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| 4. | Taubheit und Isolation |
Schon 1796 traten erste Anzeichen eines Gehörleidens auf, das bei Beethoven das Gefühl einer gesellschaftlichen Isolation immer stärker werden ließ. Er verließ Wien nur noch zu kürzeren Reisen nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin sowie für Kur- und Badeaufenthalte. Den Sommer verbrachte er in der Regel in der Umgebung von Wien (meist in Heiligenstadt), im Herbst zog er nach Wien zurück. Im „Heiligenstädter Testament” offenbarte er 1802 seinen Brüdern die Verzweiflung über die zunehmende Taubheit. Dennoch entstanden gerade in diesen Jahren Schlüsselwerke seines voll ausgebildeten, hochklassischen Stils: Seinem Schüler Carl Czerny gegenüber sprach er 1802 von einem „neuen Weg”, den er jetzt einschlagen werde. Im selben Jahr entstanden die bedeutenden drei Klaviersonaten op. 31. 1803 komponierte er nicht nur die ursprünglich Napoleon gewidmete 3. Sinfonie in Es-Dur (op. 55, Eroica), mit der er der Sinfonie völlig neue Wege eröffnete, sondern auch die große Waldstein-Klaviersonate (C-Dur op. 53) sowie u. a. das Oratorium Christus am Ölberge (op. 85). 1805 schrieb er die Appassionata-Klaviersonate (f-Moll op. 57) sowie Leonore, die erste Fassung seiner Oper Fidelio. Sie wurde während der französischen Besetzung Wiens mehrfach aufgeführt, konnte sich aber nicht durchsetzen. 1806 entstanden u. a. das Violinkonzert (D-Dur op. 61), 1807/08 die 5. Sinfonie (c-Moll op. 67) und die 6. Sinfonie (F-Dur op. 68, Pastorale). Gerade in der Behandlung des Orchesters lässt sich ein enormer Unterschied zu den Werken der ersten Wiener Jahre erkennen: Das Orchester wurde nun zum entscheidenden „Instrument” Beethovens. Die Kompositionstechniken, die er hier entwickelte, prägten nun auch seine nichtorchestralen Werke.
Ab 1805 schränkte Beethoven seine sozialen Kontakte zunehmend ein. Ein Angebot, als Hofkapellmeister nach Kassel zu gehen, lehnte er 1809 ab, nachdem ihm eine Gruppe Wiener Aristokraten eine hohe Jahresrente zugesichert hatte. Damit war sein Lebensunterhalt endgültig gesichert. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er 1814. Nach dem Tod seines Bruders Carl übernahm er 1816 die Vormundschaft für seinen Neffen Karl, den er 1818 in sein Haus aufnahm; 1819 musste er jedoch auf Druck der Mutter auf die Vormundschaft verzichten. Familiäre Streitigkeiten, zermürbende Prozesse und Sorgen um den Neffen begleiteten Beethoven für den Rest seines Lebens.
Um 1818 war Beethoven völlig taub geworden und konnte sich nur noch mit Hilfe kleiner „Konversationshefte” mit seinen Besuchern verständigen. Häufige Krankheiten behinderten ihn, sein Freundeskreis verkleinerte sich stetig. Beethovens Schaffen wurde jedoch durch die Taubheit nicht beeinträchtigt. Er schrieb z. B. 1819 nicht nur den riesigen Zyklus der Diabelli-Variationen (op. 120) für Klavier, sondern begann auch mit der Komposition der Missa solemnis (D-Dur op. 123), die anlässlich der Amtseinführung seines Schülers, des Erzherzogs Rudolph, als Erzbischof von Olmütz im folgenden Jahr (1820) aufgeführt werden sollte; er konnte die immer größere Dimensionen annehmende Messe erst 1823 beenden. Seine letzten Klaviersonaten (op. 109 E-Dur, op. 110 As-Dur und op. 111 c-Moll), mit denen er diese Gattung in ganz neue Bereiche führte, entstanden von 1819 bis 1822. Von 1822 bis 1824 arbeitete er an seiner 9. Sinfonie (d-Moll op. 125), die er in einem selbst veranstalteten Akademiekonzert am 7. Mai 1824 uraufführte. Ab 1824 folgten dann die späten Streichquartette (op. 127, op. 130 bis 132 und op. 135).
Nachdem Beethoven schon seit Dezember 1826 bettlägerig war, starb er am 26. März 1827 in Wien an einem Leberleiden. Drei Tage später wurde er auf dem Währinger Friedhof beigesetzt. Eine große Trauergemeinde nahm Anteil, die Grabrede stammte von Franz Grillparzer. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Jahr 1888, wurden seine sterblichen Überreste auf den Wiener Zentralfriedhof überführt.