Sophokles
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Sophokles
3. Werk

Sophokles schrieb mehr als 100 Dramen, von denen sieben vollständig und zwischen 80 und 90 als Fragmente erhalten sind. Die sieben vollständig erhaltenen Tragödien sind Aias, Trachiniai (Die Trachinierinnen), Antigone (Antigone), die alle 442 v. Chr. aufgeführt wurden, Oedipus tyrannos (vor 425 v. Chr., König Ödipus), Elektra (zwischen 425 und 409 v. Chr.), Philoktetes (409 v. Chr., Philoktet) und Oedipus epi kolono (Ödipus auf Kolonos). Letztere wurde nach dem Tod des Dichters 401 v. Chr. zur Aufführung gebracht. Ebenfalls erhalten ist ein großer Teil des Satyrspieles Ichneutai (Die Spürhunde), das 1911 in Ägypten auf Papyrusrollen entdeckt wurde. Als älteste der erhaltenen Tragödien gilt Aias: Sie wurde zwischen 455 und 450 v. Chr. verfasst. Vermutlich etwas später entstanden Die Trachinierinnen und Antigone. In letzterer gestaltete Sophokles sein Hauptthema – die selbstverschuldete Verstrickung des aus der Polis ausbrechenden Menschen, der sein Schicksal herausfordert und auf Ratschluß der Götter tragisch scheitert – besonders eindrucksvoll. Hier bestattet Antigone gegen den anders lautenden Befehl des Herrschers von Theben, Kreon, ihren gefallenen Bruder Polyneikes. Die Folge dieses eigenmächtigen Handelns ist nicht nur Antigones eigener Tod, sondern auch der ihres Verlobten Hämon (Kreons Sohn) und seiner Mutter Eurydike (Kreons Ehefrau).

In den Tragödien Aias, Die Trachinierinnen, Elektra und Philoktet wird dieses Grundthema variiert. Aristoteles schätzte besonders den König Ödipus und lobte in seiner Poetik dessen meisterlichen Aufbau und die Darstellung der tragischen Ironie, bei der sich, in einer Umkehrung des Wortsinns, die von den Protagonisten ausgesprochenen Sentenzen erfüllen. Im Zentrum der Handlung steht der heldenhafte Bezwinger der Sphinx, Ödipus, der Schritt für Schritt die vom Orakel prophezeite grauenhafte Wahrheit erkennen muss, unwissentlich seinen Vater Laios erschlagen und mit Iokaste seine eigene Mutter geheiratet zu haben („Der Mörder, den du suchst, das bist du selbst”). In dem Stück Ödipus auf Kolonos söhnt sich der blinde und alt gewordene Ödipus mit dem Schicksal aus, nimmt nach vielen Jahren selbst gewählter Verbannung, während derer ihm nur seine Tochter Antigone die Treue hielt, Abschied von der Welt und wird in den Hain der Götter aufgenommen.

Formal stehen die Tragödien des Sophokles zwischen dem Pathos eines Aischylos und der ausgefeilten, psychologisch argumentierenden Rhetorik des Euripides. Im Bereich der Dramentechnik sind einige Neuerungen auf Sophokles zurückzuführen: So erhöhte er die Zahl der Choreuten von 12 auf 15, reduzierte gleichzeitig die Bedeutung des Chors und führte einen dritten Schauspieler ein, so dass sich nicht nur ein umfangreicheres Handlungsgeschehen umsetzen ließ, sondern auch das Spektrum der Charaktere ausgebaut werden konnte. Weiterhin brach er mit der seit Aischylos etablierten Aufführungstradition der Trilogie und verfasste seine Tragödien als dramaturgisch und inhaltlich geschlossene Einheiten. Auch wenn Euripides für die Entwicklung des römischen und frühen europäischen Dramas ungleich wichtiger wurde, so nahmen sich doch bereits frühzeitig zahlreiche Dichter wie Seneca, Corneille und Racine in Bearbeitungen der Stoffe des Sophokles an. Von einer Neubewertung zur Mitte des 18. Jahrhunderts zeugt nicht zuletzt Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel Philotas (1759). Auch Heinrich von Kleist übernahm in Der zerbrochene Krug (1811) das „detektivische” Grundschema der sophokleischen Ödipus-Fabel.