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| 2. | Die neuplatonische Lehre |
Der Neuplatonismus ist eine Form des idealistischen Monismus, deren letzte Wirklichkeit ein unendliches, unerkennbares, vollkommenes Ur-Eines ist. Dieses Ur-Eine ergießt sich in verschiedenen Stufen der Realität (Emanation), deren höchste der Geist (Nous) ist. Auf diesen Nous ist die Weltseele zurückzuführen, das schöpferische Handeln, aus dem die niedrigeren Seelen der Menschen entstehen. Die Weltseele wird als ein Abbild des Nous angesehen, genau wie der Nous als Abbild des Ur-Einen betrachtet wird. Sowohl der Nous als auch die Weltseele bestehen also trotz ihrer Unterscheidung aus derselben Substanz, sind also wesensgleich mit dem Ur-Einen.
Die Weltseele hat jedoch, da sie die Verbindung zwischen dem Nous und der materiellen Welt darstellt, die Wahl, ob sie ihre Einheit und scheinbare Vollkommenheit erhalten will oder ob sie völlig sinnlich und verderbt werden soll. Die niedrigeren Seelen haben die gleiche Wahl. Wenn die menschliche Seele aufgrund von Unkenntnis ihrer wahren Natur und ihres wahren Wesens ein falsches Gefühl des Abgetrenntseins und der Unabhängigkeit erfährt, wird sie überheblich und verfällt sinnlichen und schlechten Angewohnheiten. Eine solche Seele kann nach neuplatonischer Auffassung noch immer gerettet werden, und zwar aufgrund genau der Willensfreiheit, durch die ihr die Wahl des sündigen Weges möglich war. Die Seele muss diesen Weg umkehren und in entgegengesetzter Richtung nach und nach die Schritte ihrer Entartung nachvollziehen, bis sie wieder im Ursprung ihres Seins ruht. Dieses Einswerden mit dem Ursprung des eigenen Seins vollzieht sich durch eine mystische Erfahrung, in der die Seele eine alles durchdringende Ekstase erlebt.
Die Lehren des Neuplatonismus sind durch folgende Elemente gekennzeichnet: durch einen kategorischen Gegensatz zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen, der sich aus Platons Dualismus der Idee und der Materie ableitet; durch die metaphysische Annahme von Mittelkräften, dem Nous und der Weltseele, die die göttliche Macht vom Ur-Einen auf die Vielen übertragen; durch eine Ablehnung der Welt der Sinne und durch die Notwendigkeit der Befreiung vom Sinnesleben durch strenge asketische Übungen.