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| 3. | Die Zweite Internationale |
Im Juli 1889, zur Einhundertjahrfeier des Beginns der Französischen Revolution, gründeten sozialistische Parteien aus 20 Ländern auf deutsche Initiative in Paris die Zweite Internationale. Die Zweite Internationale verstand sich als lockere Föderation selbständiger sozialistischer Parteien, verfügte in den Anfangsjahren auch nicht über eine feste Organisation und ständige Organe, stimmte ihre Arbeit lediglich auf in unregelmäßigen Abständen tagenden Kongressen ab. Erst 1900 wurde mit dem Internationalen Sozialistischen Büro (ISB) ein ständiges Koordinations- und Informationsorgan eingerichtet.
Die Zweite Internationale bekannte sich mehrheitlich zum Marxismus. Schon auf ihrem Gründungskongress erklärte sie die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise zu ihrem Ziel; zur unmittelbaren Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft forderte der Gründungskongress die Einführung des Achtstundentages und erklärte den 1. Mai zum Kampftag für den Achtstundentag. Wesentlich beeinflusst vom Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokraten von 1891 (siehe Sozialdemokratische Partei Deutschlands: Neuformierung und Aufstieg der SPD), legte sich die Zweite Internationale auf ihrem Londoner Kongress 1896 programmatisch auf das schon auf dem Gründungskongress formulierte Ziel – die Übernahme der politischen Macht auf parlamentarischem Wege und die anschließende Übernahme der Produktionsmittel durch das Proletariat – fest und schloss sich damit endgültig gegenüber anarchistischen Gruppierungen ab.
Die Kongresse der Zweiten Internationale, besonders die Kongresse nach der Wende zum 20. Jahrhundert, waren immer wieder Schauplatz grundsätzlicher Auseinandersetzungen: Zunächst bestimmte die Revisionismusdebatte die Strategiediskussion der Internationale, d. h. die Auseinandersetzung zwischen reformistischen und revolutionären Kräften, wobei die Beschlüsse der Kongresse weiterhin im Wesentlichen einer orthodox-marxistischen Linie folgten, in den einzelnen Mitgliedsparteien und den Gewerkschaften aber zunehmend die reformistischen, pragmatischen Kräfte zu dominieren begannen. Der Stuttgarter Kongress 1907 befasste sich dann vor dem Hintergrund eines drohenden Krieges vor allem mit der Frage, wie sich die Internationale und die einzelnen Mitgliedsorganisationen im Kriegsfall verhalten sollten. Prinzipiell gegen den Krieg, besonders gegen einen imperialistischen Krieg, rang sich der Kongress auf Betreiben einiger der Mitgliedsorganisationen zu einem Kompromiss durch: In seinem Beschluss sprach sich der Stuttgarter Kongress gegen den Krieg aus, gestand den nationalen Organisationen aber das Recht auf Vaterlandsverteidigung zu.
Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 übten nahezu alle sozialistischen Parteien den Schulterschluss mit ihren jeweiligen Regierungen und verpflichteten sich zum Burgfrieden gegenüber ihren Regierungen – nationale Bindungen hatten sich als stärker erwiesen als Internationalismus und Klassenbewusstsein. Über dieser Zustimmungspolitik ihrer Mitglieder zerbrach die Zweite Internationale. Die Versuche linkssozialistischer Gruppen auf den Konferenzen von Zimmerwald (1915) und Kienthal (1916), die Internationale wieder zu beleben, scheiterten; die Linkssozialisten hatten sich kompromisslos gegen den Krieg und gegen die Burgfriedenspolitik der sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteien ausgesprochen.
| 1. | Sozialistische Internationale |
1919 gründeten reformistische Kräfte die Zweite Internationale neu; 1921 entstand in Wien in Reaktion auf die Gründung der Dritten Internationale die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (auch Wiener bzw. Zweieinhalbte Internationale), zu der sich verschiedene linkssozialistische Parteien und Gruppierungen zusammenfanden und die die Spaltung der Internationale in die reformistische, wieder belebte Zweite und die kommunistische Dritte Internationale zu überwinden suchte. Im Mai 1923 fusionierten die wieder gegründete Zweite und die Wiener Internationale zur Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI). Zu Beginn des 2. Weltkrieges löste sich die SAI 1940 auf; 1947 wurde in London als Nachfolgeorganisation das Committee of International Socialist Conferences (COMISCO) gegründet, das 1951 in Frankfurt am Main in die Sozialistische Internationale (SI) umgewandelt wurde.
Die SI verstand sich von Beginn an als loser Zusammenschluss sozialistischer, sozialdemokratischer und Arbeiterparteien und bekannte sich zum Prinzip des demokratischen Sozialismus. Nach ihrer Gründung 1951 konzentrierte sich die SI zunächst auf den westeuropäischen Raum, entwickelte sich dann aber bald zu einer weltweiten Organisation und integrierte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989/90 sukzessive auch die wieder oder neu gegründeten sozialdemokratischen Parteien Mittel- und Osteuropas in ihre Reihen. Unterdessen wuchs die Mitgliederzahl der SI auf etwa 130 Parteien und Verbände an. Als Präsidenten der SI amtierten u. a. Bruno Pittermann (1964-1976, SPÖ), Willy Brandt (1976-1992, SPD), Pierre Mauroy (1992-1999, Parti Socialiste) und António Guterres (seit 1999, Partido Socialista).