Millennium: 19. Jahrhundert
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Millennium: 19. Jahrhundert
4. Amerika
1. Nordamerika
1.1. Vereinigte Staaten

Die Vereinigten Staaten von Amerika erlebten ein sehr bewegtes 19. Jahrhundert. In Kriegen mit Mexiko (1846-1848, Mexikanischer Krieg) und Spanien (1898, Spanisch-Amerikanischer Krieg) konnten sie ihr Staatsgebiet erheblich ausdehnen. In den sechziger Jahren allerdings wurde das Land durch den Amerikanischen Bürgerkrieg gespalten, der über 600 000 Soldaten das Leben kostete und im Süden große Verwüstungen hinterließ. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Demokratisierungswelle eingesetzt; Industrie und Landwirtschaft nahmen einen großen Aufschwung, und das Land insgesamt entwickelte sich zu einem Faktor, der schließlich auf der weltpolitischen Bühne nicht mehr zu übergehen war. Die für amerikanische Begriffe alte Stadt Boston hatte ihre bemerkenswerte Entwicklung vor allem den zahllosen Einwanderern italienischer und irischer Herkunft zu verdanken. Das kulturelle Leben hier war außerordentlich vielfältig. Die Harvard-Universität im nahe gelegenen Cambridge expandierte im Lauf des 19. Jahrhunderts beständig und erwarb sich über die Vereinigten Staaten hinaus einen hervorragenden Ruf. Die weitläufige Stadt New York wurde zum pulsierenden Zentrum des amerikanischen Geschäftslebens und erlebte vor allem nach dem Ende des Bürgerkriegs einen Bauboom. Zu den bemerkenswertesten Bauten aus dieser Zeit gehörten die Brooklyn Bridge und die elevated railroad, die 1870 begonnene Stadtbahn, deren Gleise einige Meter über Straßenniveau verliefen, damit der Zugverkehr, ungehindert vom Straßenverkehr, flüssig verlaufen konnte. Die Brooklyn Bridge, die Manhattan mit Brooklyn verbindet, sorgte für Erstaunen: In Fachkreisen war man der Meinung, dass die Konstruktion von Roebling – eine Hängebrücke von noch nie da gewesenen Ausmaßen – nicht realisierbar wäre. Nach zwölfjähriger Arbeit wurde die Brücke 1883 fertig gestellt und für den Verkehr freigegeben. Die Brücke wurde zu einem Symbol für die Stadt.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wuchs die Emigrantenwelle vor allem aus Europa ständig an und wandelte das Gesicht der Städte tief greifend. Bisher war der weitaus größte Teil der Einwanderer aus Nord- und Westeuropa gekommen, insbesondere aus England, Irland und Deutschland. Nun aber kamen immer mehr Ost- und Südeuropäer, und auch Chinesen emigrierten mehr und mehr in die Vereinigten Staaten. Letztere waren vielfach beim expandierenden Eisenbahnbau beschäftigt. 1882 wurde durch ein allgemeines Einwanderungsgesetz dem unkontrollierten Zuzug in die Staaten ein Riegel vorgeschoben. Die Millionen Europäer, die im Lauf des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten kamen, trugen erheblich zum explosionsartigen Bevölkerungswachstum bei: 1790 lebten nicht einmal vier Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten, 1840 waren es bereits 17 Millionen und Ende des 19. Jahrhunderts 75 Millionen. Noch schneller wuchsen – relativ gesehen – die Städte: 1800 hatte New York 60 000 Einwohner und Ende des 19. Jahrhunderts drei Millionen. Chicago wuchs von 3 000 Einwohnern in den dreißiger Jahren auf eine Million am Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses immense Wachstum der Städte brachte eine Fülle von Problemen mit sich: Die Einwanderer lebten oft in extrem beengten Verhältnissen, waren meist nur ungelernte Arbeiter und wurden in Armenviertel abgeschoben, die vielfach jeglicher sanitärer Einrichtungen entbehrten.

Insbesondere die Italiener, Slawen und Juden, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großer Zahl in die Vereinigten Staaten kamen, lernten die Trostlosigkeit des Großstadtlebens kennen. Kinderarbeit war eher die Regel als die Ausnahme, und dies nicht nur in den Großstädten: In der Landwirtschaft arbeiteten Hunderttausende von Kindern zwölf Stunden am Tag, und in den Baumwollfabriken des Südens bestand ein Drittel des Personals aus Kindern unter 16 Jahren, die auch nachts arbeiten mussten. In manchen Großstädten lebten zwei Drittel der Bevölkerung in Mietskasernen, in denen die Mehrzahl der Räume weder über direktes Sonnenlicht noch über ausreichende Belüftung verfügte. In diesen Elendsvierteln starben jedes Jahr Tausende von Menschen an Seuchen, und manchmal brannten ganze Stadtviertel ab.

Tageszeitungen und Zeitschriften fanden in den Vereinigten Staaten reißenden Absatz. Ende des 19. Jahrhunderts gab es insgesamt 1 611 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von über 14 Millionen Exemplaren. Die Zeitschriften deckten eine bunte Palette von Themen ab: Der Independent und die Nation, die beide in New York erschienen, behandelten vornehmlich politische Themen. Harper's Weekly war eine illustrierte Wochenzeitschrift, die ihre Leser mit kurzen Geschichten zu unterhalten suchte. Viel Erfolg hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Frauenzeitschrift Ladies' Home Journal mit einer Auflage von über 700 000 Exemplaren. Übertroffen wurde dieses Blatt aber noch von den beiden ganz großen Zeitschriften McClure's Magazine und Munsey's Magazine, die manchmal Auflagen von mehr als einer Million Exemplaren erreichten.

Die erst 1790 gegründete und 1800 von der Regierung bezogene Hauptstadt der Vereinigten Staaten, Washington D.C., erlebte bereits 1814 im Zug des Britisch-Amerikanischen Krieges wieder große Zerstörungen: Die Briten besetzten die Stadt, vertrieben die Regierung und steckten alle öffentlichen Gebäude in Brand; selbst das Weiße Haus wurde nicht verschont. Detroit, die Hauptstadt des Bundesstaates Michigan, war ein Zentrum der Stahlindustrie, und die Expansion des Eisenbahnnetzes und später das Aufkommen des Automobils bescherten der Stadt einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Das Eisenbahnnetz wuchs von 48 000 Kilometern 1860 auf 310 000 Kilometer Gesamtlänge am Ende des 19. Jahrhunderts an. Die bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiet des Eisenbahnbaus vollbrachten zwei große Eisenbahngesellschaften: die Union Pacific und die Central Pacific. Die Union Pacific trieb den Gleisbau von Omaha (Nebraska) aus in westlicher Richtung voran, während die Central Pacific von Sacramento (Kalifornien) aus in östliche Richtung arbeitete. 1869 trafen beide Strecken bei Promontory Point (Utah) zusammen. Damit war die erste Eisenbahnlinie quer durch den Kontinent Realität geworden. Ende des 19. Jahrhunderts gab es neben dieser ersten transkontinentalen Eisenbahnlinie noch vier weitere, nämlich die Great Northern, die Northern Pacific, die Southern Pacific und die Eisenbahnlinie Atchison-Topeka-Santa Fe. Gegen Ende des Jahrhunderts gingen zahlreiche kleine Eisenbahngesellschaften in Konkurs, 318 allein in den neunziger Jahren; die verbliebenen Gesellschaften befanden sich in den Händen einiger weniger Großbanken. Nicht nur die Länge des Eisenbahnnetzes nahm eindrucksvoll zu, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der Fahrgäste und Güter befördert wurden. Um die Jahrhundertmitte galten 50 Kilometer pro Stunde bereits als recht schnell, aber bereits 1893 erreichte die berühmte Lok Nr. 999 eine Geschwindigkeit von 180 Kilometern pro Stunde. Vor dem Eisenbahnzeitalter spielte die Beförderung auf dem Wasserweg eine große Rolle. Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden vor allem im Norden zahlreiche Kanäle. Als Erster wurde 1825 der fast 600 Kilometer lange Erie-Kanal fertig gestellt, der an Detroit vorbeiführt und den Hudson mit dem Eriesee verbindet. Später konnte man auf dem Binnenschifffahrtsweg sogar von New York nach New Orleans reisen. Ihre höhere Geschwindigkeit verschaffte der Eisenbahn jedoch einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil, obwohl die Beförderung auf dem Wasserweg billiger war. In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts dauerte die Reise von New York nach Cleveland (1 100 Kilometer) auf dem Wasserweg neun Tage und mit der Eisenbahn drei Tage. Für die Reise von New York nach Chicago (2 400 Kilometer) brauchte man mit dem Schiff 14 Tage und mit dem Zug nur sechs Tage.

Der Beförderung auf der Straße, die sich noch Ende des 19. Jahrhunderts für große Entfernungen nicht unbedingt anbot, schien mit dem Aufkommen des Automobils eine bessere Zukunft beschieden zu sein. Immer mehr Konstrukteure und Hersteller wendeten sich diesem neuen Markt zu, unter ihnen auch Ransom Olds und Henry Ford. Letzterer war mit einem nach ihm benannten vier PS starken Zweizylinderwagen sehr erfolgreich. Die Automobilindustrie steckte zwar noch in den Kinderschuhen – es gab Ende des Jahrhunderts 8 000 angemeldete Fahrzeuge –, aber die Produktion stieg von Monat zu Monat. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte Detroit. Das Netz befestigter Straßen wuchs beständig, vor allem seit ab 1899 der für den Straßenbau wichtige Portlandzement preiswert hergestellt werden konnte.

Die Stadt Chicago entstand in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts praktisch aus dem Nichts. Ihre Geschichte ist eindrucksvoll und chaotisch: 1871 wütete ein gewaltiger Brand; bereits seit Jahren andauernde Arbeitskämpfe und Streiks erreichten 1886 in den Haymarket-Unruhen, in denen zahlreiche Menschen zu Tode kamen, ihren Höhepunkt. Den Haymarket-Unruhen folgte einer der umstrittensten Gerichtsprozesse des 19. Jahrhunderts, bei dem sieben Menschen zum Tod verurteilt wurden. Positiv für das Image der Stadt war die Weltausstellung von 1893. In Chicago entstand das erste Hochhaus des Landes, das zehn Stockwerke hohe Home Insurance Building.

Das am Golf von Mexiko gelegene New Orleans, die größte Stadt Louisianas, besaß einen ganz individuellen Charakter. Die Stadt mit dem französischen Gepräge war von Sümpfen und Seen umgeben, die für ein ungesundes Klima sorgten: Das Gelbfieber forderte hier viele Opfer. In Louisiana wurde, wie in den übrigen Südstaaten, nach dem Bürgerkrieg die Sklaverei abgeschafft, aber das Rassenproblem war damit noch lange nicht gelöst. So wurde den Schwarzen, oft mit spitzfindigen Methoden, immer noch das Wahlrecht vorenthalten: Es gab eine Art Zensuswahlrecht, und es wurden Tests durchgeführt, bei denen die betreffende Person die Verfassung lesen und auslegen musste. Die Lebensumstände der Sklaven in den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg hingen von der Stellung ihrer Besitzer ab. Fast zwei Millionen Weiße waren direkt an der Sklaverei beteiligt, jede vierte Familie besaß Sklaven. Manche hatten nur einen Sklaven, aber es gab auch Pflanzer, die mehr als 500 Sklaven hielten und dadurch eine hohe gesellschaftliche Stellung einnahmen. Kleinbauern beaufsichtigten ihre Sklaven selbst. Größere Plantagenbesitzer stellten hierfür Aufseher ein, denen jeweils ein head driver („Obertreiber”) und einige subdrivers („Untertreiber”) aus den Reihen der als vertrauenswürdig bekannten Sklaven zur Seite standen. Die Behausungen der Sklaven bestanden meist aus Holzhütten. Gelegentlich durften die Hütten auch kleine Gärtchen haben, in denen die Sklaven Nutzpflanzen für den Eigenbedarf anbauen konnten. Die Arbeit war hart, vor allem während der Ernte. Ein Sklave besaß wenig oder gar keine Rechte, Eigentum war ihm verboten. Selbst in Notwehr durfte er keinen Weißen schlagen, und außer in der Kirche durfte er sich nicht mit anderen Sklaven versammeln. Aufstände wurden aufs Schwerste bestraft. Kurz vor dem Bürgerkrieg lebten im Süden rund 250 000 freie Schwarze. Doch auch sie verfügten nicht über die gleichen Rechte und dieselbe gesellschaftliche Stellung wie die Weißen. Sie lebten meist in großer Armut, und allerlei amtliche Regelungen hinderten sie daran, sich eine einträgliche Lebensgrundlage aufzubauen.

Im Westen der Vereinigten Staaten erfuhr San Francisco seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit der Gold- und Silberfunde ein schnelles Wachstum. Nicht nur weiße Amerikaner bewohnten die Stadt, sondern in zunehmendem Maß auch Asiaten, insbesondere Japaner. Die ersten größeren Ansiedlungen im Westen entstanden in Kalifornien und Oregon.

Im übrigen Westen hatten sich lange Zeit kaum Europäer angesiedelt. Erst zur Zeit des Bürgerkriegs begannen Siedler, in größerer Zahl nach Westen zu ziehen. Nun wuchs die Bevölkerung gewaltig, und es wurden immer mehr Staaten gegründet: 1864 Nevada, 1867 Nebraska, 1876 Colorado, 1889 North Dakota bzw. South Dakota sowie Montana und Washington, 1890 Idaho und Wyoming und schließlich 1896 der Mormonenstaat Utah. Viel Land war ursprünglich im Besitz der großen Eisenbahngesellschaften, die es manchmal für den Preis von 2,50 US-Dollar pro Acre (also 4 047 Quadratmeter) verkauften. Auch durch verschiedene gesetzliche Maßnahmen (Homestead Act, Timber Culture Act, Desert Land Act, Timber and Stone Act) kamen viele Siedler auf recht einfache Weise zu großem Landbesitz. Im Süden, und dort insbesondere in Texas, gab es riesige Viehbestände, die seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu bestimmten Zeiten nach Norden getrieben wurden. Dort konnte man auf den Märkten gute Preise erzielen. Meist wurden für einen so großen Viehtrieb mehrere Herden zusammengelegt. Die Blütezeit der cattle kings, der „Rinderbarone”, war aber Ende des 19. Jahrhunderts bereits vorbei. Der durch Überproduktion hervorgerufene Preisverfall und die strengen Winter 1886 und 1887 richteten viele Viehzüchter finanziell zugrunde. Die Landwirtschaft in den großen Ebenen im Innern des Landes hatte oft unter Dürreperioden und Heuschreckenplagen zu leiden. Der Zug nach Westen überwand letztendlich den Widerstand der Indianer. Ein wichtiger Faktor hierbei war die fast vollständige Ausrottung der Bisons, die die Lebensgrundlage der ursprünglichen Bewohner der großen Ebenen waren. Um 1865 gab es schätzungsweise 15 Millionen Bisons. Etwas mehr als zehn Jahre später waren es noch nicht einmal mehr tausend. Die meisten Tiere wurden von Felljägern erlegt, da Bisonfelle im Osten des Landes sehr gefragt waren. Andere jagten nur aus Lust am Töten. Die Regierung beabsichtigte, die Indianer zu sesshaften Bauern zu machen und so ihre Kultur an die der Weißen anzugleichen. Aber es sah nicht so aus, als sollte die Regierung dieses Ziel kurzfristig erreichen. Eine der letzten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Weißen und Indianern fand 1890 am Wounded Knee in South Dakota statt. Der größte Teil der rund 400 dort ums Leben gekommenen Indianer waren wehrlose Frauen und Kinder, die in einer Schlucht niedergemetzelt wurden. Krieg, Massaker und Krankheiten reduzierten die Zahl der Indianer bis auf 250 000. Früher lebten hier Millionen von ihnen.

1.2. Kanada

1867 wurde Kanada eine Dominion innerhalb des britischen Weltreichs, womit seine Unabhängigkeit von Großbritannien (etwa in diplomatischen Angelegenheiten) zunahm. Ottawa, das 1858 Hauptstadt wurde, hieß bis 1854 Bytown und war bis dahin eine unbedeutende Siedlung. Wesentlich bedeutender waren Montreal und Quebec, jene beiden Orte im Osten Kanadas, die jeweils einige Jahre Hauptstadt des Landes gewesen waren. Neufundland vor der Küste war für die Fischerei wichtig: In seinen Gewässern fing man riesige Mengen Kabeljau. Die Geschichte der Gegend um die Hudsonbai unterlag lange Zeit dem Einfluss der Hudson’s Bay Company, die erst 1870 auf ihre territorialen Ansprüche verzichtete. Seither wurden ihre ehemaligen Gebiete unter dem Namen Northwest Territories verwaltet, die 1880 den Zuschlag für die weiten Polargebiete erhielten. Die Hudson’s Bay Company war hauptsächlich im Pelzhandel tätig. In der Provinz British Columbia beherrschte die North West Fur Company (die 1821 in der Hudson’s Bay Company aufging) lange Zeit den Markt. Seitdem die 1885 fertig gestellte Canadian Pacific Railway den Osten mit dem Westen verband, war das Gebiet auf dem Landweg sehr viel leichter zugänglich.

2. Mittel- und Südamerika

Im Lauf des 19. Jahrhunderts konnten sich fast alle Gebiete in Mittel- und Südamerika von den europäischen Kolonialmächten lösen. Die vier spanischen Vizekönigtümer Neuspanien, Neu-Granada, La Plata und Peru wurden nach 1810 im Gefolge der Unabhängigkeitskriege, in denen legendäre Führer wie Simón Bolívar, José de San Martín, Agustín de Itúrbide und Antonio López de Santa Anna eine wichtige Rolle spielten, aufgelöst. Dagegen gab es in Brasilien kaum bewaffneten Widerstand gegen die portugiesische Herrschaft. 1822 wurde das Land ein Kaiserreich und 1889 Republik. Bei der Festlegung der Grenzen zwischen den lateinamerikanischen Ländern kam es zu Kriegen, die oft große Veränderungen auf der Landkarte zur Folge hatten. Auch die Einmischung fremder Mächte, wie etwa die Besetzung Mexikos durch die Franzosen (1863), führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die fortwährende Einmischung der Vereinigten Staaten in die Politik der Länder südlich der amerikanischen Grenzen wurde mit der Monroedoktrin von 1823 gerechtfertigt. In der Geschichte der verschiedenen mittel- und südamerikanischen Staaten fällt die große Zahl an Staatsstreichen auf. Die selbständige Stellung der Armee spielte dabei meist eine wichtige Rolle. Wichtig für die Wirtschaft war seit 1870 der ständig wachsende Strom von Einwanderern aus Europa. Vor allem Argentinien, Brasilien, Uruguay und Chile gehörten zu den beliebten Einwanderungszielen. Auch die Einfuhr von Industriegütern und Kapital aus den Vereinigten Staaten und Europa nahm stetig zu. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war in den meisten Ländern Mittel- und Südamerikas die Sklaverei – die einen wichtigen Faktor im Wirtschaftsleben gespielt hatte – abgeschafft. In Brasilien gelang dies aber erst 1888. Hier war Bahía das Zentrum des Sklavenhandels. Von dieser Hafenstadt wurden die Afrikaner ins Landesinnere gebracht, wo sie auf Zuckerrohrplantagen arbeiten mussten. Nach 1850 kam die Einfuhr von Sklaven aber allmählich zum Stillstand. Den Plantagenbesitzern fehlten nun in zunehmendem Maß Arbeitskräfte. Dieser Mangel wurde schon vor der großen Einwanderungswelle aus Europa durch den vermehrten Zustrom billiger Arbeitskräfte aus Britisch-Indien, Ozeanien und China ausgeglichen. Zwischen 1853 und 1874 kamen beispielsweise 125 000 Chinesen nach Kuba. Nach Peru zogen zwischen 1860 und 1874 ungefähr 75 000 Chinesen (bei der Überfahrt starben mehr als 7 600).

Die lateinamerikanischen Indios lebten meist in ausgesprochen schwierigen Verhältnissen. Die übrigen Landesbewohner zwangen sie dazu, trotz offizieller Abschaffung der Sklaverei gegen äußerst geringe Bezahlung schwere körperliche Arbeit zu verrichten; wenn sie ihre Unabhängigkeit wahren wollten, mussten sie sich in die unwirtlichsten Teile des Kontinents zurückziehen. In Uruguay wurden in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts jene Indios, die sich nicht anpassen wollten, systematisch ausgerottet.

In vielen lateinamerikanischen Ländern lag die tatsächliche Macht in den Händen einer zahlenmäßig kleinen Schicht von Großgrundbesitzern, die eine geschlossene Kaste bildeten. Die große Mehrheit der Bevölkerung war arm, und insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts stiegen die Lebenshaltungskosten, ohne dass die Löhne höher geworden wären.