AIDS
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AIDS
3. Infektion und Virusvermehrung

HI-Viren werden durch Blut, sexuelle Kontakte und von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen; Letzteres kann bei der Geburt geschehen sowie (doppelt so häufig) durch die Muttermilch. Das Risiko einer Infektion durch den Mund gilt als gering, da die Mundschleimhaut bei Kontakt mit HI-Viren ein Peptid produziert, das sich an den Erreger bindet, so dass dieser nicht in Zellen eindringen kann (AIDS, 2003). Wie ein Forscher der US-amerikanischen Johns Hopkins University 2001 mitteilte, besteht für Heterosexuelle bei einmaligem Geschlechtsverkehr mit einem infizierten Partner ein durchschnittliches Risiko von 1:588, sich zu infizieren; Teenager übertragen das Virus dreimal so häufig wie über 40-Jährige. Bei frisch Infizierten ist die Übertragungswahrscheinlichkeit mit 1:125 nach Angaben des Robert-Koch-Instituts von 2003 am höchsten. Dieses Institut warnte davor, die Bedeutung derart geringer Wahrscheinlichkeiten zu unterschätzen: Eine Langzeitstudie in Uganda habe ergeben, dass sich nach fünf Monaten 40 Prozent der Partner frisch Infizierter angesteckt hatten, da sich die Übertragungswahrscheinlichkeit mit jedem Geschlechtsverkehr erhöhe.

Die am stärksten von HIV-Infektionen betroffene Gruppe sind homosexuelle Männer. Besonders gefährlich sind Blut-zu-Blut-Kontakte. Bevor es einen verlässlichen Bluttest gab, waren Transfusionen mit virushaltigem Blut ein bedeutender Infektionsweg. Diese Gefahr ist heute in den Industrieländern weitestgehend gebannt, in Entwicklungsländern werden jedoch jährlich zahlreiche Menschen durch Blutkonserven infiziert. Ebenfalls als Ausbreitungsweg von großer Bedeutung sind verunreinigte Kanülen, die von Drogensüchtigen benutzt werden. HI-Viren können in gebrauchten Spritzen bei Raumtemperatur einen Monat lang infektiös bleiben. Alltagskontakte beinhalten dagegen keine Ansteckungsgefahr, und für Blutspender besteht keinerlei Gefahr, sich zu infizieren. Männer, die vor der Pubertät beschnitten wurden, haben ein deutlich geringeres Infektionsrisiko, offenbar weil deren teilweise verhornte Penisspitze das Eindringen des Erregers erschwert. HIV-infizierte Männer können heute durch künstliche Befruchtung (siehe In-vitro-Fertilisation) ohne Gefahr für ihre Partnerin oder das Kind Vater werden, da es möglich ist, die Spermien von HI-Viren zu reinigen. Die Kosten für einen HIV-Antikörpertest betragen in Deutschland etwa 10 bis 30 Euro, manche Gesundheitsämter bieten den Test gratis an. Inzwischen gibt es auch ein als NAT (Nucleic Acid Testing) bezeichnetes Testverfahren, das nicht auf dem Nachweis der vom Immunsystem gebildeten Antikörper basiert, sondern virale Nucleinsäuren im Blut nachweisen kann. Dieser Test liefert bereits elf Tage nach der Infektion Ergebnisse, ein Antikörpertest dagegen erst nach 22 Tagen.

Nach einer Infektion verstecken sich die Viren meist eine Zeit lang in T-Zellen, die für die Immunantwort des Organismus verantwortlich sind. Die erste Vermehrungsstätte der Viren sind offenbar T-Zellen des Magen-Darm-Traktes: Bei Experimenten mit Makaken hatten sich die dem HI-Virus nahe verwandten SI-Viren bereits sieben Tage nach der Infektion stark im Magen-Darm-Trakt vermehrt. HI-Viren können auch ruhende (nicht nur aktive) CD4-T-Zellen infizieren. Während aktive T-Zellen Teile des Virus an ihre Oberfläche transportieren und dadurch vom Immunsystem erkannt und samt Virus zerstört werden können, ist dies bei ruhenden Zellen nicht der Fall. Ruhende infizierte T-Zellen bilden einen Infektionsherd, der mit heutigen Therapiemöglichkeiten nicht angreifbar ist. Das Virus bewegt sich nach einer Infektion offensichtlich entlang den Mikrotubuli der Zelle zum Zellkern, es diffundiert also nicht frei durch das Zytoplasma. Nach einer HIV-Infektion kann es bis zu 15 Jahre dauern, bis die ersten Symptome auftreten. Stress fördert das Auftreten der Symptome. Kinder, die bei ihrer Geburt infiziert wurden, sterben in der Regel spätestens im Alter von sechs Jahren.

Inzwischen gilt als sicher, dass manche Menschen gegen HI-Viren immun sind. So tragen insbesondere Nordeuropäer häufig eine Genvariante (Finnen etwa zu 14 Prozent), die durch die Veränderung eines CCR5 genannten Oberflächenproteins Immunität verleiht. Möglicherweise führten mittelalterliche Seuchenzüge zur Ausbreitung dieser Genvariante: Die unter der Bezeichnung „Pest” zusammengefassten Epidemien scheinen aus heutiger Sicht teilweise durch Viruskrankheiten, etwa hämorrhagische Fieber, ausgelöst worden zu sein. Denkbar wäre deshalb, dass die Genvariante bereits vor Jahrhunderten gegen damalige Virusinfektionen Immunität verlieh und sich in der Folge ausbreitete (Journal of Medical Genetics, 2005). Auch eine weitere, als CCL3L1 bezeichnete Genvariante, die in Afrika besonders häufig ist, scheint Immunität gegen das Virus zu verleihen (Science, 2005). Zudem ist bekannt, dass eine Infektion mit dem Hepatitis-G-Virus den Ausbruch einer AIDS-Erkrankung hinauszögert; nach dem Ausbruch überleben Betroffene außerdem länger. Offensichtlich behindert das Hepatitis-Virus auf noch unbekanntem Weg die Vermehrung der HI-Viren (New England Journal of Medicine, 2001).