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| 5. | Die Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts |
Die Vielfalt der theoretischen und methodischen Ansätze kennzeichnet die wissenschaftliche Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts. Sowohl in der Physischen Geographie als auch in der Humangeographie lässt sich eine große Bandbreite unterschiedlicher Forschungsrichtungen feststellen.
Die Differenzierung der Geographie in zwei selbständige Disziplinen hatte sich allerdings nicht institutionell durchgesetzt: An den meisten deutschen Universitäten waren beide Richtungen nach wie vor in einer gemeinsamen organisatorischen Einheit (Institut, Fachbereich usw.) verankert.
Doch die Humangeographie und die Physische Geographie drifteten immer weiter auseinander. Sie orientierten sich zunehmend an der theoretischen und methodischen Entwicklung benachbarter Disziplinen.
Die Entwicklung der Physischen Geographie war weitgehend an der Theoriebildung und der Methodologie positivistisch naturwissenschaftlicher Disziplinen ausgerichtet. Physische Geographie – allgemein zu beschreiben als Analyse des Beziehungsgefüges der Geofaktoren Relief, Klima, Gestein, Wasserhaushalt, Vegetation, Nutzung und Zeit – bildete entsprechend ihrem Selbstverständnis eine Teildisziplin der Geowissenschaften.
Analog dazu war die Humangeographie als eine Teildisziplin der Sozialwissenschaften zu verstehen. Der Pluralismus soziologischer, ökonomischer und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung und Methodologie spiegelte sich dabei in der Bandbreite humangeographischer Forschungsperspektiven: Stark diskutiert wurde die humangeographische Interpretation des strukturationstheoretischen Ansatzes von Anthony Giddens. Ebenso fanden humangeographische Auseinandersetzungen u. a. mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns, der Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, diskurstheoretischen Ansätzen Foucault’scher Prägung und anderen poststrukturalistischen Theoretikern statt. Die Diskussion in der Wirtschaftsgeographie war u. a. durch Ansätze der neuen Institutionenökonomie und der Netzwerktheorie sowie durch regulationstheoretische Konzepte geprägt.
In diesen Arbeiten ging es nicht mehr darum, einen als absolut verstandenen Raum zu untersuchen, der als objektiv gegebener Container für vom Menschen Geschaffenes betrachtet wird. Vielmehr war Raum – oder besser Räumlichkeit, Territorialität – als gesellschaftlich hergestellt, als soziale Konstruktion zu begreifen. Gegenstand der Analyse waren daher – und hier unterschieden sich die Ansätze voneinander – entweder Handlungen oder Akteure/Akteurskonstellationen, soziale Systeme, Kommunikations- und Organisationsstrukturen oder Machtverhältnisse.