Millennium: Geographie
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Millennium: Geographie
4. Herausbildung der internen Differenzierung

Mit dem Übergang von der praxisbezogenen Erforschung der Erde zur universitären Wissenschaft verschob sich auch die Begrifflichkeit innerhalb der Geographie von einer alltagsweltlichen, noch allgemein verständlichen Sprache hin zu einem fachspezifischen Vokabular. Damit wurde es für Außenstehende zunehmend schwieriger, die fachinternen Veränderungen nachzuvollziehen.

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kaum noch großflächige „weiße Flecken”, d. h. unbekannte Gebiete, auf der Erde. Dieses führte neben dem fast systematischen Schließen der kleinräumigen Lücken zu einem Wandel in den Arbeitsinhalten, in der Arbeitsweise und auch in der Methodik: Die deskriptive Darstellung verlor an Bedeutung, jetzt widmete man sich Gebieten, Sachverhalten und Zusammenhängen im Detail, die Analysen wurden immer diffiziler. Damit ergab sich fast automatisch eine wachsende Spezialisierung, und dieses führte dazu, dass sich zunehmend spezielle geographische Fachrichtungen herausbildeten.

Während die französische Geographie in dieser Zeit von vornherein die regionale Geographie in ihren Mittelpunkt stellte, wurde Deutschland führend im Ausbau der so genannten „Allgemeinen Geographie”.

Unter dem Einfluss der stark aufkommenden Naturwissenschaften trat das linear-kausale Denken mit nomologischem Ziel (d. h. der Suche nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten) verstärkt in den Vordergrund. Das Schwergewicht der geographischen Forschung verschob sich mehr und mehr in Richtung naturwissenschaftlicher Fragestellungen.

Schon bald entwickelte sich ein Dualismus der Fachinterpretation, die oftmals durch die Vorbildung des jeweiligen Fachvertreters geprägt war: Naturwissenschaftlich und/oder geologisch vorgebildete Geographen legten die Grundlage einer physischen Geographie. Die eher historisch vorgebildeten Geographen entwickelten sich in Richtung einer Human- oder Anthropogeographie. Zwischen diesen beiden Ausrichtungen sind beständig, mit wechselnder Intensität, bis heute Grundsatz- und Richtungsdiskussionen geführt worden, ohne dass es dabei zu einer Einigung oder aber zu einer endgültigen Trennung gekommen ist.

1. Die Physische Geographie

Die naturwissenschaftliche Ausrichtung innerhalb der Geographie dominierte zum Ende des 19. Jahrhunderts deutlich. Alle neu zu besetzenden Lehrstühle wurden von geowissenschaftlich ausgebildeten Personen eingenommen. Die Mehrzahl von ihnen orientierte sich in Richtung der Morphologie und etablierte die Geomorphologie als eigenständige neue geowissenschaftliche Richtung:

Oscar Peschel (1826-1875) hatte bereits den Begriff „Morphologie der Erdoberfläche“ in die Geographie eingebracht. Ferdinand von Richthofen (1833-1905) wurde zwar 1877 als Geologe an den Lehrstuhl nach Bonn berufen, trieb aber dennoch die geomorphologischen Arbeiten maßgeblich voran.

Sein Nachfolger Albrecht Penck (1858-1945) schuf 1894 mit seinem Werk Die Morphologie der Erdoberfläche sodann eine umfassende und systematische Grundlage für die Geomorphologie.

Auch in den USA war diese Fachrichtung mit G. K. Gilbert (1843-1918) und W. M. Davis (1850-1934) stark vertreten.

Herbert Louis (1900-1985) gilt als der vorläufig letzte große Lehrmeister; er veröffentlichte 1960 das Standardwerk Allgemeine Geomorphologie.

Im Lauf der Zeit entwickelten sich neben der Geomorphologie weitere Teildisziplinen innerhalb der Physischen Geographie, die sich anderen Bereichen der Geosphäre widmeten. Hier ist insbesondere die Klimageographie mit Julius Büdel (1903-1983) als namhaftestem Vertreter zu nennen sowie die Hydro-, Boden- und Biogeographie.

Doch da die physiogeographische Umwelt stets das komplexe Produkt der Geofaktoren (Relief, Klima, Gestein, Boden, Wasserhaushalt, Vegetation) ist, sind die Grenzen zwischen den Teildisziplinen sowie auch zu den benachbarten Disziplinen der Geowissenschaften fließend.

2. Die Humangeographie

1882 erschien die Anthropogeographie von Friedrich Ratzel (1844-1904), der damit die wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung einer so genannten Geographie des Menschen legte. Ratzel wird deshalb gern als „Vater der Anthropogeographie” bezeichnet.

Die Begriffe Anthropogeographie, Humangeographie und auch Kulturgeographie wurden und werden innerhalb der deutschsprachigen Geographie teilweise mit unterschiedlichen Inhalten belegt, wobei die Differenzierungen dann oftmals sehr subjektiv und personenspezifisch ausfallen. Da es keine allgemein akzeptierte Abgrenzung zwischen diesen drei Bezeichnungen gibt, werden sie nachfolgend synonym verwendet. Der Begriff Humangeographie als Gegen- bzw. Ergänzungsbereich zur physischen Geographie ist allerdings der im englischsprachigen Raum übliche Terminus; insofern sollte er präferiert werden.

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Humangeographie gegenüber der naturwissenschaftlich ausgerichteten physischen Geographie allmählich durch. Sie vollzog dabei etliche, durchaus starke Richtungswechsel. Als wichtige Phasen und Ansätze der Humangeographie sind – in chronologischer Abfolge – folgende zu nennen:

2.1. Der geo-/umwelt-/naturdeterministische Ansatz

Unter dem Einfluss der Darwin’schen Lehren über die Entwicklung der Arten entstand der Forschungsansatz eines Mensch-Umwelt-Kausalmechanismus: Menschen bzw. die Verhaltensweisen menschlicher Gruppen werden durch den Naturraum bestimmt; das Naturmilieu galt als Motor aller räumlichen Entwicklung. Dieser Ansatz brachte zunächst eine Fülle neuer Erkenntnisse über mehr oder weniger regelhafte Zusammenhänge (Abhängigkeiten und Anpassungsleistungen) zwischen Menschengruppen und der natürlichen Ausstattung ihrer Lebensräume.

Doch die Grenzen wurden schon bald deutlich: Bei interkulturellen Vergleichen und bei Untersuchungen von Gesellschaftsentwicklungen ergaben sich Widersprüche. Auch die direkten Erfahrungen der raschen Industrialisierung, die zunehmende räumliche Arbeitsteilung in Europa und Nordamerika sowie die wachsende Manipulation der Umwelt, die immer seltener noch als „natürlich” gelten konnte, waren mit diesem naturdeterministischen Ansatz nicht zu erklären.

Dass Ratzel der wichtigste Vertreter dieses Ansatzes war, erscheint sofort plausibel, wenn man berücksichtigt, dass er sich als Zoologe und Anhänger des Darwinismus erst allmählich in Richtung der Humangeographie entwickelte.

2.2. Die Possibilistische Phase

Die im geodeterministischen Ansatz noch als entscheidend angesehenen naturräumlichen Rahmenbedingungen wurden nun als Chancen des eigentlich aktiven menschlichen Geschehens gesehen. Es wurde zunehmend die relative Autonomie des Menschen gegenüber den Einflüssen der Landesnatur erkannt: Dem Menschen fiel mehr und mehr die Rolle der Ursache und nicht die der Wirkung zu, und der Blick auf den Menschen selbst rückte in den Vordergrund. Die als genres de vie bezeichneten Lebensformgruppen bilden aktive Formen der Anpassung menschlicher Gruppen an ihre natürliche Umwelt.

Dieser Ansatz wurde in Frankreich besonders intensiv vertreten und ist eng mit Paul Vidal de la Blache (1845-1918) verbunden.

2.3. Die Morphogenetische Phase

Das 19. Jahrhundert war stark nomothetisch geprägt. Als Gegenbewegung griff man mit der Hinwendung zu einer eher kulturwissenschaftlichen Orientierung die geographische Tradition der unmittelbaren Geländebeobachtung wieder auf. Dabei stützte man sich auf den wieder aufkommenden Historismus mit seiner idiographischen Betonung der Individualstellung im Gegensatz zur nomothetischen Verallgemeinerung. Das Landschaftsbild galt als physiognomischer Gesamteindruck, die Morphologie der Kulturlandschaft rückte ins Zentrum der Betrachtung. Es war eine Hinwendung zur sinnlich wahrnehmbaren, vom Menschen geformten Welt, eben der Kulturlandschaft.

Mit Hilfe dieses Landschaftsgedankens wollte man – vornehmlich in Deutschland – zu einer Überbrückung des Gegensatzes von physischer und Humangeographie beitragen. Vertreter dieses Ansatzes war insbesondere Otto Schlüter (1872-1959), der – geprägt durch Historismus und Hermeneutik – als zentrale Aufgabe der Geographie eine Morphologie der Kulturlandschaft ansah.

2.4. Die funktionale Phase

Infolge einer wachsenden Beeinflussung durch soziologische Ideen drang immer stärker eine funktionale Betrachtungsweise in die humangeographische Welt ein. Der Funktionsbegriff wird in diesem Zusammenhang nicht im mathematischen Sinne (y = f(x)), also nicht als Abhängigkeitsbeziehung, sondern im Sinne von Daseinsäußerungen verwendet (Menschen als Träger von Funktionen, die sie ausüben, z. B. Kassierer im Verein).

Dieser Ansatz geht auf die Chicagoer Schule der Soziologie zurück, die als sozial-ökologische Schule bezeichnet wird. Sie verwendete häufig Analogien aus der Biologie (Evolutionstheorie, Darwinismus: Gesellschaftliches Leben ist Kampf ums Dasein, die Stärkeren überleben etc.). Das Hauptarbeitsgebiet waren Städte (Stadt als Organismus), woraus sich unmittelbar eine enge Verknüpfung mit der Geographie ergab.

Da im deutschsprachigen Raum in der heutigen Zeit der Begriff Ökologie meistens stark verengt auf die physische Umwelt bezogen wird, sollte man, um Missverständnissen vorzubeugen, stets präzisierend vom human-ökologischen oder sozial-ökologischen Ansatz sprechen.

Der Funktionalitätsansatz wurde in zahlreichen Disziplinen aufgegriffen. In dem städtebaulichen Manifest des Jahres 1933, der Charta von Athen, wurden klare Konsequenzen daraus gezogen: Als städtebauliche Leitlinie wurde fortan eine konsequente räumliche Funktionstrennung präferiert; d. h., es sollten vorrangig die Wohn- und Gewerbegebiete räumlich voneinander getrennt angelegt werden.

In der Humangeographie untersuchte man in dieser Phase in erster Linie die einzelnen Daseinsgrundfunktionen; man versuchte, sie zu lokalisieren und ihre Änderung im Zeitablauf zu analysieren. Auf diese Daseinsgrundfunktionen aufbauend, wurde, von der so genannten Münchner Schule ausgehend, in Deutschland ein neuer sozialgeographischer Ansatz entwickelt, der allerdings mangels Substanz nicht weiter ausgebaut wurde.

2.5. Die „quantitative Revolution” in der Geographie

Innerhalb der Geographie wuchs in den sechziger und siebziger Jahren zunehmend das Unbehagen darüber, dass zum einen fachintern kaum eine allgemeine Wissenschaftsdiskussion geführt wurde und dass zum anderen in der Ausbildung ein direkter Praxisbezug fehlte.

In dieser Unruhe- bzw. Umbruchphase griff man im deutschsprachigen Raum begierig eine aus den USA kommende Entwicklung auf: die wachsende Mathematisierung der Arbeitstechniken. Die Geographie übernahm die neuen quantitativen Verfahrenstechniken fast vorbehaltlos. Verstärkt bzw. begünstigt wurde diese Entwicklung durch die offensive Suche nach Praxisbezug. In Deutschland herrschte in jener Zeit eine weit verbreitete Planungseuphorie. Mit stark überzogenen Machbarkeitsvorstellungen stürzte sich die Geographie mit allen gerade adaptierten quantitativen Verfahren auf das neue Arbeitsfeld der Stadt- und Regionalplanung. Der blinde Übereifer erzeugte vollkommen unrealistische Erwartungshaltungen, und so war es eine zwangsläufige Folge, dass die Enttäuschung bei den einen und die Schadenfreude bei den anderen über das Nicht-einhalten-Können von lauthals propagierten Versprechungen sehr groß war.

Mittlerweile haben die quantitativen Arbeitstechniken in der Geographie ihren Platz als ganz normale technische Instrumente, deren Anwendungs- und Erklärungsgrenzen durchaus bekannt sind, gefunden. Zweifellos haben diese Verfahren frischen Wind in die Geographie gebracht, doch eine „Revolution” – wie man sie anfangs noch erhoffte bzw. befürchtete – ist daraus nicht erwachsen.

Dass die qualitativen Verfahren (hier als Gegensatzbegriff zu den quantitativen verstanden) derzeit wieder extrem hoch im Kurs stehen, ist nur eine natürliche Reaktion auf das zu starke Präferieren der quantitativen Arbeitstechniken.

3. Das länderkundliche Schema

Lange Zeit hielt sich als allgemein anerkannte Konvention die Feststellung, dass das Hauptanliegen und die Krönung der Geographie die Länderkunde sei.

Als geistiger Vater der Länderkunde gilt Carl Ritter, denn für ihn waren Länder Einmaligkeiten, Individuen, die den Gegenstand der Geographie bildeten. Die eigentliche Blütezeit der Länderkunde wurde mit Alfred Hettners (1859-1941) Operationalisierung eingeleitet. Er entwickelte das so genannte länderkundliche Schema (1932; auch Hettner’sches Schema). Dieses handelt alle Sachverhalte der jeweiligen Region systematisch ab, wobei in aller Regel von den physiogenen Sachverhalten ausgehend zu den anthropogenen übergeleitet wird.

Hettners Konzeption war durchaus anspruchsvoll; er stellte die Geofaktoren nicht unverbunden nebeneinander, sondern er behandelte in einem einleitenden Teil nur die das gesamte Land prägenden Tatsachen. Davon ausgehend, gliederte er das Gebiet in Teilräume, um hier die Fakten wieder zu verknüpfen.

Doch mit wachsendem zeitlichen Abstand zu seinen Ausführungen verblasste der hohe Anspruch, und übrig blieb bei vielen Lesern und Nutzern eine nur negative Bewertung: Das länderkundliche Schema sei zu statisch, zu idiographisch, vorwiegend deskriptiv, monodisziplinär und handle Regionen zu additiv ab.

Doch Praktikabilität und Pragmatismus setzten sich gegen jede inhaltlich begründete Kritik durch. So wurde das länderkundliche Schema bis heute weitergeführt und praktiziert; dies geschah allerdings zunehmend in einer kaum noch mit Hettners Konzeption übereinstimmenden Vorgehensweise, indem nämlich wirklich die einzelnen Themen additiv und enzyklopädisch abgehandelt wurden.

Hettners vehementer Einsatz für die Länderkunde liegt nicht nur in seiner fachlichen Überzeugung begründet, sondern in mindestens ebenso starkem Maß in der disziplinpolitischen Strategie, mit der Länderkunde das Auseinanderdriften der natur- und der sozialwissenschaftlichen Richtung verhindern zu wollen.

4. Geopolitik

Mit dem Begriff Geopolitik ist ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte verknüpft. Die Geopolitik ist nie als eine geographische Teildisziplin anerkannt worden, aber dennoch kann ihr die Nähe zur Geographie nicht abgesprochen werden, zumal in den Anfängen etliche Geographen aktiv beteiligt waren.

Die Geopolitik machte eine extrem rasche Entwicklung durch: von der ersten formellen Namensgebung im 1. Weltkrieg durch den schwedischen Staatslehrer R. Kjellen über den Ausbau als angewandte Wissenschaft durch Karl Ernst Haushofer bis zum Einbau in die nationalsozialistische Gedankenwelt und schließlich zur verderblichen Rolle im 2. Weltkrieg als Mittel einer politisch-militärischen Geisteserziehung.

1924 erschien erstmals die Zeitschrift für Geopolitik unter der Federführung von Haushofer. Dieser war ein überaus agiler und angesehener Mann, so dass es ihm vergleichsweise leicht fiel, auch unter den wissenschaftlich arbeitenden Geographen eine ganze Reihe von Mitarbeitern zu finden. Kritik an den Inhalten dieser Zeitschrift kam nur langsam auf und hielt sich durchaus in Grenzen: geringe Wissenschaftlichkeit, nicht immer sachlich begründete politische Tendenzen und eine gewisse Effekthascherei mittels neuer Schlagwörter.

Ab 1931 nahm jedoch die Einflussnahme stark nationalsozialistisch geprägter Personen und Organisationen erheblich zu, und namhafte Geographen (Lautensach, Obst und Maull) stellten ihre Mitarbeit an der Zeitschrift ein.

Karl Ernst Haushofer verlor an Einfluss, die Zeitschrift büßte mehr und mehr an Wissenschaftlichkeit ein, und der Begriff Geopolitik stellte bald nicht mehr nur eine geistige Gefahr dar, sondern wurde zunehmend offensiv zu propagandistischen Zwecken eingesetzt. Durch die enge Verknüpfung mit der nationalsozialistischen Lebensraumtheorie verkam Geopolitik dann endgültig zum politischen Instrument.

Geopolitik stellte zwar keine aktive Triebkraft dar, und sie bot auch keine ausgearbeitete Planungskonzeption, aber sie war ein williges Werkzeug. Ihr kam als wesentliche Aufgabe die ideologische und pseudowissenschaftliche Rechtfertigung von Aggressionen zu.