| Millennium: 20. Jahrhundert | Artikelansicht | ||||
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| 2. | 1900 bis 1914 |
„Jedesmal, wenn ich im Gespräch mit jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wie viel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen jedoch Recht: Zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepresst haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichmäßigem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welt der Zeit von der Wiege bis ins Grab. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür.”
Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) stellte diese Sätze seinen Memoiren Die Welt von gestern (1942) voran. Seine Beschreibung trifft die Wirklichkeit jedoch nicht ganz, denn schon vor 1914 hatten Ereignisse, die für die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend waren, Einfluss auf das Leben auch der „kleinen” Leute. Dennoch ist es gerechtfertigt, die Zeit vor dem 1. Weltkrieg als die letzte Epoche zu betrachten, in der die Menschen noch nicht direkt mit den Folgen von Ereignissen konfrontiert wurden, die irgendwo anders auf der Welt stattfanden. Die Staaten verfolgten ihre eigenen Interessen und betrieben eine nationalistische und protektionistische Handelspolitik, und die Großmächte setzten die Aufteilung der Welt in Einflussbereiche unvermindert fort. Dieser Imperialismus verlief parallel zur Ausgestaltung des Kapitalismus, der nun in vielen Ländern zum bestimmenden Wirtschaftssystem wurde. Wissenschaft und Technik brachten Entdeckungen und Entwicklungen hervor, die der Industrie die Grundlagen zur Expansion bereitstellten; Betriebe bildeten riesige Trusts oder schlossen sich zu Kartellen zusammen. Unter den Bedingungen des Monopolkapitalismus organisierten sich die Arbeiter in Vereinigungen, durch die sie ihre Lebensbedingungen zu verbessern oder fundamentale Veränderungen in den staatlichen Systemen zu erreichen suchten. Die internationalen Beziehungen waren von den Gegensätzen zwischen den Großmächten gekennzeichnet, vom Rüstungswettlauf und von den Rivalitäten und dem Misstrauen zwischen den Großmächten, die in den verschiedenen Konfliktherden ihre jeweils eigenen Interessen verfolgten, beispielsweise auf dem Balkan mit seinen zahlreichen nationalen Gegensätzen. Außerhalb von Europa konnte sich neben den USA allenfalls Japan zu den Großmächten zählen.
In den Naturwissenschaften wurden revolutionäre Entdeckungen gemacht: Der deutsche Physiker Max Planck entwickelte 1900 seine Quantentheorie, 1905 veröffentlichte der junge Albert Einstein einen Artikel, in dem er u. a. die Grundlagen für seine Relativitätstheorie erläuterte, der Däne Niels Bohr stellte neue Theorien über den Atomaufbau auf. Die Untersuchungen über Radioaktivität wurden von Antoine Henri Becquerel seit seiner Entdeckung radioaktiver Strahlung 1895 erfolgreich weitergeführt. In der Biologie wurde die Vererbungslehre weiterentwickelt, und die Medizin gewann immer häufiger den Kampf gegen Krankheiten. Expeditionen stießen in bislang unbekannte Gebiete vor; vor allem die Antarktis wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv erforscht.
| 1. | Großbritannien |
1901 starb Königin Viktoria, die mehr als 60 Jahre lang über Großbritannien geherrscht hatte. Doch mit ihrem Tod war das konservative, prüde Viktorianische Zeitalter noch lange nicht zu Ende, und das selbstzufriedene Bürgertum gab weiterhin den Ton an. Dennoch waren in der Gesellschaft Strömungen spürbar, die ein unbesorgtes Fortbestehen der alten gesellschaftlichen Verhältnisse gefährdeten. Im industrialisierten Großbritannien standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in abhängigen Arbeitsverhältnissen unterschiedlichster Form. Unter diesen Arbeitern fanden die Gewerkschaften zahllose Mitglieder. Unter dem Druck der Arbeiterbewegung, aus deren Reihen sich 1906 die Labour Party formierte, verabschiedeten liberale Regierungen nahezu revolutionäre Gesetze: Es wurden Sozialversicherungen eingerichtet, Mindestlöhne festgelegt und die Einkommen- und Erbschaftsteuer progressiv gestaltet. Mit diesen Errungenschaften konnte und wollte sich die Arbeiterbewegung jedoch aufgrund der in den vorausgegangenen Jahren gesunkenen Löhne nicht zufriedengeben, und 1911/12 streikten die Eisenbahner und Minenarbeiter.
Den Unabhängigkeitsbestrebungen der Iren suchte die britische Regierung mit einer dritten Home Rule Bill zu begegnen, doch die Mehrheit der überwiegend protestantischen Bevölkerung der nordirischen Provinz Ulster lehnte die Home Rule Bill ab. Das britische Empire wuchs weiter – an Umfang und an Macht und Bedeutung.
Im Welthandel spielte Großbritannien eine dominierende Rolle. So lagen z. B. 1914 rund 42 Prozent des gesamten Seehandelsvolumens in den Händen britischer Kaufleute. London wurde zum Zentrum der internationalen Finanzwelt. Im Gegensatz zu anderen Ländern verteilte sich der Export Großbritanniens gleichmäßig: 34 Prozent der Waren wurden nach Europa, 37 Prozent in das britische Empire und 29 Prozent in andere außereuropäische Länder exportiert. Was den Kapitalexport anbetraf, so lag Großbritannien weltweit klar an der Spitze.
| 2. | Frankreich |
Die Dreyfus-Affäre von 1894 wirkte auch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts noch nachhaltig auf die französische Innenpolitik. Die linken Republikaner, die Dreyfus unterstützten, gewannen auf Kosten der rechten Parteien hinzu und stellten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die Regierung. Ihr wichtigstes Reformvorhaben war die vollständige Trennung von Kirche und Staat, die 1905 endgültig vollzogen wurde. 1906 wurde Dreyfus rehabilitiert. Anders als in den anderen westeuropäischen Ländern fand in Frankreich der Syndikalismus unter den Arbeitern eine große Anhängerschaft. Im Unterschied zu den traditionellen Gewerkschaften suchten die Syndikalisten durch Streiks und andere Aktionen mehr zu erreichen als lediglich Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, nämlich eine Gesellschaft ohne staatliche Hierarchie. 1911/12 versetzten Anarchisten mit mehreren Anschlägen ganz Paris in Panik; 1913 wurden einige Mitglieder der für diese Attentate verantwortlichen Gruppierung zum Tod verurteilt.
Kunst und Literatur florierten – wie schon in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Im Straßenbild von Paris fallen auch heute noch die im Jugendstil gestalteten Eingänge zur Metro auf. Einer der bedeutendsten Vertreter und zugleich Vorreiter des Jugendstils, der Glaskünstler Émile Gallé, starb 1904. Anfang des 20. Jahrhunderts versammelten sich bildende Künstler der verschiedensten Richtungen in der französischen Hauptstadt: Fauvisten, wie Henri Matisse und Raoul Dufy, ältere Impressionisten, wie Camille Pissaro, und Kubisten. Auf die Kubisten, zu denen u. a. Pablo Picasso und Georges Braque gehörten, hatte das Spätwerk des 1906 verstorbenen Paul Cézanne großen Einfluss.
Auch in der Literatur brachten die ersten 14 Jahre des 20. Jahrhunderts viele große Namen und Werke hervor: L’Immoraliste (1902; Der Immoralist) von André Gide, Joris-Karl Huysmans’ Beschreibung seiner Rückkehr zum Katholizismus, L’oblat (1903), und Du côté de chez Swann (1913; In Swanns Welt) von Marcel Proust, der erste Teil von A la recherche du temps perdu (1913-27; Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Die Hauptvertreter der impressionistischen Musik in Frankreich waren Claude Debussy und Maurice Ravel. Die Premiere des Balletts Le sacre du printemps (1913) – von Igor Strawinsky für das Ballets Russes von Sergej Diaghilew komponiert – provozierte einen der größten Pariser Kulturskandale.
| 3. | Deutschland |
Die deutsche Wirtschaft erlebte in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts einen einmaligen Aufschwung, und in der Außenpolitik verfolgte das Deutsche Kaiserreich einen ausgesprochen imperialistischen Kurs. Das Reich unter Kaiser Wilhelm II. war jedoch politisch weitgehend isoliert und konnte nur noch von Österreich Unterstützung erwarten. Die politisch dominierenden Kräfte im Reich waren nach wie vor der Adel, allen voran das konservative preußische Junkertum, das Militär sowie die Großindustriellen; die sozialdemokratische Bewegung nahm aber stetig an Umfang und Bedeutung zu: Bei den Wahlen 1912 wurde die SPD mit 34,8 Prozent die stärkste Fraktion im Reichstag.
1913 zählte das deutsche Heer 780 000 Mann, und die Kriegsflotte war ebenfalls zu einem beeindruckenden Umfang hochgerüstet worden. Die deutsche Handelsmarine befuhr alle Weltmeere. Die deutsche Kohle- und Stahlindustrie nahm in Europa die Spitzenstellung ein. Die Erzförderung in Lothringen und die Industrie des Ruhrgebiets bildeten die Grundlage für die deutsche Wirtschaft. Es entstanden zahlreiche Kartelle; eines dieser Kartelle kontrollierte im Rheinland und in Westfalen allein 170 Minen.
In der Kunst entwickelte sich mit dem Expressionismus eine neue Richtung. Es formierten sich Künstlergruppen wie Die Brücke und Der blaue Reiter, und in der Literatur war die wichtigste Zeitschrift des Expressionismus Der Sturm, in der Beiträge von Autoren wie Alfred Döblin, Richard Dehmel und dem Schweden August Strindberg veröffentlicht wurden. 1901 erschien Thomas Manns Roman Buddenbrooks, in dem schon ein Vorgefühl von der Endlichkeit des bestehenden bürgerlichen Zeitalters spürbar wurde. Der Soziologe Max Weber, der 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie mitbegründete, stellte in seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1905) die These auf, dass calvinistische Lebensweise und moderner Kapitalismus ursächlich zusammenhingen.
| 4. | Österreich-Ungarn |
Die politische Situation in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie war in Folge der scharfen Gegensätze zwischen verschiedenen Nationalitäten äußerst instabil. Von der dominierenden Machtposition, die die Habsburger einst innehatten, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch wenig übrig; der Vielvölkerstaat konnte nur mehr mit Mühe zusammengehalten werden.
Das Gefühl der Endzeit, des Untergangs einer Epoche ergriff zahlreiche Künstler. In der Musik kam es zu interessanten Entwicklungen: Zwar hielt das Publikum an seiner Vorliebe für Operetten fest, die nach wie vor nach der alten Wiener Tradition komponiert wurden, oder genoss die Aufführungen der Hofoper, die seit dem Abschied von Gustav Mahler 1907 deutlich an Qualität verloren hatten. Aber fern der großen Bühnen entstand eine Zweite Wiener Schule, die sich durch ihre Loslösung von der traditionellen Tonalität auszeichnete. Der Begründer und zugleich einer der herausragendsten Vertreter dieser Schule, Arnold Schönberg, gelangte nach der Uraufführung seines Werkes Pierrot Lunaire 1912 zu Weltruhm. Andere Komponisten, die revolutionäre Neuerungen in die Musik einführten – Joseph Matthias Hauer und Schönbergs Schüler Alban Berg und Anton Webern – blieben zunächst noch relativ unbekannt.
Die deutschsprachige Literatur der Donaumonarchie erlebte eine neue Blütezeit; Prag, wo der Dichter Rainer Maria Rilke und die jungen Autoren Franz Werfel und der erst nach seinem Tod berühmt gewordene Franz Kafka wirkten, entwickelte sich zu einem literarischen Zentrum. Das Interesse an der Arbeit des Wiener Psychiaters Sigmund Freud nahm immer mehr zu, und nach der Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1910 fanden Freuds Theorien in der ganzen Welt Verbreitung.
| 5. | Skandinavien |
In Skandinavien wurde 1905 die Personalunion zwischen Schweden und Norwegen aufgelöst; die Staaten erkannten das neue norwegische Königreich an. In Finnland, seit 1809 unter russischer Herrschaft, setzte Russland seine Russifizierungspolitik mit wechselnder Intensität fort; die 1899 aufgehobene Autonomie musste Russland den Finnen jedoch 1905 wieder zugestehen.
Die Literatur der skandinavischen Länder verlor in den ersten 14 Jahren des 20. Jahrhunderts viele ihrer bedeutendsten Vertreter. 1906 starb der Norweger Henrik Ibsen, dessen Werke – insbesondere das Drama Gengangere (1881; Gespenster) – nachhaltig auf die europäische Dramenliteratur wirkte. 1912 starb der schwedische Autor August Strindberg, der während seiner letzten Lebensjahre En Blå Bok (1907-1912; Ein Blaubuch) veröffentlicht hatte. Ein Blaubuch zeugt von dem großen Einfluss des mystischen Denkers Emanuel von Swedenborg (1688-1772) auf Strindberg. Seit 1901 wird in Schweden der Nobelpreis für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaften, der Literatur und der Erhaltung des Friedens vergeben. Der Fonds, aus dem die Preisgelder finanziert werden, wurde von dem schwedischen Industriellen Alfred Nobel gestiftet.
| 6. | Russland |
Der russische Imperialismus stieß in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auf den Widerstand der anderen Großmächte: Die Expansion im Osten Asiens wurde von der Niederlage gegen Japan im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) gestoppt, und im Westen schlugen die russischen Versuche, Vorteile aus den Balkankriegen von 1912/13 zu ziehen, fehl. Im autokratisch beherrschten Russland selbst verstärkten sich die revolutionären Tendenzen: 1905 brachen im ganzen Land Aufstände aus (siehe 1. Russische Revolution), nachdem Zar Nikolaus II. eine friedliche Demonstration vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg mit Militärgewalt blutig hatte niederschlagen lassen (siehe Blutsonntag). Linke Oppositionelle im Ausland – die Sozialdemokratische Arbeiterpartei hatte sich 1903 in die radikalen Bolschewiki und die gemäßigten Menschewiki gespalten – wurden von den Ereignissen völlig überrascht und blieben der Revolution weitgehend fern; die Arbeiterräte (Sowjets), die nun in großer Zahl entstanden, bildeten sich meist ohne Zutun der linken Revolutionäre. Um die Situation zu beruhigen, sagte der Zar die Einrichtung einer Duma zu, eines Parlaments, das dem autokratischen Regiment die Spitze nehmen, jedoch keineswegs eine tief greifende Reform des Herrschaftssystems bedeuten sollte. Die ohnehin beschränkten Befugnisse der Duma wurden jedoch bald weitgehend untergraben, da Ministerpräsident Pjotr Stolypin (1906-1911) die Duma zu einer Marionette seiner Regierung degradierte. Nach Ansicht des Zaren verfügte jedoch auch die schon praktisch machtlose Duma noch über zu viel Einfluss.
Die Agrarreformen der Regierung Stolypin (u. a. Auflösung des Mir-Systems, Flurbereinigung) zielten darauf ab, die Unterstützung des relativ wohlhabenden Bauernstandes, der durch die Reformen geschaffen werden sollte, zu gewinnen. Das Wirtschaftssystem im industriell noch vergleichsweise rückständigen Russland begann allmählich westlich-kapitalistische Züge anzunehmen.
Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts verlor zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre letzten großen Vertreter: 1904 starb Anton Tschechow, sechs Jahre später Lew Tolstoj, der Autor von Krieg und Frieden. Die russische Musik blieb unverändert vital: Nach einer Periode, in der das „Mächtige Häuflein” (u. a. Mussorgskij und Rimskij-Korsakow) bestimmend war, zeigte nun ein Schüler von Rimskij-Korsakow, Igor Strawinsky, wieder den Drang zur Erneuerung. Der außergewöhnlichste Komponist dieser Zeit war Alexander Skrjabin, in dessen sinfonischer Dichtung Prométhée Farben eine bedeutende Rolle spielen.
| 7. | Balkan/Türkei |
Auf dem Balkan, wo schon seit Jahrzehnten die Konflikte zwischen den verschiedenen Völkern auf eine Lösung warteten, blieb die Situation nach den Balkankriegen von 1912/13 weiterhin sehr explosiv. Das Engagement der europäischen Großmächte in den bestehenden Konflikten gefährdete den Frieden in Europa in hohem Maß.
Das Osmanische Reich musste auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitere Gebietsverluste hinnehmen: Bis auf einen schmalen Landstreifen zwischen Bosporus und Dardanellen musste das Osmanische Reich nach den Balkankriegen seine letzten Besitzungen auf dem europäischen Festland abtreten; kurz zuvor hatte das Osmanische Reich im Italienisch-Türkischen Krieg Tripolis und die Inselgruppe Dodekanes an Italien verloren. Im Inneren wurden die Jungtürken zur dominierenden Kraft. Die Jungtürken hatten sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als Oppositionsgruppe gegen die Herrschaft des Sultans formiert und setzten sich vor allem aus Offizieren, Beamten und Intellektuellen zusammen. 1908 erhoben sich die osmanischen Truppen in Saloniki, und im darauf folgenden Jahr stürzten die Jungtürken Sultan Abd ül-Hamid II. und übernahmen die Macht. Das Deutsche Reich nahm nun mehr und mehr Einfluss auf das Osmanische Reich: Deutsche Militärberater wirkten an der Modernisierung der türkischen Armee mit, und die Deutsche Bank erhielt die Konzession für den Bau der Bagdadbahn, die den Persischen Golf mit Europa verbinden sollte (und vornehmlich militärischen Zwecken dienen sollte). Die Bauarbeiten gingen trotz zahlloser Rückschläge stetig voran, und 1913 war bereits eine Strecke von 600 Kilometern in Betrieb.
| 8. | Vereinigte Staaten von Amerika |
1912 kam es innerhalb der Republikanischen Partei zu einer Spaltung, als Theodore Roosevelt, von 1901 bis 1909 Präsident der Vereinigten Staaten, als Führer des progressiven Flügels der Partei die Progressive Party ins Leben rief. Diese neue Partei entsprach mit ihrem Programm dem sich immer stärker artikulierenden Wunsch nach Reformen. Die Regierung reagierte nur sehr zögerlich auf das enorme Wirtschaftswachstum in den USA und die gleichzeitige Konzentration von Kapital und Produktionsmitteln in den Händen nur weniger Personen. Die Einkommensunterschiede waren enorm: 1900 verdiente der Stahlmogul Andrew Carnegie 23 Millionen US-Dollar (für die er keine Einkommensteuer zahlen musste), ein durchschnittlicher Arbeiter hingegen verdiente nur etwa 500 US-Dollar. Die Bildung von Monopolen nahm erschreckende Ausmaße an; ein einziger Industriegigant wie die United States Steel Corporation bestimmte alleine die Stahlpreise. Die New-Freedom-Politik von Woodrow Wilson, Präsident von 1913 bis 1921, konzentrierte sich auf Anti-Trust-Maßnahmen: Der Konkurrenzkampf sollte wieder zum Motor der Wirtschaft werden, und die (niedrigen) Einkommensteuern wurden progressiv gestaltet. Über das Federal Reserve System suchte Wilson die staatliche Kontrolle über die Banken, die durch ihr Geldmonopol das Wirtschaftsleben beherrschten, zu verstärken.
Die Kommunikationsmittel, eine der Voraussetzungen für eine florierende Wirtschaft, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts erheblich weiterentwickelt. Um 1900 gab es circa 600 000 Telefone in den USA, 14 Jahre später waren es schon fast sechs Millionen. Das Radio fand zunehmende Verbreitung, und bereits seit 1866 existierte eine stehende Telegraphenleitung nach Großbritannien. Auf dem Gebiet des Transportwesens war eine Revolution im Gang, das einmillionste Auto war schon vor Jahren produziert worden. Die wichtigsten Fabrikanten waren Ford und die General Motors Company, zu der seit 1908 die Firmen Buick, Oldsmobile, Oakland und Cadillac gehörten. Seit 1913 liefen in der Fordfabrik in Detroit die ersten Fließbänder, die eine effizientere Montage ermöglichten: Der Zusammenbau des Verkaufsschlagers, des T-Modells, dauerte nun nur noch anderthalb Stunden, während man früher 12,5 Stunden dafür benötigt hatte. Seit den ersten Motorflügen der Brüder Orville und Wilburn Wright 1903 kam auch die Luftfahrtindustrie langsam in Schwung, doch sie verzeichnete noch keinen so sensationellen Absatz wie die Automobilindustrie. Auch die Filmindustrie entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem wichtigen Wirtschaftszweig, und schon bald beherrschten amerikanische Filme den Weltmarkt. Die beliebtesten Genres waren Western und Slapstick-Komödien.
| 9. | Australien |
Am 1. Januar 1901 schlossen sich die meisten der inzwischen nahezu vollständig autonomen australischen Kolonien zum Australischen Bund (siehe Australien) zusammen. Die ersten Regierungen des Bundes wurden von der Labor Party gebildet. Neuseeland wurde 1907 zum Dominion im Commonwealth.
| 10. | Japan |
Japan, das sich seit 1868 zunehmend am Westen orientierte, stieg zu einer wichtigen Großmacht auf. 1902 entstand ein britisch-japanisches Bündnis. Außerdem besiegte Japan Russland im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05): Japan erhielt u. a. den Süden von Sachalin und brachte Korea und die Mandschurei unter seinen Einfluss. Dieser Sieg wirkte erheblich auf das Selbstbewusstsein der asiatischen Völker, und überall in Asien erstarkten in der Folgezeit nationalistische Bewegungen.
| 11. | China |
1912 trat der letzte chinesische Kaiser, Pu Yi (P’u-i), infolge der Revolution von 1911 zurück. China wurde Republik; ihr erster Präsident war Yuan Shikai, der 1916 vom Führer der Revolution, Sun Yatsen, entmachtet wurde. Sun Yatsen selbst wie auch seine Partei, die Kuomintang (Nationale Volkspartei) war von Yuan Shikai bekämpft worden.
| 12. | Indien |
1914 hatte die britische Kronkolonie Indien 315 Millionen Einwohner. In der Innenpolitik genoss Indien ein hohes Maß an Selbständigkeit, und die zahlreichen Fürsten und Maharadschas verfügten noch über umfangreiche Machtbefugnisse. Der Handel Indiens weitete sich aus: Jute, Baumwolle, Tee und Indigo wurden in riesigen Mengen exportiert und britische Industrieprodukte in großem Umfang importiert. Die indische Elite, obwohl westlich erzogen, förderte jedoch die Entstehung von nationalistischen Bewegungen. 1906 wurde die Muslim-Liga gegründet, etwa gleichzeitig ließ der Indische Nationalkongress seinen Ruf nach Selbstverwaltung für Indien lauter werden, und auch unter anderen Völkern und Glaubensgruppen in Indien kamen mehr und mehr separatistische Tendenzen auf.
| 13. | Afrika |
In Afrika waren 1914 nur noch Abessinien und Libyen unabhängige Staaten. Marokko war 1911 – nach dem deutsch-französischen Interessenkonflikt in den Marokkokrisen – französisches Protektorat geworden. Die britischen, französischen, portugiesischen, italienischen, spanischen, deutschen und belgischen Kolonien in Afrika waren in der Regel nur locker organisiert. Die Kolonialmächte überließen einen Großteil der Verwaltung den Afrikanern und widmeten sich selbst vor allem dem Ausbau der Verkehrswege, um militärische Operationen zügig durchführen zu können. In weiten Teilen Afrikas beschränkten sich die Europäer auf die wirtschaftliche Erschließung, d. h. den Handel, die Ausbeutung der Bodenschätze und den Landerwerb. Der Kongo-Freistaat, den König Leopold II. von Belgien seit der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 als seinen persönlichen Besitz betrachtete, wurde 1908 dem belgischen Staat unterstellt, nachdem die brutale Ausbeutung von Land und Menschen infolge des persönlichen Regiments Leopolds II. im Kongo-Freistaat selbst sowie international heftige Proteste hervorgerufen hatte. In Südafrika endete 1902 der Burenkrieg mit dem Verlust der Unabhängigkeit für die Burenrepubliken Transvaal und Oranje-Freistaat. 1910 schlossen sich die vier britischen Kronkolonien in Südafrika zur Südafrikanischen Union zusammen.