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| 2. | Heilige Schriften |
Die Heiligen Schriften des Hinduismus werden in die zwei großen Gruppen Shruti (Sanskrit: das Hören, das Gehörte) und Smriti (Sanskrit: Erinnerung), unterteilt. Erstere bezeichnet das Gehörte und Erschaute der Weisen der Vorzeit in der Versenkung, und somit das ewige, unwandelbare Wissen, die göttliche Offenbarung. Smriti bezeichnet die alte, heilige Überlieferung, die auf inspirierte Heilige und Dichter zurückgeführt wird.
| 1. | Shruti |
Zur Shruti zählt der Veda. Er besteht aus vier Sammlungen (Samhitas) von Hymnen, Sprüchen, Gebeten und Zauberformeln. Die einzelnen Verse heißen Mantra, ein Name, der später allgemein für heilige Silben und symbolträchtige Lautfolgen Verwendung fand. Die älteste Sammlung ist der Rig-Veda, die Sammlung der Götterhymnen. Unterteilt in zehn Liederkreise, die als Bücher bezeichnet werden, enthält er 1 028 Preislieder an die Götter und Rätsellieder. Er stellt das hervorragendste frühe dichterische Werk aus der indo-europäischen Sprachfamilie dar. Der Sama-Veda versammelt Opfergesänge, der Ayurveda Opfersprüche und der Atharva-Veda Zaubersprüche; Letzterer enthält aber auch Texte kosmogonischen und philosophischen Inhalts. In einem weiteren Sinn wird auch die sich an die Veden anschließende Literatur Veda genannt. Dazu gehören die Brahmanas (Texte der Priester, ab ca. 1000 v. Chr.), die Aranyakas (Waldbücher oder Bücher der Wildnis im Sinn von Geheimlehren) und die Upanishaden – philosophische Texte, auf die die indische Philosophie immer wieder zurückgreift. Die Upanishaden werden auch Vedanta (also Ende des Veda) genannt.
Die Veden spielen im Denken des Hinduismus eher in formaler Hinsicht eine zentrale Rolle: Sie sind jene Instanz, auf die sich der Gläubige beruft, wobei meist die formelle Anerkennung genügt. Inhaltlich sind die Upanishaden die wichtigsten der frühen Texte. Die autoritative und appellative Funktion des Veda mit seinen vier Sammlungen zeigt sich auch darin, dass im Lauf der Geschichte immer wieder Schriften, deren besondere Bedeutung hervorgehoben werden soll, als fünfter Veda bezeichnet werden.
| 2. | Smriti |
Smitri sind alle Schriften, die nach den Upanishaden als heilige Texte überliefert sind; hierzu gehören u. a. Rechtstexte, Epen, Puranas und Tantras. Die wichtigsten Textgattungen heißen Sutra, Shastra (Lehrtext) und Bashya (Kommentar).
Der wichtigste und einflussreichste Rechtstext des Hinduisums ist das Manu-Smriti, das Gesetzbuch des Manu, das so heißt, weil es die Offenbarung des Schöpfergottes Brahma an Manu, den Urvater des Menschengeschlechts, enthält. Dieses zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. entstandene Werk stellt mit seinen Rechtssatzungen zu Religion und Sitte ein Kompendium des Hinduismus dar.
Das Ramayana und das Mahabharata sind die beiden großen Nationalepen Indiens. Sie wurden über die Jahrhunderte mündlich vorgetragen; heute bilden ihre Stoffe nicht zuletzt die Vorlagen für Filme, Fernsehserien und Comics. Sie enthalten aber nicht nur fesselnde Geschichten, sondern stellen zugleich eine Art narrativer Theologie und Ethik dar. Das Ramayana erzählt die Abenteuer Ramas, einer Inkarnation Vishnus, von seiner Geburt und Kindheit, von seiner Frau Sita und deren Entführung durch einen Dämon, von ihrer Wiedergewinnung und vom goldenen Zeitalter unter seiner Regierung. In Indien gilt Rama heute noch als Inbegriff perfekter Männlichkeit. Das Mahabharata beschreibt den Bruderkrieg um den Thron in der Königsfamilie der Bharatas zwischen den Kauravas und ihren Vettern, den Pandavas, die dank der Hilfe Krishnas als Sieger hervorgehen. Wie Rama, so ist auch Krishna eine Inkarnation des Gottes Vishnu. Das Epos, das von Peter Brook als Menschheitsepos dramatisiert wurde, ist eine geradezu unerschöpfliche Informationsquelle über die Welt des Hinduismus. Als sechstes Buch ist mit der Bhagavadgita einer der bedeutendsten und bekanntesten Texte des Hinduismus überhaupt eingebettet: Ein religiös-philosophisches Lehrgedicht und zugleich das heiligste Erbauungsbuch der Hindus, das sich seit seinem Bekanntwerden im Westen (1785) auch dort größter Wertschätzung erfreut.
Die Puranas (alte Erzählungen) präsentieren die Volksreligion. Sie handeln von Göttern bzw. Göttinnen sowie ihren Beziehungen zueinander und bilden als eine Art Enzyklopädie der hinduistischen Religionsformen mit ihren zahlreichen Traditionen die wichtigste Quelle für indische Mythologie und Ikonographie. Zu den bekanntesten Puranas gehören das Vishnu-Purana und das berühmteste und beliebteste Purana überhaupt, das Bhagavata-Purana oder Bhagavatam. Dessen zehntes Buch Sundar Khand (Schöner Teil) handelt vom Leben Krishnas, von seinen Tänzen und Liebesspielen mit Radha und den Gopis (Kuhhirtinnen).
Die Tantras bzw. Agamas oder Samhitas nehmen ab 500 n. Chr. die Gedanken der Puranas auf und führen sie weiter. Sie handeln vor allem von den kultischen Aspekten des Hinduismus. Die Agama-Literatur etwa enthält die Regeln, nach denen Tempel gebaut sowie Götterbilder aufgestellt und verehrt werden. In den Tantras werden Mantras und Yantras (mystische Diagramme) eingesetzt. Die Tantras haben oft esoterischen Charakter, sie enthalten geheimnisvolle Anweisungen zur Erlangung übernatürlicher Fähigkeiten. Die Praktiken, mit denen Mikrokosmos und Makrokosmos in Einklang gebracht werden sollen, erinnern an Magie – besonders Übungen, die zur Vereinigung der Energien des Männlichen und Weiblichen durchgeführt werden, wurden oft als Sexualmagie interpretiert und abgelehnt.