| Suchansicht | Präkolumbische Kunst und Architektur | Artikelansicht |
| 1. | Einleitung |
Präkolumbische Kunst und Architektur, die Kunst und Architektur der Indianerkulturen in Mittelamerika, den Anden und benachbarter Regionen vor dem 16. Jahrhundert, also vor der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Zur Kunst der alten Kulturen nördlich von Mexiko siehe Indianer.
3 000 Jahre vor der europäischen Kolonisation hatten die Indianer Zivilisationen und Hochkulturen entwickelt, die sich in ihrer künstlerischen Leistung mit denen des alten China, Indien, Mesopotamien und des Mittelmeerraumes messen können. Diese Leistungen sind um so eindrucksvoller, als die technischen Errungenschaften der östlichen Hemisphäre in der Neuen Welt unbekannt waren. In Mittelamerika etwa diente das Rad nur als Spielzeug und fand nie in Form der Töpferscheibe, als Wagenrad oder Flaschenzug Anwendung. Werkzeuge aus Metall wurden kaum – oder erst im letzten Stadium der präkolumbischen Geschichte – benutzt. Die kunstvoll ausgeführten Skulpturen und fein ziselierten Jadeornamente, die man in diesen Regionen findet, müssen daher mit Steinwerkzeugen aus dem Material geschnitten bzw. gemeißelt worden sein.
| 2. | Geographische Einteilung |
Gemeinhin werden die präkolumbischen Kulturen nach geographischen Bereichen differenziert. Dabei ist die mesoamerikanische Region, die die heutigen Länder Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras und El Salvador umfasst, eines der Hauptgebiete. Peru und Bolivien gehören zur zentralen Andenregion, einem weiteren kulturellen Zentrum. Das Zwischengebiet im Norden Südamerikas und im Süden Mittelamerikas wird von den Ländern Venezuela, Kolumbien und Ecuador gebildet. Das Randgebiet umfasst den Rest von Südamerika sowie die karibischen Inseln. Wurden diese Gebiete ursprünglich meist als isolierte kulturelle Einheiten angesehen, so deuten neuere archäologische Forschungen auf engere kulturelle Wechselbeziehungen hin.
| 3. | Chronologische Einteilung |
Man unterscheidet drei Hauptphasen der präkolumbischen Kultur: die präklassische oder formative Periode (um 1500 v. Chr. bis etwa 300 n. Chr.), die klassische Periode (um 300 bis 900) und die postklassische Periode (um 900 bis 1540). Trotz dieser leicht irreführenden Bezeichnung wurden die bedeutendsten Architektur- und Kunstwerke nicht notwendigerweise in der klassischen Zeit geschaffen. Die Schöpfungen von vier postklassischen Kulturen (Mixteken, Azteken, Chimú und Inka) sind nicht weniger bedeutend als ihre klassischen Vorläufer.
Verschiedene Charakteristika der präkolumbischen Blütezeit sind bereits in der präklassischen Periode sichtbar. In dieser frühen Phase bestand der südamerikanische Subkontinent in erster Linie aus kleinen Königreichen, deren Kulturen sich weitgehend unabhängig voneinander entwickelten, obgleich sie verschiedene religiöse Vorstellungen und Bildmotive miteinander teilten. So verehrten z. B. sowohl die olmekische Kultur (Mexiko) wie die San-Agustín-Kultur (Kolumbien) und die Chavínkultur (Peru) eine Katzengottheit und besaßen eine ähnliche Ikonographie.
In der klassischen Periode entstanden große und komplexe Reiche, die häufig von Priestern beherrscht wurden. In dieser Zeit vollzogen sich erste Verbreitungs- oder Anpassungsprozesse zwischen den Kulturen. Eroberungen und ausgedehnter Handel führten zu Reichtum, mit dem der Bau religiöser Kultstätten oder von Stadtanlagen einherging. Auch die Grabstätten der Herrscher wurden luxuriöser ausgestattet.
Die postklassische Periode war durch häufige Kriege gekennzeichnet, die in wirtschaftlichen und sozialen Problemen (z. B. einem immensen Bevölkerungswachstum) ihre Ursache hatten. Über die Kulturen und Gesellschaften dieser Zeit gibt es die umfangreichsten Nachrichten, da die Chronisten der spanischen Eroberer ihre Eindrücke in persönlichen Aufzeichnungen festhielten oder Bücher zur Geschichte der Besiegten verfassten.
| 4. | Kulturelle Merkmale |
Die präkolumbischen Kulturen waren landwirtschaftlich strukturiert. In Mittelamerika bildete Mais das Hauptnahrungsmittel, in der Andenregion von Peru und Bolivien dagegen die Kartoffel. Bis zur relativen Säkularisierung der postklassischen Periode war die Religion ein wichtiger Pfeiler des staatlichen und sozialen Lebens. Im Zentrum der kultischen Rituale und Zeremonien stand die Bitte um eine gute Ernte. Auch ein Großteil der präkolumbischen Kunst und Architektur stand im Dienst des landwirtschaftlichen Fruchtbarkeitszyklus und bediente sich dabei astronomischer Funktionen, mit deren Hilfe u. a. die günstigste Zeit für Pflanzung und Ernte bestimmt werden sollten.
Zu dieser Zeit entstanden zwei Siedlungstypen: das reine Kultzentrum, bestehend aus religiösen Bauten und Verwaltungsgebäuden, die sich um riesige Platzanlagen gruppierten. Hier gab es keine normalen Wohnhäuser oder Straßen. Vermutlich lebten dort nur die religiösen und weltlichen Herrscher und deren Höfe, während die Bevölkerungsmehrheit in umliegenden Dörfern wohnte. Diese Wohnstädte besaßen Straßen sowie Tempel und Verwaltungsbauten, die um Plätze herum angeordnet waren.
| 5. | Kunstformen |
Herausragende Leistungen vollbrachten die präkolumbischen Kulturen auf den Gebieten der Architektur und der Bildhauerkunst, der Wandmalerei sowie der angewandten Künste, vor allem in den Bereichen Keramik, Kunstschmiedehandwerk (siehe Metallarbeiten) und Textilverarbeitung.
| 1. | Architektur |
Die ersten Häuser der präkolumbischen Zeit bestanden aus Holz, gebündeltem Riedgras, Faser- oder Strohmatten und anderen leicht vergänglichen Materialien. Monumentale Gebäude aus Stein oder Adobe (luftgetrockneten Lehmziegeln) wurden hauptsächlich in Mittelamerika und dem zentralen Andengebiet errichtet.
In der Frühzeit, in der die Bautechniken noch nicht ausgereift waren, wurden die meisten Häuser mit Pfosten- oder Säulengebälk (Horizontalbalken ohne Bögen und Wölbungen) gebaut. Allerdings kannten die Chavín in Peru und die Maya in Mittelamerika bereits den so genannten unechten Bogen, bei dem ein Stein über den anderen hinausragt und so eine Art Durchgang bildet (siehe Bogen und Gewölbe). Die Werkzeuge der präkolumbischen Kulturen bestanden überwiegend aus Stein – Metallwerkzeug war kaum bekannt. Selbst die Errichtung monumentaler Pyramiden-, Palast-, Grab- und Tempelbauten wurde ausschließlich durch menschliche Arbeitskraft und ohne Unterstützung durch Maschinen bewerkstelligt.
Im Unterschied zu ihren ägyptischen Entsprechungen, die als Grabmale dienten, waren die präkolumbischen Pyramiden vornehmlich als Wohnstätte für eine Gottheit konzipiert. Bilderschriftzeichen in mittelamerikanischen Codizes in Form harmonikaartig gefalteter Blätter belegen auch die große soziale Bedeutung der Pyramiden. Das aztekische Symbol für Eroberung war eine brennende Pyramide, von welcher der calli, der Tempel auf der Spitze der Pyramide, durch die Eroberer heruntergestürzt worden war. Um ihnen noch größere Monumentalität zu verleihen und damit das Prestige des jeweiligen Herrschers zu steigern, wurden viele der mittelamerikanischen Pyramiden regelmäßig über einem bereits vorhandenen Bauwerk neu errichtet.
| 2. | Bildhauerei |
Präkolumbische Plastiken sind hauptsächlich in Form von Tonfigurinen und Steingefäßen überliefert. Steinskulpturen wurden hauptsächlich in Mittelamerika gefunden, was darauf schließen lässt, dass sich im zentralen Andengebiet und im Zwischengebiet die Metallverarbeitung früher entwickelte. Dennoch wurde auch hier etwa zum Meißeln Steinwerkzeug verwendet.
| 3. | Malerei |
Archäologische Funde belegen einen großen Reichtum an dekorativen Wandmalereien. Im mexikanischen Teotihuacán etwa waren ornamentale Motive und Handelsszenen auf dick mit Mörtel überzogenen Innen- und Außenmauern aufgemalt. In den Ruinenstädten Bonampak und Chichén Itzá (ebenfalls in Mexiko) stellten die Maya und Maya-Tolteken historische Ereignisse in realistisch wirkenden Fresken an den Innenwänden ihrer Tempel dar. Auch fand man geometrische Muster etwa in den unterirdischen Gräbern in Tierradentro (Kolumbien) und mythische Figurationen in Panamárca (Peru). Steingefäße aus der Stadt Moche (Peru) zeigen Gebäude, deren Wände mit Symbolen überzogen sind.
Die ausgeprägten handwerklichen Fähigkeiten im Malen und Zeichnen dokumentieren auch die Illustrationen der Codizes von Maya, Mixteken und Azteken. Die Seiten dieser aus Tierhäuten, Pflanzenfasern oder Borkenrinde hergestellten Buchvorläufer sind übersät mit akribisch gezeichneten bunten Figuren und Symbolen, die sich auf historische oder mythische Ereignisse beziehen. Ein Großteil dieser Kulturdenkmäler wurde im Verlauf des 16. Jahrhunderts von den spanischen Missionaren zerstört, die in ihnen Werkzeuge des Bösen sahen. Erhalten blieben lediglich Codizes der postklassischen Periode, darunter drei Mayawerke (heute in Dresden, Paris und Madrid), der mixtekische Zouche-Nuttall-Codex (British Museum, London) und einige aztekische Arbeiten.
Auch die hoch entwickelte Keramik der Maya, Moche und der Bewohner Nazcas in Peru ist reich bemalt.
| 4. | Kunstgewerbe |
Bei vielen Fundstücken aus präkolumbischen Stätten handelt es sich um Grabbeigaben. Sie hatten weniger dekorative als vielmehr kultische bzw. Gebrauchsfunktion.
| 4.1. | Keramik |
Töpferwaren haben sich im gesamten Verbreitungsgebiet der präkolumbischen Kulturen am reichsten erhalten. Zuerst in Kolumbien oder Ecuador hergestellt, lösten sie vermutlich Körbe und Kürbisflaschen als Behältnisse ab. Es entstanden insbesondere handmodellierte und in Formen gepresste Töpfe und Tonobjekte. Sie wurden mit eingeritzten Ornamenten, geschnittenen oder eingepressten Reliefs verziert. Daneben waren verschiedene Mal- und Poliertechniken bekannt. Obgleich man auch mehrfarbige Keramik findet, sind die meisten Töpferwaren zweifarbig bemalt oder unbehandelt.
| 4.2. | Metallarbeiten |
Vom nördlichen Andengebiet aus verbreitete sich die Metallverarbeitung um 700 v. Chr. auch im Zwischengebiet und erreichte um 1000 n. Chr. Mesoamerika. Infolge der Gold- und Silbergier der spanischen Kolonisatoren wurden die meisten Gegenstände aus diesen Edelmetallen, sofern sie nicht vergraben oder versteckt werden konnten, eingeschmolzen und in Barren nach Spanien transportiert. Eisen und Stahl waren bei den präkolumbischen Kulturen noch nicht bekannt, dafür gehörte Kupfer zu den bevorzugten Werkstoffen. Das Verfahren der Bronzelegierung wurde um 1000 n. Chr. entdeckt, und in Kolumbien, Peru und Ecuador stellte man Tumbago (bzw. Tumbaga), eine Legierung von Kupfer und Gold, her. Auch die Technik des Cire perdue, das Löten, das Heraustreiben einer Form aus Gold- oder Silberblech und Bossieren (Rohbearbeitung eines Werksteines) wurden angewendet. Zahlreiche Metallarbeiten erhielten Gravuren oder wurden mit Steinen bzw. Muscheln besetzt.
| 4.3. | Textilien |
Aufgrund des trockenen Klimas an der peruanischen Küste haben sich dort Beispiele präkolumbischer Textilkunst erhalten. Besonders in Wüstengräbern auf der Paracas-Halbinsel wurden 2 500 Jahre alte Textilien in erstaunlich gutem Zustand gefunden. Sie lassen darauf schließen, dass einige der präkolumbischen Kulturen für Webarbeiten in erster Linie Baumwollfasern verwendeten. Im zentralen Andengebiet wurde auch Wolle von Lamas, Alpakas und Vicuñas verarbeitet. Die daraus gewebten Stoffe wurden mit Pflanzenfarben gefärbt. Zur Verzierung wurden figürliche und ornamentale Motive hineingewebt oder nachträglich auf die Stoffe gemalt, gestempelt oder gestickt. Im postklassischen Mesoamerika und in Peru waren auch Umhänge aus Federn gebräuchlich.
| 6. | Das mesoamerikanische Gebiet |
Die Mehrzahl der mesoamerikanischen Kulturstätten aus präkolumbischer Zeit findet sich im heutigen Mexiko.
| 1. | Präklassische Periode |
Die wichtigsten präklassischen Kulturen in Mexiko waren die der Olmeken und die westlichen Indianerkulturen von Colima, Jalisco und Nayarit.
| 1.1. | Olmeken |
Die Olmeken, die die zentrale Küstenregion am Golf von Mexiko besiedelten, begründeten die erste große mesoamerikanische Zivilisation (1500-600 v. Chr.). Ihre wichtigsten Kulturzentren, darunter La Venta, Tres Zapotes und San Lorenzo, lagen in den sumpfigen Fluss- und Urwaldniederungen der mexikanischen Staaten Veracruz und Tabasco.
Wie die meisten mesoamerikanischen Städte war auch La Venta an einer Nordsüdachse ausgerichtet. Um eine 30 Meter hohe Erdpyramide – eine der ältesten in Mesoamerika – entstand ein Komplex aus Terrassentempeln und Plätzen. Diese Anordnung wurde für spätere Kultstätten der Region übernommen. Die Olmeken errichteten als Erste Gebäude und Skulpturen aus Stein, der unter großen Mühen aus dem 97 Kilometer entfernten Tuxtla-Gebirge gebrochen werden musste. Sie waren auch die erste Kultur auf dem amerikanischen Kontinent, die Steinmosaike schuf.
Die eindrucksvollsten Kunstwerke der olmekischen Hochkultur sind bis zu vier Meter hohe kolossale Männerköpfe, die um 1150 v. Chr. entstanden. Große Reliefschnitzereien zeigen mythologische Gestalten oder Ereignisse. Auch wurden kleine Skulpturen aus Basalt und Jade gefunden. Frei stehende Steinstelen oder Felstafeln sollten wahrscheinlich an wichtige Ereignisse erinnern: Ihre Symbolgravuren sind Vorläufer der späteren mesoamerikanischen Schrift.
Im Gegensatz zu der stilisierten und geradwinkligen Kunst, die wir gewöhnlich in den kargen Bergtälern von Zentral- und Südmexiko finden, ist die ausgeprägte Ornamentik der Olmekenkultur von geschwungenen Linien und rhythmischen, harmonisch-fließenden Formen geprägt.
Der Einflussbereich der Olmeken reichte von ihrem Stammgebiet am Golf von Mexiko über das mexikanische Hochland, die mexikanische Hochebene Mesa de Anáhuac, die Oaxaca-Region und westwärts bis Guerrero. In den olmekischen Hochlandstätten Tlatilco und Tlapacoya entdeckte man hohle Tonfigurinen, die zu den frühesten in Mesoamerika gehören. Die indianische Kultur von Tlatilco brachte auch individuell gestaltete Miniaturfigurinen hervor, die durch ihre sorgfältig herausgearbeiteten Haartrachten und Körperornamente auffallen. Ihre übertrieben stilisierten weiblichen Körperformen legen nahe, dass sie als Fruchtbarkeitsidole dienten.
In den mexikanischen Staaten Morelos und Guerrero wird der olmekische Einfluss besonders an Xochipalatonfigurinen, an den Höhlenmalereien in Oxtotitlán (Guerrero) und Höhlenreliefs von Chalcatzingo (Morelos) sichtbar. Die beiden letztgenannten Stätten sind einer Jaguargottheit geweiht, deren Macht und Verehrung Gegenstand fast aller olmekischen Kunstwerke ist.
| 1.2. | Colima, Jalisco und Nayarit |
Gegen Ende der präklassischen und zu Beginn der klassischen Periode entwickelten sich im westlichen Mexiko bedeutende Kulturen. Früher meist als Tarasken bezeichnet, werden sie heute nach jenen mexikanischen Gebieten benannt, in denen sich ihre Kultstätten befinden: Colima, Jalisco und Nayarit.
Obgleich sich diese Kulturen kaum durch große architektonische Leistungen hervortaten, schufen sie interessante Figurengefäße und Tonfigurinen. So fand man in Ixtlán del Río (Nayarit) Genreskulpturen, die das Dorfleben in all seinen Facetten darstellen und negativ bemalt sind. Auch die monumentalen geschwungenen Colimafigurinen wirken äußerst realistisch, die der Jaliscokultur hingegen eher naiv. Da all diese Objekte in unterirdischen Schachtgräbern verwahrt wurden, hat sich eine ungewöhnlich große Zahl von ihnen erhalten.
| 2. | Klassische Periode |
Die Mayastätte Teotihuacán, das Zapotekenzentrum auf dem Monte Albán und die Zentren der Huaxteken und Totonaken von Veracruz waren die bedeutendsten Kulturstätten der klassischen Zeit.
| 2.1. | Teotihuacán |
Etwa 40 Kilometer nordöstlich von Mexico City befindet sich Teotihuacán, der „Platz der Götter”, wo sich die erste urbane Kultur Mesoamerikas entfaltete. Um 700 n. Chr. besaß Teotihuacán etwa 125 000 Einwohner. Seine Bauten waren im System des Talud-tablero errichtet: Gebäude mit geböschtem Sockel (talud), den horizontale, rechteckig versetzte Steinplatten (tablero) krönen. Diese waren mit figürlichen und geometrischen Elementen verziert.
Die Architektur von Teotihuacán ist von monumentaler Größe. Die Sonnenpyramide ist nach der Pyramide von Quetzalcoatl in Cholula de Rivadabia das zweitgrößte erhaltene Bauwerk aus präkolumbischer Zeit. Hinsichtlich Grundfläche und Volumen sind beide größer als die ägyptischen Pyramiden. Der Palastkomplex in Teotihuacán ist um mehrere Plätze herum angelegt und gehört zu den eindrucksvollsten Wohngebäuden aus präkolumbischer Zeit. Die Gebäude waren mit Freskenmalereien geschmückt, die dekorative Symbole, stilisierte Darstellungen von Göttern und mythischen Wesen sowie erzählende Bildfolgen zeigen.
Daneben haben sich gewaltige Steinskulpturen erhalten, darunter ein Monolith, der die Wassergöttin Chalchiuhtlicue darstellt. Typisch für die Bildhauerkunst von Teotihuacán sind stilisierte Menschenmasken.
Die fein geformte orangefarbene Keramik von Teotihuacán wurde in ganz Mesoamerika vertrieben. Außerdem entstanden zeremonielle Gegenstände aus Ton, die mit einer dünnen Gipsschicht überzogen, graviert und dann bemalt wurden, und Tonfigurinen mit Genreszenen oder Darstellungen von tanzenden Totengeistern.
| 2.2. | Maya |
In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. beherrschte die Kultur der Maya den gesamten Süden Mesoamerikas. Entstanden in präklassischer Zeit, erreichte sie ihren Höhepunkt in der Endphase der klassischen Periode, also etwa zwischen 600 und 900 n. Chr., und war zur Zeit der spanischen Eroberung bereits im Niedergang begriffen.
Hinsichtlich Gestaltungsreichtum und Qualität ist die Architektur der Maya im Vergleich mit der anderer präkolumbischer Kulturen ohne Konkurrenz. Die Mehrzahl der Mayaruinen findet sich in Mexiko, darunter Palenque, Yaxchilán und Bonampak. Auf der Halbinsel Yucatán liegen Chichén Itzá, Coba, Dzilbilchaltun, Edzna, Hochob, Kabah, Labná, Sayil, Uxmal und Xpuhil, weitere wichtige Stätten außerhalb Mexikos sind Copán (Honduras) sowie Piedras Negras, Quirigua und Tikal (Guatemala). Letzteres ist das größte aller Mayazentren. Die Architektur der Maya zeichnet sich durch eine wohlproportionierte Formgebung sowie detailreiche Fassaden aus. In größerem Umfang als andere präkolumbische Kulturen nutzten die Maya Skulpturen zur architektonischen Gestaltung. Der unechte Bogen wurde zur Überwölbung von Innenräumen und für frei stehende Bogenformationen verwendet. Gepflasterte Straßen verbanden die wichtigsten Kult- und Verwaltungszentren: Vermutlich dienten sie religiösen Prozessionen und symbolisierten den politischen Zusammenhang der Komplexe.
Charakteristisch für die monumentalen Steinskulpturen des Mayareiches sind frei stehende Figurenstelen mit eingravierten Inschriften. Die vollendetsten Beispiele finden sich in Copán, wo weicher Stein einen gleichsam barocken Überschwang an Verzierungen erlaubte. Auch finden sich häufig an Gebäuden angebrachte Steinreliefs – in Palenque wurden wirkungsvolle Reliefs in Stuck gestaltet.
Die Maya beherrschten alle präkolumbischen Kunsthandwerkstechniken mit Ausnahme der Schmiedekunst. Die überlieferten Malereien und Skulpturen lassen auch Rückschlüsse auf Art und Musterung ihrer Textilien zu. Besonders Jade, Holz, Knochen und Muscheln wurden von ihnen mit großem handwerklichen Geschick bearbeitet, am ausgereiftesten jedoch war ihre Keramikproduktion. Realistisch ausgestaltete Figuren und bunte Keramik mit mythologischen oder genrehaften Szenen gehören zu den eindrucksvollsten Stücken der präkolumbischen Kunst.
Hervorragende Beispiele der Freskenmalerei wurden in Bonampak, Palenque und Tikal gefunden. Von den erhaltenen Mayaschriften illustriert vor allem der Dresdener Codex (Sächsische Landesbibliothek, Dresden) die dynamische und ausdrucksstarke Linienführung der Mayakunst.
| 2.3. | Zapoteken |
Die Kultur der Zapoteken, die auch nach ihrem Zentrum als Monte-Albán-Kultur bezeichnet wird, beherrschte das Tal von Oaxaca. Sie entwickelte sich um 1500 v. Chr. und erreichte ihren Höhepunkt zwischen etwa 300 und 700 n. Chr. Die Zapotekenhauptstadt Monte Albán bestand zwischen 500 v. Chr. und 500 n. Chr. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Zapoteken bereits früh Beziehungen zu den Olmeken und später zu Teotihuacán unterhielten. Ihren ausgeprägten Ahnenkult spiegeln zahlreiche Artefakte für Begräbnisriten wider. Die Grabkammern in Monte Albán und im gesamten Oaxaca-Gebiet enthielten kunstvoll gearbeitete Urnen, deren Darstellungen die Verstorbenen in direkten Zusammenhang mit Naturkräften (Regen, Wind etc.) setzten.
Die Tempel von Monte Albán zeigen den Einfluss der Talud-tablero-Bauweise Teotihuacáns. Ähnliches gilt für die Plätze mit ihren monumentalen, auf Terrassentempel hinaufführenden Treppenanlagen. Zahlreiche Stelen mit Relief- und Schriftzeichengravuren finden sich im Umkreis verstreut. Die Gräber der Zapoteken besaßen mehrere Räume, die mit Fresken verziert waren. Auch hier ist der Einfluss von Teotihuacán offensichtlich.
| 2.4. | Das klassische Veracruz |
Am Golf von Mexiko entstand eine Kultur, die früher Totonakenkultur genannt wurde. Heute spricht man vom klassischen Veracruz (benannt nach dem heutigen mexikanischen Staatsgebiet, das sich in etwa mit dem präkolumbischen Kulturraum deckt). In der Hauptkultstätte El Tajín deuten sieben Hofanlagen auf die Bedeutung des rituellen Ballspieles tlachtli hin. Einige der dekorierenden Hofreliefs zeigen die rituelle Opferung von Ballspielern.
Die wichtigsten Kunstwerke der klassischen Veracruzkultur sind hachas (Äxte), yugos (Joche) und palmas (Palmen). Sie standen im Zusammenhang mit dem Ballspiel, doch ist ihre genaue Funktion nicht überliefert. Möglicherweise wurden sie von siegreichen Ballspielern bei Prozessionen und feierlichen Umzügen getragen. Vielleicht dienten die hachas auch zur Markierung des Spielfeldes.
In der klassischen Veracruzperiode wurden eindrucksvolle Tonfiguren hergestellt. Im Gebiet um Remojadas etwa entstanden breitgesichtig-lachende Gestalten. Nahezu naturalistische Hohlfiguren wurden nach dem Brennen mit Teer oder Pech bestrichen.
Wegen ihrer Lage an den einschlägigen Handelsstraßen nahm die Kultur des klassischen Veracruz zahlreiche Elemente anderer mexikanischer Hochkulturen auf. Vor allem in Cerro de las Mesas spiegelt ihre Architektur und Kunst den Einfluss von Olmeken, Teothuacán, Zapoteken und den Maya.
| 3. | Postklassische Periode |
In der postklassischen Periode entstanden weitere bedeutende Kulturen, wie die der Tolteken, Tarasken, Huaxteken und Totonaken, der Mixteken und Azteken.
| 3.1. | Tolteken und Maya-Tolteken |
Das 64 Kilometer nördlich von Mexico City liegende Tula (Tollán) war die Hauptstadt der kriegerischen Tolteken, deren erstes Reich im 10. Jahrhundert n. Chr. entstand (siehe Tulum). Sie schufen nur wenige Luxusgegenstände und benutzten bleiglasierte Tonware von nichttoltekischen Handwerkern, die an der Pazifikküste nahe der heutigen mexikanisch-guatemaltekischen Grenze siedelten. Diese Keramik war die einzige glasierte in Mesoamerika und hatte eine grünlich graue Oberfläche.
Auch die Architektur und Skulptur der Tolteken verrät den Einfluss des nahe gelegenen Teotihuacán. Der Tempel auf der Spitze der so genannten Morgensternpyramide von Tlahuizcalpantecuhtli in Tula besitzt nahezu fünf Meter hohe Säulen in Gestalt Furcht erregender Wächter. Darunter befinden sich Paläste und Zeremonienhallen, wahrscheinlich für Angehörige der militärischen Elite. Am nördlichen Fuß der Pyramide liegt der Coatepantli, auch Schlangenmauer genannt, der wohl einen geheimen Kultraum umschloss. Eine weitere rein toltekische Architekturform war der Tzompantli, eine niedrige Bühne nahe der Hauptpyramide, auf der die abgetrennten Köpfe geopferter Menschen zur Schau gestellt wurden.
Nach ungesicherten Berichten späterer Zeit sollen die Tolteken um 1000 n. Chr. die Halbinsel Yucatán erobert und die Mayastadt Chichén Itzá zur Metropole ihres Kolonialreiches gemacht haben. Tatsächlich zeigen Architektur und ikonographische Aspekte des Zentrums eine Vermischung der späten Mayakultur mit toltekischen Elementen. Einige der in Tula vorgefundenen Architekturformen – etwa die Schlangensäulen, die auf die gefiederte Schlangengottheit Quetzalcoatl anspielen, und Chacmool, eine Figur, die Schalen mit Opfergaben hält – wurden in Chichén Itzá aufgegriffen. Fresken stellen die Eroberung dar. Die Qualität der Arbeiten von Chichén Itza allerdings reflektiert die handwerkliche Überlegenheit der Mayakünstler.
Um 1250 gründeten die Maya mit Mayapán auf Yucatán eine neue Hauptstadt. Diese glich eher einer ummauerten Festung als den offenen Zentren der klassischen Mayazeit. Eine weitere Mayastadt der postklassischen Periode ist das ummauerte Tulum an der karibischen Küste, die erste mesoamerikanische Stadt, die durch die Spanier bezeugt ist.
| 3.2. | Tarasken |
Die westmexikanische Taraskenkultur existierte von der postklassischen Periode bis zur spanischen Eroberung. In ihrer Hauptstadt Tzintzuntzán am Pátzcuarosee waren Yacatas, runde Stufentempel, in einer Reihe angeordnet und durch eine einzige rechteckige Plattform miteinander verbunden. Vermutlich beherrschten die Tarasken als erste der mesoamerikanischen Hochkulturen die Metallbearbeitung, die sie möglicherweise im Zuge ihrer Handelsbeziehungen von den zentralamerikanischen oder Andenkulturen übernahmen. Neben ornamental verzierten Kupfergegenständen fertigten sie besonders Federschmuck und Textilien.
| 3.3. | Huaxteken und Totonaken |
Zur Zeit der spanischen Eroberung konzentrierten sich die Huaxteken an der Nordküste des Golf von Mexiko, die filigran gemusterte Steinskulpturen und Muschelschnitzereien schufen. Die Zentralküste wurde von den Totonaken besiedelt, deren Hauptstadt Cempoala war.
| 3.4. | Mixteken |
Durch Kriege und Heiraten waren mixtekische Herrscher im 10. Jahrhundert vom Bergland in die benachbarten zapotekischen Territorien des Oaxaca-Tales vorgedrungen. Nachdem sie Monte Albán erobert hatten, errichteten sie befestigte Städte wie Yagul und Mita, Letztere ein bedeutendes religiöses Zentrum. Ihre Gebäude waren mit bemerkenswerten geometrischen Steinmosaiken verziert.
Sowohl die mixtekischen Bilderschriften (so im Zouche-Nuttall-Codex) als auch Wandgemälde und bemalte Keramiken zeugen von einer hohen Kunstfertigkeit. Die Mixteken waren die geschicktesten Goldschmiede Mesoamerikas: Ihre Keramik aus Cholula im Pueblastil avancierte im 14. und 15. Jahrhundert zur begehrtesten Töpferware Mexikos. Auch dekorierten sie Masken, Opfermesser und andere Gegenstände mit Mosaikeinlagen aus Korallen, Perlmutt, Türkis, Obsidian und anderen Steinen. Ihre Holzschnitzerei war ebenfalls hoch entwickelt: insbesondere Atlatls (Speerwurfmaschinen) und Teponatzli (Schlitztrommeln) für den zeremoniellen Gebrauch wurden mit reichen Verzierungen versehen.
| 3.5. | Azteken |
Die letzte bedeutende mesoamerikanische Kultur war die der Azteken, die auch Mexica genannt wurden (wovon sich der Name Mexiko ableitet). Zwischen 1428 und 1521 schufen sie zum Ruhm ihrer Herrscher Kunstwerke, die zu den beeindruckendsten Beispielen präkolumbischer Kunst zählen, die sich bis heute erhalten haben.
Zur Zeit der spanischen Eroberung war die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán (heute Mexico City) eine der größten der Welt. Im Texcocosee auf natürlichen und künstlichen Inseln (Chinampas) erbaut, besaß sie ein ausgeklügeltes Kanalsystem, auf dem Boote als Transportmittel verkehrten. Heute liegt der zentrale Platz von Mexico City auf der wichtigsten aztekischen Kultstätte, dem Templo Major. Ausgrabungen dort haben einige der spektakulärsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts zutage gefördert.
Die Azteken hinterließen monumentale frei stehende Steinplastiken, die teils realistisch, teils abstrakt ausgestaltet sind und mit denen neben Gebäuden auch Altäre für Menschenopfer verziert wurden. Diese Altäre besaßen Cuauhxicalli (Behältnisse für menschliche Herzen und Blut), Kalendersteine und andere Kultobjekte.
Von den Bilderhandschriften der Azteken, die von hoher künstlerischer Qualität waren, haben nur wenige die Zerstörung der aztekischen Bibliotheken durch spanische Missionare im 16. Jahrhundert überstanden.
| 7. | Zentrales Andengebiet |
Während in den meisten frühzeitlichen Kulturen einschließlich derer in Mesoamerika die Entwicklung von keramischen Techniken der Entstehung von Städten vorausging, wurden im zentralen Andengebiet Monumentalarchitekturen vor der Töpfereikunst entwickelt.
| 1. | Präkeramische Periode |
In Huaca Prieta im Chicama-Tal an der Nordküste Perus entstanden um 2500 v. Chr. riesige kultische Hügel. Auch gewebte Baumwollstoffe und geometrisch bemusterte Schnitzarbeiten von hoher handwerklicher Qualität wurden hier entdeckt. In Las Haldas an der Nordküste stehen die ältesten bekannten Pyramiden und Terrassentempel Amerikas. Sie bestanden aus Erde und wurden um 1800 v. Chr. errichtet. El Paraído oder Chuquintanta an der Zentralküste Perus ist die größte präkeramische Fundstätte der Region, an der man verschiedene mehrstöckige Wohnkomplexe aus Lehm und Stein mit Terrassen entdeckte. In Kotosh, einer anderen präkeramischen Stätte im nördlichen Hochland Perus, wurden Terrassentempel aus unbehauenen Steinen erbaut, die in die Erde eingelassen und mit Tonreliefs geschmückt waren, welche sich kreuzende Hände zeigten.
| 2. | Präklassische Periode |
In präklassischer Zeit entstanden in Peru zwei bedeutende Kulturen, die Chavínkultur und die von Paracas.
| 2.1. | Chavín |
Etwa zwischen 1200 und 200 v. Chr. blühte in Chavín de Huantar im nördlichen Hochland Perus eine Zivilisation, die in vielerlei Hinsicht der gleichzeitigen Olmekenkultur glich, die wie diese Bildnisse einer Katzengottheit anfertigte. Es scheint, dass der künstlerische Einfluss der Chavínkultur sich nicht durch Eroberungen, sondern durch religiöse und kulturelle Weitervermittlung verbreitete. Ein künstlerischer Einfluss lässt sich von Ecuador bis zur Südküste Perus nachweisen.
Chavín de Huantar besteht aus einer Reihe von Plattformen und Terrassen. In einigen der Verbindungskorridore wurden unechte Bögen verwendet. In Chavín de Huantar oder chavínnahen Fundstätten wie Cerro Blanco und Cerro Sechín wurden besonders eindrucksvolle Steinplastiken gefunden. Anders als bei der olmekischen und anderen mesoamerikanischen Kulturen lassen sich in der Chavínkultur und späteren peruanischen Kulturen nur wenige frei stehende Steinskulpturen oder Tonfiguren nachweisen. Unter den Reliefs der Chavínkultur ist die rechteckige Tafel an einer Raimondi-Stein genannten Stele in Lima das bedeutendste.
Die Steigbügelgefäße – geschlossene Gefäße mit typisch steigbügelförmiger Auslaufform – entstanden wahrscheinlich in Nordperu und sind besonders charakteristisch für die Chavínkeramik. Wie die olmekische Keramik wurde auch diese eher in den Randsiedlungen und nicht im Kultzentrum selbst hergestellt. So wurden in Cupisnique, Chongoyape und Tembladera handwerklich hoch stehende Tonkrüge mit abstrakten und realistischen Verzierungen produziert.
Typisch für die Chavínschmiedekunst ist gehämmerter oder getriebener Goldschmuck, z. B. ausgeschnittene Zierplaketten, die an Gewänder gesteckt wurden. Hohe zylindrische Kronen mit mythologischen Reliefs waren für den Adel vorgesehen.
| 2.2. | Paracas |
Von etwa 1100 bis 200 v. Chr. blühte auf der Halbinsel Paracas an der Südküste Perus eine Kultur, die hauptsächlich für ihre Textilien bekannt ist, welche sich aufgrund der klimatischen Bedingungen bestens erhalten haben. Die Toten wurden in Tücher eingehüllt und in Wüstengräbern beigesetzt, wo die trockene Luft ihre Körper mumifizierte. Die Leichentücher sind mit kunstvollen Katzenmotiven verziert, die eingewebt, darauf gestickt oder gemalt sind. Der starke Einfluss der Chavínkultur, insbesondere in der Verwendung des Katzenkultmotivs, zeigt sich auch auf Tonkrügen, die in der Nekropole von Paracas gefunden wurden.
Der Kunststil in der südlichen Küstenregion Perus neigt zu rechtwinklig-schematischen Motiven und unterscheidet sich von den eher realistischen und runderen Formen der Ton- und Metallskulpturen aus Nordperu. So wirken die dekorativen Gravierungen und leuchtend bunten Bemalungen der Paracaskeramik äußerst stilisiert. Die Gefäße selbst besaßen häufig zwei Schnäbel und einen gewölbten Boden (siehe Paracaskultur).
| 3. | Klassische Periode |
Die klassische Periode wurde von der Moche-, der Nazca- und der späten Tiahuanacukultur sowie den mit ihr verbundenen Kulturen beherrscht.
| 3.1. | Moche |
Das kriegerische Mochereich an der peruanischen Nordküste existierte etwa zwischen 200 v. Chr. und 700 n. Chr. Früher nach ihrer Sprache Mochica genannt, wird diese Kultur heute nach ihrem Kult- und Verwaltungszentrum als Mochekultur bezeichnet. Um zwei große Terrassenpyramiden aus luftgetrockneten Ziegeln herum gebaut, ist Moche eine der monumentalsten Stätten präkolumbischer Zivilisation in Peru.
In Mochegräbern fanden sich einige der handwerklich bemerkenswertesten Keramiken und Kunstschmiedearbeiten des zentralen Andengebiets. Mit ihren realistischen Verzierungen gehören die Mochekeramiken zu den filigransten der präkolumbischen Zeit. Besonders die Figurengefäße bestechen durch die porträtähnlich-individuelle Wiedergabe menschlicher Züge. Andere Krüge zeigen historische Ereignisse der Volksgeschichte und Szenen aus dem Kriegsleben. Die Moche stellten mehr als jede andere präkolumbische Kultur erotische Keramiken her, die wohl in Zusammenhang mit kultischen Handlungen stehen.
Die Metallarbeiten der Moche waren reicher verziert und technisch ausgereifter als die Erzeugnisse vorheriger Kulturen. Teilweise legierter Schmuck aus Gold, Silber und Kupfer wurde oftmals zusätzlich mit Türkisen und Lapislazuli verziert. Bevorzugt verwendet wurden geometrische Formen und mythologische Motive, vor allem das der Katzengottheit.
| 3.2. | Nazca |
Das Volk der Nazcakultur an der peruanischen Südküste lebte etwa zur gleichen Zeit wie das der Mochekultur. Wie ihre Vorläufer aus Paracas hinterließ auch die Nazcakultur kaum architektonische Zeugnisse, dafür jedoch um so schönere Textilien und Keramiken. Mit ihren leuchtenden Farben und stilisierten Ornamenten stehen letztere in scharfem Kontrast zum farblichen Purismus der nordperuanischen Töpfereikunst. Während die Mochekultur mehr zur skulptural ausgeformten Keramik neigte, tendierte die der Nazca eher zu reich bemalten Formen.
Zu den geheimnisvollsten Spuren präkolumbischer Zeit gehören Linien, die in der Wüste gezogen wurden. Sie wurden erzeugt, indem man die dunklen Steine vom helleren Untergrund abräumte. Die Linien ergeben gewaltige geometrische Formen oder Tiere (Vögel und Fische), die nur aus der Luft erkannt werden können. Diese wohl im kultischen Zusammenhang entstandenen Formationen wiederholen Bilder, wie sie auch auf der Nazcakeramik zu finden sind.
| 3.3. | Tiahuanaco |
Das bolivianische Tiahuanaco in der Nähe des Titicacasees wurde bereits um 200 v. Chr. errichtet. Bis 600 n. Chr. war dieser städtische Komplex das Zentrum einer bedeutenden Zivilisation der klassischen Periode, die sich über das gesamte Hochland von Bolivien ausbreitete.
In der Tiahuanacokultur sind dekorative Motive und religiöse Bilder stark stilisiert. Häufig vorkommende Tiermotive sind Kondor und Jaguar. Gebäude und Skulpturen zeichnen sich durch monumentale Wirkung aus. Das knapp vier Meter hohe kultische Sonnentor ist monolithisch (aus einem einzigen Stein gehauen) und mit einem kunstvoll gearbeiteten Relief verziert. Im ganzen Gebiet von Tiahuanaco finden sich monolithische pfeilerartige Steinskulpturen, die Höhen von über sechs Metern erreichen und mit Basreliefs verziert sind. Tiahuanaco gehörte zu den wenigen Kulturen im zentralen Andengebiet, die für ihre Architektur, Skulpturen und Kultgegenstände extensiven Gebrauch von Stein machten.
| 3.4. | Huari |
Auch wenn sie hinsichtlich Religion und Zeichensprache starke Gemeinsamkeiten mit der Tiahuanacokultur aufwiesen, unterschied sich die Kultur der Huari (bzw. Wari) in sozialer und ökonomischer Hinsicht doch stark von dieser. Zwischen etwa 750 und 1000 setzte das Huarireich dem kulturellen Regionalismus in Peru ein Ende und bereitete damit den Boden für die kulturelle Vereinheitlichung der Inkazeit.
Wie die Moche waren die an der Küste beheimateten Huari Krieger. Sie schufen Textilien von höchster Qualität. Viele ihrer Muster, vor allem für Ponchos, abstrahieren Motive der Tiahuanacokeramik. Die Töpferwaren der Huari sind formvollendet und von großer Farbenfreude.
| 4. | Postklassische Periode |
Die alles beherrschende Kultur der postklassischen Periode im präkolumbischen Südamerika war die der Inka. Mit ihr konnten ansatzweise nur die Chimú konkurrieren.
| 4.1. | Chimú |
Von 1000 bis 1470 wurde der Nordwesten Perus von den Chimú beherrscht. Ihre kaiserliche Hauptstadt Chan-Chan bestand aus großen, mit Adobeziegeln gemauerten Komplexen, die an frühere Huarisiedlungen erinnern. Chan-Chan, die größte präkolumbische Siedlung der Anden, ist in zehn großen Quadraten angelegt, von denen jedes kleine Pyramiden, Wohnhäuser, Märkte, Werkstätten, Wasserreservoirs, Vorratsspeicher, Gärten und Friedhöfe enthält. Die Gebäude sind mit geometrischen Mosaiken oder Basreliefs im Tonverputz verziert, auf denen stilisierte Tiere (meist Vögel) und mythologische Gestalten dargestellt sind.
Während Chan-Chan nicht befestigt war, verteidigten die Chimú ihr Reich durch burgartige Grenzanlagen. Paramonga im Süden gilt als Meisterwerk der militärischen Ingenieurskunst, ebenso die Festung Saccasihuamán oberhalb von Cuzco.
Die charakteristische schwarze Farbe der Chimúkeramik wurde dadurch erreicht, dass man beim Brennvorgang die Sauerstoffzufuhr im Ofen drastisch reduzierte, wodurch die Flammen beinahe ausgelöscht wurden. Danach wurden die einzelnen Stücke mit dekorativen Reliefs verziert und die Oberflächen nach dem Brennen poliert, so dass sie ihren charakteristischen silbrigen Schimmer erhielten.
Die Metallarbeiten der Chimúkultur, die in Formen gegossen wurden, waren, verglichen mit der Keramik, eigenständiger in ihrer Formgebung und individueller in der künstlerischen Ausführung.
Qualitativ waren die Textilien den anderen kunsthandwerklichen Gegenständen vergleichbar. Die mit Federn geschmückten Ponchos der Chimú gehörten zu den luxuriösesten Kleidungsstücken der postklassischen Periode.
| 4.2. | Inka |
Die Inka, ein kriegerisches Bergvolk, beherrschten von ihrer Hauptstadt Cuzco aus ein Reich, das sich im zentralen Andengebiet von Ecuador bis Chile erstreckte. Sie selbst nannten sich Tawantinsuyu, die Bezeichnung Inka, die in der Quechuasprache Herr oder König bedeutet, wurde ihnen von den spanischen Eroberern gegeben. Ihre Zivilisation ereilte das gleiche Schicksal wie das der Azteken in Mexiko, indem sie dem religiösen Eifer und der Goldgier europäischer Kolonisatoren zum Opfer fiel.
Heute ist ihre Kultur eine der am besten erforschten der präkolumbischen Zeit. Ihre Kunst und Architektur sind durch hohe Funktionalität und eher sparsame Ornamentik gekennzeichnet. Die architektonischen Zeugnisse ihrer Kultur zählen jedoch zu den bedeutendsten Leistungen der präkolumbischen Epoche. Sie errichteten monumentale Bauwerke aus präzise behauenen Steinblöcken, die ohne Fugen zusammengesetzt wurden. Trapezförmige Türen und Fenster waren charakteristisch.
Die Inka schufen keine großen frei stehenden Skulpturen. Zu den schönsten Zeugnissen ihrer Plastik gehören Metallfiguren und kleine Kultschalen in Form von Tieren wie Lamas oder Alpakas.
Die Keramik der Inka wurde wie die der Chimú seriell hergestellt, war jedoch von geringerer Qualität als diese. Die eigentümlichste Form war die des Aryballos, eines bunten Behältnisses für Flüssigkeiten. In der Textilkunst und Metallarbeit führten die Inkas die im zentralen Andengebiet herrschenden Traditionen fort.
| 8. | Das Zwischengebiet |
Auch in Kolumbien und Ecuador entwickelten sich Hochkulturen mit eigenständigen Kunst- und Architekturstilen.
| 1. | Südliches Zentralamerika |
In Nicaragua und Costa Rica wurden großformatige Steinskulpturen hergestellt. Neben Götterstatuen, die den Einfluss der mesoamerikanischen Kulturen spiegeln, schufen die zentralamerikanischen Indianerkulturen reich geschmückte Metates (Steinmühlen zum Zerkleinern von Mais) und Zeremonialäxte, die aus Jade geschnitzt wurden.
Ihre Metallarbeiten deuten auf Einflüsse aus dem Norden des südamerikanischen Subkontinents hin. Zu den schönsten Beispielen gehören Schmuckstücke der Veraguaskultur in Panamá und der Chiriquíkultur in Costa Rica.
Die kühn gestaltete und kolorierte Keramik der Coclékultur ähnelt in ihren dynamischen, rhythmischen Mustern verblüffend den modernen Molas, umgekehrten Applikationen, die die Cuna von San Blas nähen. Auf der Halbinsel Nicoya in Costa Rica stellten die Chorotegaindianer mehrfarbige Figurengefäße her.
| 2. | Kolumbien |
In Kolumbien wurden nur wenige Zeugnisse einer hoch entwickelten Architektur gefunden. Die früheste und größte archäologische Fundstätte ist San Agustín, ein großflächiges Terrain mit frei stehenden Steinskulpturen, von denen viele mit einem Katzenkult in Zusammenhang stehen. Es wurden auch unterirdische Gräber und Tempel gebaut. In Tierradentro sind Schachtgräber tief in den Fels geschlagen und reich ausgemalt. Die karibische Ausgrabungsstätte von Tairona weist Steinstraßen und Steinfundamente von Rundhäusern auf.
Goldarbeiten waren in Kolumbien eine der wichtigsten Kunstformen. Die Calima, Quimbaya, Tairona, Tolima, Sinu, Darién und Chibcha (bzw. Muisca) entwickelten in ihren Metallarbeiten verschiedene Regionalstile mit besonderen Formen und einer jeweils eigenen Symbolsprache. Obwohl der Einfluss des zentralen Andengebiets spürbar ist, zeichnen sich die kolumbianischen Metallarbeiten durch eine höhere Kreativität in Formgebung und Technik aus.
Die kolumbianische Keramik bleibt ästhetisch meist hinter den Metallarbeiten zurück. Bei der Quimbayakultur allerdings stehen die Tonfiguren und -gefäße den Goldarbeiten in ihrer handwerklichen Qualität in nichts nach.
| 3. | Ecuador |
In Ecuador war die Herstellung hochwertiger Keramik weiter entwickelt als in Kolumbien. Tonwaren wurden bereits um 3000 v. Chr. in Valdivia gefertigt. Aus den Kulturen von Chorrera, Guangala, Bahia, Jama-Coaque, La Tolita, Mantano und Carchi sind gebrannte Tonfigurinen und Figurengefäße bekannt.
Frei stehende Steinskulpturen wurden nur selten geschaffen. Die Basreliefs der Mantanokultur in Cerro Jaboncillo gehören zu den schönsten Beispielen der ecuadorianischen Bildhauerkunst. Ebenfalls der Mantanozeit (850-1500 n. Chr.) sind gemeißelte Hocker aus der Manabkultur zuzurechnen. Diese U-förmigen Sitze, die von menschlichen oder tierischen Figuren getragen werden, gehören zu den eigenwilligsten Steinkunstwerken Ecuadors. Aber auch schöne Metallarbeiten wurden hergestellt.
| 9. | Randgebiet |
Im Amazonasbecken wurden an verschiedenen archäologischen Ausgrabungsstätten Keramiken gefunden. In der Karibik entwickelten die Taino ihre eigene Kultur und Kunst.
| 1. | Amazonasbecken |
Der größte Teil des Kunsthandwerks aus dem Amazonasgebiet bediente sich vergänglicher Materialien wie Holz, Federn und Pflanzenfasern. Die qualitätvollste Keramik dieser Region wurde im brasilianischen Amazonasdelta gefunden. So wurden in Santarém Figurengefäße aus der Zeit um 1250 bis 1500 n. Chr. ausgegraben. Auf der Halbinsel Marajó fand man in Erdhügeln, deren Entstehung sich um 1000 bis 1250 datieren lässt, komplex geformte, gravierte und bemalte Keramiken, darunter große Graburnen. Figurengefäße, die sitzende Männer darstellen, wurden auf der Insel Maracá hergestellt.
| 2. | Karibik |
Im karibischen Raum fand man Kunstgegenstände aus präkolumbischer Zeit vor allem auf den Großen Antillen: in Puerto Rico, Jamaica, Haïti und der Dominikanischen Republik. Dieses Gebiet war hauptsächlich von den Taino bewohnt, die vom Delta des Orinoco in Venezuela übersiedelten. Ihr Kunsthandwerk ist daher eng mit dem des nördlichen Südamerika verbunden. Die Taino, deren Kultur bis zur spanischen Eroberung fortbestand, ließen sich um 200 n. Chr. hier nieder. Zu den von ihnen gefertigten Objekten aus Knochen, Holz und Stein gehörten Spachtel, mit denen man sich aus Gründen religiöser Reinigung zum Erbrechen reizte, Dujos (geschnitzte Holzstühle für Häuptlinge und Priester) und Zemi (dreieckige Steine mit figürlichen Motiven, die Naturgeister und Gottheiten versinnbildlichen sollten). Die Keramik der Taino umfasste Krüge mit eingravierten geometrischen Mustern und Bildniskrüge in Menschengestalt.
Der eindrucksvollste architektonische Komplex der Taino befindet sich in Utuado (Puerto Rico). Hier sind zehn Plätze von gravierten Steinen eingefasst. Der Ausgrabungsort deutet darauf hin, dass Tlachtli, das kultische Ballspiel aus Mesoamerika, vom mexikanischen Festland her eingeführt wurde.