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| 1. | Einleitung |
Zum Thema Millennium sind außerdem folgende Artikel verfügbar: Millennium: 11. Jahrhundert; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 16. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick.
| 2. | 1900 bis 1914 |
„Jedesmal, wenn ich im Gespräch mit jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wie viel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen jedoch Recht: Zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepresst haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichmäßigem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welt der Zeit von der Wiege bis ins Grab. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür.”
Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) stellte diese Sätze seinen Memoiren Die Welt von gestern (1942) voran. Seine Beschreibung trifft die Wirklichkeit jedoch nicht ganz, denn schon vor 1914 hatten Ereignisse, die für die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend waren, Einfluss auf das Leben auch der „kleinen” Leute. Dennoch ist es gerechtfertigt, die Zeit vor dem 1. Weltkrieg als die letzte Epoche zu betrachten, in der die Menschen noch nicht direkt mit den Folgen von Ereignissen konfrontiert wurden, die irgendwo anders auf der Welt stattfanden. Die Staaten verfolgten ihre eigenen Interessen und betrieben eine nationalistische und protektionistische Handelspolitik, und die Großmächte setzten die Aufteilung der Welt in Einflussbereiche unvermindert fort. Dieser Imperialismus verlief parallel zur Ausgestaltung des Kapitalismus, der nun in vielen Ländern zum bestimmenden Wirtschaftssystem wurde. Wissenschaft und Technik brachten Entdeckungen und Entwicklungen hervor, die der Industrie die Grundlagen zur Expansion bereitstellten; Betriebe bildeten riesige Trusts oder schlossen sich zu Kartellen zusammen. Unter den Bedingungen des Monopolkapitalismus organisierten sich die Arbeiter in Vereinigungen, durch die sie ihre Lebensbedingungen zu verbessern oder fundamentale Veränderungen in den staatlichen Systemen zu erreichen suchten. Die internationalen Beziehungen waren von den Gegensätzen zwischen den Großmächten gekennzeichnet, vom Rüstungswettlauf und von den Rivalitäten und dem Misstrauen zwischen den Großmächten, die in den verschiedenen Konfliktherden ihre jeweils eigenen Interessen verfolgten, beispielsweise auf dem Balkan mit seinen zahlreichen nationalen Gegensätzen. Außerhalb von Europa konnte sich neben den USA allenfalls Japan zu den Großmächten zählen.
In den Naturwissenschaften wurden revolutionäre Entdeckungen gemacht: Der deutsche Physiker Max Planck entwickelte 1900 seine Quantentheorie, 1905 veröffentlichte der junge Albert Einstein einen Artikel, in dem er u. a. die Grundlagen für seine Relativitätstheorie erläuterte, der Däne Niels Bohr stellte neue Theorien über den Atomaufbau auf. Die Untersuchungen über Radioaktivität wurden von Antoine Henri Becquerel seit seiner Entdeckung radioaktiver Strahlung 1895 erfolgreich weitergeführt. In der Biologie wurde die Vererbungslehre weiterentwickelt, und die Medizin gewann immer häufiger den Kampf gegen Krankheiten. Expeditionen stießen in bislang unbekannte Gebiete vor; vor allem die Antarktis wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv erforscht.
| 1. | Großbritannien |
1901 starb Königin Viktoria, die mehr als 60 Jahre lang über Großbritannien geherrscht hatte. Doch mit ihrem Tod war das konservative, prüde Viktorianische Zeitalter noch lange nicht zu Ende, und das selbstzufriedene Bürgertum gab weiterhin den Ton an. Dennoch waren in der Gesellschaft Strömungen spürbar, die ein unbesorgtes Fortbestehen der alten gesellschaftlichen Verhältnisse gefährdeten. Im industrialisierten Großbritannien standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in abhängigen Arbeitsverhältnissen unterschiedlichster Form. Unter diesen Arbeitern fanden die Gewerkschaften zahllose Mitglieder. Unter dem Druck der Arbeiterbewegung, aus deren Reihen sich 1906 die Labour Party formierte, verabschiedeten liberale Regierungen nahezu revolutionäre Gesetze: Es wurden Sozialversicherungen eingerichtet, Mindestlöhne festgelegt und die Einkommen- und Erbschaftsteuer progressiv gestaltet. Mit diesen Errungenschaften konnte und wollte sich die Arbeiterbewegung jedoch aufgrund der in den vorausgegangenen Jahren gesunkenen Löhne nicht zufriedengeben, und 1911/12 streikten die Eisenbahner und Minenarbeiter.
Den Unabhängigkeitsbestrebungen der Iren suchte die britische Regierung mit einer dritten Home Rule Bill zu begegnen, doch die Mehrheit der überwiegend protestantischen Bevölkerung der nordirischen Provinz Ulster lehnte die Home Rule Bill ab. Das britische Empire wuchs weiter – an Umfang und an Macht und Bedeutung.
Im Welthandel spielte Großbritannien eine dominierende Rolle. So lagen z. B. 1914 rund 42 Prozent des gesamten Seehandelsvolumens in den Händen britischer Kaufleute. London wurde zum Zentrum der internationalen Finanzwelt. Im Gegensatz zu anderen Ländern verteilte sich der Export Großbritanniens gleichmäßig: 34 Prozent der Waren wurden nach Europa, 37 Prozent in das britische Empire und 29 Prozent in andere außereuropäische Länder exportiert. Was den Kapitalexport anbetraf, so lag Großbritannien weltweit klar an der Spitze.
| 2. | Frankreich |
Die Dreyfus-Affäre von 1894 wirkte auch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts noch nachhaltig auf die französische Innenpolitik. Die linken Republikaner, die Dreyfus unterstützten, gewannen auf Kosten der rechten Parteien hinzu und stellten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die Regierung. Ihr wichtigstes Reformvorhaben war die vollständige Trennung von Kirche und Staat, die 1905 endgültig vollzogen wurde. 1906 wurde Dreyfus rehabilitiert. Anders als in den anderen westeuropäischen Ländern fand in Frankreich der Syndikalismus unter den Arbeitern eine große Anhängerschaft. Im Unterschied zu den traditionellen Gewerkschaften suchten die Syndikalisten durch Streiks und andere Aktionen mehr zu erreichen als lediglich Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, nämlich eine Gesellschaft ohne staatliche Hierarchie. 1911/12 versetzten Anarchisten mit mehreren Anschlägen ganz Paris in Panik; 1913 wurden einige Mitglieder der für diese Attentate verantwortlichen Gruppierung zum Tod verurteilt.
Kunst und Literatur florierten – wie schon in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Im Straßenbild von Paris fallen auch heute noch die im Jugendstil gestalteten Eingänge zur Metro auf. Einer der bedeutendsten Vertreter und zugleich Vorreiter des Jugendstils, der Glaskünstler Émile Gallé, starb 1904. Anfang des 20. Jahrhunderts versammelten sich bildende Künstler der verschiedensten Richtungen in der französischen Hauptstadt: Fauvisten, wie Henri Matisse und Raoul Dufy, ältere Impressionisten, wie Camille Pissaro, und Kubisten. Auf die Kubisten, zu denen u. a. Pablo Picasso und Georges Braque gehörten, hatte das Spätwerk des 1906 verstorbenen Paul Cézanne großen Einfluss.
Auch in der Literatur brachten die ersten 14 Jahre des 20. Jahrhunderts viele große Namen und Werke hervor: L’Immoraliste (1902; Der Immoralist) von André Gide, Joris-Karl Huysmans’ Beschreibung seiner Rückkehr zum Katholizismus, L’oblat (1903), und Du côté de chez Swann (1913; In Swanns Welt) von Marcel Proust, der erste Teil von A la recherche du temps perdu (1913-27; Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Die Hauptvertreter der impressionistischen Musik in Frankreich waren Claude Debussy und Maurice Ravel. Die Premiere des Balletts Le sacre du printemps (1913) – von Igor Strawinsky für das Ballets Russes von Sergej Diaghilew komponiert – provozierte einen der größten Pariser Kulturskandale.
| 3. | Deutschland |
Die deutsche Wirtschaft erlebte in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts einen einmaligen Aufschwung, und in der Außenpolitik verfolgte das Deutsche Kaiserreich einen ausgesprochen imperialistischen Kurs. Das Reich unter Kaiser Wilhelm II. war jedoch politisch weitgehend isoliert und konnte nur noch von Österreich Unterstützung erwarten. Die politisch dominierenden Kräfte im Reich waren nach wie vor der Adel, allen voran das konservative preußische Junkertum, das Militär sowie die Großindustriellen; die sozialdemokratische Bewegung nahm aber stetig an Umfang und Bedeutung zu: Bei den Wahlen 1912 wurde die SPD mit 34,8 Prozent die stärkste Fraktion im Reichstag.
1913 zählte das deutsche Heer 780 000 Mann, und die Kriegsflotte war ebenfalls zu einem beeindruckenden Umfang hochgerüstet worden. Die deutsche Handelsmarine befuhr alle Weltmeere. Die deutsche Kohle- und Stahlindustrie nahm in Europa die Spitzenstellung ein. Die Erzförderung in Lothringen und die Industrie des Ruhrgebiets bildeten die Grundlage für die deutsche Wirtschaft. Es entstanden zahlreiche Kartelle; eines dieser Kartelle kontrollierte im Rheinland und in Westfalen allein 170 Minen.
In der Kunst entwickelte sich mit dem Expressionismus eine neue Richtung. Es formierten sich Künstlergruppen wie Die Brücke und Der blaue Reiter, und in der Literatur war die wichtigste Zeitschrift des Expressionismus Der Sturm, in der Beiträge von Autoren wie Alfred Döblin, Richard Dehmel und dem Schweden August Strindberg veröffentlicht wurden. 1901 erschien Thomas Manns Roman Buddenbrooks, in dem schon ein Vorgefühl von der Endlichkeit des bestehenden bürgerlichen Zeitalters spürbar wurde. Der Soziologe Max Weber, der 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie mitbegründete, stellte in seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1905) die These auf, dass calvinistische Lebensweise und moderner Kapitalismus ursächlich zusammenhingen.
| 4. | Österreich-Ungarn |
Die politische Situation in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie war in Folge der scharfen Gegensätze zwischen verschiedenen Nationalitäten äußerst instabil. Von der dominierenden Machtposition, die die Habsburger einst innehatten, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch wenig übrig; der Vielvölkerstaat konnte nur mehr mit Mühe zusammengehalten werden.
Das Gefühl der Endzeit, des Untergangs einer Epoche ergriff zahlreiche Künstler. In der Musik kam es zu interessanten Entwicklungen: Zwar hielt das Publikum an seiner Vorliebe für Operetten fest, die nach wie vor nach der alten Wiener Tradition komponiert wurden, oder genoss die Aufführungen der Hofoper, die seit dem Abschied von Gustav Mahler 1907 deutlich an Qualität verloren hatten. Aber fern der großen Bühnen entstand eine Zweite Wiener Schule, die sich durch ihre Loslösung von der traditionellen Tonalität auszeichnete. Der Begründer und zugleich einer der herausragendsten Vertreter dieser Schule, Arnold Schönberg, gelangte nach der Uraufführung seines Werkes Pierrot Lunaire 1912 zu Weltruhm. Andere Komponisten, die revolutionäre Neuerungen in die Musik einführten – Joseph Matthias Hauer und Schönbergs Schüler Alban Berg und Anton Webern – blieben zunächst noch relativ unbekannt.
Die deutschsprachige Literatur der Donaumonarchie erlebte eine neue Blütezeit; Prag, wo der Dichter Rainer Maria Rilke und die jungen Autoren Franz Werfel und der erst nach seinem Tod berühmt gewordene Franz Kafka wirkten, entwickelte sich zu einem literarischen Zentrum. Das Interesse an der Arbeit des Wiener Psychiaters Sigmund Freud nahm immer mehr zu, und nach der Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1910 fanden Freuds Theorien in der ganzen Welt Verbreitung.
| 5. | Skandinavien |
In Skandinavien wurde 1905 die Personalunion zwischen Schweden und Norwegen aufgelöst; die Staaten erkannten das neue norwegische Königreich an. In Finnland, seit 1809 unter russischer Herrschaft, setzte Russland seine Russifizierungspolitik mit wechselnder Intensität fort; die 1899 aufgehobene Autonomie musste Russland den Finnen jedoch 1905 wieder zugestehen.
Die Literatur der skandinavischen Länder verlor in den ersten 14 Jahren des 20. Jahrhunderts viele ihrer bedeutendsten Vertreter. 1906 starb der Norweger Henrik Ibsen, dessen Werke – insbesondere das Drama Gengangere (1881; Gespenster) – nachhaltig auf die europäische Dramenliteratur wirkte. 1912 starb der schwedische Autor August Strindberg, der während seiner letzten Lebensjahre En Blå Bok (1907-1912; Ein Blaubuch) veröffentlicht hatte. Ein Blaubuch zeugt von dem großen Einfluss des mystischen Denkers Emanuel von Swedenborg (1688-1772) auf Strindberg. Seit 1901 wird in Schweden der Nobelpreis für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaften, der Literatur und der Erhaltung des Friedens vergeben. Der Fonds, aus dem die Preisgelder finanziert werden, wurde von dem schwedischen Industriellen Alfred Nobel gestiftet.
| 6. | Russland |
Der russische Imperialismus stieß in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auf den Widerstand der anderen Großmächte: Die Expansion im Osten Asiens wurde von der Niederlage gegen Japan im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) gestoppt, und im Westen schlugen die russischen Versuche, Vorteile aus den Balkankriegen von 1912/13 zu ziehen, fehl. Im autokratisch beherrschten Russland selbst verstärkten sich die revolutionären Tendenzen: 1905 brachen im ganzen Land Aufstände aus (siehe 1. Russische Revolution), nachdem Zar Nikolaus II. eine friedliche Demonstration vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg mit Militärgewalt blutig hatte niederschlagen lassen (siehe Blutsonntag). Linke Oppositionelle im Ausland – die Sozialdemokratische Arbeiterpartei hatte sich 1903 in die radikalen Bolschewiki und die gemäßigten Menschewiki gespalten – wurden von den Ereignissen völlig überrascht und blieben der Revolution weitgehend fern; die Arbeiterräte (Sowjets), die nun in großer Zahl entstanden, bildeten sich meist ohne Zutun der linken Revolutionäre. Um die Situation zu beruhigen, sagte der Zar die Einrichtung einer Duma zu, eines Parlaments, das dem autokratischen Regiment die Spitze nehmen, jedoch keineswegs eine tief greifende Reform des Herrschaftssystems bedeuten sollte. Die ohnehin beschränkten Befugnisse der Duma wurden jedoch bald weitgehend untergraben, da Ministerpräsident Pjotr Stolypin (1906-1911) die Duma zu einer Marionette seiner Regierung degradierte. Nach Ansicht des Zaren verfügte jedoch auch die schon praktisch machtlose Duma noch über zu viel Einfluss.
Die Agrarreformen der Regierung Stolypin (u. a. Auflösung des Mir-Systems, Flurbereinigung) zielten darauf ab, die Unterstützung des relativ wohlhabenden Bauernstandes, der durch die Reformen geschaffen werden sollte, zu gewinnen. Das Wirtschaftssystem im industriell noch vergleichsweise rückständigen Russland begann allmählich westlich-kapitalistische Züge anzunehmen.
Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts verlor zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre letzten großen Vertreter: 1904 starb Anton Tschechow, sechs Jahre später Lew Tolstoj, der Autor von Krieg und Frieden. Die russische Musik blieb unverändert vital: Nach einer Periode, in der das „Mächtige Häuflein” (u. a. Mussorgskij und Rimskij-Korsakow) bestimmend war, zeigte nun ein Schüler von Rimskij-Korsakow, Igor Strawinsky, wieder den Drang zur Erneuerung. Der außergewöhnlichste Komponist dieser Zeit war Alexander Skrjabin, in dessen sinfonischer Dichtung Prométhée Farben eine bedeutende Rolle spielen.
| 7. | Balkan/Türkei |
Auf dem Balkan, wo schon seit Jahrzehnten die Konflikte zwischen den verschiedenen Völkern auf eine Lösung warteten, blieb die Situation nach den Balkankriegen von 1912/13 weiterhin sehr explosiv. Das Engagement der europäischen Großmächte in den bestehenden Konflikten gefährdete den Frieden in Europa in hohem Maß.
Das Osmanische Reich musste auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitere Gebietsverluste hinnehmen: Bis auf einen schmalen Landstreifen zwischen Bosporus und Dardanellen musste das Osmanische Reich nach den Balkankriegen seine letzten Besitzungen auf dem europäischen Festland abtreten; kurz zuvor hatte das Osmanische Reich im Italienisch-Türkischen Krieg Tripolis und die Inselgruppe Dodekanes an Italien verloren. Im Inneren wurden die Jungtürken zur dominierenden Kraft. Die Jungtürken hatten sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als Oppositionsgruppe gegen die Herrschaft des Sultans formiert und setzten sich vor allem aus Offizieren, Beamten und Intellektuellen zusammen. 1908 erhoben sich die osmanischen Truppen in Saloniki, und im darauf folgenden Jahr stürzten die Jungtürken Sultan Abd ül-Hamid II. und übernahmen die Macht. Das Deutsche Reich nahm nun mehr und mehr Einfluss auf das Osmanische Reich: Deutsche Militärberater wirkten an der Modernisierung der türkischen Armee mit, und die Deutsche Bank erhielt die Konzession für den Bau der Bagdadbahn, die den Persischen Golf mit Europa verbinden sollte (und vornehmlich militärischen Zwecken dienen sollte). Die Bauarbeiten gingen trotz zahlloser Rückschläge stetig voran, und 1913 war bereits eine Strecke von 600 Kilometern in Betrieb.
| 8. | Vereinigte Staaten von Amerika |
1912 kam es innerhalb der Republikanischen Partei zu einer Spaltung, als Theodore Roosevelt, von 1901 bis 1909 Präsident der Vereinigten Staaten, als Führer des progressiven Flügels der Partei die Progressive Party ins Leben rief. Diese neue Partei entsprach mit ihrem Programm dem sich immer stärker artikulierenden Wunsch nach Reformen. Die Regierung reagierte nur sehr zögerlich auf das enorme Wirtschaftswachstum in den USA und die gleichzeitige Konzentration von Kapital und Produktionsmitteln in den Händen nur weniger Personen. Die Einkommensunterschiede waren enorm: 1900 verdiente der Stahlmogul Andrew Carnegie 23 Millionen US-Dollar (für die er keine Einkommensteuer zahlen musste), ein durchschnittlicher Arbeiter hingegen verdiente nur etwa 500 US-Dollar. Die Bildung von Monopolen nahm erschreckende Ausmaße an; ein einziger Industriegigant wie die United States Steel Corporation bestimmte alleine die Stahlpreise. Die New-Freedom-Politik von Woodrow Wilson, Präsident von 1913 bis 1921, konzentrierte sich auf Anti-Trust-Maßnahmen: Der Konkurrenzkampf sollte wieder zum Motor der Wirtschaft werden, und die (niedrigen) Einkommensteuern wurden progressiv gestaltet. Über das Federal Reserve System suchte Wilson die staatliche Kontrolle über die Banken, die durch ihr Geldmonopol das Wirtschaftsleben beherrschten, zu verstärken.
Die Kommunikationsmittel, eine der Voraussetzungen für eine florierende Wirtschaft, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts erheblich weiterentwickelt. Um 1900 gab es circa 600 000 Telefone in den USA, 14 Jahre später waren es schon fast sechs Millionen. Das Radio fand zunehmende Verbreitung, und bereits seit 1866 existierte eine stehende Telegraphenleitung nach Großbritannien. Auf dem Gebiet des Transportwesens war eine Revolution im Gang, das einmillionste Auto war schon vor Jahren produziert worden. Die wichtigsten Fabrikanten waren Ford und die General Motors Company, zu der seit 1908 die Firmen Buick, Oldsmobile, Oakland und Cadillac gehörten. Seit 1913 liefen in der Fordfabrik in Detroit die ersten Fließbänder, die eine effizientere Montage ermöglichten: Der Zusammenbau des Verkaufsschlagers, des T-Modells, dauerte nun nur noch anderthalb Stunden, während man früher 12,5 Stunden dafür benötigt hatte. Seit den ersten Motorflügen der Brüder Orville und Wilburn Wright 1903 kam auch die Luftfahrtindustrie langsam in Schwung, doch sie verzeichnete noch keinen so sensationellen Absatz wie die Automobilindustrie. Auch die Filmindustrie entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem wichtigen Wirtschaftszweig, und schon bald beherrschten amerikanische Filme den Weltmarkt. Die beliebtesten Genres waren Western und Slapstick-Komödien.
| 9. | Australien |
Am 1. Januar 1901 schlossen sich die meisten der inzwischen nahezu vollständig autonomen australischen Kolonien zum Australischen Bund (siehe Australien) zusammen. Die ersten Regierungen des Bundes wurden von der Labor Party gebildet. Neuseeland wurde 1907 zum Dominion im Commonwealth.
| 10. | Japan |
Japan, das sich seit 1868 zunehmend am Westen orientierte, stieg zu einer wichtigen Großmacht auf. 1902 entstand ein britisch-japanisches Bündnis. Außerdem besiegte Japan Russland im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05): Japan erhielt u. a. den Süden von Sachalin und brachte Korea und die Mandschurei unter seinen Einfluss. Dieser Sieg wirkte erheblich auf das Selbstbewusstsein der asiatischen Völker, und überall in Asien erstarkten in der Folgezeit nationalistische Bewegungen.
| 11. | China |
1912 trat der letzte chinesische Kaiser, Pu Yi (P’u-i), infolge der Revolution von 1911 zurück. China wurde Republik; ihr erster Präsident war Yuan Shikai, der 1916 vom Führer der Revolution, Sun Yatsen, entmachtet wurde. Sun Yatsen selbst wie auch seine Partei, die Kuomintang (Nationale Volkspartei) war von Yuan Shikai bekämpft worden.
| 12. | Indien |
1914 hatte die britische Kronkolonie Indien 315 Millionen Einwohner. In der Innenpolitik genoss Indien ein hohes Maß an Selbständigkeit, und die zahlreichen Fürsten und Maharadschas verfügten noch über umfangreiche Machtbefugnisse. Der Handel Indiens weitete sich aus: Jute, Baumwolle, Tee und Indigo wurden in riesigen Mengen exportiert und britische Industrieprodukte in großem Umfang importiert. Die indische Elite, obwohl westlich erzogen, förderte jedoch die Entstehung von nationalistischen Bewegungen. 1906 wurde die Muslim-Liga gegründet, etwa gleichzeitig ließ der Indische Nationalkongress seinen Ruf nach Selbstverwaltung für Indien lauter werden, und auch unter anderen Völkern und Glaubensgruppen in Indien kamen mehr und mehr separatistische Tendenzen auf.
| 13. | Afrika |
In Afrika waren 1914 nur noch Abessinien und Libyen unabhängige Staaten. Marokko war 1911 – nach dem deutsch-französischen Interessenkonflikt in den Marokkokrisen – französisches Protektorat geworden. Die britischen, französischen, portugiesischen, italienischen, spanischen, deutschen und belgischen Kolonien in Afrika waren in der Regel nur locker organisiert. Die Kolonialmächte überließen einen Großteil der Verwaltung den Afrikanern und widmeten sich selbst vor allem dem Ausbau der Verkehrswege, um militärische Operationen zügig durchführen zu können. In weiten Teilen Afrikas beschränkten sich die Europäer auf die wirtschaftliche Erschließung, d. h. den Handel, die Ausbeutung der Bodenschätze und den Landerwerb. Der Kongo-Freistaat, den König Leopold II. von Belgien seit der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 als seinen persönlichen Besitz betrachtete, wurde 1908 dem belgischen Staat unterstellt, nachdem die brutale Ausbeutung von Land und Menschen infolge des persönlichen Regiments Leopolds II. im Kongo-Freistaat selbst sowie international heftige Proteste hervorgerufen hatte. In Südafrika endete 1902 der Burenkrieg mit dem Verlust der Unabhängigkeit für die Burenrepubliken Transvaal und Oranje-Freistaat. 1910 schlossen sich die vier britischen Kronkolonien in Südafrika zur Südafrikanischen Union zusammen.
| 3. | 1914 bis 1919 |
Nach einer relativ langen Zeit des Friedens in einem großen Teil Europas brach im August 1914 der 1. Weltkrieg aus. Unmittelbarer Auslöser war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1914 in Sarajevo durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip (siehe Attentat von Sarajevo) und die daran anschließende Julikrise. Die politischen Motive des Attentats waren eng mit dem ungelösten Nationalitätenproblem im österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat verknüpft. Zu Beginn des Krieges standen sich im Wesentlichen Deutschland und Österreich (die Mittelmächte) auf der einen, Großbritannien, Frankreich und Russland (Entente) auf der anderen Seite gegenüber; später traten noch zahlreiche weitere Staaten in den Krieg ein, die meisten auf der Seite der Entente (z. B. 1914 Japan und 1917 die USA), den Mittelmächten schlossen sich das Osmanische Reich und Bulgarien an. Die Hauptschauplätze des Krieges lagen in Europa. Der Krieg an der russischen, der Ostfront, wurde nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 durch einen Waffenstillstand im Dezember 1917 bzw. dem Frieden von Brest-Litowsk im März 1918 beendet. An der Westfront zog sich der Stellungskrieg noch bis November 1918 hin. Die fortgeschrittene Industrialisierung der Krieg führenden Staaten manifestierte sich in der Vernichtungskraft und der Menge der eingesetzten Waffen. Der fast vier Jahre andauernde Stellungskrieg an der Westfront brachte nur minimale wechselseitige Geländegewinne bei immensen Verlusten an Menschen und Material. Mit den Pariser Vorortverträgen (1919/20) veränderte sich die politische Landschaft vor allem in Mittel- und Osteuropa. Die Sieger des Krieges, die Entente, erlegten dem Deutschen Reich, dem zusammen mit seinen Verbündeten die Kriegsschuld zugeschrieben wurde, hohe Reparationszahlungen auf. Außerdem verabschiedeten die Teilnehmer der Pariser Friedenskonferenz die Satzung eines Völkerbundes, der in Zukunft über den Weltfrieden wachen sollte.
| 1. | Russland |
Der Weltkrieg brachte für Russland große Verluste. Die Mittelmächte fügten den deutlich schlechter ausgerüsteten russischen Truppen schwere Niederlagen zu: Schon 1915 waren zwei Millionen russische Soldaten getötet, verwundet oder gefangen genommen. Der Kriegszustand verschärfte die sozialen Unruhen in Russland, und auch bislang politisch Gemäßigtere gerieten zunehmend in Opposition zum zaristischen Regime. Im März 1917 (Februar nach dem damals in Russland gebräuchlichen julianischen Kalender) brachen in Petrograd vor allem aufgrund akuter Nahrungsmittelknappheit Unruhen aus. Die in Petrograd stationierten Truppen, die eigentlich die Unruhen hatten niederschlagen sollen, verbündeten sich mit den Aufständischen, Arbeiter und Soldaten bildeten Räte (Sowjets), die gesamte Regierung einschließlich des Zaren Nikolaus II. trat zurück. Duma-Abgeordnete und der Petrograder Sowjet bildeten zusammen eine Provisorische Regierung mit Fürst Lwow als Ministerpräsidenten, der jedoch bald von dem Sozialrevolutionär Kerenskij abgelöst wurde. Die Provisorische Regierung wurde der Lage im Lande nicht mehr Herr: Bauern nahmen überall Land in Besitz, die Front gegen die Mittelmächte stand kurz vor dem Zusammenbruch, eine Offensive Kerenskijs gegen die Mittelmächte scheiterte, politische Reformen blieben aus. Russland drohte im Chaos zu versinken. Im April 1917 war der Führer der Bolschewiki, Wladimir I. Lenin, aus dem Exil zurückgekehrt. Mit seinen Aprilthesen gelang es ihm, die Bolschewiki, im Sowjet noch in der Minderheit, zu mobilisieren und auf einen Umsturz der politischen Verhältnisse vorzubereiten. Die katastrophale militärische, soziale und Versorgungslage bescherten den Bolschewiki weiteren Zulauf und Rückhalt.
Am 7. November (25. Oktober nach dem julianischen Kalender) stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung. Der „Rat der Volkskommissare” unter der Führung Lenins übernahm als neue Regierung die Macht; Lew D. Trotzkij wurde Kommissar für Äußere Angelegenheiten, Jossif W. Stalin Kommissar für Nationalitätenfragen. In den folgenden Monaten gelang es Lenin mit zum Teil repressiven Maßnahmen, seine Macht zu stabilisieren. Im März 1918 schlossen Russland und die Mittelmächte den Frieden von Brest-Litowsk.
Widerstand gegen die Machtübernahme durch die Bolschewiki regte sich schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution; Anfang 1918 eskalierte er im Russischen Bürgerkrieg zwischen den „Roten”, den Bolschewiki und ihrer von Trotzkij aufgebauten und befehligten Roten Armee, und den „Weißen”, dem breiten Spektrum der antibolschewistischen Kräfte von den linken Sozialrevolutionären bis zu den rechten Monarchisten, auf deren Seite zudem Truppen der Entente intervenierten. Am Ende setzten sich die „Roten” durch, vor allem auch dank der mangelnden Koordination unter den „Weißen”, und stellten Russland in etwa in den Grenzen des Zarenreiches wieder her.
Bereits am 10. Juli 1918 hatte der 3. Allrussische Sowjetkongress die Verfassung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) verabschiedet; am 30. Dezember 1922, nach dem Ende des Bürgerkrieges, wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet. Unternehmen wurden verstaatlicht, doch die Maßnahmen waren keineswegs konsequent. Im März 1919 fand in Moskau, der neuen Hauptstadt Sowjetrusslands, der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale (siehe Internationale) statt, auf dem die Zukunft des internationalen Kommunismus, d. h. auch der „Export” der Revolution in andere Länder, vor allem die entwickelten Industriestaaten in Europa, im Mittelpunkt stand.
| 2. | Frankreich |
Hauptschauplatz des 1. Weltkrieges in Westeuropa waren der Nordosten Frankreichs und Belgien; hier war die Front schon kurz nach Kriegsbeginn in einem grausamen Stellungskrieg erstarrt. Die Schlachten an der Marne (1914), der Somme (1916) und bei Verdun (1916) forderten zahllose Menschenleben. Allein an der Somme fielen mehr als eine Million Soldaten. Der Stellungskrieg wurde zum Symbol für sinnlose Vernichtungswut.
1917 traten die Arbeiter in Paris und anderen Städten in den Streik, Meutereien in mehreren Einheiten der Armee folgten; sie wurden jedoch von General Pétain niedergeschlagen. Die Moral der Bevölkerung, die eigentlich nicht mehr an einen Sieg glaubte, erfuhr ungeheuren Auftrieb, als im November 1917, inmitten einer schweren innenpolitischen Krise, Georges Clemenceau erneut zum Ministerpräsidenten ernannt wurde. General Foch, von Clemenceau Ende 1917 zum Generalstabschef der französischen Truppen befördert, übernahm im April 1918 das Oberkommando über alle Entente-Truppen in Frankreich und trug in dieser Funktion wesentlich zum Sieg der Alliierten über die Mittelmächte bei.
In den Friedensverhandlungen der Entente mit dem Deutschen Reich, die schließlich im Versailler Vertrag mündeten, setzte sich Clemenceau mit seiner kompromisslosen Haltung gegenüber dem Deutschen Reich weitgehend durch: Elsass-Lothringen kam an Frankreich zurück, Deutschland wurde zu extrem hohen Reparationszahlungen verpflichtet, und Frankreich besetzte im Interesse seiner Sicherheit das Saargebiet und das linksrheinische Deutschland.
| 3. | Großbritannien |
1916 wurde in Großbritannien die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, und wenig später hatte sich das britische Heer erheblich vergrößert: Konnte Großbritannien die Truppen der Entente 1914 nur mit fünf Divisionen verstärken, so standen jetzt 70 Divisionen zur Verfügung. Die britische Marine blockierte erfolgreich die deutsche Küste, auf den britischen Werften liefen die Arbeiten auf Hochtouren, um den Vorsprung gegenüber der deutschen Flotte auszubauen. In der kriegswichtigen Produktion wurden nun mehr und mehr Frauen beschäftigt, und auch in der Armee waren Frauen in verschiedenen Bereichen tätig. 1918 wurde das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen eingeführt.
Der Osteraufstand im April 1916 in Dublin warf die Frage nach der Unabhängigkeit Irlands erneut in aller Heftigkeit auf. 1918 gewann die radikal-republikanische, nationalistische Sinn Féin bei den Wahlen zum britischen Unterhaus die Mehrheit der irischen Parlamentsmandate; 1919 errichtete die Sinn Féin ein erstes irisches Parlament und erklärte Irland für uanabhängig, was von der britischen Regierung selbstverständlich nicht anerkannt wurde.
| 4. | Deutschland |
Im Deutschen Reich war am 9. November 1918 unmittelbar nach der Thronverzichtserklärung Kaiser Wilhelms II. die Republik ausgerufen worden. Die Novemberrevolution beseitigte überall im Deutschen Reich die Monarchien. Das Land befand sich in einem merkwürdigen Zustand: Der Krieg war verloren, zum Zeitpunkt des Waffenstillstands am 11. November 1918, der praktisch einer Kapitulation gleichgekommen war, standen noch deutsche Truppen in Frankreich, doch auf deutschem Staatsgebiet befanden sich keine ausländischen Truppen. Die Sozialdemokraten, SPD und USPD, bildeten den „Rat der Volksbeauftragten”, die Regierung unter Friedrich Ebert. Die Furcht vor einer Revolution wie in Sowjetrussland ließ die sozialdemokratische Regierung zum Teil mit den alten Mächten paktieren und linke Sozialdemokraten aus der Regierungsverantwortung verdrängen. Anfang Januar 1919 wurde der Spartakusaufstand in Berlin blutig niedergeschlagen, und wenig später ermordeten rechtsextreme Freikorpssoldaten die Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
Die Mehrheit der Deutschen stand hinter dem Krieg von 1914 bis 1918 – wenn auch nicht in solch dramatisch-überzeugter Form wie der 1917 gefallene Walter Flex. In Der Wanderer zwischen beiden Welten (1916), einer Schilderung seiner Kriegserlebnisse, verherrlicht er den Krieg. Im Nachwort zu seinem Buch schrieb Flex: „Ich bin heute innerlich so kriegsfreiwillig. Wie am ersten Tag. Ich bin’s und war es nicht, wie viele meinen, aus nationalem, sondern aus sittlichem Fanatismus. Nicht nationale, sondern sittliche Forderungen sind’s, die ich aufstelle und vertrete. Was ich von der ‚Ewigkeit des deutschen Volkes‘ und von der welterlösenden Sendung des Deutschtums geschrieben habe, hat nichts mit nationalem Egoismus zu tun, sondern ist ein sittlicher Glaube, der sich selbst in der Niederlage oder, wie Ernst Wurche gesagt haben würde, im Heldentod eines Volkes verwirklichen kann ... Mein Glaube ist, dass der deutsche Geist im August 1914 und darüber hinaus eine Höhe erreicht hat, wie kein Volk vordem gesehen hat. Glücklich jeder, der auf diesem Gipfel gestanden hat und nicht wieder herabzusteigen brauchte ... Das ist mein Glaube und mein Stolz und mein Glück, das mich allen persönlichen Sorgen entreißt.”
Die britische Blockade hatte während des Krieges in Deutschland zu akuten Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung geführt. In der Landwirtschaft war es gelungen, durch den Einsatz von Kunstdünger den Ertrag zu erhöhen; hier leistete vor allem die Entdeckung des Stickstoffdüngers durch die Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch wertvolle Hilfe. Doch die Landwirtschaft allein konnte den Nahrungsmittelbedarf der Deutschen nicht decken, und so suchte die chemische Industrie intensiv nach Ersatzstoffen für knapp gewordene Waren, nicht nur bei Gebrauchsgütern, sondern auch bei den Lebensmitteln. Zum Beispiel gab es u. a. etwa 800 genehmigte Wurstsorten aus Ersatzstoffen (Surrogaten).
| 5. | Österreich-Ungarn |
Am 21. November 1916 starb Kaiser Franz Joseph. Mit ihm war das letzte verbindende Element für die in dem riesigen Reich lebenden Völker verschwunden. Militärisch konnte sich Österreich-Ungarn zunächst noch behaupten, doch die innere Struktur des Reiches war überaus brüchig, und 1917 drohte zudem der Staatsbankrott. Im Oktober 1918 unternahm Kaiser Karl I. mit dem Völkermanifest einen letzten vergeblichen Versuch, die Donaumonarchie zu retten; wenige Tage später war das Vielvölkerreich zerfallen. Neu gebildete Staaten wie die Tschechoslowakei und Jugoslawien wurden unabhängig, Österreich wurde Republik, in Ungarn im März 1919 eine Räterepublik ausgerufen, die jedoch bereits im Juli wieder zusammenbrach. Nun ergriff Miklós Horthy die Macht und errichtete eine nationalistische Diktatur.
| 6. | Türkei |
Im 1. Weltkrieg verlor das Osmanische Reich als Verbündeter der Mittelmächte alles Territorium außerhalb von Kleinasien und mit Ausnahme jenes schmalen Küstenstreifens zwischen Bosporus und Dardanellen auf dem europäischen Festland. Die Verfolgung der Armenier, die bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, erreichte während des Weltkrieges ihren dramatischen Höhepunkt: Schätzungsweise 800 000 Armenier kamen durch Massaker und Vertreibungen ums Leben.
| 7. | Vereinigte Staaten von Amerika |
Zu Beginn des Krieges hatten sich die Vereinigten Staaten für neutral erklärt. Doch nachdem Deutschland Anfang 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufgenommen hatte, traten die USA unter Präsident Woodrow Wilson am 6. April 1917 auf der Seite der Entente in den Krieg ein. Innerhalb kürzester Zeit wurden mehr als 3,5 Millionen Soldaten rekrutiert, die Produktionszahlen in Landwirtschaft und Industrie schossen in die Höhe, und die gesamte amerikanische Gesellschaft wurde mobilisiert, um die US-amerikanische Kriegsmaschinerie zu unterstützen. Ab dem Frühjahr 1918 landeten pro Monat fast eine Viertelmillion amerikanische Soldaten in Frankreich. Unter relativ geringen Verlusten gelang es ihnen, in der Septemberoffensive die deutschen Truppen zurückzudrängen.
| 8. | China |
China blieb zu Beginn des Weltkrieges neutral, wurde jedoch indirekt auch vom Kriegsgeschehen berührt: Nach der Kriegserklärung Japans an Deutschland im August 1914 übernahm Japan die deutschen Besitzungen und Privilegien in China und zwang anschließend China, einen 21-Punkte-Katalog anzunehmen. Damit geriet der Norden Chinas unter japanischen Einfluss. Besonders der Norden, aber auch andere Teile des Landes wurden von Warlords kontrolliert, die durch ihre wechselnden Bündnisse und Interessenlagen einen sehr unsicheren Faktor darstellten. Der Widerstand der Bevölkerung gegen die Warlords, gegen Japaner und westliche Ausländer nahm stark zu.
| 4. | 1919 bis 1929 |
In Europa waren die Folgen des Weltkrieges in den zwanziger Jahren noch deutlich zu spüren. Misstrauen und Ressentiments gegenüber anderen griffen immer weiter um sich, und Demagogen vergifteten das politische Klima. Auf der anderen Seite schienen sich Demokratie und wirtschaftliche Stabilität hervorragend zu entwickeln, und die Bevölkerung schien in einem Taumel des Wohlstands zu leben. Doch die Vormachtstellung Europas in der Welt bröckelte, und auch das Kräftegleichgewicht innerhalb Europas stand auf äußerst wackligen Füßen. In den überseeischen Kolonien erstarkten die nationalistischen Bewegungen, die europäischen Kolonialmächte dachten aber noch lange nicht daran, ihre Kolonien in die Unabhängigkeit zu entlassen.
| 1. | Sowjetunion |
1929 hatte sich Stalin nach Ausschaltung aller oppositioneller Strömungen und parteiinterner Gegner de facto als Alleinherrscher in Staat und Partei etabliert. Der Kampf um die Macht in Partei und Staat hatte schon vor Lenins Tod 1924 eingesetzt; prominentester Gegner Stalins war dabei Trotzkij. Trotzkijs Theorie einer permanenten Revolution (siehe Trotzkismus) war unvereinbar mit der Stalinschen Doktrin, dass der Sozialismus erst in einem Land, also der Sowjetunion, aufgebaut werden müsse, bevor er sich über die ganze Welt ausbreiten könne. Die nach Weltkrieg und Bürgerkrieg völlig desolate Wirtschaft hatte Lenin ab 1921 durch eine vergleichsweise liberale Wirtschaftspolitik, die Neue Ökonomische Politik (NEP), wieder zu beleben versucht – mit einigem Erfolg: Schwerindustrie und Außenhandel blieben zwar in staatlicher Hand, die Landwirtschaft bzw. die Vermarktung ihrer Produkte wurde jedoch dem freien Markt überlassen, was eine spürbare Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge zur Folge hatte. 1928 erklärte Stalin die Phase der NEP für beendet und führte ein dirigistisches, durch Fünfjahrespläne bestimmtes Wirtschaftssystem ein. Der erste Fünfjahresplan hatte eine massive Steigerung der landwirtschaftlichen und der industriellen Produktion zum Ziel; erreicht werden sollte dieses Ziel durch die Kollektivierung der Landwirtschaft, die zum Teil mit brutalen Zwangsmaßnahmen durchgeführt wurde, und durch den forcierten Ausbau der Industrie, vor allem der Schwerindustrie, durch den sich die Sowjetunion innerhalb kurzer Zeit in den Kreis der Industriemächte einreihen konnte.
In der sowjetischen Architektur und der bildenden Kunst setzte sich der Konstruktivismus durch (siehe russische Kunst und Architektur). Beispiel dafür ist der Entwurf für das Monument der III. Internationale (1919/20) von Wladimir Tatlin, der mit dem Moskauer Kunstinstitut eng zusammenarbeitete. Einige der bekanntesten Komponisten und Musiker waren aber bereits ins Ausland emigriert: Igor Strawinsky war schon vor der Revolution ausgewandert, später folgten Sergej Rachmaninow und Sergej Prokofjew.
| 2. | Osteuropa |
Der 1. Weltkrieg bzw. die anschließenden Pariser Friedensverhandlungen hatten die politische Landkarte in Osteuropa 1919 radikal verändert. Nur zum Teil nahmen die neuen Grenzen auf die verschiedenen Nationalitäten Rücksicht, so dass in fast allen osteuropäischen Staaten die heterogene ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung erneut Spannungen heraufbeschwor. Neben den ethnischen Problemen waren es insbesondere auch die Agrarreformen, d. h. die Aufteilung des Großgrundbesitzes in kleine, unabhängige landwirtschaftliche Betriebe und die damit vielfach einhergehende Ertragsminderung, die dazu beitrugen, dass sich die wirtschaftliche und die politische Situation kaum stabilisieren konnte.
| 3. | Deutschland |
In der Weimarer Republik gelang es nicht, ein dauerhaft stabiles System zu schaffen. Die Ablehnung des vielfach als „Diktat von Versailles” apostrophierten Versailler Vertrags durch breite Kreise der Bevölkerung bildete einen äußerst fruchtbaren Nährboden für antidemokratische, antirepublikanische, rechtsgerichtete Kräfte, und die hohen Reparationszahlungen schienen das Land auf Jahrzehnte hinaus in Schulden zu stürzen. 1923 erreichte die Inflation ihren Höhepunkt: Im November kostete ein US-Dollar 4,2 Milliarden Mark. Anfang 1923 hatten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet und damit den Ruhrkampf ausgelöst; am 9. November 1923 putschten rechtsgerichtete Kreise unter Führung Adolf Hitlers in München; doch der so genannte Hitler-Putsch schlug fehl.
Die auf Ausgleich und Verständigung angelegte Politik von Außenminister Gustav Stresemann führte 1925 zur Unterzeichnung des Locarnopakts, und 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei. Zudem erreichte Stresemann eine realistische Regelung der Reparationszahlungen. Die Wirtschaft verzeichnete in diesen Jahren einen leichten Aufschwung, der jedoch durch die Weltwirtschaftskrise 1929 einen herben Rückschlag erfuhr. Innenpolitisch blieb die Weimarer Republik weiterhin äußerst instabil, u. a. deshalb, weil sich die demokratischen Parteien gegenseitig blockierten und keine gemeinsame Strategie gegen den sich erhebenden Nationalsozialismus fanden. Die alten Machtstrukturen hatten sich trotz demokratischer Verfassung kaum verändert: Die Industrie, Junkertum und das nun auf 100 000 Mann reduzierte Heer hatten ihren Einfluss nicht verloren. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) Adolf Hitlers gewann immer mehr Anhänger. In Mein Kampf (1925/26) – geschrieben nach dem missglückten Putsch während der Haft in Landsberg – formulierte Hitler die politischen Ziele der nationalsozialistischen Bewegung, die nach der Machtergreifung 1933 mit äußerst brutaler Gewalt und Menschenverachtung umgesetzt wurden.
Zwischen 1924 und 1929 verzeichnete die deutsche Filmindustrie große Erfolge: Regisseure wie Fritz Lang erlangten internationalen Ruhm; die Berliner Kabaretts spielten Texte von Kurt Tucholsky und Erich Kästner; Bertold Brecht und Erwin Piscator revolutionierten das Theater: 1929 fand in Berlin die Uraufführung der Dreigroschenoper von Brecht mit der Musik von Kurt Weill statt; Dirigenten wie Bruno Walter, Otto Klemperer und Wilhelm Furtwängler erlangten Weltruhm. Großen Einfluss hatte die 1919 gegründete Hochschule für Architektur und angewandte Künste in Weimar, das Bauhaus, mit dem sich Namen wie Walter Gropius, Wassily Kandinsky und Paul Klee verbinden.
An der Universität in Freiburg übernahm Martin Heidegger 1928 den Lehrstuhl von Edmund Husserl. Ein Jahr zuvor hatte Heidegger das Hauptwerk der deutschen Existenzphilosophie, Sein und Zeit, veröffentlicht, und 1929 erhielt Thomas Mann den Literaturnobelpreis.
| 4. | Frankreich |
Das Verhältnis gegenüber Deutschland war nach wie vor angespannt. Besonders Frankreich hatte auf hohen Reparationszahlungen sowie auf Gebietsabtretungen bestanden; so erhielt Frankreich z. B. das im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verlorene Elsass-Lothringen zurück. Wegen ausbleibender deutscher Reparationsleistungen ließ die Regierung Raymond Poincaré 1923 das Ruhrgebiet besetzen. Die französische Wirtschaft stand unter starkem Druck: Die immensen Kriegsschäden mussten beseitigt werden, außerdem hatte Frankreich hohe Schulden bei Großbritannien und den USA, der Franc litt unter der Inflation, die Bevölkerung drohte zu verarmen. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre gelang es Poincaré, nun Ministerpräsident und Finanzminister zugleich, das Land finanziell einigermaßen zu sanieren.
In Literatur und Kunst kam der Surrealismus als neue Strömung auf; 1924 erschien das Manifest des Surrealismus, in dem André Breton die Theorie des Surrealismus darlegte. Die erste Ausstellung surrealistischer Gemälde fand 1925 in Paris statt.
| 5. | Großbritannien |
In Großbritannien war auch nach dem Krieg die Labour Party die zweitstärkste politische Partei nach den Konservativen. In den ersten Nachkriegsjahren herrschten soziale Unruhen, und vor allem die Bergarbeiter streikten immer wieder. 1921 fasste Ernest Bevin zahlreiche kleinere Gewerkschaften zur Transport and General Workers’ Union zusammen und rief so die größte Gewerkschaft der damaligen Zeit ins Leben. 1924 kam die erste Labour-Regierung an die Macht (sie hielt allerdings nicht einmal ein Jahr), und 1929 wurde die zweite gebildet. Beide Regierungen führte Ramsey MacDonald. 1921 erhielt der größte Teil Irlands – mit Ausnahme von Ulster – den Status eines Freistaates. Nach einer Zeit erbitterter außerparlamentarischer Opposition gegen diesen anglo-irischen Vertrag gewann Eamon de Valera mit seiner neu gegründeten Partei Fianna Fail 1927 einige Sitze im irischen Parlament.
Die englische Literatur der zwanziger Jahre brachte viele richtungweisende Entwicklungen hervor: 1922 erschien in Paris der Roman Ulysses von James Joyce, einem Iren, der in seinem Werk erstmalig den Stream of Consciousness (Bewusstseinsstrom) einsetzte, den auch u. a. Virginia Woolf als Stilmittel verwendete. Der Roman Lady Chatterley und ihr Liebhaber von D. H. Lawrence erschien zunächst als Privatdruck in Florenz, da die Darstellung der Sexualität eine Veröffentlichung in Großbritannien unmöglich machte. 1929 kam der Wiener Ludwig Wittgenstein an die Universität Cambridge, um dort Philosophie zu lehren. Er war ein Schüler des Philosophen Bertrand Russell. Wittgensteins bekanntestes Werk ist der Tractatus logico-philosophicus (1922; Logisch-philosophische Abhandlungen).
| 6. | Spanien |
Das Spanien der zwanziger Jahre war geprägt von heftigen Auseinandersetzungen von Kirche, Großgrundbesitz und Armee auf der einen, der radikalisierten Arbeiterbewegung auf der anderen Seite. Außerdem gab es vor allem in Katalonien starke separatistische Bewegungen. 1923 kam das Militär unter dem faschistischen General Miguel Primo de Rivera an die Macht. Die Opposition gegen die Diktatur von Primo de Rivera breitete sich immer weiter aus. Zunächst lehnten sich Offiziere und Studenten auf, dann boykottierten die Arbeiter das Regime, und schließlich distanzierten sich auch Adel und Wirtschaft von dem Diktator.
| 7. | Italien |
Italien, das im 1. Weltkrieg an der Seite der Entente gekämpft hatte, war nach 1918 wirtschaftlich am Ende. Die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung trug zum Erstarken der 1919 von Benito Mussolini gegründeten faschistischen Bewegung bei. Im Oktober 1922 unternahm Mussolini seinen so genannten Marsch auf Rom und wurde von König Viktor Emanuel zum Premierminister ernannt. Innerhalb weniger Jahre wandelte der Duce, wie Mussolini sich nennen ließ, Italien in einen autoritären Einparteienstaat um.
1929 wurden die Lateranverträge geschlossen, mit denen u. a. die Vatikanstadt als unabhängiger Staat anerkannt und die Stellung der römisch-katholischen Kirche in Italien festgelegt wurde.
| 8. | Vereinigte Staaten von Amerika |
Seit der Wahlniederlage Präsident Wilsons 1920 hielten sich die Vereinigten Staaten von Amerika noch mehr als vor dem Krieg von der internationalen Politik fern; in der Innenpolitik wurden nun zahlreiche Reformen der Vorgängerregierungen revidiert. Die Einwanderung in die USA wurde mehr und mehr erschwert. Der Sacco-Vanzetti-Fall sorgte international für großes Aufsehen: Sacco und Vanzetti, 1908 aus Italien eingewandert, wurden 1927 aufgrund äußerst unzureichender Beweise wegen Raubmordes zum Tode verurteilt und hingerichtet – offensichtlich aus politischen Gründen, denn die beiden waren erklärte Anarchisten. Nicht nur politisch links Stehende sahen sich zunehmend Verdächtigungen und Verfolgungen ausgesetzt; auch der Rassismus wurde immer aggressiver: 1925 hatte der Ku Klux Klan fünf Millionen Anhänger.
Die Wirtschaft florierte, insbesondere dank der wirtschaftsfreundlichen Politik des Finanzministers Andrew Mellon; der Wohlstand nahm zu: Zwischen 1922 und 1929 stiegen die Löhne um 33 Prozent und die Dividenden der Aktionäre um über 100 Prozent. Die Einkünfte vieler Bauern dagegen gingen zurück; besonders kleinere Farmer in ärmeren Gegenden mussten in großer Zahl ihre Betriebe aufgeben. 1919 verabschiedete der Kongress das so genannte Volstead-Gesetz, mit dem der Genuss alkoholhaltiger Getränke in den USA verboten wurde (siehe Prohibition), das aber auf der anderen Seite Schmuggel und illegale Herstellung und Verbreitung alkoholischer Getränke, d. h. auch die rapide Zunahme der organisierten Kriminalität nachgerade provozierte. Chicago war ein Zentrum der organisierten Kriminalität; der berühmteste Gangsterboss war Al Capone.
Die amerikanische Filmindustrie erlebte in den zwanziger Jahren einen ungeheueren Boom, in Hollywood waren bei den großen Studios Paramount, Fox und Warner Brothers Stars wie Mary Pickford, Pola Negri und Rudolph Valentino gegen hohe Gagen engagiert. Ihre Filme sah in der gesamten westlichen Welt ein Millionenpublikum. Jazz war populär: Seit 1927 trat u. a. im New Yorker Cotton Club Duke Ellington mit seiner Band auf, die die Musik ihrer Zeit maßgeblich beeinflusste.
Mit der seit 1925 erscheinenden Time wurde ein neuer Zeitschriftentyp eingeführt: das Nachrichtenmagazin. F. Scott Fitzgerald porträtierte diese Zeit in seinen Romanen. Neben Fitzgerald thematisierten Sinclair Lewis und John Dos Passos die unterschiedlichen Aspekte der amerikanischen Gesellschaft, William Faulkner wurde der Chronist der Südstaaten, Ernest Hemingway, T. S. Eliot und Ezra Pound suchten und fanden ihre Themen u. a. in Europa.
| 9. | Lateinamerika |
Seit 1889 strebten die Staaten Süd- und Mittelamerikas zunehmend nach politischer Einheit. Auf der sechsten Panamerikanischen Konferenz in Habana 1928 einigten sich die Delegationen auf ein verbindliches Schiedsgericht für Streitigkeiten zwischen den einzelnen Ländern. Die immensen sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze zwischen den Gesellschaftsschichten in nahezu allen lateinamerikanischen Staaten führten zu instabilen politischen Verhältnissen und hatten Putsche und Aufstände zur Folge. Das Militär verfügte praktisch überall in Lateinamerika auch über große politische Macht. Die Staaten Mittelamerikas standen unter dem direkten Einfluss der Vereinigten Staaten.
| 10. | Afrika |
Der 1. Weltkrieg hatte auch für den afrikanischen Kontinent weit reichende Folgen. Deutschland verlor alle seine Kolonien, die nun der Völkerbund als Mandate anderen Kolonialmächten zur Verwaltung übertrug. Diese verpflichteten sich, die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung in den ihnen anvertrauten Gebieten zu fördern.
| 11. | Türkei |
Während des 1. Weltkrieges hatte das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands gekämpft. Der Friedensvertrag von Sèvres (1920) bedeutete das Ende des Osmanischen Reiches und hatte zugleich eine Verschärfung des türkischen Nationalismus zur Folge. Unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk begann noch im selben Jahr ein erfolgreicher Krieg gegen Griechenland, woraufhin der Friedensvertrag 1923 im Vertrag von Lausanne zum Vorteil der Türkei abgeändert wurde. 1923 rief Mustafa Kemal Atatürk die türkische Republik aus und wurde ihr erster Präsident. Der Einfluss des Islam wurde immer weiter zurückgedrängt, der Staat in einen laizistischen umgewandelt und nach westlichem Vorbild ausgerichtet: Das lateinische Alphabet ersetzte die arabische Schrift, das Tragen von Schleier und Fez wurde verboten, und dem Unterrichtssystem sowie dem Aufbau der Wirtschaft widmete man besondere Aufmerksamkeit.
| 12. | Naher Osten |
Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches hatte für den Nahen und den Mittleren Osten territoriale Neuordnungen und, daraus resultierend, Spannungen und Konflikte zur Folge. In den noch bestehenden britischen und französischen Mandatsgebieten kamen mehr und mehr nationalistische Bewegungen auf. Im britischen Mandat Palästina wuchsen die Spannungen zwischen Arabern, Engländern und Juden, da Letzteren 1917 mit der Balfour-Deklaration die Gründung einer „nationalen Heimstätte” für das jüdische Volk zugesichert worden war. In Persien wurde der ehemalige Kosakenoffizier Resa Pahlewi zum Schah ausgerufen, und mit ihm orientierte sich das Land immer mehr an westlichen Vorstellungen.
| 13. | Indien |
Die Nationalbewegung in Britisch-Indien erfuhr seit dem Ende des 1. Weltkrieges großen Zulauf. Der Führer der indischen Nationalisten war Mahatma Gandhi, der einen gewaltlosen, lediglich zum Mittel des zivilen Ungehorsams greifenden Kampf gegen die britische Herrschaft propagierte. Gandhi setzte sich außerdem für soziale Reformen ein, die die bitteren Folgen des Kastensystems mildern sollten. Durch Reformen war den Indern bereits während des Krieges eine bescheidene Mitverantwortung an der Regierung ihres Landes zugestanden worden; die Umsetzung dieser Reformen wurde jedoch immer wieder verzögert, was auf indischer Seite mehr und mehr Unruhen auslöste, die von den Briten blutig niedergeschlagen wurden, so z. B. 1919 in dem Amritsar-Massaker.
| 14. | Niederländisch-Indien |
In Niederländisch-Indien hatte seit 1927 die einheimische Bevölkerung im Volksrat (1918 gegründet, 1925 beratendes Organ bei der Gesetzgebung) die Mehrheit. Im selben Jahr gründete Sukarno die Partai Nasional Indonesia (PNI), die die nationalistischen Kräfte im Land bündelte. Außerdem wurde die Partai Komunis Indonesia (PKI, gegründet 1920) von den niederländischen Kolonialherren verboten.
| 15. | Japan |
Das schnelle Wirtschaftswachstum in Japan während des 1. Weltkrieges fand in den zwanziger Jahren ein Ende. Bereits 1920 kam es zu einer ersten Krise, als Absatzmärkte wegen der minderwertigen Qualität der japanischen Produkte einbrachen. 1927 mussten 36 Banken schließen, Unternehmen gingen Bankrott. Nur die größten Konzerne nutzten die Krise zu ihren Gunsten und übernahmen kleinere Unternehmen. Die 1918 begonnene Demokratisierung hatte Mitte der zwanziger Jahre ihren Höhepunkt bereits wieder überschritten: Seit 1928 wurden zunehmend Kommunisten inhaftiert, und die sozialistische Partei verlor immer mehr Einfluss.
| 16. | China |
In China wurden die Entwicklungen in der Sowjetunion mit Enthusiasmus verfolgt, vor allem nachdem die Sowjetunion ihre Ansprüche auf die Mandschurei aufgegeben hatte. Die chinesischen Kommunisten kooperierten zunächst mit der bürgerlichen Kuomintang. Aber schon bald nach dem Tod des Kuomintang-Führers Sun Yatsen 1925 zeigte sich, dass die Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und Nationalisten nicht aufrechtzuerhalten war, und 1927 brach der neue starke Mann der Kuomintang, Chiang Kai-shek, mit den Kommunisten. Wenig später beseitigte die Kuomintang auch die Macht der Warlords im Norden. In der chinesischen Literatur fand nach 1921 der Realismus seinen Eingang, und einige literarische Intellektuelle stellten sich seit 1926 in den Dienst der marxistischen Propaganda.
| 5. | 1929 bis 1939 |
Die Weltwirtschaftskrise, die mit dem New Yorker Börsenkrach (siehe Schwarzer Freitag) von 1929 ihren Anfang nahm, zeitigte in allen Wirtschaftsbereichen und in nahezu allen Ländern Folgen. Innerhalb von drei Jahren ging der Welthandel um zwei Drittel zurück, die Arbeitslosigkeit nahm rapide zu. In Deutschland gewann der Nationalsozialismus an Boden und wurde schließlich zu einer Bedrohung für den Weltfrieden. In Asien baute Japan durch eine aggressive Außenpolitik seinen Einflussbereich aus. Die indigene Bevölkerung in den Kolonien begehrte mehr und mehr gegen die europäischen Kolonialmächte auf. Die Appeasement-Politik, durch die die westeuropäischen Staaten einen neuerlichen Krieg hatten verhindern wollen, scheiterte am Ende: Die Hoffnung, den Frieden erhalten zu können – die nach Abschluss des Münchner Abkommens (1938) noch bestanden hatte –, zerschlug sich spätestens nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Truppen 1939; man begann sich auf einen neuen großen Krieg vorzubereiten.
| 1. | Deutschland |
Die Weltwirtschaftskrise hatte die deutsche Wirtschaft besonders schwer getroffen; vor diesem Hintergrund konnte sich die NSDAP bald zur stärksten politischen Kraft im Land entwickeln. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde die Opposition brutal ausgeschaltet, Parteien und Gewerkschaften wurden verboten, die demokratischen Grundrechte wurden massiv eingeschränkt bzw. suspendiert, die ersten Konzentrationslager wurden errichtet. 1934 ließ Hitler die Führung der SA liquidieren und machte damit den Weg für den Aufstieg der SS unter Heinrich Himmler frei. Himmler übernahm auch die Führung der berüchtigten Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das Dritte Reich zu einer wachsenden Bedrohung für den Rest Europas. Die deutsche Wirtschaft stabilisierte sich – u. a. durch die vermehrte Produktion kriegswichtiger Güter. Die deutsche Außenpolitik nahm stetig an Aggressivität zu. 1936 kündigte Hitler durch die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes den Locarnopakt, und ab 1937 forcierte er seine Pläne für die Erweiterung des so genannten Lebensraums für das deutsche Volk im Osten: Im März 1938 erzwang er den Anschluss Österreichs an Deutschland, im September 1938 erwirkte er das Münchner Abkommen und im März 1939 besetzten deutsche Truppen die Rest-Tschechoslowakei.
Die Partei, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unter ihre Kontrolle gebracht hatte, steuerte mit Hilfe der Reichskulturkammer auch das gesamte kulturelle Leben. Die Propaganda – bereits 1933 wurde zu diesem Zweck ein gesondertes Ministerium unter Joseph Goebbels geschaffen – richtete sich im Bereich der Kunst in erster Linie gegen die so genannte entartete Kunst. 1937 wurde unter dieser Bezeichnung ein Teil der beschlagnahmten Kunstwerke in München ausgestellt und anschließend ins Ausland verkauft oder vernichtet. Dazu gehörten Werke von Paul Klee, Käthe Kollwitz und Emil Nolde.
Seit Hitlers Machtergreifung flohen unzählige Deutsche ins Ausland. Bis 1939 hatten 400 000 Juden das Land verlassen, ebenso emigrierten zahlreiche Gegner und Verfolgte des neuen Regimes, darunter viele Schriftsteller wie z. B. Thomas und Heinrich Mann sowie Bertolt Brecht. Auch Paul Klee, der Dirigent Otto Klemperer, der Komponist Paul Hindemith und der Physiker Albert Einstein verließen Deutschland.
| 2. | Großbritannien |
Unmittelbar nachdem sich das Münchner Abkommen zur Befriedung Deutschlands als wirkungslos erwiesen hatte, begann sich Großbritannien auf einen Krieg vorzubereiten. Die Appeasement-Politik der vergangenen Jahre hatte Großbritannien in militärisch-technischer Hinsicht gegenüber Deutschland enorm zurückgeworfen. Die Dominions im Commonwealth erhielten 1931 den Status souveräner Staaten. Im selben Jahr bestätigte das britische Parlament das Westminster-Statut, das die Beziehungen der einzelnen Staaten des Commonwealth untereinander und zu Großbritannien festlegte.
Der Export Großbritanniens florierte weiterhin: 1937 betrug der britische Anteil am weltweiten Export industriell gefertigter Produkte 21 Prozent. Damit lag der Prozentsatz jedoch um einiges unter dem Wert von 1900 (33 Prozent), als die Konkurrenz der anderen Industriemächte noch deutlich schwächer war. Textilien blieben nach wie vor der wichtigste Exportartikel. 1931 wurde der Goldstandard aufgehoben, um die Kapitalflucht einzudämmen, die durch die Weltwirtschaftskrise entstanden war; viele andere Länder folgten hierin dem britischen Vorbild. In seinem Werk General Theory of Employment, Interest and Money (1936; Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes), das tief greifende Veränderungen im wirtschaftlichen Denken bewirkte, kritisiert John Maynard Keynes die klassischen wirtschaftspolitischen Visionen, da mit ihnen offensichtlich große Krisen nicht vermieden werden konnten.
| 3. | Frankreich |
Seit Frankreich die Folgen der Weltwirtschaftskrise deutlich zu spüren bekam, wurde die innenpolitische Situation zunehmend instabiler. Faschistisch orientierte Organisationen wie Action Française und Croix de Feu richteten sich gegen die Republik, die Stavisky-Affäre 1934 führte zu Straßenschlachten, der Sturz der Regierung schwächte die Demokratie. Die linksgerichteten Bewegungen Frankreichs fanden sich in der Volksfront zusammen, die 1936 nach ihrem Wahlsieg unter dem sozialistischen Ministerpräsidenten Léon Blum die Regierung bildete. Blums Reformen auf den Gebieten Wirtschaft und Soziales führten zu Inflation und Kapitalflucht, und seine Nichteinmischungspolitik gegenüber dem Spanischen Bürgerkrieg trug erheblich zum Zerfall der Volksfront bei.
| 4. | Spanien |
1930 endete in Spanien die Diktatur von Primo de Rivera. Im Jahr darauf dankte der letzte Monarch aus dem Haus Bourbon, Alfons XIII., ab. Die nun errichtete 2. Republik wurde zunächst von einer linksrepublikanisch-sozialistischen Koalitionsregierung geführt, doch in den Wahlen von 1933 erreichten die rechten Parteien – Kirche, Großgrundbesitz, Großbürgertum – wieder die Mehrheit. Die demokratischen Errungenschaften der vorangegangenen beiden Jahre wurden rückgängig gemacht. Daraufhin erhoben sich die Anhänger der Gewerkschaften, der anarchistischen Confederación National de Trabajo (CNT) und der radikalsozialistischen Unión General de Trabajadores (UGT), zu einem Aufstand, der von den Regierungstruppen niedergeschlagen wurde. Bei den Wahlen im Februar 1936 errang die Volksfront – Linksrepublikaner, Sozialisten, Kommunisten – eine knappe Mehrheit und bildete die Regierung. Wenig später brach in Marokko eine Militärrevolte aus, die sogleich auf Spanien selbst übergriff und in der Francisco Franco die Führung übernahm.
Die Revolte weitete sich rasch zum Spanischen Bürgerkrieg zwischen der republikanischen Regierung und ihren Anhängern auf der einen, Francos Aufständischen auf der anderen Seite. Franco wurde von den Monarchisten, der Kirche und den faschistischen Falangisten unterstützt; von den ausländischen Mächten stellten sich das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien auf seine Seite. Die republikanische Regierung wurde von den Internationalen Brigaden und von der Sowjetunion unterstützt. Der Bürgerkrieg endete im März 1939 mit dem Sieg Francos und dem Zusammenbruch der Republik. Der Krieg hatte über eine halbe Million Menschenleben gefordert; er war von beiden Seiten mit großer Härte geführt worden, aber die Kriegsführung der Aufständischen hatte sich durch besondere Brutalität ausgezeichnet. So zerstörte z. B. die deutsche Legion Condor 1937 die Stadt Guernica. Pablo Picasso hielt die Schrecken der Zerstörung in einem Monumentalgemälde fest.
Zahlreiche Künstler und Wissenschaftler kamen während des Bürgerkrieges ums Leben, u. a. wurde der Dichter Federico García Lorca kurz nach Ausbruch des Krieges von den Aufständischen ermordet, bzw. emigrierten, wie z. B. der Philosoph José Ortega y Gasset. In seinem Buch La rebelión de las masas (1930; Der Aufstand der Massen) analysierte er den verhängnisvollen Einfluss der Masse auf den Gang der Ereignisse.
| 5. | Portugal |
In Portugal eroberte ab 1928 António de Oliveira Salazar die Macht: 1928 wurde er Finanzminister mit weit reichenden Vollmachten, de facto freier Verfügung über die Staatsfinanzen. 1932 wurde er zum Ministerpräsidenten ernannt, und im folgenden Jahr begründete er mit der neuen, ständisch geprägten, Verfassung, die zu einem großen Teil Salazars Werk war, den Estado Novo, einen faschistischen, autoritär regierten Ständestaat (siehe Korporativismus).
| 6. | Italien |
Die faschistische Herrschaft brachte Italien nicht den Wohlstand und die soziale Gerechtigkeit, die Mussolini versprochen hatte. Mussolinis Außenpolitik war aggressiv und populistisch: 1936 wurde Abessinien annektiert und 1939 Albanien besetzt; 1936 begründeten Italien und Deutschland ein Freundschaftsbündnis, die Achse Berlin–Rom.
| 7. | Sowjetunion |
Im August 1939 schlossen die Sowjetunion und Deutschland den so genannten Hitler-Stalin-Pakt, einen Nichtangriffspakt, in dem sich beide Seiten auch auf die Aufteilung Osteuropas in Interessensphären einigten. Stalin hatte mittlerweile mit seinen vermeintlichen Widersachern radikal abgerechnet. Anhänger Trotzkijs sowie zahlreiche führende Persönlichkeiten aus der Partei und Veteranen der Oktoberrevolution wurden im Zuge der Tschistka in Schauprozessen abgeurteilt und hingerichtet. Millionen Menschen verschwanden in Straflagern (siehe GULAG). Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde fortgesetzt, und die Kulaken (selbständige Bauern) wurden liquidiert. Die Landwirtschaft war in Kolchosen und Sowchosen organisiert, hatte jedoch noch immer nicht das gewünschte Produktionsniveau erreicht. Die unzähligen Arbeitskräfte, die in Folge der Kollektivierung auf dem Land arbeitslos geworden waren, fanden in der Schwerindustrie Beschäftigung, die nach wie vor im Zentrum der Stalin’schen Wirtschaftspolitik stand. Die Bevölkerung der Städte nahm rapide zu und mit ihr die Wohnungsnot: Zwischen 1926 und 1939 zogen etwa 20 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Ab 1935 bestimmte die so genannte Stachanow-Bewegung weite Teile des Arbeitslebens: Durch sie sollte die Arbeitsproduktivität erhöht und die Arbeitskraft intensiver genutzt werden, u. a. auch durch Leistungszulagen oder Prämien (1935 wurden bereits 70 Prozent der Arbeitsstunden nach Akkord bezahlt).
Der Bereich Kunst und Kultur wurde in den folgenden Jahren vollkommen der staatlichen Ideologie unterworfen. Schriftsteller, bildende Künstler und Architekten hatten sich an der Doktrin des Sozialistischen Realismus zu orientieren. 1936 wurde die Oper Lady Macbeth von Mzensk von Dmitrij Schostakowitsch ideologisch kritisiert, die Parteizeitung Prawda denunzierte die Oper als „formalistische Pervertierung der Kunst”, „pathologischen Naturalismus und Erotizismus” und sprach von „vorsätzlichen Misstönen”.
| 8. | Vereinigte Staaten von Amerika |
Seit dem Börsenkrach im Herbst 1929 geriet die Wirtschaft der Vereinigten Staaten immer tiefer in eine bislang beispiellose Krise. 1933 war beinahe ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos, also circa 13 Millionen Menschen. Bis Anfang 1932 hatte es in den USA keine Arbeitslosenversicherung gegeben; wer seine Arbeit verlor, war auf die Hilfe seiner Familie oder auf Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen. Innerhalb von drei Jahren war die industrielle Produktion um mehr als 50 Prozent gesunken, der Zahlungsverkehr mit Europa kam beinahe zum Stillstand, und eine Welle von Konkursen überrollte das Land. Raubbau in den landwirtschaftlich geprägten Gegenden des Südwestens führte zu enormen Staubstürmen – daher die Bezeichnung Dust Bowl („Staubloch”) für diese Gebiete (siehe Desertifikation) –, die wiederum die Landwirtschaft vollends zum Erliegen brachte.
1932 gewann der Demokrat Franklin Delano Roosevelt die Präsidentschaftswahlen. Durch seine Politik des New Deal suchte er vor allem die Wirtschaft wieder anzukurbeln: Unter anderem wurde durch eine Abwertung des Dollar die Exportposition der USA verbessert, Banken und Industrie wurden staatlicher Aufsicht unterstellt, und durch eine Reihe von Regelungen wurden die sozialen Bedingungen vor allem der Arbeitslosen verbessert. Für die Landwirtschaft führte Roosevelt ein Subventionssystem ein. In Hinblick auf die Außenpolitik warnte Roosevelt 1937 davor, dass es angesichts der neu entstandenen Diktaturen unmöglich sei, sich neutral im Hintergrund zu halten. 1938 begannen die USA mit der Aufrüstung. 1939 bezeichnete Roosevelt Großbritannien als „Speerspitze gegen die Welteroberung” und wandelte die Neutralitätsgesetze zugunsten Großbritanniens um.
In New York wuchs die Skyline von Manhattan immer beeindruckender in den Himmel: 1930/31 wurden das Chrysler Building (77 Stockwerke) und das Empire State Building (102 Stockwerke) errichtet, und südlich vom Central Park befand sich eine Reihe weiterer Wolkenkratzer im Bau.
| 9. | Japan/China |
In Japan gewannen die rechten Nationalisten immer mehr an Einfluss, und Anschläge auf gemäßigte Politiker gehörten fast zum Alltag. Mit der Eroberung der Mandschurei 1931 festigte das japanische Militär seine Macht in der Innen- wie der Außenpolitik dauerhaft. 1936 schlossen Japan und Deutschland den Antikominternpakt. Ein Jahr später führten die Expansionsbestrebungen Japans zu einem weiteren Krieg mit China.
| 10. | Indochina |
Auch in Siam (siehe Thailand) und Indochina zeitigte die Weltwirtschaftskrise schwere Folgen. Vor allem die Landwirtschaft litt unter der Krise. In den von Frankreich besetzten Gebieten erstarkten die Unabhängigkeitsbewegungen und begannen sich immer nachdrücklicher zu artikulieren. Einige Unabhängigkeitsbewegungen richteten ihre Hoffnung auf Japan, von dem sie Hilfe bei der Befreiung vom Joch der Kolonialherren erhofften. 1930 gründete der Vietnamese Ho Chi Minh die Kommunistische Partei Indochinas.
| 11. | Britisch-Indien |
In Britisch-Indien kämpften der Nationalkongress von Jawaharlal Nehru und die Muslim-Liga für die völlige Unabhängigkeit ihres Landes. Der Government of India Act (1935), der für die Provinzen eine begrenzte Autonomie vorsah, reichte ihnen nicht aus. Mahatma Gandhi war der Führer des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Kolonialmacht.
| 12. | Naher und Mittlerer Osten |
Im Nahen Osten kontrollierten Frankreich und Großbritannien weiterhin die ihnen unterstellten Mandatsgebiete. Lediglich der Irak wurde 1932 ein unabhängiger Staat.
In Palästina befürchtete die arabische Bevölkerung, dass sie durch die Einwanderung von Tausenden von Juden und durch den Aufkauf von Land benachteiligt und verdrängt würde. 1936 entwickelten sich die latenten Konflikte zwischen beiden Bevölkerungsgruppen zu einem Bürgerkrieg. Großbritannien, das noch immer das Mandatsgebiet Palästina verwaltete, fand keine Lösung und konnte den Konflikt nicht verhindern.
1932 wurde auf der Arabischen Halbinsel das Königreich Saudi-Arabien gegründet. Als dort Erdöl entdeckt wurde, war das Interesse der westlichen Länder geweckt: 1933 vergab Saudi-Arabien Konzessionen an zwei amerikanische Ölkonzerne, und im selben Jahr schloss der Iran Verträge über die Ölförderung mit der Anglo-Iranian Oil Company.
| 13. | Afrika |
1936 wurde Abessinien ein Teil von Africa Orientale Italiana, der Kolonie Italienisch-Ostafrika. Der italienische König übernahm anstelle des geflohenen Haile Selassie die abessinische Kaiserwürde.
Im seit 1922 formal unabhängigen Königreich Ägypten hatte sich die ehemalige Mandatsmacht Großbritannien noch weit reichende militärische Rechte reserviert; erst 1936 erkannte Großbritannien Ägypten die volle Souveränität zu und beschränkte seine Militärpräsenz auf die Zone um den Suezkanal.
Das politisch autonome Liberia war wirtschaftlich in hohem Maß von den Vereinigten Staaten abhängig. In den britischen Kolonien strebte man eine Politik des indirect rule („indirekte Herrschaft”) und eine Dezentralisierung der Verwaltung an. Im Gegensatz dazu verfolgten die Kolonialmächte Frankreich, Portugal, Belgien und Italien eine Politik der Zentralisierung und Assimilierung in ihren Kolonien.
| 6. | 1939 bis 1945: Der 2. Weltkrieg |
Der 2. Weltkrieg begann ohne Kriegserklärung am 1. September 1939 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen. Die Sowjetunion – die sich kurz zuvor mit Deutschland im Hitler-Stalin-Pakt auf die Eliminierung des polnischen Staates und die Aufteilung Osteuropas geeinigt hatte – besetzte daraufhin den Osten Polens und die baltischen Staaten.
Am 3. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg, blieben jedoch vorerst weitgehend passiv, so dass Westeuropa bis zum Frühjahr 1940 noch von Kampfhandlungen frei blieb. Doch dann griff Deutschland an mehreren Fronten an: Am 9. April 1940 Norwegen und Dänemark, am 10. Mai die Niederlande, Belgien und Luxemburg und anschließend Frankreich. Am 10. Juni 1940 griff Italien auf der Seite Deutschlands in den Krieg ein, und am 22. Juni schloss das besiegte Frankreich in Compiègne mit Deutschland ein Waffenstillstandsabkommen. Damit kämpfte Deutschland an der Westfront nur noch gegen Großbritannien; der Luftkrieg gegen England schlug jedoch fehl. Im Juni 1941 fielen deutsche Truppen unter Bruch des Hitler-Stalin-Paktes in der Sowjetunion ein und rückten anfangs rasch vor.
Die Schlacht um Stalingrad (Winter 1942/43) markierte den Wendepunkt des Krieges. Durch den Überfall auf Pearl Harbor im Dezember 1941 provozierte Japan im Pazifikraum die USA zum direkten Eingreifen in den unterdessen zum Weltkrieg ausgeweiteten Krieg. Die westlichen Alliierten besiegten die Achsenmächte Italien und Deutschland zunächst in Nordafrika und stießen über Sizilien (Juli 1943) und die Normandie (Landung in der Normandie im Juni 1944) in Richtung Deutschland vor. Im Mai 1945 war der Krieg in Europa mit der deutschen Kapitulation beendet; Japan verweigerte die Kapitulation, bis die USA im August 1945 Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen. Bereits während des Krieges hatten sich die „großen Drei”, die Regierungschefs der USA, von Großbritannien und der Sowjetunion, mehrmals getroffen, um eine gemeinsame Strategie gegen das nationalsozialistische Deutschland zu entwickeln und um auch schon die jeweiligen Einflussbereiche für die Nachkriegszeit festzulegen.
| 1. | Deutschland |
Nach der Kapitulation im Mai 1945 wurde Deutschland von britischen, französischen, amerikanischen und sowjetischen Truppen besetzt und in Besatzungszonen aufgeteilt. Die meisten Städte lagen in Schutt und Asche, die Industrie, insbesondere die Schwerindustrie war weitgehend zerstört. Millionen Flüchtlinge kamen aus den ehemals deutschen Ostgebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie in den Westen. Durch die Gewaltverbrechen des nationalsozialistischen Regimes hatte Deutschland immense Schuld auf sich geladen. Der Terror, der im Namen des NS-Regimes in Deutschland und in den besetzten Gebieten ausgeübt worden war, hatte seinen Höhepunkt in der Vernichtung von Millionen von Menschen „nicht arischer Rassen”, allen voran Juden sowie Sinti und Roma, politischen Gegnern und Behinderten in Konzentrations- und Vernichtungslagern (Holocaust). Die deutsche Rüstungsindustrie war von Millionen von Zwangsarbeitern aufrechterhalten worden. Vor allem in Osteuropa war das Kriegsrecht systematisch verletzt worden.
| 2. | Sowjetunion |
Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 annektierte die Sowjetunion gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt Ostpolen; Ende November 1939 fielen sowjetische Truppen in Finnland ein und zwangen im Finnisch-Sowjetischen Winterkrieg Finnland zu territorialen Zugeständnissen. Im Mai 1940 besetzte die Sowjetunion die drei baltischen Staaten und gliederte sie wenig später als sozialistische Sowjetrepubliken in ihr Staatsgebiet ein. Am 22. Juni 1941 marschierten deutsche Truppen in der Sowjetunion ein. Stalin übernahm selbst das Volkskommissariat für Verteidigung und damit auch die Führung in diesem „Großen Vaterländischen Krieg”. Die deutschen Truppen stießen zunächst rasch vor, kamen dann aber vor Leningrad, Moskau und am Kaukasus zum Stehen; und nach ihrer Niederlage in der Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 wurden die deutschen Truppen immer rascher zurückgedrängt. Im Herbst 1944 war die Sowjetunion von deutschen Truppen befreit.
Während des 2. Weltkrieges kamen in der Sowjetunion schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Menschen ums Leben. 15 Großstädte, 1 700 Kleinstädte und 70 000 Dörfer waren ganz oder teilweise zerstört, sechs Millionen Gebäude beschädigt oder völlig zerstört. 25 Millionen Menschen waren obdachlos.
| 3. | Großbritannien |
Im Mai 1940 wurde in Großbritannien eine Allparteienregierung unter der Führung von Winston Churchill gebildet. Bis 1941 führte Großbritannien praktisch alleine Krieg gegen Deutschland, das seinerseits versuchte, den britischen Luftraum unter seine Kontrolle zu bringen. Ende 1940 ließ der Kampf, die so genannte Battle of Britain, allmählich nach. Im Frühjahr 1944 bereiteten die Alliierten in Südengland die „Operation Overlord”, die Landung in der Normandie, vor. Nach der Landung in der Normandie konnten die Alliierten die deutschen Truppen an der Westfront nach und nach zurückdrängen.
1945 verloren Churchill und die Konservativen die Wahl; die Regierung bildete nun die Labour Party unter Clement Attlee. Großbritannien war infolge des Krieges hoch verschuldet, und die Wirtschaft war durch die Inflation stark geschwächt.
| 4. | Frankreich |
Im Mai/Juni 1940 besetzten deutsche Truppen innerhalb kurzer Zeit große Teile Nordfrankreichs. Nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 bildete Marschall Pétain in Vichy, im bis Ende 1942 unbesetzten Teil Frankreichs, eine Regierung, die so genannte Vichy-Regierung, die mit den Deutschen kollaborierte. Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten im Sommer 1944 übernahm General Charles de Gaulle die Führung der Provisorischen Regierung in Frankreich; de Gaulle hatte 1941 in London die schließlich auch von den Alliierten anerkannte Exilregierung des „Freien Frankreich” gebildet und seither geführt.
| 5. | Belgien/Niederlande |
Belgien und die Niederlande, neutrale Staaten, wurden am 10. Mai 1940 ohne Kriegserklärung von den Deutschen überfallen. Belgien und der südliche Teil der Niederlande blieben bis 1944, der nördliche Teil bis zum 5. Mai 1945 besetzt. Die nach London geflüchteten Regierungen beider Länder schlossen im September 1944 mit Luxemburg zusammen die Benelux-Zollunion, die am 1. Januar 1948 in Kraft trat (siehe Benelux-Vertrag).
| 6. | Italien |
Die italienische Armee konnte sich nur mit Unterstützung der deutschen Truppen halten. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien wurde Mussolini im Juli 1943 auf Anordnung König Viktor Emanuels III. abgesetzt und inhaftiert. Wenige Monate später wurde Mussolini in einer spektakulären Aktion von deutschen Fallschirmjägern aus seiner Gefangenschaft auf dem Gran Sasso in den Abruzzen befreit. Im Oktober 1943 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Den Alliierten gelang es nur langsam, die deutschen Truppen in den Norden zurückzudrängen. Im April 1945 kapitulierten die Deutschen in Italien. Mussolini, der unmittelbar nach seiner Befreiung in Norditalien die vollkommen von Deutschland abhängige Republik von Salò gegründet hatte, wurde auf der Flucht in die Schweiz im April von Partisanen festgenommen und exekutiert.
| 7. | Jugoslawien |
Nach der Besetzung Jugoslawiens durch deutsche Truppen im April 1941 bildeten sich verschiedene Widerstandsbewegungen, deren stärkste Partisanengruppe die der Kommunisten unter der Führung von Josip Broz, genannt Tito, war. In Kroatien errichtete die faschistische Ustascha unter deutschem Schutz den „Unabhängigen Staat Kroatien”. Die Ustascha betrieb eine brutale Politik der „ethnischen Säuberung”, auf die Tito mit ähnlichen Mitteln reagierte. Im November 1943 errichtete der „Antifaschistische Rat zur Nationalen Befreiung Jugoslawiens” (AVNOJ) unter dem Vorsitz Titos eine provisorische Regierung, die von den Alliierten unterstützt wurde. Am 10. August 1945 wurde der AVNOJ in ein provisorisches Parlament umgewandelt, das mit Gesetzen zur Bodenreform die politische, wirtschaftliche und soziale Umstrukturierung des Landes einleitete.
| 8. | Vereinigte Staaten von Amerika |
Im März 1941 trat in den Vereinigten Staaten der Lend-Lease-Act in Kraft. Damit konnten die USA trotz ihrer erklärten Neutralität den Alliierten Waffen und Munition liefern. Die amerikanische Rüstungsindustrie steigerte ihre Produktion ungemein: Bis 1945 wurden 296 000 Flugzeuge, 64 000 Landungsfahrzeuge, 6 500 Kriegsschiffe und 86 000 Panzer hergestellt. Die amerikanischen Streitkräfte verfügten über 15 Millionen Soldaten. Unter der Verantwortung von J. Robert Oppenheimer wurde in Los Alamos die Atombombe entwickelt; am 6. und am 9. August 1945 wurden über Hiroshima und Nagasaki die ersten beiden Atombomben gezündet.
| 9. | Japan |
Nach dem Überfall auf den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor baute Japan innerhalb eines halben Jahres seine Position in Ost- und Südostasien sowie im Pazifik aus, erlitt dann aber erste Niederlagen im Korallenmeer und auf den Midway-Inseln. Ein Jahr später setzte die Offensive der Alliierten ein. Im Februar 1945 landeten die ersten amerikanischen Truppen auf Iwo Jima. Nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki und der Kriegserklärung durch die Sowjetunion unterzeichnete Japan am 2. September 1945 die bedingungslose Kapitulation. Damit war der 2. Weltkrieg auf allen Kriegsschauplätzen beendet.
| 10. | Südostasien |
Ganz Südostasien war vom Krieg betroffen. Indochina, Birma und Malakka wurden von Japan besetzt. Thailand stellte sich auf die Seite der Japaner. In Indochina gründete Ho Chi Minh 1941 die Widerstandsbewegung Vietminh; am 2. September 1945 rief er die Demokratische Republik Vietnam aus. In China war nach Kriegsende der „Burgfrieden” zwischen den Kommunisten unter Mao Tse-tung und der Kuomintang unter Chiang Kai-shek zerbrochen. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien unterstützten die Kuomintang.
| 11. | Britisch-Indien |
Während des 2. Weltkrieges hatte sich die Opposition in Indien gespalten: Nehru plädierte dafür, Großbritannien zu unterstützen, um die Unabhängigkeit zu erreichen; Subhas Chandra Bose wählte die Seite der Achsenmächte und bildete in Malaya eine von Japan unterstützte „Nationalregierung”; Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslim-Liga, befürwortete einen eigenen islamischen Staat; Gandhi verstärkte ab 1943 seinen gewaltlosen Kampf für die Unabhängigkeit des Indischen Subkontinents.
| 7. | Rückblick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts |
In seiner Autobiographie Die Welt von gestern, aus der schon in der Einleitung dieses Historioskops des 20. Jahrhunderts zitiert wurde, schrieb Stefan Zweig im Rückblick auf sein Leben, auf die Höhen und Tiefen dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „... was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum andern Ende (und sind noch immer nicht an der letzten Seite). Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den andern auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form an individueller Freiheit und danach ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert worden und geächtet, frei und unfrei, reich und arm gewesen. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind in mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Russland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüten unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich musste wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in die längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewussten und programmatischen Dogma der Antihumanität ... Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit sich im Technischen und Geistigen zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball innerhalb von Sekunden und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischsten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis vor unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.”
Das Ende des Weltkrieges erlebte Zweig nicht mehr. Er war 1940 in die USA emigriert, im folgenden Jahr weiter nach Brasilien gereist. Hier nahm er sich, resigniert, am 23. Februar 1942 das Leben.
| 8. | 1945 bis 1965 |
Nach dem 2. Weltkrieg erlangten die europäischen Kolonien in Asien und Afrika sukzessive ihre Unabhängigkeit (siehe Dekolonisation). Als neue Weltmächte hatten sich die Sowjetunion und die USA etabliert. Beide Mächte übten mehr oder weniger großen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluss auf verschiedene Staaten und grenzten so ihre jeweiligen Interessensphären ab. Es kam zur Blockbildung: Westeuropa wurde Partner der USA, die osteuropäischen Staaten bildeten unter sowjetischer Führung einen Block (siehe Ostblock). Der ideologische Gegensatz zwischen den USA und der Sowjetunion entwickelte sich zum so genannten Kalten Krieg, der wiederum einen enormen Rüstungswettlauf zur Folge hatte.
Nach 1945 entstanden verschiedene Allianzen: Im westlichen Block stellte die NATO das wichtigste Militärbündnis dar, ihr Gegenstück im Ostblock war der Warschauer Pakt. Als blockübergreifende Organisation wurden die Vereinten Nationen gegründet; ihr vorrangiges Ziel war die Sicherung des Friedens. Einige Westeuropäische Staaten forcierten auf der Basis der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit; die osteuropäischen Staaten hatten sich zum Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON) zusammengeschlossen. Die wichtigsten Erdöl produzierenden Länder (außer der Sowjetunion und den USA) vereinigten sich 1960 in der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), deren Machtposition kontinuierlich stärker wurde.
Nach dem 2. Weltkrieg waren vor allem die Entwicklung des Computers und der Beginn der Raumfahrtprojekte (siehe Weltraumforschung) Meilensteine des technischen Fortschritts. Vom technischen Fortschritt profitierten allerdings zuerst die Industrienationen; die Kluft zwischen Arm und Reich bzw. zwischen den Ländern der nördlichen Hemisphäre und der so genannten Dritten Welt wurde immer tiefer.
| 1. | Vereinigte Staaten von Amerika |
Die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten verzeichnete nach 1945 einen gewaltigen Aufschwung; das Wohlstandsniveau blieb weiterhin das weltweit höchste. Mit dem so genannten Marshallplan unterstützten die USA den wirtschaftlichen Aufbau des zum Teil zerstörten und Not leidenden Westeuropa und banden damit zugleich Westeuropa politisch in den westlichen Block ein. Innenpolitisch war das Klima in den USA in den fünfziger Jahren vor dem Hintergrund des Kalten Krieges vom McCarthyism geprägt, der nahezu hysterischen Verfolgung vermeintlicher Kommunisten und anderer „Subversiver” sowie Juden, die sich vor dem berüchtigten Senatsausschuss für unamerikanische Umtriebe verantworten mussten. 1962 stand die Welt infolge der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, wo Fidel Castro nach dem Sturz des Batista-Regimes 1959 ein sozialistisches System errichtet hatte, kurz vor einer atomaren Auseinandersetzung (siehe Kubakrise). Die USA errichteten eine Seeblockade um die Insel und forderten den Abzug der schon auf Kuba stationierten Raketen. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion veranlasste der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow den Abbau der Raketenbasen auf Kuba und den Abzug der sowjetischen Raketen.
| 2. | Lateinamerika |
Die meisten süd- und mittelamerikanischen Staaten waren in hohem Maß von den USA abhängig. Nach wie vor gab es in allen lateinamerikanischen Ländern gewaltige soziale und ökonomische Gegensätze, und der enorme Bevölkerungszuwachs erschwerte die Bekämpfung der sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Durch Bündnisse wie die Organisation amerikanischer Staaten (OAS) förderten die Staaten ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die meisten der lateinamerikanischen Staaten wurden von Militärdiktaturen beherrscht, in denen die Menschenrechte systematisch verletzt wurden. In Argentinien war 1946 der äußerst populäre Juan Domingo Perón an die Macht gekommen. Seine Regierung entwickelte sich aber zunehmend zu einer Diktatur, und 1955 wurde Perón durch einen Militärputsch gestürzt. Auf Kuba übernahm Fidel Castro 1959 nach mehrjährigem Guerillakampf die Macht und bildete eine sozialistische Regierung, die sich infolge des Handelsembargos und militärischer Interventionsversuche (siehe Invasion in der Schweinebucht, 1961) der USA wirtschaftlich und ideologisch immer enger an die Sowjetunion anlehnte.
| 3. | Sowjetunion |
In der Sowjetunion wurden nach 1945 alle Bereiche des politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens vom Stalinismus bestimmt. Nach Stalins Tod 1953 gewann Nikita Chruschtschow letztendlich den Kampf um die Macht in der KPdSU. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 rechnete Chruschtschow in einer Geheimrede mit den Herrschaftsmethoden und dem Personenkult Stalins ab und leitete die Entstalinisierung ein; in der Außenpolitik führte er den Begriff der friedlichen Koexistenz für das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und den westlichen, kapitalistischen Staaten ein. 1961, nach einer weiteren Abrechnung mit dem Stalinismus auf dem XXII. Parteitag der KPdSU, setzte eine zweite Welle der Entstalinisierung ein, die eine spürbare Verbesserung des politischen Klimas mit sich brachte. Die Einheit der kommunistischen Welt endete 1963 mit dem offenen Bruch mit China. Nach dem Sturz Chruschtschows 1964 übernahm Leonid Breschnew die Führung der Partei; mit ihm endete die Phase der Entstalinisierung. Eine fehlgerichtete Landwirtschaftspolitik behinderte das Wachstum der sowjetrussischen Wirtschaft auch weiterhin.
| 4. | Osteuropa |
In der letzten Phase des 2. Weltkrieges stand der größte Teil Osteuropas unter dem Einfluss der Sowjetunion. Nach 1945 wurden die meisten der osteuropäischen Staaten in so genannte Volksdemokratien umgewandelt, unter der Führung der jeweiligen kommunistischen Partei des Landes. Die nicht kommunistische Opposition wurde überall ausgeschaltet, Andersdenkende innerhalb der Partei wurden eliminiert. Im Zuge der Entstalinisierung, die auf den gesamten Ostblock übergriff, wurden einige der so Verfolgten rehabilitiert. Die Wirtschaft in diesen Volksdemokratien wurde nach sowjetischem Vorbild vom Staat gelenkt; auch hier wurde auf die Entwicklung der Schwerindustrie besonders großer Wert gelegt.
1956 kam es in Polen und Ungarn (siehe Ungarischer Volksaufstand) zu Aufständen. In Polen hatten diese Aufstände etwas mehr politische Freiheit zur Folge, in Ungarn schlugen sowjetische Truppen den Aufstand nieder. Der Prager Frühling, der wirtschaftliche Reformen und eine Liberalisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens in der Tschechoslowakei einleitete, wurde 1968 von Truppen des Warschauer Paktes niedergeschlagen. Jugoslawien dagegen konnte sich unter Präsident Tito aus der Abhängigkeit von der Sowjetunion lösen. Albanien hielt auch nach Stalins Tod strikt am Stalinismus fest und richtete sich nach China aus.
| 5. | Deutschland |
Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 wurde das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt, aus denen 1949 zwei Staaten hervorgingen: die Bundesrepublik Deutschland auf dem Boden der drei westlichen Zonen, die Deutsche Demokratische Republik auf dem Boden der Sowjetischen Besatzungszone. Berlin wurde ebenfalls geteilt, bekam einen Sonderstatus und bildete im Kalten Krieg einen Mittelpunkt der Konflikte zwischen Ost und West. 1948/49 verhängte die Sowjetunion die Berliner Blockade und schnitt damit den Westen Berlins (auf dem Landweg) von der Außenwelt ab. Die Berliner Mauer, die 1961 errichtet wurde, trennte Berlin in zwei Teile. Die westdeutsche Wirtschaft erholte sich nach dem Krieg in einem Tempo, das vorher niemand für möglich gehalten hätte. Durch das so genannte Wirtschaftswunder wurde die Bundesrepublik zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt.
| 6. | Großbritannien |
Die Labour-Regierung, seit 1945 an der Macht, verstaatlichte in Großbritannien wichtige Bereiche der Wirtschaft, wie z. B. die Bank von England, die Kohlenbergwerke, die Eisen- und Stahlindustrie und das Transportwesen, und reformierte das Sozialsystem. 1951 übernahmen wieder die Konservativen die Regierung und machten einige dieser Verstaatlichungen wieder rückgängig; die Sozialreformen blieben jedoch unberührt. 1964 kam die Labour Party unter Harold Wilson wieder an die Regierung. Der relative Wohlstand der fünfziger Jahre ging infolge der wirtschaftlichen Stagnation nach 1960 spürbar zurück. Seine Kolonien hatte Großbritannien nahezu alle in die Unabhängigkeit entlassen. Im Commonwealth of Nations entstand eine bereitwillige Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten. 1949 trat Irland aus dem Commonwealth aus und erklärte sich formell zur Republik. In Nordirland, einem Teil des Vereinigten Königreichs, kam es seit Ende der sechziger Jahre zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Katholiken und Protestanten. Radikale Vertreter der Katholiken forderten einen Anschluss Nordirlands an die Republik Irland (siehe Nordirland-Konflikt).
| 7. | Frankreich |
In Frankreich trat 1946 de Gaulle als Staats- und Ministerpräsident zurück, behauptete allerdings weiterhin eine politisch einflussreiche Position. Die meisten französischen Kolonien wurden in den fünfziger Jahren in die Unabhängigkeit entlassen; die Entkolonisierungspolitik war in Frankreich allerdings innenpolitisch heftig umstritten. Der Algerienkrieg, der 1954 um die Unabhängigkeit in Algerien ausgebrochen war und der Frankreich in eine schwere innenpolitische Krise stürzte, konnte erst 1962 durch die Entlassung Algeriens in die Unabhängigkeit beendet werden. Treibende Kraft hinter dieser Lösung des Algerien-Problems war de Gaulle, der Ende 1958 vor dem Hintergrund der Algerienkrise erneut zum Staatspräsidenten gewählt worden war. In den sechziger Jahren baute Frankreich eine eigene Atomstreitmacht auf, die Force de frappe.
| 8. | Portugal |
Portugal, das im 2. Weltkrieg neutral geblieben war, hatte sich bis zu Salazars Rückzug aus der Politik 1968 wirtschaftlich stabilisiert. Salazars Politik wurde von seinem Nachfolger Marcello Caetano weitergeführt. Nach der Annexion Goas durch Indien 1961 kam es auch in anderen portugiesischen Kolonien zu Unabhängigkeitsbestrebungen.
| 9. | Spanien |
Ebenso wie Portugal war auch Spanien im 2. Weltkrieg neutral geblieben. In den Nachkriegsjahren geriet das Land aber in eine politische und wirtschaftliche Isolation, die sich erst nach 1953 allmählich zu lockern begann. Die meisten spanischen Kolonien wurden in den fünfziger und sechziger Jahren unabhängig. 1969 bestimmte Franco Prinz Juan Carlos aus dem Hause Bourbon zum zukünftigen König Spaniens. In den sechziger Jahren verstärkte sich die Opposition gegen das autoritäre Franco-Regime.
| 10. | Griechenland |
Griechenland hatte im 2. Weltkrieg heftigen Widerstand gegen die italienischen, deutschen und bulgarischen Besatzer geleistet; die größte Widerstandsorganisation war kommunistisch geführt worden. Nach dem Abzug der Besatzungstruppen entbrannte in Griechenland ein Bürgerkrieg zwischen der kommunistischen Widerstandsbewegung und den antikommunistischen Kräften; Letztere konnten sich schließlich dank US-amerikanischer Unterstützung durchsetzen. 1952 wurde Griechenland in die NATO aufgenommen. Unter Ministerpräsident Konstantin Karamanlis (1955-1963) erlebte Griechenland einen Wirtschaftsaufschwung, der u. a. durch die politische und wirtschaftliche Anbindung Griechenlands an den Westen gefördert wurde. Karamanlis’ Nachfolger Georgios Papandreou leitete zudem eine innenpolitische Liberalisierung ein, die allerdings mit seiner Entlassung durch König Konstantin II. schon 1965 wieder zu Ende war. 1967 putschte die Armee; die so genannten Obristen unter Georgios Papadopulos übernahmen die Macht und errichteten ein diktatorisches Regime.
| 11. | Türkei |
Die Türkei trat 1952 der NATO bei und schloss 1955 den Bagdadpakt mit dem Irak. 1963 kam es zwischen der griechischen und der türkischen Bevölkerung auf Zypern zu einem Bürgerkrieg; erst wenige Jahre zuvor hatte Zypern seine Unabhängigkeit erlangt. Die Demokratie in der Türkei war instabil. 1960 putschte das Militär, 1961 konnte aber schon wieder eine Zivilregierung gebildet werden. Das Militär behauptete aber weiterhin seine einflussreiche Position.
| 12. | Naher und Mittlerer Osten |
Alle Länder im Nahen und Mittleren Osten waren oder wurden nach 1945 unabhängig, und die meisten traten der Arabischen Liga bei. Die innenpolitische Situation dieser Staaten war aber größtenteils instabil. Die Nachfrage nach Öl wuchs ständig und mit ihr der Gewinn der Öl produzierenden Staaten. Sowohl die USA wie auch die Sowjetunion suchten ihre jeweiligen Einflusssphären im Nahen und Mittleren Osten so weit wie möglich auszuweiten. 1956 kam es zur Suezkrise zwischen Ägypten einerseits und Israel, Frankreich und Großbritannien andererseits, die durch die Verstaatlichung der Suezkanalgesellschaft unter dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abd el-Nasser ausgelöst worden war.