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| 3. | Hinduistische Grundbegriffe |
Der Brahmin oder Brahmana (der Brahmane) ist ein Mitglied der priesterlichen Kaste; er allein ist bevollmächtigt, bei den Opfern die vedischen Mantras zu rezitieren. Das Neutrum Brahman bezeichnete ursprünglich den heiligen Spruch oder das Gebet, gewann aber dann die Bedeutung von Wirksamkeit des Gebets und wird in den Upanishaden zum Ausdruck für das höchste oder das absolute Wesen.
Atman meint im Hinduismus das Leben, die Seele und den Geist. In den Upanishaden gilt Atman als Urgrund der individuellen Seele. Wenn Atman sich seiner selbst bewusst geworden ist, erkennt er seine Wesenseinheit mit dem Brahman. Durch die täuschende Kraft der Maya wird die Erkenntnis des Einen in diesem Leben jedoch verschleiert und für Vielheit gehalten.
Die Lehre von Samsara ist die zentrale Lehre nicht nur aller hinduistischen Gruppierungen, sondern aller indischen Religionen. Sie meint jenen kosmischen Prozess, in dem Leben geboren und wiedergeboren wird. Das Individuum ist als Welle im Meer des Samsara gedacht. Die menschliche Seele (Atman) kehrt so lange in die Welt zurück, bis sie ihre Einheit mit dem Brahman erkannt hat. In welcher Form die neuerliche Verkörperung erfolgt, ist abhängig vom Karma, das jede Handlung nach sich zieht. Es wirkt nach eigenen Gesetzen: Selbst die Götter unterliegen seiner zwingenden Kraft. Die Welt, die aus einem göttlichen Urgrund hervorgegangen ist und nach dem Ablauf eines Weltenzyklus wieder in ihm aufgeht, ist nur die Bühne für die endlose Kette der Wiederverkörperungen. Ursache des Übels und allen Leides ist das Ausgeliefertsein an das Karma. Die Unerbittlichkeit dieses Vergeltungsmechanismus wurde allerdings im Lauf der religionsgeschichtlichen Entwicklung abgemildert. Inzwischen kennt der Hinduismus Wege, dem Samsara zu entrinnen und Moksha bzw. Mukti (Befreiung und Erlösung von allen Missständen und Leiden) zu erlangen: Wird Moksha schon zu Lebzeiten erreicht, dann läuft ab diesem Zeitpunkt nur noch der letzte Rest von Karma-Impulsen aus; Bild hierfür ist das Töpferrad, das nicht mehr angestoßen wird.
Als Oberbegriff für den Weg des Zurücklassens der weltlichen Vielfalt mit dem Ziel der „Einswerdung” wird oft der Begriff Yoga verwendet; die jeweilige Methode oder das eingesetzte Mittel wird dabei dem Ausdruck Yoga vorangestellt: Hatha-Yoga, Lala-Yoga, Raja-Yoga, Kundalini-Yoga usw. Es gibt zahlreiche Schemata, die die unterschiedlichen Yogas in ein System einbinden. Bei der Leitermethode werden die Yogas in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, wobei einer zum anderen führt und der jeweils bevorzugte Yoga an der obersten Stelle steht, während die Radmethode die verschiedenen Formen als gleichwertig beurteilt und wie die Speichen eines Rades sieht. Die verschiedenen Yogas werden auch Marga (Weg) genannt. Der im Westen am weitesten verbreitete Yoga ist der Hatha-Yoga, der die Übungen des Körpers in den Vordergrund stellt. Ein mögliches Schema ist die Zuordnung zu den Dimensionen der menschlichen Person: Körper – Hatha-Yoga; Geist – Raja-Yoga; Wissen – Jnana-Yoga; Fühlen – Bhakti-Yoga; Wollen – Karma-Yoga. Eine oft angewandte und für das Verstehen der hinduistischen Religiosität insgesamt fruchtbare Einteilung ist die Aufgliederung in Karma-, Bhakti- und Jnana-Yoga, insofern jeder dieser Begriffe eine charakteristische Form des Hinduismus benennt. Karma-Yoga ist der Weg des Handelns; ursprünglich war damit das Opfer gemeint, dann die Pflichterfüllung; im Neohinduismus umfasst dieser Weg den ganzen Bereich der Sozialethik und auch des verantwortungsvollen politischen Handelns. Bhakti ist die liebevolle Hingabe, die Gottesliebe; die Tradition unterscheidet zwei Schulen, den Katzen- und den Affenweg, je nachdem, ob die Erlösung ausschließlich durch Gottes Gnade erfolgt (das Katzenjunge wird von der Mutter ohne eigenes Zutun getragen) oder ob der Mensch etwas beitragen muss (das Affenjunge klammert sich mit eigener Kraft an der Mutter fest). Jnana-Yoga ist der Weg der Erkenntnis, der Weisheit; es geht um die Erkenntnis der letzten Wirklichkeit, dass Atman und Brahman eins sind. Es ist der Weg des Studiums der heiligen Texte, der Philosophie, der philosophischen Systeme, aber auch der strengen Entsagungspraktiken.
Dharma ist ein zentraler Begriff des Hinduismus, der sich selbst als Sanatana Dharma, als ewige Religion oder Ordnung, versteht; Varnashrama-Dharma meint den Dharma der Stände und Lebensstadien, der Kasten. Ursprünglich bedeutete Varna Farbe und verweist damit auf die ethnographische Komponente des Kastenwesens: Die nach Indien eindringenden Arier hoben sich aufgrund ihrer helleren Hautfarbe von den dunkleren Einheimischen ab. Zunächst wurden wohl nur die Brahmanen (Priester), Kshatriyas (Könige und Krieger) und Vaishyas (Händler und Bauern) als Kasten bezeichnet. Dazu kamen dann später Shudras (Arbeiter und Sklaven) und schließlich die Chandalas (Unberührbare), die in gewissem Sinn außerhalb des Systems stehen und dennoch für dessen innere Logik unersetzlich sind. Während dieses Schema jedoch eher ein theoretisches Konstrukt darstellt, wird die gesellschaftliche Wirklichkeit von den Jatis (Jati: Geburt) bestimmt, Gruppen, die sich durch Beruf, Herkunft, Speisevorschriften (Kommensalität), Endogamie usw. voneinander unterscheiden. Es wird geschätzt, dass es im heutigen Indien 3 000 bis 4 000 Kasten im Sinn von Jatis gibt. Es hat immer schon Bestrebungen gegeben, das Kastensystem zu überwinden, so lebten Einsiedler und Asketen außerhalb der Kasten, Jainisten und Buddhisten lehnten das System ab, und auch die Bhakti- und Tantra-Religionen standen allen Menschen offen. Dass Mohandas Karamchand Gandhi die Unberührbaren Harijans (Kinder Gottes) nannte, war Bestätigung der Kastenordnung und Kritik an ihr in einem.
Der in Varnashrama enthaltene zweite Begriff Ashrama meint in diesem Zusammenhang Lebensstadium im Sinn einer Einteilung des Lebens in vier Perioden. Das erste Stadium ist Brahmacharya (Brahmanwandel), eine Zeit der Unterweisung, die durch das Studium der heiligen Texte sowie durch Enthaltsamkeit gekennzeichnet ist. Es folgt das Stadium des Hausvaters, der für seine Familie sorgt, anschließend (nach Geburt des ersten Enkelsohns) das Stadium des Waldeinsiedlers. Das vierte Stadium ist die Lebenstufe des Sannyasa, des Entsagers.
Für das rechte Handeln, das im hinduistischen Dharma eine zentrale Stelle einnimmt, gibt es vier Ziele: Kama (Lust), Artha (Wohlstand), Dharma (Rechtschaffenheit) und Moksha (Befreiung).
Neben dem Kastensystem gelten im Westen die heiligen Kühe als Charakteristikum des Hinduismus, was häufig als religiös oder (mehr noch) ideologisch begründeter, entwicklungshemmender Anachronismus gilt. In der Mythologie Indiens verkörpert die Kuh die mütterlich nährenden Kräfte der Erde; Stier oder Bulle wurden als Sinnbild der männlichen Zeugungskraft verehrt. Rinder waren traditionelle Arbeitstiere; darüber hinaus dienten sie als Nahrungslieferanten und Opfergabe. Ihre Produkte (Milch und Butter, aber auch Dung und Urin) sind noch im heutigen Indien von lebenswichtiger ökonomischer sowie von ritueller Bedeutung. Die Wertschätzung, die der Hinduismus der Kuh entgegenbringt, findet hierin seine Begründung.