Suchansicht Millennium: Geographie

Wenn Sie nach einem bestimmten Wort, Namen bzw. Thema in diesem Artikel suchen möchten, wählen Sie in Ihrem Browser die entsprechende Option für Suche innerhalb der Seite. Im Internet Explorer finden Sie diese Option im Menü Bearbeiten.

Bei der Suche wird genau das Wort bzw. die Phrase berücksichtigt, das (die) Sie eingegeben haben. Sollte die Suche keine Ergebnisse zeitigen, versuchen Sie, nach einem Schlüsselwort in Ihrem Thema zu suchen bzw. die Schreibung des betreffenden Wortes oder Namens zu überprüfen.

Millennium: Geographie
1. Einleitung

In einem weit gefassten Verständnis von Geographie lassen sich die ersten Ansätze geographischen Denkens und Arbeitens bis in die frühesten Hochkulturen zurückverfolgen. In diesem Sinne ist die Geographie so alt wie die Menschheit.

Der hier vorliegende Beitrag will in einem kursorischen Abriss den Bogen geographischer Leistungen von diesen Anfängen bis in die Gegenwart spannen. Um keinerlei Vorwissen voraussetzen zu müssen, ist die Darstellung chronologisch aufgebaut.

Geographie heißt in wörtlicher Übersetzung „Erdbeschreibung” und „Zeichnung der Erde”. Wer diesen Begriff geschaffen hat, ist nicht bekannt. Er findet sich erstmals in einer pseudo-aristotelischen Schrift.

Die lange geographische Entwicklungsgeschichte zerfällt in zwei sehr ungleiche Teile:

Zunächst bestand die Hauptaufgabe der Geographie darin, die Welt zu erkunden, sie aufzunehmen und die gesammelten Informationen für andere „sichtbar”, verständlich und nutzbar zu machen. Diese sehr praktisch ausgerichtete Erdbeschreibung und -darstellung wurde bis in das 19. Jahrhundert betrieben.

Mit dem Übergang von der so genannten deskriptiven Erdkunde zur Geographie als anerkannte wissenschaftliche Disziplin begann eine starke Spezialisierung in sehr unterschiedliche Forschungsrichtungen. Dies führte dazu, dass es heute kaum noch ein einheitliches Verständnis von dem gibt, was Geographinnen und Geographen leisten.

Nahezu alle Forschungsarbeiten aus dem Altertum sind von einzelnen herausragenden Persönlichkeiten geleistet worden, die sich ihrerseits selten in eine Disziplin einreihen lassen, wie wir sie heute aus unseren universitären Strukturen heraus ableiten. Es waren stets „Universalforscher”, wodurch sich automatisch umfangreiche Überschneidungen mit den Anfängen anderer wissenschaftlicher Disziplinen ergeben. Aus geographischer Sicht bestehen diese Querverbindungen insbesondere zur Geschichte. Die Geographie befasste sich allerdings – bis fast in die heutige Zeit – vorwiegend mit Problemen der jeweiligen Gegenwart; historische Einblendungen zur Vertiefung bildeten die Ausnahme.

Die Erweiterung des geographischen Weltbildes setzt Reisen voraus. Diese aber haben stets einen Ausgangspunkt: den eigenen Ort, die bekannte Umgebung, die eigene Kultur. Auf diese Weise schafft sich jeder Kulturkreis sein eigenes Weltbild. Damit aber fließt in jede Darstellung der Geschichte des Reisens und somit auch in die Entwicklungsgeschichte der Geographie unausweichlich der Aspekt der Kulturkreise mit ein.

Dem vorliegenden Beitrag liegt ein eurozentrisches Denken zugrunde. Die Entwicklungen in anderen Hochkulturen bleiben hier unberücksichtigt.

2. Die Ursprünge der klassischen Geographie

Die geographischen Arbeiten hatten in ihren Anfängen eine klare praktisch-relevante Ausrichtung: Es ging um die Entdeckung der Erde und, damit verknüpft, auch um die kartographische Darstellung des bekannten Wissens.

Informationen über die topographischen Gegebenheiten, natürliche Erscheinungen und deren Zusammenhänge wurden im Altertum nicht gerade im Überfluss angeboten, und der Glaube an übernatürliche bzw. andere nicht deutbare oder sogar geheimnisvolle Vorgänge und Mächte war groß. Dementsprechend scheinen die ersten Ansätze, die Erde darzustellen, eher phantasievoll und scheinbar wenig realistisch gewesen zu sein. Doch eine solche Bewertung aus heutiger Sicht wäre unredlich, denn sie ignoriert die Rahmenbedingungen, die fehlenden technischen Möglichkeiten, und sie missachtet die herausragenden intellektuellen Leistungen jener Personen, die diese ersten Entwürfe konzipierten.

1. Geographie in der Antike

Die europäische Geographie basiert auf einem griechischen Fundament. Den Griechen gebührt die Ehre, sich als Erste der Aufgabe einer systematischen Sammlung und Verbreitung geographischer Nachrichten unterzogen zu haben. Nicht nur in Delphi, dem Sitz des berühmten Orakels und dem Mittelpunkt der griechischen Welt, sondern vor allem in den Kolonialstädten an der kleinasiatischen Küste wurden sämtliche Berichte von den Ländern und Völkern des Mittelmeeres, Nordafrikas und Vorderasiens eifrig zusammengetragen und schriftlich niedergelegt.

Doch aufgrund der lückenhaften Quellenlage dieser Schriften kann heutzutage die Entfaltung der griechischen Geographie nicht mehr vollständig belegt, nachvollzogen und gewürdigt werden. Die Entwicklungsgeschichte der Geographie wird demzufolge immer an nur wenigen herausragenden Persönlichkeiten und Leistungen festgemacht, obwohl andere vielleicht ebenso große Beachtung verdient hätten.

Die ersten Versuche, die bekannte Welt kartographisch darzustellen, sind wohl von Alexander von Milet (610-546 v. Chr.) unternommen worden, doch die Originale seiner Arbeiten fehlen.

Die erste Beschreibung der Erde, die – leider auch nur in etwa 300 Fragmenten – heute noch vorliegt, stammt von Hekataios (um 560/550 bis ca. 480 v. Chr.), der ebenfalls in Milet lebte und wirkte. Der Geschichtsschreiber Hekataios unternahm (möglicherweise) als erster Europäer Reisen, die nicht mehr Handelszwecken oder kriegerischen Aufgaben dienten, sondern allein zur Erweiterung des Blickfeldes führen sollten. Bei ihm findet sich der erste Nachweis, dass sich die Griechen nicht mit bloßer Sammeltätigkeit begnügten, sondern die Vielzahl der Nachrichten aus aller Welt zu ordnen suchten und die Geographie damit zu einem Selbstzweck, zu einer Wissenschaft erhoben. Hekataios war es auch, der sich nicht auf Schilderungen beschränkte, sondern versuchte, ein Kartenbild der Erde zu schaffen: Die Erde war bei ihm eine kreisförmige Scheibe, in deren Mittelpunkt Delphi mit seinem Orakel lag.

Herodot (484-425 v. Chr.) gilt gemeinhin als „Vater der Geschichtsschreibung”. Aber da er in Ländermonographien nicht nur die topographischen Ergebnisse seiner zahlreichen Reisen mitteilte, sondern auch über die Natur sowie Eigenheiten und Sitten der Bewohner berichtete, kann er ebenso als Vater der geographischen Forschungsreisen bezeichnet werden.

Herodot sprach von den drei Erdteilen Europa, Asien und Libyen, worunter er sowohl das gleichnamige Land als auch Afrika verstand. Der Himmel ruhte als kristallene Halbkugel über einer Erdscheibe, die ihm allerdings eher elliptisch geformt erschien. Eine Darstellung des Äquators und der Wendekreise fehlte noch. Herodot wusste zwar, dass die Sonne an verschiedenen Stellen aufgeht, doch er glaubte, sie werde im Winter durch Stürme aus ihrer alten Bahn getrieben.

Um etwa 200 v. Chr. wirkte Eratosthenes (276-196 v.Chr.) in Alexandria, dem geistigen Zentrum jener Zeit. Er entwarf eine Erdkarte, die nicht mehr auf Vermutungen, sondern auf schon weitgehend wissenschaftlichen Beobachtungen beruhte. Trotz irriger Voraussetzungen bestimmte seine methodisch vorbildlich ausgeführte Erdmessung mit Hilfe des Gnomon (Schattenmesser) den Erdumfang mit 39 700 Kilometern und kam damit dem wirklichen Wert von etwa 40 075 Kilometern erstaunlich nahe.

Eratosthenes schuf mit genialer Messtechnik und dem Entwurf einer Weltkarte die notwendigen Voraussetzungen für die weitere Erkundung der Erde. Das gesamte Mediterraneum (Mittelmeerraum samt dem Schwarzen Meer) wurde von ihm dargestellt. In manchen Teilen geschah dies allerdings noch recht unvollkommen, so dass diese Karte eine Präzisierung regelrecht herausforderte.

Dieser Aufgabe nahm sich Strabo von Amasya (um 63 v. Chr. bis ca. 24 n. Chr.) gut zwei Jahrhunderte später an. Als reisender Historiker wandelte er sich zum Geographen. Die 17 Bücher seiner Geographica waren bis in jene Zeit das ausführlichste und vollständigste erdkundliche Werk.

Die politische und militärische Vormachtstellung Griechenlands war damals schon beendet, keineswegs jedoch die kulturelle Leistung. Alexandria zählte immer noch zu den führenden Kultur- und Handelszentren jener Zeit. An der Mittelmeerküste im Norden Ägyptens gelegen, lebte in dieser Stadt fast eine halbe Million Menschen, und in den Bibliotheken lag vermutlich das gesamte Wissen der damaligen Zeit gesammelt vor. Während der Belagerung durch römische Truppen unter Julius Cäsar wurden 47 v. Chr. große Teile der Bibliothek durch einen Brand vernichtet.

Ptolemäus (um 100 bis ca. 160 n. Chr.) war als Astronom, Mathematiker und Geograph in der alexandrinischen Bibliothek angestellt. Er fasste alle damals bekannten geographischen Informationen in einem umfangreichen Tabellenwerk zusammen und entwickelte für die darin enthaltenen topographischen Objekte ein Koordinatensystem aus Längen- und Breitengraden, wie es auch heute noch verwendet wird. Als Basislinie für die Breitenangaben benutzte Ptolemäus den Äquator, ein Meridian durch die Kanarische Insel El Hierro bildete den Ausgang für die Längenberechnungen. Mit der Festlegung der Länge des Äquators auf 32 000 Kilometer wich das Ergebnis von Ptolemäus weit vom realen Erdumfang ab; er schätzte die Erde deutlich kleiner ein, als sie Eratosthenes vor ihm schon präziser berechnet hatte. Dies schmälerte jedoch nicht seine Leistung und die Verwendbarkeit seiner Tabellen.

In einem seiner zahlreichen Werke, der Geographike hyphegesis, formulierte Ptolemäus eine Anleitung zum Kartenzeichnen. Ob er jemals eine Karte selbst erstellt hat oder ob stets nur nach seinen Anweisungen Karten angefertigt wurden, ist nicht geklärt.

In jener Zeit waren zwar erst circa 13 Prozent der Landfläche und etwa 4 Prozent der Wasserfläche der Erde bekannt, aber dennoch war mit den Erkenntnissen von Ptolemäus ein vorläufiger Höhepunkt geographischer Kenntnis erreicht. Die wirkliche Größe der intellektuellen Leistung zur Aufstellung dieser astronomischen Theorien über den Aufbau des Universums vermag man nur annähernd angemessen einzuschätzen und zu würdigen, wenn man bedenkt, dass dieses ptolemäische Weltmodell bis ins 16. Jahrhundert Gültigkeit behielt.

Strabo und Ptolemäus waren Griechen, die allerdings bereits in der Blütezeit des Römischen Reiches wirkten. Die Römer erkannten die Bedeutung der Kartographie als wesentliches strategisches Element und setzten sie vornehmlich für Militär- und Verwaltungsaufgaben ein.

Alle erhobenen topographischen Informationen wurden in speziellen Werkstätten in so genannte Itinerare eingetragen. Diese sind vergleichbar mit heutigen Reiseführern, denn sie enthielten nicht nur Wegbeschreibungen und graphische Darstellungen der Verkehrsnetze, sondern auch akribisch aufgeführte Informationen etwa über Pferdewechselstationen und Übernachtungsmöglichkeiten.

Die Qualitäten der römischen Geographie lagen in diesen länderkundlichen Berichten, ansonsten aber fanden jahrhundertelang keine wirklich großen Veränderungen statt: Es galt nach wie vor das ptolemäische Weltbild, nur die topographische Detailkenntnis wuchs.

2. Geographie im Mittelalter

Während der Übergangszeit von der Antike zum (europäischen) Mittelalter kam es in der Alten Welt zu gravierenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. Insbesondere die Bereiche Bildung und Kultur verloren in dieser unruhigen, politisch instabilen Zeit deutlich an Stellenwert.

Jerusalem entwickelte sich zum Zentrum der europäischen Welt, und Seefahrer setzten die Erkundung und kartographische Darstellung des Mittelmeeres und der angrenzenden Meere fort. Da aber die Handelsbeziehungen nicht mehr in der gleichen Intensität betrieben und gepflegt wurden wie in der Blütezeit der Antike, wurden von Europa aus kaum Entdeckungsreisen unternommen. Lediglich im Norden brachen die Wikinger zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert zu großen Reisen auf und trugen damit zu einer topographischen „Horizonterweiterung” des europäischen Weltbildes bei.

Ansonsten aber gilt das Mittelalter auch für die geographische Forschung als Phase der Stagnation und teilweise sogar des Rückschrittes.

Parallel dazu, aber vollkommen losgelöst von der griechischen und römischen Welt der Antike, hatte sich im Fernen Osten (China) eine eigene Hochkultur entwickelt. Auch von dort aus wurden – analog zur Entwicklung im Abendland – Entdeckungsfahrten und Kartierungen vorgenommen. Das geographische Wissen und die kartographischen Techniken waren allerdings deutlich weiter entwickelt als in Europa. Doch dies war in Europa nicht bekannt, und es wurde in jener Zeit auch kaum Initiative ergriffen, um Kontakte herzustellen.

Zwischen Europa und China gelegen, etablierte sich im 7./8. Jahrhundert eine islamische Macht. Die Araber studierten und nutzten die verbliebenen Texte der Griechen, sie erkundeten Afrika sowie den südwestlichen Teil Asiens. Als herausragende Geographen genannt werden üblicherweise Al Idrisi (1100-1166), der für seine hervorragenden Karten bekannt war, und Ibn Battuta (1304 bis ca. 1369), der ausgedehnte Reisen unternahm.

Erst im Hochmittelalter, als die Kirche sich als länderübergreifende Institution etabliert hatte, entwickelte sich in Europa wieder eine Aufbruchstimmung in Kultur und Bildung, und auch der Handel nahm einen neuen Aufschwung.

Der Venezianer Marco Polo (1254-1324) gilt als der größte Reisende des christlichen Mittelalters. Er profitierte dabei von den „Vorarbeiten” im chinesischen Kulturkreis und brachte dieses Wissen in das europäische Weltbild ein.

3. Die „Entdeckung” der Erde

Mit der Renaissance begann für die Europäer die eigentliche Phase der geographischen Entdeckungen. Auch diese stellen – wie schon die frühen Forschungsreisen in der Antike – großartige Einzelleistungen dar.

Der Portugiese Heinrich der Seefahrer (1394-1460) gilt als Vater der Seefahrt und der Navigation. Er überwand die noch immer vorherrschende mittelalterliche Anschauung und verhalf neuen Gedanken zum Durchbruch. Die durch ihn planmäßig ausgesandten und finanzierten See-Expeditionen bildeten die Grundlagen für die Ausdehnung des portugiesischen Handels- und Herrschaftsbereiches und den Aufstieg Portugals zu einer der ersten Kolonialmächte.

Die 1492 erfolgte (Wieder-)Entdeckung Amerikas (eigentlich waren es zunächst „nur” die Karibischen Inseln) durch Christoph Kolumbus (1451-1506) gilt – aus eurozentristischer Perspektive – als Beginn der großartigen und langen Phase der Entdeckungen.

Das eigentliche Motiv aller Entdeckungsreisen lag in der Ausweitung der politischen Einflusssphäre sowie der Möglichkeit, durch hochwertige, in Europa nicht vorhandene Rohstoffe und Materialien riesige Handelsprofite zu erzielen.

Portugal und Spanien etablierten sich als die großen Seefahrernationen. Um sich nicht unnötig gegenseitig zu behindern, „teilten” sie die Welt in Interessengebiete: Die Portugiesen wandten sich weiterhin nach Süden und Osten; sie umschifften Afrika und gelangten auf diesem Wege nach Indien. Die Spanier hingegen orientierten sich deutlich nach Westen; sie hofften, einen Seeweg durch die scheinbar unüberwindliche Barriere der Neuen Welt nach Indien zu finden.

Die mittlerweile unzähligen Reisen bewiesen zunehmend, dass die Erde eine Kugel sein müsse. Dem Portugiesen Ferdinand Magellan (um 1480 bis 1521) gelang schließlich der empirische Nachweis: Magellan war als portugiesischer Offizier bereits bis nach Ostindien vorgedrungen. Er war fest davon überzeugt, Indien auch in Richtung Westen erreichen zu können, und legte – da er mittlerweile in Portugal in Ungnade gefallen war – dem spanischen Königspaar seine Pläne vor. Spanien stellte ihm daraufhin eine Flotte mit fünf Schiffen zur Verfügung. 1520 gelang es Magellan, eine Durchfahrt zu finden (die nach ihm benannte Magellanstraße). Er verlor aber bei einer eigentlich überflüssigen Aktion (Einmischen in Stammesfehden auf der Insel Cebu) sein Leben. Seine Leute setzten den Weg fort, und nur 18 Personen erreichten den Heimathafen. Damit war die erste Erdumseglung unter gewaltigen Anstrengungen und großen Opfern an Menschen und Material gelungen.

Die Kugelgestalt der Erde wurde somit zwar zur Gewissheit, aber sie passte nicht mehr in das astronomische System von Ptolemäus. Das geozentrische Weltbild, dem zufolge die Erde der Mittelpunkt des Universums sei, galt immer noch als offizielle Lehrmeinung, und die Kirche bemühte sich mit allen Mitteln, diese Theorie zu halten.

Erst der polnische Astronom Nikolaus Kopernikus (1473-1543) entwickelte die Vorstellung, dass die Sonne den Mittelpunkt bildet, den die Planeten, darunter auch die Erde, umkreisen. Johannes Kepler (1571-1630) und Galileo Galilei (1564-1642) konnten dieses heliozentrische Modell dann weiterentwickeln und letztendlich auch beweisen.

In den folgenden Jahrhunderten wurde die Erdoberfläche systematisch erforscht. Eine Vielzahl herausragender Persönlichkeiten profilierte sich mit immer neuen Entdeckungen (Geographische Entdeckungen), die allerdings meistens für die jeweils einheimische Bevölkerung verheerende Folgen nach sich zogen.

4. Der Wandel des Reisens

Das Reisen wird nie seine geographische Qualität verlieren. Lediglich die Art des Reisens hat sich gewandelt und wird sich auch weiterhin verändern (müssen).

Die Entdeckungsreisen hatten eigentlich mit der vollständigen Erkundung der Erdoberfläche ihr Ende gefunden. Weiße Flecken gab es nur noch auf mikroräumlicher, auf lokaler Ebene. Doch natürlich galt es weiterhin, Neues zu erreichen. Durch eine thematische (die Polregionen, die Meere, die Gebirge) oder leistungsbezogene Vorgabe konnten immer wieder neue (Leistungs-)Grenzen überschritten und selbst definierte Aufgaben bewältigt werden. In diese Kategorie fallen die meisten Erstbesteigungen von Berggipfeln (so z. B. die des Mount Everest durch Sir Edmund Hillary 1953), Durchquerungen von Wüsten und Weltumsegelungen. Die geographische Komponente trat dabei allerdings zunehmend in den Hintergrund.

Ein anderes Phänomen bildete die Wandlung vom Entdeckungs- zum Forschungsreisenden. Diese erreichten ihr Ziel, wenn sie sich speziell vorbereitet hatten, Instrumente einsetzten und einen wissenschaftlichen Bericht vorlegten. Dieses Vorgehen hatte immer detailliertere und spezialisiertere Frage- und Aufgabenstellungen zur Folge.

Als konsequente Fortführung dieser Entwicklung entstanden die so genannten Untersuchungsreisen mit dem Charakter zielgerichteter Feldforschung. Sie erfordern bereits vor der Reise eine intensive Auseinandersetzung mit dem Zielgebiet. Diese Vorabinformationen umfassen insbesondere auch die Kenntnis der spezifischen lokalen und regionalen Probleme, für die dann vor Ort in oftmals langwieriger und zäher Arbeit Verbesserungen gefunden werden sollen. Damit ist der Geograph nicht nur Besichtiger und Schilderer oder gar Analytiker/Erklärender, sondern er entwickelt(e) sich zunehmend zum Helfer.

3. Formale Etablierung als Wissenschaft

Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war die Geographie vorwiegend damit beschäftigt, die Gestalt der Erde selbst, die unterschiedliche naturräumliche Prägung und Ausstattung der Erdoberfläche sowie die räumliche Anordnung (Verteilung) der zahlreichen Bevölkerungsgruppen weitestgehend deskriptiv zu erfassen und diese Informationen auf Karten zu übertragen.

Die bis dahin erzielten Ergebnisse – sowohl die überragenden Theorien und Modellbildungen der Antike als auch die Entdeckungsfahrten in Mittelalter und Neuzeit – waren fast immer Einzelleistungen von engagierten Forschern.

Im 19. Jahrhundert vollzog sich allmählich ein Wandel zur organisierten Forschungsarbeit, und die ersten geographischen Gesellschaften zur Pflege gemeinsamer Forschungsinteressen wurden gegründet: 1828 die Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, 1830 die Royal Geographical Society in Großbritannien und 1836 die Frankfurter Geographische Gesellschaft.

Getragen und vorangetrieben wurde die weitere Entwicklung dennoch zunächst von herausragenden Persönlichkeiten. Insbesondere Alexander von Humboldt und Carl Ritter trugen in dieser Zeit viel zum Fortschritt der Geographie bei, und weil die Geschichtsschreibung Entwicklungen gerne personifiziert, werden beide als „Gründerväter der Geographie” bezeichnet:

Alexander von Humboldt (1769-1859) verfasste – wie viele andere Forscher auch – umfangreiche Reiseberichte. Doch seine Art des Beobachtens und die vergleichende Betrachtung von Naturerscheinungen und Landschaftsbeschreibungen unterschieden sich deutlich von der zuvor üblichen Berichterstattung. Er lehrte, Vergleiche zu ziehen und jede neue Erfahrung, jede Bereicherung des Wissens in das Gesamtgebäude des Wissens von der Erde einzuordnen.

In seinem Hauptwerk Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung vereinigte er in einem Überblick über die Entwicklung von Geographie und Naturforschung das Denken der klassischen Zeit mit dem Geist der aufkommenden exakten Naturwissenschaften. Damit wurde er Begründer des modernen wissenschaftlichen Reisens sowie Mitbegründer der wissenschaftlichen Geographie.

Zeitgleich und teilweise auch gemeinsam mit Humboldt wirkte Carl Ritter (1779-1859). Er erkannte das Kausalitätsprinzip in der Geographie und die Wichtigkeit des vergleichenden Vorgehens. Der Titel seines Hauptwerkes Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen (1817/18) deutet an, dass er sich (bereits) mit den Wechselwirkungen von Raum und Mensch auseinandersetzte. 1820 nahm er den Ruf als außerordentlicher Professor für Geographie der Universität Berlin an.

Den entscheidenden Durchbruch erzielte die Geographie mit der Institutionalisierung als Fach an Universitäten und der Ausweisung von Professuren, denn darin dokumentiert sich die allgemeine Anerkennung als Wissenschaft. Die Geographie profitierte hier zweifellos von den allgemeinen politischen Entwicklungen jener Zeit: Mit der deutschen Reichsgründung 1871, dem Erwerb von Kolonien seit 1884/85 und der Entstehung eines neuen politischen und bald imperialistischen Bewusstseins entstanden Lehrstühle für das Fach Geographie in vorher nicht gekannter Anzahl.

Parallel hierzu etablierte sich die Erdkunde als Schulfach (1872 an den Volksschulen Preußens und 1887 als Prüfungsfach für Gymnasiallehrer), um mit heimatkundlich-vaterländischen Bildungszielen die Reichsgründung auch von innen zu festigen.

4. Herausbildung der internen Differenzierung

Mit dem Übergang von der praxisbezogenen Erforschung der Erde zur universitären Wissenschaft verschob sich auch die Begrifflichkeit innerhalb der Geographie von einer alltagsweltlichen, noch allgemein verständlichen Sprache hin zu einem fachspezifischen Vokabular. Damit wurde es für Außenstehende zunehmend schwieriger, die fachinternen Veränderungen nachzuvollziehen.

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kaum noch großflächige „weiße Flecken”, d. h. unbekannte Gebiete, auf der Erde. Dieses führte neben dem fast systematischen Schließen der kleinräumigen Lücken zu einem Wandel in den Arbeitsinhalten, in der Arbeitsweise und auch in der Methodik: Die deskriptive Darstellung verlor an Bedeutung, jetzt widmete man sich Gebieten, Sachverhalten und Zusammenhängen im Detail, die Analysen wurden immer diffiziler. Damit ergab sich fast automatisch eine wachsende Spezialisierung, und dieses führte dazu, dass sich zunehmend spezielle geographische Fachrichtungen herausbildeten.

Während die französische Geographie in dieser Zeit von vornherein die regionale Geographie in ihren Mittelpunkt stellte, wurde Deutschland führend im Ausbau der so genannten „Allgemeinen Geographie”.

Unter dem Einfluss der stark aufkommenden Naturwissenschaften trat das linear-kausale Denken mit nomologischem Ziel (d. h. der Suche nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten) verstärkt in den Vordergrund. Das Schwergewicht der geographischen Forschung verschob sich mehr und mehr in Richtung naturwissenschaftlicher Fragestellungen.

Schon bald entwickelte sich ein Dualismus der Fachinterpretation, die oftmals durch die Vorbildung des jeweiligen Fachvertreters geprägt war: Naturwissenschaftlich und/oder geologisch vorgebildete Geographen legten die Grundlage einer physischen Geographie. Die eher historisch vorgebildeten Geographen entwickelten sich in Richtung einer Human- oder Anthropogeographie. Zwischen diesen beiden Ausrichtungen sind beständig, mit wechselnder Intensität, bis heute Grundsatz- und Richtungsdiskussionen geführt worden, ohne dass es dabei zu einer Einigung oder aber zu einer endgültigen Trennung gekommen ist.

1. Die Physische Geographie

Die naturwissenschaftliche Ausrichtung innerhalb der Geographie dominierte zum Ende des 19. Jahrhunderts deutlich. Alle neu zu besetzenden Lehrstühle wurden von geowissenschaftlich ausgebildeten Personen eingenommen. Die Mehrzahl von ihnen orientierte sich in Richtung der Morphologie und etablierte die Geomorphologie als eigenständige neue geowissenschaftliche Richtung:

Oscar Peschel (1826-1875) hatte bereits den Begriff „Morphologie der Erdoberfläche“ in die Geographie eingebracht. Ferdinand von Richthofen (1833-1905) wurde zwar 1877 als Geologe an den Lehrstuhl nach Bonn berufen, trieb aber dennoch die geomorphologischen Arbeiten maßgeblich voran.

Sein Nachfolger Albrecht Penck (1858-1945) schuf 1894 mit seinem Werk Die Morphologie der Erdoberfläche sodann eine umfassende und systematische Grundlage für die Geomorphologie.

Auch in den USA war diese Fachrichtung mit G. K. Gilbert (1843-1918) und W. M. Davis (1850-1934) stark vertreten.

Herbert Louis (1900-1985) gilt als der vorläufig letzte große Lehrmeister; er veröffentlichte 1960 das Standardwerk Allgemeine Geomorphologie.

Im Lauf der Zeit entwickelten sich neben der Geomorphologie weitere Teildisziplinen innerhalb der Physischen Geographie, die sich anderen Bereichen der Geosphäre widmeten. Hier ist insbesondere die Klimageographie mit Julius Büdel (1903-1983) als namhaftestem Vertreter zu nennen sowie die Hydro-, Boden- und Biogeographie.

Doch da die physiogeographische Umwelt stets das komplexe Produkt der Geofaktoren (Relief, Klima, Gestein, Boden, Wasserhaushalt, Vegetation) ist, sind die Grenzen zwischen den Teildisziplinen sowie auch zu den benachbarten Disziplinen der Geowissenschaften fließend.

2. Die Humangeographie

1882 erschien die Anthropogeographie von Friedrich Ratzel (1844-1904), der damit die wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung einer so genannten Geographie des Menschen legte. Ratzel wird deshalb gern als „Vater der Anthropogeographie” bezeichnet.

Die Begriffe Anthropogeographie, Humangeographie und auch Kulturgeographie wurden und werden innerhalb der deutschsprachigen Geographie teilweise mit unterschiedlichen Inhalten belegt, wobei die Differenzierungen dann oftmals sehr subjektiv und personenspezifisch ausfallen. Da es keine allgemein akzeptierte Abgrenzung zwischen diesen drei Bezeichnungen gibt, werden sie nachfolgend synonym verwendet. Der Begriff Humangeographie als Gegen- bzw. Ergänzungsbereich zur physischen Geographie ist allerdings der im englischsprachigen Raum übliche Terminus; insofern sollte er präferiert werden.

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Humangeographie gegenüber der naturwissenschaftlich ausgerichteten physischen Geographie allmählich durch. Sie vollzog dabei etliche, durchaus starke Richtungswechsel. Als wichtige Phasen und Ansätze der Humangeographie sind – in chronologischer Abfolge – folgende zu nennen:

2.1. Der geo-/umwelt-/naturdeterministische Ansatz

Unter dem Einfluss der Darwin’schen Lehren über die Entwicklung der Arten entstand der Forschungsansatz eines Mensch-Umwelt-Kausalmechanismus: Menschen bzw. die Verhaltensweisen menschlicher Gruppen werden durch den Naturraum bestimmt; das Naturmilieu galt als Motor aller räumlichen Entwicklung. Dieser Ansatz brachte zunächst eine Fülle neuer Erkenntnisse über mehr oder weniger regelhafte Zusammenhänge (Abhängigkeiten und Anpassungsleistungen) zwischen Menschengruppen und der natürlichen Ausstattung ihrer Lebensräume.

Doch die Grenzen wurden schon bald deutlich: Bei interkulturellen Vergleichen und bei Untersuchungen von Gesellschaftsentwicklungen ergaben sich Widersprüche. Auch die direkten Erfahrungen der raschen Industrialisierung, die zunehmende räumliche Arbeitsteilung in Europa und Nordamerika sowie die wachsende Manipulation der Umwelt, die immer seltener noch als „natürlich” gelten konnte, waren mit diesem naturdeterministischen Ansatz nicht zu erklären.

Dass Ratzel der wichtigste Vertreter dieses Ansatzes war, erscheint sofort plausibel, wenn man berücksichtigt, dass er sich als Zoologe und Anhänger des Darwinismus erst allmählich in Richtung der Humangeographie entwickelte.

2.2. Die Possibilistische Phase

Die im geodeterministischen Ansatz noch als entscheidend angesehenen naturräumlichen Rahmenbedingungen wurden nun als Chancen des eigentlich aktiven menschlichen Geschehens gesehen. Es wurde zunehmend die relative Autonomie des Menschen gegenüber den Einflüssen der Landesnatur erkannt: Dem Menschen fiel mehr und mehr die Rolle der Ursache und nicht die der Wirkung zu, und der Blick auf den Menschen selbst rückte in den Vordergrund. Die als genres de vie bezeichneten Lebensformgruppen bilden aktive Formen der Anpassung menschlicher Gruppen an ihre natürliche Umwelt.

Dieser Ansatz wurde in Frankreich besonders intensiv vertreten und ist eng mit Paul Vidal de la Blache (1845-1918) verbunden.

2.3. Die Morphogenetische Phase

Das 19. Jahrhundert war stark nomothetisch geprägt. Als Gegenbewegung griff man mit der Hinwendung zu einer eher kulturwissenschaftlichen Orientierung die geographische Tradition der unmittelbaren Geländebeobachtung wieder auf. Dabei stützte man sich auf den wieder aufkommenden Historismus mit seiner idiographischen Betonung der Individualstellung im Gegensatz zur nomothetischen Verallgemeinerung. Das Landschaftsbild galt als physiognomischer Gesamteindruck, die Morphologie der Kulturlandschaft rückte ins Zentrum der Betrachtung. Es war eine Hinwendung zur sinnlich wahrnehmbaren, vom Menschen geformten Welt, eben der Kulturlandschaft.

Mit Hilfe dieses Landschaftsgedankens wollte man – vornehmlich in Deutschland – zu einer Überbrückung des Gegensatzes von physischer und Humangeographie beitragen. Vertreter dieses Ansatzes war insbesondere Otto Schlüter (1872-1959), der – geprägt durch Historismus und Hermeneutik – als zentrale Aufgabe der Geographie eine Morphologie der Kulturlandschaft ansah.

2.4. Die funktionale Phase

Infolge einer wachsenden Beeinflussung durch soziologische Ideen drang immer stärker eine funktionale Betrachtungsweise in die humangeographische Welt ein. Der Funktionsbegriff wird in diesem Zusammenhang nicht im mathematischen Sinne (y = f(x)), also nicht als Abhängigkeitsbeziehung, sondern im Sinne von Daseinsäußerungen verwendet (Menschen als Träger von Funktionen, die sie ausüben, z. B. Kassierer im Verein).

Dieser Ansatz geht auf die Chicagoer Schule der Soziologie zurück, die als sozial-ökologische Schule bezeichnet wird. Sie verwendete häufig Analogien aus der Biologie (Evolutionstheorie, Darwinismus: Gesellschaftliches Leben ist Kampf ums Dasein, die Stärkeren überleben etc.). Das Hauptarbeitsgebiet waren Städte (Stadt als Organismus), woraus sich unmittelbar eine enge Verknüpfung mit der Geographie ergab.

Da im deutschsprachigen Raum in der heutigen Zeit der Begriff Ökologie meistens stark verengt auf die physische Umwelt bezogen wird, sollte man, um Missverständnissen vorzubeugen, stets präzisierend vom human-ökologischen oder sozial-ökologischen Ansatz sprechen.

Der Funktionalitätsansatz wurde in zahlreichen Disziplinen aufgegriffen. In dem städtebaulichen Manifest des Jahres 1933, der Charta von Athen, wurden klare Konsequenzen daraus gezogen: Als städtebauliche Leitlinie wurde fortan eine konsequente räumliche Funktionstrennung präferiert; d. h., es sollten vorrangig die Wohn- und Gewerbegebiete räumlich voneinander getrennt angelegt werden.

In der Humangeographie untersuchte man in dieser Phase in erster Linie die einzelnen Daseinsgrundfunktionen; man versuchte, sie zu lokalisieren und ihre Änderung im Zeitablauf zu analysieren. Auf diese Daseinsgrundfunktionen aufbauend, wurde, von der so genannten Münchner Schule ausgehend, in Deutschland ein neuer sozialgeographischer Ansatz entwickelt, der allerdings mangels Substanz nicht weiter ausgebaut wurde.

2.5. Die „quantitative Revolution” in der Geographie

Innerhalb der Geographie wuchs in den sechziger und siebziger Jahren zunehmend das Unbehagen darüber, dass zum einen fachintern kaum eine allgemeine Wissenschaftsdiskussion geführt wurde und dass zum anderen in der Ausbildung ein direkter Praxisbezug fehlte.

In dieser Unruhe- bzw. Umbruchphase griff man im deutschsprachigen Raum begierig eine aus den USA kommende Entwicklung auf: die wachsende Mathematisierung der Arbeitstechniken. Die Geographie übernahm die neuen quantitativen Verfahrenstechniken fast vorbehaltlos. Verstärkt bzw. begünstigt wurde diese Entwicklung durch die offensive Suche nach Praxisbezug. In Deutschland herrschte in jener Zeit eine weit verbreitete Planungseuphorie. Mit stark überzogenen Machbarkeitsvorstellungen stürzte sich die Geographie mit allen gerade adaptierten quantitativen Verfahren auf das neue Arbeitsfeld der Stadt- und Regionalplanung. Der blinde Übereifer erzeugte vollkommen unrealistische Erwartungshaltungen, und so war es eine zwangsläufige Folge, dass die Enttäuschung bei den einen und die Schadenfreude bei den anderen über das Nicht-einhalten-Können von lauthals propagierten Versprechungen sehr groß war.

Mittlerweile haben die quantitativen Arbeitstechniken in der Geographie ihren Platz als ganz normale technische Instrumente, deren Anwendungs- und Erklärungsgrenzen durchaus bekannt sind, gefunden. Zweifellos haben diese Verfahren frischen Wind in die Geographie gebracht, doch eine „Revolution” – wie man sie anfangs noch erhoffte bzw. befürchtete – ist daraus nicht erwachsen.

Dass die qualitativen Verfahren (hier als Gegensatzbegriff zu den quantitativen verstanden) derzeit wieder extrem hoch im Kurs stehen, ist nur eine natürliche Reaktion auf das zu starke Präferieren der quantitativen Arbeitstechniken.

3. Das länderkundliche Schema

Lange Zeit hielt sich als allgemein anerkannte Konvention die Feststellung, dass das Hauptanliegen und die Krönung der Geographie die Länderkunde sei.

Als geistiger Vater der Länderkunde gilt Carl Ritter, denn für ihn waren Länder Einmaligkeiten, Individuen, die den Gegenstand der Geographie bildeten. Die eigentliche Blütezeit der Länderkunde wurde mit Alfred Hettners (1859-1941) Operationalisierung eingeleitet. Er entwickelte das so genannte länderkundliche Schema (1932; auch Hettner’sches Schema). Dieses handelt alle Sachverhalte der jeweiligen Region systematisch ab, wobei in aller Regel von den physiogenen Sachverhalten ausgehend zu den anthropogenen übergeleitet wird.

Hettners Konzeption war durchaus anspruchsvoll; er stellte die Geofaktoren nicht unverbunden nebeneinander, sondern er behandelte in einem einleitenden Teil nur die das gesamte Land prägenden Tatsachen. Davon ausgehend, gliederte er das Gebiet in Teilräume, um hier die Fakten wieder zu verknüpfen.

Doch mit wachsendem zeitlichen Abstand zu seinen Ausführungen verblasste der hohe Anspruch, und übrig blieb bei vielen Lesern und Nutzern eine nur negative Bewertung: Das länderkundliche Schema sei zu statisch, zu idiographisch, vorwiegend deskriptiv, monodisziplinär und handle Regionen zu additiv ab.

Doch Praktikabilität und Pragmatismus setzten sich gegen jede inhaltlich begründete Kritik durch. So wurde das länderkundliche Schema bis heute weitergeführt und praktiziert; dies geschah allerdings zunehmend in einer kaum noch mit Hettners Konzeption übereinstimmenden Vorgehensweise, indem nämlich wirklich die einzelnen Themen additiv und enzyklopädisch abgehandelt wurden.

Hettners vehementer Einsatz für die Länderkunde liegt nicht nur in seiner fachlichen Überzeugung begründet, sondern in mindestens ebenso starkem Maß in der disziplinpolitischen Strategie, mit der Länderkunde das Auseinanderdriften der natur- und der sozialwissenschaftlichen Richtung verhindern zu wollen.

4. Geopolitik

Mit dem Begriff Geopolitik ist ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte verknüpft. Die Geopolitik ist nie als eine geographische Teildisziplin anerkannt worden, aber dennoch kann ihr die Nähe zur Geographie nicht abgesprochen werden, zumal in den Anfängen etliche Geographen aktiv beteiligt waren.

Die Geopolitik machte eine extrem rasche Entwicklung durch: von der ersten formellen Namensgebung im 1. Weltkrieg durch den schwedischen Staatslehrer R. Kjellen über den Ausbau als angewandte Wissenschaft durch Karl Ernst Haushofer bis zum Einbau in die nationalsozialistische Gedankenwelt und schließlich zur verderblichen Rolle im 2. Weltkrieg als Mittel einer politisch-militärischen Geisteserziehung.

1924 erschien erstmals die Zeitschrift für Geopolitik unter der Federführung von Haushofer. Dieser war ein überaus agiler und angesehener Mann, so dass es ihm vergleichsweise leicht fiel, auch unter den wissenschaftlich arbeitenden Geographen eine ganze Reihe von Mitarbeitern zu finden. Kritik an den Inhalten dieser Zeitschrift kam nur langsam auf und hielt sich durchaus in Grenzen: geringe Wissenschaftlichkeit, nicht immer sachlich begründete politische Tendenzen und eine gewisse Effekthascherei mittels neuer Schlagwörter.

Ab 1931 nahm jedoch die Einflussnahme stark nationalsozialistisch geprägter Personen und Organisationen erheblich zu, und namhafte Geographen (Lautensach, Obst und Maull) stellten ihre Mitarbeit an der Zeitschrift ein.

Karl Ernst Haushofer verlor an Einfluss, die Zeitschrift büßte mehr und mehr an Wissenschaftlichkeit ein, und der Begriff Geopolitik stellte bald nicht mehr nur eine geistige Gefahr dar, sondern wurde zunehmend offensiv zu propagandistischen Zwecken eingesetzt. Durch die enge Verknüpfung mit der nationalsozialistischen Lebensraumtheorie verkam Geopolitik dann endgültig zum politischen Instrument.

Geopolitik stellte zwar keine aktive Triebkraft dar, und sie bot auch keine ausgearbeitete Planungskonzeption, aber sie war ein williges Werkzeug. Ihr kam als wesentliche Aufgabe die ideologische und pseudowissenschaftliche Rechtfertigung von Aggressionen zu.

5. Die Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts

Die Vielfalt der theoretischen und methodischen Ansätze kennzeichnet die wissenschaftliche Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts. Sowohl in der Physischen Geographie als auch in der Humangeographie lässt sich eine große Bandbreite unterschiedlicher Forschungsrichtungen feststellen.

Die Differenzierung der Geographie in zwei selbständige Disziplinen hatte sich allerdings nicht institutionell durchgesetzt: An den meisten deutschen Universitäten waren beide Richtungen nach wie vor in einer gemeinsamen organisatorischen Einheit (Institut, Fachbereich usw.) verankert.

Doch die Humangeographie und die Physische Geographie drifteten immer weiter auseinander. Sie orientierten sich zunehmend an der theoretischen und methodischen Entwicklung benachbarter Disziplinen.

Die Entwicklung der Physischen Geographie war weitgehend an der Theoriebildung und der Methodologie positivistisch naturwissenschaftlicher Disziplinen ausgerichtet. Physische Geographie – allgemein zu beschreiben als Analyse des Beziehungsgefüges der Geofaktoren Relief, Klima, Gestein, Wasserhaushalt, Vegetation, Nutzung und Zeit – bildete entsprechend ihrem Selbstverständnis eine Teildisziplin der Geowissenschaften.

Analog dazu war die Humangeographie als eine Teildisziplin der Sozialwissenschaften zu verstehen. Der Pluralismus soziologischer, ökonomischer und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung und Methodologie spiegelte sich dabei in der Bandbreite humangeographischer Forschungsperspektiven: Stark diskutiert wurde die humangeographische Interpretation des strukturationstheoretischen Ansatzes von Anthony Giddens. Ebenso fanden humangeographische Auseinandersetzungen u. a. mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns, der Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, diskurstheoretischen Ansätzen Foucault’scher Prägung und anderen poststrukturalistischen Theoretikern statt. Die Diskussion in der Wirtschaftsgeographie war u. a. durch Ansätze der neuen Institutionenökonomie und der Netzwerktheorie sowie durch regulationstheoretische Konzepte geprägt.

In diesen Arbeiten ging es nicht mehr darum, einen als absolut verstandenen Raum zu untersuchen, der als objektiv gegebener Container für vom Menschen Geschaffenes betrachtet wird. Vielmehr war Raum – oder besser Räumlichkeit, Territorialität – als gesellschaftlich hergestellt, als soziale Konstruktion zu begreifen. Gegenstand der Analyse waren daher – und hier unterschieden sich die Ansätze voneinander – entweder Handlungen oder Akteure/Akteurskonstellationen, soziale Systeme, Kommunikations- und Organisationsstrukturen oder Machtverhältnisse.

6. Die Geographie im 21. Jahrhundert

Je stärker die Physische Geographie und die Humangeographie Anschluss an die Diskussionszusammenhänge und Forschungsperspektive ihrer benachbarten Wissenschaften fanden, umso mehr entfernten sie sich theoretisch und methodisch voneinander. Bei aller erforderlichen und erwünschten disziplinpolitischen Öffnung und Integrationsfähigkeit muss jede Wissenschaft doch über ein eigenes, ein originäres Betätigungsfeld verfügen.

Ausgehend von dem Begriff und der Aufgabe der Erdbeschreibung einschließlich ihrer Darstellung, hat die Geographie mittlerweile ihren „Zweck” voll erfüllt. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte, die geographische Informationsdichte über Land und Leute, über ihre existentiellen Probleme und Lösungsmöglichkeiten ist kaum mehr überschaubar. Und technisch sind wir in der Lage, jede gewünschte reale oder thematische Darstellung der Erde zu erzeugen.

Damit stellt sich für die Geographie die Frage, ob sie sich als wissenschaftliche Disziplin atomisiert hat und in andere Disziplinen, von denen einige ehemals Teildisziplinen der Geographie waren, aufgehen soll.

Im Gegensatz zu einigen Naturwissenschaften, in denen immer wieder Neues, also neue Materialien, Gegenstände etc., erfunden werden können, haben es die Geistes- und Wirtschaftswissenschaften schwerer, sich beständig weiterzuentwickeln. Ihnen bleibt natürlich stets die Theoriebildung als Betätigungsfeld; doch diese darf nicht zum Selbstzweck werden. Die Geographie als empirische Wissenschaft wäre schlecht beraten, sich zu einer reinen „theoretischen Geisteswissenschaft” wandeln zu wollen.

Doch eine solche Entwicklung ist nicht erforderlich, denn Arbeitsfelder gibt es für die Geographie noch genügend. Aufgrund der traditionell gepflegten Aufmerksamkeit für unterschiedliche Maßstabsebenen und kleinteilige Unterschiede – sei es im Hinblick auf die Komplexität und wechselseitigen Beziehungen innerhalb der Geofaktorensysteme oder auf gesellschaftliche Organisationsformen – bietet die Geographie gute Voraussetzungen, zu aktuellen Diskussionen wichtige Beiträge leisten zu können.

Als besonders lohnenswert und Erfolg versprechend erscheinen derzeit die beiden folgenden Themenfelder.

1. Sustainable development

Der integrative Anspruch der Disziplin ist zu einem Zeitpunkt aufgegeben worden, an dem die Folgen menschlicher Eingriffe in Ökosysteme zunehmend sichtbar wurden und sich die Frage nach der Belastbarkeit der Biosphäre stellte. Das Verhältnis von Mensch und Umwelt, die Frage der Organisation von Gesellschaften im Hinblick auf ihre natürlichen Lebensgrundlagen wird – auch wenn andere Fragen das Thema „Umwelt” derzeit aus der aktuellen Medienpräsenz verdrängt haben – eine der zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts sein.

Als Strategie zur dauerhaften Sicherung menschlicher Existenz wird seit vielen Jahren das Konzept der „nachhaltigen Entwicklung” diskutiert. Eine Entwicklung – so eine grundlegende Definition aus dem Bericht der so genannten Brundtland-Kommission von 1987 – ist dann als nachhaltig zu bezeichnen, „wenn sie die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können”.

Diese Definition von sustainable development, das im Deutschen auch mit „dauerhaft zukunftsbeständiger” oder „zukunftsfähiger Entwicklung” übersetzt wird, wurde mit der Verabschiedung der Agenda 21 durch 178 Länder auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 zu einem weitgehend akzeptierten allgemeinen Ziel gesellschaftlicher Entwicklung.

Zur Zeit wird in Forschung und Praxis daran gearbeitet, diese konsensstiftende Leerformel inhaltlich zu füllen und in Form von Zielen, Indikatoren und Maßnahmen zu konkretisieren. Breiter Konsens besteht mittlerweile darüber, dass nur eine gleichberechtigte Betrachtung von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft diese dauerhaft zukunftsbeständige Entwicklung sichern kann.

Sowohl für die Physische Geographie als auch für die Humangeographie bieten sich verschiedene Anknüpfungspunkte: Während physisch-geographische Forschung dazu beitragen kann, das Wissen um die Auswirkungen dauerhafter anthropogener Eingriffe in hochkomplexe Geosysteme zu erweitern, liegt der Ansatzpunkt humangeographischer Forschung bei der Frage der Organisation menschlicher Gesellschaften im Hinblick auf natürliche Ressourcen. Hier stehen dann Fragen nach der Organisation von Produktionsprozessen, nach den Entscheidungen im Hinblick auf Siedlungs- und Verkehrsentwicklung oder nach groß- und kleinräumigen Nutzungskonflikten (zwischen Wirtschaft und Ökologie, zwischen Freizeit und Wirtschaft, zwischen Freizeit und Ökologie) im Vordergrund.

Sowohl die Analyse dieser Fragen als auch die Erarbeitung von Lösungsansätzen z. B. im Hinblick auf die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, umweltfreundlicher Mobilitätskonzepte oder die Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen bei Nutzungskonflikten sind Themen humangeographischer Arbeiten im interdisziplinären Verbund.

2. Globalisierung

Das normative Konzept nachhaltiger Entwicklung steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den gegenwärtigen Trends gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklung, die unter dem Schlagwort der „Globalisierung” zusammengefasst werden.

Auch dieses Konzept bietet für humangeographische Forschungen vielfältige Anknüpfungspunkte, zumal der schillernde Begriff eine Art – zunächst nicht genau definierter – weltweiter Nivellierung suggeriert: Bedeutet die Entstehung globaler Finanzmärkte und transnational operierender Unternehmen oder die weltweite Verbreitung nordamerikanischer Filme, Musik und Restaurantketten, dass spezifische Orte bedeutungslos werden? Wird die Welt durch die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik tatsächlich zum „Global Village”, wie es schon in den sechziger Jahren der amerikanische Medienforscher McLuhan vermutete? Oder geht es bei den aktuellen Entwicklungen nicht eher um eine Neuorganisation räumlicher Bezüge für unterschiedliche gesellschaftliche Teilsysteme?

Hier liegen vielfältige neue Fragestellungen für die Anknüpfung humangeographischer Forschungen an Ansätze in Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft oder Kulturanthropologie. In diesen Disziplinen ist in jüngerer Zeit ein verstärktes Interesse für Fragen des „Raumes” zu verzeichnen, das sich mit humangeographischen Interessen trifft. Auch dort geht es um Fragen nach der Bedeutung von Raum für gesellschaftliches und ökonomisches Handeln unter der Perspektive eines gesellschaftlich „gemachten” Raumes.

Eine Forschungsfrage ist beispielsweise das Verhältnis von „Entgrenzung”, d. h. des Bedeutungsverlustes räumlicher Nähe aufgrund technischer Kommunikationsmittel, und neuen Formen kleinräumiger Zusammenarbeit, wie sie z. B. in „innovativen Regionen” wie dem Silicon Valley oder dem Großraum München in Deutschland festgestellt werden können; auch die Herausbildung von so genannten Global Cities, d. h. von Steuerungszentren der globalisierten Wirtschaft, wird disziplinübergreifend untersucht.

Aber auch die Frage nach den Interessen, die hinter der Entwicklung von regionalistischen und nationalistischen Bewegungen wie z. B. in Korsika, Südtirol oder auf dem Balkan stehen, beschäftigt Humangeographen und andere Sozialwissenschaftler.

Auch hier ist sowohl die Analyse von Entwicklungen mit unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Methoden als auch die Entwicklung von Lösungsansätzen, z. B. in Form von regionalen Entwicklungskonzepten, Bestandteil humangeographischer Arbeit.