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| 3. | Werk |
| 1. | Marx und Hegel |
Von entscheidender Bedeutung für Marx’ intellektuellen Werdegang waren seine philosophischen Auseinandersetzungen mit Hegel und Feuerbach, die Aneignung des gesamten zu seiner Zeit zur Verfügung stehenden Wissens über die Nationalökonomie und die Auseinandersetzung mit den damals herrschenden Vorstellungen über Sozialismus und Kommunismus. Marx’ zentrales Anliegen war es, seine ökonomische Kritik auf philosophischen Boden zu stellen und der Philosophie eine Basis in der Wirklichkeit, in den ökonomischen Verhältnissen zu schaffen. Die Analyse der Krisenerscheinungen des Kapitalismus und eine von Hegel übernommene Geschichtsphilosophie, die dem Verlauf der Geschichte eine vorwärtsgerichtete Zielrichtung unterstellte, vereinigten sich im Denken von Marx zur Idee einer beinahe zwangsläufig kommenden proletarischen Revolution: In diesem revolutionären Prozess schlägt das dialektische Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit zugunsten der Arbeit, des Proletariats um, womit die menschliche Geschichte in eine neue Phase eintritt. Um zu einem Verständnis des Begriffs der Dialektik zu kommen, ist es allerdings notwendig zu verstehen, warum sich Marx mit Hegel auseinandersetzte und er Hegel seiner Ansicht nach vom idealistischen Kopf auf die materialistischen Füße stellen konnte.
| 1.1. | Anlehnung an Hegel |
Als Karl Marx 1836 als Student der Rechtswissenschaft nach Berlin kam, galt die Hegelsche Philosophie immer noch als die entscheidende und wichtigste philosophische Strömung in Berlin und Preußen. Die Rechtswissenschaften waren in jener Zeit – vermittelt über die Moralphilosophie, die Rechtsphilosophie und die Staatsrechtslehre – sehr stark mit der Philosophie verbunden: Nicht zuletzt aufgrund der Französischen Revolution sah sich auch der preußische Staat dazu gezwungen, die eigenen Rechtsverhältnisse zu rechtfertigen und zu systematisieren und das Recht im Sinne der Aufklärung als systematisch und der Vernunft gehorchend auszuweisen. In der Rechtsphilosophie und der Staatsrechtslehre wurde daher u. a. dargelegt, wer mit welcher Legitimation das Recht setzt (schafft).
In einem Brief an den Vater vom 10. November 1837 leistete der junge Marx Rechenschaft darüber, warum er sich mehr und mehr der Philosophie zuwandte und mit dem philosophischen System Hegels auseinandersetzte. Da die eigenen philosophischen Überlegungen dem Hegelschen System eindeutig unterlegen waren, studierte Marx gründlich das gesamte zur Verfügung stehende Werk von Hegel, um sich am Ende dieser Studien immer fester „an die jetzige Weltphilosophie zu ketten”, der er eigentlich zu entrinnen gehofft hatte.
| 1.2. | Hegels philosophisches System |
Die Faszinationskraft der Hegelschen Philosophie bestand zunächst darin, dass sie alles bisher Gedachte – nicht nur philosophische Gedanken, sondern auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse – in sich zu verarbeiten suchte. Das System der Hegelschen Philosophie gilt daher als der letzte große Versuch der Philosophie, alles Wissen der Welt in sich aufzunehmen. Gemäß Hegel werden im Prozess der Geschichte die Wirklichkeit und die Philosophie von der Vernunft hervorgetrieben. In der Reflexion auf sich selbst trachtet die Philosophie bei Hegel danach, sich selbst zu vollenden: Die Prozesshaftigkeit des Werdens der Welt einerseits und die Möglichkeit des Erkennens dieses Prozesses andererseits haben ein gemeinsames Prinzip: die Dialektik. Formal ist die Dialektik die Bewegung von der These über die Antithese zur Synthese: Jede Setzung (These) erzwingt notwendigerweise ihre eigene Negation (Antithese); auf einer höheren Stufe werden dann These und Antithese in einer neuen Synthese aufgehoben. Dieser Prozess des Aufhebens beinhaltet nach Hegel drei Momente: überwinden, bewahren und emporheben. In der Synthese ist damit sowohl die These wie deren Gegenteil enthalten.
Marx ließ sich zwar zunächst nur widerwillig auf die Philosophie Hegels ein, aber trotz aller Kritik, die er in den darauf folgenden Jahren an Hegel übte, ließ er nie einen Zweifel daran, von welchem Stand der Philosophie er einst ausgegangen war und wie viel ihm die dialektische Methode bedeutete, die er von Hegel gelernt hatte.
| 2. | Einzelne Werke (Auswahl) |
| 2.1. | Dissertation und Kritik des Hegelschen Staatsrechts |
| 2.1.1. | Doktorarbeit: Erste Kritik an Hegel |
Mit dem Beginn der Arbeit an der Dissertation im Frühjahr 1839 setzte Marx’ zunächst nur „keimhaft” vorhandene kritische Auseinandersetzung mit Hegel ein. Aufgrund der realen Verhältnisse in Preußen gab es für Marx allen Grund, die „Wirklichkeit der Vernunft” (Hegel) anzuzweifeln. Der entscheidende Unterschied zwischen Marx und den anderen Junghegelianern bestand jedoch darin, dass er im Kern von Hegels Werk selbst sowohl das konservative wie das fortschrittliche Moment sah. Statt Hegels Werks aufzuspalten, forderte Marx in seiner Dissertation, die Konsequenzen aus diesem Werk zu ziehen: Nach dem „Philosophisch-Werden der Welt” verlangt Marx, dass nun ihrerseits die Philosophie weltlich zu werden hätte.
| 2.1.2. | Weiter gehende Kritik an Hegel |
Während seiner Aufenthalte in Trier, Köln und Bonn im Anschluss an seine Dissertation begann Marx neben seiner publizistischen Tätigkeit, die Hegelsche Rechtsphilosophie kritisch durchzuarbeiten. In seinen Artikeln für die Rheinische Zeitung befasste sich Marx auch zum ersten Mal mit konkreten materiellen Problemen seiner Zeit. Diese Beschäftigung brachte ihn zu folgender gegen Hegel gerichteter Überlegung: Rechtsverhältnisse und Staatsformen sind nicht Resultat einer allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sie wurzeln stattdessen in ganz konkreten materiellen Lebensverhältnissen. Die Kernstruktur der bürgerlichen Gesellschaft kann daher durch eine Untersuchung der politischen Ökonomie aufgedeckt werden.
| 2.1.3. | Feuerbach |
Die zeitgleiche Beschäftigung mit Ludwig Feuerbach bot Marx den philosophischen Hintergrund für seine Kritik an Hegel. Feuerbach war in seinen Vorläufigen Thesen zur Reform der Philosophie zu folgendem Schluss gekommen: „Das wahre Verhältnis vom Denken zum Sein ist nur dieses: Das Sein ist Subjekt, das Denken Prädikat. Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken.” Mit Feuerbach im Rücken konnte Marx daher feststellen, dass Hegel in seiner Dialektik permanent Subjekt und Prädikat vertauscht: Die Idee wird bei Hegel zum Subjekt, und die wirklichen Subjekte werden zu Prädikaten. Wenn Hegel also im Hinblick auf die Geschichte und die Philosophie von der Sache der Logik sprach, fordert Marx jetzt dazu auf, die Logik der Sache zu untersuchen.
| 2.1.4. | Umkehrung von Subjekt und Prädikat |
Während Hegel im System seiner Philosophie den Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zum Staat mittels des allgemeinen Verhältnisses von Notwendigkeit und Freiheit bewerkstelligte, verlangte Marx, diesen Übergang aus dem spezifischen Wesen von Gesellschaft und Staat herzuleiten. Philosophisch ausgedrückt heißt dies, dass Marx in Übereinstimmung mit Feuerbach in der Hegelschen Dialektik eine Umkehrung von Subjekt und Prädikat vornimmt.
Das Resultat dieser Überlegungen mündete in dem Manuskript Kritik des hegelschen Staatsrechts, das 1927 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. „Hegel ist nicht zu tadeln, weil er das Wesen des modernen Staates schildert, wie es ist, sondern weil er das, was ist, für das Wesen des Staates ausgibt.” Diese Unterscheidung zwischen dem Wesen einer Sache und seiner Erscheinung ist eine Denkfigur, in der Marx quasi mit Hegel gegen Hegel auftritt und die in Marx’ eigenem Werk zu immenser Bedeutung gelangt. Feuerbach ist jedoch nicht der Endpunkt in Marx’ Philosophie. Marx übernimmt nämlich die von Feuerbach an der Philosophie und der Religion angebrachte Kritik und wendet sie nun seinerseits auf die Politik, den Staat und die konkreten menschlichen Verhältnisse in seiner Zeit an: Stände und Klassen werden ihm zum Thema genauso wie die Frage des Privateigentums. Damit sind die ersten Stützpfeiler einer materialistischen Dialektik gesetzt.
| 2.2. | Zur Judenfrage |
In seiner oft, aber zu unrecht als antisemitisch geschmähten Abhandlung Zur Judenfrage aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern unternahm Marx eine erste klare Abgrenzung gegenüber seinem früheren Weggefährten, dem Junghegelianer Bruno Bauer. Im Gegensatz zu den Juden in Frankreich waren die deutschen Juden immer noch nicht emanzipiert (siehe Judenemanzipation), also im Besitz der bürgerlichen Rechte. Dem Ansinnen der deutschen Juden auf Emanzipation stellte Bauer folgende Überlegung entgegen: Um miteinander leben zu können, müssten Christen wie Juden das aufgeben, was sie trennt, nämlich ihren jeweiligen Glauben. Weder Juden noch Christen könnten als solche Menschenrechte für sich reklamieren, denn Menschenrechte können nur bei geglückter Emanzipation beider, Juden wie Christen, verliehen werden. Laut Bauer würden religiöse Vorurteile verschwinden, wenn alle Menschen im einem liberalen weltlichen, also von der Religion befreiten Staat gleiche Rechte genießen würden.
Marx stimmte Bauers Kritik am christlichen Staat durchaus zu, aber er bemängelte an Bauers Entwurf zu Recht, dass er den Zusammenhang von politischer und menschlicher Emanzipation außer Acht bzw. die eine mit der anderen zusammenfallen ließ. Die Gesellschaft wird nicht von allen ihren Übeln befreit, indem man lediglich eine strikte Trennung von Politik und Religion einführt. In der bürgerlichen Gesellschaft und damit im Rahmen der politischen Emanzipation befreit sich laut Marx der Mensch nicht von der Religion, sondern erhalte – immerhin – Religionsfreiheit. In allen Verfassungen, in denen von Menschenrechten die Rede ist, wird nach Ansicht von Marx der Mensch als beschränktes Individuum aufgefasst: Die Freiheit als Recht alles zu tun, was keinem anderen schadet, ist nur die Freiheit des beschränkten Individuums und nicht die Freiheit des wirklichen Menschen als Gattungswesen, denn als Gattungswesen baut die Freiheit des Einzelnen immer auf der Verbindung mit anderen Menschen auf und nicht auf der Absonderung vom anderen. Erst wenn der Mensch als Gattungswesen seine gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Form der politischen Kraft von sich abspaltet, ist laut Marx die „die menschliche Emanzipation vollbracht.”
| 2.3. | Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie |
| 2.3.1. | Mit Feuerbach und Hegel gegen Feuerbach und Hegel |
In dem ebenfalls in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlichten Aufsatz Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie zerpflückte Marx mit beißender Ironie und brillanter Rhetorik die politischen Zustände in Deutschland. Er erklärte die Kritik an der Religion für im Wesentlichen erledigt und beendet. Im Gegensatz zu Feuerbach wollte er jedoch die Religion nicht mit den ganz abstrakten Bestimmungen des Menschen in Bezug setzen. Denn „der Mensch, das ist kein abstraktes, außerhalb der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind.” Als Reaktion auf diese Verhältnisse ist daher die Religion „der Seufzer der bedrängten Kreatur… Sie ist das Opium des Volkes.” In einem Vergleich mit den Zuständen Frankreichs zur Zeit der Französischen Revolution kommt Marx zu folgendem Schluss: Die Franzosen haben die Revolution ohne Theorie vollzogen, die Deutschen haben stattdessen die Verhältnisse nur in der Theorie aufgehoben und revolutioniert. „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.”
| 2.3.2. | Das Proletariat |
Im Gegensatz zu Frankreich zu Zeiten der Revolution hat Deutschland jedoch kein radikales aufbegehrendes Bürgertum, das eine Revolution wagen würde. Da Deutschland in dieser Hinsicht geschichtlich quasi zu spät kommt, wird es daher an einem anderen Punkt umso radikaler in die Geschichte eingreifen (müssen). Die bürgerliche Revolution in Frankreich erbrachte nämlich noch nicht die vollendete Emanzipation des Menschen; diese Emanzipation wird erst eine Klasse mit radikalen Ketten zustande bringen: das Proletariat. „Die Emanzipation der Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.” Damit war in Marx’ Werk quasi das letzte noch notwendige zentrale Stichwort gefallen: Die Revolution der Arbeiterklasse, des Proletariats, wird die neue Zeit, wird das Reich der Freiheit einläuten.
| 2.4. | Pariser Manuskripte |
| 2.4.1. | Privateigentum und Ökonomie |
In den erst 1932 veröffentlichten Pariser Manuskripten findet sich die theoretische Begründung dafür, warum Marx alleine dem Proletariat die wirklich Umwälzung aller Zustände, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, zuschrieb. Engels’ Abhandlung Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern gab Marx den letzten Anstoß, intensive ökonomische Studien anzustellen. Gemäß gängiger Meinung ist in den Pariser Manuskripten der Kern aller späteren Marx’schen Schriften angelegt: Hier vollzog sich die für Marx charakteristische Verschmelzung von philosophischer Tradition und national-ökonomischem Wissen bzw. politisch-ökonomischer Kritik auf einem bis dahin nicht gekannten Niveau.
Marx ging von folgendem Gedanken aus: Da die Nationalökonomie (z. B. David Ricardo, John Stuart Mill, François Quesnay) das Privateigentum bisher ganz einfach vorausgesetzt hatte, war es ihr auch nicht möglich, den tatsächlichen Zusammenhang zwischen Kapital, Arbeit, Grundeigentum, Konkurrenz usw. zu begreifen. Marx interessierte in den Pariser Manuskripten nun nicht die geschichtliche Herleitung der Entstehung des Privateigentums, sondern die aktuelle Form und Erscheinungsweise des Privateigentums.
| 2.4.2. | Produktionsprozess und Privateigentum |
Im Produktionsprozess, im Prozess der Arbeit wird das Privateigentum immer wieder neu und zugleich vergrößert hergestellt. Die Folge davon ist, dass die einen, die Kapitalisten, immer reicher und die anderen, die Proletarier, immer ärmer werden. In und durch die Organisation dieses Produktionsprozesses, an dessen Ende der ausgebeutete Proletarier und der sich das Produkt aneignende Kapitalist stehen, vollzieht sich für Marx das entscheidende Phänomen der Entfremdung. Die „Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstands, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.” Im Gegensatz dazu war für Hegel jede Vergegenständlichung bereits eine Entfremdung: die Entfremdung des Geistes im Prozess der Arbeit. Für Marx ist die Vergegenständlichung noch nicht per se eine Entfremdung. Da er den Menschen als sinnliches Wesen auffasst, fasst er ihn auch als Naturwesen auf: als ein menschliches Naturwesen, das im Gegensatz zum Tier mit Bewusstsein arbeitet und sich in dieser Arbeit selbst bildet.
| 2.4.3. | Entfremdung |
Die unmenschliche Entfremdung im Kapitalismus liegt nicht in der Vergegenständlichung als solcher, sondern am Kapitalismus als anarchistischer Produktionsweise, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln aufbaut. Die von Marx dabei erarbeitete Entfremdungstheorie hat bis in die Gegenwart hinein verschiedenste Theoretiker zu weiterführenden Arbeiten (z. B. Michel Foucault) angeregt. Marx verbindet in diesem Ansatz den philosophischen Materialismus Feuerbachs mit Hegels Philosophie und dabei vor allem mit Hegels dialektischem Begriff der Arbeit, wie ihn Hegel in seinem berühmten Herr-Knecht-Kapitel in der Phänomenologie des Geistes dargelegt hatte. Damit rückt der tätige Mensch in den Mittelpunkt, der Mensch, der in der Auseinandersetzung mit der Natur seinen zum Überleben notwendigen Stoffwechsel besorgt und sich dabei mittels der gemeinsam und nach menschlichem Maß organisierten Arbeit als Mensch über den eigenen Naturcharakter erhebt: Dies birgt die Potentialität in sich, dass der Mensch zum Menschen als Gattungswesen werden kann.
In der kapitalistischen Realität fand Marx jedoch das schiere Gegenteil vor. Die kapitalistisch organisierte Arbeit führt zur Verelendung, und der ausgebeutete Arbeiter wird bei gleichzeitigem Reichtum der Klasse der Kapitalisten auf die Ebene des Tiers zurückgeworfen. „Eine unmittelbare Konsequenz davon, dass der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebenstätigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen.” Die Lösung des Problems ist eine kommunistische: Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. „Die Aufhebung des Privateigentums ist daher die vollständige Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften; aber sie ist diese Emanzipation gerade dadurch, dass diese Sinne und Eigenschaften menschlich, sowohl subjektiv als objektiv, geworden sind.”
| 2.5. | Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik |
Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, 1845 erschienen, war das erste gemeinsame Werk von Marx und Engels. In dieser Polemik wandten sich die beiden gegen die Junghegelianer Bruno Bauer, Max Stirner und Arnold Ruge und vor allem gegen eine Form der Kritik, die Bauer „kritische oder absolute Kritik” nannte; diese Kritik war dem eigenem Anspruch nach die konsequente Weiterentwicklung der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Da gemäß dieser junghegelianischen Position die Geschichte nur dazu dient, die Wahrheit zum Selbstbewusstsein kommen zu lassen, lehnten es Bauer, Stirner und Ruge auch konsequent ab, die bestehenden geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse praktisch ändern zu wollen. In einer minutiösen Kritik voll beißender Ironie wiesen Marx und Engels nach, dass diese Position zu nichts führt, dass eine Veränderung der Ideen allein die Welt nicht verändern wird. „Ideen können nie über einen Weltzustand, sondern immer nur über die Ideen des alten Weltzustands hinausführen. Ideen können überhaupt nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten.”
| 2.6. | Die deutsche Ideologie |
| 2.6.1. | Die realen Individuen als Voraussetzung |
In ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit, der Deutschen Ideologie, rechneten Marx und Engels endgültig mit ihrem „ehemaligen philosophischen Gewissen” ab, indem sie die komplette nachhegelianische Philosophie und die zeitgenössischen deutschen Sozialisten einer abschließenden Kritik unterzogen. Zu Lebzeiten der beiden fand dieses Buch jedoch keinen Verleger – es erschien erst 1932 vollständig. Marx und Engels überließen das Werk daher ihrerseits der „nagenden Kritik der Mäuse”.
Inhaltlich findet sich in der Deutschen Ideologie eine erste kurze Darstellung des historischen Materialismus. „Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten.” Im Zentrum dieser Voraussetzungen steht daher der Produktionsprozess. „Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, dass sie die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.”
| 2.6.2. | Kapitalismus und Ideologie |
Ideologie, also verkehrtes Bewusstsein, entsteht im Kapitalismus deswegen, weil die oben angeführten Voraussetzungen nicht unmittelbar einsehbar sind und dadurch die Produkte der Arbeit im Kapitalismus ein scheinbar selbständiges Leben führen, um als Dinge (Sachzwänge) über die Menschen zu herrschen. In Wahrheit verbirgt sich aufgrund der kapitalistischen Produktionsweise hinter den „Sachzwängen” jedoch immer die Herrschaft des Menschen über den Menschen, die Herrschaft der einen Klasse, der Kapitalisten, über die andere Klasse, die Proletarier.
| 2.7. | Misère de la Philosophie – Das Elend der Philosophie |
In der 1847 auf französisch erschienen Schrift Misère de la Philosophie distanzierte sich Marx eindeutig von den sozialistischen Vorstellungen Proudhons, die jener in seinem Buch Philosophie des Elends dargelegt hatte. Die Veränderung der Gesellschaft ist bei Marx nun keine moralische Angelegenheit mehr, sondern eine Sache der Entwicklung der Produktionsverhältnisse und somit wissenschaftlich erforschbar. „Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderungen der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.” Dem moralischen Sozialismus Proudhons, dem er einige Jahre vorher selbst noch anhing, setzte Marx jetzt – gestützt auf die Weiterentwicklung der eigenen materialistischen Geschichtsauffassung – die Position des Klassenkampfes entgegen.
| 2.8. | Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie |
| 2.8.1. | Geld und Kapital |
Marx’ Methode in seinem Hauptwerk Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie ist „Kritik durch Darstellung”: Der Kapitalismus wird dargestellt als in letzter Instanz sich selbst zerstörende Produktionsweise. Von der Analyse der einzelnen Ware und dem ihr inhärenten Verhältnis von Tauschwert und Gebrauchswert über das Geld und die Warenzirkulation gelangt Marx zum Begriff des Kapitals. Zum Kapital wird Geld dann, wenn es nicht mehr nur als Zwischenstadium, als allgemeines Tauschmittel zur Erlangung von Waren dient. Die dem Kapitalismus vorhergehenden Produktionsweisen waren durch folgendes Verhältnis von Ware und Geld gekennzeichnet: Waren wurden produziert, um sie gegen das allgemeine Zahlungsmittel Geld einzutauschen, mit dem man sich dann die für das eigene Leben notwendigen Waren kaufen konnte. Im Kapitalismus verändert sich dieses Verhältnis: Man investiert Geld, um durch die Produktion von Waren mehr Geld zu bekommen. Geld wird also eingesetzt, um mehr Geld zu machen. Diese Erscheinungsweise des Geldes nennt Marx Kapital. Warum dieser Prozess überhaupt funktionieren kann, warum die darin verstrickten Individuen, Kapitalisten wie Arbeiter, zunächst einmal ein falsches Bewusstsein über dieses Verhältnis haben, warum sich dieser Prozess gegen den Willen der beteiligten Individuen durchsetzt und warum dieser Prozess zwangsläufig in die Krise und dann an sein Ende gelangt, erklärt Marx in seinem Hauptwerk, dem er Jahre seines Lebens, seine Gesundheit und, nach eigener Aussage, auch das Glück seiner Familie geopfert hat.
| 2.8.2. | Der Mehrwert |
Kernbestandteile seiner Erklärung dafür, warum dieser Prozess überhaupt funktionieren kann, sind Marx’ Arbeitswertlehre und seine Mehrwerttheorie. Zwar gingen auch die klassischen Ökonomen wie Ricardo davon aus, dass sich der Wert der einzelnen Ware in letzter Instanz auf die darin aufgewendete Arbeit zurückführen lässt, aber erst Marx brachte diese Überlegungen in ein systematisches Verhältnis. Der Kapitalist kauft dem Arbeiter nämlich nicht seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft ab: In Form seiner Arbeitskraft wird dadurch der einzelne Arbeiter selbst zur Ware; er ist Träger der Ware Arbeitskraft. Der Lohn, den er für diese Arbeitskraft bekommt, entspricht der Menge an Geld, die der Arbeiter braucht, um sich und seine Familie reproduzieren, also zu ernähren und über die Jahre bringen zu können.
Der Kapitalist kauft also die Ware Arbeitskraft ein und wendet sie im Produktionsprozess an. Mehrwert erzielt er durch folgenden Vorgang: Die pro Tag vom Arbeiter erstellten Produkte/Waren stellen einen bestimmten Wert dar. Dieser Wert berechnet sich nach Marx nach der durchschnittlichen Menge an Arbeitszeit, die zu seiner Produktion notwendig waren. Der Arbeiter überträgt also durch sein gezieltes und organisiertes Arbeiten Wert auf die Waren. Nach Marx verausgabt der Arbeiter seine Arbeitskraft in der Ware und schafft damit einen Wert, einen Tauschwert. Ausgetauscht werden die Waren im Verhältnis der in ihnen geronnen durchschnittlichen menschlichen Arbeitszeit. Damit die Waren jedoch überhaupt ausgetauscht werden können, müssen sie für den, der sie erwirbt einen Gebrauchswert darstellen.
| 2.8.3. | Der Produktionsprozess |
In diesem Austauschprozess der Waren untereinander sieht Marx daher keineswegs die Keimzelle des Kapitalismus. Der Kern des Kapitalismus steckt vielmehr in der Produktion und nicht beim Austausch der Produkte, auf dem Markt. Mehrwert erzielt der Kapitalist nämlich nicht dadurch, dass er die Waren über ihrem Wert verkauft. Er kauft und verkauft die Waren zu ihrem tatsächlichen Wert. Mehrwert erzielt der Kapitalist ausschließlich dadurch, dass er die von ihm zu einem korrekten Preis eingekaufte Ware Arbeitskraft länger Waren herstellen bzw. länger Wert produzieren lässt, als ihn diese Ware selbst gekostet hat. Wenn der Umfang aller Kosten zur Reproduktion des Arbeiters den Wert eines halben Arbeitstages darstellt, wenn der Arbeiter also vier Stunden lang zur eigenen Reproduktion arbeiten müsste, dann nimmt der Kapitalist einen Mehrwert von 100 Prozent ein, wenn er diese Ware Arbeitskraft nicht nur vier, sondern acht Stunden pro Tag arbeiten lässt. Laut Marx teilt sich daher das Kapital auf in zwei Bereiche: Es gibt zum einen das konstante Kapital – das ist der Teil des Kapitals, der von den Produktionsmitteln, also den Rohmaterialien, den Hilfsstoffen, den Gebäudekosten usw. repräsentiert wird; daneben gibt es das variable Kapital – das ist der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals, aus dem alleine und ausschließlich der Mehrwert geschöpft wird.
| 2.8.4. | Die kapitalistische Krise |
Das Verhältnis von konstantem und variablem Kapital und die sich daraus berechnende Profitrate birgt laut Marx den Grund für die immer wieder auftauchenden Krisen des Kapitalismus in sich. Denn jeder Kapitalist trachtet danach, den Mehrwert zu erhöhen, d. h. die Arbeitsproduktivität zu steigern. Dies ist aber nur möglich durch immer neue Investitionen in neue Maschinen etc. Dies bedingt andererseits ein Anwachsen des konstanten Kapitals im Verhältnis zum variablen Kapital. Die Profitrate sinkt also, weil immer mehr Mehrwert erzielt werden soll. Eine andere Form der Krise ist die so genannte Verwertungskrise: Jeder Kapitalist trachtet danach, die eigenen Lohnkosten möglichst gering zu halten. Da dies alle Kapitalisten tun müssen, führt das dazu, dass der Verwertungsprozess des Kapitals in Stocken gerät, weil in der Masse der Bevölkerung niemand mehr das Geld hat, die produzierten Waren auch kaufen zu können.
| 2.8.5. | Kritik des Kapitalismus |
Der aus dem philosophischen Erbe gerettete Humanismus bringt Marx zu folgender Kritik am Kapitalismus: „Im Kapitalismus sind die agierenden Individuen nicht mehr die Subjekte des Prozesses, sondern zu bloßen Objekten degradiert. Im Verwertungsprozess des Kapitals ist es nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden. Statt von ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Tätigkeit verzehrt zu werden, verzehren sie ihn als Ferment ihres eigenen Lebensprozesses, und der Lebensprozess des Kapitals besteht nur in seiner eigenen Bewegung als sich selbst verwertender Wert.” Diese Umdrehung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt gilt jedoch in letzter Instanz sogar für die Kapitalisten: Ihr persönliches Wollen spielt gegenüber den Marktgesetzen keine Rolle. Alle, also Kapitalisten wie Proletarier, müssen sich – bei allerdings durchaus verschiedenen Voraussetzungen – so verhalten, wie es der Kapitalismus als System von ihnen verlangt, ob sie das nun individuell wollen oder nicht. Der Kapitalismus gilt daher Marx als die vollendete Umkehrung menschlicher Geschichte und menschlicher Lebensverhältnisse: Die Menschen werden zu Anhängseln, zu Marionetten der von ihnen selbst geschaffenen Verhältnisse.