Millennium: Geographie
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Millennium: Geographie
3. Formale Etablierung als Wissenschaft

Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war die Geographie vorwiegend damit beschäftigt, die Gestalt der Erde selbst, die unterschiedliche naturräumliche Prägung und Ausstattung der Erdoberfläche sowie die räumliche Anordnung (Verteilung) der zahlreichen Bevölkerungsgruppen weitestgehend deskriptiv zu erfassen und diese Informationen auf Karten zu übertragen.

Die bis dahin erzielten Ergebnisse – sowohl die überragenden Theorien und Modellbildungen der Antike als auch die Entdeckungsfahrten in Mittelalter und Neuzeit – waren fast immer Einzelleistungen von engagierten Forschern.

Im 19. Jahrhundert vollzog sich allmählich ein Wandel zur organisierten Forschungsarbeit, und die ersten geographischen Gesellschaften zur Pflege gemeinsamer Forschungsinteressen wurden gegründet: 1828 die Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, 1830 die Royal Geographical Society in Großbritannien und 1836 die Frankfurter Geographische Gesellschaft.

Getragen und vorangetrieben wurde die weitere Entwicklung dennoch zunächst von herausragenden Persönlichkeiten. Insbesondere Alexander von Humboldt und Carl Ritter trugen in dieser Zeit viel zum Fortschritt der Geographie bei, und weil die Geschichtsschreibung Entwicklungen gerne personifiziert, werden beide als „Gründerväter der Geographie” bezeichnet:

Alexander von Humboldt (1769-1859) verfasste – wie viele andere Forscher auch – umfangreiche Reiseberichte. Doch seine Art des Beobachtens und die vergleichende Betrachtung von Naturerscheinungen und Landschaftsbeschreibungen unterschieden sich deutlich von der zuvor üblichen Berichterstattung. Er lehrte, Vergleiche zu ziehen und jede neue Erfahrung, jede Bereicherung des Wissens in das Gesamtgebäude des Wissens von der Erde einzuordnen.

In seinem Hauptwerk Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung vereinigte er in einem Überblick über die Entwicklung von Geographie und Naturforschung das Denken der klassischen Zeit mit dem Geist der aufkommenden exakten Naturwissenschaften. Damit wurde er Begründer des modernen wissenschaftlichen Reisens sowie Mitbegründer der wissenschaftlichen Geographie.

Zeitgleich und teilweise auch gemeinsam mit Humboldt wirkte Carl Ritter (1779-1859). Er erkannte das Kausalitätsprinzip in der Geographie und die Wichtigkeit des vergleichenden Vorgehens. Der Titel seines Hauptwerkes Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen (1817/18) deutet an, dass er sich (bereits) mit den Wechselwirkungen von Raum und Mensch auseinandersetzte. 1820 nahm er den Ruf als außerordentlicher Professor für Geographie der Universität Berlin an.

Den entscheidenden Durchbruch erzielte die Geographie mit der Institutionalisierung als Fach an Universitäten und der Ausweisung von Professuren, denn darin dokumentiert sich die allgemeine Anerkennung als Wissenschaft. Die Geographie profitierte hier zweifellos von den allgemeinen politischen Entwicklungen jener Zeit: Mit der deutschen Reichsgründung 1871, dem Erwerb von Kolonien seit 1884/85 und der Entstehung eines neuen politischen und bald imperialistischen Bewusstseins entstanden Lehrstühle für das Fach Geographie in vorher nicht gekannter Anzahl.

Parallel hierzu etablierte sich die Erdkunde als Schulfach (1872 an den Volksschulen Preußens und 1887 als Prüfungsfach für Gymnasiallehrer), um mit heimatkundlich-vaterländischen Bildungszielen die Reichsgründung auch von innen zu festigen.