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| 1. | Einleitung |
„Das Gewesene ist es, das fortwährende Gewesene …”
(aus dem fingierten Drama Das Rad der Geschichte in Thomas Bernhards Der Theatermacher von 1985).
„Fortschritt” in der Literatur?
Der Eintritt in das dritte Jahrtausend christlicher Zeitrechnung ließ Bilanzen vielfältigster Art entstehen; kaum ein Bereich der Kultur- und Gesellschaftsentwicklung blieb dabei ausgespart. Heute sind die Millenniumsfeiern bereits wieder Vergangenheit, aber das Bedürfnis, in der Rückbesinnung auf das Vergangene das Rad der Geschichte einen Moment lang anzuhalten, bleibt doch immer aktuell – gerade in einer Enzyklopädie, die sich als Bestandsaufnahme menschheitlichen Wissens versteht. Auch der Prozess der Literaturgeschichte will immer neu interpretiert und bilanziert werden. Aber kann man in der Literatur ein „Betriebsergebnis” errechnen wie in einem Wirtschaftsunternehmen? Welche Aktiva, welche Passiva, welche Gewinne und Verluste wären dabei zu verbuchen? Und was bezeichnet jenen archimedischen Punkt, von dem aus für den heutigen Beobachter das Wichtige oder Unwichtige, das Wesentliche aus mehr als tausend Jahren europäischer Literaturgeschichte überhaupt erst erkennbar wird?
Literaturexperten haben 1999 James Joyce’ Ulysses zum „Roman des Jahrhunderts” gewählt – eine Wahl, die kaum Widerspruch gefunden hat. Die Modernität dieses in erster Fassung bereits 1922 erschienenen Werks erscheint immer noch als unüberbietbar; der in Gedankensplitter aufgelöste „Welt-Alltag” (so Hermann Broch) des Dubliners Leopold Bloom repräsentiert das Bewusstsein des Menschen des 20. Jahrhunderts in überzeugender Weise, auch noch nach den Technisierungsschüben, die unsere Lebenswelt seither erfahren hat. Was bedeutet es aber, dass nicht allein das zentrale Thema des Romans – die Irrfahrt des Menschen, der auf der Suche nach dem verlorenen Zuhause, nach seinem Ort in der Welt, durch zahlreiche Gefahren hindurchgeht –, sondern im Grunde auch das gesamte Strukturmuster des Romans auf ein vor fast dreitausend Jahren entstandenes Werk zurückgeht? Homers Odyssee, deren Entstehung auf das 8. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, ist wie Joyce’ Ulysses bis heute auf den Listen der Hundert wichtigsten Bücher der Weltliteratur zu finden, und bei aller berechtigten Skepsis gegenüber solchen Zusammenstellungen gibt dieses Faktum doch einen wichtigen Hinweis darauf, wie weit in die Geschichte wir bei der Erstellung einer Bilanz der Literaturentwicklung zurückgehen müssen. Auch wird deutlich, dass in der Literatur das Alte und das Neue in einem eigentümlichen Verhältnis stehen, einem Verhältnis, das nicht unter Gesichtspunkten des „Fortschritts” betrachtet werden kann.
Wenn auch die gesamte Menschheitsgeschichte als zivilisatorischer Prozess interpretiert werden kann, so erscheint es dennoch nur bedingt angebracht, auch die Geschichte der Literatur als eine aufsteigende Reihe von Erfindungen oder Innovationen und damit als Vorgang einer andauernden Höherentwicklung aufzufassen, denn hier löst sich bei näherem Hinsehen das historische Nacheinander in ein virtuelles Nebeneinander auf, in einen intertextuellen Dialog der Werke aller Epochen. Unter dieser Perspektive muss auch die geläufige Rede von der literarischen „Entwicklung” als verfehlt angesehen werden. Sich entwickeln heißt ja, sich einer vorgegebenen, „geprägten Form”, einer Vollgestalt anzunähern und erst allmählich das zu werden, was im Keim immer schon angelegt gewesen ist. Dahinter steht letztlich eine Organismusvorstellung, deren Teleologie kritische Bewertung verdient, bedeutet sie doch nichts anderes, als alles Vergangene immer nur als „Vorstufen”, als „Vorgeschichte” zur selbst erlebten Gegenwart aufzufassen.
Fragen dieser Größenordnung stellen sich aber in der Tat erst dort, wo das historische Kontinuum im Jahrtausendmaßstab in den Blick genommen wird. Um die Brisanz solcher fundamentalen Fragen nach dem Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit bewusst zu machen, soll im Folgenden versucht werden, in 3 000 Jahren abendländischer Literaturgeschichte nach den großen Linien zu suchen, nach entscheidenden Innovationen und nach den Momenten fortdauernder Wirkung.