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| 2. | Geschichte des Evolutionsbegriffs |
Lange Zeit herrschte der Gedanke vor, die kaum überschaubare Vielfalt des Lebendigen und die scheinbar vollkommenen Fähigkeiten der Lebewesen, zu überleben und sich zu vermehren, könnten nur durch göttliche Schöpfung entstanden sein. Zwar hatte man schon im antiken Griechenland die Vorstellung, dass sich Arten verändern und zu anderen Arten entwickeln können, doch geriet diese Idee später in Vergessenheit. Erst im 18. Jahrhundert wurde sie von einigen fortschrittlichen Denkern erneut aufgegriffen, so von Pierre de Maupertuis, Erasmus Darwin (dem Großvater von Charles Darwin) und Jean-Baptiste de Lamarck. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren deren Theorien in intellektuellen Kreisen und insbesondere unter Geologen durchaus verbreitet, allerdings immer in recht vager Form und ohne dass man eine genaue Vorstellung von den Mechanismen und treibenden Kräften hatte. Erst Charles Darwin erkannte und veröffentlichte erstmals das zugrunde liegende Prinzip der natürlichen Selektion, das unabhängig von ihm, jedoch etwas später, auch Alfred Russel Wallace entdeckte. Darwins berühmtestes Werk erschien 1859: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life (Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Dasein); meist wird es kurz Die Entstehung der Arten genannt. Darin legte er seine Evolutionstheorie ausführlich dar. Die Konsequenzen für die Evolution des Menschen, insbesondere dessen Abstammung von Affen, veröffentlichte er 1871 in dem Werk The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl).
Die Reaktionen auf die Veröffentlichung der Evolutionstheorie und die daran anschließenden Diskussionen waren gespalten. Während viele Wissenschaftler, darunter Ernst Haeckel, die fundamentale Bedeutung der Theorie sofort erkannten, fehlten anderen klare Beweise. Als Gregor Mendel 1865 die später als Gene bezeichneten Vererbungseinheiten nachweisen konnte, erhielt die Theorie der Vererbung getrennter Merkmale eine sichere Grundlage. Hugo de Vries entdeckte dann um 1900 das Auftreten von Mutationen, welche die Basis für die Vielfalt und Variabilität an Merkmalen in der Natur schaffen. Insbesondere die Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie zeigen, dass alle Arten auf einen einzigen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen, denn sie beweisen das Auftreten desselben genetischen Codes (siehe Genetik) in allen Lebensformen. Dass dieser sich mehrfach unabhängig entwickelt haben könnte, ist aufgrund seiner Komplexität so gut wie ausgeschlossen.
Dennoch wird die Evolutionstheorie bis heute von Vertretern vieler religiöser Gruppen angefochten, insbesondere von Kreationisten (Anhängern der Schöpfungslehre), die vorwiegend in den Vereinigten Staaten eine einflussreiche Strömung darstellen. Diese lehnen die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie entweder vollständig oder im Wesentlichen ab (insbesondere auch die Entstehung erster einfacher Lebensformen aus anorganischer Materie durch chemische Prozesse) und behaupten, alle Arten an Lebewesen seien gleichzeitig erschaffen worden: Es gebe keine Neuentstehung von Arten. Nachdem der oberste Gerichtshof der USA 1987 verboten hatte, im Biologieunterricht der öffentlichen Schulen des Landes kreationistisches und damit religiöses Gedankengut zu lehren, weil dies der verfassungsgemäß verankerten Trennung von Kirche und Staat widerspreche, entstand dort eine Intelligent Design (ID) genannte Lehre, die von ihren Vertretern als wissenschaftlich bezeichnet wird. Die Verfechter des Intelligent Design verbreiten jedoch lediglich unter neuem Namen kreationistische Inhalte und versuchen (u. a. mit ihrem Lehrbuch Of Panda and People), den Biologieunterricht an US-amerikanischen Schulen zu beeinflussen. Der Begriff Intelligent Design bezieht sich auf die Grundüberzeugung der Kreationisten, wonach die Arten nur von einer höheren Intelligenz geschaffen worden sein können; um den religiösen Ursprung der Bewegung zu verschleiern, wird diese Intelligenz jedoch nicht als Gott bezeichnet. 2005 entschied ein US-amerikanischer Bundesrichter, Intelligent Design sei der Versuch, religiöse Glaubenssätze als naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu präsentieren; die Einbeziehung der Intelligent-Design-Lehre in den Biologieunterricht öffentlicher Schulen verstoße daher gegen die Trennung von Kirche und Staat.