Fjodor M. Dostojewskij
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Gefangenschaft und Exil |
1859 meldete sich Dostojewskij mit der in Sibirien verfassten Erzählung Onkelchens Traum und dem Zeitschriftenroman Das Gut Stepančikovo und seine Bewohner zurück. Im Gut Stepančikovo benutzte er erstmals Prinzipien der Dramenkonstruktion, um seine Prosatexte zu strukturieren – ein Grund, warum Thomas Mann den Aufbau in einer bewundernden Kritik mit den Komödien Molières und William Shakespeares verglich. Wie Das Gut Stepančikovo erschienen auch Dostojewskijs Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1861/62) zunächst in einer Zeitschrift: Vremja (Die Zeit), die der Schriftsteller 1861 gemeinsam mit seinem Bruder Michail (1820-1864) gegründet hatte. War Onkelchens Traum mit seiner „wahrhaft taubengleichen Sanftmut” (Dostojewskij) aus Furcht des Häftlings vor Repressionen und Zensurmaßnahmen noch einer neutralen Thematik verpflichtet, so nehmen die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus direkt auf Dostojewskijs Aufenthalt im Arbeitslager Bezug. Autobiographische Wahrheit und Dichtung vermischen sich hier zu einem unentwirrbaren Geflecht. Tatsächlich sind die Aufzeichnungen weniger als sozialkritisches Dokument der unmenschlichen Haftbedingungen im zaristischen Russland zu lesen, vielmehr geht es Dostojewskij wie in allen seinen Büchern um die Darstellung menschlicher Grenzsituationen, für die die sadistische und unwirtliche Hölle Sibiriens nur mehr eine eindringliche Metapher ist. Das von antisemitischen Ressentiments geprägte Buch wurde ein großer Erfolg: Selbst die Dostojewskij-Skeptiker Iwan Turgenjew und Lew Tolstoj lobten es überschwänglich. Spätere Darstellungen von russischen Straflagern (wie Aleksandr Solschenizyns Der Archipel GULAG, 1973-1975) wurden von den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus stark geprägt. Mit ihrem zum existentiellen Modell geformten Sujet beeinflussten die Aufzeichnungen zahlreiche Werke der modernen Literatur, darunter Franz Kafkas In der Strafkolonie (1914).
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