Iwan Gontscharow
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Iwan Gontscharow
2. Werk

Bereits in seinem Erzähldebüt Obyknovennaja istorija (1847; Eine gewöhnliche Geschichte) fand Gontscharow zu seinem zentralen Thema: Das von unerträglicher Langeweile geprägte Leben des russischen Landadels, der den frühkapitalistischen Wandlungen Russlands mit lebensfernem Idealismus begegnet, ist hier anhand des schwärmerischen Jünglings Aleksandr Adujew anschaulich beschrieben. Zu Recht wurde der Roman von dem einflussreichen Kritiker Wissarion Grigorowitsch Belinskij als „schrecklicher Schlag gegen Romantizismus und Phantasterei, gegen Sentimentalität und Provinzialismus” hoch gelobt. Großes Aufsehen erregte Gontscharow mit seinem Hauptwerk, dem Roman Oblomov (1859), der mit seiner etwa 30-jährigen Titelfigur einen zwischen Tisch und Bett untätig hin- und herpendelnden Gutsbesitzer in den Mittelpunkt der spärlichen Handlung stellt. Durch seine Unentschlossenheit und Gleichgültigkeit verliert Oblomov die Liebe jener Frau, die ihn aus seiner Lethargie herauszureißen (und damit zu erlösen) sucht. Wie in Obyknovennaja istorija, so ist auch hier dem Protagonisten eine Gestalt des russischen Industriellen beigestellt, der deutlich positivere Züge trägt. Im Zentrum des Oblomov stehend, zeichnet die bereits zehn Jahre vor Erscheinen des Romans gesondert publizierte und nun als neuntes Kapitel des Buchs integrierte Erzählung Son Oblomova (Der Traum Oblomovs) ein Bild der psychologischen Vorgeschichte des trägen Charakters nach: Materiell abgesichert und so jeglicher Verantwortung enthoben, begann dessen Leben „mit dem Erlöschen”. Beachtung innerhalb der sowjetischen Intelligenzija fand Gontscharows Roman vor allem durch die Studie des bedeutenden Literaturkritikers Nikolaj Aleksandrowitsch Dobroljubov, Schto takoje oblomovschtschina? (1939; Was ist Oblomoverei?). Eine Verfilmung erfolgte 1979 (Regie: N. Michalkov). Darüber hinaus wurde das Buch 1989 von Franz Xaver Kroetz dramatisiert (Oblomow, Uraufführung am 5. März 1989 im Münchner Residenztheater).

1869 erschien mit Obryv (Die Schlucht) der letzte der drei bedeutenden Romane Gontscharows. Der Autor selbst wollte seine Erzählwerke als Trilogie begriffen wissen: „Ich sehe darin nicht drei Romane, sondern einen. Sie alle sind miteinander durch einen gemeinsamen Faden, eine folgerichtige Idee verbunden: den Gedanken des Übergangs von einer Epoche des russischen Lebens, welche ich erlebt habe, in eine andere.” In Obryv allerdings wird die in Figurengruppen gefaßte Antithese von Feudal- und Industriegesellschaft fortgeschrieben: In der verzerrten Figur des Sozialrevolutionärs Volochov zeichnete Gontscharow einen – etwa auch in Turgenjews Väter und Söhne zentralen – Ideenträger nihilistischer Gedanken, der bereits gegen die im Land aufkeimende „neue Lüge” des Kapitalismus rebelliert. Ihm steht mit Vera eine Lichtgestalt zur Seite, die das „helle Bild eines vorbildlichen Menschen” transportiert. Darüber hinaus schuf Gontscharow mit dem Sägewerksbesitzer Tuschin einen idealen, da fortschrittlichen und aktiv verändernden Protagonisten: „Alle Tuschins erweisen Russland ihren Dienst, indem sie seine Umgestaltung und Erneuerung ausarbeiten, vollenden und festigen.” Neben Obyknovennaja istorija, Oblomov und Obryv verfasste Gontscharow Gedichte, zahlreiche Erzählungen sowie Aufsätze zur Literaturkritik.