland vor der Küste war für die Fischerei wichtig: In seinen Gewässern fing man riesige Mengen Kabeljau. Die Geschichte der Gegend um die Hudsonbai unterlag lange Zeit dem Einfluss der Hudson’s Bay Company, die erst 1870 auf ihre territorialen Ansprüche verzichtete. Seither wurden ihre ehemaligen Gebiete unter dem Namen Northwest Territories verwaltet, die 1880 den Zuschlag für die weiten Polargebiete erhielten. Die Hudson’s Bay Company war hauptsächlich im Pelzhandel tätig. In der Provinz British Columbia beherrschte die North West Fur Company (die 1821 in der Hudson’s Bay Company aufging) lange Zeit den Markt. Seitdem die 1885 fertig gestellte Canadian Pacific Railway den Osten mit dem Westen verband, war das Gebiet auf dem Landweg sehr viel leichter zugänglich.
| 2. | Mittel- und Südamerika |
Im Lauf des 19. Jahrhunderts konnten sich fast alle Gebiete in Mittel- und Südamerika von den europäischen Kolonialmächten lösen. Die vier spanischen Vizekönigtümer Neuspanien, Neu-Granada, La Plata und Peru wurden nach 1810 im Gefolge der Unabhängigkeitskriege, in denen legendäre Führer wie Simón Bolívar, José de San Martín, Agustín de Itúrbide und Antonio López de Santa Anna eine wichtige Rolle spielten, aufgelöst. Dagegen gab es in Brasilien kaum bewaffneten Widerstand gegen die portugiesische Herrschaft. 1822 wurde das Land ein Kaiserreich und 1889 Republik. Bei der Festlegung der Grenzen zwischen den lateinamerikanischen Ländern kam es zu Kriegen, die oft große Veränderungen auf der Landkarte zur Folge hatten. Auch die Einmischung fremder Mächte, wie etwa die Besetzung Mexikos durch die Franzosen (1863), führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die fortwährende Einmischung der Vereinigten Staaten in die Politik der Länder südlich der amerikanischen Grenzen wurde mit der Monroedoktrin von 1823 gerechtfertigt. In der Geschichte der verschiedenen mittel- und südamerikanischen Staaten fällt die große Zahl an Staatsstreichen auf. Die selbständige Stellung der Armee spielte dabei meist eine wichtige Rolle. Wichtig für die Wirtschaft war seit 1870 der ständig wachsende Strom von Einwanderern aus Europa. Vor allem Argentinien, Brasilien, Uruguay und Chile gehörten zu den beliebten Einwanderungszielen. Auch die Einfuhr von Industriegütern und Kapital aus den Vereinigten Staaten und Europa nahm stetig zu. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war in den meisten Ländern Mittel- und Südamerikas die Sklaverei – die einen wichtigen Faktor im Wirtschaftsleben gespielt hatte – abgeschafft. In Brasilien gelang dies aber erst 1888. Hier war Bahía das Zentrum des Sklavenhandels. Von dieser Hafenstadt wurden die Afrikaner ins Landesinnere gebracht, wo sie auf Zuckerrohrplantagen arbeiten mussten. Nach 1850 kam die Einfuhr von Sklaven aber allmählich zum Stillstand. Den Plantagenbesitzern fehlten nun in zunehmendem Maß Arbeitskräfte. Dieser Mangel wurde schon vor der großen Einwanderungswelle aus Europa durch den vermehrten Zustrom billiger Arbeitskräfte aus Britisch-Indien, Ozeanien und China ausgeglichen. Zwischen 1853 und 1874 kamen beispielsweise 125 000 Chinesen nach Kuba. Nach Peru zogen zwischen 1860 und 1874 ungefähr 75 000 Chinesen (bei der Überfahrt starben mehr als 7 600).
Die lateinamerikanischen Indios lebten meist in ausgesprochen schwierigen Verhältnissen. Die übrigen Landesbewohner zwangen sie dazu, trotz offizieller Abschaffung der Sklaverei gegen äußerst geringe Bezahlung schwere körperliche Arbeit zu verrichten; wenn sie ihre Unabhängigkeit wahren wollten, mussten sie sich in die unwirtlichsten Teile des Kontinents zurückziehen. In Uruguay wurden in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts jene Indios, die sich nicht anpassen wollten, systematisch ausgerottet.
In vielen lateinamerikanischen Ländern lag die tatsächliche Macht in den Händen einer zahlenmäßig kleinen Schicht von Großgrundbesitzern, die eine geschlossene Kaste bildeten. Die große Mehrheit der Bevölkerung war arm, und insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts stiegen die Lebenshaltungskosten, ohne dass die Löhne höher geworden wären.
| 5. | Afrika |
Der Norden Afrikas stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch überwiegend unter türkischer Oberhoheit. Zur Jahrhundertwende waren Franzosen und Briten bestimmend, außer im unabhängigen Scharifen-Reich Marokko und in der türkischen Provinz Tripolitanien. Ägypten war praktisch ein britisches Protektorat, das Land war schon vor dem britischen Einfall im Jahr 1882 stark verwestlicht worden. Die Verwaltung wurde reformiert und die Baumwollproduktion erhöht. 1869 wurde der Suezkanal eröffnet. Zwei Jahre später fand in Kairo die Uraufführung von Verdis Oper Aida statt. Algerien wurde von Frankreich kolonialisiert. Hunderttausende von Siedlern kamen in das Land, das in schnellem Tempo seine Modernisierung erfuhr. Westafrika geriet allmählich immer mehr unter französische, der Sudan unter britische Kontrolle. Die Bewegung gegen die Sklaverei führte noch vor Beginn des 19. Jahrhunderts in Sierra Leone zur Gründung einer Kolonie für freigelassene Sklaven. Seit 1847 gab es die unabhängige Republik Liberia, in der sich viele freigelassene Schwarze aus Amerika niederließen. In den meisten europäischen Ländern erließ man schon im frühen 19. Jahrhundert Bestimmungen, die den Sklavenhandel verboten. Aber die Sklaverei selbst wurde erst einige Jahrzehnte später abgeschafft, so in Großbritannien 1833 und in den Niederlanden 1863. In manchen afrikanischen Ländern blieb die Sklaverei länger bestehen, z. B. in Abessinien, einem Land, für das sich die europäischen Mächte seit dem Bau des Suezkanals zunehmend interessierten. Noch bekannter wurde Abessinien in Europa, nachdem es 1896 in der Schlacht bei Adwa eine italienische Invasionsarmee geschlagen hatte. Es war das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass Weiße gegen Afrikaner unterlagen. Sowohl Deutschland als auch Portugal besaßen Kolonien im Westen und Osten Afrikas. In Zentralafrika entstand 1885 der Kongo-Freistaat, über den König Leopold II. von Belgien regierte.
Das ganze 19. Jahrhundert über gab es Europäer, die sich unermüdlich der Erforschung des Inneren Afrikas widmeten. Hierzu gehörten Deutsche, wie Johann Ludwig Krapf und J. Rebmann (Kilimanjaro und Mount Kenya, 1847-1849), Heinrich Barth (Sudan, 1850-1855) und Gustav Nachtigal (Sudan 1870-1874), der Franzose René-Auguste Caillié (Timbuktu-Sahara-Tanger, 1827/28), aber vor allem die Briten Mungo Park (Niger-Gebiet, 1805/06), Dixon Denham und Hugh Clapperton (Bornu und Haussaland, 1823-1825) sowie die bekannten Afrikaforscher David Livingstone und Henry Morton Stanley. Letzterer leitete in den Jahren von 1870 bis 1872 eine Hilfsexpedition, die den verschollenen Livingstone suchte. In Bezug auf Livingstone gingen allerlei falsche Gerüchte um. So druckte The Times am 5. Dezember 1867 den Brief eines gewissen Dr. John Kirk ab, in dem es hieß, dass „... neun Mann aus der Gruppe, die Livingstone begleitete, in Sansibar mit der Nachricht ankamen, sie seien irgendwann zwischen Ende Juli und September westlich von Nyassa von einer Mazitenbande angegriffen und Dr. Livingstone sei zusammen mit der Hälfte seiner Begleiter ermordet worden.”
Im November 1871 trafen sich die beiden Entdeckungsreisenden am Tanganyikasee. Die heute berühmten Worte „Dr. Livingstone, I presume” (Dr. Livingstone, nehme ich an) hatte bei dieser Begegnung übrigens keiner der Umstehenden gehört.
In Afrika waren zudem zahlreiche Missionare tätig. Die katholische Kirche hatte bereits im 13. Jahrhundert Christianisierungsversuche unternommen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Missionsarbeit von Frankreich aus stark gefördert. Die Missionstätigkeit der Protestanten setzte erst nach 1800 ein. Vor allem in Großbritannien gab es viele Missionsgesellschaften. Der Tod Livingstones (1873), der selbst Missionar war, weckte neuen missionarischen Tatendrang. Das Innere Afrikas wurde jetzt für „Handel und Christentum” erschlossen.
In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts war erst ein kleiner Teil Afrikas kolonialisiert. Danach jedoch breitete sich der europäische Einfluss gewaltig aus. Afrika wurde unter den Großmächten aufgeteilt. 1885 wurden auf der Konferenz von Berlin bestimmte Regeln vereinbart, nach denen sich die Kolonisation zu vollziehen hatte. Die Inbesitznahme eines Gebiets hatte nicht nur auf dem Papier, sondern faktisch zu erfolgen; jede kolonisierende Macht musste die andere über Gebietsansprüche in Kenntnis setzen. Nach dieser Konferenz wurden die Spannungen zwischen Frankreich und Großbritannien aufgrund ähnlicher Interessen so schwerwiegend, dass wiederholt ein Krieg drohte. Frankreich hatte seine Besitzungen vor allem in Nord- und Westafrika und strebte ein Gebiet an, das von Dakar bis an den Golf von Aden reichte. Großbritannien handelte nach dem Motto „Africa British from the Cape to Cairo” (Britisch-Afrika vom Kap der Guten Hoffnung bis Kairo). Am Kreuzungspunkt dieser beiden Einflussgebiete lag Faschoda, wo 1898 Franzosen und Briten aufeinanderstießen (siehe Faschodakrise).
In Südafrika tobte seit 1899 der zweite Freiheitskrieg, in dem die Burenrepubliken gegen britische Truppen für den Fortbestand ihrer Selbständigkeit kämpften. Im 19. Jahrhundert kam es ständig zu Auseinandersetzungen zwischen Buren und Briten, die 1795 zum ersten Mal das Kap der Guten Hoffnung besetzt hielten. Die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1833 gab u. a. schließlich für die Buren den Ausschlag, sich der britischen Herrschaft zu entziehen. Beim Großen Treck siedelten sie sich nördlich des Oranje-Flusses an, wo schließlich die beiden unabhängigen Republiken Transvaal und Oranje-Freistaat (Free State) entstanden. Die Entdeckung der Diamantfelder im Oranje-Freistaat und in Transvaal sowie der Goldfelder von Lydenburg, der Zustrom britischen Kapitals und britischer Einwanderer und die darauf folgende Annektierung Transvaals führten zum ersten Freiheitskrieg, der für die Buren ein günstiges Ende nahm (1881). Als einige Jahre später jedoch die besonders reichen Goldfelder von Witwatersrand entdeckt wurden, verstärkte Großbritannien seine Bemühungen, das gesamte Gebiet unter seine Herrschaft zu bekommen. 1895 missglückte ein britischer Einfall in Transvaal, der als Jameson Raid (siehe Sir Leander Starr Jameson) bekannt wurde. Seitdem genossen die Buren, die den scheinbar übermächtigen Briten die Stirn geboten hatten, viel Sympathie in Europa.
| 6. | Asien |
| 1. | Indien |
Die Eroberung Indiens durch die Ostindische Kompanie brachte große Veränderungen nicht nur in den politischen, sondern auch in den wirtschaftlichen Verhältnissen. Im Gegensatz zu den zahlreichen fremden Völkern, die in den vorangegangenen tausend Jahren nach Indien kamen und in der dortigen Bevölkerung aufgingen, waren die Engländer nur an wirtschaftlichen Aspekten und der Ausbeutung des Landes interessiert. Zusammen mit anderen nachhaltigen Veränderungen führte der Export von Waren nach Großbritannien zu wachsender Armut. Hungersnöte und Seuchen waren regelmäßig wiederkehrende Erscheinungen, auch wenn sie nicht im gleichen Ausmaß auftraten wie im 18. Jahrhundert (1779 verhungerten allein in Bengalen zehn Millionen Menschen). Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts starben bei 16 verschiedenen Hungersnöten 24 Millionen Menschen. Auf politischer Ebene vollzogen sich im 19. Jahrhundert wichtige Veränderungen. Dabei markierte der Sepoy-Aufstand indischer Soldaten in Diensten der Ostindischen Kompanie 1857 bis 1859 einen Wendepunkt: Von da an strebte die englische Kolonialverwaltung ein Bündnis mit den feudalen Großgrundbesitzern einerseits und mit den modernen Unternehmern und Intellektuellen andererseits an. Die Kolonialverwaltung lag ursprünglich in den Händen der Ostindischen Kompanie, auch wenn diese Handelsgesellschaft von einem „Kontrollrat” der britischen Regierung beaufsichtigt wurde. Die ungefähr 400 Anteilseigner, die in England die Ostindische Kompanie kontrollierten, herrschten praktisch über ein Land von 200 Millionen Einwohnern – sehr zum Missfallen anderer Händler und Kapitalanleger. Diese waren nämlich von der gewinnträchtigen Geschäftstätigkeit in Indien ausgeschlossen, bis 1813 ein Gesetz dem britischen Parlament größeren Einfluss auf die Tätigkeit der Ostindischen Kompanie verlieh. Erst am 1. November 1858, nach der Niederschlagung des Sepoy-Aufstands, wurde Indien von Königin Viktoria direkt der britischen Krone unterstellt. Damit war der Ostindischen Kompanie die Verwaltung entzogen, die nun auch gestrafft und zentralisiert wurde. Neben den englischen Spitzenbeamten wurden auch indische Intellektuelle für höhere Funktionen ausgebildet. Schon etwa seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatten die wohlhabendsten Inder Zugang zur Hochschulausbildung, die nicht nur die englische Sprache, sondern auch englische Kultur vermitteln wollte. Ziel war es, „Inder nach Blut und Hautfarbe, aber Engländer nach Geschmack, Denkweise, Sitten und Intelligenz” zu schaffen.
Nur 60 Prozent des indischen Subkontinents gehörten zu Britisch-Indien. 600 indische Fürsten (hinduistische Rajas und muslimische Nawabs) blieben in Amt und Würden. Ihre Staaten wurden nicht annektiert, nicht einmal nach dem Tod von Thronerben. Als Vasallenstaaten waren sie jedoch vollkommen von den Engländern abhängig. Sie durften keine eigene Außenpolitik betreiben und waren in militärischer Hinsicht den Engländern völlig unterworfen. Die britische Armee zählte ungefähr 300 000 Soldaten und bestand hauptsächlich aus Sepoys. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sie große Erfolge zu verzeichnen. Die Eroberung Südindiens gestaltete sich zunächst sehr schwierig. Erst am Ende des Jahrhunderts wurde der jahrelange Widerstand Mysores gebrochen. Zwischen 1800 und 1812 war den aufständischen Bauern in Coorg und Travancore, die von den legendären Persönlichkeiten Varma Raja bzw. Velu Thampi angeführt wurden, ein ähnliches Schicksal beschieden. Die Vergeltungsmaßnahmen des britischen Oberkommandos waren so brutal, dass selbst die Direktoren der Ostindischen Kompanie ihre Abscheu darüber zum Ausdruck brachten. Die meisten Aufständischen wurden umgebracht. Die durch starke innere Rivalität geschwächte Mahratha-Konföderation verlor zwischen 1801 und 1818 ebenfalls gänzlich an Einfluss. Die Fürsten von Gwalior, Indore und Peshwa unterlagen trotz ihrer französischen Heerführer und trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit der 120 000 Mann starken britisch-indischen Armee. Wichtige Städte wie Aligarh, Agra, Cuttack, Nagpur, Poona, Ahmadnagar und Broach wurden besetzt oder in ein abhängiges Bündnis mit der Ostindischen Kompanie gezwungen. Erst ein Vierteljahrhundert später kam es wieder zu schweren Kämpfen. Der Kriegsschauplatz lag nun im Nordosten. Nach einem missglückten Versuch, Afghanistan zu erobern, entstand ein Brückenkopf für den Angriff auf den fruchtbaren Punjab, wo die Sikhs seit Anfang des 19. Jahrhunderts unter Führung Ranjit Singhs eine eigene Nation aufgebaut hatten. Mit ihrer Einheit, ihrer kriegerischen Organisation und Tradition, ihrem beträchtlichen Reichtum und ihrer mit europäischen Offizieren und nach europäischen Maßstäben ausgerüsteten Armee stellten sie eine gewaltige Macht dar. 1848 wurde der Punjab nach schweren Kämpfen erobert. Acht Jahre später folgte das nahe gelegene Königreich Oudh, das man unter dem Vorwand annektierte, es werde schlecht verwaltet. Die Eroberung des großen Gebiets um Lucknow gelang ohne militärische Aktionen. Ein Jahr später kam es aber zu militärischen Auseinandersetzungen. In einem Aufstand gegen die britischen Kolonialherren stellten sich Zehntausende von Sepoys an die Seite der abgedankten Feudalherrscher, der Bauern und der armen Städter. Der Sepoy-Aufstand (1857-1859) war ein vorläufiger Höhepunkt des nationalen Widerstands in Nordindien. Gegen die Kolonialmacht gerichtete Protestaktionen gab es bereits früher: Fast jedes Jahr mussten Aufstände von Bauern, Stämmen sowie Händlern und Handwerkern aus der Stadt niedergeschlagen werden. Die größten antikolonialen Bewegungen wurden u. a. von den Wahhabiten angeführt, einer muslimischen Gruppe, die die „ungläubigen Briten” und die britenfreundlichen Feudalherren als Ursache der bestehenden Ungerechtigkeit und Ungleichheit in der indischen Gesellschaft ansah. Sie wollten zurück zur vermeintlich egalitären dörflichen Gesellschaft, in der nach islamischem Glauben jeder vor Gott gleich ist. Ihr Erfolg in anderen Teilen Nordindiens zeigte, wie verbreitet die antibritische Einstellung war. Der Unfriede, der ursprünglich überwiegend in religiösen (und seit dem Sepoy-Aufstand in nationalistischen) Anwandlungen seinen Ausdruck fand, hatte unverkennbar wirtschaftliche Ursachen. Mit der Ausschaltung sehr vieler Fürsten durch die Ostindische Kompanie verfielen Fürstenhöfe und Hauptstädte. Zahlreiche Beamte, Handwerker und Händler verloren dadurch ihre Einkommensquelle. Die bäuerliche Bevölkerung litt unter einer erhöhten Steuerlast. Einerseits wurde sie gezwungen, Steuern auf der Grundlage eines idealisierten Ertrags aus ihrem Grund und Boden zu zahlen und nicht, wie früher, auf der Grundlage des Wertes ihrer tatsächlichen Produktion. Andererseits geriet sie durch die Einführung der Geldsteuern und die Abschaffung der amtlichen Erntevorschüsse in den Würgegriff der Geldwucherer. Der unmittelbare Anlass zum Sepoy-Aufstand von 1857 war die Einführung von mit Tierfett behandelten Patronen. Sowohl die hinduistischen als auch die muslimischen Sepoys weigerten sich, diese Patronen zu verwenden. Zwangsmaßnahmen gegen eine Reihe von Sepoys führten zu dem Aufstand, der von den Bauern und der städtischen Bevölkerung unterstützt wurde. Nach schweren Gefechten, denen noch schwerere Vergeltungsmaßnahmen folgten, wurden innerhalb von eineinhalb Jahren von einer kleinen englischen Streitmacht Delhi, Kanpur, Allahabad, Lucknow, Aligarh und andere Städte zurückerobert. Der Sepoy-Aufstand hatte zwei wichtige Folgen: Die Verwaltung Indiens ging von der Ostindischen Kompanie auf die britische Regierung über, und die Politik änderte sich jetzt in Richtung auf eine Zusammenarbeit mit den alteingesessenen Feudalherrschern. Diese wurden zu einem unverzichtbaren Pfeiler des Kolonialreichs. Die britische Landwirtschaftspolitik ließ sich aber nicht nur von Überlegungen politischer Art leiten (die gestärkte wirtschaftliche Stellung der feudalen Oberschicht spielte dabei eine Rolle), sondern auch von den Veränderungen in der Weltwirtschaft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Indien nur als Lieferant handwerklicher und landwirtschaftlicher Produkte von Nutzen. Früher hatte die Ostindische Kompanie diese Erzeugnisse hauptsächlich durch Plünderungen in ihren Besitz gebracht. Es entstand jedoch ein größerer Bedarf an bestimmten Handelspflanzen wie etwa Indigo, Rohseide, Baumwolle (für die Verarbeitung in den britischen Fabriken) und Opium (für die Ausfuhr nach China). Die Förderung des Anbaus führte in einigen Gegenden, wie etwa im Punjab, in Sind und in Bombay, zur Kommerzialisierung der Landwirtschaft. Die vorsichtige Entwicklung zugunsten neuer, privater Grundeigentümer in diesen Gebieten und das Wachstum der dortigen Hafenstädte standen in starkem Gegensatz zu der völligen Zerrüttung der Landwirtschaft und der Heimarbeit andernorts. Mit der steigenden Industrieproduktion in England wuchs auch das Interesse an Indien als Absatzmarkt. Indien, das zuvor Textilien exportiert hatte, führte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Hälfte der im Land benötigten Textilprodukte ein. Die Folge davon war eine Entindustrialisierung großen Umfangs. Insbesondere die Weber wurden schwer getroffen. Die Bevölkerungszahl der Textilstadt Patna z. B. wurde durch Abwanderung halbiert. In Dacca war der Niedergang noch stärker: Von den früher 320 000 Einwohnern blieben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht einmal 150 000 zurück. Die Entindustrialisierung in den traditionellen Zentren wurde durch das Entstehen moderner Industrien nicht ganz ausgeglichen, wenngleich ab Mitte des 19. Jahrhunderts hohe Summen in moderne Betriebe und Einrichtungen flossen. Insbesondere in den Aufbau eines Eisenbahnnetzes wurde anfangs viel Geld investiert. In den neunziger Jahren war es ungefähr 300 000 Kilometer lang, was ein Vordringen des Handels tief ins Landesinnere ermöglichte. Das Eisenbahnnetz verband die Hafenstädte mit dem Hinterland, aus dem die landwirtschaftlichen Produkte und die Rohstoffe kamen und in dem die importierten Produkte abgesetzt werden konnten. Obwohl dem Aufbau des Eisenbahnnetzes vor allem wirtschaftliche und militärische Überlegungen zugrunde lagen, spielte es eine außerordentlich wichtige Rolle bei der Einigung des Landes. So gesehen, arbeitete die Eisenbahn dem nationalistischen Widerstand in die Hand.
Das Privatkapital konzentrierte sich anfangs auf die Tee-, Kautschuk- und Kaffeeplantagen. Bald wurden von englischen Unternehmern auch Rohstoff verarbeitende Betriebe gegründet. 1818 nahm in Kalkutta die erste Jutefabrik den Betrieb auf, allerdings mit wenig Erfolg. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es insgesamt 193 Baumwoll- und 30 Jutefabriken mit 191 000 bzw. 114 000 Arbeitern. Die neuen Betriebe änderten allerdings nichts an dem landwirtschaftlich geprägten Charakter der Volkswirtschaft. Dennoch hatte die Industrialisierung weitreichende Folgen, die in drei verschiedenen Gebieten zum Ausdruck kamen. Die Investitionen brachten große Gewinne, die jedoch nach England abflossen. Zu diesen Summen und den Gewinnen aus ungleichem Tausch kamen noch die Geldsummen und Waren hinzu, die Indien für die so genannten home charges (Kosten für die britische Verwaltung und für die Kriegsführung in Südasien) aufbringen musste; indische Wirtschaftswissenschaftler rechneten aus, dass die jedes Jahr aus dem Land fließenden Summen so groß wie das Gesamteinkommen der 60 Millionen Bauern und Arbeiter waren. Die industrielle Landschaft wurde zudem von Großbetrieben bestimmt. Kleinbetriebe waren dieser Konkurrenz nicht gewachsen. Deshalb war die Entindustrialisierung viel größer als die Industrialisierung. Die Größe der Betriebe führte u. a. zur Konzentration der aus den Dörfern abgewanderten Arbeiter in den großen Fabriken der Städte. Dies begünstigte die Bildung von Gewerkschaften. Einer ersten Arbeitsniederlegung 1877 in der Textilstadt Kanpur folgte eine sich schnell ausweitende Streikbewegung. Vor allem in Bombay war das soziale Klima äußerst unruhig. Dort wurde unter der Führung Lokhandans die erste Textilgewerkschaft gegründet, die u. a. einen freien Tag pro Woche forderte. Die dritte Folge der Industrialisierung und der damit einhergehenden Erschließung und Integration verschiedener Gebiete war gewiss nicht weniger wichtig: der Aufstieg indischer Unternehmer, die zusammen mit den traditionellen und den modernen Intellektuellen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der nationalistischen Bewegung spielten. Das indische Kapital konzentrierte sich überwiegend auf Bombay und Ahmedabad. Der erste indische Großunternehmer war Jahmshedji Tata. Als Zwischenhändler, Schiffbauer und Exporteur von Opium nach China war er im Umfeld seiner englischen Auftraggeber reich geworden. 1877 eröffnete er seine Empress Mill in Nagpur: Der Name war eine Hommage an Königin Viktoria, die 1876 zur Kaiserin (empress) von Indien ausgerufen worden war. Keine zehn Jahre später wurde in Bombay Tatas Swadeshi Mill („einheimische Fabrik”) eröffnet. Die Unzufriedenheit mit der Politik der Kaiserin und die Vorliebe für swadeshi (einheimische Produkte) wurden in diesen zehn Jahren immer größer. In Städten wie Kalkutta, Bombay und Poona entstanden Nationalistenorganisationen. Diese traten für eine protektionistische Politik ein, die die neuen indischen Unternehmer vor ausländischer Konkurrenz schützen sollte. Außerdem forderten sie Mitsprache in beratenden Organen und mehr Möglichkeiten, in Spitzenstellungen der Verwaltung aufzusteigen. 1885 wurde mit englischer Unterstützung der Indische Nationalkongress (Indian National Congress) gegründet. Diese Partei war in den Händen eher gemäßigter Unternehmer, Händler, Grundbesitzer und Intellektueller. Sie war nicht gegen den englischen Kolonialismus als solchen, sondern sah in der verfolgten Politik so viele Abweichungen vom Idealbild der englischen Demokratie, dass sie von unbritish rule, unbritischer Herrschaft, sprach. Mit ihrer Ausschussarbeit wollten die Parteimitglieder zur Verbesserung der britischen Herrschaft beitragen. Inzwischen war auch eine radikale nationalistische Bewegung entstanden, die gegen die Briten und, insbesondere in Bengalen, gegen den Feudalismus gerichtet war. Ferner baute die Bewegung auf den demokratischen nationalistischen Ideen Ram Mohan Roys auf, der Anfang des 19. Jahrhunderts Arya Sabha gegründet hatte. Ein erklärtes Ziel dieser Bewegung war die Bekämpfung der Kastengegensätze und feudalen Bräuche. Während dieser Nationalismus rationaler und humanistischer Art war, entstand in Maharashtra eine radikale Strömung, die eher religiöse Nuancen aufwies. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gruppen war schon immer schlecht, und inzwischen spielten selbst die religiösen Gegensätze, die von der Kolonialverwaltung kräftig ausgenutzt wurden, eine Rolle. Aber nicht nur die Auseinandersetzung zwischen Hindus und Muslimen, sondern auch der Kastenstreit rückten in den Vordergrund. Die Engländer neigten stark dazu, das Kulturmuster, das vorher als Folge der wirtschaftlichen Veränderungen ständig in Bewegung war, erstarren zu lassen und die verschiedenen Kasten im sozialen Leben gegeneinander auszuspielen. Das machte die politische und soziale Situation in Britisch-Indien noch komplizierter.
| 2. | China |
In China hatte die Bevölkerung gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter zahlreichen Naturkatastrophen zu leiden. An vielen Orten kam es zu Überschwemmungen. 1898 trat der Gelbe Fluss über die Ufer – mehr als eine Million Menschen waren davon betroffen. Die Schuld an dem vielen Unheil gab man den Ausländern, die das Leben in China mehr und mehr beeinflussten. Spätestens nach der Niederlage 1894/95 gegen die modern ausgerüstete japanische Armee wurde deutlich, dass China in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht enorm im Rückstand war. 1898 leitete der Kaiser auf Drängen reformwilliger konfuzianischer Kreise ein Programm in die Wege, das eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Modernisierung der inneren Struktur vorsah. Dieses Programm fand jedoch bereits nach hundert Tagen durch einen von der Kaiserin-Witwe geführten Staatsstreich ein jähes Ende. Diese hatte sich in den vorhergehenden vier Jahrzehnten eine wichtige Machtposition aufgebaut.
Reformen, für die sich zahlreiche chinesische Intellektuelle aussprachen, waren am Ende des 19. Jahrhunderts immer noch nicht durchgeführt. Aber es war zu erwarten, dass dem alten System kein langes Leben mehr beschieden sein würde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das China der Qing-Dynastie das Reich mit den meisten Einwohnern weltweit. 1750 betrug die Bevölkerungszahl 150 Millionen, 1800 bereits 300 Millionen und 50 Jahre später mehr als 400 Millionen. In diesem riesigen Reich schien der Verwaltungsapparat immer weniger in der Lage zu sein, eine wirkungsvolle Zentralgewalt auszuüben. Die Eroberungspolitik, die Bevölkerungsexplosion, die zunehmende Korruption und die wachsende Macht des örtlichen Adels waren mitverantwortlich für die Aushöhlung des Staates. In Gebieten, in denen die schlechte wirtschaftliche Lage am stärksten ausgeprägt war, brachen Bauernaufstände aus. Außerdem bekam China die aggressive Handelspolitik der westlichen Mächte zu spüren. Zur Bezahlung der Tee- und Seidenexporte aus China wurde in großen Mengen Opium nach China eingeführt. Die Handelsbilanz geriet aus dem Gleichgewicht, und die finanzielle Situation des Reichs verschlechterte sich. Die Versuche der westlichen Mächte, das Land „aufzubrechen”, hatten nach dem Opiumkrieg (1840-1842) Erfolg: Sie erhielten Handelskonzessionen und exterritoriale Rechte. Zuvor hatte die Qing-Dynastie noch an ihre völlige Überlegenheit gegenüber Großbritannien geglaubt.
In den folgenden Jahrzehnten wurde China immer mehr in britische, französische, deutsche, russische und japanische Einflussgebiete aufgeteilt. In den fünfziger und sechziger Jahren konnten die Mandschu-Armeen neuen Aufständen, die viele Opfer forderten, nicht mehr Herr werden. Allein der Taipingaufstand kostete 20 Millionen Chinesen das Leben. Gegen die ausländischen Mächte erlitt China eine Niederlage nach der anderen. 1860 endete der 2. Opiumkrieg gegen Briten und Franzosen mit der Einnahme von Peking. Die chinesische Regierung musste beträchtliche Zugeständnisse machen. Zur gleichen Zeit besetzte Russland Gebiete im Nordosten und später auch das Ili-Tal in Turkestan (1871-1881). Der Krieg mit Frankreich um Annam (1884/85) ging verloren. Zehn Jahre später folgte die Niederlage gegen Japan.
Auch das soziale Leben begann, sich radikal zu verändern. Die Familie als Grundlage der chinesischen Gesellschaft verlor ihre beherrschende Stellung. Westliche Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit gewannen an Boden. Aber noch immer gab es Gesetze, die Frauen das Recht vorenthielten, Eigentum zu erwerben, Gesetze, die die kollektive Bestrafung von Familien für Verbrechen vorsahen, die nur von einem Familienmitglied begangen wurden, und Gesetze, die die Machtposition des Familienoberhaupts bestätigten. Das Gesicht der Städte, insbesondere der Küstenstädte, begann sich zu verändern: So entstanden ausländische Niederlassungen, Bauern wanderten zu, um in den Fabriken Arbeit zu finden, und die Bevölkerung wuchs. Die von Ausländern geführten Unternehmen waren durch ihre großen Kapitalreserven und die Möglichkeiten zur Massenproduktion den chinesischen Betrieben überlegen. Übersetzungen ausländischer Bücher lieferten einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung westlicher Vorstellungen. Anfänglich beschränkten sich diese Übersetzungen noch auf den religiösen Bereich. Später behandelten sie auch technisch-wissenschaftliche Themen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann man jedoch, zu verstehen, dass das westliche Denken wesentlich facettenreicher war.
| 3. | Südostasien |
| 3.1. | Vietnam |
Nach der Eroberung des Nordens nahm Nguyen Anh 1802 den Herrschernamen Gia Long an, der sich von Gia Dinh (dem Namen der alten Hauptstadt im Süden) und Thang Long (dem Namen der alten Hauptstadt im Norden) ableitete. Zwei Jahre später wurde Gia Long vom Kaiserhof in Peking in seinem Amt bestätigt, und ab 1806 führte er offiziell den Titel hoag (Kaiser). Gia Long verlegte die Hauptstadt von Thang Long, das 800 Jahre lang diese Funktion innehatte, nach Hue in der Mitte des Landes. Einer der Gründe dafür war