Millennium: Literatur
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Millennium: Literatur
5. 2. Jahrtausend n. Chr. (zweite Hälfte)
1. Die Wiederentdeckung der Antike

Die Anfänge der Neuzeit stehen klar im Zeichen der Wiederentdeckung antiker Traditionen. Gerade in der Literatur wird der radikale Bruch mit den Schreibweisen des Mittelalters überdeutlich; er wird demonstrativ vollzogen mit der Reaktivierung der als vorbildlich betrachteten Muster des klassischen Altertums. Die neulateinische Dichtung der Humanisten, die sich vor allem auf das (Schul-)Drama (siehe Schultheater), den Prosadialog und die Lyrik konzentrierte, ebnete einer volkssprachlichen Kunstdichtung den Weg, denn zunächst galt es, die Literaturfähigkeit der Sprachen herbeizuführen und unter Beweis zu stellen. In Italien setzte die Renaissance bereits im 14. Jahrhundert ein, mit Dante (La divina commedia, 1321), Petrarca und seinen Sonetten (Canzoniere, entstanden1336-1369) sowie Boccaccio, dem Schöpfer der Novellenform (Il Decamerone, entstanden zwischen 1348 und 1353) – um nur die prominentesten Vertreter dieser über ganz Europa ausstrahlenden Bewegung zu nennen. In anderen Ländern übte die Wiedereroberung antiker Geistigkeit eine stärkere Wirkung auf die Wissenschaften als auf die Literatur aus; dennoch kam es auch hier zu bemerkenswerten Leistungen Einzelner, etwa in den Niederlanden durch Erasmus von Rotterdam (Morias Encomion, Lob der Torheit, 1509), der sich auch für die Ausbreitung humanistischen Denkens in England, Deutschland und auch Spanien verdient machte.

2. Die Geburt des modernen europäischen Romans in Spanien

Die Erneuerung antiker Literaturformen wie Satire und Epigramm, Odenstrophen oder auch der historischen Erzählung erweiterte das dichterische Spektrum, bedeutsam wurde nachfolgend aber auch die Amalgamierung der antiken Schreibweisen mit Traditionen der Volksliteratur. In dieser fruchtbaren Zusammenführung wurzeln die großartigen Leistungen, die in der spanischen Literatur des 16. bzw. 17. Jahrhunderts erbracht wurden. Repräsentanten des so genannten Siglo d’oro (goldenen Zeitalters) waren der Satiriker Quevedo, der – wie der Lyriker Luis de Góngora – mit kühner Metaphorik hervortrat, im Drama Lope de Vega, Verfasser von 1500 Comedias, sowie Calderon de la Barca. In der Erzählliteratur ist an erster Stelle Miguel de Cervantes Saavedra zu nennen, dessen als Parodie der Ritterromane in der Tradition des Amadis von Gaula angelegter Don Quijote (1605/1615) bis heute zu den bedeutendsten Romanen der Weltliteratur gezählt wird.

Unter Gesichtspunkten der Wirkungsgeschichte hervorzuheben ist jedoch der spanische Picaro- bzw. Schelmenroman; er wird aus der Perspektive eines sozial Minderprivilegierten erzählt und inaugurierte so den modernen europäischen Roman. Den Anfang setzte der 1553 anonym erschienene Lazarillo de Tormes, der in ganz Europa in Übersetzungen Verbreitung fand; ihm folgten weitere bedeutende Schöpfungen wie Mateo Alemáns Das Leben des Guzmán von Alfarache (1599-1604). Im 17. Jahrhundert entstanden im Anschluss daran in verschiedenen Ländern vielfältige neue Ausprägungen des Schelmenromans, im deutschsprachigen Raum etwa Grimmelshausens Simplicissimus (Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch, 1669), ein fünfbändiges erzählerisches Zeitpanorama, zugleich eine Sittengeschichte des Dreißigjährigen Krieges. Auch für die deutsche Barocklyrik lieferte die romanische Literatur die wesentlichen poetologischen Orientierungen.

3. Das Drama in England und Frankreich

Etwa zur gleichen Zeit, als die spanische Literatur ihr goldenes Zeitalter erlebte, trat in England das singuläre Genie William Shakespeare in Erscheinung, der bedeutendste und einflussreichste Dramatiker der Weltliteratur. Und wieder einige Jahrzehnte später trat Frankreich in die fruchtbarste Epoche seiner Literarhistorie ein, mit einem Dichtungsprogramm, das sich (vor allem im Drama, der Poetik des Aristoteles folgend) die Erneuerung der klassisch-antiken Muster zum Ziel gesetzt hatte. Corneille und Racine in der Tragödie, Molière in der Komödie waren dabei so erfolgreich, dass der französische Klassizismus am Beginn des 18. Jahrhunderts vorbildlich wurde, u. a. für die deutsche Dichtung der Gottsched-Zeit. In England fand der Klassizismus ebenfalls hervorragende Vertreter, so in Ben Jonson, John Dryden und Alexander Pope.

4. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts

Das 18. Jahrhundert knüpfte noch in manch anderer Hinsicht an die Literatur der Antike an, in der Rokokolyrik an Horaz oder den (Pseudo-)Anakreon, in der Wiederbelebung der antiken Metrik, vor allem des Hexameters (Klopstocks Messias) und anderes mehr. Einen tiefen Einschnitt bedeutete das Jahrhundert aber durch die Aufklärungsbewegung, die der Literatur eine zentrale Funktion für die allgemeine Verbreitung des Lichtes der Vernunft zuwies und auf diese Weise – im Sinne des horazischen Prodesse-et-delectare-Gebots – entweder die im engeren Sinn didaktischen Gattungen wie Fabel (Christian Fürchtegott Gellert), Lehrgedicht (Albrecht von Haller) und Satire (Georg Christoph Lichtenberg) bevorzugte oder andere Gattungen in den Dienst weltanschaulicher Beeinflussung nahm, das Schauspiel (Gotthold Ephraim Lessing) ebenso wie den Roman (Christoph Martin Wieland). Die Aufklärung lässt sich als gesamteuropäische Strömung nur aus ihrer Gegnerschaft zur christlichen Orthodoxie verstehen, deren negativem Welt- und Menschenbild sie eine optimistische Deutung gegenüberstellte. Die Dichtungen der Aufklärer kündeten daher von einem innerweltlichen Glück, von der Besserungsfähigkeit des Menschen, von Selbstbestimmung und autonomer Moral und konterkarierten so die Dogmen von der Erbsünde und der grundsätzlichen Verderbtheit des Menschen sowie die Auffassung vom irdischen Leben als einer bloßen Bewährungsprobe für das Jenseits.

Dass sich auch in diesem Zusammenhang Gelegenheit ergab, an die Idyllik und Bukolik, an die provokante Immanenz der heidnisch-antiken Dichtung anzuknüpfen, versteht sich von selbst. Während in Deutschland diese Auseinandersetzung oft in verdeckten Formen geführt wurde (ein Beispiel dafür gibt Lessings Nathan der Weise), entwickelte sich in Frankreich ein offener Konflikt mit der kirchlichen Autorität; hier waren es Voltaire (Aufruf Écrasez l’infâme) und die Enzyklopädisten, die als Hauptprotagonisten der religionskritischen Aufklärung hervortraten. Im Rahmen der Französischen Revolution und des Sturzes des Ancien Régime gewann die kritische Aufklärung auch eine politische Dimension, während in Deutschland mit die überzeugtesten und radikalsten Aufklärer nicht selten auf den Thronen zu finden waren, als Landesfürsten, aber auch in der Person Friedrichs II. und, vor allem, Kaiser Josephs II. Als Ausgangspunkt einer bis heute wirksamen Säkularisierungstendenz hat die Aufklärung des 18. Jahrhunderts einen tief greifenden Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeigeführt und damit auch die Rahmenbedingungen für Kunst und Literatur markant beeinflusst.

5. Klassik und Romantik

Diese Wirkungen der Aufklärung zeigten sich indirekt bereits am Ende des Jahrhunderts. Nicht das gesamte weltanschauliche Programm, aber immerhin die Bildungsimpulse der Aufklärung gingen am Ende des 18. Jahrhunderts in die von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller repräsentierte Weimarer Klassik ein, mit der nun auch die deutsche Literatur einen Gipfelpunkt erreichte. Die deutsche Sprache hatte in Auseinandersetzung mit antiken und ausländischen Vorbildern eine Ausdruckskraft und Geschmeidigkeit erreicht, die sich nun in allen Gattungen und Schreibweisen bewährte: in der Lyrik (Erlebnislyrik, Gedankenlyrik, Balladen), im Briefroman (Goethes Leiden des jungen Werthers), dem Bildungsroman (Wilhelm Meister) und der Autobiographie (Dichtung und Wahrheit), ebenso im Bereich des Dramas (von Goethes Götz von Berlichingen bis zum Faust und Schillers Die Räuber über Maria Stuart bis Wilhelm Tell). Die im Bereich der Literaturtheorie vor allem von Schiller formulierten Positionen lassen die klassizistische Ausrichtung in fast jedem Einzelaspekt erkennen; und wie vor ihm Goethe in stofflicher Hinsicht mehrfach auf die griechische Mythologie zurückgegangen war (Iphigenie), so hat er in einzelnen Werken (Die Braut von Messina) sich an der getreuen Rekonstruktion der antiken Dramenform versucht.

Die Weimarer Konstellation fand durch den Tod Schillers bereits 1805 ein Ende; längst aber hatte sich parallel dazu eine Strömung herausgebildet, die einen völlig neuen Zug in die literarische Szene hineinbrachte: die Romantik. Eine respektlose junge Generation von Dichtern und spekulativen Denkern (Novalis, Ludwig Tieck, die Brüder August Wilhelm und Friedrich von Schlegel sowie Clemens Brentano, später E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff) kümmerte sich weder um alte noch um neue Autoritäten; sie schwor sowohl dem Rationalismus, zum Teil auch der konventionellen Ethik ab, die sie als Kennzeichen einer obsoleten Lebens- und Dichtungsauffassung ansah.

Wenn sich in Deutschland selbst zwischen Früh-, Hoch- und Spätromantik beträchtliche Differenzen zeigen, so gilt es doch zu berücksichtigen, dass es sich bei der Romantik um eine europäische Erscheinung handelte; wir finden sie in Frankreich (Alfred de Musset, Alphonse de Lamartine, Victor Hugo), England (Lord Byron, Percy Bysshe Shelley, William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge) und Italien (Alessandro Manzoni) ebenso wie in Polen (Adam Mickiewicz), Russland (Michail Jurewitsch Lermontow) oder in Skandinavien (Per Daniel Amadeus Atterbom, Carl Jonas Love Almqvist, Henrik Arnold Wergeland, Adam Gottlob Oehlenschläger). Das Phänomen verdient Beachtung, insofern die Entwicklung von eigenständigen Nationalliteraturen im 18. Jahrhundert – noch vor der Bildung von Nationalstaaten – zu einem gewissen Abschluss gekommen war. Dessen ungeachtet lässt sich im 19. und auch im 20. Jahrhundert – wenn auch verschiedentlich mit zeitlicher Verzögerung – immer wieder ein länderübergreifendes Auftreten von literarischen Tendenzen beobachten, und nur auf diese internationalen Strömungen kann im Folgenden Bezug genommen werden; die Binnenentwicklungen in den einzelnen Nationalliteraturen im Detail nachzuzeichnen würde den Rahmen sprengen.

6. Realismus

Am Beginn und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es keineswegs nur die Romantik, die diese Bedingung der übernationalen Wirksamkeit erfüllt; in ihrem Gefolge tritt auch die so genannte Weltschmerzliteratur auf, als deren Vertreter Lord Byron (Byronismus) ebenso wie Giacomo Leopardi, Musset oder Nikolaus Lenau genannt werden können. In anderer Weise gilt die für die machtvolle Strömung des Realismus, die zwischen 1830 und 1880 in Europa beherrschend auftritt, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungsformen – teils resignativ und poetisch verklärend, teils als Unterhaltungsliteratur angelegt, teils am Entwurf großer Gesellschaftsbilder oder sogar sozialkritisch orientiert.

Hauptvertreter des realistischen Romans waren in Frankreich Gustave Flaubert, Stendhal und Honoré de Balzac, in England Charles Dickens, im deutschsprachigen Raum reicht das Spektrum von Jeremias Gotthelf und Theodor Storm über Adalbert Stifter und Gottfried Keller bis zu Wilhelm Raabe und Theodor Fontane. Die wenigsten von ihnen begnügten sich tatsächlich mit einer detailgetreuen Darstellung der Realität; angestrebt wird vielmehr eine symbolische Überhöhung, die scheinbare Objektivität der Darstellung steht in Spannung zu einer subjektiven Erzählhaltung. Die großen Romane der russischen Erzähler wie Iwan Turgenjew, Fjodor M. Dostojewskij und Lew Tolstoj zeichneten sich neben ihrer Komplexität durch eine neue Dimension der Psychologisierung aus; ihre Werke, vielfach epische Totalpanoramen mit gleichsam polyphoner Stimmführung, waren in zunehmendem Maße geprägt von einer undogmatischen, sozial und humanitär ausgerichteten Religiosität.

7. Naturalismus

Einen Realismus radikaler Art hatte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der literarische Naturalismus auf die Fahnen geschrieben: Wenn auch einer seiner Hauptvertreter, Émile Zola, in seinem Roman éxperimental (1888) Kunst als „ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament” definierte, so zielte die Bewegung doch auf einen Verzicht auf jede Überlagerung der Wirklichkeitsdarstellung durch weltanschauliche Momente. Die Forderung nach schonungslos naturgetreuer Wiedergabe der empirischen Realität verband sich mit einem gesteigerten Interesse an sozialen Tatbeständen, die bis dahin kaum als literaturfähig angesehen worden sind – abgesehen von vereinzelten Ansätzen wie Georg Büchners Woyzeck-Drama, das den Naturalismus gleichsam um Jahrzehnte vorweggenommen hatte.

Neben ihrem französischen Ausgangspunkt (hervorzuheben ist hier Zolas 20-bändiges Romanwerk Les Rougon-Macquart, 1871-1893) wies die naturalistische Bewegung auch einen skaninavischen auf, Henrik Ibsen und den frühen August Strindberg. Mit diesen Vorbildern verlagerte sich auch im deutschsprachigen Bereich der Schwerpunkt auf das Drama; Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang und Die Weber haben dem Naturalismus hier zum Durchbruch verholfen. Der konsequente Naturalismus von Arno Holz und Johannes Schlaf, den sie in ihrem Sekundenstil-Drama Papa Hamlet verfolgten, erscheint aus heutiger Sicht als Vorklang auf den künstlerischen Extremismus, der zur Signatur des 20. Jahrhunderts werden sollte. Wenn daher der Naturalismus als Beginn der Moderne angesehen wird, so erscheint dies im Blick auf seinen oppositionellen Grundgestus gerechtfertigt: Provokation und Negation sind seither integraler Bestandteil fast jeder literarischen Innovation.

8. Die „Ismen” – Vielfalt der literarischen Strömungen zur Jahrhundertwende

Absetzbewegungen, den bewussten Bruch mit der Tradition, einen Mechanismus des Antithetischen, hatte es auch schon früher gegeben, von der Aufklärung gegenüber dem Barock, von der Romantik gegenüber Aufklärung und Klassizismus; doch jetzt, im ausgehenden 19. Jahrhundert, wird der dialektische Charakter des literarischen Prozesses überdeutlich: Es beginnt die Zeit der Kunst-„Ismen”, des Symbolismus, des Impressionismus, dann des Expressionismus, des Konstruktivismus usw. Wie sich der Naturalismus gegen jede poetische Beschönigung der Realität gestellt hatte, so setzte sich der Symbolismus ab von Realismus und Naturalismus und deren Widerspiegelungskonzeptionen; seine Domäne war freilich die Lyrik, die seit jeher die subjektivste Gattung repräsentierte. Wieder führen die Anfänge nach Frankreich, zu Charles Baudelaire (Les fleurs du mal, 1857), zu Stéphane Mallarmé, zu Paul Verlaine und Arthur Rimbaud (Le bâteau ivre, 1871). In Belgien fand der Symbolismus Resonanz in den Werken Maurice Maeterlincks, in Österreich und Deutschland zeigten sich Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke und Stefan George davon beeinflusst.

Vom Symbolismus gibt es fließende Übergänge zum literarischen Impressionismus, der um die Jahrhundertwende in Europa zu einer gewissen Vorherrschaft gelangte und sich ein Stück weit auch als literarischer Jugendstil verstehen lässt; später gibt es auch Berührungspunkte mit der Neoromantik. Der Impressionismus ging in seinem radikal subjektivistischen Zugang zur Wirklichkeit konform mit der symbolistischen Ablehnung des mimetischen Prinzips; er manifestierte sich aber nun auch oder vor allem in der Erzählliteratur, so im Kreis der in Wien beheimateten Dichter Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann und Peter Altenberg, bei Richard Dehmel, Detlev von Liliencron und teilweise bei Thomas Mann in Deutschland, bei Jens Peter Jacobsen und Knut Hamsun im skandinavischen Raum, Gabriele d’Annunzio in Italien, Oscar Wilde in England und Anton Tschechow in Russland. Literatur manifestierte sich in diesen Zusammenhängen in einer Dekadenz- und Nervenkunst, ihr zentrales Programm lautete: Ästhetisierung des Lebens. Schon an dieser Stelle ist aber festzuhalten, dass der Ästhetizismus nicht an die historische Konstellation der Zeit um 1900 gebunden war, sondern dass die Reflexion der Problematik Kunst und Leben im 20. Jahrhundert in Positionen der Avantgarde noch eine beträchtliche Rolle spielen wird.

Noch andere Programme des ausgehenden 19. Jahrhunderts erlebten ihre Wirkungsgeschichte hauptsächlich im 20. Jahrhundert. Dies gilt zumal für die Zertrümmerer alter Werte wie Friedrich Nietzsche (Prosagedichte Also sprach Zarathustra, 1883-91) sowie – in anderer Weise – für Sigmund Freud, dessen Psychoanalyse den Menschen rücksichtslos über sich selbst und seine Triebbestimmtheit aufklären wollte und dabei bemerkenswerterweise auf den antiken Mythos zurückgriff; so konnte Ödipus als Ausformung archaischer Strukturen des Seelenlebens interpretiert werden. In der Neugestaltung antiker Tragödien (wie Hofmannsthals Elektra, 1903) folgten die Dichter dieser Interpretation; die sich damals in Deutschland ausbreitende Strömung der Neuklassik bzw. des Neoklassizismus erschöpfte sich allerdings weitgehend in einer vordergründigen Aktualisierung der Stoffe des klassischen Altertums. Als Ausdruck der Opposition gegen die Dekadenzdichtung der Jahrhundertwende kommt ihr in jedem Fall symptomatische Bedeutung zu.

9. Die letzten hundert Jahre – Europäische Moderne

Wann beginnt das neue Literaturjahrhundert? Ein mögliches Datum stellt das Jahr 1902 dar mit dem Erscheinen von Hofmannsthals so genanntem Chandos-Brief (Ein Brief). Der fingierte Brief ist Dokument einer Sprachskepsis, einer Sprachkrise, die sich als Entstehungsort der modernen Literatur auffassen lässt. Die Problematisierung des Verhältnisses von Denken und Sprache, der Übereinstimmung von Sprache und Welt wird, philosophisch abgestützt u. a. durch Ludwig Wittgenstein, zu einem durchlaufenden Thema der Literatur des 20.  Jahrhunderts; sie erweist sich als eine Fragestellung, die zu immer neuen Antworten und damit zu künstlerischer Produktivität herausfordert. Das Reflexivwerden des Schreibens, die Thematisierung der Schreibprobleme werden zu einem Erkennungsmerkmal der Moderne.

9.1. Expressionismus

Aus dem Verlust des Vertrauens in die Sprache heraus wird zunächst schon die Destruktivität erklärlich, die den literarischen Expressionismus kennzeichnet. Die im Jahrzehnt zwischen 1910 und 1920 die Szene beherrschende Strömung beruhte wieder auf einem strikt antirealistischen, radikal subjektivistischen Kunstverständnis, sie setzte sich aber auf der Basis einer antibürgerlichen, auch pazifistisch-antinationalistischen Ausrichtung kritisch mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten auseinander. Die Konflikte wurden allerdings ins Grundsätzliche projiziert: In Vater-Sohn-Konflikten spiegelte sich der Bruch mit der bürgerlich-saturierten Lebensauffassung der älteren Generation, auch die Auseinandersetzung mit den Autoritätsstrukturen im wilhelminischen Deutschland, die Gestaltung von Identitätsproblemen und der Forderung nach dem „neuen Menschen” zielte kritisch auf die Akzeleration des sozialen und technischen Wandels in der industriellen Gesellschaft (wenn auch nicht so radikal wie im italienischen Futurismus). Die Expressionisten experimentierten mit einer neuen Bild- und Formensprache und brachen mit der konventionellen Syntax auch die alten Muster lyrischen Sprechens, dramatischer Gestaltung und realistischen Erzählens auf, um dem Erlebnis der Ichdissoziation durch poetische Ausstellung von Dissonanz und Normverletzung Ausdruck zu geben.

Die unterschiedlichen Ausprägungen dieser Strömung werden in der Lyrik repräsentiert durch Georg Trakl, Georg Heym, August Stramm oder Gottfried Benn, im Drama durch Reinhard Johannes Sorge, Walter Hasenclever (Der Sohn, 1914), Oskar Kokoschka (Mörder, Hoffnung der Frauen, entstanden 1907), Ernst Toller und Georg Kaiser, in der Erzählprosa durch Alfred Döblin, Albert Ehrenstein (Tubutsch, 1911) und durch Robert Müller, der in seinem vordergründig exotistischen Roman Tropen (1915) die inneren Sensationen einer Bewusstseinsexpedition gestaltete. Formal noch einen Schritt weiter ging hier Carl Einstein mit der absoluten Prosa seines Bebuquin (1912).

9.2. Dadaismus

Während der Expressionismus weitgehend auf den deutschsprachigen Raum beschränkt blieb, handelt sich beim Dadaismus um eine internationale Bewegung. Ihr Ausgangspunkt war das damalige Emigrantenzentrum Zürich, wo 1916 Hugo Ball das Cabaret Voltaire gründete, als Plattform einer Kunstrevolution, die er gemeinsam mit Tristan Tzara, Walter Serner, Richard Huelsenbeck und Hans Arp in Szene setzte. Die Gruppe setzte auf den Schock; in ihren Darbietungen von Unsinnspoesie attackierten sie die Kunst- und Kulturwerte des Bürgertums; schon die Namensgebung (angeblich auf Grundlage eines kindlichen Stammelworts) signalisiert die Stoßrichtung ihrer ästhetischen Rebellion. Dependancen des Dadaismus bildeten sich nach 1918 auch in Berlin (Huelsenbeck, George Grosz, Raoul Hausmann), Köln (Max Ernst) und Hannover (Kurt Schwitters), schon seit 1915 auch in New York (Francis Picabia, Marcel Duchamp). Aus der in Paris entstandenen Gruppe (André Breton, Louis Aragon, Philippe Soupault) ging in den zwanziger Jahren der Surrealismus hervor.

Expressionismus und Dadaismus verdienen Hervorhebung, weil sie über ihre eigene Epoche hinaus eine befreiende Wirkung auf die Literatur ausübten. Sprache wurde in einer neuen Weise, nämlich unter ihrem Materialaspekt, betrachtbar. Der eingangs apostrophierte Roman Ulysses ist ohne die Zerstörung eines naiven Sprachverständnisses nicht denkbar, und tatsächlich hatte ja James Joyce seit 1915 in Zürich gelebt, wo er mit Hans Arp und anderen Dadaisten in Kontakt stand; seit 1920 lebte er in Paris; dort erschien auch 1922 die erste Ausgabe des Ulysses.

9.3. Literatur als Existenzanalyse

Nicht alle epochalen literarischen Leistungen speisten sich aus den Quellen moderner Sprachskepsis und Sprachzertrümmerung. Zeitlich parallel zu den angesprochenen „Ismen” entstand das Werk von Franz Kafka, das – im Rahmen seiner verspäteten Rezeption – wie wenig andere zu immer neuen Deutungsversuchen herausgefordert hat, ohne dass sich seine Substanz erschöpft hätte. Die von seinem Freund Max Brod propagierte Lesart, wonach der Schlüssel zum Verständnis in der jüdischen Mystiktradition liege, ist nur eine von vielen möglichen; unabhängig davon können Romane wie Das Schloß und Der Prozeß (1914/15; erschienen 1925) oder Erzählungen wie Die Verwandlung, Das Urteil oder In der Strafkolonie als Gestaltungen der unaufhebbaren Weltfremdheit des Menschen verstanden werden. Die einfache, aber bestürzend präzise Sprache Kafkas lässt ihre in rätselhafte Symbolik eingebetteten Spiegelungen einer labyrinthischen Daseinserfahrung gleichsam als überzeitlich gültige erscheinen.

An diesem Punkt der Überlegungen stellt sich die Frage: Gibt es Schlüsselwerke, Werke, in denen sich das Jahrhundert wiedererkennt? Neben Kafka und Joyce denkt man an Albert Camus, an Samuel Beckett, an Jean-Paul Sartre, vielleicht an Thomas Bernhard. Ihnen allen gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Seins und die weitgehend pessimistische Deutung der Condition humaine. Albert Camus knüpfte explizit an Kafka an, als er seine Schrift Der Mythos des Sisyphos (1942) schrieb, in welcher die Sinnlosigkeit des Daseins als unentrinnbares Schicksal des Menschen erscheint; eine Flucht ins Metaphysische, in Glaubenswelten der Religion oder Ideologie, bringt keine Rettung. Auf dieser Philosophie des Absurden beruht auch sein Roman Der Fremde (1942), während der 1947 erschienene Roman Die Pest stärker die moralische Kraft hervorhebt, die aus der Auflehnung gegen diese Ausweglosigkeit fließt (hierin vergleichbar auch der Essaysammlung Der Mensch in der Revolte, 1951). Jean Paul Sartre entwickelte – nach negativistischen Ansätzen im Frühwerk (Roman Der Ekel, 1938) – aus der Einsicht in die Situation des zur Freiheit verdammten Menschen (seinem „Geworfensein”) heraus eine Philosophie (Das Sein und das Nichts, 1947), die in Kombination von existentialistischen mit marxistischen Gedanken in einer Verantwortungsethik resultierte. Diesen auf Veränderung der Praxis bezogenen Existentialismus hat Sartre, im Sinne der von ihm propagierten Littérature engagée, mehrfach in Dramen (Bei geschlossenen Türen, 1944; Die schmutzigen Hände, 1948) und Romanen (Tetralogie Die Wege der Freiheit, 1945-1981) artikuliert.

9.4. Absurdes Theater

Die nihilistisch-existentialistische Deutung des menschlichen Seins, obwohl bereits in den dreißiger Jahren entstanden, gewann ihre schreckliche Aktualität in vollem Umfang erst nach 1945, als der durch Krieg und Völkermord erlittene Totalverlust der Humanität ins Bewusstsein trat. Das daraus entstandene Sinnvakuum fand seine überzeugende Gestaltung in den Stücken Samuel Becketts, vor allem in Warten auf Godot (entstanden 1948, uraufgeführt 1953) und Endspiel (1957), als Parabeln der absoluten Ausweglosigkeit beides Jahrhundertwerke im oben erfragten Sinne. Der Ire Beckett, der Ende der zwanziger Jahre nach Lektüre des Ulysses die Bekanntschaft mit Joyce gesucht hatte und zeitweise als dessen Sekretär tätig war, war durchdrungen von der Idee, im Kunstwerk eine ästhetische Verdichtung von Welt leisten zu können. Seine Dramen werden dem absurden Theater zugerechnet, und mindestens in seinen Mitteln zeigt er sich ihm verbunden. Das absurde Drama knüpft u. a. an Dadaismus und Surrealismus, auch an das Theater der Grausamkeit von Antonin Artaud an und bedient sich der Groteske, des Komödiantischen, bisweilen des Makabren; es führt die Figuren in sinnlosen Dialogen oder eigentlich Monologen vor, in Pantomimik, in verfehlter Kommunikation, zeigt sie als Marionetten. Eugène Ionesco (Die kahle Sängerin, 1950; Die Nashörner, 1959), Fernando Arrabal, Jean Genet lieferten hierzu die wesentlichen Beiträge. Das absurde Theater, das sich in demonstrativ untragischer Grundhaltung mit der Sinnfrage menschlicher Existenz auseinandergesetzt hat, gehört ohne Zweifel zur literarischen Signatur des Jahrhunderts.

9.5. Zeitromane

Das Thema ist freilich groß und so umfassend, dass man ebenso gut behaupten könnte, dass an ihm alle Anteil haben, die je ein literarisches Werk von Bedeutung geschrieben haben. Denn ist nicht Thomas Mann mit dem Zauberberg 1924 ein bedeutender Zeitroman gelungen, oder gibt nicht auch z. B. Alfred Döblins Geschichte des Franz Biberkopf in seinem Roman Berlin Alexanderplatz (1929), der übrigens von der Literaturkritik mit dem Ulysses verglichen worden ist, Auskunft über das Leben, wie es ist? Und wird nicht Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften (1930-1943), der die „hypothetische Existenz” seiner Zentralgestalt reflektiert, von vielen als ein Gipfelpunkt der Literatur des 20. Jahrhunderts betrachtet, obwohl oder gerade weil er Fragment geblieben ist? In der Hervorhebung einzelner Autoren und Werke aber liegt natürlich immer auch eine Ungerechtigkeit anderen gegenüber.

10. Drittes Reich und Exil

Keine Ungerechtigkeit liegt dagegen in der Feststellung, dass im Dritten Reich kein literarisches Werk von Rang entstanden ist; der vom antifaschistischen Widerstand erhobene propagandistische Vorwurf der Kulturbarbarei traf die realen Verhältnisse. Auch die Schriftsteller der Inneren Emigration litten unter dem Druck, der von dem nationalsozialistischen Terrorregime ausging, und flüchteten sich fast durchgehend in einen ästhetischen Traditionalismus. Dagegen lehnten sich die aus Deutschland ins Exil getriebenen Autoren erfolgreicher gegen die Einengungen auf, die ihnen das Leben in der Fremde auferlegte: gegen Sprachverlust, Verlust des Publikums und damit ihres Resonanzraumes, gegen den drohenden Verlust auch ihrer kulturellen Identität. Mindestens einige Romane von Anna Seghers (Das siebte Kreuz, 1942; Transit, 1944/48), Thomas Mann (Doktor Faustus, erschienen 1947) oder die Gedichte und Prosa Bertolt Brechts (Svendborger Gedichte, 1939, Flüchtlingsgespräche, entstanden zwischen 1940 und 1944) verdienen, in diesem Zusammenhang genannt zu werden. Der von Hermann Broch, einem der großen Romanciers des 20. Jahrhunderts, im amerikanischen Exil geschriebene Roman Tod des Vergil (1945) – als monumentaler Innerer Monolog ein fast experimentell zu nennender Text – steht symbolisch für das im literarischen Exil entstandene Bedürfnis, sich mit zeitgemäßen literarischen Mitteln der abendländischen Kulturtradition zu versichern.

11. Deutsche Literatur nach 1945

Die literarische Aufarbeitung der politischen und menschlichen Katastrophe des Nationalsozialismus nach 1945 stellte ein fast unlösbare Aufgabe dar; wenige nur haben Worte für das Unsagbare des Holocaust gefunden, namentlich Paul Celan, Rose Ausländer und Nelly Sachs, sie alle direkt betroffen von der Erfahrung der Verfolgung und Gefährdung. Die erzählerische Auseinandersetzung mit den erlittenen Beschädigungen, eine Bestandsaufnahme der Schuld, auch der Werte, auf die noch gebaut werden konnte, führte Heinrich Böll in Kurzgeschichten (Der Zug war pünktlich, 1947) und Romanen (Wo warst du, Adam?, 1951); danach wandte er sich der Situation in Nachkriegsdeutschland zu und wurde zum wichtigsten Protagonisten der Trümmerliteratur (Haus ohne Hüter, 1954). Der weiteren Entwicklung folgend, wurde der Moralist Böll zum Kritiker der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft, so mit den nach Mustern des Schelmenromans angelegten Ansichten eines Clowns (1963).

Als Chronist des Wirtschaftswunders trat ihm seit 1960 mit Ehen in Philippsburg sowie Halbzeit (als erster Teil der so genannten Kristlein-Trilogie) Martin Walser zur Seite. 1959 erschien mit Günter Grass’ Die Blechtrommel (1959) jenes Werk, das eine Bestandsaufnahme der Kriegs- und Nachkriegsentwicklung auf höchstem künstlerischem Niveau lieferte. Dieser Wurf blieb im Ganzen gesehen unwiederholt, bei Grass selbst, aber auch bei anderen Autoren, die mit ihren Werken zur Vergangenheitsbewältigung beizutragen suchten, wie Siegfried Lenz mit dem Roman Die Deutschstunde (1969). Der Auseinandersetzung mit den von der deutschen Teilung geschlagenen Wunden widmete sich Uwe Johnson; sein vierteiliger Romanzyklus Jahrestage (1970-84) gilt als ein Jahrhundertwerk der deutschen Literatur.

Die sechziger Jahre waren gekennzeichnet von einer fortschreitenden Politisierung der Literatur; damals erlebte das Werk von Bertolt Brecht einen Rezeptionsschub in der Bundesrepublik; seine marxistische Kritik der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung fügte sich nahtlos in die Vorstellungen und Ziele der Studentenbewegung von 1968 ein, die eine andere als die gesellschafts- und systemkritische Literatur nicht gelten lassen wollte. In der DDR hatte Brecht einen vergleichsweise schwierigen Stand gehabt; den widrigen Umständen zum Trotz entstand dort aber in den sechziger und siebziger Jahren eine interessante Literaturlandschaft. Anders als die Verhältnisse im Dritten Reich liefert diese Autorenszene eine Anschauung davon, wie in einem von Zensur und gegenseitiger Bespitzelung gekennzeichneten System das Schreiben zum Instrument der Selbstbehauptung werden kann. Dafür stehen die Namen von Christa Wolf (Der geteilte Himmel, 1963; Kindheitsmuster, 1976), Stephan Hermlin, Volker Braun, Günter de Bruyn oder Stefan Heym. Die produktive Auseinandersetzung mit der spezifischen Lebens- und Schreibsituation im real existierenden Sozialismus, auch mit den wechselnden literaturpolitischen Vorgaben der Partei- und Staatsführung, endete mit dem Fall der Mauer 1989; die Aufhebung der Einengungssituation, auch die folgenden Auseinandersetzungen um die Verstrickungen von Autoren in den Staatssicherheitsdienst paralysierten die Literaturszene in den neuen Ländern in einem sehr weit gehenden Maße.

Aber auch die Literatur in den alten Bundesländern hat sich aus ihrer schon länger andauernden Krise seither nicht erholt. Die zwischen Kommerzialisierung und übersteigerter Autoreflexivität schlingernde Autorenschaft findet den Punkt nicht, an dem sie die ihr zugedachte Arbeit, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, erbringen könnte. Das 20. Jahrhundert, das mit permanenten Aufständen gegen die Normen und Konventionen der jeweils vorangegangenen Generation begonnen hatte, endet in einer geradezu unheimlichen Stille.

11.1. Impulse aus der Schweiz und Österreich

Innerhalb der deutschsprachigen Literatur nach 1945 ist auch die schweizerische Literatur zu berücksichtigen: Max Frisch im Roman (Homo faber, 1957) und Friedrich Dürrenmatt als Dramatiker (Der Besuch der alten Dame, 1956) gehörten über Jahrzehnte zu den am meisten beachteten Autoren. Auch aus Österreich, wo mit der Wiener Gruppe und der Grazer Autorengruppe die vielseitigsten und produktivsten Avantgardekonstellationen nach 1945 entstanden waren, kamen wichtige Impulse; vor allem Peter Handke, der zunächst mit sprachexperimentellen szenischen Texten (Publikumsbeschimpfung, 1966; Kaspar, 1966) auf sich aufmerksam gemacht hatte, entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nach seinen verschiedenen Wendungen – von der Sprach- und Bewusstseinskritik zur Neuen Innerlichkeit (Der kurze Brief zum langen Abschied, 1972) und von dort zu einer „neuen Feierlichkeit” (Über die Dörfer, 1981) – polarisierte der Querdenker Handke mit fast jeder seiner literarischen Arbeiten (wie etwa mit dem Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht, 1994) die Literaturkritik.

Zusammen mit Handke bildete Thomas Bernhard, bis zu seinem Tod 1989, die Doppelspitze der österreichischen Literatur; er hat seit seinem ersten Roman Frost (1963) und bis zu seinem letzten Drama Heldenplatz (1988) in beiden Gattungen Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts geschaffen, unter denen der Roman Auslöschung (1986) und das Drama Der Ignorant und der Wahnsinnige (1972) noch besondere Hervorhebung verdienen. Der an Schopenhauer orientierte Pessimismus gewinnt in musikalisch durchkomponierten Sprachlabyrinthen eine Einheit von Form und Gehalt, die Kommentatoren seines Werks zu Vergleichen mit Kafka und Beckett veranlasst hat. In jüngster Zeit hat Elfriede Jelinek sich in die erste Reihe der deutschsprachigen Autoren geschoben; auch in ihrem Werk (Roman Die Kinder der Toten, 1995; Theaterstücke Stecken, Stab und Stangl, 1996; Sportstück, 1998) verbindet sich ein hoch entwickeltes Form- und Sprachbewusstsein mit gesellschaftskritischer Attacke.

12. Internationale Literatur nach dem 2. Weltkrieg

Kehren wir noch einmal in das Jahr 1945 zurück: In internationaler Perspektive war es die Erfahrung des Totalitarismus, sowohl des nationalsozialistischen wie des stalinistischen, die zur literarischen Auseinandersetzung drängte. George Orwells politische Fabel Animal Farm (1945) wie auch sein als negative Utopie angelegter philosophischer Sciencefictionroman 1984 (1949) gaben einem pessimistischen Geschichtsbild Ausdruck. Die in der Sowjetunion selbst entstandene Dissidentenliteratur hatte in Alexander Solschenizyn ihren bedeutendsten Vertreter. Mit seiner aus den Erlebnissen im Straflager geschöpften Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962) bekannt geworden und 1970 nach weiteren Veröffentlichungen (u. a. Der erste Kreis der Hölle, 1968) mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, wurde er nach Veröffentlichung des dokumentarischen Berichts Archipel GULAG 1974 ausgewiesen und lebte in den USA, bis er nach dem Sturz des Sowjetsystems 1991 nach Russland zurückkehrte. Auch die wechselvollen Schicksale der Dissidentenschriftsteller in Osteuropa (wie etwa jene von Vaclav Hável oder Imre Kertesz) müssen als charakteristischer Bestandteil der Jahrhundertbilanz berücksichtigt werden.

Dass in den vergangenen Jahrzehnten sich das Konzert der europäischen Literatur immer stärker, bis zur Unübersichtlichkeit, verdichtet hat, ist eine Folge auch der fortschreitenden Internationalisierung des Buchmarkts, der Zunahme der Übersetzungen bzw. des Lizenzgeschäfts, der Verdichtung der literarischen Kommunikation über die Grenzen hinweg. Die Autoren der spanischen und niederländischen Gegenwartsliteratur, ein Javier Marias oder Cees Noteboom, sind in der literarischen Szene Deutschlands ebenso präsent wie jene der dänischen, italienischen oder portugiesischen, etwa mit Peter Høeg, Luigi Malerba und Jóse Saramago. Dazu kommt die starke Präsenz der US-amerikanischen Autoren, John Updike, William Gaddis, Paul Auster usw. Was der Entstehung einer europäischen Literatur nützt, könnte für die nationalen literarischen Kulturen zum Problem werden; die Kommunikationsituation wird diffus, die heimischen Autoren sehen sich einer stark zunehmenden Konkurrenz gegenüber; die Forderung der Verlage, in der Wahl der Stoffe, der Genres und der Schreibweise auf die Möglichkeit einer internationalen Rechteverwertung zu achten, wirkt nicht immer beflügelnd.

Der Ökonomismus beherrscht die Programmpolitik der in konzernartigen Verflechtungen agierenden Verlage aber in zunehmendem Maße. Die Dynamik des literarischen Prozesses beruht aber nicht allein auf den ökonomischen Motiven der Beteiligten; zwar war die Aussicht auf Gewinne, materielle wie symbolische, seit den Olympischen Spielen der Antike für Autoren immer ein starker Faktor, aber nur selten liefert der Verweis auf pekuniäre Interessen eine hinreichende Erklärung für die Entstehung des großen literarischen Werkes.

13. Einsichten

Was sind nun, im Jahrtausendrückblick betrachtet, die Bedingungen, unter denen große Werke entstehen? Über die Jahrtausende gesehen, scheint die Literatur gegenüber politisch-gesellschaftlichen Systemen und Konstellationen indifferent zu reagieren: Literarischer Innovation und Produktivität war die griechische Polis ebenso günstig wie in Rom die Ära des Kaisers Augustus, ähnlich wie dies von der höfischen Kultur des Hochmittelalters oder der absolutistischen Monarchie eines Ludwig XIV. und gleichermaßen von der konstitutionellen Monarchie in England gesagt werden kann. Die deutsche Klassik entwickelte sich unter den Bedingungen des Duodezfürstentums, ohne die Hauptstadtkultur, um die man damals schon Paris und London beneidete, und hundert Jahre später war unter einem kunstfeindlichen Regenten wie Wilhelm II. mit Naturalismus oder Expressionismus die Entstehung von Literaturrevolutionen möglich. Wie Friedenszeiten oder ökonomische Saturiertheit, die Sicherheit demokratischer Gesellschaften der literarischen Arbeit förderlich sein konnten und können, beweisen in der Gegenwart die Autoren vieler Länder; ebenso ließe sich das Entstehen großer Werke auch für Zeiten des Krieges, der Not, der politischen Unterdrückung, der Tyrannis und des Exils statuieren.

Wir stellen fest: Es gibt keine idealen Bedingungen für die Entstehung großer Werke. Und weiter gilt: Das Schreiben eines überzeugenden Romans oder auch nur eines Gedichts ist heute nicht einfacher als vor zweitausend Jahren. Wie seit jeher muss mit jeder Zeile ein ausbalanciertes, reflektiertes Verhältnis zwischen Sprache und Welt, zwischen dem schreibenden Individuum einerseits und Zeit und Gesellschaft andererseits hergestellt werden. Die Akkumulation literarischer Mittel und Erfahrung löst dieses Problem des Schöpferischen nicht, sie macht uns aber reicher – und klüger.

Denn im Blick auf diesen Reichtum fallen am Ende weniger die Variablen ins Auge als die Konstanten. Erzählen z. B. ist und bleibt eine Grundform der Weltaneignung und Weltvermittlung. Daher auch wird eine „neue Einfachheit” im Erzählen immer wieder neu entdeckt. Ähnlich ist es mit dem Theater und anderen Urformen; unsere Ansichten über das Komische, das Tragische, das Satirische, das Lyrische sind offenbar veränderlich, aber nicht beliebig wandelbar; sie erscheinen gleichsam als anthropologische Konstanten. Die alten Mythen, ob jener Mythos des Odysseus oder jene der Verwandlungen des Ovid (Christoph Ransmayr), ob Kassandra oder Medea (Christa Wolf), bewähren sich als unerschöpfliches kollektives Gedächtnis der Menschheit. Das Gewesene ist tatsächlich nicht das endgültig Vergangene, sondern es ist das Fortwährende …