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| 3. | Prostitution in Deutschland |
1884 wurden offiziell rund 16 000 Prostituierte in Deutschland registriert. Die tatsächliche Zahl der Prostituierten lag jedoch wesentlich höher, denn die meisten Prostituierten ließen sich nicht registrieren, um den finanziellen Auflagen und polizeilichen Kontrollen zu entgehen. Im Zuge der Industrialisierung hatte die Prostitution seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer weiter zugenommen. Nach Schätzungen soll es Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland zwischen 100 000 und 200 000 hauptberufliche Prostituierte gegeben haben; ihre Zahl stieg bis zu Beginn des 1. Weltkrieges auf rund 330 000 an. Prostitution wurde mehr und mehr zu einem städtischen Phänomen. Im Berlin der Jahrhundertwende ging jede 13. weibliche Person der Prostitution nach. Bedenkt man, dass Kinder und ältere Frauen dabei mit erfasst werden, kann man davon ausgehen, dass sich etwa jede fünfte Frau zwischen 16 und 25 Jahren prostituieren musste. Dieses enorme Ausmaß an Prostitution ist auf die Veränderungen der Lebensverhältnisse und vor allem der Arbeitsbedingungen von Frauen zurückzuführen: Mit der Industrialisierung hatte sich die soziale und ökonomische Lage der proletarischen Frauen zunehmend verschlechtert. Fehlende Erwerbsmöglichkeiten und niedrige Frauenlöhne trieben viele Frauen in die Prostitution. Diese Frauen rekrutierten sich überwiegend aus Dienstmädchen, Kellnerinnen, Fabrikarbeiterinnen, Verkäuferinnen, Näherinnen, Wäscherinnen, Ballettmädchen und Schauspielerinnen. In diesen Berufen reichten in der Regel die Löhne nicht aus, um damit den Lebensunterhalt einer oder gar mehrerer Personen zu bestreiten. Gelegenheitsprostitution, mit der sich Frauen neben ihrer regulären Erwerbsarbeit das Existenzminimum zu sichern suchten, breitete sich mehr und mehr aus. Viele Prostituierte waren als Töchter von verarmenden Handwerkern, Landwirten und Arbeitern in die Städte gezogen, in der Hoffnung hier Arbeit zu finden. Überwiegend gingen junge Frauen, die meist ledig waren und ihren Lebensunterhalt allein bestreiten mussten, der Prostitution nach. Die eingeschriebenen Prostituierten arbeiteten in Bordellen oder in Privatwohnungen. Die Prostituierten durften diese Bordelle nur zur ärztlichen Zwangsuntersuchung in Begleitung ihrer Wirte und Wirtinnen verlassen. Die nicht registrierten Prostituierten boten sich auf den Straßen ihren Kunden an; sie waren zwar nicht von den Bordellbesitzern abhängig, sie liefen aber ständig Gefahr in Haft genommen zu werden.
Nach dem 2. Weltkrieg verschwand die so genannte Armutsprostitution mehr und mehr. Prostituierte rekrutieren sich in den letzten Jahrzehnten aus allen sozialen Schichten. Das durchschnittliche Ausbildungsniveau der Prostituierten war sogar höher als das der weiblichen Bevölkerung insgesamt.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts nahm die Prostitution unterschiedliche Formen an. Die so genannten Callgirls betreiben ihr Gewerbe von ihrer Wohnung aus oder von einer Wohnung, die sie speziell zu diesem Zweck anmieten. Sie verfügen über eine Liste regelmäßiger Kunden, ihr Verdienst ist höher als bei anderen Prostituierten, die beispielsweise in Massagesalons, Saunen, Privatclubs und Großbordellen (Eros-Center) arbeiten. Die meisten gehen aber nach wie vor auf den „Straßenstrich”, d. h., sie sprechen Kunden auf der Straße an oder werden von ihnen angesprochen.
Mitte der neunziger Jahre wurde die Zahl der Prostituierten in Deutschland auf 400 000 geschätzt, beinahe ein Drittel aller Prostituierten waren Ausländerinnen. Rund ein Fünftel war jünger als 18 Jahre. Der jährliche Umsatz im Prostitutionsgewerbe wird auf rund 380 Milliarden Euro geschätzt. Täglich suchten zwischen 500 000 und 1,2 Millionen Freier eine Prostituierte auf.