| Millennium: Literatur | Artikelansicht | ||||
| Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken. | |||||
| 2. | Die Literatur der Antike (1000 v. Chr. bis 1 n. Chr.) |
| 1. | Die Entstehung der Gattungen und Dichtarten |
Die Geschichte der Literatur im europäisch-vorderasiatischen Kulturraum umfasst gut vier Jahrtausende, denn früheste Formen einer Überlieferung treten bereits um 2000 v. Chr. innerhalb der babylonischen Literatur mit den Keilschriftaufzeichnungen des Gilgameschepos auf, und auch die Vorgeschichte der griechischen Literatur setzt im 2. Jahrtausend an, in der minoisch-mykenischen Kultur. Aufgrund einer spärlichen Überlieferung liegt hier vieles im Dunkeln. Es muss jedoch um 1000 v. Chr. bereits ein literarisches Leben von beachtlicher Lebendigkeit gegeben haben: Die Homer zugeschriebenen Epen vermitteln keineswegs den Eindruck tastender Anfänge, sondern markieren einen ersten Höhepunkt der abendländischen Literaturtradition. Schon in dieser Frühzeit, im 7. Jahrhundert, bildeten sich zahlreiche Gattungen und Genres aus: Neben die von unbekannten Verfassern stammenden Helden- und Götterepen, von denen eine Anzahl fragmentarisch erhalten sind, traten das Lehrgedicht eines Hesiod, die Fabeln des Äsop und verschiedene Formen der Lyrik, die Chorlyrik dorischer Dichter oder die monodische Lyrik, wie die Liebes- und Freundschaftsgedichte der Sappho, aber auch die Trinklieder des Anakreon, die Spottgedichte eines Archilochos oder reflektierende Lyrik, z. B. Elegien und Epigramme, später auch die Oden Pindars.
In die attische Zeit zwischen dem sechsten und dem vierten vorchristlichen Jahrhundert fiel die Geburtsstunde des Dramas, mit den drei großen Tragikern Aischylos, Sophokles und Euripides sowie dem Komödiendichter Aristophanes. Jeder von ihnen hat auf seine Weise Maßstäbe gesetzt: Aischylos war als Verfasser von rund 90 Stücken, darunter der Orestie, und durch Einführung von Kostüm und Bühnenbild der Begründer der Gattung Tragödie; Sophokles schuf mit seinem König Ödipus das Urbild des analytischen Dramas, in welchem Handlung und dramatischer Konflikt sich aus der schrittweisen Enthüllung des zuvor Geschehenen ergeben; Euripides fügte durch realistisch psychologisierende Zeichnung der Charaktere (wie in seiner Medea) dem Drama neue Dimensionen zu. Die von Aristophanes inaugurierte Alte attische Komödie leitete aus volkstümlichen Belustigungen über in eine theatralische Kunstform, die mit der Mittleren und schließlich mit der Neuen Komödie des Menander einen weiteren Höhepunkt erreichte. Hatte Aristophanes die politischen, gesellschaftlichen und geistig-kulturellen Verhältnisse aufs Korn genommen, so zielten Menanders mehr als hundert Stücke, wenn auch in alltagsrealistischer Einkleidung, auf allgemeine menschliche Schwächen. In der Rhetorik eines Isokrates und Demosthenes erreichte nicht allein die Redekunst, sondern auch die griechische Prosa hohe Meisterschaft; aus dem Arsenal der hier erdachten Mittel zur schmuckvollen, wirksamen Gestaltung gesprochener Sprache schöpfen wir noch heute.
Es sollte auch nicht all zulange dauern, bis – in griechisch-römischer Zeit, im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert – auch Romane entstanden, mit denen prototypisch eine Gattung geschaffen war, die ihren Siegeszug erst sehr viel später antreten sollte. Immerhin übten der Hirtenroman des Longos (Daphnis und Chloe) oder die Werke des Heliodor auf den spanischen Roman (Cervantes) und den deutschen Barockroman nicht unbeträchtlichen Einfluss aus. Maßstäbe für das satirische Schreiben setzte Lukian mit Prosadialogen wie den Göttergesprächen oder mit seinen Wahren Geschichten, einem Reise- und Abenteuerroman, in welchem er die alten Geschichtsschreiber wie Herodot persiflierte. Lukian war keineswegs der Erste, der hoch geachtete literarische Genres zum Gegenstand der Parodie machte; bereits Jahrhunderte zuvor (namentlich im 4. bis 3. Jahrhundert v. Chr.) war mit dem Froschmäusekrieg (Batrachomyomachia) das Heldenepos zum Gegenstand spöttischer Nachahmung geworden.
| 2. | Anfänge der Poetik |
Auch in der Literaturtheorie lagen bereits seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. die größten Errungenschaften vor. Allen voran war es Aristoteles, der in seiner Poetik die fundamentalen Möglichkeiten dichterischer Schöpfung reflektiert hatte, in einem Maß, das noch Jahrtausende später (und in mancher Hinsicht bis heute) den poetologischen Diskurs bestimmt hat. Dies gilt für die Tragödientheorie und die Frage nach der Natur des Tragischen, die neben dem französischen Klassizismus und Gottsched oder Lessing auch noch Bertolt Brecht bei seiner Konzeption des antiaristotelischen Epischen Theaters beeinflusst hat. Es gilt vor allem auch für das allgemeine Prinzip der Naturnachahmung (Mimesis), das noch in den Realismustheorien des 19. Jahrhunderts nachwirkte und erst im 20. Jahrhundert – aber auch nur im Rahmen der literarischen Avantgarde – abgelöst wurde von Positionen, die den Zeichencharakter von Literatur hervorheben. Dass die Poetik des Aristoteles nur fragmentarisch erhalten geblieben ist und dass gerade die Abschnitte zur Komödie und zur Natur des Lachens verloren gegangen sind, könnte im Blick auf diese Wirkungsgeschichte als folgenschwer betrachtet werden; Umberto Eco hat diesen Sachverhalt in seinem so erfolgreichen Roman Der Name der Rose zum Angelpunkt einer Handlung gemacht, deren Tiefsinn nicht immer durchschaut worden ist. In der von aller Transzendenz unbelasteten Weltfreude der heidnischen Antike bildete sich jener epochale Gegensatz zur Denkungsart des Christentums ab, der auch über das Schicksal der Literatur bis weit in die Neuzeit herauf bestimmen sollte.
| 3. | Die Literatur der Römer |
Die Ansätze der griechischen Literatur wurden von den Römern in fast allen Punkten aufgenommen und fortgeschrieben, allerdings mit neuen Facettierungen und neuen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen. An ihrem Beginn stand die Übersetzung der homerischen Odyssee durch Livius Andronicus; es folgten die Dramen und epischen Werke des Quintus Ennius, der freie Übertragungen der Tragödien des Euripides schuf und mit seinen in Versen geschriebenen Geschichtswerk, den Annales, dem römischen großen Gründungs- und Nationalmythos den Boden bereitete, den nachfolgend (im sprichwörtlich gewordenen Augusteischen Zeitalter, dem ersten vorchristlichen Jahrhundert) Vergil in seiner Aeneis gestalten sollte. Dieses Epos knüpft zwar in Stil und Aufbau an das Vorbild der Epen Homers an, anders als bei der Ilias aber handelt es sich hier nicht um eine Zusammenführung von Elementen volkstümlicher Überlieferung, sondern um das erste große kunstliterarische Epos, Ergebnis einer elfjährigen Arbeit Vergils, der auf Wunsch von Kaiser Augustus in dem Werk dem Aufstieg Roms ein Denkmal setzen sollte. Wie in der Epik, so knüpften die Römer auch in der Dramatik an die Griechen an, vor allem in der Komödie. Beispiele dafür liefern die Stücke von Plautus und (eleganter als diese) die Komödien des Terenz. Auch in der Lyrik zeigt sich ein ähnliches Bild: Catulls Gedichte orientierten sich an griechischen Vorbildern (vor allem an der Sappho), setzten aber doch so starke neue Akzente, dass sie eineinhalb Jahrtausende später zum entscheidenden Anknüpfungspunkt der Liebeslyrik der Renaissance werden konnten.
In der Liebeselegie entwickelten die römischen Dichter einen ganz eigenständigen Ton, nach Catull folgten in diesem Genre Tibull, Properz und schließlich Ovid. Als Autor des Versepos über die Verwandlungssagen, der Metamorphosen, bildete Ovid, gemeinsam mit Vergil und Horaz, ein dichterisches Dreigestirn von höchster, epochenübergreifender Strahlkraft. Horaz, der Vergil in der Würde des Poeta laureatus Roms nachfolgte, hatte sich seinen Nimbus nicht allein mit seinen Oden, unvergänglichen Mustern lyrischen Sprechens, erworben; hohen Rang behaupteten seine Episteln und vor allem seine Satiren, in denen er Lucilius gefolgt war; die Ausformung der Satire als literarische Gattung gilt denn auch als eine eigenständige Leistung der römischen Literatur. Unter wirkungsgeschichtlichem Aspekt überragend war die Poetik des Horaz (sein Brief De arte poetica ad Pisones): Das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, eine Funktionsbeschreibung der Literatur, deren Geltung durch die um 1800 propagierte Lehre von der Autonomie der Kunst im Grunde nur unterbrochen, aber niemals völlig außer Kurs gesetzt worden ist. Horaz starb 8 v. Chr., elf Jahre nach Vergil; Ovid musste als Verfasser der Ars amatoria im Jahr 8 n. Chr. ins Exil ans Schwarze Meer, wo er seiner Klage bewegend Ausdruck gab (Tristia ex Ponto) und vermutlich neun Jahre später starb. Damit ging just um die Zeitenwende eine Blütezeit nicht allein der römischen Dichtung (Goldene Latinität) zu Ende, sondern auch ein außerordentlich fruchtbares Jahrtausend der Literaturgeschichte.
Was mit diesen Hinweisen zu zeigen war: Um Christi Geburt lagen die wichtigsten literarischen Ausdrucksformen bereits in weitestem Umfang vor; das Epische, das Dramatische und das Lyrische waren als Grundgattungen und darüber hinaus als elementare Kategorien, als Naturformen poetischen Sprechens erkannt und auch praktisch erprobt. Denn wie in der Reflexion über das Wesen von Literatur und über das, was sie bewirken kann und möchte, zu diesem Zeitpunkt bereits die entscheidenden Stichworte formuliert gewesen sind, so zeigten sich in den Werken der griechischen und römischen Autoren die großen literarischen Hauptgattungen aufgefächert in eine Vielzahl von Dichtarten und Tonlagen. Die Dichter und Schriftsteller späterer Zeiten – sehr viel späterer Zeiten! – haben ein reiches Erbe vorgefunden; sie haben an diesen Reichtum entweder angeknüpft und sich an dieser Vorgabe gemessen oder aber sich am Widerstand gegen diese Vorgaben abgearbeitet.