| Fjodor M. Dostojewskij | Artikelansicht | ||||
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| 4. | Die mittlere Periode |
Dostojewskijs melodramatisch-sozialkritischer Roman Die Erniedrigten und die Beleidigten, der 1861 ebenfalls in Vremja erschien, greift zahlreiche Momente des Frühwerks – Entwurzelung, Wahnsinn, Krankheit etc. – wieder auf. Gleichzeitig weist er durch seine differenzierte psychologische Erzählstrategie bereits auf die späten philosophischen Romane hin. Einmal mehr dient Sankt Petersburg dem Panslawisten Dostojewskij als Mikrokosmos, um den Zusammenhang von Elend, Verbrechen und westeuropäischer Dekadenz aufzuzeigen. In Die Erniedrigten und die Beleidigten wandeln die Figuren hilflos „in den dunklen, verschwiegenen Winkeln der großen Stadt” herum. Die „unerträgliche Hölle” der Sinnlosigkeit und Unmoral wird offenbar. Mit ähnlichem Tenor berichtet Dostojewskijs Essay Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke 1863 von einer lang ersehnten Auslandsreise, die der Vierzigjährige ein Jahr zuvor durch mehrere Länder (darunter Frankreich, England, Deutschland und Italien) unternommen hatte. Auch hier steht die materialistische Seelenlosigkeit der „bourgeoisen” Kultur Westeuropas im Mittelpunkt. Als Ausweg klagen die Winterlichen Aufzeichnungen eine Rückbesinnung auf urrussische Werte im Sinn des Panslawismus ein.
Als die Zeitschrift Vremja wegen eines angeblich subversiven Artikels verboten wurde, gründeten die Brüder Dostojewskij den kurzlebigen Nachfolger Epocha (1864), in dessen erster Nummer u. a. die Aufzeichnungen aus einem Kellerloch erschienen. 1865 veröffentlichte Dostojewskij die an Gogols Nase erinnernde Groteske Das Krokodil, die mit den damals gängigen Gemeinplätzen der liberalen Presse Russlands spielt. Auch später noch engagierte sich Dostojewskij im publizistischen Bereich. So redigierte er von Anfang 1873 bis Mitte 1874 das konservative Organ Graždanin, in dem auch die ersten Abschnitte seines Tagebuchs eines Schriftstellers (1873-1881) erschienen und in dem er ein Forum für seine teilweise regressistische politisch-religiöse Ideologie fand.
1863 reiste Dostojewskij abermals nach Westeuropa, diesmal, um sich mit seiner damaligen Geliebten Polina Suslowa zu treffen. In Wiesbaden markierte der Besuch einer Spielbank den Beginn seiner langjährigen Spielleidenschaft, die ihn immer wieder in Geldnot stürzte (als Turgenjew Dostojewskij nur einen Bruchteil der geforderten Summe lieh, kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden). Zwei Jahre später fuhr Dostojewskij erneut nach Wiesbaden. Dort brachte er innerhalb kürzester Zeit 3 000 Rubel durch, die sein Verleger Stellowskij ihm für seine gesamten Romanrechte angeboten hatte. Eine weitere Vorbedingung des Kredits war die Zusage zu einem neuen Roman gewesen, der bis zum 1. November 1866 fertig gestellt werden musste. Einen Monat vor Ablauf dieser Frist diktierte Dostojewskij der jungen Stenographin Anna Snitkina – seiner späteren zweiten Frau – das Buch Der Spieler (1866), in dem er nicht zuletzt seine eigene Sucht porträtiert. Darüber hinaus jedoch thematisiert das Buch in der Hassliebe des Protagonisten zu einer Generalstochter einmal mehr die zwischen Zwang und Freiheit schwankende Persönlichkeit eines verzweifelten Ichs. Deutlich ist auch diese Figur geprägt von jener „Leidenschaft zur Qual”, die die Psychologie der Antihelden aus Dostojewskijs letzten großen philosophischen Romanen bestimmt.