Hinduismus
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Hinduismus
6. Religiöses Leben

In Indien ist die Religion oftmals die das Leben, die sozialen Bezüge und den Alltag bestimmende Macht. Ausdruck findet die Religiosität in den Riten der Pujas (Verehrung, Zeremonie, Gottesdienst), wobei der Großteil der Bevölkerung in den „kleinen” Traditionen lebt und sich ihnen verpflichtet fühlt. Ein typisches Element dieser kleinen Traditionen besteht in einer gewissen Kosmosfrömmigkeit: Die Gegebenheiten und die Natur werden in das religiöse Leben einbezogen, Menschliches und Göttliches sind miteinander vermischt. In allen und in allem sprüht ein göttlicher Funken: Berge, Flüsse, das Meer, Bäume, Blumen können zu symbolträchtigen Kraftträgern und zu religiösen Symbolen werden. Der Ganges ist zugleich die Göttin Ganga, Berge sind Sitz von Göttern und Göttinnen. Der Tempel wird zum Symbol für den ganzen Kosmos, die Gottesstatue im Innern des Tempels ist für die Zeit des Gottesdienstes leibhaftig Gott, den der Priester als göttlichen Gast behandelt und am Ende des Gottesdienstes wieder in die Transzendenz entlässt. Die Kosmosfrömmigkeit folgt einer spirituellen Logik, wonach ein Austausch spiritueller Kraft möglich ist von einem höheren, spirituell potenteren Wesen oder Gegenstand auf ein niedrigeres Wesen, einen geringerwertigen Gegenstand. Und dieser Austausch kann durch einfache Präsenz, durch Blickkontakt, am wirkungsvollsten aber durch Berührung erfolgen.

Religiöse Handlungen bieten auch eine Möglichkeit, Punya – religiöses Verdienst – zu erwerben. Eine der wichtigsten Möglichkeiten dazu ist Yatra, die Pilgerfahrt. Der Pilgerort heißt Thirta (ursprünglich: Furt, der Ort, an dem man über einen Fluss übersetzte). Es gibt Pilgerrouten, die die heiligen Stätten der jeweiligen Kulte miteinander verbinden und sich über den ganzen Subkontinent ziehen. Viele Hindus unternehmen eine Pilgerfahrt durch ganz Indien mit dem Zug, die je nach Aufenthaltsdauer an den einzelnen Orten bis zu zehn Wochen dauern kann. In der Smriti-Literatur sind 16 Samskaras (Sakramente) für die Berechtigten vorgeschrieben, von denen heute die Hochzeits- und Trauerfeierlichkeiten noch allgemein befolgt werden. Ein Initiationssakrament war die so genannte Schnurzeremonie, bei der ein Junge der drei höheren Varnas durch den Empfang einer heiligen Schnur zu einem Djiva, einem „Erneut-Geborenen” wurde und in das Lebensstadium des Brahmacharya eintrat.

Die „Heiligen” können als die schöpferischen Mittelpunkte des Hinduismus gelten. Sie sind jene Gestalten, die für ihre Zeit am meisten relevant sind, und sie verkörpern und schaffen zugleich die relevante Form und Gestalt des Hinduismus. Selbst die philosophischen Systeme werden auf die Erfahrungen eines oder mehrerer Heiliger und heiliger Seher zurückgeführt. Die Religionsgeschichte des Hinduismus ließe sich statt nach Göttern und Kulten gegliedert auch anhand seiner Heiligen darstellen. So könnte am Beispiel Ramakrishnas der theistische Hinduismus, am Beispiel Gandhis der aktivistische Hinduismus, am Beispiel Ramana Maharshis (1897-1950) der Jnana-Yoga und am Beispiel Sri Aurobindos die Dialektik von Vergewisserung, Aktivismus und Kontemplation dargestellt werden. Wenn ein Heiliger zurück- und ein anderer in den Vordergrund rückt oder ein neuer Heiliger auftritt, lassen sich daraus Rückschlüsse ziehen, welche Tendenzen im religiösen und mentalen Bereich wirkmächtig sind oder sich verstärken werden.