| Fjodor Dostojewskij | Artikelansicht | ||||
| Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken. | |||||
| 2. | Frühe Schriften |
Bereits Dostojewskijs Romanerstling Arme Leute (1846), der die unglückliche Liebesgeschichte zwischen einem ältlichen Beamten und einer jungen Frau zum Thema hat, machte ihn mit einem Schlag berühmt. Der führende russische Literaturkritiker Wissarion Grigorijewitsch Belinskij etwa nannte das Buch „das Werk eines Genies”. Deutlich ist in Arme Leute noch der Einfluss Nikolaj Gogols zu spüren, den Dostojewskij in der Nachfolge der so genannten natürlichen Schule einseitig als Mitleid erweckenden Schilderer sozialen Elends fehlinterpretierte. Die Gogol’sche Ironie kommt in Arme Leute nicht zum Tragen. Dennoch sind bereits zahlreiche innovative Momente des Spätwerks (wie kontrastive Figurenkonstellation, analytische Psychologie, vivisezierender Erzählerblick etc.) im Ansatz vorhanden. Auch Dostojewskijs nächster Roman Der Doppelgänger. Die Abenteuer des Herrn Goljadkin (1846) ist noch stark der Tradition Gogols verpflichtet. Doch beginnt mit ihm eine Reihe von Prosatexten, die – zumeist vor der nebulösen Atmosphäre des europäisierten Sankt Petersburg – das Ringen des Menschen um Identität beschreiben. Nicht nur der sprechende Name des Protagonisten (golod: Hunger; golyj: nackt, kahl) ist hierfür Programm.
Einen Höhepunkt findet diese Konzeption in Dostojewskijs Erzählung Aufzeichnungen aus einem Kellerloch (1864), in welcher ein entwurzelter Ich-Erzähler gegenüber seiner rationalisierten Außenwelt (symbolisiert im Kristallpalast der Londoner Weltausstellung) trotz aller Entfremdung eine subjektive, unsinnig-paradoxe Grundhaltung zu bewahren sucht. Dieser starrköpfige Heroismus wird später vielen Figuren Dostojewskijs – etwa Stawrogin in den Dämonen und Iwan in den Brüdern Karamasow – eigen sein. Weitere Werke aus Dostojewskijs Frühphase sind die Erzählungen Die Wirtin (1847) und Ein schwaches Herz (1848), der sentimentale Roman Helle Nächte (1848) sowie das zur Erzählung umfunktionierte Romanfragment Netočka Nezvanova (1849). Ihnen war jedoch nur wenig Erfolg beschieden.
1847 trat Dostojewskij einer revolutionären Geheimorganisation bei, die unter dem Einfluss Belinskijs und des französischen Theoretikers Charles Fourier einen utopischen Sozialismus propagierte. Nachdem ein eingeschleuster Polizeispitzel die Treffen verraten hatte, wurde der um Michail Wassiljewitsch Petraschewskij gruppierte Zirkel inhaftiert. 1849 verurteilte ein Gericht Dostojewskij zum Tod. Erst auf dem Richtplatz wurde er begnadigt und die Strafe in Verbannung nach Sibirien umgewandelt. Von 1850 bis 1854 musste Dostojewskij im Arbeitslager verbringen, bevor man ihn zum Militärdienst abkommandierte. In einer Garnisonsstadt nahe der Grenze zur Mongolei verbrachte er fünf Jahre. Erst 1859 durfte er nach Sankt Petersburg zurückkehren. Seine Wandlung vom atheistischen Sozialisten zum gläubigen Christen wurde später für die Läuterungsthematik des Romans Schuld und Sühne konstitutiv.