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| 5. | Religionsgeschichte des Hinduismus |
Während der Hinduismus sich selbst als eine Religion ohne Anfang und ohne Ende (als ewige Religion und Ordnung) versteht, werden in der Religionswissenschaft drei unterschiedliche Anfänge benannt. Versteht man unter Hinduismus die Vorstellungen und Praktiken all jener Menschen, die sich Hindus nennen, dann sind jedenfalls auch die so genannten archaischen Religionen, d. h. die Religionen aus der Zeit vor der Einwanderung der Arier, in die hinduistische Religionsgeschichte einzubeziehen. Identifiziert man den Hinduismus mit den Veden, kann man seinen Anfang auf etwa 1500 v. Chr. datieren. Verbreitet ist aber auch der Ansatz, als Hinduismus erst die Religion zu bezeichnen, die auf die Herausforderung des Vedismus durch den Buddhismus und Jainismus entstand; der Hinduismus wäre dann zwischen dem 6. und 4. vorchristlichen Jahrhundert entstanden.
Heute wird zwischen der „großen” (brahmanischen, schriftlichen und gelehrten) und der „kleinen” (lokalen und folkloristischen) Tradition der Stammesgesellschaften unterschieden. Beide bestanden nebeneinander und beeinflussten sich über die Jahrhunderte hinweg wechselseitig. Die Religiösität der „kleinen” Traditionen trägt stark pantheistische Züge und erkennt überall in Natur und Kosmos Zeichen der Transzendenz. Auch hat sie ein starkes Empfinden für heilige Zeiten und Orte: Der Mensch ist umgeben von einem Bedeutungskosmos, in dem grundsätzlich jeder Gegenstand zum Träger spiritueller Kraft werden kann.
Die Industal-Kultur (siehe Indus- oder Harappakultur) als die erste Epoche des Hinduismus anzusetzen hat darin einen guten Grund, dass zahlreiche Elemente des Hinduismus, die im Vedismus fehlen, allem Anschein nach auf diese Epoche zurückgeführt werden können, darunter das volkstümliche Ritual der Puja und die Verehrung von Götterdarstellungen, der Muttergöttin sowie von Göttern in Tiergestalt. Zwar lässt sich die Religion dieser Epoche nur bruchstückhaft aus archäologischen Funden erschließen, ihr Einfluss auf die späteren Religionen der schriftlichen Tradition ist aber unbestritten.
| 1. | Die vedische Religion (ca. 1500 bis 500 v. Chr.) |
Die vedische Religion (Vedismus) kann als die älteste der literarisch belegten Religionen Indiens gelten. Träger waren halbnomadische Völkerschaften, die zwischen 1700 und 1200 v. Chr. wahrscheinlich in mehreren Wellen aus dem Westen und Nordwesten nach Indien einwanderten und sich selbst als Arya (Arier, die Edlen) bezeichneten. Der Vedismus war eine polytheistische Religion; im Zentrum des Kultes stand das Opfer an die Götter. Die Spätphase der vedischen Religion wird auch als Brahmanismus bezeichnet. In dieser Phase wurde die Lehre von Samsara, Karma und Wiedergeburt und von Atman und Brahman entfaltet – Konzepte, die über den Vedismus hinausführen. Nach der Entdeckung der Veden durch europäische Forscher kam es auch in Indien zu einer Rückbesinnung; vor allem in den neohinduistischen Reformbewegungen spielte die Berufung auf die Veden eine große Rolle.
| 2. | Der klassische Hinduismus (ca. 500 v. Chr. bis 1000 n. Chr.) |
Im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. setzten sich Jainismus und Buddhismus vom Vedismus bzw. Brahmanismus ab. Wie auch der Sikhismus, so werden sie von der heutigen indischen Rechtsprechung als Hindureligionen eingestuft, von der westlichen Religionswissenschaft jedoch als selbständige Religionen behandelt. Aber auch Vedismus und Brahmanismus traten in eine neue Phase ein – in gewisser Weise bildete sich der „eigentliche” Hinduismus aus, so dass diese Epoche auch als die Zeit des „klassischen” Hinduismus oder als goldenes Zeitalter bezeichnet wird. Es ist die Zeit der schöpferischen Phase des philosophischen Denkens und der Systembildungen, der Blüte der Sanskrit-Literatur und der höfischen Kultur. Theologie, Philosophie und Literatur bildeten noch eine Einheit und widmeten sich der Kommentierung, Erklärung und Anwendung der kanonischen heiligen Schriften. Die sechs Darshanas und die sechs Schulen der hinduistischen Philosophie (Samkhya, Yoga, Vedanta, Nyaya, Vaisheshika und Mimansa) sollten die Seele von der Wiedergeburt befreien und den Menschen mit Gott oder dem Absoluten vereinen helfen.
Der Vishnuismus bzw. Vaishnavismus mit seinen Anhängern, den Vishnuiten oder Vaishnavas, ist eine praktisch monotheistische Religion, die durch die Integration mehrerer Volkskulte, insbesondere der Krishna-Verehrung, in den Vishnu-Kult zwischen dem 6. und 2. Jahrhundert v. Chr. in Nordindien Bedeutung erlangte. Mit der Gestalt des Krishna verbanden sich mehrere Kulte, die erst allmählich zu einer größeren Einheit verschmolzen. Im Lauf der Zeit konnte der Vishnuismus ferner große Teile des indischen Sonnenkultes absorbieren. Die Vishnuiten sehen in Vishnu das höchste Wesen und verehren ihn in seinen verschiedenen Avataras, vor allem als Rama und Krishna. Die beiden großen indischen Nationalepen Ramayana und Mahabharata sowie die Bhakti-Bewegung trugen zu seiner Verbreitung weit über die Grenzen Indiens hinaus bei. Bildliche Darstellungen zeigen den Gott im Tiefschlaf auf der Schlange Endlos ruhend, die den Ur-Ozean darstellt und mit fünf, sieben oder elf Köpfen und der gespreizten Kobra-Halshaut den schlafenden Gott überwölbt. Vishnu wird außerdem als strahlender jugendlicher Gott mit vier Armen dargestellt. Der Diskus, die Muschel bzw. das Muschelhorn, der Lotos und die Keule in seinen Händen sind zugleich seine markantesten Erkennungszeichen. Vishnus Begleiter und Träger ist der Adlermensch Garuda. Seine Gemahlin ist die gütig lächelnde Lakshmi oder Shri.
Der Shivaismus bzw. Shaivismus mit seinen Anhängern, den Shivaiten oder Shaivas, ist eine Religion mit vorherrschend monotheistischer Theologie, allerdings mit Tendenzen zum Dualismus, die aus der Verbindung des Rudra-Shiva-Kultes mit vorarischen Volkskulten hervorgegangen ist. Shiva ist erdgebunden; sein Begleiter und Reittier ist der Stier Nandi, seine Gemahlin ist Parvati, die „Tochter der Berge”. Shiva ist der Gott der Gegensätze: Er ist schrecklich, aber auch mild und freundlich, er ist der Zerstörer, zugleich aber auch Erneuerer und Schöpfer der Welt. Wichtigstes Kultbild der Shivaiten ist das Lingam, ein phallisches Symbol, das seine Schöpferkraft versinnbildlicht. Ein Lingam bildet das Allerheiligste eines jeden Shiva-Tempels. Meist handelt es sich um eine glatte Steinsäule auf einem Stufensockel, der zu einem weiblichen Genitale (Yoni) ausgeformt sein kann. Verbreitet ist auch die Darstellung Shivas als Nataraja, König des Tanzes. Der Shivaismus absorbierte im Lauf der Zeit eine Reihe früher selbständiger Kulte, darunter diejenigen des Kriegsgottes Kanda und des elefantenköpfigen Gottes Ganesha. Die Bhakti-Bewegung führte auch zu einer Blüte des Shivaismus, der nach dem Vishnuismus die bedeutendste Hindureligion ist.
Im Zentrum des Shaktismus steht Shakti, die weibliche Gottheit oder das weibliche Prinzip des Göttlichen, die Große Mutter, die höchste Kraft des Alls. Shakti ist die Summe und Präsenz der Kräfte aller Götter, vornehmlich Shivas und Vishnus. Der Shaktismus integrierte zahlreiche regionale Kulte von weiblichen Gottheiten und trug dabei wesentlich zur Hinduisierung von Stammesreligionen bei. Shakti ist daher unter vielen Namen bekannt und tritt unter vielen Namen auf. In Bengalen heißt sie Durga oder Kali, deren Kult eine Mischung von tiefer Hingabe, Frömmigkeit und Ehrfurcht und grausamen blutigen Riten ist. Ihr Kult schließt Tieropfer und bis in die Zeit der kolonialen Herrschaft auch Menschenopfer ein und bevorzugt tantrisches Ritual, das durch Wortmagie und esoterische Symbolik, manchmal in Verbindung mit ritueller Paarung, gekennzeichnet ist.
Der Tantrismus ist keine eigenständige Religion, sondern eine Komponente der genannten Religionen. Er kann als sakramentaler Ritualismus bezeichnet werden, mit esoterischen und magischen Elementen, der alle indischen philosophischen Systeme und religiösen Kulte mitgeprägt hat. Der Tantrismus vertritt eine sakramentale Sicht der Welt, wonach jede materielle, psychische und geistige Erscheinung zum Symbol für die göttliche Wirklichkeit und zum Heilsmittel werden kann. Kein Aspekt der Wirklichkeit ist minderwertig – darum gilt: „Vollkommenheit wird erlangt auch durch das, was sonst zur Verderbnis führt”, und zwar durch Transformation vermittels geistiger Sublimation. Die schriftlichen Quellen des Tantrismus, die Tantras, die ab etwa 500 n. Chr. greifbar werden, sind gewöhnlich anonym verfasst. Formal geben sie sich als Lehrreden des Gottes Shiva an seine Gemahlin Devi oder als Dialoge, in denen auch die Göttin den Gott belehrt. Untergliederungen des Tantrismus ergeben sich aus der Zugehörigkeit zu den verschiedenen religiösen Richtungen. Auch im Buddhismus gibt es eine tantrische Richtung. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Vamachara (Weg der linken Hand; zu Vama: links, verkehrt, widrig, schlecht, widerwärtig, aber auch schön, gefällig, und Chara: Weg, Gang) und dem Dakshinachara (Weg der rechten Hand); während im linkshändigen Weg die fünf Makaras (Alkohol, Fleisch, Fisch, Frau, Geschlechtsverkehr) praktisch verwendet und vollzogen werden, werden im rechtshändigen Weg Ersatzstoffe oder symbolische Handlungen eingesetzt.
Der Advaita-Vedanta war ursprünglich ein Darshana, eines der philosophischen Systeme, das sich zu einer Religion entwickelt hat. Sein Hauptvertreter ist Shankara, der auf der Grundlage der Upanishaden, der Bhagavadgita und der Brahmasutras eine Erlösungslehre entwickelte, die nachhaltigen Einfluss auf den Neohinduismus ausübte.
| 3. | Die Zeit der Fremdherrschaft (ca. 1000 n. Chr. bis 1850) |
Seit dem 8. Jahrhundert drangen immer wieder muslimische Eroberer nach Indien vor, vom 13. bis zum 18. Jahrhundert regierten in Indien muslimische Herrscher. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm der Einfluss der Briten immer mehr zu: 1857 wurde Indien britische Kronkolonie. Im neohinduistischen Rückblick erschienen die Jahrhunderte der muslimischen Fremdherrschaft als Epoche der Dekadenz oder Stagnation. Zwar war es gelungen, vom 9. bis zum 13. Jahrhundert den Buddhismus zurückzudrängen – schon im 10. Jahrhundert war der Hinduismus wieder zur vorherrschenden Religion des gesamten Subkontinents geworden. Unter muslimischer Herrschaft begann er jedoch, sich politisch zurückzuziehen. Als Ausdruck dieser säkularen Ohnmacht kann gelten, dass die Zahl der Sannyasin, der Weltentsager, immer größer wurde.
Dennoch brachte die Zeit auch Neuerungen. Die Verbreitung des Islam etwa führte dazu, dass der Hinduismus Schriftreligion wurde. Zwar blieb das Sanskrit als die „Sprache der Götter” die Domäne der Brahmanen, aber ab dem 11. Jahrhundert beginnt mit der Übersetzung und den Adaptionen der traditionellen Texte in so genannte Volkssprachen eine neue Epoche. Die Bhakti-Bewegung wurde zum 10. Jahrhundert hin eine mächtige Strömung, die eine große Zahl von Dichtern, Gründergestalten und Führerpersönlichkeiten sowie die Blütezeit der Bhakti-Kulte (13.-18. Jahrhundert) hervorbrachte. Ein wichtiges Merkmal der Bhakti-Bewegung ist die Betonung der Kraft, die der Name Gottes besitzt, den Menschen zu erlösen. Japa, das Wiederholen dieses Namens (vor allem von Krishnas, aber auch von Rama), wurde dadurch zu einer allgegenwärtigen religiösen Übung. Auf der Grundlage der Bhakti-Bewegung entstand auch eine neue Religion, so der von Guru Nanak begründete Sikhismus.
| 4. | Der Neohinduismus |
Durch den Kontakt mit der westlichen Welt – vor allem durch die britische Kolonisation ab der Mitte des 18. Jahrhunderts und in der Auseinandersetzung mit dem westlichen Denken – entstanden ab 1800 mehrere Reformbewegungen, die unter der Bezeichnung Neohinduismus zusammengefasst werden. Dieser interpretierte den Hinduismus im Licht der Ideen der europäischen Aufklärung, in der Begegnung mit dem Christentum und den modernen Wissenschaften, und er stellte die „große” brahmanische, schriftliche und gelehrte Tradition in den Vordergrund. Damit vermittelte er dem Westen ein recht einseitiges Bild Indiens, das auch von vielen Indern als ihr Selbstbild angenommen wurde. Wichtige Persönlichkeiten waren Ram Mohan Roy (1772-1833), der Gründer des Brahma-Samaj, Dayananda Sarasvati, Gründer des Arya-Samaj, Swami Vivekananda, Sri Aurobindo, Rabindranath Tagore, Mahatma Gandhi und Sarvepalli Radhakrishnan. Als Symbol für das religiöse Selbstverständnis des Neohinduismus und für die Faszination, die er auf den Westen ausübte, kann der Auftritt von Swami Vivekananda auf dem Weltkongress der Religionen in Chicago 1893 stehen. Die Rezeption dieser Sichtweise macht auch verständlich, dass die Mission und Verbreitung hinduistischer Gruppen, die zu den neuen Religionen gezählt werden, im Westen oft nicht richtig verstanden wird und Irritationen auslöst.